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Der Herr des Krieges Teil 4: Die Grenzen des Ruhms
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eBook289 Seiten4 Stunden

Der Herr des Krieges Teil 4: Die Grenzen des Ruhms

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Über dieses E-Book

Napoleon kocht vor Wut: seine Marschälle haben bei Talavera wieder eine grauenhafte Niederlage eingesteckt. Der französische Kaiser schwört, dass er Arthur Wellesley, jetzt Lord Wellington, jeden Knochen im Leib brechen wird. Während Bonaparte noch flucht und eine schlecht geplante britische Expedition in Nordeuropa mit einem gewaltigen Reinfall endet, baut Arthur mit Hilfe der Portugiesen heimlich eine gewaltige Befestigungsanlage, um wenigstens Lissabon vor den Franzosen und ihre Verbündeten zu schützen und seine Rückzugslinie zu sichern. Gleichzeitig kämpft er mit dem Mut der Verzweiflung gegen eine Überzahl von Feinden um seinem Chefspion Pater Jack Robertson und dem " Quartett " die Zeit zu geben, in einer gefährlichen und streng geheimen Nacht-und-Nebel Operation das Terrain für eine grosse Offensive nach Spanien vorzubereiten. Der Weg über die Grenze und nach Frankreich ist weit, gefährlich und blutig, doch Arthur und seine Kampfgefährten fangen langsam an daran zu glauben, dass sie das "Monster" Napoleon am Ende vielleicht doch besiegen können, um so diesen grauenhaften und endlos langen Krieg zu beenden.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum29. Apr. 2017
ISBN9783742788757
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    Buchvorschau

    Der Herr des Krieges Teil 4 - Peter Urban

    Kapitel 1 In den Pyrenäen

    Nach seiner Ankunft in Bayonne und der erfolgreichen Vertreibung seines Rivalen Jourdan und König Josephs, vollbrachte Marschall Soult innerhalb von nur zwei kurzen Wochen eine wahre Meisterleistung: Aus dem demoralisierten Nachlaß seiner unglücklichen Vorgänger – vormals die Süd-, Nord-, Zentrums- und Portugalarmee – formte er eine schlagkräftige, neue Streitmacht mit 72.000 Infanteriesoldaten, 7000 Kavalleristen, etwas mehr als 120 Geschützen und einer neuen Identität: Frankreichs Spanienarmee!

    Der Herzog von Dalmatien war ein begnadeter Organisator. Er verfügte über eine geradezu legendäres Gespür für kühne und große Strategien. Er vermochte problemlos, auch das imposanteste Feldheer zum exakt gewünschten Zeitpunkt an der exakt befohlenen Position in Stellung zu bringen! Er war ein Meister seines Fachs! Leider hatte dieser Imperativ immer nur bis zu dem Augenblick seine Gültigkeit, an dem er – die Waffe in der Hand und Kampflust in den Augen – das Feld der Ehre betreten mußte: Nicolas Jean-de-Dieu Soult hatte viele Qualitäten und eine Unpäßlichkeit: Sobald er seine feinen Adler organisiert und positioniert hatte, wußte er absolut nichts mehr mit ihnen anzufangen! Er verstand weder das Schlachtfeld noch den Einsatz von Truppen auf dem Schlachtfeld. Ähnlich, wie sein irischer Gegner sich als Fachmann für Belagerungen im untersten Drittel des Mittelmaßes einordnen mußte, hätte Nicolas dies als Marschall auf dem Schlachtfeld auch tun sollen. Doch im Gegensatz zu seinem Opponenten fehlte ihm hierzu die notwendige Bescheidenheit und die Fähigkeit, seine eigenen Unzulänglichkeiten offen einzugestehen.

    In den beiden kurzen Wochen, die seiner Ankunft folgten, hatte der Herzog von Dalmatien nicht nur die Adler reorganisiert. Er hatte auch seine große Strategie gegen Lord Wellington niedergelegt. An diesem Morgen des 24. Juli 1813 war er von seinem Plan begeistert. Alles sah so logisch aus und war so gut durchdacht: Die rechte Flanke des finsteren Freimaurerfürsten von den Inseln lag isoliert. Ihm war zugetragen worden, daß sie schwach und verwundbar sei und ohne Reserven mitten in den Bergen stand. Lediglich ein paar Spanier und eine kleine Brigade Briten aus irgendeiner Division, die irgendwo weiter hinten auf der Straße nach Pamplona stehen mußte! Wie hatte man ihm so schön gemeldet: Wellington konnte ihm bei Roncesvalles nur seine kleinen Mädchen im kurzen Rock entgegenstellen – schottische Regimenter.

    General Rey, der Kommandeur der belagerten Festung von San Sebastian hatte ihm per amerikanischem Blockadebrecher nach Bayonne zutragen lassen, daß er sich Sir Thomas Graham noch bis zum Jüngsten Tag widersetzen würde, wenn es sein mußte: Er hatte Truppen, Munition und Lebensmittel im Überfluß und die Leoparden bissen sich an seinem Ostwall gerade die Zähne aus. Das dieselben Leoparden ihm das Convento de San Bartolomeo und Santa Catalina weggenommen hatten, verschwieg General Rey natürlich. Er wollte es sich mit seinem neuen Herrn und Meister in Bayonne doch nicht verderben!

    Der Herzog von Dalmatien schlußfolgerte, daß es somit am günstigsten war, elegant über die Pässe von Maya und Roncesvalles hinwegzusetzen, in Spanien einzufallen und das verhungernde Pamplona von Lord Wellingtons Joch zu befreien. Außerdem war der Weg von Pamplona nach Vitoria der Kürzere.

    Zuerst pflanzte sich der Marschall hoch zu Roß vor seinen Adlern auf und verkündete: „Laßt uns den Geburtstag unseres geliebten Kaisers in Vitoria feiern! Wir treiben die Leoparden und ihre Verbündeten über den Ebro zurück und werden erst wieder stehenbleiben, wenn sie an der portugiesischen Atlantikküste im Meer ertrinken. Eure Anführer – Joseph und Jourdan – haben euch um den Sieg betrogen. Ich werde euch eure Ehre zurückgeben!"

    Die Proklamation klang gut! Sie schilderte in leuchtenden Farben eine glorreiche Zukunft. Die Adler sehnten sich seit den Dramen von Salamanca und Vitoria nach einer Gelegenheit, um Rache an den Leoparden zu nehmen. Laut jubelten die Wenigen, die seine Worte deutlich hatten hören können, ihm zu. Weil tausend Männer laut schrien, schlossen die restlichen sich euphorisch an: „Vive l’Empereur! Vive Soult!" Es hatte eigentlich keine Bedeutung, was der alte Gefährte ihres geliebten Kaisers sagte, denn Napoleon selbst hatte ihn geschickt! Napoleon selbst hatte ihm befohlen, Spanien für Frankreich zurückzuerobern! Und jeder einzelne Adler sehnte sich nach Napoleon, der sie – auf seinem stolzen Schimmel Marengo – zu Ruhm und Ehre führen würde, wie er es 20 lange Jahre getan hatte! Sie liebten ihren Kaiser, denn der Soldat Bonaparte hatte sie – im Gegensatz zu seiner Marschallsbande – noch nie enttäuscht. Doch ihr Kaiser war weit weg von ihnen, in Germanien, mit einer anderen ‚Grande Armée’. Die Adler beschlossen, seinem bewährten Leutnant zu folgen und den Ruhm der guten alten Tage von Austerlitz in einem neuen Licht hell erstrahlen zu lassen.

    Man ließ ein Korps am Bidassoa zurück, um ein wachsames Auge auf Sir Thomas Graham und San Sebastian zu werfen. Der Rest der Armee würde den Schlag gegen Pamplona vollziehen und zwar über eine Route durch den historischen Paß von Roncesvalles. Denselben Weg war Frankreichs großer Held Roland gegangen. Das Rolandslied kündete von seinem Ruhm und seinem Tod in den Pyrenäen.

    Soults unglücklicher Vorgänger Jean-Batiste Jourdan hatte bereits über eine ähnliche Variante gegen seinen irischen Gegner philosophiert. Doch bevor er sie umsetzten konnte, hatte sein Kaiser ihn – gemeinsam mit König Joseph – in die Verbannung geschickt. Nicolas, der Herzog von Dalmatien, verfeinerte Jourdans Plan, der ihm zusammen mit allen Papieren des Ex-Königs von Spanien übergeben worden war. Er war ein genialer Stratege! Napoleon selbst hatte es ihm bei Austerlitz bestätigt. Wie ein französischer Meisterkoch ließ er stolz ein Löffelchen Crème Fraîche in seiner Soße zergehen. Der ungeschickte Jourdan hatte nicht so weit gedacht! Er hatte ja auch Spanien verloren: Anstatt nur eine Kolonne loszuschicken, teilte Soult seine Spanienarmee auf. Zwei Drittel sollten ihm selbst, gemeinsam mit den Generälen Reille und Clausel, über den Paß von Roncesvalles folgen. General d’Erlon würde die restlichen 20.000 Adler nehmen, den Paß von Maya freikämpfen, über den Col de Velatte den Weg durch das Bastan-Tal einschlagen und entlang der alten Römerstraße dem Feind direkt vor Pamplona erbarmungslos in die rechte Flanke fallen, während er gleichzeitig die Zange von links zu schließen plante. Natürlich hatte Soult in Jourdans Aufzeichnungen herumgestöbert. Sein unglückseliger Vorgänger hatte Bedenken gehabt: Die Straßen über die Pässe waren sehr schlecht. Nur das Teilstück Bayonne–Saint-Jean-Pied-de-Port hatte einen echten, militärischen Nutzen. Es war möglich, auf der anderen Seite des Gebirgszuges, in schwierigstem Gelände, überraschend in das Gros der Alliierten hineinzulaufen, falls Wellington seine Truppen heimlich konzentrierte, um die Belagerung von Pamplona zu sichern. Navarra war ein partisanenverseuchtes, unwirtliches und hungriges Stück spanischer Erde, in dem die Adler sich kaum würden ernähren können, selbst wenn sie jeden einzelnen Einsiedlerhof zwischen Irun und der Ebene vor Pamplona plünderten. Jourdan hatte immer solche Bedenken gehabt! Ihm fehlte eben das strategische Genie, das Napoleon seinem treuen Soult huldvoll zugesprochen hatte, als er seinem Kaiser den Tag von Austerlitz gerettet hatte! Jourdan war immer schon ein engstirniger, kleiner Revolutionsgeneral gewesen! In seiner Jugend war er sogar dem Träumer La Fayette in die amerikanische Wildnis gefolgt, nur um ein paar halbzivilisierte, ehemalige Sträflinge und Verbrecher in die Freiheit zu führen. Wer war schon Jourdan? Der Mann war nicht einmal klug genug gewesen, sich an den reichen iberischen Pfründen zu bedienen und etwas für seine Familie zu tun. Sollte er heute nur in seinem ärmlichen Landsitz bei Graçay sitzen und sich die Haare ausreißen, weil er nicht wußte, wie er die Mäuler seiner 14 hungrigen Revolutionärskinder gestopft bekam!

    Natürlich begriff Nicolas Jean-de-Dieu, wie gewagt seine Strategie für den Sommer 1813 war: Jeder, der sein Kriegshandwerk ordentlich gelernt hatte, wußte aus den Erfahrungen der Geschichte, daß es riskant war, zwei Kolonnen von zwei unterschiedlichen Orten, über zwei unterschiedliche Routen loszuschicken und darauf zu spekulieren, daß sie sich pünktlich am vereinbarten Ort wiederfanden, um sich gemeinsam mit einem Gegner zu schlagen. Meist wurde das eine Korps, getrennt vom anderen aufgerieben, weil die Verstärkung durch die Unwägbarkeiten des Krieges Verspätung hatte. Dann konnte der Nachzügler meist nur noch auf einem von Toten und Sterbenden übersäten Feld konstatieren, daß man hoch gespielt – und verloren hatte! Doch Friedrich, der Preußen großer Feldherr, hatte es bei Königgrätz getan, und Napoleon war es 1806 bei Jena und Auerstedt gelungen. Selbst der verdammte Sepoy-General brachte solche Kunststücke fertig. Jourdan und Joseph waren bei Vitoria daran gescheitert! Soult wußte um sein organisatorisches Talent. Immer gelang es ihm, alle Adler pünktlich dort aufmarschieren zu lassen, wo sein Kaiser sie haben wollte. Was waren schon diese Pyrenäen für den besten Strategen des französischen Reiches?

    Soults großer Plan hatte überwältigende Vorteile: Mit etwas Glück würde er den Hauptteil seiner gesamten Spanienarmee an seiner äußersten, linken Flanke konzentrieren können, noch bevor Lord Wellington ein entsprechendes Gegenmanöver vollzog. Bei Roncesvalles standen so lächerlich wenig Leoparden in der Landschaft herum, daß er durch die rechte Flanke des Iren schneiden konnte, wie ein heißes Messer durch ein Stück normannischer Butter: Der bewährte Clausel würde den Frontalangriff führen, Reille vier Meilen weiter östlich über einen Maultierpfad bis zum Lindus-Plateau hinauf in die Pyrenäen ziehen und dann dem Sepoy-General die Überraschung seines Lebens besorgen. Der Herzog von Dalmatien hörte Napoleon schon bewundernd ausrufen: „Soult, du bist der beste Stratege in meinem ganzen Reich!" Wie in den guten alten Tagen, als Frankreichs Stern noch hell über ganz Europa leuchtete! Wie in den guten alten Tagen, als er seinem Kaiser den Tag von Austerlitz gerettet hatte!

    Während Marschall Soult dazu ansetzte, die große, französische Sommeroffensive gegen Spanien zu starten, durchlitt sein irischer Gegner Augenblicke schlimmster Ungewissheit, denn sein Nachrichtendienst funktionierte so vorzüglich, daß ihm auf der anderen Seite des Bidassoa, im Feindesland, so gut wie nichts verborgen blieb: Pater Jack Robertson und sein Quartett, Späher der Guerilleros, Späher der britischen Regimenter, Sir James Dullmores Informantenheer im französischen Teil des Baskenlandes, sie alle warfen ihn mit großen und kleinen Nachrichten jeder Art zu. Damit verfügte er einerseits über zuviel Information, doch andererseits hatte er noch zu wenige Details über die wirkliche Stoßrichtung der Adler, um schon handeln zu können. Man hatte ihm minutiös jedes einzelne Detail von Soults Reorganisation der zertrümmerten Armeen König Josephs zugetragen. Selbst die genaue Anzahl und die Kaliber der Ersatz-Artillerie, die die neue Spanienarmee aus Bayonne bekommen hatte, lagen auf seinem Arbeitstisch. Jose Etchegaray war in der letzten Nacht erschöpft und schmutzig in sein Turmzimmer in Lesaca gestürzt, um ihm zu erklären, daß die Adler bei Urrune zwei vollständige Pontonbrücken liegen hatten, die lang genug waren, um den Bidassoa an der breitesten Stelle zu überspannen. Oberst Grant und Jack Robertson waren verkleidet und verwegen nach Frankreich geschlichen, um Adler zu zählen. Seit den Morgenstunden dieses Tages wußte Arthur auch um die Ordre de Bataille und um die größte Truppenkonzentration vor Saint-Jean-Pied-de-Port.

    Daneben schrieb ihm General O’Donell täglich aus Pamplona. Es waren weniger Depeschen, als Klagebriefe: Die eingekesselten Franzosen hatten bereits alle Ratten gefangen, gebraten und aufgegessen. Doch sie wollten einfach nicht die weiße Fahne hissen! Sie machten sich nun offensichtlich daran, ihre leeren Mägen mit den Mäusen und Spatzen zu füllen, die Pamplona noch reichlich bevölkerten.

    Aus San Sebastian benötigte Arthur keine Depeschen: Er hatte zwei Ohren und die genügten ihm! Ohne große Mühen konnte er jeden einzelnen Kanonenschuß mitzählen, den General Graham im Verlauf eines langen Tages in hilfloser Wut gegen die mächtigen dreifachen Wälle feuerte. Die Truppenkonzentration des Gegners deutete auf einen Schlag gegen San Sebastian hin. Die Pontons bei Urrune schienen dies zu bestätigen und die verdammte belagerte Festung wollte und wollte nicht fallen, genausowenig wie die zweite, verdammte Grenzfestung einfach nicht verhungern wollte. Seit dem Tag, an dem Arthur erfahren hatte, daß Jourdan und Joseph von Soult abgelöst worden waren, bereitete er sich in seinem Inneren auf eine große, feindliche Sommeroffensive in kürzester Zeit vor. Er hatte von Anfang an gespürt, daß ihm für San Sebastian maximal zwei Wochen gegeben waren, denn Soult war ein großartiger Organisator. Er vermochte in vierzehn Tagen, aus jedem demoralisierten, dahinsiechenden Kadaver wieder ein Feldheer zu formen. Er war auch ein glänzender Redner, der den Entmutigten wieder Kraft einflößen konnte und Kampfgeist und revolutionären Eifer ...

    Arthur war ein erbärmlicher Redner! Was Ansprachen vor dem Feldheer anging – er verstand sich darauf noch weniger als auf Belagerungen, und für gewöhnlich ersparte er sich und seinen Leoparden alles, was über ein paar kurze Befehle hinausging: Gloire! Victoire! Allons Enfants de la Patrie ...! Wenn man sich vor 60.000 Mann stellte, um ihnen irgendwas von König, Vaterland und Englands Ruhm zu erzählen, dann hörten einen sowieso nur maximal die 200 Leoparden, die einen in ihrer Aufregung und in ihrem Überschwang fast vom Pferd stießen! Wenn er Schach spielte, hielt er den Mund und dachte nach. Arthur spielte leidenschaftlich gerne Schach, wenn er Zeit hatte und einen interessanten Gegner! Soult war ein solcher und er hatte alle Zeit der Welt und ein riesiges Schachbrett. Es war fast eintausend Quadratmeilen groß, an der längsten Seite erstreckte es sich über 40 Meilen, zwischen Irun und der Straße nach Pamplona. Er hatte 60.000 Schachfiguren aufgestellt und alle möglichen Züge durchdacht. Er wußte, daß seine roten Bauern, Springer und Türme ihn gegen jeden möglichen Zug der blauen Figuren wappneten. Er konnte Soult jederzeit einen sauberen Schuß vor den Bug versetzen und ihn höflich, aber bestimmt darum bitten, wieder über die Grenze nach Spanien zu verschwinden. Er hatte ein untrügliches Auge für die Topographie. Er verfügte über gute Karten der Berge und Navarras. Doch mehr noch als alles Papier der Welt half ihm sein Aussichtsturm in der Mitte der Frontlinie und seine langen, einsamen Ritte zwischen der Küste und den verschiedenen, alliierten Stellungen im Landesinneren. Sein Dilemma war in diesem Augenblick nicht das Wie gegen die Adler, sondern das Wo. Er mußte entscheiden, wo er seine Korps konzentrierte oder zumindest einen Schulterschluß über einen großen Frontabschnitt vollziehen. Ansonsten konnte man seine Flanken aufrollen, ihn umgehen und den Leoparden in den Rücken fallen. Doch für diese Entscheidung brauchte er Soult! Der Herzog von Dalmatien spielte Weiß. Er mußte, nach den Regeln des Schachspiels den Eröffnungszug tun.

    Sein menschliches Torres Vedras, das sich in einer irregulären und filigranen Linie zwischen Irun und dem Paß von Roncesvalles erstreckte, war in jeder Hinsicht eine ideale Lösung, um den Franzosen Einhalt zu gebieten. Es war Unsinn, irgendwelche bestimmten Abschnitte halten oder befestigen zu wollen. Berge konnte man nicht halten und Schluchten waren nicht zu befestigen! Das ganze Geheimnis seiner Strategie war eine Möglichkeit, leicht und elegant zu manövrieren; entweder auf San Sebastian, oder auf Pamplona. Was wirklich zählte, wie immer, wenn der Ire sich dazu durchrang, ein Schlachtfeld zu betreten, waren die lateralen Kommunikationslinien, die hinter der eigentlichen Front seine einzelnen Truppenteile sicher miteinander verbanden.

    Es war Soults Vorrecht, ihn zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort, ohne Vorwarnung anzugreifen. Danach würde der Franzose auf einen ständig wachsenden, alliierten Widerstand stoßen: Irun, Maya und Roncesvalles waren die Haupteinfallstraßen nach Spanien. Es waren die einzigen Wege, die Kolonnen mit schwerem Gerät guten Gewissens nutzen konnten. Nach den Bergen ging es hinunter in die Täler und immer weiter ins Landesinnere von Navarra. Es war ein beschwerlicher und ungewisser Weg!

    Arthur hatte sich seine Karten für das große Spiel gut gelegt. Wie ein baskisches Fangeisen für Bären würde die Falle zuschnappen, wenn Soult es am wenigsten erwartete. Es gab nur eine Sorge, ein großes Problem: Die Falle hatte keinen Automatismus! Er mußte im Gebüsch versteckt liegen und im richtigen Augenblick an der Schnur ziehen, um den schrecklichen Mechanismus auszulösen und die französische Tatze zu zermalmen. Darum wollte er unbedingt wissen, an welcher Stelle die Adler sich herumtrieben. Schließlich mußte er sich verstecken, um sie abzupassen!

    In den Augen des Iren war der Weg über Irun gegen San Sebastian die militärisch vernünftigere Lösung. Er war Soult einige Male auf dem Schlachtfeld begegnet und hatte die Probleme und Unzulänglichkeiten seines Kontrahenten ganz ordentlich analysiert. Der Mann war ein großartiger Organisator, aber wie man eine Schlacht führte, wußte er doch nicht so recht! Sich einer solchen Unzulänglichkeit bewußt seiend und dann ausgerechnet den schlimmsten Weg nach Spanien zu wählen – die Pässe –, um sich alle 50 Yards mit einem Haufen bösartiger und zähnefletschender Leoparden herumzuprügeln, die sich in den Bergen viel besser zurecht fanden, als all seine Adler zusammen, grenzte an kriminellen Leichtsinn. Als Soult damals am Coa kampflos aufgegeben hatte, hatte er sehr verantwortungsbewußt und vernünftig gehandelt. Mußte man daraus nicht einfach die Schlußfolgerung ziehen, daß der berühmte Soldat es dieses Mal wieder so anging und sich nicht von Emotionen, sondern von seinem rationalen Geist leiten ließ?

    Er schrieb eine Depesche an Sir Thomas Graham. Darin empfahl er seinem General den Sturm der Festung zu versuchen. Dies, obwohl er Zweifel an den Breschen hatte! Doch Zeit war ein rares Gut: Die Leoparden hatten das Convento de San Bartolomeo genommen und auch Santa Catalina und eine Vorstadt. Die Trommeln des Krieges schlugen laut von der anderen Seite der Grenze nach Spanien hinein. Er konnte sie fast genausogut hören wie das Grollen der Kanonen vor San Sebastian. Vielleicht geschah ja ein Wunder! Im Krieg gab es keine Gewißheiten, nur Hoffnungen, Wünsche und Träume. Obwohl die Spannung fast unerträglich wurde, beschloß Englands Feldmarschall um seines Glaubens an ein Wunder Willen, Sir Thomas noch 24 Stunden Galgenfrist einzuräumen, bevor er seinem Feldheer endgültige Befehle bezüglich ihrer Dispositionen zukommen lassen wollte. Er schrieb für jede der beiden Varianten – Irun oder die Pässe – entsprechende Marschbefehle nieder, ordnete sie sorgfältig und legte sie mit einem Deckblatt ‚Pamplona’ und einem Deckblatt ‚San Sebastian’ gut sichtbar auf seinen Arbeitstisch. Im Ernstfall wollte er nicht, daß irgend jemand lange herumsuchen mußte. Dann stieg er zu den Zinnen des Wehrturms hinauf, setzte sich auf die Balustrade, starrte in Richtung Atlantik und hörte dem Grollen der Kanonen zu.

    „Mylord!, riß eine vertraute Stimme ihn Stunden später aus seinen Gedanken, „Sie sollten wenigstens versuchen, etwas zu essen! Sir James Dullmore hatte den Weg bis hoch zur Spitze des Hauptquartiers gemacht. Sergeant Dunn hatte ihm Kaffee und einen gefüllten Teller auf ein Tablett gestellt.

    Dankbar nahm Arthur die Tasse. Das Abendessen verweigerte er, so wie er seit Tagen schon alles ablehnte, was der besorgte, alte John in ihn hineinzustopfen versuchte. Soult lag ihm wie ein Stein im Magen: „Es hat keinen Sinn, mein Junge!"

    Der Oberst wollte kehrtmachen und wieder die Treppen hinunter steigen, um Englands Feldmarschall mit seinen Gedanken alleine zu lassen. „Nein, Jamie! Bleiben Sie ruhig! Nur das Essen hat im Moment keinen Sinn!", holte Wellington ihn zurück.

    Dullmore stellte das Tablett auf die Stufen und setzte sich neben ihn auf die Balustrade. Lange schwiegen die beiden Soldaten sich einfach an. Der Kommandeur der 33. Infanterie lauschte den Kanonen genausogebannt wie sein Vorgesetzter, und bei jedem Schlag, der durch die Berge dröhnte, krampfte sein eigener Magen sich genausoschmerzhaft zusammen wie der von Sir Arthur. Der Oberst hatte San Sebastian, als er noch bei den Partisanen gewesen war, gründlich studiert. Er wußte, wie sinnlos Sir Thomas Grahams Unterfangen war. Und er wußte, daß Sir Arthur es auch wußte, obwohl der nichts anderes tun konnte, als seiner Chimäre nachzujagen, in der Hoffnung, vielleicht doch Glück zu haben. Jeder dumpfe Knall bedeutete Blut, Tod und Verwüstung!

    „Was geht Ihnen durch den Kopf, Jamie?", fragte Wellington irgendwann. Seine Stimme hatte einen traurigen Klang. Er fühlte, genau wie sein junger Oberst, daß jeder Schuß gegen die Wälle vergeudetes Pulver und – noch schlimmer – vergeudetes britisches und alliiertes Blut war!

    Dullmore wendete sich Sir Arthur zu. Mit der Rechten mußte er sich an einer der Zinnen festhalten, um sein Gleichgewicht auf der uralten, brüchigen Balustrade nicht zu verlieren. Seit er seinen Partisanenbart abrasiert hatte und das Haar wieder militärisch kurz geschoren trug, fiel dem Iren auf, wie jung der Schotte eigentlich war. Als ob sich seine Reitsporen noch in der Schürze der Amme verhedderten, wenn er nicht aufpaßte. Der kalte Schleier hob sich über seinen Augen. Er liebte diesen brillanten, jungen Offizier wie einen eigenen Sohn. Es gab Augenblicke, da wünschte er sich, das Jamie und Fitz und Colin und Antonio seine richtigen Söhne wären und nicht diese beiden unbekannten Kinder in einem fernen Land zu denen er keine Beziehung hatte und für die er nichts empfand, außer einem Gefühl der Pflicht!

    „Mylord, ich bin heute früh nach San Sebastian geritten. Die Bresche ... Sie werden es nicht schaffen! Es wäre das Vernünftigste, sich mit San Bartolomeo zufrieden zu geben und wie in Pamplona einfach abzuwarten! Rey wird eines Tages nachgeben müssen."

    Arthur nickte: „Sie haben heute immer noch genauso recht wie vor zwei Wochen, als wir zusammen bei Sir Thomas waren, mein Sohn! Aber vielleicht haben wir ja Glück ...!" Er zuckte ein wenig hilflos die Schultern. „Der Krieg ist ein großes Spiel ... Manchmal geschehen Wunder, die wir nicht erwarten ... Vauban ist eine Sache, der Mut der Verzweiflung eine andere! In unserem Geschäft haben beide hohen Stellwert! Nur wenn ich weiß, wohin Soult sich bewegt, werde ich entscheiden, ob wir den Belagerungsapparat wieder einschiffen und vorerst die Aktionen gegen San Sebstian einstellen. Kommt er über Irun, schlagen wir uns vor der Stadt. Der Geschützpark ist eine feine Sache gegen die Adler! Es sind wieder einmal mehr als wir Leoparden haben ... Kommt er über die Pässe, schlagen wir uns im Tal des Baztan und in den Bergen. Dann sind die Kanonen hinderlich. Im Landesinneren brauche ich Infanterie, Infanterie und noch mehr Infanterie ... Aber bevor ich den Befehl zum Abbruch gebe, muß der alte Fuchs den ersten Zug tun! Er spielt weiß. Und wenn die Adler sich aus Versehen nicht rühren sollten, werden wir einfach weitermachen und belagern, belagern, beschießen, graben etc. ... Entweder bis diese verdammte Festung fällt, oder bis ich Neuigkeiten aus Germanien erhalte. Im Augenblick hängt nicht alles von meinem Willen ab, Jamie: Werden die Russen und die Preußen sich wegen dieses unglücksseligen

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