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Braun & Hammer ...im Wahn

Braun & Hammer ...im Wahn

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Braun & Hammer ...im Wahn

Länge:
486 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Juli 2018
ISBN:
9783742728517
Format:
Buch

Beschreibung

Braun & Hammer… im Wahn
ist nach "… Narzissmus brutal" ein weiterer Psychothriller der Autoren H-G Witte und Holger Schmidt. Während es in "Narzissmus brutal" noch der versierte und selbstbewusste Psychotherapeut Tilmann Braun war, der von einem überaus persönlichkeitsgestörten Patienten an die Grenzen seiner Professionalität und seines Verstandes getrieben wurde, trifft es dieses Mal seinen Freund und Kollegen Peer Hammer. Der sehr sensible und manchmal etwas behäbige Peer folgt im Verlauf, von diagnostischen Irrungen und Wirrungen gebeutelt, seinem Patienten Karl Häusler immer tiefer in das verminte Gelände zwischen religiösem Wahn und bizarrer Zwangsstörung hinein. Was als scheinbar normale Therapie beginnt, mündet erneut in eine einzige Katastrophe, wobei auch seine Beziehung zu Sven nicht unberührt bleibt. Gibt es zum Schluss Rettung für das Leben und Lieben Peers oder ist dieses Mal endgültig alles zu spät?
Die Autoren, H-G Witte und Holger Schmidt, sind auch im wahren norddeutschen Leben Psychotherapeuten in ihren ambulanten Praxen. Sowohl die fiktiven Protagonisten ihrer Geschichten als auch die Inhalte der beschriebenen Fälle inklusive der jeweiligen Störungsbilder sind zwar absolut spektakulär und überzeichnet, aber natürlich könnte es diese in ähnlicher Form prinzipiell geben.
Dennoch sind Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten rein zufälliger Natur: Die Schweigepflicht und der Schutz der Intimsphäre ihrer Patientinnen und Patienten sind den Autoren heilig!
Lassen Sie sich also, in dieser Hinsicht ganz beruhigt, von einem weiteren "Braun & Hammer" im besten Sinne beunruhigen. Lassen Sie sich erneut auf die Folter spannen und in die fiktionale Welt des gefährlich Irrationalen, Verrückten und Wahnsinnigen entführen!
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Juli 2018
ISBN:
9783742728517
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Braun & Hammer ...im Wahn - Heinz-Gerhard Witte

Braun & Hammer… im Wahn

ist nach „… Narzissmus brutal ein weiterer Psychothriller der Autoren H-G Witte und Holger Schmidt. Während es in „Narzissmus brutal noch der versierte und selbstbewusste Psychotherapeut Tilmann Braun war, der von einem überaus persönlichkeitsgestörten Patienten an die Grenzen seiner Professionalität und seines Verstandes getrieben wurde, trifft es dieses Mal seinen Freund und Kollegen Peer Hammer. Der sehr sensible und manchmal etwas behäbige Peer folgt im Verlauf, von diagnostischen Irrungen und Wirrungen gebeutelt, seinem Patienten Karl Häusler immer tiefer in das verminte Gelände zwischen religiösem Wahn und bizarrer Zwangsstörung hinein. Was als scheinbar normale Therapie beginnt, mündet erneut in eine einzige Katastrophe, wobei auch seine Beziehung zu Sven nicht unberührt bleibt. Gibt es zum Schluss Rettung für das Leben und Lieben Peers oder ist dieses Mal endgültig alles zu spät?

Die Autoren, H-G Witte und Holger Schmidt, sind auch im wahren norddeutschen Leben Psychotherapeuten in ihren ambulanten Praxen. Sowohl die fiktiven Protagonisten ihrer Geschichten als auch die Inhalte der beschriebenen Fälle inklusive der jeweiligen Störungsbilder sind zwar absolut spektakulär und überzeichnet, aber natürlich könnte es diese in ähnlicher Form prinzipiell geben.

Dennoch sind Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten rein zufälliger Natur: Die Schweigepflicht und der Schutz der Intimsphäre ihrer Patientinnen und Patienten sind den Autoren heilig!

Lassen Sie sich also, in dieser Hinsicht ganz beruhigt, von einem weiteren „Braun & Hammer" im besten Sinne beunruhigen. Lassen Sie sich erneut auf die Folter spannen und in die fiktionale Welt des gefährlich Irrationalen, Verrückten und Wahnsinnigen entführen!

neobooks

Impressum

Texte: Copyright by H-G Witte und H.Schmidt

Umschlag: Copyright by P.Voigt 22quadrat

Verlag: Psycho-Artists-Verlag

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Braun und Hammer...im Wahn

von H-G Witte & Holger Schmidt

gewidmet

Tanja, Burkard, Gabriele, Petra, Claudia, Katja und Marlene, die uns jederzeit freundschaftlich, intensiv und konstruktiv kritisiert und beraten haben.

Vielen Dank für Eure Hilfe und Unterstützung!

Besonderer Dank unserer Lektorin Sigrid Lehmann-Wacker für ihre unschätzbare Mitarbeit und Kompetenz! ( Kontakt: www.schreibwerkstatt-osnabrueck.de )

Prolog

Tilmann Braun hat in den letzten Monaten eine schwere Zeit durchlebt. Ein Patient aus seiner psychotherapeutischen Praxis, Theodor Konrad Wolf, hatte ihn an den Rand seiner Belastbarkeit gebracht, ja, fast schon ins Grenzland zur Paranoia befördert.

Denn Herr Wolf hatte sich als Prototyp einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, gepaart mit ungeahnten Abgründen an Bösartigkeit, erwiesen. Dazu war er in tragischer Weise frühkindlich schwer traumatisiert worden, was die Sache nicht einfacher gemacht hatte. Zugleich hatte er auch in Tilmann qualvolle Gefühle sowie lange vergessene und schmerzhafte Erinnerungen wachgerüttelt und so entglitt die ohnehin schwierige Behandlung dem erfolgsverwöhnten Tilmann zusehends.

Am Ende wäre er fast psychisch zerrüttet und seine heile Welt zerstört gewesen. Nur durch ein letztes verzweifeltes Aufbäumen sowie pure Willenskraft und auch ein bisschen Glück konnte er eine noch größere Katastrophe abwenden. Hätte er allerdings nicht seine Frau Hanna und seine Tochter Charlotte gehabt, wäre er dann nicht vielleicht doch zu Grunde gegangen, fragt er sich manchmal heute. Und ja, so besessen Tilmann von seiner Arbeit auch sein mochte – er sei ein richtiges Arbeitstier, pflegte Hanna zu sagen – so wichtig war ihm gleichzeitig seine Familie. Umso schlimmer, dass sein Augapfel Charlotte in den Fall Wolf drohte, mit hineingezogen zu werden.

Und dann war da in dieser schweren Zeit auch noch sein Freund seit Studienzeiten und Kollege Peer Hammer gewesen. Zwar wirkte dieser dabei eher als graue Eminenz unterstützend im Hintergrund. Doch Tilmann wusste ihn, fest verwurzelt wie die deutsche Eiche, loyal an seiner Seite. Das war allerdings auch das Einzige, was Peer mit einer deutschen Eiche verband. Ansonsten war er der schwule und gerne querdenkende Gegenentwurf zum überaus rationalen Tilmann. Beim Hardcore-Narzissten Theodor Konrad Wolf kam aber auch Peer, obwohl nur in beratender Funktion, an die Grenzen seiner Kreativität. Wenn Tilmann und Peer also ehrlich sein wollten, mussten sie sich eingestehen, dass sie beide in diesem Fall gehörig hatten einstecken müssen.

Ihnen war schon immer bewusst gewesen, dass sie einen interessanten, manchmal auch sehr aufwühlenden Beruf als Therapeuten hatten. Dass sie aber jemals in einen Kriminalfall verwickelt werden würden, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Denn als der rücksichtslose, zutiefst wütende und Frauen verachtende sowie misshandelnde Theodor Konrad Wolf zusammen mit zwei willfährigen Helfern als Trio infernale auch noch die Kinder seines Chefs entführte, sprengte das alle Grenzen des bis dahin Vorstellbaren. Am Ende konnte durch einen entscheidenden Hinweis von Tilmann an die Polizei die Entführung spektakulär, aber unblutig beendet werden. Herr Wolf hingegen brach, entgegen seiner sonstigen Kaltschnäuzigkeit, noch am Tatort nervlich zusammen, wurde in eine geschlossene Abteilung eingeliefert und seitdem, auf unabsehbare Zeit, psychiatrisch behandelt. Seine ebenso vom Großeinsatz der Polizei überrumpelten Freunde, Andre und Lukas, mussten sich später ebenfalls vor Gericht verantworten. Bei der Verurteilung zu Bewährungsstrafen kam ihnen allerdings ihre offenkundig verminderte Intelligenz zugute.

Neben Herrn Wolf hatte Tilmann natürlich noch zahlreiche weitere Patienten, die von jeglicher krimineller Energie zum Glück weit entfernt waren. Zu denen gehörte eine wohlhabende, sehr bemerkenswerte Dame mit einer bewegenden Lebensgeschichte, die er direkt in sein Herz geschlossen hatte. Trotzdem war es dem manchmal so ungeduldigen Tilmann noch nicht gelungen, Frau Krögerschmidt aus ihren Depressionen zu befreien.

Gerade in solchen Momenten, wenn ihn wieder die Ungeduld quält und er zu wenig Erfolg bei seiner Arbeit zu sehen meint, setzt er sich bevorzugt auf sein Rennrad, um sich die Last von der Psyche zu radeln.

1

Es ist dieses ewige Spiel, das ihn reizt. Und dieses Spiel entspricht voll und ganz Tilmanns Lebensphilosophie: Herausforderungen zu suchen und sich hohe Ziele zu setzen, begleitet von der kribbelnden Ungewissheit über den Ausgang seiner jeweiligen Anstrengungen. Und auch bei nur teilweisem Erreichen von Erfolgen nach hartem Kampf verspürt er eine tiefe Zufriedenheit, die er schon fast als Glückszustand definieren möchte. Hanna, seine Frau und ihres Zeichens Lehrerin, kommentiert das gerne süffisant, er sei ihr Held und letzter verbliebener Jäger und Sammler überhaupt.

Sich Herausforderungen zu stellen bedeutet für ihn aber auch, über den Tellerrand zu schauen, neue Dinge zu lernen und noch spannendere zu entdecken. Das ist etwas, das er speziell seinen depressiven Patienten in der Behandlung versucht, wieder nahe zu bringen: Die Neugier. Manchmal fehlt diesen nur der zündende Funke oder ein emotional inspirierender Plan von dem, was sie langfristig erreichen wollen. Arbeitet er dann konsequent mit ihnen in Richtung dieser persönlichen Herausforderungen, löst das nicht selten diese leicht euphorische Stimmung aus, die er versucht, als Wasser auf die Mühlen auch langfristiger Veränderungen zu leiten.

Jetzt, vor dem Start, als alle Fahrer im Startblock stehen und nur noch auf den Startschuss warten, herrscht eine fast schon unheimliche Ruhe. In diesen letzten Momenten, die Fahrer stehen mit den Händen auf dem Lenker gestützt und jeweils ein Fuß ist schon in ein Pedal geklickt, ist die Furcht groß, den Startschuss zu verpassen.

Es hat etwas von der Ruhe vor dem großen Sturm, schießt es Tilmann durch den Kopf.

Er geht noch einmal die Strecke im Kopf durch, verdeutlicht sich vor seinem inneren Auge deren markante Punkte. Gleich im ersten Drittel gilt es, den anspruchsvollsten Anstieg zu bewältigen. An diesem Punkt könnten, bei zu viel Engagement und Übermut, die Muskeln ausbrennen. Damit würde der Rest des Rennens zu einer einzigen Qual werden.

Nach diesem Anstieg kommt wiederum eine lange Abfahrt. Auch wenn die keine hohen Geschwindigkeiten zulässt, führt sie aber durch kleine Orte mit engen Straßen und Kurven. Dort ist das Unfallrisiko besonders hoch, denn alle Fahrer werden nach der letzten Kurve wie von der Tarantel gestochen wieder lossprinten, um den Windschatten des Feldes nicht zu verlieren. Das bedeutet, sich sofort aus dem Sattel heben und Vollgas geben zu müssen. Verhaken sich hier auch nur beispielsweise das Schaltwerk eines Rades mit dem Pedal eines anderen, und sind ausgerechnet zwei Fahrer an der Spitze eines Pulkes betroffen, ist der dramatische Dominoeffekt fast schon vorprogrammiert. Unwillkürlich tauchen Bilder einer besonders üblen Massenkarambolage vor einigen Jahren in Tilmanns Erinnerung auf. Er selber hatte den Unfall zwar gerade noch um Haaresbreite umfahren können, sieht aber wieder das Knäuel teils verbogener Räder vor sich. Zwischen und vor allem unter denen lagen die hilflosen Fahrer. Niemand war, Helm sei Dank, schwer oder gar tödlich verletzt, aber es hatte hässliche und schmerzhafte Abschürfungen und Prellungen gegeben. Gerade an den ungeschützten Knien und Ellbogen mischte sich heraussickerndes Blut mit Rollsplit, Staub, Erde oder Resten von Gras. Tilmann hatte, wo er konnte, den gestürzten, vor Schmerz stöhnenden Männern geholfen. Manche waren einfach starr vor Schock, andere fluchten lautstark. Einige weinten still, fast verschämt, vor sich hin.

Nicht weniger gefährlich ist allerdings wiederum das Ende des Rennens, wenn die Fahrer wieder in die Stadt einfahren und viele Kilometer in den Muskeln haben. Dann ist erfahrungsgemäß die Kondition im roten Bereich und die Konzentrationsfähigkeit ein Schatten ihrer selbst. Gleichzeitig wird der Körper von Adrenalin und Endorphinen förmlich durchströmt. Alle Fahrer sind also mehr oder weniger aufgeputscht, während sie durch die Stresshormone ihr Leistungsvermögen überschätzen. Die Gefahr, in diesem Zustand fatale Fehler zu begehen und ausgerechnet noch auf der Zielgerade zu stürzen, ist nicht unbedingt eine der geringsten.

Tilmann schaut seinem Kumpel, seit Jahren sind sie ein eingespieltes Team, in die Augen. Viel und ambitioniert hatten sie für dieses Rennen trainiert: bei gemeinsamen Ausfahrten am Wochenende, dem Training alleine zu Hause auf der Rolle oder beim ausgleichenden „Kacheln zählen" im Schwimmbad.

Jetzt wird sich zeigen, wie viel all dieses Rackern und Trainieren bringt, denkt Tilmann. Mal wieder zählt für den Erfolg heute nicht, wie viel sie in den Jahren davor schon zusammen gefahren sind, die zurückgelegten Kilometer nicht mehr zählen können. Heute zählt für den Erfolg nur, wie fit und konzentriert sie jetzt sind.

Das intensive Training führt nicht nur zu körperlicher Fitness. Es hilft Tilmann auch, den notwendigen, professionellen Abstand zu den belastenderen Patientengeschichten zu bekommen. Wenn er einen anstrengenden Tag hatte, setzt er sich gerne, wenn es Zeit und Familie erlauben, auf sein Velo und strampelt los.

Tilmann erkennt im Blick seines Partners die gleiche Anspannung, die er bei sich spürt, aber auch den Kampfgeist, das Feuer für den Wettstreit und den Drang, sich endlich der Herausforderung zu stellen.

Sie klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und wünschen sich viel Glück.

Dann ist der Sprecher der Veranstaltung zu hören: Er ruft alle Sportler zu einem fairen Wettkampf auf und zählt die letzten Sekunden rückwärts bis zum Startschuss runter. Das beeindruckende Feld setzt sich in Bewegung, zunächst noch langsam: Die Fahrer treten anfangs mit weniger Widerstand in die Pedale, um ihre Muskeln allmählich warm zu fahren und keine Verletzungen zu riskieren.

Die ersten Kilometer führen aus der Großstadt heraus und es gilt, einige Kreisverkehre hinter sich zu lassen. Dann bildet sich ein größeres Fahrerfeld, in dem sich auch Tilmann und sein Kumpel Michael befinden.

»Tilmann, lass uns jetzt einfach die Strecke und die Landschaft genießen, später ist es leider nicht mehr so schön …« Michael hatte bis zum Beginn seines Studiums hier gelebt und kennt sich aus.

Auch bei Tilmann hat sich die erste Anspannung gelegt. Ihm ist ebenfalls nach Plaudern zumute, aber zugleich beginnt sein Ehrgeiz aufzukommen.

»Ja, die Landschaft ist total ansprechend, aber sag mir lieber, wie für dich die Geschwindigkeit ist.«

»Die ist nahezu ideal und wir sollten die nächsten Kilometer so weiterfahren. Dann kommt allerdings bei Kilometer zweiundzwanzig der Anstieg mit fünfzehn Prozent!«

»Aber bis dahin sind unsere Muskeln schön warm gefahren, um es am Berg so richtig krachen zu lassen!«, erwidert Tilmann in Vorfreude grinsend.

»Hey hey … ganz ruhig Brauner!« Michael lacht, weil er Tilmanns Hang zum Übermut kennt. »Pass lieber auf, dass nicht wieder dein Meniskus kracht! Ich hab keine Lust, dich zu den Paralympics zu begleiten, okay?«

Dank viel Windschattens und immer noch ebener Strecke gleiten die beiden relativ locker dahin. Sie kommen zu ernsteren Themen. Michael hatte sich gestern Abend in eine Dokumentation über Entführungen vertieft. Jetzt will er von Tilmann wissen, was bei einem Menschen passieren muss, damit er zum Straftäter wird. Prompt muss Tilmann an seinen unsäglichen Narzissten Theodor Konrad Wolf denken. Der begleitet ihn also sogar bei einem Radrennen, das doch reines Vergnügen bedeuten soll. Er schweigt aber zu dieser unangenehmen Assoziation. Stattdessen versucht er, Michael mit möglichst wenigen Worten zu erklären, wie Menschen unter Umständen kriminell werden können. Mit Erschrecken stellt er dabei fest, wie er das übliche Potpourri bio-psycho-sozialer Erklärungsmodelle herunterleiert: genetischer Einfluss, Lernerfahrungen in der Kindheit, Bildungsaspekte, mangelnde Lebensperspektiven und so weiter. Er war auch schon begeisterter bei der Sache, muss sich Tilmann eingestehen.

Er sträubt sich, das Thema weiter ausführen: Dann wäre er noch im Ziel am Dozieren. Er möchte sich jetzt ganz auf das Radeln konzentrieren und ist gespannt auf den angepriesenen Anstieg, der jetzt unmittelbar bevorsteht.

Dafür sind sie schließlich hier.

Doch dann sind es nur enttäuschende neun Prozent! Am höchsten Punkt der Strecke angekommen, schauen sich Michael und Tilmann nur kurz und wortlos an. Nach all den Jahren wissen sie, was der jeweils andere denkt: Wo soll hier ein Berg gewesen sein?

Jetzt aber steht eine lange Abfahrt mit engen Straßen und Kurven bevor. So bleibt keine Zeit, sich darüber auszutauschen. Stattdessen stürzen sich die beiden ins Getümmel, müssen aber höllisch aufpassen, genügend Abstand zum jeweils vorausfahrenden Fahrer zu halten. Sie sind bis in die letzte Muskelzelle hinein angespannt. Eine Abfahrt mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu siebzig Kilometern in der Stunde hat es mehr als in sich.

Bei Kilometer fünfzig sucht Tilmann erneut Kontakt zu Michael, um festzustellen, wie es ihm geht. Auch wenn der Anstieg weniger Kraft gekostet hat, als sie es sich ausgerechnet hatten, waren die letzten zwanzig Kilometer insgesamt sehr anstrengend gewesen. Immer wieder hatte das Feld die Geschwindigkeit erhöht und sie mussten ihre Zähne zusammenbeißen, um nicht den Windschatten zu verlieren.

»Ich frag mich, wer sich da heute so beweisen muss …«, keucht Tilmann.

»Weißt du doch … irgendein bescheuerter Superalpha ist immer dabei …«

Michael versucht, spaßig zu klingen, aber sein Gesicht wirkt verkrampft. Und offenbar hat er Sitzprobleme: Immer wieder verändert er seine Position.

Bei Tilmann kommen Zweifel auf. Sind sie zu schnell gefahren? Haben sie sich überschätzt? Vielleicht sind sie doch nur noch zwei lahme alte Herren, die das eigene Alter nicht akzeptieren wollen? Er fühlt sich deutlich weniger euphorisch als noch am Anfang. Er hasst diesen berüchtigten toten Punkt eines Rennens von ganzem Herzen. Jedes Mal gibt er sich wieder der Illusion hin, er könne da drum herum kommen. Aber das wird wohl niemals geschehen, konstatiert er innerlich resigniert.

Genau in diesem Moment liest Michael förmlich die Zweifel aus Tilmanns Mimik, grinst ihn an und zeigt nach vorne. »Gleich kommt die Stadt und dann haben wir es geschafft, alter Junge! Und dann haben wir auch keinen beschissenen Seitenwind mehr.«

»Alter Junge? Pass bloß auf!«, blafft Tilmann zurück. »Sag lieber, was machen deine Beine? Ist bestimmt ungewohnt, so ohne Stützstrümpfe …« Er will nicht alleine im Jammertal der ausgelaugten Radfahrer sein.

»Bis zum Ziel wird es bei mir jedenfalls wohl noch reichen«, erwidert Michael mit einem leicht spöttischen Lächeln.

»Tu nicht so, als wäre das Ganze für dich eine Spazierfahrt! Das bringt mich auf die Palme!«

»Tut mir furchtbar leid, Tilmann, nach all den Jahren weiß ich aber, dass dir der Ärger auf mich mehr Energie gibt als dein gepflegtes Selbstmitleid«

Michael hebt sich direkt aus dem Sattel und zieht das Tempo ein letztes Mal an.

Fluchend zieht Tilmann nach.

»Na warte, wer danach schreit, bekommt es auch!«

Im Zielbereich stehen sie mit auf die Lenker gestützten Unterarmen und versuchen, ihre Lungen mit Luft vollzupumpen. Aber es fühlt sich so an, als wenn es nicht genug davon in der katholischen Nachbarstadt gibt. Sie haben definitiv das Maximum aus ihren Körpern herausgeholt und stehen mit zittrigen Beinen vor dem Schloss der Universität. In ihren Köpfen rauscht es momentan. Das Gefühl des Triumphes wird sich erst zeitversetzt einstellen, wenn sie ihre Gedanken wieder sortiert haben werden. Das Hochgefühl wird kommen, wenn sie festgestellt haben werden, dass sie deutlich schneller gefahren sind, als sie sich hätten erträumen lassen.

An der körperlichen Grenze gewesen zu sein und dabei die eigene Leistungsfähigkeit richtig eingeschätzt zu haben, wird für tiefe Zufriedenheit sorgen. Und die wird Tilmann als Puffer im Alltag brauchen. Denn schon bald soll er am eigenen Leib erfahren, dass er nicht weniger als Nerven aus Stahlseilen benötigen wird.

2

Peer schlürft wie in Zeitlupe seinen Kaffee. Die vielschichtig angetrockneten Reste innen und außen um den Rand der Tasse herum verraten, dass er diese mal wieder den zweiten oder gar dritten Tag in Benutzung hat.

Mehr hängt er als dass er in seinem Behandlungssessel sitzt. Der weiße Reisewecker auf dem Beistelltischchen zeigt zehn nach zehn. Einerseits ist er froh, dass er aufgrund einer krankheitsbedingten Patientenabsage eine etwas üppigere Pause bis zur nächsten Sitzung um elf hat. So ein unerwarteter Zeitgewinn hat doch was, zumal er gestern zusammen mit seinem Liebsten Sven und dessen Freunden des Gesangs etwas zu lange dem Baileys gefrönt hat. So verspürt er das Bedürfnis, sich für einige Minuten nur der Müdigkeit und dem Kaffee hinzugeben. Andererseits könnte er aber auch endlich die drei aufgeschobenen Berichte für die Rentenversicherung bearbeiten. Die haben ihn auch heute Morgen wieder vorwurfsvoll aus der Büroablage angestarrt. Aber Peer hasst alle Arten von Papierkram inständig. Er bekommt davon diese spezifische Art von Rückenschmerz, die sich komischerweise nur bei derartigen Erledigungen einstellt. Und will ihn dieser Schmerz nicht eigentlich vor Überanstrengung, vor einem drohenden Tages-Burn-Out schützen? Peer solle, sagt Sven dann gerne, einfach zu seiner „Memmenhaftigkeit, gepaart mit Faulheit und beginnender Demenz" stehen und sich bitte nicht mit Überanstrengung herausreden.

Neben der Wirkung des Kaffees setzt jetzt auch der wachmachende Effekt dieser erinnerten Lästerei seines Partners ein. Peers Körper strafft sich daraufhin, als ob er für einen nahenden Disput mit Sven mobil machen will. Der hat gut reden, ereifert sich Peer. Zum einen ist Sven mit fünfunddreißig immerhin zehn Jahre jünger als er. Zum anderen kann er als freischaffender Architekt im ausgebauten Dachgeschoss der gemeinsam bewohnten Villa seine Arbeitszeiten frei gestalten. Manchmal geht er sogar in einem seiner Seidenpyjamas und ungekämmt rauf ins Büro. Also soll der mal schön den Ball flach halten! Jetzt, wo Peer allerdings an Sven im Pyjama denkt, und wie selbiger dessen geschmeidigen Körper einhüllt, umspielt ein zärtliches Lächeln seinen Mund. Seine vormals müden Augen beginnen wieder zu strahlen.

Er entschließt sich zu einem Kompromiss: Weder bearbeitet er die lästigen Berichtsanfragen, noch bleibt er behäbig und vollkommen untätig im Sessel sitzen. Nein, er erhebt sich mit einem Seufzer und wendet sich einer Notiz auf dem Schreibtisch zu. In der kündigt seine Mitarbeiterin Susanne in Stichworten den neuen Patienten an, der um elf zum Erstgespräch kommen soll.

In der Psychotherapie, egal ob verhaltenstherapeutischer oder tiefenpsychologischer oder sonstiger Prägung, ist ein gelungenes Erstgespräch von hoher Bedeutung. Also, dann schauen wir mal, wen mir der Zufallsgenerator aus Branchenverzeichnis, Internet oder Hausarztempfehlung heute zuführt. Herr Karl Häusler ist sechsundfünfzig, derzeit arbeitssuchender Elektriker, verheiratet mit einer sechs Jahre jüngeren Frau sowie mit zwei zehn und acht Jahre alten Kindern gesegnet, also sind die Häuslers relativ spät Eltern geworden.

Herr Häusler wird also in zwanzig Minuten vor der Tür stehen. Im entsprechenden Feld der Telefonnotiz steht nichts von therapeutischer Vorerfahrung, weder ambulant, noch stationär. Also könnte es sein, dass sein neuer Patient nervös sein wird.

Umso wichtiger, denkt Peer, dass er konzentriert und auf Betriebstemperatur ist. Die erste Sitzung soll mindestens einen guten Eindruck hinterlassen. Jedem Anfang wohnt doch ein Zauber inne: Heißt es nicht so?

Als Grund des Therapiewunsches steht dort lediglich, es gebe seit längerem eheliche Konflikte aufgrund „derzeit unüberwindlicher Glaubensfragen. Herr Häusler sei „zunehmend verzweifelt, seelisch zermürbt, zeige „erste depressive Symptome".

Peer dreht sich rhythmisch auf dem Bürostuhl hin und her und zum ernsten Gesichtsausdruck gesellt sich nun auch noch eine skeptisch hochgezogene rechte Augenbraue hinzu. Hoffentlich ist Häuslers Frau die glaubensfestere von beiden und nicht der Patient selber. Weil damit wäre Herr Häusler wahrscheinlich auch stockkonservativ.

Peer definiert sich, wie viele Homosexuelle beiderlei Geschlechts, eher als politisch liberal denkender, freigeistiger Mensch. Er kann zwar auch mit sehr konservativen Menschen, die als Patienten zu ihm kommen, arbeiten und umgehen. Dabei muss er sich jedoch noch bewusster auf seine Therapeutenrolle konzentrieren. Er unterlässt dann in der Regel Anspielungen auf seine weltanschaulichen Ansichten, und seien sie noch so impliziter Natur. Das geht immer etwas auf Kosten der lockeren Atmosphäre, die Peer gerne in seinen Therapien pflegt. Für die muss aber eben die Wellenlänge in besonderer Weise stimmen. Ausnahmen macht er allerdings bei Patienten, die rechtsextreme, rassistische und Minderheiten feindliche Ansichten verkünden. In diesen Fällen gab es in der Vergangenheit schon spektakuläre Therapieabbrüche von beiden Seiten aus. Aber mindestens kam es dann zu heftigen Disputen. In Ausnahmefällen ging es nach denen, wenn der Zorn verraucht war, sogar weiter mit der Behandlung. Sein Motto lautet in dieser Hinsicht: Bei aller Liebe zur Professionalität darf die Authentizität des Therapeuten nicht vollends unter die Räder kommen und im Radkasten der Beliebigkeit mitgeschliffen werden.

Insofern ist er jetzt sehr gespannt, wer ihm da gleich, auch in dieser Hinsicht, begegnen wird. In den verbleibenden Minuten bis zum Termin gießt er den inzwischen zum Dschungel verdichteten Wust an Grünpflanzen auf der Fensterbank. Auch das eine oder andere vertrocknete Blatt knüllt er in seiner rechten Hand zusammen.

Punkt elf klingelt es dreimal in exakt gleich lang klingenden Intervallen. Sind wir eventuell etwas zwanghaft veranlagt, denkt Peer, während er die Tür mit den etwas altertümlich anmutenden Tiffany-Einsätzen öffnet. Sie stellt den Eingang vom Treppenhaus zum Praxisflur dar. Vorsichtigen Schrittes und mit etwas gequält wirkendem Lächeln kommt Herr Häusler im Treppenhaus um die Ecke. Er streckt Peer schon zwei Meter vor einem möglichen Körperkontakt einen starren rechten Arm entgegen. Der ergreift eine kühle, leicht schwitzige Hand und die beiden Männer begrüßen sich förmlich, aber freundlich. Nachdem er Herrn Häusler ins Behandlungszimmer geleitet, die Versicherungskarte eingelesen und ihm seinen Platz angeboten hat, sitzen die beiden nun einen Moment schweigend voreinander.

Falls Herr Häusler das Gespräch eröffnen möchte, wäre dies Peer lieber, um dem Patienten das Gefühl der Selbstbestimmung zu ermöglichen. Aber der wartet offensichtlich auf die Eröffnung durch Peer.

In Ordnung, denkt dieser, kann ja alles noch kommen.

»Herr Häusler, ich habe hier einige Stichworte meiner Mitarbeiterin zu ihren Beschwerden und Problemen …«

»Die ist sehr nett … übrigens …«, poltert es unvermittelt aus seinem Patienten heraus, »aber das nur am Rande …« Er zuckt zusammen wie ein vorlautes Kind in der Erwartung einer Zurechtweisung.

»Da haben Sie aber vollkommen Recht und ohne meine Frau Vogelsang wäre ich hier gänzlich auf verlorenem Posten!«, versucht Peer, die Atmosphäre etwas aufzulockern.

Herr Häusler reagiert mit einem schüchternen Lächeln.

»Was führt Sie denn eigentlich zu mir, außer der Empfehlung Ihres Hausarztes?«

Letzteres hatte Peer ebenfalls noch der Anmeldung entnommen. »Ach, wissen Sie, Herr Hammer«, beginnt Herr Häusler zögerlich, »der Grund dafür, mich behandeln zu lassen, liegt nicht direkt in mir …«

»Also nicht direkt in Ihnen … Aber dennoch gibt es einen Grund, nehme ich zumindest an?«

»Ja … doch … natürlich … Sonst wäre ich ja nicht hier!«

»Dann bin ich immerhin beruhigt, dass Sie nicht aus purer

Langeweile zu mir gekommen sind«, gibt Peer augenzwinkernd zurück.

»Nein … langweilig wird es bei uns zuhause beileibe nicht … Und genau das ist das Problem! Ich würde mir sogar etwas mehr Langeweile wünschen und weniger Streit.«

»Dem entnehme ich, dass Sie Harmonie durchaus zu schätzen wissen und auf zu viel Streit verzichten können?«

»Um Himmels Willen, Herr Hammer, ich und streiten, Gott bewahre! Ganz im Gegenteil, meine Frau nennt mich eigentlich immer ein Harmonieschwein und hat sich seit jeher aufgeregt, dass ich mich nicht aus der Ruhe bringen lasse … Aber in letzter Zeit ist es verflucht … oh nein, was sag ich denn da …«

Herr Häusler erstarrt und wirkt augenblicklich wie komplett in sich gekehrt.

Peer traut seinen Ohren nicht: Er meint, seinen Patienten etwas wispern zu hören, wobei dieser kaum wahrnehmbar vorund zurückschaukelt. Die Knöchel seiner gefalteten Hände sind dabei weiß vor Anspannung, die Augen mit entrücktem Blick zur Raumdecke gerichtet.

Oh nein, bitte nichts Psychiatrisches, fleht Peer innerlich und bekommt spontan eine Gänsehaut. Dabei hat er selten einen durchschnittlicheren Mann als diesen hier gesehen. Man könnte Herrn Häusler ohne Übertreibung als fleischgewordene Unscheinbarkeit bezeichnen: schütteres, seitengescheiteltes, aber nicht zu graues Haar, blassgrüne, von einer Hornbrille umrahmte Augen, ein nicht sonderlich faltiges Gesicht, symmetrisch und oval, mit länglicher und spitzer Nase sowie leicht fliehendem Kinn. Er trägt eine dunkelblaue Strickjacke mit Zopfmuster über einem karierten Hemd, eine ockerfarbene Cordhose und schwarze Gesundheitsschuhe. Das einzig Auffällige ist höchstens, dass die Hose vor den Knien ungewöhnlich abgewetzt ist. Alles andere an Herrn Häusler ist überaus ordentlich, sauber und korrekt. Allerdings wirkt er, wie viele heterosexuelle Männer seiner Generation in dieser Stadt, eher so, als ob seine Frau ihm die Kleidung aussucht und kauft. Dabei geht es wohl nach dem Motto: Praktisch muss es sein, aber das gewisse Etwas darüber hinaus ist dann leider der reine Glücksfall.

Also, abgesehen davon, dass Peer seinen neuen Patienten für einen Fall für die Modepolizei hält, hat dieser eigentlich nichts an sich, was zwingend auf Verrücktheit hindeutet.

Auch wenn Peer es inzwischen natürlich besser wissen sollte, muss er bei psychiatrischen Fällen nämlich immer noch an Anthony Hopkins in der Rolle des Hannibal Lecter oder Anthony Perkins als Norman Bates in Psycho denken.

»Herr Häusler? Ist alles in Ordnung? Muss ich da irgendetwas wissen?«

Peer spricht bewusst unaufgeregt, will aber dennoch andeuten, dass er das ungewöhnliche Verhalten mitbekommen hat.

Herrn Häuslers Augenlider flattern und er läuft etwas rot an, räuspert sich: »Ja … ach herrje … ist mir das unangenehm. Aber ich glaube, damit sind wir schon beim eigentlichen Thema.«

Und wieder verstummt er, zu Peers Erleichterung jedoch dieses Mal ohne Anzeichen ausgeprägter Entrückung.

»Ich bin ganz Ohr und denke, je früher wir die heiklen Punkte ansprechen, umso besser, oder was meinen Sie?«

Aber will er eigentlich so genau wissen, was „der Punkt" wirklich ist?

Tief im Inneren spürt Peer, dass hier und jetzt eine Nummer startet, aus der er so einfach nicht wieder herauskommen wird. Und es gruselt ihn, selbst wenn der Mann vor ihm kein psychopathischer Kannibale sein oder unbedarfte, singende, weibliche Motelgäste unter der Dusche abstechen sollte.

»Ja, Herr Hammer, Ehrlichkeit währt ja bekanntlich am längsten, nicht wahr?«

Peer nickt kommentarlos.

»Wie soll ich sagen … Also der Streit mit meiner Frau dreht sich um das, was Sie gerade vielleicht gesehen haben mögen … also … Sie kann mir nicht in die höheren Sphären folgen.«

Bitte keine höheren Sphären, denkt Peer, dessen Magen sich zusammenzieht.

»Ich vermute, mit höheren Sphären meinen Sie keine Gebirgswanderungen, auf denen Ihre Frau Sie nicht begleiten will?«, versucht Peer, einen inneren Wall des Humors gegen sein aufkommendes Entsetzen zu errichten.

»Natürlich nicht, nein, ich meine natürlich die höheren Sphären!«, flüstert Herr Häusler, während er sich vorbeugt und Peer verschwörerisch in die Augen blickt.

»Ach so, die … !«, versucht Peer Zeit zum Durchatmen zu gewinnen und ringt um Fassung.

»Genau … Aber eigentlich denke ich, dass Marianne darum weiß, nur sperrt sie sich noch dagegen. Sie meidet so sehr die Konsequenzen, wie der Teufel das Weihwasser! Was in diesem Zusammenhang komisch klingt, ich weiß.«

Herr Häusler schaut bei seinen letzten Worten äußerst erwartungsvoll auf Peer.

Dieser spürt eine enorme Versuchung, den letzten Notausgang aus dieser Behandlung zu nehmen. Er müsste nur sagen Was halten Sie von Medikamenten gegen Wahnvorstellungen? oder Ich kann Ihnen da einen guten Psychiater empfehlen! und auf der Stelle wäre er seinen Neuzugang wieder los. Das gedämpfte Klappen der Haustür wäre das Letzte, was er von Herrn Häusler hören würde.

So einfach könnte es sein, denkt Peer. Aber einfach kann jeder!

Und so hört er sich sagen: »Sie machen mich neugierig! Was hat es denn mit den Konsequenzen so auf sich, die ihre Frau so meidet, wie der Teufel das Weihwasser?«

Sein Patient schaut ihn lange und ausdruckslos an.

»Nun ja«, rafft der sich dann auf. »Zum einen müsste sie sich schon für Einiges entschuldigen, was sie mir in diesem Zusammenhang an den Kopf geworfen hat!«

»Also kann sie Ihnen nicht nur nicht folgen, sondern Ihre Frau hat ganz ausgesprochen und entschieden etwas gegen Ihren Kontakt mit höheren Sphären? Und wenn sie jetzt ein Einsehen hätte, müsste sie ganz enorm zurückrudern? Vielleicht scheut sie die Anstrengung?«

»Ja, so ähnlich«, antwortet sein Patient hastig. »Und wissen Sie, Marianne konnte sich sowieso noch nie entschuldigen, selbst wenn sie etwas einsieht … Und in dieser Sache natürlich erst recht nicht!«

Die Versuchung, seinem Patienten vor den Kopf zu stoßen und ihn damit loszuwerden, ist immer noch da, wenn sie auch gerade etwas schwindet.

Zunehmend reizt Peer etwas an dieser Geschichte, fordert ihn heraus, ohne dass er schon wüsste, warum. Vielleicht ist es sein Hang zu skurrilen Themen, den er hat, solange er denken kann? Vielleicht sucht er in gewisser Weise auch die Auseinandersetzung mit dem Glaubensthema doch mehr, als er sich eingestehen will? Eigentlich meinte er bis jetzt, mit allem „religiösen Kram" abgeschlossen zu haben und dagegen immun zu sein.

Sven ärgert ihn nur zu gerne mit der Aussage, Peer sei ja so dermaßen atheistisch, dass es schon fast wieder Züge religiöser Hingabe habe.

»Sie meinen, Ihre Frau fürchtet womöglich inzwischen den Gesichtsverlust, wenn sie nach all dem, was Sie Ihnen vorgeworfen und angetan hat, zugeben würde, dass Sie Recht haben und, schlimmer noch: die ganze Zeit hatten?«

Herr Häusler nickt heftig, sicher erleichtert, dass er bei seinem Therapeuten offene Türen einrennt.

»Und dann ist sie natürlich auch, sicher unbewusst, darüber wissen Sie aber mehr, Herr Hammer, innerlich von Neid auf meinen direkten Draht nach oben wie zerfressen!«, ereifert sich Peers Patient weiter, jetzt mit geröteten Wangen.

»Wer wäre das nicht, Herr Häusler? Ich kenne verschiedene Menschen, und gar nicht mal nur Patienten, falls Sie das denken, die neidisch wären und denen, ganz unter uns gesprochen, eine direkte Verbindung nach oben nicht mal schaden würde! Aber wie heißt es: Wer es am meisten braucht, bekommt es am wenigsten!«

Peer weiß, dass er sich damit ein bisschen weit aus dem sprichwörtlichen Fenster lehnt, aber er möchte vorsichtig testen, ob Herr Häusler noch einen gewissen Abstand zu seinen Gedanken hat oder schon überzeugt ist im Sinne von Verbissenheit. Er möchte dabei natürlich auf keinen Fall, bei aller Liebe zum Job, aus diesem Fenster herausfallen. Gespannt wartet er auf die Reaktion seines Patienten. Und die kommt prompt. Und sie gefällt ihm gar nicht.

»Herr Hammer, Ihre gute Laune sei Ihnen gegönnt, Ihr Charme und Ihr … wie soll ich sagen … Mutterwitz trifft es vielleicht … ja, der auch … aber Sie haben wohl den Ernst der Lage nicht ganz begriffen!«

Karl Häuslers Augen funkeln wütend und unvermittelt ist jede Schüchternheit von Peers Gegenüber abgefallen.

Ganz im Gegenteil, denkt Peer, verleiht dieser schon fast „heilig" anmutende Anflug von Zorn Herrn Häusler plötzlich eine Aura von Überlegenheit. Er ahnt, dass sich sein Patient nicht nur zufällig im Gestrüpp irgendwelcher fixer Ideen verheddert hat und mal eben im Vorbeigehen aus selbigem befreit werden kann, wie ein armes Lamm aus einer achtlos liegengelassenen Rolle rostigen Stacheldrahts. Nein, diese Ideen sind auch emotional hochgradig aufgeladen! Und Peer meint fast auch schon, das Dopamin in Herrn Häuslers Gehirn, einem munteren Zimmerspringbrunnen gleich, üppig sprudeln zu hören. Und wie sagen die Vertreter der kognitiven Therapie immer so schön? Die sogenannten heißen Kognitionen, die stark mit unseren Gefühlen verbunden

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