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Gnade Gott. Oder: Die letzten Worte des Doktor Martin Luther: Zweite Geschichte von Paul und Leonhard

Gnade Gott. Oder: Die letzten Worte des Doktor Martin Luther: Zweite Geschichte von Paul und Leonhard

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Gnade Gott. Oder: Die letzten Worte des Doktor Martin Luther: Zweite Geschichte von Paul und Leonhard

Länge:
228 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Jan. 2017
ISBN:
9783738099690
Format:
Buch

Beschreibung

Ist die berühmte Luther-Bibel ein Plagiat? Hat der Reformator nicht selbst übersetzt, sondern abgeschrieben von einem Freund, ihn gar ermordet? Und was hat das mit dem Verschwinden eines angehenden Jesuiten zu tun, der im Geheimarchiv des Vatikans nach Dokumenten für das Luther-Jubiläum 2017 suchen soll? Sitzt womöglich ein neuer Luther auf dem Heiligen Stuhl? Als die Journalisten-Freunde Paul und Leonhard ein unbekanntes Manuskript entdecken, geraten sie erneut in einen Sog verwirrender Machenschaften ...

Man kann diesen Roman lesen wie einen Krimi. Oder wie eine Zeitreise in die Luther-Welt. Und in ein Europa, das aus seinen Katastrophen lernen könnte.
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Jan. 2017
ISBN:
9783738099690
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Gnade Gott. Oder - Ulrich Hutten

1 Letzte Stunden

Vieles stimmt in dieser Geschichte, manches ganz bestimmt. Das meiste ist natürlich erfunden. Aber alles ist wahr. Dass jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen purer Zufall sein muss, versteht sich von selbst. Von mancher historischen Gegebenheit, nicht nur Martin Luther betreffend, sind wir in dichterischer Freiheit abgewichen, von mancher nicht. Erneut haben wir uns daran erfreut, Phantasie und Realität, Fakten und Fiktion ineinander zu verweben. Das würden Journalisten wie Leonhard Ross und Paul Wiesensee nie tun.

„Die Wahrheit über unser Dasein ist immer provisorisch."

Henning Mankell (geboren 1948, gestorben 2015)

„Non-Fiction-Romane sind eine Möglichkeit, der Wahrheit tiefer auf den Grund zu gehen."

Roberto Saviano (geboren 1979, lange möge er leben)

Dieses Pochen in meinem Kopf. Gehirnalarm, Overload. Zu viele elektrische Blitze. Irren wie wild geworden herum, tollwütig, kreuz und quer, prallen aufeinander, knallen an die Schädelwand. Ordnung. Ich muss es unbedingt ordnen. Muss herausfinden …

Fabio riss die Augen auf. Nun hörte er es deutlich. Dieses Pochen. Es kam von der Tür. Er sprang aus seinem Bett und öffnete, arglos.

„Ah, Ihr seid es ..."

Vor ihm standen die drei Jesuitenbrüder aus dem Vatikan, die in der Sonderabteilung für seinen Vorgesetzten arbeiteten. Sie hatten ihn immer so liebenswürdig gegrüßt aus ihren Nebenräumen, ihm zugelächelt oder zumindest ein freundliches Kopfnicken geschenkt, wenn er in die Büros kam, die dem Monsignore vorbehalten waren. Aber nun starrten sie ihn böse an, nun benahmen sie sich keineswegs freundlich, drängten in sein Zimmer, umringten ihn, bauten sich bedrohlich vor ihm auf, redeten alle zugleich auf ihn ein, bis ihnen einer, der mit dem Christusbart, mit einer Geste Einhalt gebot und sich so direkt vor ihn stellte, dass er seinen Schweiß riechen konnte: „Du hast etwas an dich genommen, Fabio, etwas, das dir nicht gehört. Wir möchten es gern abholen und wieder dahin zurückbringen, wo du es herhast."

Sein Blick drang in Fabio ein. Er war von einer Härte und Energie, die ihn zu überwältigen drohten. Aber er hielt stand. Standhalten war eine seiner Stärken.

Der Christusbart wartete, als wäre es eine Ewigkeit, während seine Augenfarbe zu wechseln schien, von blauem Stahl in fast schwarze Tinte. Schließlich trat er einen Schritt zurück und schaltete erneut seine Augen um. Auf einmal verschwand das Dunkel, ein Himmelblau begann zu leuchten:

„Bruder, stell dich nicht so an. Es war sicher bloß ein Versehen. Gib mir das Schriftstück einfach wieder. Wahrscheinlich hast du es bloß an dich genommen, um es noch einmal zu prüfen, weil du Gewissheit willst. Sicher willst du dem Monsignore einfach noch mehr sagen, noch Genaueres. Das ist doch nicht schlimm. Im Gegenteil. Das ist höchst löblich. Aber es gehört nun einmal für immer und ewig dem Heiligen Stuhl. Nur er kann darüber befinden. Und nur dort ist es am rechten Platz. Also, im Namen des Heiligen Vaters und der Heiligen Mutter Kirche, sei gehorsam, so wie du es gelobt hast, sei so gut ..."

„Nein", unterbrach Fabio den Regen warmer Worte.

„Was heißt nein?"

„Ich habe nichts."

„Aber du hast dem Monsignore doch selbst gesagt ..."

„Ja, das stimmt."

„Also hast du es doch. Hör auf zu lügen. Du versündigst dich, Bruder. Hast du es nun oder nicht?"

„Ja, ich habe es. Es muss sicher sein. Und ich vertraue dem Monsignore nicht mehr."

„Das darf doch nicht wahr sein. Weißt du eigentlich, was du tust, wenn du dich mit ihm anlegst? Was du riskierst? Wegen eines Stücks Papier?"

Fabio nickte. Und dann schüttelte er energisch den Kopf. „Geht jetzt, geht alle. Ja, ich weiß, was ich tue. Ich tue es für den Heiligen Vater. Er schob sie aus aus seinem Zimmer hinaus, wo sie das enge Treppenhaus hinunterpolterten, unverrichteter Dinge. „Nur für ihn tue ich es, rief er ihnen hinterher und schlug die Tür zu. Aufatmen. Nun kam das Pochen aus seinem Herzen. Es schlug ihm bis zum Hals. Zugleich schoss Hochgefühl in seinen Kopf. Aber kaum war dieser kurze Moment verflogen, dieser gefühlt siegreiche Befreiungsschlag, setzte der Verstand wieder ein. Fabio ließ sich auf einem Stuhl nieder und nahm sein Gesicht zwischen die Hände, spürte ihre Wärme an seinen Wangen, spürte, wie sich das Adrenalin in seinem Körper auf Normalstand herunterregelte und seine Gedanken sich zu ordnen begannen. Nach ein paar Minuten klopfte es erneut. Kamen sie zurück?

Vor der Tür standen zwei völlig fremde Männer. Dann tauchte er in eine dunkle Nebelbank, die ihn verschluckte.

Als Fabio wieder zu sich kam, drohte ihm der Kopf zu platzen. Ein Knebel ließ ihm kaum Luft. Würgereflexe. Er versuchte sie hinunterzuschlucken, bekam sie nicht in den Griff. Angst. Im Magen. Harter Stein an seinem Knie. Vorsichtig öffnete er die Augen. Dunkelheit. Er lag in einer Art Verlies. Gefesselt. Modergeruch von uraltem, feuchtem Gemäuer mischte sich mit dem Gestank von Urin. Kein Fenster. Durch ein Gitter in der massiven Bohlentür schimmerte eine Ahnung von Licht, warf verschwommene Streifen auf den Boden. Fabio riss sich zusammen. Standhalten, das war doch seine Stärke. Er begann seinen Atem zu beruhigen, lenkte ihn durch seinen Rachen am Knebel vorbei durch die Nase hinaus und wieder herein. Aus und ein, aus und ein. Besser. Fabio gewann ein Minimum an Kontrolle über sich zurück. Und versuchte sich zu erinnern.

***

In Rom bereitete man sich mit Hochdruck auf das Luther-Jubiläum 2017 vor. Warum diesem Jahrestag eines ketzerischen Thesenanschlags vor 500 Jahren in den Sekretariaten und Abteilungen des Vatikans so große Bedeutung beigemessen wurde, war niemandem richtig klar. Und eindeutig war auch keineswegs, welchem Zweck diese emsigen Vorbereitungen am Heiligen Stuhl eigentlich dienten. Sicher war nur, dass ein von Papst Franziskus neu geschaffenes Dikasterium, das päpstliche Sekretariat für Kommunikation, mit frischem Wind für mehr Transparenz und Dialog sorgen sollte. Und den professionellen Sprung von der jahrtausendealten Überlieferung in die neue Medienwelt vollziehen.

Manche Vatikanexperten sahen in dieser internen Reorganisation den Versuch, endlich die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des Vatikans nach den Weisungen des Kardinalstaatssekretärs in den Griff zu bekommen, nachdem sich in der Kurie massive Widerstände gegen den neuen Papst formiert hatten. Häufig genug hatten innervatikanische Querelen und Intrigen zu unliebsamen Indiskretionen geführt. Nun waren alle Kommunikationsbereiche dem neuen Sekretariat unterstellt, vom L'Osservatore Romano bis zum neuen Internetauftritt auf www.vatican.va, vom Radio Vatikan bis zum twitternden Papst auf @pontifex, vom Presseamt bis zum legendären Vatikanischen Geheimarchiv mit seinen 85 Regalkilometern voller Akten. Organisatorisch war damit alles im Sinne des neuen Papstes geregelt. Aber unter den purpurroten Würdenträgern der Kurie und unter ihren Mitarbeitern auf allen Ebenen der vatikanischen Hierarchie brodelte es. Bei weitem nicht jeder begrüßte all die unorthodoxen Neuerungen dieses Heiligen Vaters aus Südamerika, der sich angeschickt hatte, den Vatikan umzukrempeln. Und womöglich die ganze heilige römisch-katholische Kirche.

Belauschte man die Diskussionen in den Sekretariaten der Kurie, in ihren Uffizien und Büros, Gängen und Kammern, teils leidenschaftlich geführt, teils hinter vorgehaltener Hand getuschelt, aber auch die diskreten Hintergrundgespräche in den römischen Restaurants und verschwiegenen Lokalen rund um den Petersplatz, wo sich sakrale Insider päpstlicher Kirchenmacht mit wissbegierigen Vaticanisti und eher säkularen und profanen Informanten, Lobbyisten und Interessenten zu treffen pflegten, ging es offenbar um ganz Grundsätzliches: Nichts Geringeres stand auf dem Spiel als Rettung oder Verderbnis des christlich-abendländischen Erbes, das dem Heiligen Stuhl Petri anvertraut war, dem Papst, dem Stellvertreter Gottes auf Erden, auserwählt im Konklave durch die Eingebung des Heiligen Geistes. Würde auch der neue Mann aus Argentinien dieses heilige Vermächtnis bewahren, in zweitausend Jahren zum Wohle der Christenheit und der Gläubigen aufgebaut, verteidigt und gemehrt? Würde er es leichtfertig aufs Spiel setzen, nur um eigenen Eingebungen und Ideen zu folgen? Oder war es womöglich gerade dieser Franziskus, der alles so ganz anders machte als seine Vorgänger, der die Christenheit und ihre heilige Kirche auf ihren ursprünglichen Glaubensweg zurückführen könnte? Durch sein eigenes Beispiel der Demut, der Bescheidenheit, der Hinwendung zum Menschen, zum Nächsten? Wer konnte das wissen, wer hatte recht?

Alle Kirchenleute im Vatikan waren aufgewühlt, zumindest innerlich, auch wenn es kaum jemand zeigte in der Machtzentrale dieses Imperiums, dessen Souverän, der letzte absolute Monarch des Kontinents, noch schalten und walten konnte nach eigenem Belieben. Äußerlich herrschte in den Büros und auf den Fluren der gewohnte, immer freundliche, stets respektvolle, ausnehmend rücksichtsvolle und manchmal nahezu demütige Ton, der hier in Jahrhunderten eingeübt worden war und der auf Außenstehende leicht scheinheilig wirken konnte. Hinter der Fassade aber rumorte es. Ganz besonders im neuen Kommunikationsbereich, dem der Jesuiten-Novize Fabio Angelis zugeordnet worden war, um dazu beizutragen, den ungeheuren Fundus des eigenen Archivs für die Überzeugungsarbeit des Vatikans zu erschließen.

Dieser Fabio Angelis war ein neugieriger junger Mann, einer von der Sorte, die immer alles ergründen, alles verstehen will. Gerne unterhielt er sich mit den erfahrenen Angestellten und Geistlichen, die dem Heiligen Stuhl schon über Jahre treue Dienste leisteten, ließ keine Gelegenheit aus, nachzufragen, sich nach Hintergründen zu erkundigen, trotz aller dienstlicher und spiritueller Verpflichtungen, denen er unterworfen war. Und schnell lernte er, verstand, dass alle Seiten darauf aus waren, die Deutungshoheit in einem Kampf zu gewinnen, der vor einer entscheidenden Schlacht stand. Alles, was künftig geschehen würde, alles, auch das vorher Undenkbare, Unfassbare, würde aus der geistigen und geistlichen Hoheit über das Bewusstsein und das Gefühl der gläubigen Menschen gerechtfertigt sein, würde sich ihrer Seelen bemächtigen, würde gottgewollt richtig erscheinen, legitim.

Die Meinungen, die Fabio in solchen Unterhaltungen zu hören bekam, waren völlig konträr, aber die Fragen, um die sie kreisten, waren die gleichen: Musste man Gott wirklich erst wieder zurückbringen in den Vatikan, weil er dort abhanden gekommen war im Lauf der Jahrhunderte? Oder sollte es jetzt seinen wahren Dienern an den Kragen gehen? War der Papst nicht längst auf dem besten Wege, sein Amt zu ruinieren? Als er Priestern erlaubte, Vergebung für die Sünde der Abtreibung zu erteilen. Als er sich im Flugzeug vor Journalisten fragte, wer er sei, einen Homosexuellen zu verurteilen, wenn er denn Gott suche. Als er eine neue Ehe frommer, aber geschiedener Menschen nicht länger mit dem Entzug der heiligen Sakramente bestrafen wollte. Schlimmer noch: Als er der Religiosität des Islam seinen Respekt bekundete, im Tempel der ketzerischen Waldenser um Verzeihung für die Verbrechen der Inquisition bat und als er gar in aller Öffentlichkeit seinen freikirchlichen Priesterfreund umarmte? Musste man diesen Mann nicht davor bewahren, am Ende auch noch Martin Luther zu herzen und heiligzusprechen wie Mutter Theresa?

Im Sekretariat für Kommunikation wurde schon seit geraumer Zeit für die zu erwartende Debatte um Luther und das Papsttum recherchiert. Man wolle gewappnet sein in den zu erwartenden kirchenhistorischen und theologischen Auseinandersetzungen, hieß es. Das war der Augenblick, als Fabio Angelis in das Büro des Monsignore beordert wurde und von seinem Vorgesetzten den Auftrag erhielt, im vatikanischen Geheimarchiv, das offiziell so geheim nicht mehr war, historische Dokumente aus der Lutherzeit zu sichten, insbesondere die damaligen Berichte der päpstlichen Zuträger und die Anweisungen, die aus der Römischen Kurie an sie ergangen waren.

Fabio freute sich. Endlich wurde er nicht mehr wie ein Lehrling mit belanglosen Verwaltungsgeschäften herumgereicht von Schreibtisch zu Schreibtisch, sondern durfte sich mit einem bedeutungsvollen Thema beschäftigen. Ihm schien, als habe er sich genau darauf in seinem bisherigen Leben vorbereitet. Als hochbegabter Sohn armer, aber streng gläubiger Südtiroler Bauern war er gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Er war schon als Kind durch die Vermittlung des Gemeindepriesters in das Internationale Jesuiten-Kolleg St. Blasien aufgenommen und als Jahrgangs-Primus vom Schwarzwald direkt an die Päpstliche Universität Gregoriana in Rom geschickt worden, wo er sein Studium der Kirchengeschichte mit Auszeichnung abgeschlossen hatte. Man hatte dieses hoch talentierte, aber noch ungeschliffene Juwel direkt an den Vatikan weitergereicht.

Alles, was er war, hatte Fabio Angelis seinem Orden zu verdanken. Ein steiler Aufstieg für einen so jungen angehenden Jesuiten, vom ärmlichen Bauernhof in die Kommunikationszentrale päpstlicher Macht. Und doch war er immer noch Novize, hatte seine Profess noch nicht abgelegt: das ihm abgeforderte Gelübde, künftig arm und keusch und gehorsam zu leben, uneingeschränkt gehorsam vor allem gegenüber dem Papst und solidarisch untereinander in seinem Orden, der Gesellschaft Jesu untertan, ohne Wenn und Aber, sein ganzes Leben lang. Was ihn immer noch hatte zögern lassen, war die klare Einsicht, dass ihm zwei der drei Schwüre unmöglich waren.

Es war nicht die Armut, die ihn noch abhielt. Eher schon der bedingungslose Gehorsam, der ihm dann abverlangt würde, und der seiner aufrechten Eigenart entgegenstand, diesem fast trotzigen Standhalten gegenüber jeder Form von Zumutung, die ihm nicht einleuchten wollte. Schon seine Eltern hatten ihn schmunzelnd einen Dickkopf gescholten. Er hatte es von ihnen als liebevolle Anerkennung und Bestärkung genommen, nicht als Tadel.

Vor allem aber war es Maria.

Man hatte in dem neu geschaffenen Dikasterium miteinander zu tun bekommen. Maria Pellegrini arbeitete nicht wie Fabio im Archiv und in der Dokumentation, sondern als freie, aber feste Journalistin für die italienischsprachigen Sendungen des Radio Vatikan. Sie war ihm bei einer Informationsveranstaltung aufgefallen, in der die Reorganisation des päpstlichen Kommunikationswesens vorgestellt und erläutert worden war. Eine Versammlung, zu der alle Betroffenen kommen konnten, ein erstes Zeichen der neuen Kommunikationskultur, die einziehen sollte in die Areale des Vatikans. Da saß sie im Saal. Auf den ersten Blick hatte er sie gar nicht wahrgenommen, eine zierliche, fast mädchenhafte junge Frau in Bluejeans und sportlich blauer Bluse, von einer zurückhaltenden, fast bescheidenen Schönheit, die sich nicht sofort erschloss, mehr Veilchen denn Rose.

Sie hatte ein Notebook auf dem Schoß, tippte konzentriert hinein, senkte und hob ihren Kopf, aufmerksam, wach, wischte sich das kurze schwarze Haar aus ihrem blassen Gesicht, und schien Probleme mit ihrer Brille zu haben, als seien ihre Augengläser nicht dafür gemacht, gleichzeitig den Bekundungen in der Ferne zu folgen und die Aufzeichnungen auf ihren Knien zu kontrollieren. Aber sie war die Erste, die aufstand, sobald die Diskussion freigegeben wurde und Fragen gestellt werden konnten. Von diesem Moment an blieb sein Blick an ihr hängen. Bei aller persönlichen Zurückhaltung stand sie so aufrecht da, so gerade. Sie trat unkompliziert und selbstverständlich auf, als wäre sie schon ewig Teil dieser Ewigen Stadt, stellte ihre Fragen klug und zugleich engagiert, hakte in der Sache nach, wenn ihr etwas unverständlich schien oder ihr ausgewichen wurde, und strahlte dabei eine ungekünstelte Anteilnahme aus, die sowohl den in Rede stehenden Dingen als den betroffenen Menschen galt.

Als alle aus dem Saal strömten, drängelte er sich neben sie. Ohne es zu wollen, oder vielleicht doch in unbewusster Absicht, schubste er sie ein wenig von schräg hinten, als sie sich durch die Tür zwängten. Sie drehte sich um. Und er strahlte sie so unverhohlen an, seine Bewunderung leuchtete so hell aus seinen Augen, dass sie ihm ein Lächeln schenkte. Es verließ ihre Lippen und flog zu ihm herüber. Flog in ihn hinein, als habe ihn in diesem Augenblick ein göttlicher Funke berührt, ähnlich dem, der von Gottes Zeigefinger zu Adams Hand übersprang bei dessen Erschaffung, ganz in der Nähe, hoch oben an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Nur dass der Funke, der sich zwischen ihnen entzündete, ganz und gar menschlicher Natur entsprang. Jedenfalls verwickelten sie sich sofort in ein intensives Gespräch, das leicht wie ein Pendel hin und her schwang und beide wie von selbst dazu bewegte, nicht sofort voneinander zu lassen, sondern gemeinsam, dicht beieinander über die Wege und Gärten des Vatikans in die abendliche Dunkelheit zu spazieren. Hinein in die Abgeschiedenheit, Ruhe, Stille, die sie hier umfing, während rund um diesen besonderen Ort das Nachtleben der italienischen Millionenmetropole zu tosen begann.

Als sie am päpstlichen Gästehaus Sanctae Marthae vorbeikamen, brannte oben über der Tür noch Licht hinter den Fenstern und sie glaubten einen leicht gebeugten Mann zu erkennen, der sich schemenhaft hin und her bewegte.

„Das ist er", sagten sie zueinander. Fast gleichzeitig. Nicht mehr.

Sie sollten noch häufig und viel über ihn sprechen. Von nun an sahen sie sich oft, bald täglich, bald mehrmals täglich. Als Fabio von seinem Rechercheauftrag zur Lutherzeit erzählte, witterte Maria sofort ein Thema, das journalistisch aufbereitet werden könnte und bat ihn, sie auf dem Laufenden zu halten. Nichts war ihm lieber, als ihr davon zu erzählen. Und von sich. Aber noch mehr mochte er es, ihr zuzuhören, wenn sie von sich erzählte, von ihrem bisherigen Leben und von dem neuen Geist, der jetzt eingezogen war in den Vatikan, in die Redaktion, einen Geist, den sie in ihrer journalistischen Arbeit hinaustragen wollte, urbi et orbi. Maria entpuppte sich in ihren langen Gesprächen als glühende Anhängerin des neuen Papstes. Sie sah in ihm einen wahren Reformator ihrer Kirche, einen der es

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