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Unsere neue Herrscherklasse: Der Weg der Intellektuellen zur Macht

Unsere neue Herrscherklasse: Der Weg der Intellektuellen zur Macht

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Unsere neue Herrscherklasse: Der Weg der Intellektuellen zur Macht

Länge:
468 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Juli 2014
ISBN:
9783844297201
Format:
Buch

Beschreibung

Die intellektuelle Klasse hat in der westlichen Welt die Schaltzentren der Macht in einer langewährenden strukturellen Revolution erobert. Die Universitäten haben eine neue Herrscherklasse hervorgebracht. Ausbildung und Amt haben Kapital und Besitz verdrängt. Im Studentenaufruhr von 1968 wurde der historische Wechsel in der herrschenden Klasse sichtbar.
Welche Rolle spielten die Intellektuellen in der Vergangenheit? Wie gelang es der intellektuellen Klasse, die Eigentümergesellschaft zu entmachten? Welche Ideologien bahnten den Weg für die intellektuelle Machtübernahme? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Buch.
Als Oberklasse werden die Intellektuellen die Gesellschaft nach ihrem Bilde formen – wie alle Herrscherklassen im Verlauf der Geschichte. Was erwartet uns in einem von Intellektuellen geprägten Regime? Kann die Demokratie in dem neuen Zeitalter überleben? Die soziale Komödie ist von 1982 und dennoch genauso erleuchtend für die heutigen Leser. Der Zustand unserer Gesellschaft bestätigt die Vorhersagen des Buches. Der intellektuellen Klasse gehört die Zukunft, die kapitalistische Epoche ist vorbei. Die neue intellektuelle Herrscherklasse setzt die politische Tagesordnung.
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Juli 2014
ISBN:
9783844297201
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Unsere neue Herrscherklasse - Steen Steensen

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Steen Steensen

Unsere Neue Herrscherklasse

Der Weg der Intellektuellen

zur Macht

Verlag Abildgaard & Broedsgaard

www.steen-steensen.dk

Steen Steensen:

Den Sociale Komedie

De intellektuelles vej til magten

1. Ausgabe: Verlag in Haarby 1982

ISBN 87-87750-27-9

*

Steen Steensen

Unsere neue Herrscherklasse.

Der Weg der Intellektuellen zur Macht.

Übersetzung 2014: Birgit Reinhardt

E-Pub: Per Moeller Andersen

1. Ausgabe as ePUB

published by: epubli GmbH, Berlin,

www.epubli.de

Copyright © 2014 Steen Steensen

ISBN 978-3-8442-9720-1

Inhalt

Vorwort

Die Soziale Komödie

Die französische Komödie von 1789

Eine russische Komödie

Die Intellektuellen im Zeitalter des Feudalismus

Die Intellektuellen im Zeitalter des Kapitalismus

Der Kapitalismus - sein Erfolg und der Mythos von seiner Unmenschlichkeit

Der Niedergang des Kapitalismus und der Sieg des Intellektualismus

Eine Studentenkomödie

Die Wissenschaft im Dienste des Klassenkampfes

Die neue Klasse 

Die technischen Intellektuellen

Die organisatorischen Intellektuellen

Die sozialen Intellektuellen 

Die informatorischen Intellektuellen

Die kulturellen Intellektuellen

Die politische Machtübernahme

Die Eroberung der Gewerkschaften und Branchenorganisationen

Die Macht der intellektuellen Klasse

Die Gesellschaft im Zeitalter des Intellektualismus

Der Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismus der neuen Klasse

Klassenkampf gegen die Intellektuellen

Der Rindalismus

Die Fortschrittsbewegung

Die Zukunft des Intellektualismus

Zum Verfasser

Besprechung des Buches

Vorwort

Wie funktioniert der moderne Staat und welche Kräfte bestimmen seine Entwicklung? Diese Fragen sind hochaktuell in unserer Zeit. Die gegenwärtige Generation ist Zeuge großer geschichtlicher Umwälzungen.

Die intellektuelle Klasse hat in der westlichen Welt die Schaltzentren der Macht in einer langewährenden strukturellen Revolution erobert. Die Universitäten haben eine neue Herrscherklasse hervorgebracht. Ausbildung und Amt haben Kapital und Besitz verdrängt. Im Studentenaufruhr von 1968 wurde der historische Wechsel in der herrschenden Klasse sichtbar.

Welche Rolle spielten die Intellektuellen in der Vergangenheit? Wie gelang es der intellektuellen Klasse, die Eigentümergesellschaft zu entmachten? Welche Ideologien bahnten den Weg für die intellektuelle Machtübernahme? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Buch.

Als Oberklasse werden die Intellektuellen die Gesellschaft nach ihrem Bilde formen – wie alle Herrscherklassen im Verlauf der Geschichte. Was erwartet uns in einem von Intellektuellen geprägten Regime? Kann die Demokratie in dem neuen Zeitalter überleben?

Die soziale Komödie ist von 1982 und dennoch genauso erleuchtend für die heutigen Leser. Der Zustand unserer Gesellschaft bestätigt die Vorhersagen des Buches. Der intellektuellen Klasse gehört die Zukunft, die kapitalistische Epoche ist vorbei. Die neue intellektuelle Herrscherklasse setzt die politische Tagesordnung.

Steen Steensen / Januar 2014

Die Soziale Komödie

Der Verlauf der Geschichte hat die Menschen schon immer zum Nachdenken angeregt. Wie entsteht eine soziale Ordnung und welche Kräfte bestimmen deren Entwicklung? Unzählige Philosophen, Soziologen und Historiker haben sich mit solchen Fragen beschäftigt. Schon im Altertum war das Entstehen von Zivilisationen, deren Aufstieg und Verfall Gegenstand vieler Spekulationen. Man suchte Antworten auf Fragen wie: Sind es wiederkehrende Muster, die den Geschichtsverlauf bestimmen, oder unterliegt die Entwicklung von Gesellschaften gar Gesetzen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen einem politischen System und den ökonomischen Interessen der in einer Gesellschaft repräsentierten Klassen und deren Stärke?

Dieses Suchen nach einem Prinzip, das den Verlauf der Geschichte steuert, und nach Gesetzmäßigkeiten, die das Schicksal der politischen und ökonomischen Systeme determinieren, wird auch in Zukunft die Menschen beschäftigen. Besonders stark ist das Interesse dafür in Zeiten, in denen die existierende Ordnung in ihren Grundfesten erschüttert wird. Zwei große Revolutionen in der jüngeren Geschichte Europas, die Französische Revolution von 1789 und die russische von 1917, geben wertvolle Informationen über den Wirkungsmechanismus von revolutionären Prozessen. Doch sind es nicht ausschließlich die klassischen Revolutionen, die dir Triebkräfte in der sozialen Entwicklung erkennen lassen. Auch das Studium der kleinen, schrittweisen Veränderungen in der sozialen Ordnung führt zum Verstehen von revolutionären Prozessen. Obwohl solche Veränderungen sich nicht so leicht als revolutionäre offenbaren, folgen sie doch demselben prinzipiellen Verlauf.

Die soziale Struktur zeigt überraschenderweise ein unveränderliches Bild. Seit der Einführung des Ackerbaus haben in allen bisherigen Gesellschaftsordnungen drei Grundklassen existiert - eine Oberklasse, eine Mittelklasse und eine Unterklasse. An dieser Tatsache haben selbst tief greifende Umwälzungen nichts geändert. Die große Französische Revolution von 1789 stürzte die absolutistische Herrschaft, brachte die europäischen Fürstenhäuser unwiderruflich ins Wanken und bahnte den Weg für revolutionäre Aufstände im folgenden Jahrhundert, ohne an der Dreiklassenstruktur etwas geändert zu haben. Im gleichen Jahrhundert eröffnete die Industrielle Revolution in England weltweit eine Reihe von Veränderungen in der sozialen Entwicklung, aber die Dreiteilung der sozialen Struktur verblieb weiterhin unangefochten. Nicht einmal der russischen Revolution gelang es, die Dreiklassenstruktur abzuschaffen. Sie führte zu enormen Spannungen im gesellschaftlichen Alltag und die von ihr ausgelösten Erschütterungen verbreiteten sich in den meisten Teilen der Welt. Nachdem der soziale Krieg überstanden war und die Rauchwolken sich aufgelöst hatten, war Russland nicht wieder zu erkennen. Das klassische Bild der sozialen Struktur trat jedoch so klar wie immer hervor, als sich die Wogen des gesellschaftlichen Aufruhrs gelegt hatten.

Wenn auch im Verlauf der Geschichte die drei Klassen in mehr oder wenige ausgeprägte Schichten aufgeteilt und die Größenverhältnisse zwischen den dreien unterschiedlich waren, so hat dies doch nichts an der Grundstruktur geändert. Weder Revolutionen und Klassenkämpfe noch Kriege konnten daran rütteln. Die soziale Struktur ist wie eine Kompassnadel, die immer wieder in ihre Grundstellung zurückfällt.

Die Interessen und Ziele der drei Klassen sind unvereinbar. Für die Unterklasse ist immer der Wunsch nach Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit die Triebkraft des Handelns - Freiheit von Unterdrückung, Gleichheit bei der Verteilung von Gütern und Gerechtigkeit im Gerichtssaal.

Die Oberklasse strebt nach Erhaltung und Sicherung der Macht über die Mittel- und Unterklasse, um ihre materiellen Bedürfnisse und geistigen Ambitionen befriedigen zu können. In erster Linie beruht die Macht der Oberklasse auf der Kontrolle Uber die Produktion und Arbeitskräfte. Das wichtigste Privileg der Oberklasse ist jedoch  die Verteilung der produzierten Güter, wodurch sie sich selbst den größten Teil  zukommen lassen kann. Die Herrschaft der Oberklasse erstreckt sich auch auf die verschiedenen Gebiete des kulturellen und geistigen Lebens einer Gesellschaft. Wer die Macht hat, hat das Recht. Und das wichtigste Recht ist das Definitionsrecht. Das Recht zu bestimmen, was gut oder böse ist, schön oder hässlich, wertvoll oder minderwertig, recht oder unrecht, fortschrittlich oder reaktionär. Dieses Rechts hat sich die Oberklasse zu allen Zeiten bedient. Die Stärke der Oberklasse liegt nicht zuletzt auch darin, dass sie den Aufbau der jeweiligen Gesellschaft am besten kennt und über ausgezeichnete Geschichtskenntnisse verfügt. Die Oberklasse bestimmt und kontrolliert die Art und den Umfang von Informationen, die geschaffen und veröffentlicht werden. Wer die Gegenwart beherrscht, dem gehört die Vergangenheit, und wer die Vergangenheit gestalten kann, der besitzt die Zukunft. Die siegreiche Oberklasse schafft sich ihre eigenen Definitionen und bestimmt damit Politik und Geschichte.

Und welches Ziel hat die Mittelklasse? Wen wundert es, dass sie versucht, die Oberklasse von deren Platz zu verdrängen und deren Position einzunehmen, um selbst Oberklasse zu werden und die damit verbundenen Privilegien und das soziale Prestige zu erlangen.

Die Oberklasse wird also früher oder später von der Mittelklasse gestürzt. Dieser Prozess verläuft in seinen Grundzügen immer gleich. Wenn die Macht von einer Klasse auf eine andere übergeht, folgt dieser Prozess einem bestimmten Muster: In dem Umfang, in dem die fallende Klasse ihre soziale Macht verliert, gewinnt die aufsteigende Klasse soziale Macht. Über lange Perioden scheint die Oberklasse unantastbar und gesichert, so dass die Mittelklasse in jedem Fall nicht offen an deren Positionen zu rütteln beginnt. Doch nach und nach treten Verfallserscheinungen der Herrscherklasse auf. Ihre Fähigkeiten zu regieren werden schwächer. Das existierende Produktionssystem beginnt zu stagnieren und veraltet. Die Produktivkräfte entwickeln sich weiter, aber ihre Organisationsformen entsprechen nicht mehr den neuen Anforderungen.

Die Oberklasse war zu Beginn ihrer Ära dynamisch, zielbewusst und überzeugt von sich selbst und ihrer Mission in der Welt. Idealismus trieb ihre Vertreter vorwärts, und die Gesellschaft wurde mit Energie und Kraft organisiert und gesteuert. Doch nach und nach verlieren sie an Vitalität und Tatendrang. Die erstrebten Ideale waren entweder erreicht, oder das Interesse an ihnen war am Erlöschen. Sobald dieser Punkt erreicht ist, wird das Klammern an die Macht zur einzigen Triebkraft. Damit hat sich die gesellschaftliche Position der Oberklasse in eine Verteidigungsstellung gewandelt, in der es wird immer schwieriger wird, eine Rechtfertigung für ihre Privilegien zu konstruieren. Ja, ein großer Teil der Oberklasse selbst beginnt, an den moralischen Grundlagen ihrer Herrschaft zu zweifeln. Unsicherheit und Skepsis machen sich in den eigenen Reihen breit. Um dies zu verdrängen, beschäftigt sich die Oberklasse mit ästhetischen Aufgaben und verfällt dem Müßiggang. Genießen wird wichtiger als Schaffen. Damit verliert die Oberklasse ihre einstige Zukunftsorientierung, die zum Führen der Gesellschaft notwendig ist. Der Verlust an sozialer Macht nimmt zu. In dem Maße, wie die Überzeugung und der Wille zum Herrschen geschwächt werden, wachsen der Mut der Mittelklasse, auf die historische Szene zu treten und offen ihren Anspruch auf Übernahme der Herrschaft zu proklamieren.

Die verlorene Macht der Oberklasse wird von der aufsteigenden Mittelklasse absorbiert. Jedes Zeichen von Feigheit und Verfall sowie alle Eingeständnisse von Schwäche seitens der alten herrschenden Klasse werden von einer äußerst wachsamen Mittelklasse registriert und im Kampf eingesetzt. Die Oberklasse wird mehr und mehr bedrängt. Dass die Oberklasse einer unzufriedenen und ambitiösen Mittelklasse Möglichkeiten zum Existieren und Erstärken gab, erweist sich nun als Kardinalfehler. Die Oberklasse kann nur so lange an der Macht bleiben, so lange es ihr gelingt, den aufstrebenden Konkurrenten in Schach zu halten. Sobald dies nicht mehr gelingt, sind die Tage der alten Herrschaft gezählt. Nur eine Oberklasse, die zuerst eine soziale Ordnung errichtet, die der Mittelklasse keinen unkontrollierbaren Spielraum lässt, kann theoretisch gesehen ewig herrschen. Die Oberklasse kann jedoch durch Revolutionen der Mittelklassen bedroht werden, und man darf  nicht außer Acht lassen, dass die herrschende Klasse von äußeren Feinden angegriffen und vernichtet werden kann.

Bis heute haben alle Beherrscher von Gesellschaften früher oder später vor der untergrabenden Tätigkeit der Mittelklasse kapituliert. Zeigt die Oberklasse Zeichen von Schwäche wird sie moralisch, ideologisch und materiell von der Mittelklasse bestürmt. Im allgemeinen repräsentiert die Mittelklasse eine mehr zeitgemäße Ordnung, die die Entwicklungsprobleme der Produktivkräfte effektiver lösen kann.

Das bedeutet jedoch nicht, dass eine existierende Machtstruktur auf freiwilliger Basis verändert werden kann. Keine herrschende Klasse hat jemals aus eigenem Antrieb oder Überzeugung den historischen Schauplatz verlassen. Im Gegenteil, eine physisch und moralisch geschwächte Oberklasse ist ein gefährlicher Gegner. Man sollte unter keinen Umständen vergessen, dass der Staat ein Machtinstrument in den Händen der herrschenden Minoritätsklasse ist. Die Oberklasse verfügt über die gesetzgebende, ausübende und rechtsprechende Macht. Außerdem kann sie über Art und Umfang von Informationen bestimmen. Dazu kommt das Kommando über die bewaffneten Streitkräfte. Alle diese verschiedenen Machtinstrumente werden im Klassenkampf von der Oberklasse gegen die Anschläge der ambitiösen Mittelklasse angewendet.

Nun zu einem anderen charakteristischen Muster im sozialen Kampf. Im Kampf gegen die Oberklasse verbündet sich die Mittelklasse mit der Unterklasse, die von einer latenten Aufruhrstimmung geprägt ist. Wie bereits erwähnt, ist das Ziel der Unterklasse Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Die Mittelklasse gibt nun vor, diese Ziele zu den ihren zu machen und kämpft unter diesem Vorwand für die Interessen der unterdrückten Unterklasse. Große Worte und Ideale werden auf das Transparent des gemeinsamen Kampfes geschrieben: Gleichheit bei der Verteilung aller Güter, Gemeinschaft, weltumspannende Brüderlichkeit, Glück, Freiheit, Frieden und Verträglichkeit. All dies sind Wünsche und Ideale, von denen die unterdrückte Klasse träumt. Der Mittelklasse gelingt es auf diese Weise, ihren eigenen revolutionären Kampf als Befreiungskampf der unterdrückten Massen zu tarnen. Die Oberklasse wird als Volksfeind denunziert, als unmoralisch und reaktionär verschrieen und mit den schlimmsten Regimen in der Weltgeschichte verglichen. Ihrem Regierungssystem wird die Schuld an alle Unglücken und allem Negativen gegeben. Wird dieses System abgeschafft, so suggeriert die Mittelklasse, dann ist der Weg frei für eine tausendjährige Herrschaft in sozialer Harmonie. Wie der Wolf unter dem Schafspelz so maskiert sich die Mittelklasse als Proletarier. Das Bündnis muss glaubwürdig gemacht werden, also versucht die Mittelklasse, sich als wahrer Vertreter des Volkes zu legitimieren. Ganz nach Notwendigkeit bezeichnet man sich selbst als proletarisch, eignet sich einigermaßen die Sprache und Gewohnheiten der Unterdrückten an, ja kleidet sich selbst im äußersten Notfall wie die Ärmsten der Armen. Gemeinsam, die Mittelklasse als organisierende und die Unterklasse als physische Kraft, wird die Oberklasse vernichtet. Mit einer enormen Kraftanstrengung wird die alte Ordnung zerschlagen und eine neue soziale Struktur etabliert. Die Vertreter der alten herrschenden Klasse werden liquidiert und für alle Zeiten ihrer Klassenherrschaft beraubt. Damit ist die Rolle der alten Oberklasse ausgespielt und die Mittelklasse übernimmt deren Position. Sobald dies geschehen ist, wird die Unterklasse auf ihren Platz verwiesen. Diese Klasse erreicht niemals ihr Ziel. Das ist ihr tragisches Schicksal.

Wie schon vorher erwähnt, sind die Ziele der drei Klassen  unvereinbar. Die Unterdrückten träumen von der klassenlosen Gesellschaft, dagegen richtet sich die Hoffnung der Mittelklasse auf den Erhalt einer Klassenherrschaft. Mit Verrat und Komödienspiel bringt die Mittelklasse die Unterklasse auf ihre Seite im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. In diesem Intrigenspiel ist die Unterklasse nichts anderes als ein Instrument in den Händen der konspirativen Mittelklasse. Oft sind  sogar diejenigen Revolutionäre, die am lautesten nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schreien, später an exponierter Stelle im neuen Unterdrückungssystem zu finden. Die wenigen Idealisten im revolutionären Kampf werden geopfert und ihre Machtpositionen mit berechnenden Spezialisten besetzt.

Die neue Herrscherklasse hat nun drei entscheidende Aufgaben zu bewältigen. Zunächst muss sie verhindern, dass die alte Herrscherklasse wieder erstarkt. Sie muss also wachsam gegenüber konterrevolutionären Bestrebungen sein. Zum zweiten muss die helfende Klasse diszipliniert werden, dies bedeutet, dass die bisherigen Mithelfer auf ihren angestammten Platz im sozialen System zurückgewiesen werden. Schließlich muss sich die neue Herrscherklasse eine soziale Ordnung schaffen, die ihre Bedürfnisse zufrieden stellen kann.

Die drei Aufgaben sind eng miteinander verbunden, so dass eine Trennung nur theoretische Bedeutung hat. Der Schutz vor Konterrevolutionären und die Disziplinierung der revolutionären Unterklasse bilden eine Einheit. Oftmals kann der andauernde Kampf der Volksmassen  als konterrevolutionär definiert werden. Und manchmal wird der helfenden Unterklasse  auch erklärt, dass der Kampf um Gleichheit auf Grund wichtiger ökonomischer Aufgaben, oder auch weil dieser den gefährlichen Intrigen der alten Herrscherklasse dienen könnte, bis auf weiteres aufgegeben werden müsse. Endlich können alle weiteren Klassenkämpfe gestoppt werden, indem die neuen Herren behaupten, dass die Unterklasse ihr Ziel erreicht hat. Es fehlen keine Beteuerungen, dass die neue Ordnung die wahre Macht des Volkes verkörpert. Das Volk hat die führende Rolle in der Gesellschaft übernommen. Nun sind alle Ursachen für soziale Konflikte beseitigt und damit wird jeder Klassenkampf automatisch als konterrevolutionär gestempelt. Auf diese Weise wird die Unterklasse auf die niedrigste Stufe der sozialen Ordnung platziert. Das Proletariat ist wieder zur untergeordneten Klasse degradiert und hat nach der Revolution denselben sozialen Platz wie vorher. Die Bedeutung historischer Umwälzungen lag für die Unterklasse nur darin, dass sie von neuen Herrschern unterdrückt wurde. Alle übermenschlichen Anstrengungen waren umsonst. Es ist immer die Mittelklasse, die den Sieg bei den blutigen Einsätzen der Unterklasse davonträgt. Die Unterklasse erreicht nie ihr Ziel. Solange Ressourcen begrenzt sind, wird die Erreichung von Gleichheit eine Illusion bleiben. In diesem Sinne ist die Unterklasse zu ewiger Sklaverei verurteilt. Wie aus dem bisher Beschriebenen hervorgeht, lassen sich der Kampf gegen den besiegten Feind und die revolutionäre Unterklasse in der Praxis nicht voneinander trennen. Ein weiterer fester Bestandteil dieses Kampfes ist die Errichtung einer neuen sozialen Ordnung. Die Festigung der Macht und der Aufbau eines neuen Unterdrückungssystems gehen Hand in Hand. Es ist wichtig zu verstehen, dass der revolutionäre Kampf in erster Linie auf die Eroberung der Staatsmacht ausgerichtet ist. Wie schon erwähnt, ist diese immer ein Instrument in den Händen der herrschenden Klasse. Als die neuen Herren noch den Mittelstand repräsentierten, wurde der Gegner ständig des Missbrauchs dieses Instruments angeklagt. Nun gebrauchen sie es selbst und verändern es so, dass es ihren eigenen Interessen und Zielen am besten dient. Der Staat ist kein neutrales Organ und ist dies niemals gewesen. Es sind hauptsächlich die verschiedenen staatlichen Einrichtungen, mit deren Hilfe sich die Herrscherklasse an der Macht hält. Der wichtigste Trumpf der Staatsmacht ist das Militär. Während seine Existenz in der revolutionären Periode verurteilt wurde, wird es nun von der neuen Herrscherklasse übernommen. Seine Funktionen sind jedoch dieselben geblieben.

Die neue machthabende Klasse führt in der Regel auch ein neues ökonomisches System ein. Auf verschiedenen Gebieten werden Reformen durchgeführt, doch immer zum Vorteil der Reformatoren. Dasselbe trifft auch auf die Verteilung anderer gesellschaftlicher Werte zu.

Das Bildungs- und Erziehungssystem wird meistens von Grund auf verändert. Es gilt, die Gedanken der neuen Generation mit denen der neuen Ordnung in Übereinstimmung zu bringen. Die Ideologie des Systems muss indoktriniert werden, wobei das Erziehungssystem zum Kanal für die Verbreitung der neuen Weltanschauung bis hin zu jedem einzelnen Bürger wird. Die revolutionäre Aufforderung zum neuen Denken bedeutet nichts anderes als Denken in den Bahnen der neuen Herrscherklasse. Das Erziehungssystem dient ausschließlich der Festigung der gesellschaftlichen Ordnung der neuen Machthaber.

In der neueren Zeit sind die Massenmedien zu einem ungeheuer wichtigen Instrument für die Herrschenden geworden. Ohne deren Kontrolle sind die Überlebenschancen einer neuen Herrscherklasse gering. Neu etablierte Regime bemächtigen sich deshalb auch umgehend dieses Instruments.

Die Kultur der herrschenden Klasse ist immer die vorherrschende Kultur. Mit Hilfe staatlicher Mittel wird diese geformt, subventioniert und verbreitet. Die zwangsartige Verbreitung der von der herrschenden Klasse bestimmten Kultur ist keine so schwierige Aufgabe, wie man vermuten könnte, jedenfalls nicht zu Beginn einer neuen Herrschaftsperiode. Eine Mittelklasse, der es gelingt, die Herrschaft der Oberklasse an sich zu reißen, muss über ein überdurchschnittlich hohes geistiges Potential verfügen. Die physische Macht allein kann keine Machtübernahme sichern. Intellektuelle Lebendigkeit und Flexibilität, schöpferische Kraft und überlegene psychische Stärke sind typische Eigenschaften der neuen Herrscherklasse. Diese geistige Ausstrahlung durchdringt automatisch das ganze Kulturleben. Ungeachtet dessen zieht eine siegreiche Klasse immer Mitläufer an, da sie befördern und degradieren kann. Beruht die Machtübernahme mehr auf der Schwäche des Gegners als auf der Kraft und dem Ideenreichtum der neuen Oberklasse, wird das Kulturleben systematisch gleichgeschaltet. Das kann die einzige Überlebensmöglichkeit darstellen.

So hat die Unterklasse nur neue Herren erhalten, die auf ihre Weise schlimmer als die vorherigen sind. Allein schon deshalb, weil die neue Macht härtere Mittel einsetzen muss, um die Erfolge der Revolution auf lange Sicht zu sichern. Die alte Herrscherklasse war in ihrer Machtausübung schlapp und nachsichtig geworden, was auch zu einer der Ursachen ihres Falls wurde. So öffnete der mangelnde Glaube an die Gerechtigkeit des Systems die Tür für Freiheiten. Die neue Oberklasse dagegen ist erfüllt mit Selbstvertrauen und Glauben an ihre historische Mission. Aber die Angst vor einer Konterrevolution und ein gewisser fanatischer Glaube an die eigene Mission maoktoberchen die neuen Herren zu einem grausameren Klassenfeind als den gestürzten. Die Unterklasse ist vom Regen in die Traufe gekommen, als sie versuchte, ins Trockene zu gelangen.

Aus der bisherigen Beschreibung des revolutionären Prozesses geht hervor, dass erfolgreiche Umwälzungen immer Revolutionen der Mittelklasse gewesen sind. Das heißt jedoch nicht, dass die Unterklassen niemals selbständig einen revolutionären Kampf geführt haben. Im Gegenteil, wir finden in der Geschichte zahlreiche Aufstände der Unterklasse, die teilweise chaotische Zustände verursachten. Sklavenaufstände, Bauernerhebungen und Arbeiterrevolten sind keine Einzelerscheinungen. Diesen Aufständen war allerdings niemals ein bleibender Erfolg beschieden.

Oft hat ein hungerndes und unterdrücktes Volk aus Verzweiflung die Waffen gegen seine Unterdrücker erhoben, aber fehlende Einigkeit und Organisation gaben der Konterrevolution leichtes Spiel. Derartige, aus Verzweiflung geführte Revolutionen waren von kurzer Dauer und konnten niemals in eine effektive soziale Ordnung in Friedenszeiten verwandelt werden. Der Heldenmut aufständischer Unterklassen ertrank deshalb in blutigen Niederlagen.

Dass diesen Aufständen niemals ein glücklicher Ausgang beschieden war, liegt auch daran, dass sich die Mittelklasse in solchen Situationen mit der Oberklasse verbündet. Trotz allem hat die Mittelklasse im Verhältnis zur niedrigsten sozialen Schicht bedeutende Vorteile. Verschreckt über die Vehemenz der Unterklasserevolten wird sie zum Verbündeten der Oberklasse, um dann mit ihr gemeinsam die proletarischen Aufstände zu bekämpfen.

Zwar haben revolutionäre Bestrebungen der Unterklasse deshalb bisher kaum Erfolge zu verbuchen, doch dies bedeutet nicht, dass ihre Situation im Verlauf der Zeiten unverändert geblieben ist. Die Unterklasse kann einen erheblichen materiellen Fortschritt verzeichnen: Der Wohlstand. das Ausbildungsniveau und der Lebensstandard sind gestiegen. In Bezug auf die angestrebte Gleichheit ist sie jedoch keinen Schritt weitergekommen. Die soziale Struktur ist trotz gewaltiger Erschütterungen unveränderlich.

Wenn es der Mittelklasse mit Hilfe der Unterklasse gelungen ist die Oberklasse zu stürzen, übernimmt sie selbst die Herrschaft. Nach und nach entwickelt sich eine neue Mittelklasse. Diese rekrutiert ihre Vertreter zum einen aus ehemaligen Angehörigen der Oberklasse. die diese als untaugliche Elemente ausgestoßen hat, und zum anderen aus den aktivsten und ehrgeizigsten Angehörigen der Unterklasse. Auf diese Weise entsteht eine neue Mittelklasse, deren Ziel wie immer die höchste Rangstufe in der sozialen· Ordnung ist. Sobald die ersten Anzeichen von Schwäche in der Oberklasse sichtbar werden, verbündet sich die Mittel- mit der Unterklasse und stürzt die herrschende Schicht. Die revolutionäre Mittelklasse übernimmt nun die führende Rolle in der sozialen Komödie. Die Besetzung der Statistenrolle bleibt unverändert, da zum Schluss die Unterklasse wieder auf ihren alten Platz verwiesen wird. Die soziale Struktur zeigt sich bald wieder als typisches Drei-Klassen-Gebilde. Das Gyroskop ist von neuem im Gleichgewicht.

Die französische Komödie von 1789

Im Zuge der großen Französischen Revolution geschahen grundlegende gesellschaftliche Veränderungen.

Dem Bürgertum gelang es, die absolutistische Monarchie irreparabel zu zerschlagen. Adel und Kirche verloren ihre ökonomischen Machtgrundlagen, den Besitz an Grund und Boden. Die Privilegien des Feudaladels wurden abgeschafft und die Menschenrechte verkündet. Freiheit und Gleichheit zählen seit damals zu den Grundbegriffen menschlicher Wertvorstellungen. Ein neues Regierungssystem wurde eingeführt, der Wille des Volkes als Grundlage der Machtausübung proklamiert. Die Revolution stellt zweifellos einen Markstein der Geschichte dar und veränderte das politische und soziale Bewusstsein aller gesellschaftlichen Klassen, in das sich die Freiheitsbotschaft der Französischen Revolution unauslöschlich eingebrannt hat. Die Hoffnungen des französischen Volkes auf ein menschenwürdiges Dasein wurden zwar nicht unmittelbar erfüllt, doch sie diente zusammen mit der damals entzündeten Freiheitsfackel den Völkern bis 1917 als Inspirationsquelle für revolutionäre Bestrebungen.

Die Französische Revolution war wie alle anderen erfolgreichen Revolutionen ein Werk der Mittelklasse. Mit Hilfe der Unterklasse gelang es ihr, die Oberklasse zu vernichten.

  Ende des 18. Jahrhunderts traten in der besitzenden Klasse starke Verfallserscheinungen auf. Jedermann konnte bemerken, dass der Feudaladel seine Regierungsfähigkeit verloren hatte. An der Spitze der Gesellschaftspyramide stand ein schwacher, unschlüssiger König, der die Zeit mit nichtssagenden Spielereien totschlug und sich den Freuden der Tafel und des Jagdlebens hingab, und eine Königin, die an einer noch größeren Vergnügungssucht litt. Das Königspaar war von dem größten Hofstaat, den die Welt je gesehen hatte, umgeben. Es wird geschätzt, dass ca. 4000 Familien zu diesem Kreis gehörten. Nur Angehörigen des obersten grundbesitzenden Adels wurde die Aufnahme am Hofe gewährt. Im Allgemeinen bewirtschafteten die Gutsbesitzer ihre Güter nicht selbst. Ihr Interesse für landwirtschaftliche Probleme war auf das Eintreiben der Pachtzinsen beschränkt. Reformideen schenkten sie keine Aufmerksamkeit, was schließlich zur Stagnation des landwirtschaftlichen Produktionssystems führte.

Das Leben am Hofe war äußerst kostspielig, deshalb waren die meisten Familien von königlichen Gunstbezeugungen abhängig, um an dem hektischen Gesellschaftsleben und dem Streben nach Status teilnehmen zu können. Das Hofleben trug somit zur Schwächung der Kampfkraft der Oberklasse bei. Unzählige Intrigen wurden ausgetragen, um einträgliche Hofämter und Offizierstitel sowie Bischofs- und Abstellungen zu ergattern. Dieser interne Konkurrenzkampf trug zur Spaltung in der führenden Schicht bei. Weit schlimmere Folgen hatte jedoch die Einstellung der Führungsschicht, wichtige Staatsämter als Futterkrippen zu betrachten. Für die Minister waren nicht die staatserhaltenden Funktionen der jeweiligen Hofämter von Bedeutung, sondern allein deren ökonomische Ergiebigkeit. Sobald sich eine Herrscherklasse jedoch ästhetischen Genüssen hingibt, anstatt mit Entschlossenheit und Energie zu regieren, ist ihr Untergang besiegelt. Keine machtausübende Klasse kann erwarten, das Zepter auch dann noch fest in der Hand zu halten, wenn sie über einen längeren Zeitraum hinweg große Teile des Nationalvermögens für unproduktive Vergnügungszwecke vergeudet.

Der herrschenden Klasse unterliefen zwei weitere Kardinalfehler. Der eine bestand darin, dass sie die zunehmende Unzufriedenheit innerhalb der eigenen Reihen nicht bemerkte, und der andere, dass sie das Erstarken einer unzufriedenen und machtgierigen Mittelklasse zuließ.

Die herrschende Schicht hatte nicht die Bedeutung einer gemeinsamen geistigen Grundhaltung für die Stärke der eigenen Klasse erkannt. Eine Missachtung dieses Zusammenhangs kann verheerende Folgen haben, da interne Streitereien und Ränkespiel zur Schwächung des Zusammenhalts führen. Sobald der Klasse aber von außen Gefahr droht, sind diese in Wirklichkeit harmlosen Unstimmigkeiten oft schnell vergessen. Führen materielle Interessengegensätze hingegen zu einer geistigen Spaltung in den eigenen Reihen, ist die Klasse ernster Gefahr ausgesetzt. Die französische Oberklasse befand sich in Bezug auf den niederen Adel und den niederen Klerus vor der Revolution in einer solchen Situation.

Die Angehörigen des niederen Adels, hauptsächlich jüngere Söhne großer Adelsfamilien, führten ein recht untätiges Dasein, das ihnen im Wesentlichen durch ein kleines Familienerbteil ermöglicht wurde. Da es für die meisten unmöglich war, nennenswerten Grundbesitz zu erwerben, gerieten sie rasch in Armut. Einerseits hinderte sie ihre adlige Abstammung, eine bürgerliche Laufbahn einzuschlagen und sich auf diese Weise Einkommen zu verschaffen. Andererseits beharrten sie auf ihrem adligen Namen, der ihnen aber keinen Einfluss gab. In dieser zahlenstarken Schicht entwickelte sich eine große Unzufriedenheit gegenüber dem System.

Auch innerhalb des niederen Klerus, insbesondere bei den Gemeindepriestern und niederen Kirchenbeamten, herrschten Unzufriedenheit und Neid. Die Oberen des mächtigen und reichen Klerus konnten nicht mehr mit der Loyalität dieser niederen Schicht rechnen. In einer revolutionären Situation würde es der Oberklasse kaum gelingen, über die niederen adligen und geistigen Stände zu bestimmen. Stagnation oder geradezu Rückgang in der landwirtschaftlichen Produktion, dem wichtigsten Produktionssystem, Schwächung der Fähigkeit und des Willens zur Ausübung der Herrschaft sowie moralischer Verfall verminderten die soziale Macht der alten Herrscherklasse. Die Stunde des Machtwechsels war gekommen. Die soziale Stärke der aufsteigenden Mittelklasse nahm in dem Verhältnis zu, wie diejenige ihres Rivalen sich verringerte. Die Zukunft lag in den Händen des Bürgertums. Dieses verkörperte eine zeitgemäßere ökonomische Ordnung und besaß eine glaubwürdigere Weltanschauung. Darüber hinaus verfügte die neue Klasse über den notwendigen Willen zur Machtausübung, den Glauben an die eigene Mission sowie Energie und Unternehmungslust. Neben den ehrgeizigen und selbstbewussten Vertretern des Bürgertums wirkten die degenerierten Adligen wie kraftlose Dinosaurier.

Aber auch das Bürgertum war in Schichten geteilt. Die oberste Schicht bestand aus reichen Bankiers, Inhabern großer Handelshäuser, Großhändlern und wenigen, aber mächtigen Industriellen. Dieser Personenkreis war oftmals wohlhabender als der Adel, der Zugang zur etablierten Oberklasse blieb ihr allerdings versagt. Es sei daran erinnert, dass Frankreich innerhalb der europäischen Staaten eine beachtenswert starke ökonomische Position einnahm. Frankreich war in der Lage, durch den Besitz der Insel San Domingo die Hälfte des Weltzuckerverbrauchs zu decken. Erzeugnisse der französischen Möbel- und Textilfabrikation wurden in zahlreiche Länder exportiert. Die Seidenherstellung konnte sich als führend in der Welt bezeichnen. Der Bergbau und die Erzgewinnung befanden sich in einer Wachstumsperiode, die Ausgabe von Aktien und die Bankgeschäfte im Allgemeinen florierten. Es herrschten also günstige ökonomische Bedingungen für energische und unternehmungsfreudige Leute.

Die ideologische Begründung der gesellschaftlichen Position der besitzenden Klasse basierte auf ihrer adligen Herkunft. Das Bürgertum hingegen machte die persönliche Initiative zum Maßstab für die Aneignung beziehungsweise Verteilung von gesellschaftlichen Werten. Die aufsteigende Klasse machte sich die zu der Zeit modernsten philosophischen Ideen zu Eigen, insbesondere Rousseaus Gedanken von Freiheit und Gleichheit benutzten sie als Geschütze gegen die Privilegiengesellschaft. Auf diese Weise brachten die zukünftigen Herren das moralische Recht auf ihre Seite. Diese Transaktion ist ausschlaggebend für den Ausgang einer revolutionären Komödie.

Die finanzielle Krise des Reiches löste schließlich die Revolution aus. Die Plünderung der Staatskasse durch den Hofadel und die Unterstützung des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges brachten den Staatsbankrott in gefährliche Nähe. Neue Steuern mussten erhoben werden, doch eine verschärfte Ausbeutung der Unterklasse war nicht mehr möglich. Deshalb musste die Steuerfreiheit der besitzenden Klasse unbedingt aufgehoben werden. Diese Notwendigkeit wurde von den adligen Finanzexperten anerkannt, nicht aber von deren Klassenbrüdern, die entsprechende Bestrebungen bekämpften. So brachten sie den ersten adligen Steuerreformer zu Fall. Dessen Nachfolger hatten jedoch keinen anderen Ausweg, als diejenige Klasse zum Steuerobjekt zu machen, die den größten Anteil an den gesellschaftlichen Werten besaß. Der oppositionelle Teil des Adelsstandes, insbesondere der niedere Adel, forderten deshalb die Einberufung der Generalstände, da laut Verfassung nur die Stände zum Erheben neuer Steuern berechtigt waren.

Die Stände bestanden aus dem Adel, dem Klerus und dem Dritten Stand, der die Interessen des Volkes repräsentieren sollte. Tatsächlich waren aber kaum die Vertreter des Volkes im Dritten Stand zu finden, sondern hauptsächlich Juristen, Ärzte, Beamte und andere wohlhabende Bürger. Auch einzelne Adlige und Geistliche hatten sich als eine Art Volkstribun dem Dritten Stand angeschlossen. Keine Arbeiter und nur wenige Bauern befanden sich in der sogenannten Volksvertretung. Der Dritte  Stand wurde in Wirklichkeit von einem Mittelstand, der kommenden Mittelklasse, als Tarnung benutzt. Dies bewiesen die nachfolgenden Ereignisse, in denen der Dritte Stand in erster Linie die Klasse vertrat, welcher seine Repräsentanten angehörten.

Der aufsteigenden Klasse bot sich eine weitere Gelegenheit zur Durchsetzung ihrer Interessen, die sie geschickt ausnutzte. Bevor die Generalstände einberufen wurden, hatte der König das Volk aufgefordert, die herrschenden Zustände zu kritisieren und seine generellen Wünsche vorzutragen. Da die meisten Bauern weder schreiben noch lesen konnten, mussten sie die Formulierung ihrer Forderungen anderen überlassen. In dieser Situation erkannte das revoltierende Bürgertum eine einzigartige Chance. Der Mittelklasse gelang es, ihre eigenen Forderungen als diejenigen der Unterklasse zu maskieren.

Die französische Mittelklasse war sich von Anfang an darüber im Klaren, dass ein Bündnis mit der Unterklasse eine Notwendigkeit war. Obwohl die Oberklasse den Staatsapparat nicht mehr fest in der Hand hatte, war ihre Widerstandskraft doch nicht vollkommen gebrochen. Die Erwartungen, welche die Mittelklasse mit einer Allianz verbanden, waren auch nicht unbegründet.

Die Unterklasse fristete ein Dasein unter extrem schlechten Bedingungen. Zahlenmäßig dominierten die kleinen Handwerker in den Städten, die aufgrund ihrer mangelnden Schulbildung ebenso wie der recht kleine Stand von Fabrikarbeitern  wenig Möglichkeiten hatten, sich im politischen Leben Geltung zu verschaffen. Die Bauern bildeten das ökonomische Zugtier der Gesellschaft. Einige waren leibeigen, die meisten Pachtbauern, die ihren Herren Pachtzinsen und dem Staat Steuern zahlten sowie zu umfassenden Frondiensten gezwungen wurden. Zur Unterklasse müssen auch die zahlreichen Tagelöhner und umherziehenden Bettler gerechnet werden. Diese Unterklasse hatte wenig zu verlieren und ausreichend Gründe zu revoltieren. Ihr niedriges kulturelles Niveau verhinderte jedoch, dass sie der Hinterlist der Mittelklasse Paroli bieten konnte. Die Erfolgsaussichten der von der Mittelklasse betriebenen Bündnispolitik wurden zudem durch den extrem strengen Winter 1788-89 und die vorausgehende schlechte Ernte begünstigt. Darüber hinaus verursachte das Handelsabkommen von 1786 mit England, das zur Senkung des Einfuhrzolls auf englische Industriewaren geführt hatte, die Stilllegung einer Anzahl von Fabriken und eine große Zahl von Arbeitslosen. Alle diese Umstände verstärkten die soziale Unruhe und machten die Unterklasse empfänglich für falsche Parolen und verräterische Versprechungen.

Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass die Oberklasse, der Adel,

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