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GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 14

GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 14

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GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 14

Länge:
219 Seiten
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Feb. 2019
ISBN:
9783742704337
Format:
Buch

Beschreibung

"Eine Menge origineller Ideen, großteils ansprechend bis fantastisch umgesetzt. So sollten Anthologien sein." (standard.at)

Science Fiction und Phantastik in erlesener Auswahl: Tiefgründig, hintersinnig und nachdenklich, aber auch abenteuerlich und böse sind die erzählerischen Streifzüge, zu denen der Leser eingeladen ist. Schon die Titel der einzelnen Geschichten wirken wie zufällige Markierungspunkte im Kontinuum einer harmlos scheinenden und dennoch verstörenden Welt: Sonne, Schatten, Schwärze, die Nacht, Stille, letzte Tage und Sommernächte kommen darin vor.
Anspruchsvolle Unterhaltung ist garantiert, wenn Stilisten wie Herbert W. Franke, Hubert Katzmarz, Georg Klein, Friedrich Wilhelm Korff und Alban Nikolai Herbst ihre Geschichten erzählen. Ambitionierte Geschichten weiterer namhafter Autoren ergänzen die Palette. – Das Titelbild schuf Stefan Böttcher.

DIE STORYS
Michael J. Awe: "Unter der Sonne von Cela 14"
Andreas Fieberg: "Der Stoff, aus dem die Schatten sind"
Kurt Tichy: "Schwarze Hügel"
Alban Nikolai Herbst: "Gaudís Klinke"
Matthias Ramtke: "In der Grube"
Hubert Katzmarz: "Nachtwanderung"
Georg Klein: "Allwurzler"
Uwe W. Appelbe: "Die Kinder"
Herbert W. Franke: "Das Spiel der letzten Tage"
F.W. Korff: "Der stille Katarakt"
Ambrose Bierce: "In einer Sommernacht"
Stefan Lammers: "Acht Grad"

AUS DEM INHALT
Traumurlaub auf einem exotischen Planeten / Fluch und Segen des Schattenwerfens / Zeitreise ans Ende der Welt / Magie formschöner Innenausstattung / Gefängniskoller auf einem Strafplaneten / Nachtwanderung durch einen Alptraum / Bizarre Symbiosen / Grauen im Nebel englischer Moore / Mondänes Leben im virtuellen Schloss / Tödlicher Sog eines Naturphänomens / Verschreckte Grabräuber / Wenn Küchengeräte sich zu sehr langweilen
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Feb. 2019
ISBN:
9783742704337
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 14

Buchvorschau

GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 14 - Michael J. Awe

VORWORT

Liebe Freunde phantastischer Geschichten,

die einzelnen Ausgaben unserer Reihe »Gegen unendlich« kennen keinerlei Themenausrichtung, die Herausgeber sind offen für alle Motive und Spielarten der Phantastik. So öffnet sich ein weites Feld, das eine lebendige, abwechslungsreiche Mischung verspricht. Trotzdem kommt es vor, dass eine Anthologie eine Eigendynamik entwickelt und sich durch die Zusammenstellung der ausgewählten Geschichten wie von selbst zu einem Schwerpunkt hin verdichtet.

Das ist auch mit der vorliegenden Ausgabe passiert. Tiefgründig, hintersinnig und nachdenklich, aber auch abenteuerlich und böse sind die erzählerischen Streifzüge, zu denen die Leser eingeladen sind. Schon die Titel der einzelnen Geschichten wirken wie zufällige Markierungspunkte im Kontinuum einer harmlos scheinenden und dennoch verstörenden Welt: Sonne, Schatten, Schwärze, die Nacht, Stille, letzte Tage und Sommernächte kommen darin vor.

Den Reigen eröffnet Michael J. Awe mit »Unter der Sonne von Cela 14«. Ein menschlicher Besucher erhofft sich einen Traumurlaub in einem fernen Urlaubsparadies, muss aber erkennen, dass die heimische Flora mehr zu bieten hat als prächtige Blüten und verführerischen Duft.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Aus welchem Stoff der besteht, davon erzählt Andreas Fieberg in seiner Geschichte, in der es um Fluch und Segen des Schattenmachens geht.

Von schwarzen Löchern, mit denen die Zeit ausgetrickst wird, handelt Kurt Tichys fulminante Geschichte »Schwarze Hügel«. Der Reisende durch Vergangenheit und Zukunft erscheint allerdings nicht allzu glaubwürdig, so schillernd seine Berichte auch sein mögen.

Matthias Ramtke führt uns an den Rand einer Grube auf einem Gefängnisplaneten, in der ein Rätsel lauert. Das verheißt dem einzigen überlebenden Häftling nichts Gutes.

Hubert Katzmarz taucht in seiner bildgewaltigen, symbolschweren Geschichte »Nachtwanderung« tief ein in einen Alptraum, der den Erzähler fest im Griff hat, während Uwe W. Appelbe in seiner atmosphärisch dichten Geschichte »Die Kinder« das Grauen in einer nebelverhangenen englischen Grafschaft beschwört.

Ebenfalls eine düstere Angelegenheit ist – trotz ihres heiteren Titels – die Anekdote »In einer Sommernacht« von Ambrose Bierce, die das Motiv der Beerdigung eines Lebenden nonchalant parodiert.

Stefan Lammers beweist mit seiner virtuos abgezirkelten Kürzestgeschichte »Acht Grad«, dass effektives Erzählen auch auf engstem Raum funktioniert. Er liefert hier die ultimative Story zum Thema »Internet der Dinge«.

Schließlich konnten wir mit Herbert W. Franke, Alban Nikolai Herbst, Georg Klein und Friedrich Wilhelm Korff vier Autoren gewinnen, von denen jeder auf seine ganz eigene Art beträchtliches literarisches Gewicht in die Waagschale wirft.

Georg Kleins Erzählung »Allwurzler« macht uns mit einer bizarren Symbiose bekannt, die trotz ihrer Fremdheit etwas Heimeliges und Tröstendes hat. Den Lesern dürfte nicht neu sein, dass Georg Klein zuletzt mit dem vieldiskutierten phantastischen Roman »Miakro« hervorgetreten ist, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Alban Nikolai Herbst wiederum ist genre-affinen Lesern vor allem dank seiner monumentalen »Thetis«-Trilogie vertraut, deren erster Teil mit dem Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar ausgezeichnet wurde. In der hier vorgestellten Erzählung erliegen die Figuren der Magie der geschwungenen Linie, die markant war in der Gestaltung des Architekten Antoni Gaudí.

Herbert W. Franke steht mit seiner Kurzgeschichte »Das Spiel der letzten Tage« den beiden Vorgenannten in stilistischer Brillanz und erzählerischem Tiefgang in nichts nach. Schauplatz ist ein mondänes Schloss, in dem vergnügliche Kurzweil herrscht, dessen Inszenierung über eine fatale Situation hinwegtäuschen soll.

Gleiches wie über seine Kollegen lässt sich von Friedrich Wilhelm Korff sagen, der – von Marcel Reich-Ranicky einst hochgelobt – seinerzeit als eine der Hoffnungen der jungen deutschen Literatur galt. »Der stille Katarakt« berichtet von einer Stromschnelle in einem Zufluss des Amazonas, die jene verzaubert, die ihren Lockungen nachgeben. Diese Erzählung steht stellvertretend für viele von Korffs Texten: »Es entsteht ein Sog des Irrationalen, der sich als plötzliches Erschrecken vor einer rätselhaften Wirklichkeit mitteilt« (Manfred Durzak). Es ist uns ein Anliegen, diesen Autor mit seinen bemerkenswerten Texten einer neuen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das Titelbild verdanken wir wie schon oft, so auch diesmal Stefan Böttcher, der es gleich den hier vertretenen Autoren versteht, seinen Motiven unverwechselbare Gestalt zu geben.

Wir wünschen Ihnen so viel Freude beim Schmökern, wie wir beim Zusammenstellen dieser Ausgabe hatten. Lassen Sie sich gut unterhalten!

Die Herausgeber

Awe / Fieberg / Pack

Bonn, im August 2018

Michael J. Awe

UNTER DER SONNE VON CELA 14

Der Blick auf Cela 14 aus dem Orbit ähnelte dem auf die Erde von vor dreihundert Jahren.

Velon Harris checkte die Anzeigen des Bordcomputers und lehnte sich in den tiefen Ledersessel zurück. Der Autopilot berechnete den optimalen Eintrittswinkel in die Atmosphäre des Planeten.

Velon beobachtete die näherkommende Oberfläche mit der Neugierde eines Menschen, der hier die nächsten Wochen verbringen würde. Die wenigen Kontinente waren klein und zerklüftet, sie ähnelten eher einer Ansammlung verschiedener Inseln, die sich zerstreut in den grünblauen Gewässern der Ozeane erstreckten.

Als hätte die Hand Gottes sie achtlos verstreut, dachte er.

Es gab hier keine Industrie und nur den notwendigsten Flugverkehr. Der Planet lebte hauptsächlich von dem Tourismus mit wohlhabenden Gästen aus dem ganzen System und galt als eine Oase der Ruhe, die wie aus der Zeit gefallen wirkte. Das Schiff steuerte einen kleinen Kontinent an, der die Form einer geballten Faust besaß und schnell näherkam. Velon beugte sich nach vorne und besah sich die villenähnlichen Häuser, die im großzügigen Abstand voneinander errichtet worden waren, durch riesige Gartenareale getrennt. Die Pflanzenwelt, für die Cela 14 bekannt war, ließ an ein subtropisches Klima denken, obwohl die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit eher gemäßigt waren und den vorwiegend menschlichen Besuchern entgegenkamen. Das üppig wuchernde Grün eines Waldes unter ihm wurde von einem winzigen Landeplatz durchbrochen, auf dem die Hüllen zweier Raumschiffe in der Sonne glänzten. Die Steuerdüsen zündeten und drückten Velon sanft in den Ledersessel. Das Aufsetzen auf dem Planeten war kaum zu spüren.

Als sich die dickwandige Tür zischend öffnete, erklang ein wahres Sinfoniekonzert von Vogelstimmen aus dem sie umgebenden Urwald. Velon trat mit der Reisetasche in der Hand hinaus und zog die frische Luft ein. Während er in tiefen Zügen einatmete, dachte er an die unzähligen Übersetzungsmikroben in Nanopartikelgröße, die überall in der Atmosphäre waren. Nach dem Inhalieren gelangten sie von seiner Lunge über den Blutkreislauf in sein Gehirn und würden dafür sorgen, dass er jede Sprache auf Cela 14 beherrschte. Dadurch wurde sichergestellt, dass sich alle Besucher auf diesem Planeten wohlfühlte und es zu keinen Schwierigkeiten bei der Verständigung kam. Angeblich waren die Mikroben so vielfältig gestaltet, dass sie bei über achtzig Spezies wirkten.

In seinem Sichtfeld erschien die aktuelle Temperatur von 31 Grad und einige andere Daten zum Klima, die sein Augenimplantat einblendete. Er schaltete das Implantat und den RID-Chip in seiner Großhirnrinde aus und trennte den beständigen Datenstrom zwischen der Erde und ihm. Für die nächsten drei Wochen brauchte er ihn nicht. Der Chip war jetzt nur noch für dringende Regierungsnachrichten freigegeben.

Am Fuß der Treppe wartete ein Mann in einem bunten Wickelrock und einem weißen Hemd. Er verbeugte sich mit einem Lächeln, auf seinem dichten kohlrabenschwarzen Haar saß eine merkwürdige Kopfbedeckung, deren lose Enden beide Ohren bedeckte.

»Willkommen auf Cela 14, Celot’on Harris«, sagte der Einheimische. »Ich bin Ach’tun, Ihr Fahrer. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.«

Der Mann warf einen neugierigen Blick auf die funkelnde Hülle des Raumschiffes. Selbst unter den Reichen, die hier ihren Urlaub verbrachten, so wusste Velon, war eine Sternennadel ein seltener Anblick. Trotz seiner kompakten Außenmaße war das Einpersonenschiff für Fernreisen gerüstet und verfügte über allen erdenklichen Luxus. Sein Antrieb gehörte zum Schnellsten, was außerhalb des militärischen Einsatzes Verwendung fand, und der Bordcomputer besaß die Rechenkapazität einer mittelgroßen Stadt. Aber spätestens die Außenhülle aus Biotech, die sich bei Schäden selbst regenerieren konnte, verriet Velon als einen hohen Regierungsbeamten oder einen Vertreter der Wirtschaftselite.

»Hier entlang, bitte.«

Sie bestiegen den in der Nähe stehenden Gleiter, der sich lautlos in Bewegung setzte. Ach’tun benutzte keinen Autopiloten, sondern steuerte das Fahrzeug über einen Steuerknüppel, was ihm eine gewisse Befriedigung zu verschaffen schien. Geräuschlos schwebten sie zwischen den breiten Stämmen der Baumriesen einher. Ach’tun lenkte das Gefährt mit leichter Hand und sah lächelnd zu ihm herüber, als er seinen Blick bemerkte.

»Möchten Sie auch mal?«

Velon schüttelte den Kopf. »Früher sind wir auch selber gefahren und geflogen.«

»Was ist passiert?«

»Es starben mehr Menschen durch Fahrzeuge als durch Kriege. Wir gaben es schließlich auf.«

Der Einheimische lachte, dass die Zähne in seinem kaffeebraunen Gesicht weiß aufblitzten. »Sie sollten es versuchen, es macht Spaß!«

Velon legte den Kopf in den Nacken, um zu dem dichten Laubdach hinaufzublicken. Affenähnliche, achtgliedrige Tiere sprangen über ihnen zwischen den Ästen hin und her und gaben ein melodisches Singen von sich.

»Das sind Wach’tins«, erklärte der Fahrer.

Velon nickte, er hatte von diesen Tieren gehört. Es gab sie überall auf Cela 14 und ihr Gesang bildete ein beständiges Begleitgeräusch.

Sie glitten zwischen den ersten weitläufigen Gärten entlang, die sich über Hunderte von Metern bis zu den entfernten Häusern erstreckten. Velon schüttelte den Kopf. Selbst ihm, als privilegiertem Mitglied des Parlaments, stand nur eine achtzig Quadratmeterwohnung in einem der Megatower zu, die sich nahe des Regierungsviertels befanden. Hier hingegen schien Platz in verschwenderischer Fülle vorhanden zu sein.

All unsere Technik, dachte Velon, und wir sehnen uns noch immer zurück nach dem Garten Eden.

Ach’tun verringerte die Geschwindigkeit, als sie sich einer steinernen Toreinfahrt näherten und der Gleiter schwebte kaum hörbar über den kiesbedeckten Pfad. Sie durchquerten einen riesigen, alten Garten mit hohen Bäumen und einer Vielzahl von blühenden Büschen und Blumen in allen Farben und Formen. Am Ende des langen Weges stand eine einstöckige Villa mit weißen Wänden und einem Flachdach, die mitten in dem weiten Garten lag.

»Bin ich der einzige Bewohner?«, fragte Velon.

»Sie und die Bediensteten des Hauses, Celot’on Harris.«

Was für eine Verschwendung, dachte Velon. Statt sich durch die Menschenmassen seiner Heimatstadt schieben zu müssen, würde er hier für drei Wochen niemanden sehen außer den Bediensteten und den einen oder anderen Einheimischen außerhalb des Grundstücks.

Ach’tun hielt den Gleiter vor dem flachen Gebäude und griff sich das Reisegepäck. »Wenn Sie mir bitte folgen würden!«

Velon trat hinter dem Fahrer in das weitläufige, kühle Haus und sah sich aufmerksam um. Die dicken, schmucklosen Wände waren geweißt und auf dem Boden lagen großformatige Steinfliesen, alles strahlte Ruhe und Schlichtheit aus, sodass Velon sich augenblicklich wohlfühlte. Ach’tun ging einen langen Flur hinunter und Velon konnte einen Blick in die Zimmer zu ihrer Rechten werfen, die auf den sonnendurchfluteten Garten hinausgingen, eine Reihe von spärlich möblierten Räumen, in denen sich niemand aufhielt. Ihre Schritte hallten leise durch das stille Gebäude.

Lächelnd blieb Ach’tun vor einer geöffneten Tür stehen und zeigte in das Innere des Raumes. »Hier befindet sich Ihr Schlafzimmer, Celot’on Harris!«

Durch die offen stehende Terrassentür gegenüber drang leichter Wind in das Zimmer und bauschte die dünnen, weißen Vorhänge. An der Wand stand ein schlichtes Bett, dessen dunkelbraunes Holz die gleiche Farbe wie die Betttruhe am Fußende und der Kleiderschrank in der Ecke besaß. Ansonsten befanden sich nur ein hölzernes Sideboard, auf dem eine blauglasierte Wasserschüssel stand, und ein runder Tisch mit zwei Stühlen in dem Raum. Velon nickte zufrieden.

»Ich lass Sie jetzt alleine«, sagte Ach’tun und stellte das Gepäck vor das Bett. »Das Abendessen wird gegen 17 Uhr auf der Terrasse serviert. Auf Wunsch können Sie das Essen auch in einer der Räumlichkeiten einnehmen. Sollten Sie Fragen haben, klopfen Sie bitte jederzeit an meine Tür am anderen Ende des Ganges.«

Mit einem Nicken zog er sich zurück. Velon schob den dünnen Vorhang beiseite und trat auf die breite Terrasse hinaus, die die ganze Vorderseite des Gebäudes umgab und auch um die Ecken zu verlaufen schien. An der Hauswand entlang standen große, metallbeschlagene Holzeimer, in denen üppige Büsche mit großen Blüten wuchsen, die einen angenehmen Geruch verströmten. Auf dem ersten Blick waren die Blüten von einem dunklen Rot, als Velon jedoch näher herantrat, erkannte er, dass die Blätter in allen Regenbogenfarben schimmerten. Die Pflanzen wirkten außerordentlich gut gepflegt, nicht ein welkes Blatt fand sich an ihnen und die Äste wurden pedantisch zurückgeschnitten. Dennoch verspürte er eine diffuse Abneigung ihnen gegenüber. Velon trat zurück und blickte auf seine extra für diesen Anlass gekaufte Uhr, eine ungewohnte Geste für jemanden, der für gewöhnlich die aktuelle Zeit über sein Chipimplantat eingeblendet bekam.

Langsam stieg er die steinernen Stufen in den Garten hinunter. Vor dem blauen, wolkenlosen Himmel stach das Grün der Baumwipfel deutlich hervor. Sträucher und Blumen wuchsen in allen Formen und Farben, nicht wenige von ihnen waren mannshoch. Die meisten Pflanzen kannte er nicht. Instinktiv wollte er die benötigten Informationen vom Chip holen, besann sich aber eines Besseren und genoss die namenlose Schönheit. Unter einigen hohen Bäumen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den früheren Palmen der Erde besaßen, blieb er stehen. Mit zusammengekniffenen Augen blickte Velon den langen, gebogenen Stamm hinauf zu den grünen Blättern oben im Wipfel, zwischen denen große, braune Früchte wuchsen. Er legte die Hand auf den Stamm, der rau und von vielen dünnen, dunkelbraunen Fasern bedeckt war.

»Die Milchnüsse der Ko’wen sind sehr schmackhaft, Celot’on Harris«, sagte eine weibliche Stimme hinter ihm.

Überrascht drehte er sich um. Vor ihm stand eine junge Frau, die die Hände zu einem rituellen Gruß zusammenlegte. Die Einheimische trug schulterlanges braunes Haar, das vorne kinnlang geschnitten war und zum Nacken hin kürzer wurde. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt. Sie reichte ihm bis zur Schulter. Ein schlichtes Kleid aus einem seidenähnlichen Stoff ging ihr bis zu den Knien. Velon fragte sich, wie die Frauen auf diesem Planeten ohne Bionengeneering und Körpermodifikationen von solcher Schönheit sein konnten.

Er neigte den Kopf zum Gruß. »Sie erinnern mich an Kokosnüsse, die es früher auf meiner Welt einmal gab.«

»Ich kenne keine Kokosnüsse«, sagte sie, »aber die hier essen wir jeden Tag.«

Er sah den schlanken Baumstamm empor, der sich astlos bis in die hohe Krone erstreckte. Der ganze Baum wiegte sich leicht im Wind und die Früchte befanden sich in luftiger Höhe. Ob sie Drohnen zuhilfe nahmen, um sie zu pflücken?

Als hätte sie seine Gedanken erraten, trat die Frau an den Baumstamm, wie um ihn zu umarmen, und verschränkte ihre Handflächen hinter ihm. Mühelos sprang sie an den Stamm und presste ihre nackten Fußsohlen gegen die raue Rinde. Ohne sichtbare Anstrengung kletterte sie den Baum hinauf. Erstaunt sah Velon ihr nach. Ihr Körper schien wie für die Bewegung gemacht zu sein. Das Spiel ihrer geschmeidigen Oberschenkelmuskeln zeugte von ausdauernder Kraft, während sie flink höher stieg. Oben angekommen, pflückte sie mit geübter Hand eine der Milchnüsse und warf sie herunter. Dann kletterte sie ebenso mühelos wieder nach unten. Auf ihrer Haut glänzte ein dünner Schweißfilm, dessen sich Frauen auf der Erde seit vielen Jahren schon mit genetisch angepassten Bakterien entledigten.

»Bei uns«, sagte sie, ohne außer Atem zu sein, »ist es Aufgabe der Frauen, die Früchte zu ernten.«

Sie bückte sich geschmeidig und hielt ihm die Ko’wen hin. Ihre Schale war fest und trocknen. Als er sie schüttelte, hörte er das Gluckern einer Flüssigkeit im Inneren.

»Der Saft ist weiß«, sagte sie. »Wir trinken ihn gerne am frühen Morgen oder tun ihn ins Essen.«

Velon reichte ihr die Ko’wen zurück und bedankte sich.

»Mein Name ist La’lyn«, sagte sie und legte die Hände zum rituellen Abschiedsgruß zusammen. »Ich werde sie dem Koch geben, damit Sie die Ko’wen zum Abendessen zu sich nehmen können.«

La’lyn drehte sich um und schlenderte zum Haus zurück. Er sah ihr eine Weile nach und wunderte sich, wie eine Frau ohne Schuhe sich so anmutig zu bewegen vermochte.

Velon schlug die Augen auf und blickte an die hohe Decke. Durch die offene Verandatür drang kühle Morgenluft und die Geräusche des Waldes. Automatisch wollte er auf seinen RID-Chip zugreifen, um sich die neuesten Nachrichten und den Posteingang anzeigen zu lassen, bis ihm bewusst wurde, dass der Chip ausgeschaltet war. Er gähnte ausgiebig und zog den dünnen Vorhang beiseite. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und das frühe Grau des neuen Tages zeichnete alles mit seinem weichen Licht. Kein Geräusch war zu hören, nur einige Wach’tins stießen ihre langgezogenen Rufe aus. Velon hatte überraschend gut geschlafen, trotz des üppigen Abendessens am Vortag, fühlte aber eine merkwürdige Unruhe, als würde sein

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