Die Flüchtlinge und wir: Reportagen, Analysen und Interviews aus der NOZ zur Migration
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Über dieses E-Book
ein logistischer Kraftakt, und ihre Integration hat gerade erst begonnen. Was sind die
Ursachen ihrer Flucht? Wann endet der Strom? Wie ist Deutschland auf die
Zuwanderung vorbereitet? Was bedeutet der Zuzug wirtschaftlich und sozial für unser
Land? Wie kann Integration gelingen? Und hat die Bundeskanzlerin geltendes Recht
gebrochen? Die NOZ hat in diesem Band die wichtigsten Analysen und Interviews zum
Thema gesammelt, die im Jahr 2015 in der Zeitung erschienen sind.
Den Kern bilden berührende Reportagen aus der Region zur Migration gestern und
heute, die das Leid der Menschen ebenso veranschaulichen wie die Hoffnung und die
Zuversicht, aber auch die Herausforderung. Es sind die Geschichten von Dorothea, Ali,
Swetlana, Jun-Young, Mohammed und vielen anderen. Sie starteten aus den unterschiedlichsten
Gründen in den Regionen Osnabrück und Weser-Ems in ein neues Leben.
Und sie erzählen auch davon, wie wir sie aufgenommen haben.
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Buchvorschau
Die Flüchtlinge und wir - Neue Osnabrücker Zeitung
Die Flüchtlinge und wir
Reportagen, Analysen und Interviews
aus der NOZ zur Migration
Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG
Breiter Gang 10 – 16
49074 Osnabrück
Telefon 0049 (0)541 310-360
E-Mail: ebook@noz.de
Registergericht: AG Osnabrück HRA 3551
Dieser Titel ist auch auf shop.noz.de erhältlich
Sie finden uns im Internet unter: www.noz.de
1. Auflage 2015
© Neue Osnabrücker Zeitung
Redaktion: Burkhard Ewert (Ltg.), Elke Schröder, Carmen Vosgröne (Archiv/Produktion); Julia Knieps (Koordination)
Bildquellenverzeichnis: Jan Ackmann (3), Carola Alge (5), Markus Alwes (1), Katja Butschbach (2), Björn Dieckmann (2), dpa (7), dpa-Grafik (1), David Ebener (4), Familienarchiv Schürmann (3), Familienarchiv Süskind (3), Manfred Fickers (1), Jan Eric Fiedler (1), Simone Fischer (1), Dirk Fisser (4), Frederick Grabbe (4), Michael Gründel (7), Maha Hamo (1), Swaantje Hehmann (4), Dirk Hellmers (2), imago/Hoffmann (1), Jörn Martens (5), Thomas Osterfeld (1), Elvira Parton (1), Stefan Prinz (1), privat (1), Egmont Seiler (1), Gerd Schade (1), Tina Spiecker (1), Hendrik Steinkuhl (1), Marco Urban (1), Gert Westdörp (1), Stefanie Witte (3)
ISBN: 978-3-7375-7900-1
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Aus Osnabrück und dem Osnabrücker Land
Der Hölle entkommen
„Wir werden dich finden, wir werden dich töten"
Raus aus dem Kosovo, rein ins Glück?
Warum der Afghane Maisam sich in Hesepe wohlfühlt
Alles auf Anfang: Maisams Leben in Delmenhorst
Der 16-jährige Afghane Schajan flüchtete alleine nach Osnabrück
Aus dem Emsland
Baby Maya überlebt Flucht in Mamas Bauch
Meppener Patin für syrisches Flüchtlingsbaby Maya
Baby Mayas Familie entsetzt über Terror in Paris
Zuflucht in Papenburg: Sanan Inezan hofft auf Bleiberecht
Aus Delmenhorst und dem Oldenburger Land
Syrischer Arzt lernt Deutsch in der Praxis
Asylbewerber Basel Taifour unterstützt die Delmenhorster Tafel
3. Wir und die Flüchtlinge: Zwischen Hilfe und Überforderung
Der euphorische Augenblick: Das neue deutsche Sommermärchen
Aus Osnabrück und dem Osnabrücker Land
18 Jahre nach stillem Bad Iburger Kirchenasyl: Wir werden gebraucht
Wie leben Flüchtlinge in der Jugendherberge Bad Iburg?
Hochschulen helfen Flüchtlingen
Endlich mal handfest arbeiten: Begegnungstag mit Flüchtlingen
Über den Fußball in die Gesellschaft
Til Schweiger in Osnabrück: Respekt, Respekt, Respekt
Hesepe: Ein Dorf an seinen Grenzen
Leben im Ausnahmezustand: Erstaufnahmeeinrichtung Hesepe
Spendenübergabe in Hesepe eskaliert
Heseper Unterkunft im Umbruch
Aus dem Emsland
Zehn Tage auf dem Weg nach Meppen
Training als Deutschstunde – SV Ahlen-Steinbild hilft bei Integration
Flüchtlinge in Sögel werden Schülerlotsen
Aus Delmenhorst und dem Oldenburger Land
Delmenhorster Tafel kämpft mit Sprachbarrieren
Der tägliche Hass im Internet: Hetze auf Facebook
„Lernen, lernen, lernen"
4. Wie verändert die Zuwanderungswelle Deutschland? Interviews mit Experten
Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba: Kulturell keineswegs zu 100 Prozent anders
DIW-Präsident Marcel Fratzscher: Zehn Milliarden Euro für Flüchtlinge in 2016
Parteienforscher Jürgen Falter: Es erinnert an die Zeit der Republikaner
Islamwissenschaftler Bülent Uçar: Sie wissen, wohin der religiöse Wahn führt
GEW-Vorstand Ilka Hoffmann fordert umfassendes Recht auf Bildung für Flüchtlingskinder
Neurobiologe Gerald Hüther sieht Schule vor dramatischen Veränderungen
Caritas-Präsident Peter Neher: Das wird kein Sonntagsspaziergang
Kanzleramtsminister Peter Altmaier: Tausende haben Großartiges geleistet
5. Anhang
Die wichtigsten Fluchtursachen – und was man dagegen tun kann
Die fünf wichtigsten Routen der Flüchtlinge
Die Soziologie einer Völkerwanderung
Flüchtlingsdebatte in Deutschland: Zwischen Zuversicht und Skepsis
Vorwort
Nur wenige ahnten, was das Jahr 2015 bringen würde: Die größte Welle der Zuwanderung seit Jahrzehnten, und das binnen kürzester Zeit. Die Einwohnerzahl einer Kleinstadt kam über die Grenze – täglich. Eine sechsstellige Zahl von Menschen ist bis heute nicht einmal registriert. Die Probleme sind riesig – die Hilfsbereitschaft aber auch. Überall in der Region engagieren sich Bürger für die Flüchtlinge, spenden Geld und Kleidung, fassen mit an, nehmen heimatlose Menschen bei sich auf.
Täglich haben wir darüber geschrieben, sind in allen Orten der Region unterwegs gewesen, haben zweimal das Thema zum Schwerpunkt von NOZ-Agendawochen gemacht, haben Experten eingeladen, vom Innenminister bis zum Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, haben Dutzende Interviews geführt, vom Bürgermeister bis zum Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, und sind für Reportagen mehrfach selbst ans Mittelmeer und auf den Balkan gereist.
Lesen Sie in diesem Buch die wichtigsten Beiträge nach, mit denen die Neue Osnabrücker Zeitung und ihre Lokalausgaben über die Flüchtlingswelle und die Folgen im Jahr 2015 berichtet haben.
Schönes und Schreckliches liegen dabei nah beieinander.
Ihr
Ralf Geisenhanslüke
Chefredakteur, Neue Osnabrücker Zeitung
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Wer kam, wer ging? Geschichte Deutschlands als Aus- und Einwanderungsland
Von Burkhard Ewert und Franziska Kückmann
Zehntausende Menschen auf der Flucht erreichten im Sommer 2015 die Bundesrepublik. Ein Blick auf die vergangenen Jahrhunderte zeigt: Deutschland hat eine Tradition als Aus- und Einwanderungsland. Immer wieder verließen Menschen ihre deutsche Heimat, um anderswo ein neues Leben zu beginnen. Andere kamen in der Hoffnung, hier eine Perspektive für die Zukunft zu finden. Die Gründe waren unterschiedlich: wirtschaftliche Not, die Furcht um Leib und Leben, die Suche nach Verwirklichung. Eine Übersicht, wer kam und wer ging.
Mittelalter/Frühe Neuzeit
Schon in früheren Jahrhunderten gab es immer wieder Menschen aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands, die ins Ausland gingen, etwa weil sie sich dort bessere Lebensbedingungen erhofften. Ab dem 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert zog es Deutsche in den Osten, zum Beispiel ins Baltikum, nach Ungarn oder Moldawien. Missionare wagten sich für die Verbreitung des christlichen Glaubens in die Tiefen Afrikas, Asiens oder Australiens vor. Auf Einladung der russischen Zarin Katharina die Große gingen viele Deutsche im 18. Jahrhundert nach Russland. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert hinein zog es gerade viele Männer aus Nordwestdeutschland als Wanderarbeiter in die Niederlande: Hollandgänger wurden sie genannt.
USA-Emigration
Bis 1820 kamen etwa 150.000 Deutsche in die USA. Dann stieg die Zahl rasant an. Gründe dafür waren die stetig wachsende Bevölkerung, häufige Missernten und die daraus resultierenden Hungersnöte hierzulande. Zwischen 1820 und 1920 wanderten 5,5 Millionen Deutsche in die USA aus. Allein 1882 kamen 250.000 Deutsche. Sie versprachen sich in Nordamerika bessere Perspektiven und einen sicheren Lebensunterhalt. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts starteten die meisten Auswanderer ihre oft gefährliche Überfahrt ab Bremerhaven. Der Statistik zufolge haben heute knapp 50 Millionen US-Amerikaner deutsche Wurzeln. Sie sind demnach die zweitgrößte ethnische Gruppe nach den Hispanics.
Jüdische Flucht
525.000 Juden lebten 1933 in Deutschland. In den ersten beiden Jahren der Nazi-Herrschaft verließen 60.000 Juden ihre Heimat. Dann ebbte die Auswanderungswelle zunächst ab. Nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 änderte sich das: Juden waren fortan Bürger minderen Rechts. Mehr als 25.000 verließen das Land. Nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 folgte eine weitere Auswanderungswelle. Dieses Mal flohen 40.000 Juden. 1939 waren es noch einmal 78.000. Bis 1945 gelang mehr als 250.000 Juden die Flucht. Die Bedingungen für die Ausreise waren oft schwierig. Viele Länder weigerten sich, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Hinzu kam, dass die Nazis es Juden 1941 verboten, das Land zu verlassen.
Deutsche Vertriebene und Flüchtlinge
Schätzungen von Historikern zufolge waren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 etwa zwölf bis 14 Millionen Menschen von Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung und erzwungener Auswanderung aus den sogenannten Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs betroffen. Unmittelbar nach Kriegsende gab es zunächst vor allem wilde Vertreibungen. Zudem irrten auch unzählige Landverschickte und zuvor verschleppte Zwangsarbeiter durch Deutschland. Ab 1946, infolge der Potsdamer Konferenz der Alliierten, setzte der Versuch der geordneten Umsiedlung ein. Doch auch dabei kam es oft zu Gewalt, Lagerinhaftierungen und Zwangsarbeit. Die bekanntesten Regionen, aus denen die Menschen nach 1945 vertrieben wurden, waren Ost- und Westpreußen, Schlesien, Pommern, das Baltikum sowie die Sudeten- und Wolgagebiete.
Gastarbeiter
In den 1950er-Jahren kam Deutschland wirtschaftlich langsam wieder auf die Beine. Es begann, Anwerbeverträge zur Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte zu schließen. Den Auftakt bildeten die Vereinbarungen mit Italien im Jahr 1955. Es folgten Verträge mit Spanien und Griechenland (beide 1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Rund 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte kamen auf diesem Weg bis 1973 nach Deutschland; elf Millionen kehrten wieder zurück. Die Arbeitsverträge waren in der Regel auf ein bis drei Jahre befristet. Die ausländischen Arbeitskräfte waren überwiegend in un- oder angelernten Bereichen tätig.
Die Suche nach Sinn
Die großen Wellen der Auswanderung dominieren die Wahrnehmung der Emigration. Während der Nazi-Herrschaft, davor in die USA, im Mittelalter Richtung Nordost- und Südeuropa. Bis in die neueste Zeit gab und gibt es aber auch immer wieder Menschen, die sich in kleinerem Rahmen auf den Weg gemacht haben, etwa einer Überzeugung oder der Liebe wegen. Zahlenmäßig sind sie kaum zu erfassen. Hippies gehören dazu, die auf der Suche nach sich selbst zum Yoga-Meister nach Südostasien zogen. Auch Kommunisten, die ihr Glück im Ostblock suchten, oder verfolgte Wiedertäufer wie die Mennoniten, die Enklaven in Nord- und Südamerika schufen. Und ebenso jene, die heute in der globalisierten Welt im Ausland ihre große Liebe gefunden haben.
Aussiedler
Ab 1989 stieg die Zahl der Aussiedler aus Osteuropa in der Bundesrepublik an. Zwischen 1950 und 1992 kamen 2,8 Millionen, davon 1,4 Millionen aus Polen. Allein zwischen 1993 und 2001 kamen dann knapp 1,4 Millionen sogenannte Spätaussiedler nach Deutschland, davon mehr als 1,3 Millionen aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre historischen Wurzeln lagen in der östlichen Siedlungswanderung aus dem deutschen Sprachraum während vergangener Jahrhunderte, die 1763 mit dem Anwerbemanifest der russischen Zarin Katharina die Große begann. Die Zuwanderung war deshalb eine Art „Rückwanderung" nach vielen Generationen, weshalb diese Menschen auch Russlanddeutsche genannt werden.
Asylbewerber in den 1990ern
Bis Ende der 1980er-Jahre stammten zwei Drittel der Asylbewerber in Deutschland aus Staaten der sogenannten Dritten Welt. Wenig später sah das anders aus: 1993 stammten 72 Prozent der Asylanträge vor allem aus Südosteuropa. Gründe waren Krisen wie die Jugoslawienkriege von 1991 bis 1999. Die Zahl der Asylanträge erreichte 1992 ihren Höchstwert von fast 440.000. Untergebracht wurden die Flüchtlinge vor allem in Wohnheimen, Containern oder Zelten. Parallel nahm die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland zu. Die teils tödlichen Gewalttaten – darunter in Hoyerswerda (1991), Rostock, Mölln (beide 1992) und Solingen (1993) – häuften sich und lösten in weiten Teilen der Bevölkerung Entsetzen aus.
Fach- und Arbeitskräfte
Schon jetzt fehlen in Deutschland viele Fachkräfte – und aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich dieser Trend noch verschärfen. Die Wirtschaft setzt deshalb zum einen gezielt auf die Zuwanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte, zum anderen auf die Unterstützung durch billige Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor. Zwei Drittel der Zuwanderer kommen laut Bundesregierung aus EU-Staaten. Seit Mai 2011 gilt in Deutschland volle Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Bürger der zehn im Jahr 2004 zur EU beigetretenen Länder Ost- und Südeuropas, darunter Estland, Lettland, Polen oder Ungarn. Anfang 2014 fielen die Zuzugsbeschränkungen für Menschen aus Bulgarien und Rumänien. Nach beiden Stichtagen blieb die befürchtete Zuwanderung ins deutsche Sozialsystem aus.
Neue Flüchtlinge
Seit 2014 häufen sich die Asylanträge in Deutschland wieder. Von 2013 auf 2014 stieg die Zahl der Anträge um 60 Prozent auf 202.834. Im Jahr 2015 rechnet die Bundesregierung mit bis zu einer Million Asylbewerbern. Grund für die große Zahl sind viele ungelöste Konflikte, allen voran der seit vier Jahren wütende Krieg in Syrien. Unsicherheit und Instabilität nehmen in vielen Teilen der Welt zu. Auch aus Afghanistan, Eritrea und den Balkanstaaten kamen zuletzt viele Flüchtlinge nach Deutschland. Vielerorts werden sie mit großer Hilfsbereitschaft empfangen, aber auch Fremdenfeindlichkeit und Skepsis gegenüber den Neuankömmlingen nehmen spürbar zu. Im ersten Halbjahr 2015 kam es zu 202 Übergriffen auf Flüchtlingsheime.
1. Migration in der Region: Geschichte in Geschichten
Vom Hollandgänger zum Fabrikanten: Der lange Weg der Familie Meyer aus Berge
Von Jürgen Ackmann und Christoph Otten
„Lappiespop. Johann Gerhard Meyer wird dieses verächtliche Wort gekannt haben. Als „stinkende Lappen
bezeichneten viele Niederländer anfänglich im 19. Jahrhundert die deutschen Tuchhändler, die durch ihr Land zogen. Von der langen Reise gezeichnet und arm wie Kirchenmäuse machten sie wohl tatsächlich keinen guten Eindruck. Johann Gerhard Meyer, der Heuermann aus der Berger Bauerschaft Dalvers, war einer von ihnen.
Das Leben als Heuermann war perspektivlos und wirtschaftlich kaum auskömmlich. Kein Wunder, dass im 19. Jahrhundert der Spruch „Besser ein Kind stirbt als die Kuh" die Runde machte. Auch in Berge. Johann Gerhard Meyer, geboren am 18. August 1788, wollte jedoch diesen Kreislauf aus Armut und Resignation durchbrechen – wie viele andere auch. Ausgerechnet den feuchten und eher kargen Böden des Berger Landes gewann Johann Gerhard Meyer eine Zukunftsperspektive ab. Dort wuchs nicht viel, wohl aber der Flachs. Aus dem machten er und die Berger zunächst feines Leinen. Das verwebten sie später mit der Wolle der in den Mooren weidenden Schafe. Das Ergebnis: ein die Feuchtigkeit abweisender Stoff – Wolllaken genannt. Im armen Osnabrücker Nordland kaum verkäuflich, entwickelte sich das Produkt in den reichen Niederlanden zum Verkaufsschlager und machte viele Berger wohlhabend.
Die Wolllaken produzierte Johann Gerhard Meyer zusammen mit seinen Halbbrüdern. Der Verkauf in den Niederlanden erfolgte zunächst zu Fuß mit Kiepe, später – als die Gulden flossen – auch mit Fuhrwerken. Im Laufe der Jahre gewann Johann Gerhard Meyer als Tuchhändler Ansehen. Die holländischen Bäuerinnen freuten sich über die gute Qualität der Ware, zudem erfuhren sie vom weit gereisten Wolllakenhändler interessante Neuigkeiten.
Dann kam der Tag, an dem Johann Gerhard Meyer beschloss, seinen Halbbrüdern ganz die Produktion zu überlassen. Er selbst zog 1822 im Alter von 34 Jahren zu Handelszwecken mit seiner Frau Anna Margaretha nach Burgerbrug, einem kleinen Dorf zwischen Alkmaar und Den Helder. Dort eröffnete er in einem kleinen Haus am Schifffahrtskanal ein Textilgeschäft. Die Verhältnisse waren beengt, zumal das Ehepaar vier Kinder hatte. Auch sonst war Burgerbrug offenbar nicht das Paradies, wie später Gerhard Lucas Meyer, einer der drei Söhne von Johann Gerhard Meyer, schrieb: „Im Übrigen ist die Landschaft hier schrecklich einförmig. Der scharfe raue Seewind lässt den Baumwuchs nur im Schutz der Häuser zu." Und doch lebte Gerhard Lucas Meyer in einem der wirtschaftlich mächtigsten Länder jener Zeit, wie er in der Schule täglich aufs Neue von seinen strengen Lehrern erfahren sollte.
Geld hin, Geld her. Margaretha Meyer fühlte sich in Burgerbrug zunehmend unwohl. Sie sehnte sich nach ihrer Heimat. 1841 war es so weit. Der Umzug war vorbereitet. Es ging zurück nach Berge. Die Brüder von Johann Gerhard Meyer waren inzwischen gestorben. Gleichwohl machte er erneut eine Weberei auf, beschaffte Handwebstühle und führte das Unternehmen mit seinem Sohn Rembert. Gerhard Lucas Meyer, dem das einförmige Land nicht gefallen hatte – besuchte unterdessen in Berge die erste Privatschule in der Osnabrücker Region. Händler, die in den Niederlanden zu Wohlstand gekommen waren, hatten sie gegründet, um kommende Generationen auf das Kaufmannsleben vorzubereiten.
Das Leben der Familie nahm zunächst seinen erfolgreichen Gang. Dann folgte ein Schicksalsschlag. Rembert Meyer erschoss sich. Gerhard Lucas Meyer sprang 1849 ein und kümmerte sich um Buchhaltung und Verkauf. Mit seinem Vater vergrößerte er den Betrieb. 60 Weber arbeiteten in der Blütezeit für die Familie. Die Meyers waren nun nicht mehr Hollandgänger. Sie waren Fabrikanten.
1852 änderten sich die Rahmenbedingungen. Das Königreich Hannover, zu dem Berge gehörte, trat dem deutschen Zollverein bei und bildete mit Preußen ein Wirtschaftsgebiet. Dort gab es bereits Maschinenwebereien. Sie waren der Handweberei von Johann Gerhard Meyer überlegen.
Aber Gerhard Lucas Meyer – der Sohn – war inzwischen ein mit allen Wassern gewaschener Kaufmann. Er überzeugte seinen Vater 1853, den Betrieb schnell zu verkaufen. Ein Kapitel bewegter Familiengeschichte fand so sein Ende – aber nur, um ein noch erfolgreicheres zu schreiben. Gerhard Lucas Meyer übernahm Anteile an einer chemischen Fabrik in Osnabrück, war Mitbegründer der Ilseder Hütte und des Peiner Walzwerkes, aus denen die Salzgitter AG hervorgehen sollte. Am 30. Dezember 1916 starb der Nachfahre einer Hollandgängerfamilie als ein in Deutschland hoch angesehener Industrieller und kaiserlicher Kommerzialrat. All das ist dokumentiert im Haus seiner Eltern in Berge, das sich als Museum der Hollandgängerei widmet. Das Meyer-Haus zeigt, dass Menschen immer Grenzgänger waren.
Gerhard Lucas Meyer: Der Sohn von Hollandgängern war einer der erfolgreichsten Industriellen seiner Zeit. (Jan Ackmann)
Hollandgänger, die es zu etwas Wohlstand gebracht hatten, leisteten sich eine Hundekutsche für ihre Fahrten. Christoph Otten vom Meyer-Haus zeigt ein Bild von Bernhard Tepe. Er kam aus der Berger Bauerschaft Anten. (Jan Ackmann)
Das Haus der Familie Meyer in Berge ist inzwischen ein Museum. Schwerpunkt: die Hollandgängerei. (Jan Ackmann)
Weit im Westen – Auswanderer und ihre Spuren in den USA
Von Dirk Fisser
Der Nordwesten Deutschlands zieht heute Tausende Arbeitsmigranten aus Osteuropa an. Die Hoffnung auf besseren Verdienst bringt die Menschen an die Schlachtbänke und in die Werkshallen der Region. Dabei reichten hier in den vergangenen beiden Jahrhunderten lange Zeit Land und Arbeit nicht, um die Menschen zu ernähren. Zu Zehntausenden kehrten sie ihrer Heimat den Rücken. Das Ziel: die USA. Bis heute finden sich auf der Landkarte Spuren der norddeutschen Auswanderer.
46 Millionen US-Amerikaner haben ihre Wurzeln nach Angaben der US-Statistikbehörde in Deutschland. Es handele sich hinter den Hispanics um Amerikas größte ethnische Gruppe, stellte kürzlich der „Economist" fest. Weil sich die Menschen aber so gut assimiliert hätten, fielen sie kaum noch auf. Die deutschen Einwanderer seien für die amerikanische Kultur so etwas wie die Prise Zimt für den Apfelkuchen.
Es folgt eine Aufzählung mit den unweigerlichen Exportschlagern wie Bratwurst, Bier und dem Kindergarten. Unübersehbare Abdrücke der Teutonen im amerikanischen Alltag, befand der „Economist". Um Spuren der Einwanderer aus Nordwest-Deutschland zu finden, muss man