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Es bleibt für immer ein Geheimnis
Es bleibt für immer ein Geheimnis
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eBook363 Seiten5 Stunden

Es bleibt für immer ein Geheimnis

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Über dieses E-Book

Ein voll besetzte Cessna Citation II, gestartet in Berlin-Tempelhof, stürzt während des Landeanfluges auf Salzburg ab. Bei dem Absturz verlieren alle Passagiere wie auch die beiden Piloten ihr Leben.
Ein unversehrter Diplomatenkoffer wird in den Trümmern an der Absturzstelle gefunden und ist nach erstem Anschein in Verbindung mit den prominenten Passagieren eine Zeitbombe für den Berliner Senat.
Die SOKO Cessna wird nach Bekanntwerden der Umstände gebildet. Bei den Untersuchungen tauchen unterschiedliche Motive wie auch mutmaßliche Täter auf. Doch nach nur wenigen Wochen werden die Untersuchungen eingestellt. Ein Pilotenfehler in Verbindung mit einem Spannungsausfall in dem Flugzeug wird für den Absturz verantwortlich gemacht.

Frank Bremer vom LKA 44 – Einbruchsdelikte wird auf den Fall aufmerksam. Denn einen Tag vor dem Absturz ermittelte er auf dem Flughafen wegen eines Einbruchs, bei dem die Cessna eine zentrale Rolle spielte. Bei seinen Ermittlungen stößt Bremer auf Erpressung, illegale Goldtransporte und einen Versicherungsbetrug.
Doch Beweise verschwinden und scheinbar sichere Spuren verlaufen im Sand. Nach einem zermürbenden, unerträglichen Tag ist er physisch wie auch psychisch am Ende und bereit aufzugeben. Doch ein anonymer Anrufer gibt ihm einen Tipp. Zielsicher geht er diesem Hinweis nach und findet die unfassbare Verbindung, die alle Motive wie auch Verdächtigen zu einem einzigen Täter werden lässt.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum30. Mai 2017
ISBN9783745046427
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    Buchvorschau

    Es bleibt für immer ein Geheimnis - Philipp Porter

    Kapitel 1

    Andreas Stein nahm den Fuß vom Gaspedal und ließ den BMW ausrollen. Bereits bei der Anfahrt, noch vom Haupttor aus, hatte er sich über die Autos gewundert, die direkt vor Hangar 12a parkten. Und jetzt, da er den beiden weißgrünen Wagen immer näher kam, wurde er nervös.

    Mit einem kurzen, hektischen Blick überflog er das Flughafengelände vor ihrem Hangar. Es war nichts Auffälliges zu erkennen, sah er von den zwei Polizeifahrzeugen, einem in die Jahre gekommenen grauen Audi mit Berliner Kennzeichen und einem E-Klasse-Kombi, ebenfalls mit Berliner Nummer, einmal ab.

    Steins Blick blieb verbissen an den weißgrünen Polizeiwagen hängen, während er näher und näher an sie heranrollte. In seiner Magengegend breitete sich ein ungutes, ihm aber bekanntes Gefühl aus. Er spürte, wie sein Mund langsam trocken wurde und wie sich kleine, kalte Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten.

    Er hatte in den letzten Monaten ständig ein ungutes Gefühl gehabt, wenn ihm ein Polizeifahrzeug zu nahe kam, und suchte, wenn irgendwie möglich, sofort das Weite. Doch an diesem eiskalten Februarmorgen, an dem er am liebsten zuhause in seinem Bett geblieben wäre, ging es nicht. Einerseits, weil Gordon Miller – sein neuer Kopilot – neben ihm saß und ebenfalls neugierig das Gelände musterte, und andererseits, da sie in einer Stunde einen Flug nach Salzburg hatten.

    Aufgeregt fing Miller, der in Steins Augen durch Ausdruck, Gestik und Konservatismus das königliche Großbritannien in reinster Form verkörperte, an zu plappern: „Was ist da los? Ein Einbruch? Vielleicht hat Wagner ein … wie sagt man hier … ein krummes Ding gedreht? Es könnte auch sein, dass …"

    Weiter kam Miller nicht. Stein unterbrach seinen Redefluss abrupt und schrie ihn wüst an: „Sei still! Du machst mich vollkommen verrückt!"

    Miller zuckte bei diesem für ihn völlig unerwarteten Wutausbruch seines Kollegen zusammen. Ruckartig fuhr er zu Stein herum und wollte ihm wegen dieser rüden und vollkommen unbegründeten Behandlung – die er keineswegs verdient hatte – etwas entgegenwerfen. Doch er ließ es. Steins kalte, zornige Augen, die ihn bewegungslos anstarrten, hielten ihn davon ab.

    *

    Der BMW rollte zwischen den geparkten Polizeifahrzeugen aus, und noch ehe Stein den Motor abstellen konnte, öffnete Miller die Beifahrertür und stieg aus dem Wagen. Beleidigt, ohne noch weiter auf Stein zu achten, marschierte er mit hoch erhobenem Kopf in Richtung Hangar 12a davon.

    Stein blieb im Wagen sitzen und versuchte diese merkwürdige Situation irgendwie einzuschätzen. Während seine Finger mit den noch immer im Zündschloss steckenden Schlüsseln herumspielten, überlegte er krampfhaft, was in dem Hangar los sein könnte. Sollte er wieder fahren oder sollte er sich der Situation stellen? Wenn er jetzt fahren würde, wäre er sofort verdächtig, auch wenn er mit der Sache – was auch immer hier geschehen war – nichts zu tun hatte. Doch sollte die Polizei wegen ihm und Wagner hier sein, würde er ihnen direkt in die Arme laufen und das wäre mit Sicherheit eine Dummheit. Er hatte keine Lust, für eine Sache, in die er aus reiner Naivität hineingeschlittert war, ins Gefängnis zu gehen.

    Während Stein die Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen versuchte, verrann die Zeit. Als sich nach Minuten vor dem Hangar noch immer nichts regte, zog er beherzt den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus.

    Langsam, noch immer mit dem unguten Gefühl in der Magengegend, das sich verstärkte, je näher er dem Hangar kam, lief er auf das weit geöffnete Tor zu. Er war bei jedem seiner Schritte darauf gefasst, dass aus irgendeiner Ecke Polizisten auf ihn zustürmen würden; doch nichts geschah.

    Mit jedem Schritt, der ihn dem Gebäude näher brachte, versuchte er im Innern der düsteren Halle etwas zu erkennen. Doch außer ihren zwei Flugzeugen, die schemenhaft im hinteren Teil des Hangars auszumachen waren, dem kleinen roten Traktor, den sie benutzten, um die Maschinen auf dem Flughafengelände zu bewegen, und einigen halb geöffneten Werkzeugkästen war nichts zu erkennen.

    Erst als Stein in den dunklen Hangar hineintrat und das gleißend helle Morgenlicht hinter sich ließ, sah er, was los war. Zwei Männer in verwaschenen Jeans und schwarzen Lederjacken kletterten gerade von einer Stehleiter herab, die unterhalb eines Lüftungsgitters stand. Sie warfen ihm einen kurzen Blick zu, kümmerten sich dann aber um die Leiter und beachteten ihn nicht weiter. Zwei andere, einer davon in Polizeiuniform, untersuchten die Tür der Cessna, seines Flugzeugs. Schon von Weitem erkannte Stein die typische Handbewegung und einen großen Pinsel, mit dem feines Graphitpulver auf einer Fläche aufgetragen wurde, um Fingerabdrücke abzunehmen.

    Stein schaute sich weiter in dem Hangar um. Sein Blick blieb an einer kleinen Gruppe von Leuten hängen. Sie standen dicht neben dem Büro, das an der linken Außenwand des Hangars klebte und wie ein gläsernes Geschwür an der riesigen, dunklen Wand wirkte. Er erkannte Otto Wagner, seinen Chef, Christian Welder von der Flughafengesellschaft, dem das Sicherheitsmanagement unterstand, und natürlich Miller. Die beiden anderen Männer, wieder einer in Polizeiuniform, hatte er bisher noch nie gesehen.

    „Ah, Stein! Da sind Sie ja. Wir hatten gerade von Ihnen gesprochen, rief ihm Wagner mit brummiger, tiefer Stimme lautstark entgegen. Er winkte ihn dabei mit einer ausladenden Armbewegung zu sich. „Im Hangar wurde heute Nacht eingebrochen. Wie es scheint, haben sich die Jungs aber nur für die Cessna interessiert. Die Herren hier sind vom LKA und untersuchen den Fall.

    „Guten Morgen", sagte Stein freundlich zu den Beamten, als er nur noch wenige Schritte entfernt war, und fühlt sich zugleich erleichtert. Sie waren nicht seinetwegen gekommen. Sie waren wegen eines simplen Einbruchs hier und hatten von den Dingen, die zwischen Wagner und ihm liefen, keine Ahnung. Beherzt streckte er den beiden Beamten die Hand entgegen und begrüßte gleichzeitig Welder mit einem vertrauten Lächeln.

    „Und? Was wurde gestohlen? In der Maschine ist nichts, was für einen einfachen Dieb von Wert sein könnte."

    „Ja, das haben wir auch schon festgestellt. Wir fragen uns daher, ob Sie uns vielleicht weiterhelfen können. Was ist so interessant an der Cessna, an Ihrem Flugzeug?, fragte einer der Beamten herausfordernd. Er ließ Steins Hand dabei nicht los und starrte ihn mit einem gekonnten, durchdringenden Blick an. „Oh, entschuldigen Sie, Frank Bremer, LKA 44, Einbruchsdelikte.

    Die drahtige Figur, der mausgraue Anzug, der von einem schweren Mantel fast verdeckt wurde, und das kantige Gesicht wirkten auf Stein irgendwie bedrohlich. Auch Bremers wässrig blaue Augen irritierten ihn. Und plötzlich fiel es ihm ein: Er hatte solch einen Menschen in einem alten Kriegsfilm, in dem Gefangene mit sehr fragwürdigen Mitteln verhört wurden, gesehen. Auch sein Großvater, der vor vielen Jahren verstorben war, hatte ihm als Kind von solchen Leuten erzählt. Seither mochte er niemanden, der ihn an diese Geschichten erinnerte, und sein Unterbewusstsein schien sich schneller Gehör zu verschaffen als sein Verstand.

    Erneut bildeten sich kleine Schweißperlen auf seiner breiten, kantigen Stirn und insgeheim verfluchte er sein zu schwaches Nervenkostüm in solchen Situationen. Er konnte nicht wissen, was die Einbrecher in der Maschine gesucht hatten. Aber allein die Tatsache, dass er wusste, was mit der Cessna war, ließ seinen Pulsschlag emporschnellen.

    Krampfhaft versuchte er, an etwas anderes, etwas Schönes zu denken. Er wollte nicht noch nervöser werden, als er bereits war. „Nein. Woher soll ich denn wissen, was ein Einbrecher in der Maschine gesucht hat", blaffte er trotzig, mit aggressiver Stimme zurück und war selbst erstaunt über seinen Tonfall, den er gegenüber dem Beamten anschlug.

    „Wo waren Sie heute Nacht?", setzte Bremer nach, ohne auf die patzige Antwort einzugehen. Stein wurde schlagartig weiß im Gesicht und die winzigen Schweißperlen auf seiner Stirn verdichteten sich zu einem glänzenden Film.

    „Ich, ich war zuhause, in meinem Bett", stotterte er nervös und sah verzweifelt auf das Flughafengelände hinaus, um den kalten, wässrigen Augen Bremers zu entkommen. Er konnte dem durchdringenden, stechenden Blick nicht standhalten und würde, wenn er jetzt unter Druck geriet, sicherlich etwas Falsches sagen.

    Er hatte Angst. Angst, dass er sich durch eine unüberlegte Bemerkung, einen Blick, eine Geste, verdächtig machen würde und sein Plan, endgültig auszusteigen, somit gescheitert wäre.

    „Haben Sie Zeugen?", setzte Bremer nach. Er nutzte die Gelegenheit, in der Stein sichtlich verunsichert war und mit seinen Gedanken zu kämpfen schien. Doch noch bevor dieser auf die Frage antworten konnte, schaltete sich Bremers Kollege ein.

    „Frank, wir konnten an der Maschine nichts finden. Das Einzige, was wir haben, ist eine nicht verschlossene Flugzeugtür und ein offen stehendes Lüftungsgitter drüben in der Wand. Es fehlt nichts. Noch nicht einmal ein Schraubenzieher."

    „Und was ist mit Sabotage?"

    „Auch Fehlanzeige. Der Mechaniker hat alles überprüft. So wie es scheint, wurden die Einbrecher bei ihrer Arbeit gestört und sind unverrichteter Dinge abgezogen."

    „Und wie sind sie hereingekommen?", fragte Bremer und warf dabei einen kurzen Blick in Richtung Lüftungsgitter, das in etwa sieben Metern Höhe mitten in der Wand eingebaut war.

    Der Beamte zuckte nur kurz mit den Schultern und deutete mit einem zusätzlichen Kopfschütteln an, dass an dem Gitter entweder keine Einbruchspuren zu finden waren oder er davon ausging, dass kein Einbrecher durch das Gitter in dieser Höhe eindringen könnte.

    „Na schön, danke erst mal, rief Bremer missmutig. Er wandte sich wieder an Stein, schaute ihm starr in die Augen, und als dieser nicht reagierte, sagte er: „Ich warte auf eine Antwort.

    Stein schluckte den Kloß, der ihm im Hals steckte, hinunter und schüttelte verneinend den Kopf.

    „Wie soll ich das verstehen?, spöttelte Bremer ironisch und ahmte die Kopfbewegung Steins nach. „Keine Zeugen?

    „Nein. Ich habe keine Zeugen, blaffte Stein verärgert und voller Zorn zurück. Solch eine Art mochte er nun ganz und gar nicht. Auch ein Beamter der Polizei hatte nicht das Recht, ihn so herablassend zu behandeln. „Ich brauche auch keine. Wenn ich in den Hangar möchte, in mein Flugzeug, nehme ich einfach meinen Schlüssel und komme herein. Für was sollte ich einen Zeugen brauchen?

    Trotzig und sichtlich verärgert baute Stein sich vor Bremer auf und blickte ihn aus blitzenden Augen herausfordernd an. Mittlerweile war er sich sicher, dass dieser Berliner LKA-Beamte von seinen Aktivitäten nichts wusste. Und da er mit dem Einbruch, bei dem noch nicht einmal etwas gestohlen worden war, nichts zu tun hatte, kehrte seine Courage zurück. Wenn dieser Frank Bremer von ihm etwas wollte, sollte er ihn vorladen. Wenn nicht, sollte er einfach verschwinden.

    „Ja, da haben Sie recht, antwortete Bremer daraufhin und reagierte in keiner Weise so, wie Stein es erwartet hatte. „Ich denke, wir schreiben unseren Bericht und damit ist die Sache für uns erledigt; vielen Dank für Ihre Mitarbeit und auf Wiedersehen, spulte Bremer herunter und ging, ohne sich noch einmal zu den anwesenden Personen umzudrehen, aus dem Hangar hinaus.

    Kurz darauf verließen auch Bremers Kollegen und die Männer der Spurensicherung – mit jeweils einem freundlichen Kopfnicken – den Hangar. Auch Welder schloss sich den Männern der Polizei kommentarlos an, da es offensichtlich für ihn nichts mehr zu tun gab.

    *

    Nun standen Wagner, Miller und Stein etwas verloren zwischen den zwei Flugzeugen herum und schauten den abfahrenden Wagen nach, die sich schnell von dem Hangar entfernten.

    „Chef, hab nichts gefunden. Kann ich wieder an meine Arbeit oder ist sonst noch was?", rief Hajo, der Mechaniker der kleinen Fluglinie, lautstark aus der Tiefe des Hangars heraus.

    „Was? Ja, kannst weitermachen, brüllte Wagner mechanisch zurück und sah zur Cessna hinüber. „Möchte wissen, was die in der Maschine zu suchen hatten, murmelte er dabei leise, aber dennoch so laut, dass es Miller und Stein hören konnten.

    „Vielleicht hat dieser Beamte ja recht. Sie wurden gestört, sagte Stein voller Überzeugung. Er war sich sicher, dass Wagners Frage nur für Miller bestimmt war, damit dieser nicht auf irgendwelche dummen Gedanken kommen würde. Er wusste ja, was mit der Cessna war und was Wagner offensichtlich beunruhigte. „Soll ich die Maschine noch einmal durchchecken oder denkst du, dass alles in Ordnung ist?, fragte er und schaute ebenfalls mit einem kritischen Blick zur Cessna hinüber.

    „Nein. Es ist alles in Ordnung. Hajo kennt die Maschine in- und auswendig. Wir haben auch keine Zeit. In zwanzig Minuten kommen die Passagiere und ich möchte nicht, dass wir Verspätung haben. Die Kunden sind wichtig."

    Stein nickte. „Okay, wie du meinst. Du bist der Boss. Er drehte sich zu Miller um, der etwas versetzt neben ihm stand. „Mach die Maschine schon mal fertig, ich komme gleich nach.

    Miller nickte und ging davon. Als er einige Schritte weit entfernt und außer Hörweite war, trat Stein dicht an Wagner heran: „Otto, das ist der größte Trottel, der mir je begegnet ist. Ich hoffe, du mutest mir den nicht noch einmal zu. Beim nächsten Flug will ich wieder Wolli haben. Ist das klar?"

    Wagner sah Stein lange und eindringlich an. Erst als die spannungsvolle Stille zwischen ihnen kaum noch zu ertragen war, flüsterte er leise: „Gut, du kannst Wolli haben. Aber denk mal über deine Entscheidung nach, ja? Du hast damals zu allem Ja gesagt. Und du weißt, wer einmal Ja sagt …"

    Stein schaute auf Wagners ausgestreckten Zeigefinger hinab, der während dieser kurzen, aber eindringlichen Worte fest auf seinem Brustkorb ruhte, und hob dann langsam den Kopf. Er sah in Wagners graue Augen, die zu Eis erstarrt schienen.

    Stein begriff, dass sein langjähriges und gutes Verhältnis zu seinem Chef – das sowohl privat wie auch geschäftlich war – ihm bei den Folgen seiner Entscheidung nicht viel helfen würde.

    Wagner hatte ihm seine Meinung in den letzten Wochen schon oft gesagt und die Tatsache, dass er aussteigen wollte, scharf missbilligt. Doch in dieser Art, mit einem Blick voller Verachtung und Worten, in denen eine direkte Drohung deutlich zu erkennen war, war er ihm das erste Mal begegnet.

    „Okay", antwortete Stein fast schon kleinlaut, drehte sich um und ging Miller, der bereits den kleinen roten Traktor an die Cessna angekoppelt hatte, nach. Als er über seine Schulter hinweg nochmals nach Wagner sehen wollte, war dieser bereits verschwunden. Er ließ den Blick durch den Hangar schweifen und entdeckte ihn in seinem Büro. Durch die mit Rollos halb verdunkelten Fensterscheiben erkannte er, dass Wagner neben seinem Schreibtisch stand und telefonierte. So wie es schien, war das Gespräch nicht gerade erfreulich.

    Neugierig verfolgte Stein die wilde Gestik seines Chefs und fragte sich, ob Wagner gerade mit Pedrowski, ihrem Mittelsmann aus Sankt-Petersburg, telefonierte. Hatte er mit seiner Drohung, dass er das nächste Mal nur mit Wolli fliegen wollte, Wagner so herausgefordert, dass er sich bei Pedrowski rückversichern musste?

    Plötzlich riss lautes Hupen ihn aus seinen Gedanken. Miller, der bereits wartend auf dem Traktor saß und die Cessna auf das Rollfeld ziehen wollte, wurde ungeduldig. „Ja, ja … schon gut. Komm ja schon", rief Stein ihm verärgert zu, während er zur Cessna lief.

    *

    In der Kabine erkannte Stein an einigen Stellen noch feines Graphitpulver, das die Beamten bei ihrer Spurensuche aufgetragen hatten und das Hajo nicht richtig beseitigt hatte. Er dachte dabei unwillkürlich an das ungute Gefühl, das er noch vor wenigen Minuten gehabt hatte, und schüttelte mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen über sich selbst den Kopf. Noch vor einem Jahr wäre ihm die Anwesenheit von Polizei in solch einer Situation völlig gleich gewesen. Doch nachdem er sich auf Wagners miese Geschäfte eingelassen hatte, veränderte sich auch sein Leben; vor allem sein Verhalten der Polizei gegenüber.

    Er hatte Angst. Und diese ständige Angst, die ihm seit den ersten Tagen zu schaffen machte, bewog ihn auch auszusteigen. Das Gespräch, das er mit Wagner darüber geführt hatte, war nun schon sieben Wochen her und seither wurde er für keinen Auftrag mehr gebucht. Es ging schon, wenn man wirklich wollte.

    Stein kletterte auf den Pilotensitz der Cessna, schaltete die Bordelektronik ein und löste die Bremsen. Plötzlich dröhnte lautes Hupen durch den Hangar. Millers linke Hand lag mit sturer Gelassenheit auf dem Hupenknopf des Traktors.

    Verärgert rief Stein: „Ja, ja … ist ja schon gut, du Inselaffe. Fahr schon los", und gab Miller mit einem Handzeichen zu verstehen, dass er anfahren sollte. Laut stotternd und qualmend zog wenige Sekunden danach der kleine Traktor die Cessna aus dem Hangar.

    *

    Miller zog die Maschine auf den ihr zugewiesenen Standplatz, koppelte sie ab, und ohne auch nur einen Blick mit Stein zu wechseln, fuhr er in den Hangar zurück. Stein sah Miller nach, während der kleine Traktor hüpfend davonrollte. Als der Traktor im Dunkeln des Hangars verschwand, nahm er die Checkliste zur Hand und überprüfte alle Funktionen der Maschine. Doch an den Geräten und Anzeigeinstrumenten, die für einen Flug überlebenswichtig waren, konnte er nichts Ungewöhnliches feststellen. Jedes Gerät funktionierte einwandfrei und auch die Warnlampen gaben keinen Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht stimmte. Er schaltete die Bordelektronik wieder aus, schaute sich im Cockpit nochmals um und zwängte sich danach aus der engen Kabine hinaus. Er musste, wie vor jedem Start, erst noch zur Flugsicherung. Auch die Wetterdaten waren ein Teil der Pflichtaufgaben und mussten mit den zuständigen Beamten besprochen werden. Routine, die er nicht sonderlich mochte.

    *

    Als Stein den Raum der Flugsicherung betrat, stand Miller bereits am Tresen und füllte Papiere aus. Stein wollte etwas sagen, ließ es aber. Miller war der richtige Mann für den Papierkrieg, obwohl es eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre. Langsam schlenderte er stattdessen zum Kaffeeautomaten, der in einer Ecke stand, und warf eine Münze ein. Gelangweilt auf den Knopf mit der Aufschrift „affe schwarz drückend, dachte er an Miller. Irgendein Spaßvogel hatte den ersten und letzten Buchstaben von „Kaffee entfernt und sich somit eine bleibende Erinnerung geschaffen.

    Nachdem sich die Kaffeemaschine nach lautem Getöse wieder beruhigt hatte, nahm Stein den Becher aus dem Fach und begann die heiße Brühe – er hasste Automatenkaffee – mit kleinen, schlürfenden Schlucken zu trinken.

    Am Tresen angekommen, stellte Stein sich dicht neben Miller und schaute sich über den Rand des Kaffeebechers hinweg gelangweilt die Bordpapiere an. Sein Blick blieb an der Passagierliste förmlich kleben. Alle Passagiere auf der Liste hatten mit Chemitec zu tun. Die Firma thronte seit Wochen auf der Titelseite des Berliner Journals, da illegale Machenschaften und angebliche Bestechungen des Berliner Senats Tagesgeschäft des Vorstandes gewesen sein sollten. Stein fragte sich, was diese Zusammenkunft und der damit verbundene Flug nach Salzburg wohl zu bedeuten hätten. Viel weiter kam er mit seiner Überlegung aber nicht. Miller war mit den Papieren bereits fertig und forderte ihn auf, mit zu dem Schalter zu kommen, an dem sie die Wetterdaten erhalten würden. Missmutig aus seinem Kaffeebecher schlürfend, folgte er dieser Anweisung und trottete Miller, ohne sich noch weiter Gedanken über Chemitec zu machen, nach.

    An dem Tresen wurden kurz die Daten mit dem zuständigen Mitarbeiter besprochen und dank der großen Hochwetterlage, die über ganz Deutschland herrschte, konnten sie bereits nach wenigen Minuten wieder gehen.

    *

    Während sie die Cessna startklar machten, wurden alle Systeme – laut Checkliste – nochmals überprüft. Doch das Ergebnis blieb das gleiche. Hajo hatte nichts übersehen. Alle Systeme arbeiteten einwandfrei.

    „Hast du keine Angst?", fragte Miller mit merkwürdigem Tonfall und hakte dabei die letzten Punkte der Checkliste ab.

    „Wie meinst du das?" Stein warf Miller einen kritischen Blick zu. Er bezog die Frage unbewusst auf seine Unstimmigkeiten mit Wagner und den Entschluss auszusteigen.

    „Wir wissen nicht, was die Einbrecher wirklich vorhatten. Es könnte ja sein, dass sie einen Sprengsatz an Bord bringen wollten."

    „Miller, du liest zu viele Kriminalromane. Wer sollte uns denn in die Luft sprengen wollen?", gab Stein aufgesetzt und mit spöttischem Unterton zurück, dachte dabei aber an Wagner und seine dubiosen Geschäftsfreunde aus dem Osten. Nein. So weit würden sie nicht gehen. Und was hätte Wagner davon? Miller machte ihn mit seinem Gerede völlig verrückt. Wortlos nahm er das Bordbuch aus dem Fach und begann mit den routinemäßigen Eintragungen.

    Während Stein die Daten in das Bordbuch schrieb, hörte er aus dem Heck der Maschine heraus Stimmengewirr. Miller zwängte sich sofort aus seinem Sitz, um die ersten Gäste zu begrüßen. Stein drehte sich nur zur Seite, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen.

    Gerd Krämer, Vorstandsvorsitzender von Chemitec, Klaus Wendstein, Sicherheitsbeauftragter von Chemitec, und eine junge, hübsche Frau – wahrscheinlich auch von Chemitec – bestiegen gerade die Cessna.

    Beim Überfliegen der Passagierliste hatte Stein sich bereits gewundert, doch als er Gerd Krämer durch das Seitenfenster sah, begannen seine Gedanken erneut zu rotieren.

    Miller hatte noch nicht einmal so unrecht. Die Passagiere, die sie heute an Bord hatten, waren für gewisse Kreise sicherlich so interessant, dass man sich einen Anschlag sehr wohl vorstellen konnte.

    Eiligst beendete er die letzten Eintragungen, legte das Bordbuch in die Ablage zurück und folgte Miller in den Passagierraum. Er wollte, um wirklich sicher zu sein, nochmals alle Staufächer überprüfen. Doch als er die Kabine betrat, schallte lautes Lachen von draußen herein und Stein sah neugierig durch eines der Fenster. Heiko Obstbaum, der Besitzer einer Recyclingfirma, machte gerade einen derben Witz, und Fritz Gründig, der Giftmüllpapst – wie er in Berlin nur genannt wurde –, hielt sich seinen runden Bauch vor Lachen.

    Die beiden Männer waren nur noch wenige Meter von der Maschine entfernt und Stein stellte sein Vorhaben fürs Erste zurück. Er trat zur Tür, um die beiden neuen Passagiere zu begrüßen, und sah, dass ihnen Gerda Schmidke, eine reiche Erbin und Besitzerin eines Chemieunternehmens, Arnold Weidmann, Sohn des Politikers Karl-Gustav Weidmann, und eine dritte Person, die er vom Aussehen her nicht kannte, folgten. Soweit er sich die einzelnen Namen der Passagierliste und die Verbindung der genannten Personen mit den Klatschspalten der Tageszeitung ins Gedächtnis rufen konnte, musste es sich bei dem Mann um Paul Wegenrod, Vorstandsvorsitzender einer kleinen Privatbank, handeln.

    Stein schlüpfte gerade noch vor Heiko Obstbaum an der Einstiegstür vorbei, ehe dieser sich in den Passagierraum hineinzwängte und den Durchgang mit seinem voluminösen Umfang vollkommen ausfüllte.

    Ein Passagier nach dem anderen kletterte nun in die Maschine hinein und innerhalb von nur wenigen Sekunden war die Cessna mit dicken Wintermänteln, Aktentaschen und laut schwatzenden Menschen regelrecht überfüllt.

    Suchend schaute Stein sich nach Miller um, und als er ihn im hinteren Teil der Maschine entdeckte, gab er sein Vorhaben auf. Sollte er jetzt noch versuchen, an die Staufächer heranzukommen, mussten alle Passagiere nochmals aussteigen, und dies konnte er den Gästen wie auch Wagner wohl nicht erklären.

    Plötzlich erschien Wagner in der Tür und drückte ihm kommentarlos die Papiere, die sie für den Flug nach Salzburg noch benötigten, in die Hand. Noch ehe Stein etwas sagen konnte, bekam er von Wagner einen guten Flug gewünscht und die Tür wurde von außen geschlossen.

    Völlig verwirrt starrte Stein auf die Papiere in seiner Hand und danach in den Passagierraum hinein. Was sollte er nur tun? Konnte er einen Start verantworten, ohne nochmals alles überprüft zu haben? Was würde Wagner sagen oder tun, wenn er den Abflug verzögern würde? Und wie sollte er seine Befürchtungen den Passagieren erklären?

    Nach einem kurzen Moment des Zweifelns beschloss er, die Passagiere einfach zu bitten, nochmals auszusteigen. Er hob bereits den Arm und wollte sich mit lautem Rufen Gehör verschaffen, als Miller mit hochrotem Kopf und sich durch die Sitzreihen hindurchzwängend wieder nach vorne kam.

    „Hast du die Papiere?", sagte er keuchend, nahm sie an sich und drückte Stein, ihn vor sich herschiebend, ins Cockpit hinein.

    „Hör mal, ich glaube, wir sollten …", bekam Stein gerade noch heraus, als aus dem Lautsprecher eine Anfrage des Towers tönte. Miller zwängte sich sofort auf seinen Sitz und nahm den Funkspruch, der einen um eine Viertelstunde vorgezogenen Start ermöglichte, entgegen.

    Wollte denn niemand ihm zuhören? Konnten sie mit gutem Gewissen einfach starten, ohne nochmals alles zu überprüfen? Immerhin hatte Hajo die Maschine nur auf ihre Flugtauglichkeit überprüft und nicht nach einem Sprengsatz gesucht. Ein kleiner Sprengsatz an der richtigen Stelle und … bei dem Gedanken wurde es Stein schlecht, und er schaute nervös in die Kabine hinein.

    „Was ist los? Wir haben einen Slot und du stehst da und starrst Löcher in die Luft. Komm, oder willst du auf eine Extraeinladung des Towers warten?", blaffte Miller, und Stein war fast schon dankbar für diesen Anpfiff, der ihn aus seinen verrückten Gedanken riss.

    „Nein, schon gut", schnaubte er zurück, zwängte sich ebenfalls auf seinen Sitz, legte den Gurt an und startete die Triebwerke.

    *

    Dröhnen durchdrang die Maschine, und Stein hielt unbewusst den Atem an. Angespannt hörte er auf den Klang der Triebwerke. Doch nach wenigen Sekunden veränderte sich die Tonhöhe und die beiden Turbinen gingen in den singenden und pfeifenden Ton über, den er kannte. Miller übernahm währenddessen die Warnhinweise an die Passagiere, das Rauchen einzustellen und sich anzuschnallen, und den Funkverkehr zum Tower. Kurz nach der Meldung an den Tower, die Miller absetzte, obwohl Stein ihm noch keine Freigabe erteilt hatte, bekamen sie auch schon die Rollerlaubnis.

    „Die haben’s heute ja wirklich eilig, knurrte Stein leise vor sich hin, warf einen kritischen Blick aus dem Seitenfenster in Richtung Triebwerk, löste die Bremsen und erhöhte den Schub. „Na ja, dann wollen wir mal, sagte er dabei eher zu sich selbst als zu Miller und schaute nochmals aus dem Seitenfenster. Diesmal nicht zum Triebwerk zurück, sondern zu Wagner, der etwas abseits von Hangar 12a stand. Durch den heißen Düsenstrahl hindurch, der die kalte Februarluft zum Flimmern brachte, sah er, dass Wagner sichtlich gut gelaunt in sein Handy hineinbrüllte.

    *

    Mit pfeifenden Triebwerken rollte die Cessna in Richtung Rollbahn, und Stein nahm wenige Meter vor der Startbahn den Schub zurück. Langsam ließ er die Maschine ausrollen und stoppte sie kurz vor der Markierung, die links und rechts der Bahn angebracht war.

    Dieser Moment war für ihn einer der schönsten an seinem Beruf. Der Blick über die endlos wirkende Rollbahn, deren Ende auch im Winter sich im Flimmern der Luft verlor. Das Dröhnen der

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