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Allgemeinbildung in der Akademischen Welt: Geistes und Naturwissenschaften - Band 2

Allgemeinbildung in der Akademischen Welt: Geistes und Naturwissenschaften - Band 2

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Allgemeinbildung in der Akademischen Welt: Geistes und Naturwissenschaften - Band 2

Länge:
834 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Juli 2017
ISBN:
9783745095876
Format:
Buch

Beschreibung

Die Aufgabe der Wissenschaften besteht darin, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, die unser Wissen erweitern. Sie bedienen sich dabei je nach Fach spezieller Begriffe und Methoden, die man auch ihre Instrumente nennen kann. Manches dieser Instrumente kann aber jedoch in mehreren Fächern verwendet werden. So sprechen wir von einer kosmischen, einer biologischen, anthropologischen oder kulturellen "Evolution". Da möchte man wissen, was ist "Evolution" eigentlich und seinem Wesen nach. Kann man diesen Begriff problemlos, wie hier, von Unbelebtem auf Belebtes übertragen? Wenn ja, ist es vermutlich nicht abwegig, fundamentale Strukturen der Welt anzunehmen, die überhaupt dem Geist erlauben, von einer zusammenhängenden, von einer Welt zu sprechen.

Die naturwissenschaftlichen Hypothesen sind Vermutungen und auch erste, kurz gefasste Antworten auf unsere Fragen. Sie bewegen sich im Möglichkeitsraum, in dem sich die menschliche Phantasie frei bewegt, bis sie Halt in einer Theorie findet. Mit allen Theorien zusammen nähern wir uns einer einzigen Welt. Wir haben sie im Kopf und wir bewegen uns in ihr.
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Freigegeben:
4. Juli 2017
ISBN:
9783745095876
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Allgemeinbildung in der Akademischen Welt - Gerd Breitenbürger

Impressum

Gerd Breitenbürger, „Allgemeinbildung in der Akademischen Welt", Band 2

www.edition-winterwork.de

© 2015 edition winterwork

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat und Foto: Monika Knecht

Umschlag: Berit Overhues

Illustration von Tomi Ungerer

Copyright © 1994 Diogenes Verlag AG Zürich

Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de

2. Auflage

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Gerd Breitenbürger

Allgemeinbildung

in der

Akademischen Welt

Geistes- und Naturwissenschaften

Band 2

Phantasie und Genauigkeit

Das wissenschaftliche Fragen beginnt nach langer Vorbereitung in Philosophie und Theologie mit der Renaissance. Das Buch der Natur ist in Zahlen geschrieben, die Sterne, die noch zunächst nach astrologischer Sinngebung schicksalhaft interpretiert werden, werden in ihren Laufbahnen berechnet. Eine neue, zukunftsträchtige Methodik entwickelt sich. Der menschliche Geist hat eine neue Dimension erreicht, eine an Theoriebildung orientierte und zu ihr zurückführende Beobachtung. Experiment und das Aufstellen von Formeln machen fortan der Theologie und Philosophie Konkurrenz. Das exakte Denken erschließt eine neue Welt, die zum größten Teil die unsrige geworden ist. Zu ihr gehören das Bilden von Konstrukten und die Simulation, die beides, Phantasie und wissenschaftliches Denken, voraussetzen.

Die Aufgabe der Wissenschaften besteht darin, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, die unser Wissen erweitern. Sie bedienen sich dabei je nach Fach spezieller Begriffe und Methoden, die man auch ihre Instrumente nennen kann. Manches dieser Instrumente kann aber jedoch in mehreren Fächern verwendet werden. So sprechen wir von einer kosmischen, einer anthropologischen oder kulturellen „Evolution. Da möchte man wissen, was ist „Evolution eigentlich und seinem Wesen nach. Kann man diesen Begriff problemlos, wie hier, von Unbelebtem auf Belebtes übertragen? Wenn ja, ist es vermutlich nicht abwegig, fundamentale Strukturen der Welt anzunehmen, die überhaupt dem Geist erlauben, von einer zusammenhängenden Welt zu sprechen.

Die naturwissenschaftlichen Hypothesen sind Vermutungen und auch erste, kurz gefasste Antworten auf unsere Fragen. Sie bewegen sich im Möglichkeitsraum, in dem sich die menschliche Phantasie frei bewegt, bis sie Halt in einer Theorie findet. Mit allen Theorien zusammen nähern wir uns einer einzigen Welt. Wir haben sie im Kopf und wir bewegen uns in ihr.

Die „akademische Welt" erschließt sich, soweit sie geistig erlebt wird, durch diese wesentlichen Bestimmungen. Sie ist eine lebendige Welt, da es in ihr Sicherheit und Ordnung nur um den Preis von Unsicherheit und Fragwürdigkeit gibt. Das gilt so für die naturwissenschaftliche Welt. Die des Geistes wird eher als Gegenwelt dazu gesehen: Luxurierende Phantasie, Emotion und Bildlichkeit, Sinn und Wesen, ästhetischer Genuss und Selbstgenuss sind aber Ergänzungen, die die exakten Wissenschaften nicht durch Überblendung verdunkeln, sondern durch Sinngebungen erhellen.

INHALTSVERZEICHNIS

Teil 1

1 HEURISTIK: PLAFONDS UND SCHEMATA

1.1 Standard: Spekulation/Hypothese/Theorie/Kritik

1.1.1 Spekulation

1.1.2 Spekulieren in concreto

1.1.3 Nachdenken im täglichen Leben

1.1.4 Scampola

1.2 Hypothese – Theorie – Kritik an einem Beispiel

1.2.1 ANALYSE: Anthropologie: Aggressivität

1.2.2 Kritische Fragen

1.2.3 Kooperation nach Strategien

1.2.4 Tomasellos „Koevolution" und die Ameise

1.3 Die Plafond-Methoden

1.3.1 Plafond als Methode

1.3.2 Kompetenzplafond

1.3.3 Wissenspool

1.3.4 Plafond-Denken als Methode der Kritik

1.3.5 Der Wissenspool enthält die Paradigmata

1.3.6 Plafond: Indikator für die Intelligenz

1.3.7 Plafond: Beispiele

1.3.8 Die Kuddelmuddel-Falle

1.3.9 Die Beerdigungsfüßchen

1.3.10 Begriffshülsen

1.3.11 Das Unterschlagen von Begriffen

1.3.12 Parallaxe

1.3.13 Intelligenzplafond: Koryphäe

1.3.14 Der Wissenspool gibt Orientierung

1.3.15 Methoden im Wissenspool werden überprüft

1.3.16 Quien mucho abarca poco aprieta

1.3.17 Grenzen des Plafonds erkennen

Teil 2

2 METHODEN IM EINZELNEN

2.1 Von einfach bis genial

2.1.1 Revolutionen in den Naturwissenschaften

2.1.2 Das Methoden bewusstsein entsteht mit der Induktion

2.1.3 Methode hölzernes Eisen – Oxymoron

2.2 Basis-Methoden: Induktion und Formalismus

2.2.1 Schach

2.3 Behauptungen sind beliebt, aber fragwürdig

2.3.1 Behauptungen der Theologie

2.3.2 Weil: Zauberwort der Wissenschaften

2.3.3 Behauptete Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte

2.3.4 Behauptungen in extremis

2.3.5 Che Guevaras letzte Behauptung

2.3.6 Behauptung sicher wie Treibsand

2.3.7 Revision der Behauptungen

2.3.8 Behauptungssätze sind die Welt

2.3.9 Behauptungen beanspruchen Zustimmung

2.3.10 Verneinung einer Behauptung

2.3.11 Frage als Gegensatz zur Behauptung

2.4 Ideologien sind pointierte Behauptungen

2.4.1 Methoden, ein Florilegium

2.4.2 Francis Bacons Methode

2.4.3 Beobachtung – Grundlage der Forschung

2.4.4 Das pralle Leben als Methode

2.4.5 Das Neue aus dem Alten

2.4.6 Zweck wird Ursache

2.4.7 Mit Archimedes die Kultur erklären

2.5 Reduktive Methoden in der Literatur

2.5.1 Satire und der reduzierte Rubens

2.5.2 Bibelrhetorik

2.5.3 Turmbau: Symbol und Metapher

2.5.4 Grenzwert, Intelligenzplafond

2.5.5 Dago, Feind oder Freund des Kapitalismus?

2.6 EXKURS: Methoden der Soziologen und Typenbildung

2.6.1 Modell, Konstrukt

2.6.2 Denkmodelle

2.6.3 Konstrukt ist Konstruktion mit Hilfe der Vorstellung

2.6.4 Terra incognita – Konstrukt

2.6.5 Szenarien für die Praxis

2.6.6 Bild der Wirtschaft: im Möglichkeitsraum

2.6.7 Methode: Wirtschaftliches Gutachten

2.6.8 Homo oeconomicus, ideal-klassisch oder fies

2.6.9 Idealtypen

2.7 Das Geäst als Vexierbild

2.7.1 Evolutionäre Erkenntnis

2.7.2 ANALYSE: Lucy und Aristoteles' Kategorien

2.7.3 Aus Biologie wird Philosophie

7.2.4 Assoziationen, Material für das Denken

2.7.5 Die Spontaneität der Assoziationen

2.7.6 Lucys Automatismen

2.8 Das Subjekt, das Individuum und seine Typologie

2.8.1 Plan – Mittel – Ziel

2.8.2 Das Subjekt unter Dauerbeschuss

2.8.3 Beobachtung und Experiment

2.8.4 Meister im Träumen: die Naturwissenschaftler

2.8.5 SPEZIELLE ANALYSE: Typologie und Aggression

2.8.6 Die Begriffe Aggression und Aggressivität

2.8.7 Analyse: Aggression

2.8.8 Begriffserklärung als elementare Methode

2.8.9 Falsches Bild – falsche Gedanken

2.8.10 Alles hat Methode, von Anfang an

2.8.11 Macht – Gewalt – Aggression

2.8.12 Unterscheidung von Synonymen erforderlich

2.8.13 Typenbildung

2.8.14 Ulcus, ein Preis für die Kultur

2.8.15 Typologien aus dem Labor

2.8.16 Kategoriale Typen und Idealisierung

2.8.17 Quasi-Allsätze

2.8.18 Etiketten

2.8.19 Methodenmix und Darstellungslust

2.8.20 Methoden steuern den Sinn

2.8.21 Methoden: Resümee

2.8.22 Experimentum crucis: Othello

2.8.23 Praeter hoc – propter hoc und die Korrelation

2.8.24 Psychometrie und der Geist

2.8.25 Gattungs- und Individualbegriffe

2.8.26 Gestaltpsychologische Wahrnehmung

2.8.27 Analyse – Synthese

2.8.28 Die Interpretation liebt und verrät ihr Objekt

2.8.29 Stilübungen mit Humor

2.8.30 Rhetorik und Bosheit

2.8.31 Schachspiel in der Weltpolitik.

3 UNIVERSELLER SCHLÜSSEL?

3.1 Spieltheorien

3.1.1 Spiel (Huizinga) gegen „Spiel" (Eigen)

3.1.2 „Spiel" als isomorpher Begriff in Natur und Kultur?

3.1.3 Spiel und Laune der Natur?

3.1.4 Elastizität (Mohr), Abwandlungsfreudigkeit, Laune (Eigen)

3.2 EXKURS: Formalismus im Möglichkeitsraum und Schach

3.2.1 Semantik: Auch der Formalismus benutzt sie

3.2.2 Schach – visualisierter Formalismus

3.2.3 Schach: Formalismus, sichtbar und als Spiel

3.2.4 Die Erfindung des Strukturgedankens in der Mathematik

3.2.5 Form ohne Inhalt heißt Formalismus

3.2.6 Schach ist Kalkül gegen den Zufall

3.2.7 Schach, Gott und die Weltformel

3.3 Abstraktion, nicht abstrakt, eher anschaulich

3.3.1 Formeln in der Chemie

3.3.2 Der Vater hinter dem Baum

3.3.3 Formalismus und Sinn: Gespenster-Homines

3.3.4 Formelhaftes in der Umgangssprache

3.3.5 Das Kind wird zum Formalismus genötigt

3.3.6 ANALYSE: Die Liebe und ihr starker Formalismus

3.3.7 Theorie und Metatheorie der Liebe

3.4 Deduktiv-hypothetische Methode I

3.4.1 Deduktiv-hypothetische Methode II

3.5 Genialität der Methoden

3.5.1 Transfer – Analogie – Assoziation

3.5.2 Die Natur kennt nur geglückte Methoden

3.6 Methoden im Windkanal

3.7 Interpretieren

3.7.1 Interpretieren kann man nur, was man kennt

3.7.2 Die Interpreten und ihr Publikum

3.7.3 Interpretiertes interpretieren

3.7.4 Spekulative Interpretation

3.7.5 Ovids Liebestheorie und die 1000 Jahre

3.7.6 Methode: disambiguieren von Äquivokationen

3.7.7 Methodik der Avantgarde

Teil 3

4 INTERDISZIPLINÄRE STUDIE

4.1 Willensfreiheit und universeller Determinismus

4.1.1 Genetischer Determinismus

4.1.2 Urknall als Beginn des Determinismus

4.1.3 Lebendes Fossil - Determinismus pur

4.1.4 Zwillinge: Determinismus nicht ganz pur

4.1.5 Erkenntnis und Wahrheit in der Natur

4.1.6 Maturana: Autonomie, Stendhal, Numantia

4.1.7 Freier Wille: die Guillotine - lieber Determinismus?

4.1.8 Pythia, Haruspex, Zaudern, Fatum

4.2 Der Esel, der zuviel denkt, verhungert

4.2.1 Pico della Mirandola

4.2.2 19. Jahrhundert, Baudelaire, Balzac, Taine

4.2.3 Marx, Engels, Zille, Bakunin, Orwell, Gulag

4.2.4 Determinismus gleich Sicherheit

4.2.5 Karl Marx

4.2.6 Soziologie: Dialektik der Aufklärung

4.2.7 Determinanten, Noam Chomsky, Dadaismus

4.2.8 Nativismus

4.2.9 Psychoanalyse, Behaviorismus, Kognitivismus

4.2.10 Behaviorismus und Kognitivismus

4.2.11 Ratiomorpher Apparat

4.2.12 Manipulative Wahrnehmung

4.3 Determinanten/Naturgeschichte des Geistes?

4.3.1 Buridans Esel

4.3.2 Systemtheorie, der neue Mensch

4.3.3 Trasumanare

4.3.4 Libet: Hypothese und Kritik

4.3.5 Kornhubers und Libets Versuche

4.3.6 Plastizität des Gehirns

4.3.7 Vereinfachung der Gesellschaft

4.3.8 Emergenz

4.3.9 Die blinde Emergenz sieht nur der Mensch

Teil 4

5 HÖLLENSTURZ DER ÄSTHETIK

5.1 Die Hölle hat was

5.1.1 Das Naturschöne

5.1.2 Fata Morgana: Ist das Falsche wahr

5.1.3 Das Ästhetische bewerten oder beschreiben

5.1.4 Die Präzision der Kontingenz

5.1.5 Kunst und Langeweile

5.1.6 Kunst, Paradigmata und Avantgarde

5.1.7 Paradigmata der Subjektlosigkeit

5.1.8 Das blaue Pferd und die Logik

5.1.9 Eine Konstante in der Kultur: Manierismus

5.2 Freiheit im Stil bei selbstgewählten Regeln

5.2.1 Lakonie oder der enthymematische Stil

5.2.2 Die Ästhetik des Abwesenden

5.3 Metapher - Stil

5.3.1 Stil besagt viel

5.4 Akademischer Stil

5.4.1 Pointierungen zur Sinnverdeutlichung

5.4.2 Der wissenschaftliche Text

5.4.3 Informierende Texte

5.4.4 Begriffsprobleme

5.4.5 Dein Stil und alle schauen zu

5.4.6 Arbeit am Stil

5.4.7 Reduktion: Lakonie

5.4.8 Identität für jedermann

5.4.9 Rhetorik: Captatio benevolentiae

5.4.10 Metapher naheliegend oder gesucht

5.4.11 Lügt die Metapher?

5.4.12 Der Not gehorchend: Metaphern

5.5 Was heißt Leben. Paradigmatische Antworten

5.5.1 Die begriffliche Annektion

5.5.2 Kultur in der Natur?

Teil 5

6 EINZELNE FÄCHER: KOSTPROBEN

6.1.1 Theologische Fakultät

6.1.2 Philosophie

6.1.3 Rechtswissenschaftliche Fakultät

6.1.4 Volkswirtschaftslehre

6.1.5 Philologische Fakultät

6.1.6 Klassische Philologie: Griechisch

6.1.7 Klassische Philologie: Lateinisch

6.1.8 Lateinische Philologie des Mittelters: Wo steht die Erde

6.1.9 Literaturwissenschaft im Überblick

6.1.10 Literatur und Psychologie

6.1.11 Neurogermanistik

6.1.12 Romanische Philologie

6.1.13 Psychologie

6.1.14 Teildisziplinen der Psychologie

6.1.15 Soziologie

Teil 7

7 BLUE MOOD UND BLAUER ENZIAN

7.1.1 Der blaue Enzian

7.1.2 Glück - in akademischen Grenzen

7.1.3 Psychotherapie

8 STUDIUM GENERALE - BEGRIFFE

9 PLUS ULTRA IN DER AKADEMISCHEN WELT

Teil 1

1 Heuristik: Plafonds und Schemata

1.1 Standard: Spekulation/Hypothese/Theorie/Kritik

Auch Denken lernt man by doing, indem man Fragen stellt und sich die Dinge überlegt. Descartes behauptet, weil er eine Frage hat: cogito ergo sum (auch cogito sum), ich denke, also bin ich. Wer sich selbst nur wahrnimmt, kann sich täuschen. Wo ist Sicherheit zu haben. Elvira fasst sich kürzer und bescheinigt Oskar und sich selbst, dass sie beide ein Bewusstsein haben: „Denkste", sagt sie, wenn sie denkt, Oskars Gedanken gehen in die falsche Richtung. Phantasien und Assoziationen erschließen dem Denken neue Möglichkeiten. In der Meditation kommt es zur Ruhe. Wachsame Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt ist eine wesentliche Voraussetzung, um in einer ungeordneten Datenfülle Ordnung zu stiften, mit Hilfe der Sprache und ihrem Medium, dem Bewusstsein. Denken ist möglich, weil Symbole und Zeichen Bedeutungen haben und Beziehungen eingehen können. Es kann spontan erfolgen oder kühl objektivierend, was dem wissenschaftlichen Stil entspricht. Beides sind Äußerungen des Temperaments bei unterschiedlichen Gelegenheiten und Temperaturen.

Lernen könnte man mit dem Reagieren im Sinne von Dressur beginnen lassen, das auf Impulse, d. h. auf jeweils einen bestimmten Reiz erfolgt. Der Behaviorist zirkelt eng um diesen Begriff herum: Es gibt Lernen und Verlernen, Umlernen, neu Lernen und den Besitz von Lernfähigkeit überhaupt. Wiederholungen eines Lernvorgangs sind ausschlaggebend, damit Strukturen, Schemata, Automatismen, kurz, aber nicht ganz zutreffend Denkschemata genannt, sich einschleifen. Das Üben am Klavier und die Elektro-Dressur des Plattwurms in der Glasröhre ergeben ein Verhalten, das anschließend abrufbar ist. Ein mechanisches Lernpensum ist relativ zuverlässig, anderes wird in den Situationen, in denen es abgerufen wird, frisch interpretiert und frei ausgestaltet. Examenswissen sollte nicht nur aus auswendig gelerntem Stoff bestehen. Man sollte darüber verfügen.

Wer sagen kann, wer hätte das gedacht, weiß, dass Denken unvollkommen ist. Es ist immer ganzheitlich aber unvollkommen, man könnte sagen, „menschlich". Das heißt, es wird von der Kategorie der Kontingenz, der Möglichkeit, bestimmt. Auch sie kann er nur denken, indem er die Notwendigkeit mitdenkt. Gott als Inbegriff aller Möglichkeiten kann also keine Kontingenzen haben. Eine Kategorie muss immer auch in ihrer Nullversion vorstellbar sein. Fehlerhaftes Denken ist Denken, das immer möglich ist, Fehler werden schon mal aufwendig gesucht, auch mit wissenschaftlichen Methoden und systematisch. Die Reissfestigkeit der Wand einer Weltraumrakete hängt auch von der grenzwertigen Außentemperatur ab. Nach einer Katastrophe, es war beim Start nur wenig kälter als erlaubt, fand man den Systemfehler in den Dichtungsringen. Man hatte die Möglichkeit nicht gesehen.

Klar ist, dass der Mensch schnell zu lernen in der Lage ist und dass er in bestimmten Situation überhaupt nicht zu lernen bereit ist. Es ist ein Geheimnis. Denn wenn man sagt, die Triebe lassen ihm durchaus die Wahl, nicht immer aggressiv in derselben groben Richtung Elvira schon im Sandkasten die Haare auszuraufen: Wieso denkt er sich nicht eine Kultur aus, in der alle freundlich miteinander sind in quasi familiären Verhältnissen. Was in mikrosozialen Gesellschaften möglich ist, wieso schafft der Künstler der Transfers, der homo sapiens, es nicht, es auf die Meso- und die Makrowelt zu übertragen. Die richtige Methode müsste doch zu finden sein, die einigermaßen funktioniert; denn sie würde von der Evolution doch üppigg belohnt werden.

In 2700 Utopien hat der Mensch seit der Antike tatsächlich diesem drängenden Wunsch Ausdruck verliehen. Aber eher tötet das Denken im wahrsten Sinne des Wortes als dass es die Utopie umzusetzen geneigt oder in der Lage wäre. Es könnte sein, dass die Evolution vom Philosophen Gottfrield Wilhelm Leibniz (gest. 1716) schon längst gültig interpretiert worden ist: Wir leben in der besten aller möglichen Welten. Das könnte zynisch gemeint sein, relativierend im christlichen Sinn, optimistisch oder pessimistisch. Auf jeden Fall hat man sich darüber lustig gemacht, weil die Qualität aller kontingenten Welten, für die Gott zuständig wäre und gebraucht würde, schon zu wünschen übrig ließe. Eine Welt ausdenken heißt nicht gleich gut denken, optimal denken, zu Ende gedacht haben. Wer innerhalb der Grenzen, auch der geistigen, einer Schreckutopie lebt, hält sie vielleicht für eine der besten aller Welten, nach Leibniz, und so ergeht es vielleicht auch uns. Es gab Menschen, die im Gulag als Opfer Stalins vom Väterchen Stalin schwärmten. Vielleicht ergeht es uns so und wir wollen es nicht merken. Mancher lebt in einer Schreckehe, einer Schreckfamilie und fühlt sich pudelwohl, weil er den Schrecken für normal hält. Der Barde Kreisler dichtet von der Zeit beim „Mütterlein: „…glücklich war ich und neurotisch. Sorgenfrei und kriminell. Es ist gar nicht schwer zu behaupten, die Gesellschaft, das Dorf, in dem man lebt, sei prima oder sei die Hölle. Daraus kann man ableiten: Vielleicht lebt der Mensch schon längst genau in der Utopie, die ihm zusteht, weil nur diese ihm möglich ist. Er ist an seinem Intelligenzplafond angelangt, einen Schritt weiter, und er ist seiner Wirklichkeit nicht mehr gewachsen. Dann müsste er sein ganzes Einkommen an den Staat abliefern (Staatsquote 100 %), was immerhin eine totale Entlastung vom Denken bedeutet. Er müsste es schaffen, schlagartig zu verblöden und das auch noch für erstrebenswert halten, so lange er noch kritisch unterwegs ist. Ganz wenige glauben, das sei schon alles bei einer Staatsquote von 4o % zu haben. Der Anarchist gönnt dem Staat überhaupt nichts, Staatsquote 0 % und verzichtet auf alle kollektiven Güter (Schule, Straßenbahn, öffentliches Schwimmbad, Straßenbeleuchtung). Glücklich, wer sie nicht braucht?

Alexander war der Große, weil er den besten Lehrer seiner Zeit, Aristoteles, hatte und in gediegenen Verhältnissen aufwuchs. Trotzdem war er unnötig grausam, nur um seine Ziele durchzusetzen. Die zwei Waisenkinder, die Friedrich II (gestorben 1250, König von Sizilien, deutscher Kaiser) isoliert, ohne jede Unterrichtung und ohne jeden Kontakt aufwachsen ließ, konnten gar nichts und mussten gnadenlos sterben. In ihrer kleinen Nirgendwo-Welt gab es nichts zu lernen. Dazwischen, zwischen dem sizilianischen Experiment und der akademisch-politisch-praktischen Welt des Alexander, liegen mehr als tausend Jahre, aber kein Zuwachs an Vernunft bei gebildeten Herrschern. Mit den Schulnoten hat das also wenig zu tun. Als Ernst Ferdinand Sauerbruch, (gest. 1951) der deutsche Lungenchirurg, seine Biographie Das war mein Leben (Auflage mehr als 100 000) veröffentlichte, war die erste Faksimile-Seite seinem Abiturzeugnis gewidmet. Er war offensichtlich stolz darauf, als gerade-noch-nicht-Analphabet und internationaler Thorax-Spezialist, der er dann wurde, mit der Durchschnittsnote 4,9999 das Abitur bestanden zu haben, praktisch alles mangelhaft, nur Singen und Turnen Genügend. Immerhin. Begründet stolz war er aber dann doch auf die nach ihm benannte Sauerbruch'sche Kammer, mit der er die Lungenchirurgie begründete und Leben rettete.

Ganz offensichtlich ist es nicht ein schöner Bildungsstand, der uns auf den Weg zur Utopie setzen würde und ein mickriger, der uns von ihr abhält. Utopie kann man nicht lernen. Utopische Vorübungen haben, wie obiges Kreuzexperiment nahe legt, eine andere Quelle. Soziale Absicherungssysteme sind in Demokratien möglich, die den menschlichen Wert der Solidarität anerkennen, sie sind nicht möglich in solchen, die die Utopie zwar als Traum beschwören, aber sozialdarwinistisch konterkarieren.

Mit einem Wort, man kann die Utopie nicht lernen, nicht experimentell herstellen, nicht ausdenken. Was rätselhaft einem Individuum glücken mag, bleibt für die Gemeinschaft ein Nirgendort der Hoffnung.

1.1.1 Spekulation

Denken kann man spüren, wenn man konzentriert überlegt. Mancher leitet es hörbar ein mit einem Moment mal. Man greift einen Gedanken auf und verwirft ihn, weil man einen anderen attraktiver findet. Man überlegt, weil man ein Problem hat. Man nähert sich ihm von verschiedenen Seiten, wie in einem individuellen brain storming, das noch ergiebiger in der Gruppe ist. Nimmt sich etwas Zeit und versucht festzuhalten, was man eigentlich will. Wenn es jetzt etwas anspruchsvoller wird, thematisch und in der Bewertung der Zurechenbarkeit der einzelnen Gedanken, dann kommt man zur Spekulation. "Erkenntnis des Allgemeinen in abstracto" sagt Kant, sei Spekulation, also jenseits der Erfahrung. Welches Geistige liegt jenseits der Erfahrung? Elviras krause Haare, krauser Sinn- Charakter und was er produziert, liegt jenseits Oskars praktischem Horizont, ist also immer geistig zu nennen. Er spekuliert, in abstracto. Der präzise, logisch operierende Geist, sagt Oskar sich, was bringt er mehr, wenn der krause es auch tut. Gegenteilig wäre das Denken mit dem Holzhammer, Vorschlaghammer, Hammer, auch dies Sache der Philosophie. Das ist das Thema von der Angemessenheit der Methode. Ist diese krause nicht sogar die frühere und die ursprünglichere, mit der begehrten Nähe zur Phantasie und Kreativität. Sollte man sie nicht dem glasklaren Denken untermischen, wie Hefe dem Teig, damit er aufgeht. Die Psychologie sieht das durchaus so. Wenn Oskar das als seine momentane Erkenntnis bewertet, hat er über eine allgemeine Frage abstrakt spekuliert, und erfolgreich jenseits der Erfahrung, aber zurückgebogen auf die Erfahrung. Wer ein Problem hat, muss nicht kurz einmal nachdenken, er muss spekulieren, die Sache hin und her wenden. Das ist die Gelegenheit für Emotionen und Anstöße aus der Situation, denn niemand rappelt wie ein Computer seine Gedanken ab. In dem Instrumentenkoffer hat der Mensch mit der Zeit gelernt, Ordnung zu halten, ständigen Erweiterungen Platz zu lassen, auch einer ständigen Verfeinerung. Es gibt Methodenvielfalt, aber noch aufregender Methodengenialität, schon in der Natur (Raupe – Schmetterling).

1.1.2 Spekulieren in concreto

Spekulieren kann man aber auch in concreto, sogar in der Dichtung, womit man nicht rechnen möchte. Was vermag eine Frau mit, was ohne Haare. Sie hat beim Färben ihr Haar verloren, so der lateinische Dichter Ovid vor 2000 Jahren in seinem Lamento auf seine Geliebte und ihr frevelhaftes Tun. Er schimpft die Ruchlose aus, die ihr wunderschönes Haar mit Brenneisen und Färben malträtiert hat. Er piesackt sie viele Verse lang und ärgert sie mit Spekulationen, wie es auch heute noch üblich ist im rhetorischen, aber auch poetischen Stil: Die Spekulation erlaubt eine enorme Steigerung und Vermehrung der Aussagen in beliebige Sinnrichtungen. Wenn in abstracto die Gedankenführung eng zu halten ist, in concreto kann sie florieren. Da zeigt die Spekulation ihre Herkunft aus dem Schauen in den Spiegel der Phantasie. Ovid bringt die Geliebte ungerührt soweit, dass sie weint, um sie dann souverän zu trösten – die Haare wachsen ja nach. Aber vorher heißt es:

Nun ist das Schöne dahin:

Gern hätte es Phöbus Apollo,

Bacchus hätte das Haar

gern auf dem Haupte gehabt.

Haare Gefangener nun

muss dir Germanien schicken:

Über die Rom triumphiert,

schenken ihr Haar als Ersatz.

Wie oft wirst du wohl dann,

wenn dein Haar man bewundert, erröten

Und dir sagen: "Man preist

mich für das, was ich gekauft".

(Ovid, Liebesgedichte. Amores. Eingeleitet, übertragen und erläutert von Heinrich Naumann, 14, Sie hat beim Färben ihr Haar verloren, S. 77).

In Poetik und Rhetorik und im Alltagsleben ist das Erwägen, Spekulieren, das der Autor frei gestalten kann, dazu geeignet, mit Möglichkeiten Punkte zu machen, hier zum Beispiel zu triezen, anzuheizen.Ich nehme an, du willst kein Examen machen. Dir genügt der Oskar. Das Spekulieren mit Möglichkeiten ist im akademischen Wissenschaftsbereich begrenzt durch das, was vertretbar ist und im Rahmen des Realen bleibt. Welche Chancen hat Antonius gesehen, mit Kleopatra ein neues Leben anzufangen. Die Spekulationen werden begrenzt durch seinen Rivalen Octavian und durch die Politik Roms und durch die Zufälle wie den Wetterbericht; denn er bewegt sich per Schiff. Wer ziemlich genau die Bedingungen seiner Spekulation kennt, hat halb gewonnen.

Nicht zuletzt kann man das Glück haben, wie Ovid hier nebenbei zeigt, ehrliche Kritik in der Liebe zu erfahren. Sie beschert dem, der den richtigen Partner hat, in der Liebe, in der Freundschaft, eine Besonderheit. Diese Personen sind die intimste Außenwelt zu seiner Innenwelt, die er je bekommen kann, intimer auch als beim Psychologen, und natürlich als die Analyse race, milieu, temps. Was das Milieu nicht verzeiht, verzeiht Elvira. Ein Thema für Fernsehserien. Oskar sagt außerdem: Elvira ist meine strengste Kritikerin. Die allerstrengste – critica severa, severa – führt dann allerdings schon mal zum Scheidungstermin. Denn Kritik spekuliert mit der Möglichkeit, dass Gegebenes ganz anders sein könnte. Wer spekulieren kann, kann auch kritisieren. Wer kritisieren kann, kann sich Möglichkeiten seiner Welt vorstellen. Menschen, die auseinander gehen, haben eine ausgiebige Phase der Kritik hinter sich, ein Warnsignal. Im Liebes- und Lebensdrama, wie zum Beispiel Hermann Hesse es gelebt haben muss, hat das eine heftige Rolle gespielt. Liebe als Passion und als Phobie, als Liebesuntüchtigkeit und in selbstverliebter Blockade, Gefühle der Liebe in unendlicher Überdehnung bis zur Berührungsangst.

Auch im professionellen Bereich, wo es um Kritik geht, zählt deren Qualität, die mehr als eine nette Meinung ist. Es gibt Künstler, Schauspieler, die sehr gut sind und im Transfer sich zutrauen, im Gesang zu brillieren. Wenn ihnen dann keine umfassende Außenwelt kritisch zur Seite steht, wird es schwierig. Sie enthält im günstigen Fall all die Kriterien – Auswahl der Lieder – Auswahl der Begleitung – Tonstudio – Vertrag – Plattenfirma –, die sie nicht kennen und wissen können. Es ist eine andere Welt, in die sie sich von ihrem Transfer aus Selbstbewusstsein und Lebensschwung tragen lassen, eben kritiklos, mit erhöhtem Risiko. Nur Minister und Topmanager tauschen, ihrer Kompetenz vertauend, leichter ihre Sessel. Sie sind darauf trainiert, ihre Außenwelt, eben auch die kritische, als Teil ihrer Kompetenz in ihre geistige Welt zu integrieren. Sie sind dann „mit allen Wassern gewaschen. Hier ist die Praktische Spekulation psychologisch, soziologisch, finanz- und fiscalpolitisch, taktisch und strategisch mit allen Hunden gehetzt. Ganz wichtig „Orga (Organisationlehre), wie organisiere ich mich und die Umgebung mit welchen Sachkenntnissen und welcher Psychologie, und wie viel Charakter brauche ich dazu. Kritik kommt aus beiden Quellen, aus der Sachkompetenz und aus der moralischen Beurteilung, falls sie zugelassen wird.

1.1.3 Nachdenken im täglichen Leben

Das Leben zeigt dann schon unverblümt, Spekulieren reicht nicht. Du musst konkret handeln, eine Einsicht, die Marx dazu bewegte, sehr viel Theorie über dieses Thema zu produzieren. Die kulturelle Evolution begann mit Handeln, dem nur eine Sekunde des Spekulierens mit Hilfe der Phantasie vorausging. Man denke an die kaledonische Krähe, aufgeregt-bewegt, und trotzdem zu einem kurz verweilenden Schauen fähig, das die Lösung brachte. Später, beim Pithec anthropus erectus, wird dieses Intervall länger, bis sie zur parlamentarischen Beratung in der Neuzeit uferlos wird. Eine unterhaltsame Zwischenposition nimmt Romy Schneider als Scampola im gleichnamigen Film ein. Alle naselang besteht sie darauf, dass ihre Umgebung und sie selbst sich Zeit nehmen, nachzudenken: Ich denke über alles nach, damit ich das Richtige tue. Sie versteht darunter das Durchspielen von Varianten, also Möglichkeiten, die eigentlich Szenen sind, die sie schon mal für sich ausformuliert, und die Auswahl der richtigen. Aus den halben Sekunden der ersten Versuche bei der Kaledonischen sind echte Pausen der Nachdenklichkeit geworden. Das ist aristotelisch, und es ist alltäglich für den Menschen, bis er auf das Dilemma des Zwangs stößt, zwischen gleichwertigen Alternativen, die sich dummerweise auftun, entscheiden zu müssen. Sichtbar gemacht wird diese Situation schon mal, wenn der junge Mann im Film oder im Roman schwankt, welche der beiden Schwestern, womöglich eineiige Zwillinge, er nehmen soll. Buridans Esel, siehe weiter unten, verhungert in dieser Situation, nicht unterscheiden und sich nicht entscheiden zu können. Die Spekulation wird für den Menschen zur Kunst, die Welt und sich selbst einzuschätzen, praktisch und bewertend, in abstracto und zugleich in concreto. Die Maxime von Scampola wird problematisch. Zu leicht kommen Egoismus und Altruismus zur Kollision und stören das Nachdenken nachhaltig; denn Spekulationen in abstracto helfen nicht immer in der in concreto-Situation. Sie kommt dann im Film zurück auf die ältere mütterliche Freundin Marietta und orientiert sich an ihren Lebensweisheiten, die sie sich in Erinnerung ruft. Sie stellt auf diese Weise mit ihr eine Gruppe im Dialog her, was ihr, als schicksalsbedingte Einzelgängerin, die Unsicherheit nimmt. Die Erfahrung des Einzelgängers und sein Nachdenken sind unsicher, solange er nicht auf Fremderfahrung zurückgreifen kann.

1.1.4 Scampola

Scampola bedeutet Rest, Überbleibsel, ein Rest beim Stoff-Zuschneiden. Es gibt die Gruppe für den, der ihr Mitglied ist, für den, der in sie hinein möchte, für den, der sie verlassen möchte, für den, der hinaus soll und für den, der übrig bleibt, wenn die Gruppe schrumpft. Der letzte Mohikaner. Scampola. Bemerkenswerter Weise sind alle diese Bezüglichkeiten zur Gruppe emotional sehr aufgeladen. Wilhelm II, der mit dem Tiger nach Agadir sprang, wollte Mitglied im königlichen Yachtclub in Groß Britannien werden. Man ließ ihn nicht, und Wilhelm war dann später immer für Krieg gegen England. Wer die Gruppe verlassen möchte, hat unter Umständen einen Vertrag zu unterschreiben, bei keinem Konkurrenz-Unternehmen in den nächsten fünf Jahren eine vergleichbare Stellung anzunehmen oder riskiert harte Sanktionen. Die Millionen-Abstandzahlungen bei Sportlern haben diesen Effekt, den Austritt aus der Gruppe zu erschweren. Wenn jemand die Gruppe verlassen soll, gibt es den goldenen Handschlag oder das fiese Mobben. Es war zum Schluss unerträglich, heißt es dann. Ein exzellenter Müllermeister aus Bayern, ein miserabler Wirtschaftsminister, wirft das Handtuch, weil er im Kabinett geschnitten wird. Das bedeutet, in die Isolation zurückgeworfen zu werden. Wer zarte Nerven hat, erträgt das nicht, wer starke hat, aber auf Dauer auch nicht. Wer, wie eine Scampola, übrig bleibt von einer Gruppe, hat ein Schicksal, das er nicht gewollt und gewählt hat. Scampola ist übrig geblieben, wie so mancher, der die Familie verliert. Als sie zum ersten Mal ihre Liebe küsst, ist sie kein Scampola mehr, das empfindet sie sehr stark und spricht es enthusiastisch aus.

Wer, egal aus welchen Gründen, der Gruppe alleine gegenübersteht, muss erkennen, sein Status ist weniger sicher, ist prekär. Er muss mehr und langatmiger nachdenken, spekulativ über sein Verhalten und Handeln sich Klarheit verschaffen. Nicht, wer in einer Gruppe mit schwimmt, sondern der mit ihr ein Problem hat, muss sich vermehrt über Strategien Gedanken machen. Der geistige Aufwand kann erheblich sein.

In einer Reihe persönlicher Berichte aus den Anfängen des Zivildienstes, als man sich darum bemühen konnte, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, wird eindeutig klar, dass es nicht leicht war, mit dem von der Bevölkerung verliehenen Prädikat Drückeberger fertig zu werden. Der spekulative Geistesaufwand war in der Regel sehr umfangreich, ob man sich gegen die Gruppe stellt oder doch lieber nicht. Wer sich gegen die Gruppe entschied, fühlte sich markiert, da er befürchten musste, als moralisch minderwertig zu gelten. Die Gewissensprüfung war, schon wegen ihrer strapaziösen Ausführlichkeit, Gebetsmühle von Argumenten, wie es heißt. Das Hochhalten von und Beharren auf anderen Werten, die die Gemeinschaft ja auch teilte, war eine Prüfung auf private Moral mit Hilfe einer konkreten Spekulation. Wer bei der Gruppe blieb, hat auch heute noch ein gutes Gefühl dabei, wer der Gruppe den Rücken kehrte, ein gemischtes, auch wenn er spürte, seine freie Entscheidung irgendwie tragen zu können. Frei sein vom Gruppenzwang – ein Anspruch, den so mancher stellt, ohne die Kosten abschätzen zu können.

Fazit: die Grundeigenschaft des Menschen zu spekulieren, beginnt mit dem Bezug zur Gruppe. Er bleibt ihm erhalten, auch wenn er sein Denken als individuellen Akt erlebt. Es erreicht endgültig seinen negativen Endpunkt in der Konvergenz einer bestimmenden Masse oder der straff organisierten Gruppe. Denken, das auch schon in schwächerer Form wie Gefolgschaft aussieht, hatten Kant und die Aufklärung als nicht vereinbar mit der Würde des Menschen gesehen.

Was man tut, hat Methode, was man lässt, aber auch. Alles scheint Methode zu sein, Methode ist aber sicher nicht alles. Die Schauspielerin Heidelinde Weiß flötet in einer Kabarett-Nummer: Ich mag dich. Ich will dich. Komm her zu mir. Eine unwiderstehliche Methode. Und sie kriegt ihn ja auch. Daraus wird die kirchliche Methode in Kurzform, Brautleute haben es immer eilig: Ja, ich will. Methoden akzentuieren unser Leben. Eben auch die anderen, die fern jeder Spekulation stattfinden.

1.2 Hypothese – Theorie – Kritik an einem Beispiel

Geläufige Verfahren, Wissen zu gewinnen und zu formulieren, sind Hypothese, Theorie und schließlich Kritik. Um es konkreter zu machen, soll jetzt hier stellvertretend die Anthropologie dazu dienen, etwas Fundiertes über den Menschen auszusagen, im Modus des Hypothetischen.

Zuvor ist zu sagen, dass der, der über seine haarlose Geliebte mit leisem Spott räsoniert, dieses Bild des Jammers erst einmal zur Kenntnis genommen haben muss, was man als einen empirischen Vorgang begreift. Wenn er ihre Stimmungslage erkennt, dann ist das Erkenntnis primär aus Sinneserfahrung. Positivismus und auch Pragmatismus der Lebenspraxis sehen hier ihr Fundament. Es ist klar, dass die Fortschritte der Naturwissenschaft dieser Erkenntnistheorie zu verdanken sind. Das Gegenteil ist der Rationalismus. Kant hat schon gesehen, dass beide, also die Henne oder das Ei, empirisch Gegebene sind und für die Vernunft, die es erkennen will, sich gegenseitig bedingen. Mit dem Objekt tritt das Erkenntnisvermögen, das sich auf es bezieht, in Kraft. Geht es um die Erforschung menschlicher Praxis, betont die empirische Methode in Geschichte oder Soziologie, dass man „unten" (subsuelo, Untergeschoß, Ortegga y Gasset, participant observation, Soziologie) ansetzen will, vor Ort.

Soviel skeptische Zurückhaltung hat der Mensch nun doch nicht verdient und so hat man ihm eine eigene Wissenschaft gewidmet, die Anthropologie. Sie will das Wesen des Menschen erkunden. Hypothetisch muss es heißen: Der Mensch, das unbekannte Wesen.

Biologische Anthropologie:

Sie untersucht die Entwicklung aus dem Tierreich heraus, anhand der Befunde aus Anatomie, Physiologie, Embryologie. Der falsche Satz Die Ontogenese ist die Wiederholung der Phylogenese gehört hier hin. Gemeint ist damit die irrige Annahme, der Embryo durchlaufe in seiner Entwicklung als Einzelwesen (Ontogenese) die Stadien der Stammesentwicklung (Phylogenese).

Kulturanthropologie:

Aus den geschichtlichen Leistungen will man erkennen, was den Menschen einzigartig macht. Staatsformen, Staatsbildungen, Philosophie, Kunst. Vor allem untersucht sie sogenannte primitive also schriftlose Gesellschaften. Sie haben ja auch eine Kultur, eine andere, als wir sie kennen.

Philosophische Anthropologie:

Der Mensch ist ein Mängelwesen. (Kann nichts so richtig) – Arnold Gehlen. Der Mensch ist weltoffen (Hat kein geographisch und geistig fest umrissenes Biotop sondern eine Umwelt bzw. eine Welt) – Max Scheler. Der Mensch ist exzentrisch positioniert (Er hat seine Instinkte abgebaut, was ihn Sicherheit kostet)- H. Plessner.

Die biologische Anthropologie braucht nicht zu bewerten, die kulturelle schon eher und die philosophische ist pure Bewertung. Wenn die Philosophen/Soziologen nur den Mund aufmachen, haben sie schon den Menschen und sein Schicksal und seine Möglichkeiten bewertend aufs Korn genommen. Das irritiert sie nicht, sie bestreiten es glatt weg, mit Möglichkeiten zu tun zu haben. Sie haben immer die zutreffende Lösung, ohne einen hypothetischen Stil zu bemühen.

Schon das Hauptanliegen, nach dem Wesen des Menschen zu suchen, macht es erforderlich, nach Invarianten zu schauen in den Verhältnissen und in den Bedingungen seiner Welt, in denen er lebt. Invarianten beziehen sich auf sein Verhalten, „Wesen" wäre ein Bezug auf das, was keiner kennt.

1.2.1 ANALYSE: Anthropologie: Aggressivität

Wie Hypothesen gewonnen werden, soll am Beispiel Aggression erläutert werden. Die biologische Anthropologie setzt heute – zum Beispiel bei dem Evolutionsanthropologen Michael Tomasello – den diachronischen Längsschnitt (historischen) evolutionär günstig bei den in Gruppen lebenden Affen und den etwa 24 Monate alten Kleinkindern an. Die Kulturanthropologie interessiert ihn nicht, sie kommt zu einem späteren Zeitpunkt zum Tragen und bringt ja auch die bekannten abweichenden Ergebnisse. Die Fragen der philosophischen Anthropologie hält er für relevant, wenn die evolutionären Würfel für den Menschen längst gefallen sind.

Bei einer solchen Fragestellung ist es nicht ungeschickt, die Theorien anzuschauen, die zu diesem Thema Relevantes vorgebracht haben. Wenn man es für richtig hält, kann man dem Thema eine Vorüberlegung vorausschicken, um den Horizont abzustecken.

Vorüberlegung zum Thema, vor jeder Hypothesenbildung: Der aggressive, agonale Charakter des Menschen stört, wenn Konflikte eskalieren. Von Homer bis jetzt ist er bezeugt. Man will wissen, warum das so ist, um Mittel zu finden, die das verhindern und um eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Schon vor 700 Jahren vor Christus wird cool berichtet, wie Lungenteile dem Gegner aus dem Körper mit dem Kampfspeer gehauen werden. Die Aggression, heiß oder kalt, ist der ganz große Wertvernichter. Kann aber auch Identität schaffen, bestätigen, produktiv werden lassen. Für die islamische Welt ist der Hass der Taliban, aus Aggression geboren, zur Aggression führend, nicht unbedingt gleichbedeutend mit Destruktion.

Es kann die Spekulation folgen, die zu hypothetischen Annahmen führt. Kann man das Wesen des Menschen erkennen, um daraus Anhaltspunkte zu gewinnen, ihn zu steuern. Dazu muss man herausfinden, wie eindeutig und zutreffend sein Wesen bestimmt werden kann.

Wissenschaftliche Spekulation:

Spekulation war im Mittelalter einseitig. Man beließ es dabei, Erkenntnis durch sie zu gewinnen, indem man abstrakt denkt, aber sich nicht in Richtung Praxis bewegte. Man blieb völlig abgehoben von ihr. Kann ein Kind mit einem Goldzahn geboren werden, hat eine Spinne acht Beine, wie viel Engel können auf einer Nadelspitze tanzen. Das waren Fragen, über die man debattierte, an denen man nicht vorbeikam. Auf den Gedanken nachzuschauen, kam man nicht, was allerdings bei den Engeln sowieso nicht möglich war. Es handelt sich um abstrakte Spekulation, die ein unzureichendes Denken ist.

Hypothesen:

Der Mensch ist aggressiv. Das agonale Element bestimmt sein Wesen von Anfang an. Er ist egoistisch. Seine Aggressivität ist angeboren, daher so schwer korrigierbar. Diese Meinung des englischen Philosophen Thomas Hobbes (gest.1679) wird heute noch angeführt.

Seine Aggressivität ist nicht angeboren, sondern in der Sozialisation erworben und ex post durch Neuronenschaltung im Gehirn verdrahtet, lautet die andere Position in der Aggressionsforschung der 70er Jahre. In der Gruppe ist der Mensch altruistisch und egoistisch. Somit ist sein Wesen nicht eindeutig bestimmbar. Was höchst unbefriedigend ist. Was innerhalb der Gruppe als Mord gilt, gilt im out-group Bezug als Heldentat.

Der Naturwissenschaftler und der naturwissenschaftlich orientierte Anthropologe argumentieren gerne ahistorisch. So stehen nun einmal die Dinge. Historisch sieht die Bilanz, die sich an den Taten und Untaten des Menschen orientiert und Pessimismus oder Optimismus ausdrückt, entsprechend buntscheckig aus: Der englische Philosoph Thomas Hobbes (gest. 1679) meint, der Mensch sei egoistisch und aggressiv. – Der französische Philosoph Jacques Rousseau meint, er sei gut, werde aber in der Zivilisation verdorben.

Heute hört man auf Naturwissenschaftler. Der Biologe Hans Mohr: Zwei Seelen wohnen in der Brust des Menschen. Altruismus und Egoismus. Eine elastische Beweglichkeit besteht zwischen 0 und 1, die ihm verwirrend erscheint. Ein leicht resignativer Standpunkt bleibt übrig, wir können es nicht ändern, weil unsere Gene das letzte Sagen haben.

Aus allen Positionen lassen sich verständlicherweise unterschiedliche Konsequenzen ziehen. Für Politik, Erziehung und Weltbild wären hier gesicherte Erkenntnisse von großem Wert.

Der Subjektbegriff, der für das Selbstverständnis eines jeden Individuums wichtig ist, wer bin ich, Ein Kerbtier? (Kafka, Die Verwandlung) ist in der Neuzeit besonders wegen einer Vielzahl beunruhigender Erkenntnisse unter die Räder gekommen. Man kann es so sehen. Man kann es auch anders sehen. In solchen Fällen ist es vorzuziehen, auf eine bedingungslose Generalisierung zu verzichten und die Felder anzuführen, in denen man sicher sagen kann, hier liegt das Phänomen vor und dort eben nicht. Das Subjekt als Autor, Urheber seiner Handlungen, wird schon von der geistigen, sozialen Gestalt der Epoche, in der es lebt, stark relativiert. Unmerklich gibt es da Vorgaben für unser Verhalten aus einem Konglomerat von Determinanten und Direktiven. Auch als beobachtendes Subjekt im Experiment bleibt es ja zwangsläufig in seiner Rolle gegenwärtig, aber tunlichst kleingehalten, es soll ja nicht mit seinem Objekt interferieren (einwirken). Die Soziologen sind besorgt, weil der Mensch in den modernen Gesellschaften funktionalisiert wird, indem er, wie es paradoxerweise heißt, einer intensiven Individualisierung unterliegt, die zu vermehrtem Anpassungsdruck führt. Er übernimmt Rollen, in denen er nicht aufgeht, wird genötigt, sich sein Leben zu organisieren, wo früher Gemeinschaftsstrukturen Sicherheit und wertvolle Freiheiten gaben. Er ist ein anderer geworden; denn nur scheinbar gewinnt er bei seinem Zwang zur gesteigerten Selbstverantwortung an seiner Subjektgestalt dazu. Wie das Opfer im Westernfilm, das sich sein Grab ganz individuell und ganz allein selbst graben darf, von widrigen Umständen des Lebens so etwas wie im Würgegriff gehalten.

Tomasello zählt Eigenschaften auf, über die eine Gruppe verfügt, die, wie die Kinder in frühem Alter bis 24 Monaten, eben von Natur aus altruistisch ist. Es sind erwartungsgemäß steuernde, konservative Qualitäten der Zuwendung. Die haben die Kinder als erstes gelernt. Was sie ererbt haben, muss auch nicht gleich einem boshaften Grinsen ähnlich sehen. Es fängt vielversprechend an mit einem Strauß edlen Verhaltens:

Kooperation

Kommunikation

Toleranz

Altruismus

Mutualismus

Einer für alle heißt das, aber nicht alle für einen! Sondern allen, in diesem Sinne dem Kollektiv, ist die Aufgabe vorbehalten, den Gang der Phylogenese (Stammesentwicklung) zu bestimmen und vor allem zu sichern. Da gewinnt dann die Gruppe, eindeutig, da sie immer als Population gewinnen muss, nicht das Individuum.

In manchen Fällen der wissenschaftlichen Forschung ist es ergiebig, sich allein schon den sprachlichen Reflex des Problems anzusehen, um einen ersten Einblick in seine praktische Bedeutung zu erhalten.

Wieso gibt es diese Begriffe wie Toleranz und Kooperation? Wie steht es mit dem Determinismus, den Tomasello nicht erwähnt. Die Bedeutung des Anderen, der Sozialbezug, ist er determinierend zu verstehen? Der Philosoph Karl Jaspers meint lapidar, dass das Ich nicht das soziale Ich ist, es ist mehr und qualitativ anders. Es ist gefährlich, allein zu stehen, trotzdem tun es viele. Da ist sehr viel „Ich" ohne soziale Einbindung.

Dissident – Rebell – Revoluzzer – Spalter der Gruppe (provozierter Rauswurf oder nicht provoziert) – Aussteiger – Außenseiter – Querdenker – Mauerblümchen (sofern selbst und aktiv schuld) – Individualist – Hagestolz – Extremist – Anarchist – Eremit –Säulenheiliger – Django – Eskapist – Anachoret – Einzelgänger.

1.2.2 Kritische Fragen

Der Bär ist Einzelgänger, weil er sich das wegen seiner Stärke erlauben kann. Er hat auf diese Weise keinen Konkurrenten bei der Futtersuche. Er bezahlt aber seine diesbezügliche Unabhängigkeit mit misstrauischem Verhalten. Konformistische Gesellschaften lieben ihre Django-Typen wegen des prickelnden Kontrasts zur Konformität. Der Biologe Tomasello verfügt im Labor kaum über die Möglichkeiten, diesen Fragen im Experiment nachzugehen, die den Einzelnen in der Gegenposition zur Gruppe zeigen oder auch, wie die Populationsdichte ganz entscheidend das Verhalten von Individuen bestimmt, die sich ja bis zur Unerträglichkeit steigern kann bei unerträglicher Enge (Wissenschaft Proxemik). Es genügt nicht, den Ablauf eines Experiments festzulegen, sein Setting muss auch explizit Gegenstand der Untersuchung sein. Ist es repräsentativ oder zeigt es eher einen Sonderfall.

Außerdem zeigt sich die Notwendigkeit, andere Möglichkeiten der psychologischen Evolution auszuschließen. Ist es möglich, von einer frühkindlichen Latenzzeit auszugehen, in der Aggressivität schon unterschwellig vorhanden ist oder kontinuierlich die Neuronencluster vorbereitet werden, parallel zu dieser Phase der Sanftheit.

1.2.3 Kooperation nach Strategien

Jede Ameise ist kooperativ. Kooperation ist Klammerbegriff bei Tomasello, weil es für die Menschen vorteilhaft war, sich zusammen zu tun. Man müsste aber sagen, weder die Henne noch das Ei war zuerst da. Sie haben sich zusammen entwickelt. Das ist nicht unwichtig, wenn man sich die Frage nach der Kausalität stellt. Wo kommen Kooperation und auch Aggressivität her. Sie sind so früh entstanden, dass sie über Selektion und Anpassung der jeweiligen Populationen zu instinktivem Verhalten geworden sind. Werden sie gesteuert und manipuliert, müsste das schon eine Kulturleistung sein. Dann erweist sich aber der Ansatz bei Tomasello als ein optimistisches Hoffen, wir hätten gute Gründe, der Aggressivität des Menschen sei eines Tages mit klugen Mitteln beizukommen.

Die Ameise bekommt das ganze Programm genetisch mit auf den Weg. Lernen muss sie vermutlich nichts mehr. Einzelameisen gibt es nicht. Und wenn, sähe sie fatal einem Bären ähnlich. Wehrhaft und muskelbepackt. Aggression ist in vielen Fällen nicht so leicht erkennbare Notwehr. Wer um das Wasserloch kämpft, hat sie, wer es verteidigt, ebenso. Der Mensch muss aber lernen, dass es ein Ausdruck von Kultur ist, zu verhandeln, Interessen auszugleichen. Diesen Weg der kulturellen Evolution, aus ihren biologischen Errungenschaften sich wieder zu verabschieden, kennt sie von Beginn an. Viel zu deutlich ist Kultur darauf angewiesen, Aggression in Schach zu halten. Wenn das nicht immer gelingt, triumphiert ihre eigene Selbstzerstörung. Wenn es gelingt, herrschen Sicherheit und Frieden.

Tierpopulationen kennen also kooperatives Verhalten. Daraus leitet man den Wortgebrauch ab, auch hier von „Kultur" zu sprechen. Dabei wird der Kultur-Begriff verkürzt; denn Kooperation nach Strategien kann nicht mit Kultur gleichgesetzt werden, weder bei den Ameisen noch bei den Bankern.

Die neue Führung präsentiert ihre Strategie. Vieles bleibt vage. Klar ist aber: Die Kultur soll sich ändern.

(Die Ära Ackermann bei der Deutschen Bank ist vorbei. BZ, 12. September 2012).

Die Tierwelt ist dem Schema Zufall und Notwendigkeit in einer Weise verhaftet, die Freiheitsräume ausschließt. Der Mechanismus, Mutanten und deren Selektion für die Entwicklung zu benutzen, ist funktional und so bleiben die Geschehnisse auf den höheren Ebenen ein Funktionieren. Gerade das altruistische Verhalten, sich für alle zu opfern und das in bestimmten Populationen anzutreffen ist, weist darauf hin, dass Ameisen, Termiten und andere Tierarten perfekt funktionieren. Gäbe es bei ihnen erst einmal die Palette der selbstbezogenen Verweigerer und Saboteure, Autisten und Solipsisten, die ihre Aufgabe meditativ angehen, müsste von einem freien Willen die Rede sein, der mit dem Begriff Kultur verbunden ist.

1.2.4 Tomasellos „Koevolution" und die Ameise

Kooperatives Gruppendenken ist entstanden aus Koevolution von Genen und Kultur. Tomasello spricht auch von Kulturen anderer Tierarten. Es gibt demnach eine Kultur der Ameise, eine Kultur der Termiten. Es geht aber nicht an zu sagen, dass beide, Gene und Kultur, kooperatives Gruppendenken hervorgebracht hätten. Es gibt ein genetisches a priori für Kooperation und Aggression in der Entwicklung des Menschen, das vor seiner Kultur liegt, lange vor seiner Kultur. Schon die Ameise verfügt über sie. Entstanden müssen sie tatsächlich aus Gründen sein, die außerhalb des Erbguts liegen, um dann sukzessive in die Gene eingeschrieben worden zu sein. Erst ist immer die Population erfolgreich, dann folgt das DNS-Notat. Und wenn man für die Aggressivität in Anspruch nehmen möchte, sie sei eine erlernte Eigenschaft, dann wird man nicht ausschließen können, dass es für sie zumindest eine genetisch aufgeschriebene Dispostion gegeben haben muss, etwa zur Sanftheit. In der Gruppe wurden Vor- und Nachteile von Gruppenverhalten durchgespielt, Ordnungen beim Wandern in feindlichem Gebiet wie Vorhut, Flankenschutz in der Marschordnung, Nachhut. Was sich bewährte, wurde im Erbgut notiert, und als Gruppen- und Individualverhalten aufbewahrt, nicht umgekehrt. Nicht die erste Hütte, die gebaut wurde, gibt Kultur den entscheidenden Inhalt, sondern dass darin Menschen sitzen, die alternative Pläne für ihre Beutezüge erwägen und als genetische Population erfolgreich sind. Bewertete und bewährte Vorteile haben sich immer schon in die Gene eingeschrieben. Da war nicht nur Notwendigkeit am Werk, sondern die Palette der Handlungsmöglichkeiten erweiterte sich schlagartig. Die Umwelt stellte Fragen an die in der Hütte, die sich fragen ließen. Sie entwickelten Antworten, die es erlaubten, Pläne zu haben und Pläne zu optimieren. Der Mensch lernte, mit Unsicherheit bewusst umzugehen, Gedächtnis und Lernprozesse zu entwickeln. Man könnte annehmen, dass hier der Übergang von einer Umwelt zu einer Welt des Menschen stattgefunden hat. Bei Tomasello kann man sehen, wie misslich es ist, in den Naturwissenschaften Begriffe zu benutzen, denen eine geisteswissenschaftliche Bedeutung anhaftet. „Welt und „Kultur haben in der philosophischen Anthropologie einen teleologischen Unterton insoweit, als sie vom handelnden Menschen geschaffen werden. In der Naturbeschreibung haben sie eindeutig einen deplatzierten Beigeschmack, lassen die nötige Trennungsschärfe vermissen. Tomasello geht sogar so weit, Kultur und Welt des Menschen als passive Anpassung zu definieren, die er als sehr zahlreich ansetzt, aber ohne Freiheitsgrade. Es ist ein „Selbstschaffen" auf dem Niveau von Bibern und Termiten:

(Die spezifischen Fähigkeiten des Menschen entstanden durch) "Adaptionen, die es den Menschen erlaubten, in einer der vielen unterschiedlichen, von ihnen selbst geschaffenen kulturellen Welten effektiv zu funktionieren.

(Michael Tomasello,  Warum wir kooperieren. S. 13).

1.3 Die Plafond-Methoden

Eine Hypothese ist eine Annahme, die es einem erlauben soll, in der Forschung vorwärts zu kommen. In ihr steckt eine Frage und eine erste Antwort auf diese Frage. Nehmen wir einmal an, der Kreis sei ein Vieleck. Wie viel Ecken müsste das Vieleck denn haben, damit das stimmt. Hier wäre die Methode vielleicht ein Berechnen der Ecken, das als Hilfsmittel der Forschung erscheint. Sie zu finden ist Sache der Heuristik (Findungslehre, Findungsgabe), die Neues (Ziele, Methoden) finden soll und somit Phantasie und konkrete Lösungsmöglichkeiten zusammenführt. Heuristik wäre also durchaus auch eine Methode, neue Methoden zu finden. So zum Beispiel in einer systematischen Würdigung einer wissenschaftlichen Arbeit. Man kann ein Problem systematisch darlegen, mit seinen Facetten und vermuteten Ergebnissen. Oder man kann es historisch abhandeln, was eher dem Geisteswissenschaftler einleuchtet als dem Naturwissenschaftler. Daraus ergeben sich unterschiedliche Arten der Heuristik, die aber auch viel mit dem jeweiligen wissenschaftlichen Temperament zu tun haben. Der tüftlige Typ braucht eine andere Ausführlichkeit für seinen Wortschatz und für seine Stoffsammlung als der, der es locker angeht. Die Recherche für den historischen Ansatz kann erst der in Angriff nehmen, der sich über die Systematik seines Gegenstandes im Klaren ist.

Heuristik kann Färbungen annehmen. Sie kann rhetorisch motiviert sein, manipulativ, sachlich und vor allem aufschließend. Wie komme ich meinem Problem näher. Heuristik erlaubt das Florieren einer persönlichen Findungsgabe, der wild flackernden Phantasie.

1.3.1 Plafond als Methode

Ein Kreditplafond im Bankenwesen ist der Gesamtbetrag, der zur Kreditgewährung für bestimmte Zwecke zur Verfügung steht (Gabler, Wirtschaftslexikon, Kreditplafond). Diese Messlatte dient im privaten Sektor der Wirtschaft dazu, einen Kredit festzulegen und seine schrittweise Inanspruchnahme übersichtlich zu machen. Der Schuldner weiß im Verlauf der Entnahmen, woran er ist und wann er sein Ziel erreicht haben muss, weil der Kredit erschöpft ist. Will er mehr, muss neu verhandelt werden. Außerdem sollte so ein Kredit günstiger sein, weil die Kreditsumme nicht auf einen Schlag entnommen wird, was sich auf den Zinsbetrag auswirkt.

In der Wissenschaft sorgt es für latentes Unwohlsein, wenn die Grenze zwischen Ordnung und Chaos nicht respektiert wird. Der heutige Stand der Dinge ist dieser, die und die Fragen sind offen. Meines Wissens sind diese Fragen noch nicht behandelt worden. Diese Sätze muss man mit aller Klarheit sagen können, wenn man ein Thema behandeln will. Sie legen nahe, dass ein fundierter Wissenstand vorhanden ist, eine ausreichende Orientierung. Häufig wird sie bei Seminararbeiten vom Lehrstuhl mit auf den Weg gegeben. Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Kompetenz, die man mitbringen und in der Arbeit erweitern muss, Wissen voraussetzt und sprachliche Ausdrucksfähigkeiten. Aber auch die zusätzliche Selbstreflexion, die es erlaubt, Grenzüberschreitungen und deren Tragweite zu erkennen.

In den geisteswissenschaftlichen Fächern ist es nicht so selten, dass man sich gedrängt fühlt, aus anderen Fachbereichen Ideen, Methoden, Interpretationsschemata und Begriffe zu übernehmen. Solche Transfers können sehr fruchtbar sein und dem wissenschaftlichen Scharfsinn interessante Nahrung geben. In einem Liebesroman lassen sich soziale Aspekte ausfindig machen und natürlich viel Psychologie. Man muss sehr genau hinschauen, welchen Gewinn das bringt. Grenzüberschreitungen können auch mal Grenzverletzungen sein und durchaus gefährlich, weil sie von der Sache nicht autorisiert erscheinen. Über allen Wipfeln ist Ruh, das Gedicht von Goethe, kann man sicher auch meteorologisch und botanisch und psychologisch angehen, aber mehr doch wohl zum Spaß. Diese Art von Transfer findet man denn auch schon mal im Kabarett.

1.3.2 Kompetenzplafond

Gravierend und nicht so lustig ist es, wenn der persönliche Kompetenzplafond überschritten wird. Man weiß alles über x und wenig über y, will aber x mit Gedanken aus y bereichern und legt frohgemut los. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, man merkt es nicht und die Peinlichkeit wird in schriftlicher Form abgegeben, am Lehrstuhl oder später in den Druck. Das Wissen war da, der gute Wille auch, aber es reichte nicht. Oder man merkt, dass die Kräfte nicht ausreichen, glaubt aber, sich über das Defizit hinwegmogeln zu können. Dann geht man das Risiko ein, dass irgendwann irgendwer die Schwachstelle aufspießt und dann, darin sind die Akademiker ziemlich heikel, die von ihr abgeleiteten Überlegungen sehr kritisch zum Thema macht. Dieses Missgeschick vermeidet man, indem man Extrastudien einlegt. Eine gezielte Recherche, die in der Zeit und im Stoff begrenzt ist, müsste Abhilfe schaffen oder man verzichtet auf das Kapitel, das man nicht in der geplanten Weise packt.

Es gibt auch einen von Politikern gemeinsam zu respektierenden Plafond, den ernst zu nehmen offenkundig Intelligenz und Durchsetzungsvermögen voraussetzt. Er wird von den durchschnittlichen Finanz-Einnahmen über die Zeit gebildet, die eine aufsteigende Gerade der Durchschnittswerte abgeben. Darunter müssten dann die durchschnittlichen budgetrelevanten Ausgaben, ebenfalls eine aufsteigende Gerade, bleiben. Auch hier wird ungeniert ein Kriterium angegeben, wenn der Plafond durchstoßen wird: Dummheit. Die Politik ist kurzsichtig und dumm, die den Schuldenberg gewissenlos vergrößert.

Kennzeichen des Kompetenzplafonds, der auch ein Intelligenzplafond ist, liegt darin, dass er abrupt, nicht schleichend

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