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Hitlers Vermächtnis
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eBook786 Seiten10 Stunden

Hitlers Vermächtnis

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Über dieses E-Book

Inhalt:

Wir schreiben das Jahr 1968. Der kalte Krieg bekam durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei und durch die Niederschlagung des "Prager Frühling" eine neue Wertigkeit. Während die Welt gebannt auf Europa schaute, laufen in Argentinien und den Vereinigten Staaten von Amerika längst Vorbereitungen, die dazu führen sollen, das Land durch gezielte Anschläge in ein Chaos zu stürzen.
Verantwortlich für diesen Plan ist ein einziger Mann.
General Bardenberg. Er war im Krieg hoher SS Offizier und genoss Hitlers Vertrauen. Bardenberg hatte von diesem den letzten Befehl erhalten, Hitlers Vermächtnis, ein "Viertes Reich" zu gründen.
Jean Marie LeLuc. Ehemaliger Agent des dritten Reichs und Bardenbergs wichtigster und skrupelloser Verbündeter.
Und fünf Menschen, fünf Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein können, werden durch Zufall und durch Ereignisse im Jahre 1968 dazu verdammt, zusammen eine weltbedrohliche Katastrophe zu verhindern.
Die junge Französin Nadja Mercier, die auf der Heimreise nach Frankreich den jungen Martin Ziegler vom Selbstmord abhält. Ziegler, der nicht die geringste Ahnung hat, wer sein verhasster Stiefvater in Wirklichkeit ist und wie explosiv die Unterlagen sind, die er zufällig auf der Flucht vor ihm, entwendet hat.
Der ehemalige Wehrmachtsoffizier Karl Brenner, der in Russland tatenlos einem Massaker beiwohnen musste und sich geschworen hatte, den dafür verantwortlichen SS General Bardenberg nach dem Krieg zu jagen.
Die Jüdin und Mossad Agentin Laura Stern, die als Kind aus Deutschland fliehen musste und ihre ganze Familie im KZ verlor. Sie hasst alles was deutsch ist und wird doch gezwungen, mit Brenner in Argentinien zusammenzuarbeiten.
Der Polizist Jack Brannigan, der bei einer Mordaufklärung in Baltimore rein zufällig in die Verschwörung verwickelt wird.
Sie alle werden durch das Schicksal zusammengeführt.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum27. Feb. 2014
ISBN9783844286908
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    Buchvorschau

    Hitlers Vermächtnis - Walter F. Jonas

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    Prolog

    Er lag am Boden … er konnte sich sehen.

    Um ihn herum standen einige Menschen, während ein junger Mann sich über seinen Brustkorb beugte.

    Er konnte sich sehen, aber es schien, als schwebte er über allem. Was da unten geschah, war ihm fremd, es berührte ihn nicht. Er fühlte eine Leichtigkeit, die er noch nie in seinem Leben gespürt hatte, er war schwerelos.

    Es war ein Glücksgefühl, das er einfach nicht beschreiben konnte.

    Dann verschwand die Szenerie vor seinen Augen und er schien davonzuschweben, in eine ihn umgebende Helligkeit, die, so glaubte er, sein Sehvermögen überlasten musste.

    Es verging einige Zeit, ohne dass etwas geschah.

    Plötzlich sah er in weiter Ferne einen schwarzen Punkt, der auf ihn zueilte und dabei immer größer wurde.

    Nur langsam nahm er Konturen an und wurde zu einem Bild, mit jedem Moment schärfer und größer.

    Er sah den Verlauf eines Flusses, eine Brücke und im Hintergrund eine Stadt. Er konnte einen jungen Mann erkennen, der mitten auf der Brücke stand und sich am Geländer festhielt.

    Die Schärfe nahm weiter zu. Er hatte das Gefühl, diesen Mann zu kennen.

    Dann sah er ihn ganz deutlich und erschrak.

    Der junge Mann, das war ja … er.

    1. Kapitel

    Ein Dorf bei Leningrad, Dienstag 19. Mai 1942

    Es geschah an einem Maimorgen, in der Nähe von Leningrad.

    Langsam verabschiedete sich der lange Winter und die ersten Sonnenstrahlen erwärmten als Vorboten des Frühlings das Land.

    Dennoch hätte man den Schauplatz nicht schrecklicher wählen können. Auf einem Acker am Rande eines kleinen Dorfes hatten Soldaten in den letzten Tagen mit Hilfe der männlichen Einwohner eine sehr große, rechteckige Grube wie für den Bau eines Mehrfamilienhauses ausheben lassen. Niemand konnte vermuten, dass daraus ein Massengrab werden sollte.

    Verantwortlich für diese grausamen Handlungen war Hermann Bardenberg, General der Waffen-SS und Oberbefehlshaber in diesem Abschnitt.

    Er hatte fast alle Menschen aus dem Dorf und aus angrenzenden Ortschaften zusammentreiben lassen, um sie hier zu ermorden. Seit dem frühen Morgen, bereits kurz nach Sonnenaufgang, ließ er die Menschen, immer genau abgezählt zu zehnt, am Rande der Grube in einer Reihe antreten, um sie dann von hinten durch seine Soldaten erschießen zu lassen.

    Man hatte sie aus ihren Häusern gejagt und ihnen nicht einmal die Zeit gelassen, sich richtig anzuziehen.

    Es spielte keine Rolle, ob es Kinder, Mütter, Väter oder Großeltern waren. Ja, selbst auf Alte und Greise, die sich kaum auf ihren Beinen halten konnten, hatte man keine Rücksicht genommen, alle wurden wie eine Viehherde zusammengetrieben.

    Nun standen die Menschen in einer Gruppe zusammen und konnten nicht begreifen, was sich da vor ihren Augen abspielte.

    Was hier geschah, dafür gab es nur einen Begriff: Völkermord.

    »Achtung … legt an … Feuer!«

    Das Stakkato der Maschinengewehre ließ die Menschen jedes Mal aufs Neue zusammenzucken. Wieder fiel eine Gruppe vornüber in die Grube und schlug auf die vielen Leiber, die vorher schon erschossen worden waren. Obwohl fast vier Meter tief gegraben wurde, hatte sich das Grab bereits zur Hälfte gefüllt.

    Da nicht jeder Schuss sofort tödlich verlief, waren unter den Toten noch eine Menge lebender Menschen begraben, was man an dem Stöhnen und den Schmerzensschreien erkennen konnte, die immer wieder aus der Grube klangen.

    Es waren die letzten Stimmen der Anklage gegen dieses zum Himmel schreiende Unrecht.

    Am Rande eines kleinen Waldstücks standen drei SS-Offiziere, die sich das grausame Ereignis anschauten.

    »Sehen Sie, Straten.« Die Stimme des Generals ließ die Anwesenden kurz zusammenzucken. »Da macht uns Deutschen keiner was vor. Was sich unser Reichsführer da ausgedacht hat, ist geradezu genial. Wir lassen diese Untermenschen sprichwörtlich ihr eigenes Grab schaufeln und erledigen die Angelegenheit fast nebenbei. Außerdem ist es für unsere Soldaten eine gute Trockenübung, die sie standhaft macht, um für den Endsieg gewappnet zu sein. Wir müssen Platz schaffen für das neue Reich.«

    Er legte eine kurze Pause ein, zog genussvoll an seiner Zigarre, um dann fortzufahren:

    »Sehen Sie, die KZs im Reich und in den Ostgebieten sind sicher sinnvoll, da wir anders die Massen nicht hätten verarbeiten können. Aber sie binden zu viel Kapital und Personal, das wir andernorts besser und effektiver einsetzen könnten.«

    »Das ist auch meine Meinung, Herr General«, lautete die Antwort Stratens, doch der General war schon einige Schritte nach vorne gegangen, um den Offizier anzusprechen, der die Exekutionen leitete.

    »Feldwebel Kunz!«, knallte seine Stimme über den Platz.

    Der Angesprochene nahm eine stramme Haltung ein. »Herr General?«

    »Erhöhen Sie das Tempo, Mann, und sammeln Sie die Leute schneller. Ihre Männer schlafen ja schon ein und ich will die Sache hier zu Ende bringen.«

    »Jawohl, Herr General.« Der Angesprochene drehte sich um, gab den Befehl in knappem Kommandoton und laut brüllend an seine Soldaten weiter.

    Der General drehte sich in Richtung seiner Offiziere: »So, meine Herren, ich werde Ihnen jetzt mal zeigen, wie schnell so etwas geht.«

    Sprach es und ging im gleichen Moment auf die immer noch am Rande stehende Menschengruppe zu.

    Ein kleines Mädchen, das etwas versteckt zwischen zwei älteren Männern stand, erweckte sofort seine Aufmerksamkeit.

    »Du da«, rief er und zeigte mit seinem ausgestreckten rechten Arm auf sie, »komm her.«

    Das Mädchen hatte instinktiv kurz in seine Richtung geschaut und versuchte sich nun noch weiter hinter den Männern zu verstecken.

    Bardenbergs Stimme wurde lauter und herrischer:

    »Ja, dich meine ich, oder verstehst du die deutsche Sprache nicht?«

    Keiner der Anwesenden machte Anstalten, ihr zu helfen. Sie waren alle wie paralysiert, weil sie wussten oder zumindest ahnten, dass sie alle das gleiche Schicksal teilen würden und vermutlich niemand von ihnen den heutigen Tag überleben würde.

    Langsam, es sah für einen Moment so aus, als überlege das Mädchen, wie es sich noch retten konnte, bewegte es sich von der Gruppe weg und ging in seine Richtung.

    »Bleib stehen!«, herrschte die Stimme, als das Mädchen auf fünf Meter herangekommen war.

    So stand sie nun vor ihm und es war ein erbarmungswürdiger Anblick.

    Doch der Begriff Erbarmen hatte in diesen Zeiten keine Konjunktur, es gab ihn einfach nicht.

    Sie mochte sieben oder acht Jahre alt sein. Ein verwaschenes, graues Baumwollkleidchen schlackerte an ihrem ausgemergelten Körper. Aber das Ausdrucksstärkste waren die großen braunen Augen, die in ihrem kurzen Leben schon so viele Grausamkeiten hatten sehen müssen. Das Gesichtchen wurde umrahmt von kurzen braunen Haaren. Diese Augen sahen Bardenberg nun an, bittend, ja, um Gnade bettelnd. Sie hatten sich mit Tränen gefüllt, die langsam über die Wangen herabliefen.

    Aber all das sah er nicht. Gefühle waren ihm fremd, ihm, dem deutschen Herrenmenschen, der auf so etwas keine Rücksicht nehmen musste.

    Er öffnete langsam seine Pistolentasche, um die Waffe zu entnehmen.

    »Njet ... njet ...«, kam es aus dem kleinen Mund, zuerst laut und ein wenig stotternd, dann leiser werdend, »njet, njet ...«

    Er zog die Waffe, legte an und schoss.

    Der Schuss war nicht einmal sehr laut, er hörte sich eher an wie ein kurzes »Plopp«.

    Der kleine Körper sackte in sich zusammen und blieb regungslos, leicht gekrümmt, auf der schmutzigen Erde liegen.

    »Volltreffer«, entfuhr es einem der Offiziere und er sagte es so, als wäre eben ein Wild erlegt und nicht ein kleiner Mensch getötet worden. Die Kugel hatte das Kind genau in die Mitte der Stirn getroffen und ein kleines schwarzes Loch hinterlassen, aus dem jetzt kaum Blut sickerte.

    Der Teufel selbst hätte hier nicht besser Regie führen können. Ohne den Körper des Kindes noch eines Blickes zu würdigen, drehte der General sich um und ging zurück zu seinen Offizieren.

    So war ihm entgangen, wie eine junge Frau, die ein wenig vor die Gruppe getreten war, mit vor Entsetzen verzerrtem Gesicht lautlos zusammenbrach. Es war die Mutter des Mädchens, die das grausame Schauspiel mit anschauen musste und die nicht die Kraft gehabt hatte, ihrem Kind beizustehen – die Angst hatte sie so sehr gelähmt, dass sie weder sprechen noch sich bewegen konnte. Das Schicksal gestattete ihr durch die Ohnmacht eine kleine Pause.

    Aber der General hatte in seiner Selbstzufriedenheit noch etwas übersehen.

    Ein junger Wehrmachtsoffizier hatte sich seit einiger Zeit in dem Wäldchen aufgehalten und versteckt.

    Der junge Hauptmann, er hieß Karl Brenner, war auf der Suche nach seiner Einheit, die in der letzten Nacht bei einem schweren Gefecht aufgerieben wurde und in alle Richtungen auseinandergerissen war.

    Das, was sich da soeben vor seinen Augen abgespielt hatte, war so unbegreiflich, widerlich und menschenverachtend, dass er für einen Moment nicht einmal in der Lage war zu atmen. Er musste schlucken und hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Dabei war er mit Sicherheit ein »harter Brocken« und alles andere als zimperlich.

    Er war Soldat.

    Er war nicht so geboren worden, sondern man hatte ihn im Laufe der Zeit bei der Wehrmacht so hart gemacht. Er hatte in diesem Krieg Menschen erschossen und da gab es für ihn auch keine Skrupel. Das war der Kampf »Soldat gegen Soldat«, da ging es um »er oder ich«. Es war nun einmal Krieg, an dem er freiwillig teilnahm. Bisher hatte er es als seine Verpflichtung angesehen, für sein Vaterland zu kämpfen und wenn es sein musste, auch dafür zu sterben.

    Doch schon die letzten Monate hatten ihm die Augen geöffnet.

    Er hatte mit ansehen müssen, wie Soldaten – Kameraden – von karrierebesessenen Offizieren in Kämpfe geschickt wurden, die von vornherein zum Scheitern verurteilt waren und bei denen das schlimme Ende auch ohne große strategische Kenntnisse abzusehen war.

    Der Krieg war grausam und schmutzig geworden und er wusste manchmal nicht mehr, wofür er noch einstehen sollte.

    Obwohl er hier nichts hätte verhindern können, war er doch voller Wut und Ekel gegen sich selbst, weil er gezwungen war, tatenlos dem soeben Geschehenen beiwohnen zu müssen.

    Er war einmal aus Überzeugung Soldat geworden. Aber er hatte auf den Führer geschworen, nur gegen den Feind zu kämpfen. Von Zivilisten und Massenmord war nie die Rede gewesen.

    Er konnte es kaum glauben. Soldaten der Wehrmacht, seine Kameraden, hatten an diesem Ort bei diesem Verbrechen mitgewirkt. Sie hatten geschossen, sie waren für ihn die eigentlichen Vollstrecker.

    Doch das, was er soeben mit eigenen Augen hatte sehen müssen, ohne einschreiten zu können, das überstieg bei Weitem seine bisherige Vorstellungskraft.

    Das Unvorstellbare hatte sich, einem Foto gleich, in sein Gehirn eingebrannt.

    Vor allem aber dieser SS-General und seine Schergen. Obwohl er sein Gesicht nur für einen kurzen Moment gesehen hatte, wusste er, es würde ihn von nun an verfolgen.

    In ihm reifte in diesem Augenblick ein Entschluss.

    Sollte er den Krieg überleben, dann würde er alles daran setzen, dass dieses Schwein, dieser Teufel, zur Rechenschaft gezogen wurde. Er konnte gar nicht anders handeln, das war er schon seinen Kameraden schuldig, die sinnlos in diesem schmutzigen Krieg verheizt wurden. Aber nicht zuletzt war er es auch seinem Gewissen schuldig.

    2. Kapitel

    Berlin, Freitag 13. November 1953

    Der Regen prasselte gegen die Fensterscheibe. Es war ein düsterer Novemberabend.

    Der kleine Junge saß mit seiner Mutter am Küchentisch und malte auf einem Zeichenblock, während sie Strümpfe stopfend neben ihm saß.

    Die einzige Lampe über dem Küchentisch gab nur ein bescheidenes Licht ab und es fiel der Frau immer schwerer, die Nadel gezielt zu führen. Die Küche war einfach eingerichtet und diente gleichzeitig als Wohnraum, einmal in der Woche wurde sogar ein Bad daraus. Nur zum Schlafen gab es eine eigene Kammer, in der aber nur ein einzelnes Bett und eine Kommode Platz fanden. Ein Schrank stand in dem kleinen Flur und die Toilette befand sich im Treppenhaus zwischen den einzelnen Stockwerken.

    Aber Wohnungen dieser Art gab es noch viele im Nachkriegs-Berlin des Jahres 1953.

    Man konnte schon froh sein, wenn richtige Fenster eingebaut waren. Immer noch war Wohnraum sehr knapp und die meisten Menschen mussten noch mit viel schwierigeren Situationen fertig werden, hausten teilweise in notdürftig hergerichteten Baracken oder auf Trümmergrundstücken.

    Sie und ihr Sohn waren erst kürzlich hier eingezogen.

    Die Wohnung lag im Wedding, einer Arbeitergegend Berlins mit langer Tradition und Geschichte. Sie befand sich in einer alten Mietskaserne, wie diese Häuser im Volksmund hießen. Es war eines der wenigen Häuser in der Straße, die den Krieg fast unbeschadet überstanden hatten.

    Die Wände der Küche hatten ihre beste Zeit längst hinter sich, man konnte nur noch erahnen, dass sie früher einmal weiß gewesen waren.

    Nur zwei Gegenstände fielen sofort auf: das Bild eines jungen Mannes in amerikanischer Uniform, das in einem Rahmen aus echtem Silber auf dem Küchenschrank stand, und ein Hochzeitsfoto ihrer Eltern.

    Die Stimme von Alma Ziegler durchbrach die Stille:

    »Du solltest dich langsam an den Gedanken gewöhnen, schlafen zu gehen, mein Sohn. Es ist gleich halb acht und für einen jungen Mann wie dich wird es höchste Zeit.«

    Vom Tisch kam nur ein kaum zu verstehendes Gemurmel.

    »Ich habe dich nicht verstanden, was möchtest du mir sagen?«

    »Bitte, noch fünf Minuten, ich bin gleich fertig. Du, Mami, glaubst du, dass Onkel Jason mir dieses Jahr wieder etwas zu Weihnachten schickt?«

    Da war es wieder, dieses Onkel Jason.

    Sie hatte sich noch nicht dazu durchringen können, ihrem Sohn Martin zu erklären, dass Onkel Jason in Wirklichkeit sein Vater – oder besser ausgedrückt: sein Erzeuger – war. Sie glaubte, dass er es mit seinen erst sechs Jahren nicht verstehen würde. Aber vielleicht war sie auch nur zu feige.

    Sie war jetzt einunddreißig Jahre alt und immer noch eine sehr schöne Frau, wenngleich die letzten schwierigen Jahre einige Falten in ihrem Gesicht hinterlassen hatten und sie älter erscheinen ließen, als sie in Wirklichkeit war.

    Aber das ging in diesen Zeiten den meisten Menschen so – wenn sie überhaupt das Glück hatten, diesen fürchterlichen Krieg überlebt zu haben.

    Als ihr Sohn vor einiger Zeit begonnen hatte, nach seinem Vater zu fragen, erklärte sie ihm, dass er als Soldat in Russland gefallen war. Aber irgendwann würde Martin bewusst werden, dass das nicht stimmen konnte, da er erst 1947 geboren wurde. Eines Tages würde er den Zeugungsvorgang verstehen und die zeitlichen Abläufe einordnen können. So richtig verstand sie selbst immer noch nicht, wie das damals passieren konnte.

    »Gut, noch fünf Minuten, aber dann geht’s ohne Widerspruch ab ins Bett.«

    Seine Antwort hörte sie gar nicht mehr, denn auf einmal hatte die Vergangenheit sie eingeholt und sie fing an, mit offenen Augen zu träumen ...

    ... Es war im Februar 1946, Berlin lag wie die meisten deutschen Städte in Schutt und Asche. Es war eine einzige riesige Kraterlandschaft, aus der hier und da einige Häuser herausragten. Aber die meisten waren nur noch Ruinen. Ganze Straßenzüge gab es einfach nicht mehr, sie waren verschwunden unter riesigen Geröllbergen.

    Beim Anblick dieser Katastrophe fragte sich jeder, ob es je möglich wäre, hier wieder etwas aufzubauen. Es würde Jahre, vielleicht Jahrzehnte brauchen, wenn überhaupt. Niemand glaubte so recht daran, dass es die alte, prosperierende und vor dem Krieg weltoffene Stadt Berlin eines Tages wieder geben würde.

    Deutschland hatte einen alles vernichtenden Weltkrieg angezettelt und verloren. In diesen Zeiten gab es wenig Hoffnung, dass Deutschland sich davon je wieder erholen würde.

    Es war ein eiskalter Februarmorgen und Alma Ziegler befand sich auf dem täglichen Weg zu ihrer Arbeitsstelle.

    Sie war in einer Wohnung untergekommen, die sie sich mit drei Familien teilen musste. Zwölf Personen, die auf einer Fläche von weniger als fünfzig Quadratmetern zusammenwohnten oder besser gesagt: hausten.

    Dabei hatte sie noch Glück, viele Menschen besaßen nicht einmal ein festes Dach über dem Kopf, sondern lebten in zerbombten Häusern und Trümmern. Sie hatten sich notdürftig eine Bleibe zusammengebaut, mit allem Möglichen, was in den Ruinen noch zu finden war. Manche waren in halb zerstörten Häusern untergekommen, wohnten im ersten oder zweiten Stock, wobei das Treppenhaus oft nicht mehr existierte und die »Wohnung« nur über Leitern zu erreichen war.

    Berlin war in vier Zonen aufgeteilt, die von den Siegermächten regiert wurden. Almas Wohnung befand sich im englischen Sektor und sie musste jeden Morgen einen beschwerlichen Weg durch die Trümmerlandschaft in die amerikanische Zone zurücklegen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen.

    Sie fror erbärmlich, da sie nicht einmal mehr einen richtigen Wintermantel besaß.

    Ihre Eltern waren im Frühjahr 1945 bei einem nächtlichen Bombenangriff im Luftschutzkeller ihres Wohnhauses in Berlin umgekommen. Das ganze Haus war zerstört worden.

    Alma hatte nur überlebt, weil sie sich an diesem Tag bei einer Tante in Eberswalde aufgehalten hatte. Innerhalb weniger Minuten wurden nicht nur ihre Eltern getötet, nein, sie verlor auch ihre gesamte Habe. Aber der Kampf ums tägliche Überleben ließ ihr weder die Zeit, lange um ihre Eltern zu trauern, noch der zerstörten Wohnung hinterher zu jammern. Es war Krieg und da ging es fast allen so. Zum Glück hatte sie einige Kleidungsstücke bei ihren Verwandten gelagert, so dass sie nicht ganz ohne Bekleidung dastand. Doch ein Wintermantel war nicht dabei.

    Gerade in diesem Moment musste sie wieder an ihre Eltern denken und an ihre wunderschöne Kindheit in Eberswalde. Sie war ein Wunschkind gewesen und sollte das erste von vielen Geschwistern sein. Aber ihre Mutter hatte sie unter Lebensgefahr zur Welt gebracht und durfte aus medizinischen Gründen keine weiteren Kinder mehr bekommen. Ihr Vater, ein großer, stattlicher Mann, lehrte an der Universität in Berlin Geschichte und Anglistik. Wenn sie auch eine strenge Erziehung genoss, so gab es da doch sehr viel Liebe. Ihr Vater liebte die englische Sprache und die englischen Dichter. Dank seiner Unterstützung lernte sie die Sprache schon in jungen Jahren so gut, dass sie in der Lage war, die Klassiker von Dickens oder Shakespeare im Original zu lesen.

    »Denk immer daran: Eine Fremdsprache wie Englisch zu beherrschen, öffnet dir später einmal die ganze Welt«, war einer der Lieblingssätze ihres Vaters. Es wurde ihr zu einer festen Angewohnheit, sich zu Hause mit ihm immer öfter auf Englisch zu unterhalten.

    In seiner politischen Anschauung war er ein liberal denkender Mann, der die Zentrums-Partei wählte.

    Hitler und sein »braunes Pack« nahm er anfänglich nicht ernst und betrachtete sie als ein kurzfristiges Übel, das schnell vorbeigehen würde.

    Sie konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie sie eines Tages durch Zufall ein Gespräch zwischen ihrem Vater und seinem besten Freund, dem Rabbi Jakob Rosenzweig, mithören konnte.

    »Mein lieber Jakob, glaub mir, dieser braune Spuk wird schnell vorüber sein. Ich weigere mich zu glauben, dass ein Volk, aus dem ein Gutenberg, ein Schiller und ein Goethe hervorgegangen sind, so etwas lange mitmachen wird. Man wird diesen Gefreiten aus Braunau, diesen Hitler, durchschauen und bald wieder dahin schicken, wo er hergekommen ist. Unser Volk kann einfach nicht so dumm sein.«

    »Ich bin mir da nicht mehr so sicher«, kam die zögerliche Antwort vom Rabbi. »Hast du in der letzten Zeit die Wochenschau im Kino verfolgt und gesehen, wie das Volk diesem Hitler zujubelt? Und wenn du dann ihre Gesichter siehst, dieser Fanatismus, das hat nichts Menschliches mehr, das ist gefährlich für uns alle. Ich weiß nicht, wo das hinführen wird, Hans. Ich habe große Angst und das Schlimmste ist diese Ungewissheit, was noch alles kommen wird.«

    »Das sind Auswüchse dieser braunen Hohlköpfe, dieser SA. Das wird auch ein Hitler nicht länger hinnehmen. Du bist schließlich Rabbi in der dritten Generation, der wird sich doch nicht mit deiner Religion anlegen.«

    »Da wäre er nicht der Erste. Ich würde mir für uns alle wünschen, dass du Recht behältst, aber ich kann nicht daran glauben. Ich hoffe, Gott wird uns beistehen und das Schlimmste verhindern.«

    »Jakob, ich bin überzeugt, dass ein ganzes Volk so etwas nicht unterstützen wird. Warte nur ab, dieser Wahnsinn geht bald vorüber und es wird wieder besser werden.«

    Er sollte leider nicht Recht behalten. Die Apokalypse sollte erst noch kommen.

    Lange hatte er sich dagegen gewehrt, in die NSDAP einzutreten, bis die Universitätsleitung ihm unmissverständlich klar machte, dass er auf diese Weise für die Universität nicht länger tragbar sei. Da er das Lehren so liebte, trat er schweren Herzens und gegen seine innerste Überzeugung der Partei bei. Ein Leben ohne seine Universität, seine Studenten, war für ihn einfach nicht vorstellbar. Dennoch hatte er sich nicht verbiegen lassen und sich – so gut es in diesen Zeiten ging – vor der Zusammenarbeit mit den »braunen Hohlköpfen«, wie er sie im privaten Umfeld immer nannte, gedrückt. Doch es half nichts. Er wurde schließlich der Universität verwiesen und bekam, dank der Unterstützung von Freunden, wenigstens eine Anstellung als Hausmeister an einer Volksschule in Berlin.

    Noch immer ihren Gedanken nachhängend war Alma ihrem Weg gefolgt und bemerkte plötzlich, dass sie schon an ihrer Arbeitsstelle vorbeigegangen war.

    Das »Entnazifizierungsbüro« der Amerikaner befand sich in einem alten Schulgebäude, das die Bombenangriffe einigermaßen heil überstanden hatte. Hier hatte sie das Glück gehabt, dank ihrer guten Englischkenntnisse eine Arbeit als Dolmetscherin zu bekommen. Wie alle hier arbeitenden Deutschen wurde sie von den meisten amerikanischen Mitarbeitern verachtet oder sogar gehasst. Dabei war sie in all den Jahren nie politisch aktiv gewesen. Sie war das, was man allgemein als Mitläufer bezeichnete.

    Vieles von dem, was nun nach und nach an Grausamkeiten der Nazis herauskam, hatte sie wirklich nicht gewusst. Die Konzentrationslager und die Vernichtung der Millionen Juden, davon hatte sie kaum etwas mitbekommen, wenngleich sie, wie die meisten, vor manchen Ereignissen einfach die Augen verschlossen hatte. Selbstverständlich hatte sie schon frühzeitig mit ansehen müssen, dass gerade in ihrer Nachbarschaft nach und nach immer mehr Juden verhaftet wurden, die sie von Kindheit an kannte. Oder wie viele am helllichten Tage auf LKWs verladen wurden, um in Arbeitslager abgeschoben zu werden. Arbeitslager, das hörte sich doch nicht so schlimm an und die meisten beruhigten ihr Gewissen damit, dass die Juden nach dem Krieg schon wieder auftauchen würden.

    So dachte Alma auch.

    Dabei hätte sie es besser wissen müssen, denn ihr Vater hatte dieses Unrecht schon früh in der Familie angesprochen und auch das Wort Konzentrationslager hatte sie bereits gehört. Über das wirkliche Ausmaß der Vernichtung der Juden, im Namen des Deutschen Volkes, war sie nicht informiert, wollte es auch gar nicht so genau wissen. Da war die eigene, immer schwieriger werdende Lage hilfreich, das meiste zu verdrängen, denn man hatte ja Tag für Tag mit dem eigenen Überleben genug zu tun.

    Alma betrat das Gebäude und das Erste, was sie wie jeden Morgen wahrnahm, waren die Wärme und der Geruch nach frischem Bohnerwachs, der fast täglich neu aufgetragen wurde.

    »Sie haben sich schon wieder um sechs Minuten verspätet.«

    Die Stimme des Wachmannes holte sie endgültig in die Realität zurück.

    »Ich kann das nicht länger durchgehen lassen. Wenn Sie noch einmal zu spät kommen, muss ich Meldung machen.«

    »Entschuldigung«, antwortete sie erschreckt, »das wird nicht mehr passieren.«

    Sie lächelte ihn an und verschwand auf der Treppe, die in den zweiten Stock führte, wo sich ihr Büro befand.

    Genau dieses Lächeln war es, das bisher und wahrscheinlich auch künftig verhindern half, dass der Wachmann Meldung machen würde. Denn er war ein wenig in sie verliebt, hätte sich aber nie getraut, es ihr zu gestehen. Doch dank ihrer weiblichen Intuition spürte sie, dass er sie mochte, und das nutzte sie unbewusst ein bisschen aus.

    Ungefähr eine Stunde später hatte sie aus der Registratur gerade einen Berg Akten geholt und sich so viele Ordner genommen, dass sie kaum darüber blicken konnte. So sah sie den jungen Mann nicht, der die Treppe heraufgestürmt kam, mit elegantem Schwung die Ecke nahm und regelrecht in sie hineinrannte.

    Sie ließ die Akten instinktiv fallen und landete auf ihrem ansonsten sehr ansehnlichen Hinterteil, begleitet von einem laut vernehmlichen »Oh!« und »Aua!«.

    Der junge Mann, ein Lieutenant der US Army, stoppte kurz, um auf Englisch zu antworten: »Oh sorry, excuse me, ich bin heute zum ersten Mal hier und ich bin bereits viel zu spät.«

    Kaum ausgesprochen, drehte er sich wieder um und verschwand um die nächste Ecke.

    Da saß sie nun auf dem Boden, die Beine nicht gerade elegant von sich gestreckt und hatte noch nicht ganz erfasst, was ihr soeben widerfahren war. So konnte sie nur noch ein »Blöder Idiot!« auf Deutsch hinterherrufen, aber das verstand er wahrscheinlich sowieso nicht und hatte es wohl auch gar nicht mehr gehört.

    Dies war der Moment gewesen, in dem Lieutenant Skinner in ihr Leben getreten, besser gesagt: gestolpert, war ...

    ... Sie schreckte hoch, sie hatte mit offenen Augen geträumt. Wie lange, wusste sie nicht mehr, aber Martin hatte den Kopf auf den Tisch gelegt und war eingeschlafen. Auch das Feuer im Ofen war längst verloschen. Sie nahm den kleinen Kerl auf den Arm und brachte ihn zu Bett, er wurde dabei nicht einmal wach. Angezogen, wie sie war, legte sie sich zu ihm und war im Nu selbst eingeschlafen.

    3. Kapitel

    Kehl, Mittwoch 17. Juli 1968

    Er stand auf der Brücke und wusste nicht wieso.

    Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war, dass er am frühen Morgen aus lauter Verzweiflung in Hamburg in irgendeinen Zug gestiegen war, ohne zu wissen, wohin er fuhr. Sein einziger Wunsch war, die Stadt so schnell es ging zu verlassen und so weit wie möglich fortzukommen.

    Im Zug hatte er eine Fahrkarte Richtung Süden gelöst und war wie in Trance durch halb Deutschland gefahren. Er hatte weder seine Mitreisenden noch die vorbeiziehende Landschaft wahrgenommen.

    Dann war er einfach ausgestiegen, stand wie verloren auf einem Bahnsteig und wusste nicht einmal wo.

    Irgendwann, sein Zeitgefühl war ihm längst abhanden gekommen, hörte er aus dem Lautsprecher des Bahnhofs, dass er sich in Kehl befand.

    Aber all das berührte ihn nicht mehr, es war ihm egal. Er wusste nur, er hatte etwas Schreckliches getan, er hatte Angst und ihm fehlte jeglicher Überblick, wie es weitergehen sollte.

    Auch wie er auf die Brücke gelangt war, hätte er nicht sagen können.

    Es war einfach geschehen.

    Er trat an das Geländer und schaute dem Fluss stromabwärts nach. Es war ein warmer Juliabend und die untergehende Sonne spiegelte sich im Wasser. Alles wirkte so friedlich hier.

    Er war ganz ruhig, nahm seine Umwelt aber immer noch nicht richtig war, obwohl auf der Fahrbahn hinter ihm reger Verkehr herrschte und die Autos an ihm vorbeiflitzten.

    Eine unwirkliche Stille umgab ihn.

    So vor sich hin träumend sah er einen Kohlefrachter, der voll beladen und behäbig den Fluss hinabfuhr und er dachte, dass das glückliche Menschen sein mussten, die abgesehen von kleinen alltäglichen Sorgen losgelöst durch die Welt reisen konnten. Es musste ein ruhiges und zufriedenes Leben sein.

    Wie gerne hätte er jetzt mit ihnen den Platz getauscht.

    Dann langsam, Stück für Stück, holte die Realität ihn ein. Die Erinnerung kam zurück und plötzlich war alles wieder da. Sein Magen revoltierte und er hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Dabei hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Nein, es machte keinen Sinn mehr, sein Leben war nur noch ein einziges Chaos.

    Damit wollte er hier und jetzt Schluss machen.

    Er rückte noch näher an das Geländer, griff mit beiden Händen stärker zu. Er umklammerte es in der Absicht, sich abzustützen, um im nächsten Moment über das Geländer zu springen, hinab in den Fluss. Wahrscheinlich würde das Wasser nicht einmal kalt sein, schoss es ihm durch den Kopf.

    Es müsste schön sein, sich einfach fallen zu lassen.

    Wenn er es richtig machte und gerade ins Wasser sprang, dann dürfte der Aufschlag gar nicht so weh tun. Dann würde er sich treiben lassen und langsam untergehen.

    Abtauchen in die Ewigkeit, alles hinter sich lassen, keine Vergangenheit mehr.

    Er musste einfach nur springen ...

    4. Kapitel

    Berchtesgaden, Dienstag 27. Februar 1945

    Die schwarze Horch-Limousine hatte Berchtesgaden verlassen und versuchte, die stark gewundene Straße heraufzufahren. Das dichte Schneetreiben machte es fast unmöglich, den Weg zu sehen, und die Scheibenwischer waren dieser Belastung kaum noch gewachsen. Die Glätte der Straße ließ die Antriebsräder des schweren Wagens immer wieder durchdrehen und das Heck wollte ständig nach links oder rechts ausbrechen. Nur durch Gegenlenken und gefühlvolles Gasgeben gelang es dem Fahrer, den Wagen auf der Straße zu halten.

    »Passen Sie doch auf, Sie Trottel, sonst liegen wir gleich im nächsten Graben! Können Sie nicht vorsichtiger fahren?«, meldete sich wütend der einzige Fahrgast. »Wie lange wird’s noch dauern?«

    »Sehr wohl, Herr General, ich denke, wir müssten in fünf Minuten da sein.«

    »Sie sollen nicht denken, sondern vernünftig fahren.«

    »Wie Herr General meinen«, antwortete der Fahrer und trat etwas beherzter aufs Pedal, dass der Wagen fast quer stand.

    »Sind Sie besoffen, Mann? Den Führerschein wohl auf dem Jahrmarkt geschossen?«

    »Zu Befehl, Herr General.«

    Bevor die Konversation fortgesetzt werden konnte, bog der Wagen scharf nach links ab. Er fuhr durch einen Torbogen und anschließend eine längere gerade Allee entlang, direkt auf ein schlossähnliches Gebäude zu, die schneegeräumte Auffahrt hinauf. Unter einem von Säulen gehaltenen Vordach kam er schließlich zum Stehen.

    Der Fahrer sprang heraus und öffnete die hintere linke Tür. Er knallte die Stiefel zusammen, nahm eine stramme Haltung ein und riss den rechten Arm hoch, um militärisch zu grüßen.

    »Das wird noch ein Nachspiel haben! Parken Sie den Wagen und warten Sie, bis ich mich melde.«

    »Jawoll, Herr General«, entgegnete er. Das »Du mich auch!«, das er etwas leiser hinzufügte, hatte der General jedoch nicht mehr hören können.

    An der Tür wurde der General schon vom Diener des Hauses erwartet.

    »Ich wünsche einen schönen Tag, Herr General«, begrüßte er ihn in ausgesucht höflicher Form.

    »Quatschen Sie nicht, Franz, von einem schönen Tag kann bei dem Sauwetter wohl keine Rede sein«, kam die barsche Antwort. »Sind die Herren schon da?«

    »Jawohl, Herr General, die Herren warten nur noch auf Sie«, erwiderte der Diener im gleich bleibend ruhigen Tonfall, »darf ich Ihnen vorher den Mantel abnehmen?«

    »Nicht nötig, wo befinden sich die Herren?«

    »Sie sind in der Bibliothek ... ich darf vorgehen?«

    »Nein, ich kenne den Weg.«

    Er ließ den Diener stehen und ging strammen Schrittes auf die Halle zu. In der Mitte blieb er stehen und schaute sich um.

    Er hatte dieses Haus schon des Öfteren besucht. Immer wieder war er von seiner Größe und dem Luxus, der ihm innewohnte, beeindruckt und gleichzeitig empfand er Neid, Wut und Verachtung für die Leute, die sich mit diesem Reichtum umgeben konnten.

    Die »Leute«, das war die Familie des Barons Ferdinand von Bargenfels, eine alte Stahldynastie aus dem Ruhrgebiet, die schon seit Generationen vom Stahl lebte und dadurch, vor allem in den letzten Jahren, unermesslich reich geworden war.

    Grund für diesen Reichtum war schon immer das Ausbeuten der Arbeiter und nicht zuletzt der Einsatz von KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen gewesen. Die Familie gehörte zu den ersten, die mit ihrem Einfluss und ihrem Geld die NSDAP und den Führer unterstützt und dabei geholfen hatten, ihn an die Macht zu bringen. Ferdinand von Bargenfels gehörte seit den Anfangsjahren zum engsten Beraterkreis des Führers.

    In ihren Werken wurden Panzer, Fahrzeuge, Flugzeugteile, Kanonen und sonstige Waffen in großen Stückzahlen gefertigt.

    Nun stand der General wieder in der großen Halle und sein Blick streifte über den kostbaren Marmorboden und die Wände, die mit Edelhölzern verkleidet waren, unterbrochen von dunklen Seidentapeten, auf denen die Bilder der Vorfahren der Familie angebracht waren. Eine mächtige Freitreppe teilte den Raum auf und führte in den ersten Stock. Links und rechts davon standen zwei Sitzgruppen und Möbel im Empire-Stil, die einen aristokratischen Eindruck erwecken sollten. Gekrönt wurde das Ganze von einer zehn Meter hohen Decke, die, ähnlich einer Pyramide, von vier Seiten fast spitz zusammenlief und mit kunstvollen Holzdekors in Mosaikform ausgestattet war. Zwei riesige Kristallleuchter hingen von der Decke.

    Da stand er nun, der General der Waffen-SS, Hermann Bardenberg. Enger Vertrauter von Hitler und Himmler, Anhänger der arischen Rasse, der aus kalter Berechnung überzeugter Nationalsozialist war, dabei aber nie aus den Augen verloren hatte, seine eigenen Interessen immer an die erste Stelle zu setzen. Doch er vermochte das so geschickt zu verbergen, dass alle glaubten, es gebe für ihn nichts Wichtigeres als die Partei. Er hielt sich für den »Herrenmenschen« und kannte bei der Durchsetzung seiner Ziele keine Skrupel. Für ihn heiligte der Zweck die Mittel. Nur so war es ihm gelungen, sich aus ärmlichen Verhältnissen ganz nach oben zu arbeiten. Fest davon überzeugt, zu Höherem geboren zu sein, war er sicher, es in der Zukunft noch weit zu bringen.

    Der Krieg war für Deutschland verloren, daran zweifelte er nicht, doch er hätte es anderen gegenüber nie zugegeben.

    Er dachte schon an die Zeit nach dem Krieg.

    Die Welt würde ihn noch kennen lernen, noch von ihm hören.

    Trotzdem war er sicher, dass er dieses Anwesen heute zum letzten Mal aufsuchen würde, was ihn aber nicht weiter störte.

    Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, eilte er die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

    Oben angekommen wendete er sich nach rechts, durchlief einen längeren Gang und blieb vor einer hohen Tür stehen. Er klopfte energisch an und öffnete die Tür, ohne ein »Herein« abzuwarten.

    Zu den Herren, die sich hier versammelt hatten, gehörten Obersturmbannführer Horst Gebhard, langjähriger Mitarbeiter bei Himmler und hauptsächlich zuständig für die Ausarbeitung und Durchführung der »Endlösung« in den Ostgebieten, und Dr. Günter Heising, Chefphysiker und Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts.

    Oberst Karl Bentrup war Kommodore und Leiter des Luftwaffegruppenkommandos West, Jagdflieger aus Leidenschaft und von Beginn an bei der Luftwaffe.

    Die Partei und ihre »Bonzen«, wie er sie in vertrauter Runde gerne bezeichnete, sowie die meisten Herren vom Generalsstab waren ihm schon immer zuwider gewesen, das war nicht seine Welt. Er wusste ihren Einfluss aber stets zu nutzen, wenn er ihn für seine Luftwaffe und die Fliegerei brauchte.

    Obersturmbannführer Fritz Schäfer war früher bei der Abwehr unter Admiral Canaris tätig gewesen. Nach Unstimmigkeiten und Zweifeln an seiner Loyalität durch den Admiral wechselte er zum Reichssicherheitshauptamt, wo er in leitender Position beim SD »Sicherheitsdienst« arbeitete.

    Seine »erfolgreichen Verhörmethoden«, die an Grausamkeiten kaum zu überbieten waren, sprachen sich schnell im Haus herum, so dass er schon nach kurzer Zeit zum engsten Mitarbeiterstab von Himmler gehörte, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, dem sowohl die GESTAPO als auch der SD unterstand. Schäfer war überzeugter Nationalsozialist und glühender Anhänger des Führers. Es war seine »Religion.«

    Hauptmann Marcus Brock, leitender Mitarbeiter der Abwehr, hatte früher ebenfalls eng mit Admiral Canaris zusammengearbeitet, der jedoch 1944, durch den SD, seines Postens enthoben wurde und drei Tage nach dem Attentat am 20. Juli 1944 verhaftet wurde. Canaris hatte zwar ein Attentat auf Hitler immer abgelehnt, aber er hatte auch mit seiner Dienststelle und seinem Einfluss schon seit Jahren den Widerstand heimlich unterstützt. Er und seine Abteilung stellten für den Sicherheitsdienst schon lange ein Hindernis dar. Mit seiner Verhaftung, wurde nicht nur ein Widersacher aus dem Weg geräumt, nein, der SD konnte somit auch gleich die ganze »Abwehr« übernehmen.

    Brock hatte sich in wenigen Jahren zu einem der erfolgreichsten Abwehroffiziere entwickelt. Dank seiner ausgezeichneten Fähigkeiten als »Geheimdienstler« und seiner mittlerweile weltweiten Kontakte hatte er es geschafft, dass er auch nach Übernahme der Abwehr durch das Reichssicherheitshauptamt weiter eingesetzt wurde. An seiner nationalsozialistischen Gesinnung hatte es dabei nicht gelegen, denn die besaß er nicht. Er war ein Opportunist erster Güte und ihn interessierten nur sein persönliches Weiterkommen und der Wunsch, Erfolg zu haben. Sehr schnell hatte er erkannt, dass ihm diese »Tätigkeit« Möglichkeiten eröffnete, ein Leben zu führen, dass er unter »normalen Umständen« so nie hätte haben können.

    Bankier Hubertus von Blomberg war Direktor und alleiniger Inhaber der Blomberg-Bank, die sich seit über hundert Jahren im Besitz der Familie befand. Sie hatte von Anfang an sehr eng mit der Partei zusammengearbeitet und in den letzten Jahren eine Schlüsselrolle bei Transfers von Gold, Schmuck und Devisen in die Schweiz eingenommen. Seine nationalsozialistische Gesinnung wurde nur noch von seiner Habgier und seinem Ehrgeiz übertroffen. So wurde er zum Unterstützer des Reichsführers und seiner Machenschaften und hatte für Himmler schon vor Jahren ein eigenes Konto eingerichtet. Auf diesem gingen Spendengelder ein, die er bei fast allen großen Banken der Großindustrie und dem Handel einsammelte, damit Himmler sich gewisse »Sonderausgaben« leisten und unabhängig seine Machenschaften umsetzen konnte. So landeten jedes Jahr mehr als eine Million Reichsmark auf diesem Konto, »Sonderkonto S« genannt.

    »Tag, meine Herren«, grüßte General Bardenberg, bevor er die Tür schloss.

    »Na endlich, wir warten schon seit Stunden auf Sie. Wo waren Sie nur?«, meldete sich Gebhard als erster zu Wort.

    »Nun mal langsam«, erwiderte der General gereizt, »glauben Sie, ich war zu meinem Vergnügen auf einem Ausflug? Ich konnte erst heute Morgen in München landen und die Fahrt hierher war bei diesem Sauwetter auch nicht gerade eine Belustigung.«

    Plötzlich fingen alle Beteiligten zu reden an, es ging durcheinander, wurde immer lauter, so dass keiner mehr sein eigenes Wort verstehen konnte.

    »Meine Herren ... meine Herren, ich bitte Sie«, ging der Hausherr mit erregter Stimme dazwischen, »so hat das keinen Zweck, so kann doch keiner etwas verstehen.«

    Aber es brauchte noch einige Zeit, bis man sich beruhigte, da jeder gleichzeitig von seinen Schwierigkeiten berichtete.

    Der einzige, den dieser Aufstand nicht aus der Ruhe zu bringen schien, war der General. Ohne sich weiter darum zu kümmern, legte er seine Aktentasche auf einen Sessel und warf seinen Ledermantel ebenfalls achtlos dorthin. Dann ging er auf die opulente lederne Sesselgruppe zu, in der es sich die Herren gemütlich gemacht hatten, und setzte sich in einen der freien Ledersessel.

    »Wenn sich denn alle beruhigt haben«, sagte er mit gelassener Stimme, »kann ich vielleicht berichten.«

    »Ja«, erwiderte der Hausherr, »ich denke, dass wir nun endlich erfahren möchten, was los ist und vor allen Dingen, wie es jetzt weitergeht. Bitte berichten Sie, Bardenberg.«

    »Also, ich war gestern beim Führer und wir haben über die aktuelle Situation gesprochen. Ich handele auf seinen direkten Befehl, was bedeutet, dass alles, was wir hier und heute besprechen, umgesetzt wird und der absoluten Geheimhaltung unterliegt.«

    »Was heißt denn hier Befehl und Geheimhaltung?«, warf von Bargenfels aufgeregt ein. »Damit habe ich nichts zu tun. Ich gehöre schließlich nicht zu Ihrem Verein und will damit nicht belastet werden.«

    Er wollte sich aus seinem Sessel erheben, wurde aber von seinem Nachbarn Schäfer am Arm zurückgehalten.

    »Halten Sie die Schnauze, von Bargenfels«, entgegnete der General mit ironischem Unterton, »wie sagt man so schön: Mitgehangen, mitgefangen. Sie und Ihre Familie sind es doch, die am meisten von uns allen vom Führer und der Partei profitiert haben. Oder sind Sie nicht immer reicher und auch immer gieriger geworden? An Ihrer Stelle würde ich mal etwas kleinere Brötchen backen.«

    Doch dann wurde sein Ton wieder schärfer und befehlsmäßiger: »Aber das gilt für alle hier Anwesenden und daher möchte ich es noch einmal ausdrücklich betonen: Ich handele auf direkten Befehl des Führers. Ich bin berechtigt, jeden, der sich diesem Befehl widersetzt oder ihn nicht befolgt, umgehend zu liquidieren. Und glauben Sie mir, meine Herren, ich werde davon unmissverständlich und kompromisslos Gebrauch machen.«

    »Gut, gut, nun kommen Sie mal wieder auf den Teppich«, ging Gebhard dazwischen, »keiner wird sich widersetzen und keiner wird dagegen arbeiten. Viel wichtiger ist es, jetzt eine aktuelle Bestandsaufnahme zu machen und einen Plan, wie es ab sofort weitergeht.«

    »Tja, meine Herren, genau das ist der Grund unserer kleinen Versammlung hier. Was die aktuelle Lage betrifft, ist beschissen wohl noch vornehm ausgedrückt. Der Russe ist im Vormarsch auf Berlin und der Amerikaner hat bereits den Rhein überschritten. Das deutsche Volk hat in seiner Gänze jämmerlich versagt. Oder wollen wir es mal so ausdrücken: Es hat den Führer verraten und im Stich gelassen. Göring schmeißt die letzten Maschinen in die Schlacht. Es fehlt praktisch an allem. Wir haben kaum noch Treibstoff, nur noch wenige einsatzfähige Kampfflugzeuge und immer weniger Munition. Der Nachschub an Panzern ist geradezu zum Erliegen gekommen.«

    »Was erwarten Sie?«, fragte von Bargenfels erregt. »Unsere meisten Werke sind zerbombt, wir bekommen kaum noch Material, um einen gewissen Nachschub sicherstellen zu können. Es fehlt einfach an allen Ecken und Kanten und die Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und die Frauen, die wir in der letzten Monaten bekommen – wenn überhaupt – sind doch für nichts zu gebrauchen. Die können sich ja selbst kaum noch auf den Beinen halten. Wie soll man mit so einem Material und unter diesen Voraussetzungen noch etwas Vernünftiges bauen können?«

    »Von Bargenfels hat Recht«, meldete sich Oberst Bentrup zum ersten Mal zu Wort, »wie soll man einen Krieg führen, wenn man kaum noch Waffen einsetzen kann? Sie wissen doch selbst am besten, dass wir kaum noch Flugzeuge in die Luft bekommen. Seit Ende 44 leiden wir unter notorischem Treibstoffmangel, von den Ersatzteilen ganz zu schweigen. Aber was das Schlimmste ist: Wir haben kaum noch Nachschub an gut ausgebildeten Piloten. Wir sind gezwungen, junge Männer in den Kampf zu schicken, die nicht mal richtig trocken hinter den Ohren sind, und die meisten sind kaum in der Lage, die wenigen Maschinen einigermaßen in der Luft zu halten. Wie sollen diese Jungs richtige Kampfeinsätze fliegen? Wir haben doch gar nicht mehr die Zeit und die Möglichkeit, sie angemessen darauf vorzubereiten und auszubilden. Im Klartext: Sie werden nur noch dem Feind als Kanonenfutter vorgeworfen. Wie wollen Sie mit diesen Möglichkeiten noch den »Endsieg« erreichen? Also machen wir uns nichts mehr vor: Der Krieg ist längst verloren. Wir pfeifen aus dem letzten Loch und der Feind kann nahezu ungebremst aus dem Vollen schöpfen.«

    »Gut, machen wir uns nichts vor«, antwortete der General. »Für diese wehrkraftzersetzenden Worte hätte ich Sie vor Kurzem noch vor ein Kriegsgericht gestellt. In der momentanen Situation kann ich mich nicht lange damit aufhalten, aber ich warne Sie.«

    »Schwachsinn … schauen Sie sich doch um, oder sind Sie blind? Dieses Land, Deutschland, existiert praktisch nicht mehr. Es ist zerbombt, der Boden mit Blut durchtränkt. In den Städten stapeln sich die Leichenberge. Die Truppen – so es überhaupt noch welche gibt – nur noch ein Häufchen zerschundener Kreaturen, die kaum noch in der Lage sind, zu kämpfen. Und wofür?«

    »Halt!«, unterbrach der General mit eiskalter Stimme. »Sie sollten jetzt besser schweigen und den Bogen nicht überspannen.«

    »Den Bogen nicht überspannen, ha! Was wollen Sie denn machen? Mich erschießen? Nur zu, dann hat das Elend ein Ende. Glauben Sie allen Ernstes, dass Sie mich damit noch beeindrucken können, nach all der Scheiße, die hinter mir liegt? Machen Sie schon, lassen Sie Ihren Gefühlen freien Lauf. Aber vorher werden Sie sich noch anhören müssen, was ich zu sagen habe.«

    Nun gut, dachte der General, wenn es nicht anders geht, soll er seinen Frust ablassen. Er brauchte ihn noch für eine wichtige Aufgabe, doch danach war er überflüssig und nutzlos und er würde ihn liquidieren.

    »Was soll’s. Wenn Sie meinen, Ihre Latrinenparolen unbedingt loswerden zu müssen, dann werde ich Sie nicht aufhalten.«

    Die anderen Anwesenden hatten das Geschehen mit unterschiedlichen Gedanken verfolgt und sagten nichts dazu, so dass der Oberst ungehindert fortfahren konnte.

    »Latrinenparolen? Ja, vielleicht, aber das ist mir egal. Es muss raus, bevor ich daran ersticke. Ich habe schon – wie wir alle – viel zu lange geschwiegen. Wie gesagt, wofür haben wir gekämpft? Für ein paar Wahnsinnige, die nur ihre eigenen, unterschiedlichen Interessen verfolgt haben und die schon sehr bald überhaupt nicht mehr wussten, was sie taten. Sie haben dafür gesorgt, dass dieses wunderbare Land dem Erdboden gleichgemacht wurde, Millionen umgebracht wurden und unsere Soldaten beziehungsweise das, was von Heer und Luftwaffe überhaupt noch übrig ist, wird dem Feind ... ach, ich wiederhole mich. Aber ...«

    »Herr General«, Obersturmbannführer Schäfer war aufgesprungen, »Herr General, das dürfen Sie nicht zulassen, das ist eine Beleidigung unseres Führers! Ich werde dem nicht länger zuhören und bitte, austreten zu dürfen.«

    »Ja, tun Sie das«, antwortete der General unbeeindruckt, »ich denke, es ist vielleicht an der Zeit, dass die Herren eine kleine Kaffeepause einlegen wollen.«

    »Das haben wir bereits, aber wenn ...?«, meldete sich der Hausherr zu Wort, kam jedoch nicht dazu, den Satz zu vollenden, da der General ihn herrisch unterbrach: »Dann sage ich es einmal so: Ich wünsche, dass Sie alle für eine Viertelstunde den Raum verlassen, da ich mich mit dem Oberst alleine unterhalten möchte. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Herren den Parolen des »Herrn Oberst« gerne weiter zuhören möchten.«

    »Ja, selbstverständlich, wenn Herr General befehlen«, kam nun die eher kleinlaute Antwort seitens von Bargenfels.

    »Aber, aber, wer spricht hier von Befehlen. Sie haben doch sozusagen das Hausrecht. Befehlen ... nein, ich möchte eher darum bitten«, entgegnete der General süffisant. »Ich werde Sie rufen, wenn wir fertig sind.«

    Nachdem die Herren den Raum verlassen hatten, wandte sich Bardenberg wieder dem Oberst zu.

    »So, Oberst, nun können Sie sich weiter auskotzen. Kehren Sie ruhig Ihr Innerstes nach außen, das scheint ja heutzutage in Ihren Kreisen opportun zu sein«, setzte der General das Gespräch mit zynischem Unterton fort.

    »Sehen Sie, Bardenberg, jetzt weiß ich wieder, was ich an Ihnen noch nie leiden konnte: Das ist dieser Zynismus und diese Gefühllosigkeit, ja, man könnte sagen, dieses Unmenschliche. Waren Sie schon immer so oder hat man Ihnen das auf der »Ordensburg« erst beigebracht?«, entgegnete der Oberst.

    »Eigentlich wollte ich gar nicht so persönlich werden. Aber gut, wenn Sie schon damit beginnen, will ich Sie gerne aufklären. Das Problem mit Leuten Ihres Schlages war doch schon immer, dass sie die Genialität unseres Führers nie verstanden haben oder nicht verstehen wollten. Wir wollten ein weltweites Germanien schaffen, von dem auch Sie letztendlich profitiert hätten. Aber das Deutsche Volk und das Militär – ja, damit meine ich auch Sie, Bentrup! – hat die Ideale Adolf Hitlers mit Füßen getreten. Ihr alle habt versagt und den Führer in seinem Bemühen, das Großdeutsche Reich zu schaffen, jämmerlich im Stich gelassen. Wenn Ihr ...«

    Bevor er weitersprechen konnte, ging Bentrup dazwischen:

    »Hören Sie doch endlich auf mit Ihren »großdeutschen« Plattitüden! Die sollen doch nur darüber hinwegtäuschen, dass Sie und Ihre Clique in Ihrem Größenwahn halb Europa zerstört haben, Millionen Menschen auf dem Gewissen haben und nicht einmal jetzt, wo fast alles zusammenbricht, endlich aufhören können. Nein, Ihr müsst auch noch die letzten Menschen opfern, für eine wahnsinnige und verlogene Ideologie.«

    »An der Sie ja auch nicht gerade unbeteiligt waren, oder irre ich mich da?«, antwortete der General mit ruhiger, aber eiskalter Stimme und seine Augen hatten sich schlitzartig zusammengezogen.

    Dieser Blick signalisierte eindeutig, dass er, egal was noch passieren würde, keine andere Meinung zulassen und, wenn es sein musste, auch über Leichen gehen würde.

    Aber Bentrup sah das nicht oder er wollte es nicht zur Kenntnis nehmen.

    »Das ist das erste und wahrscheinlich auch einzige Mal, dass ich Ihnen Recht geben muss«, entgegnete der Oberst. »Ja, in einigen Dingen bin ich nicht besser als Sie. Ich habe mich genauso mitschuldig gemacht, weil mir viel zu spät klar wurde, zu welchem Inferno sich dieser eigentlich von Anfang an verlorene Krieg entwickelt. Die ersten Siege haben mich, wie fast alle, besoffen gemacht und zuerst über manches hinwegsehen lassen. Als ich dann die Sinnlosigkeit erkannte, war ich schon zu tief darin verstrickt. Mir fehlte der Mut, mich dagegen zu wehren und die Schnauze aufzumachen. Insoweit habe ich mich, wenn Sie so wollen, mitschuldig gemacht und werde über kurz oder lang dafür die Rechnung bekommen. Aber ich werde nicht mehr still sein und ich werde sagen, was ich denke. Das werden auch Sie mit all Ihren Durchhalteparolen nicht mehr verhindern können.«

    »Warum sollte ich? Das, was Sie da von sich geben, interessiert doch keinen mehr. Sie sind längst Geschichte, wen wollen Sie denn damit noch beeindrucken?«, antwortete der General. »Aber eins verstehe ich dann doch nicht. Wie kann es sein, dass aus einem ehemaligen Volkshelden mit 151 Feindabschüssen, einem Ritterkreuzträger, auch noch mit Eichenlaub und Schwertern, so eine jämmerliche Figur werden konnte? Mann, Sie stammen doch aus einer alten Soldatenfamilie, wie können Sie diese Tradition so in den Schmutz ziehen! Sie ...«

    »Lassen Sie meine Familie aus dem Spiel! Sie sind nun wirklich der letzte, der von ihr sprechen darf«, kam die wütende Antwort des Oberst. »Mein Vater hat sowohl im ersten als auch in diesem Krieg gekämpft. Er ist für Eure verlogene Ideologie in Russland gefallen, aber er ist zumindest noch in dem Glauben gefallen, es für Führer, Volk und Vaterland getan zu haben. Mein Bruder Armin ist ebenfalls in Russland gefallen und ich bin sicher, dass er schon erkannt hat, dass er sein Leben für eine falsche Ideologie hergegeben hat. Ob mein anderer Bruder Klaus noch lebt, ich weiß es nicht. Aber Sie haben nicht das Recht, von meiner Familie zu sprechen und sie zu beschmutzen. Sie haben sich doch nie dem richtigen Kampf gestellt, haben sich durch Ihre Beziehungen immer schön nach oben durchlaviert und andere den Dreck wegmachen lassen. Aber ich werde Euren Wahnsinn nicht weiter unterstützen, damit ist jetzt Schluss. Viel zu lange habe ich schon tatenlos zugesehen, ich kann und will nicht mehr.«

    »Tja, mein lieber Oberst«, sagte der General mit vor Hohn triefender Stimme, »machen Sie es sich jetzt nicht ein bisschen zu leicht? Nein, Verehrtester, so einfach kommen Sie mir nicht davon. Sich mal eben aus der Verantwortung verabschieden, schnell die weiße Fahne hissen und eventuell auch noch zum Feind überlaufen. So haben wir nicht gewettet. Das kann und werde ich nicht zulassen.«

    »Was wollen Sie denn machen? Mich erschießen? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, es ist mir egal. Ja, vielleicht tun Sie mir sogar einen Gefallen damit.«

    Um das Gesagte zu untermauern, öffnete der Oberst seine Pistolentasche, entnahm seine Waffe und legte sie demonstrativ auf den Tisch.

    »Das könnte Ihnen so passen. Wenn Sie nicht einmal den Mumm haben, sich selbst eine Kugel in den Kopf zu jagen, dann werde ich Ihnen diese Arbeit mit Sicherheit nicht abnehmen. Nein, das müssten Sie schon allein erledigen«, sagte der General verschlagen.

    Aber dann wurde seine Stimme plötzlich ruhiger und verbindlicher: »Ich denke, wir sollten unsere gegenseitigen Antipathien mal für einen Moment außer acht lassen und das große Ganze nicht aus den Augen verlieren.«

    Noch bevor der Oberst antworten konnte, wandte sich Bardenberg von ihm ab, ging zielstrebig auf eine der meterhohen Bücherwände zu und nahm ein bestimmtes Buch aus dem Regal. Darauf öffnete sich wie von unsichtbarer Hand geschoben eine Bücherreihe und eine große, mit Flaschen und Gläsern gut gefüllte Hausbar kam zum Vorschein. Es war unübersehbar, dass Bardenberg das nicht zum ersten Mal machte, er kannte sich hier aus.

    »Ich glaube, jetzt können wir beide mal einen kräftigen Schluck vertragen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, entnahm Bardenberg eine Flasche Hennessy-Cognac und zwei Gläser.

    »Was meinen Sie, Bentrup, das müssen doch Tausende Bücher sein, die hier in den Regalen stehen. Ob von Bargenfels die je gelesen hat? Nein, ich denke nicht ... alles nur Staffage, um Leute wie uns zu beeindrucken.«

    Mit der Flasche und den Gläsern in der Hand drehte er sich um und ging wieder auf die Sitzgruppe zu, in der der Oberst saß. Dieser machte nun einen eher apathischen Eindruck.

    Da saß nicht mehr der Draufgänger, der Hansdampf in allen Gassen, der er früher einmal gewesen war.

    Dieser Mann hatte innerlich mit allem abgeschlossen und das war nicht gut, denn Bardenberg brauchte ihn noch für eine wichtige Aufgabe. Aber zum Glück hatte er einen Trumpf in der Hinterhand, den er beabsichtigte – falls nötig – gnadenlos auszuspielen.

    Er füllte zwei Gläser mit dem edlen Getränk, stellte eines vor dem Oberst auf den Tisch und nahm selbst wieder in dem Sessel ihm gegenüber Platz. Nachdem er ihm zugeprostet hatte, trank er einen ordentlichen Schluck, während der Oberst nur ein wenig an seinem Glas nippte.

    Nach einem kurzen Moment, in dem keiner von beiden etwas sagte, fuhr Bardenberg mit dem Gespräch fort.

    »Also gut, wie schon angedeutet, brauche ich Ihre volle Unterstützung in einer wichtigen Mission. Ich baue auf Ihren letzten Rest von Anstand, diese Sache durchzuführen, die für das Reich von enormer, ja, vielleicht von kriegsentscheidender Wichtigkeit ist. Was Sie danach machen, bleibt Ihnen überlassen, es ist mir egal. Ich jedenfalls werde Sie dann nicht mehr behelligen.«

    »Und was ist nach Ihrer Meinung so wichtig, dass Sie ausgerechnet meine Unterstützung brauchen?«, fragte der Oberst uninteressiert.

    »Ich werde es Ihnen erklären. Wir haben heute Dienstag, den 27. Februar 1945 und ich brauche von Ihnen in zwei Tagen, also übermorgen, vormittags eine vollgetankte JU 52 auf dem Fliegerhorst Neubiberg, mit Ihnen und einem weiteren Piloten, den Sie bestimmen können. Alles Weitere und das Flugziel werde ich Ihnen dann mitteilen. Können Sie das schaffen?«

    »Können ja, aber ob ich will, das ist eine andere Frage. Außerdem haben Sie doch vor wenigen Minuten noch groß verkündet, sozusagen der neue Oberbefehlshaber zu sein. Dann brauchen Sie doch nur zu befehlen und bekommen, was Sie wollen. Warum also gerade ich?«

    »Gut, ich sehe, ich muss deutlicher werden. Es geht darum, dass Sie eine kriegswichtige und vielleicht auch kriegsentscheidende Fracht an einen Ort bringen sollen, den ich Ihnen noch mitteile. Sie wissen doch selbst, dass man gerade in der heutigen Zeit nicht mehr viele zuverlässige Leute findet, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann.«

    »Und da sprechen Sie gerade mich an, nachdem wir unsere gegenteiligen Ansichten erst vor wenigen Augenblicken ausgetauscht haben? Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt oder können und wollen Sie mich einfach nicht verstehen? Dann möchte ich gerne nochmals wiederholen: Für mich ist Feierabend, ich stehe nicht mehr zur Verfügung. Und »kriegswichtige« Fracht, dass ich nicht lache. Dabei handelt es sich mit Sicherheit um Beutegut, das Sie und Ihre Schergen den Juden und wem sonst noch abgenommen haben und das Sie schnell noch außer Landes bringen wollen, bevor der Ami hier eintrifft. Darauf verwette ich mein Leben. Nein, mein Lieber, nicht mit mir. Ich werde weder zu Ihrem Handlanger noch werde ich diese kriminellen Machenschaften unterstützen.«

    Es entstand eine kleine Pause in der der General kein Wort sagte, sondern Bentrup nur eindringlich fixierte.

    Dann erschien wieder dieses zynische Grinsen auf seinem Gesicht und er schüttete sich noch ein Glas Cognac ein, bevor er zu sprechen begann.

    »Sehen Sie, ich habe mit dieser oder einer ähnlichen Reaktion Ihrerseits gerechnet. Ich tue es nicht gerne, aber mir bleibt keine andere Wahl, als Plan B einzusetzen. Nein, wirklich, Sie lassen mir keine andere Wahl.«

    Der Oberst hatte sich in seinem Sessel gerade aufgerichtet und sah den General erstaunt an.

    »Was heißt hier Plan B … was haben Sie sich da für eine Schweinerei ausgedacht? Egal, was es ist, ich werde Ihre Sauereien nicht unterstützen, niemals!«

    »Da würde ich an Ihrer Stelle nicht so sicher sein. Ich dagegen bin sicher, Sie mit Plan B doch noch überzeugen zu können.« Der General schaute Bentrup mit eiskaltem und fast schon irrem Blick an.

    Es war das erste Mal, dass Bentrup das bewusst sah, und ihm lief ein Schauer den Rücken hinunter bei dem Gedanken, was gleich auf ihn zukommen könnte. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er richtige Angst, die er sonst nicht einmal bei seinen gefährlichen Kampfeinsätzen gespürt hatte. Da war es eher eine stark konzentrierte Anspannung, aufsteigendes Adrenalin gewesen, das er

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