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eBook389 Seiten5 Stunden

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Über dieses E-Book

Der Autor Gerd Weise, Jahrgang 1939, hat dieses Buch 2012 aufgrund seiner Erlebnisse während seiner über drei Jahrzehnte Dienst im Berliner Strafvollzug, von 1966 bis 1998, geschrieben. Es wird berichtet von den Verhältnissen in den Justizvollzugsanstalten Tegel, Moabit, Düppel, Jugendstrafanstalt Plötzensee, Jugendarrestanstalt Berlin und von der Vollzugsschule. Gerd Weise begann seinen Dienst im Strafvollzug im Jahre 1966 in der JVA Tegel als Hilfsaufseher und ging 1998 als Verwaltungsleiter und Amtmann in den Ruhestand. Er "beleuchtet" übersichtlich die fortschreitende Liberalisierung in den Anstalten, nach dem Erlass des Strafvollzugsgesetzes 1976 und die sich gewandelte Insassenstruktur, insbesondere durch die beträchtliche Zunahme der Belegung durch Ausländer und gebürtige Ausländer mit deutschem Pass. Er zeigt die Entwicklung der Unterbringung in den Verwahrhäusern kritisch auf, von kleinen Zellen ohne Wasseranschluss und Verrichtung der Notdurft in "Kübeln," bis zu den Verhältnissen in den neuen Anstalten im Jahre 2012, die mit Telefon, Flachbildfernseher, großer Fensterfront, verschließbarer Nasszelle im Haftraum, Fitness- und Kraftraum, sowie "Liebeszimmer", fast Hotelniveau erreichen. Er vermag nicht zu erkennen, dass diese Maßnahmen zu einer erfolgreichen Resozialisierung führen können, um einen spürbaren Rückgang der Rückfallquote bei Straftaten zu erreichen. Der Autor hat sein Buch autobiografisch geschrieben und gibt dadurch auch Einblick in sein erlebnisreiches und interessantes Leben.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum4. Feb. 2014
ISBN9783844282481
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    Buchvorschau

    WEGGESCHLOSSEN - Gerd Weise

    Impressum

    Erste Auflage

    September 2013

    Copyright © Gerd Weise

    Technische Beratung und Layout:

    Michael Mengel

    Herstellung und Verlag:

    Epubli GmbH, Berlin

    www.epubli.de

    ISBN: 978-3-8442-8248-1

    Der Autor Gerd Weise kam 1939 in Berlin als vierter Sohn von sechs Kindern seines 1889 geborenen Vaters, der Polizeibeamter war, zur Welt. Seine 1909 geborene Mutter, die zweite Frau seines Vaters und Mutter der drei jüngeren Kinder, war Konzertpianistin.

    Nach zehn Schuljahren und Realschulabschluss lernte er für zwei Jahre Einzelhandelskaufmann in einem Farben- und Tapetengeschäft.

    Im Alter von achtzehn Jahren ging er 1957 zur Berliner Bereitschaftspolizei, die er 1959 wieder verlassen musste, weil er in der S- Bahn eingeschlafen, versehentlich von West – Berlin nach Teltow in die DDR gefahren war und dort von den DDR -Grenzposten als Polizeiangehöriger erkannt und vorübergehend festgenommen wurde. Zu damaliger Zeit war das ein Kündigungsgrund.

    Ebenfalls 1959 wurde er beim „Labor Service" der US Army eingestellt, wo er nacheinander als Wachmann, Stuart, Busfahrer und Sanitäter beschäftigt war.

    1965 bewarb er sich beim Justizvollzug, wo er nach bestandener Aufnahmeprüfung zum 01. Januar 1966 als Hilfsaufseher seinen Dienst antrat.

    Am 30. Juni 1998 wurde er mit Entlassungsurkunde als Justizverwaltungsamtmann aus dem Dienst in den Ruhestand versetzt.

    Er ist seit 1992 in zweiter Ehe verheiratet und hat eine 1962 geborene Tochter aus erster Ehe.

    Gerd Weise

    Justizvollzug im Wandel der Zeit

    - Weggeschlossen -

    Ein herzliches Dankeschön

    sage ich meiner Frau Marion, die mich auf die Idee brachte, dieses Buch zu schreiben, sowie viel Geduld und Unterstützung in meine Arbeit investierte.

    Auch Ines Gerike und Brigitte Bothe haben maßgeblich dazu beigetragen, dass mein Buch, bezogen auf Form und Inhalt, so gestaltet wurde.

    Inhalt

    Impressum

    Inhalt

    Prolog

    Teil 1

    Vom 01.01.1966 bis 30.11.1969 – Justizvollzugsanstalt Tegel

    Ein Zugang

    Die erste Woche

    In eigener Verantwortung

    Im Spät- und Nachtdienst

    In anderen Verwahrhäusern

    Zurück ins Stammhaus

    Ausbildung zum Beamten

    Praktikum in Moabit

    Praktikum in Plötzensee

    Ausbildungsabschluss und Prüfung

    Zurück in die JVA Tegel

    Das letzte halbe Jahr im Vollzugsdienst

    Teil 2

    Vom 01.12.1969 bis 30.09.1979 – Untersuchungshaftanstalt Moabit

    Einstieg in die Verwaltung

    In der Polizeiinspektion II

    Externe Ereignisse

    Die neue Laufbahn

    Einsatz im Haftkrankenhaus

    Ein neues Team im Haus II

    Einige Veränderungen

    Das Strafvollzugsgesetz

    Das letzte Jahr in Moabit

    Teil 3

    Vom 01.10.1979 bis 31.03.1984 – Vollzugsschule

    Dozent und Büroleiter

    Das letzte Jahr in der Vollzugsschule

    Teil 4

    Vom 01.04.1984 bis 30.11.1985 – Gruppenleiter in der JVA Tegel

    Neubeginn im Haus III

    Vollzugsplanung

    Eine aufwendige Ausführung

    Igor, der Russe

    Zum Abschied nach Saarbrücken

    Teil 5

    Vom 01.12.1985 bis 30.09.1990 – Jugendarrestanstalt Berlin

    Ein ganz anderer Dienstbereich

    In der neuen JAA

    Teil 6

    Vom 01.10.1990 bis 30.06.1998 – Justizvollzugsanstalt Düppel

    Beginn im offenen Vollzug

    Erinnerungen an die „Labor Service" Zeit

    Schwerverbrecher in der Kleingartenkolonie

    Die letzten Dienstjahre im Strafvollzug

    Epilog

    Prolog

    Das vorliegende Buch beschreibt hauptsächlich meine Dienstzeit im Berliner Strafvollzug, in der Zeit vom 1. Januar 1966 bis zum 30. Juni 1998. Die geschilderten Erlebnisse fanden statt in den Justizvollzugsanstalten Tegel, Moabit, Plötzensee und Düppel, in der Jugendarrestanstalt Berlin und in der Vollzugsschule der Senatsverwaltung für Justiz.

    Dies ist jedoch zum Teil auch ein autobiographischer Bericht, weil mein Leben außerhalb des Strafvollzugs bestimmt auch Einfluss auf mein Verhalten im Dienst nahm. Ebenso beeinflussten meine Erlebnisse und Erfahrungen im Strafvollzug auch meine Verhaltensweisen im privaten Bereich.

    Die dargestellten Fälle von Straftaten, die sich durchaus so zugetragen haben können, wurden teilweise in den Medien auch entsprechend publiziert. Zum Beispiel werden die Mitglieder der RAF und deren Straftaten, sowie Verurteilungen und ggf. ihre Selbsttötungen, unter Namensnennung und tabellarischer Auflistung von Daten und Örtlichkeiten im Internet genauestens wiedergegeben. Ebenso verhält es sich mit den Teilnehmern an der Schießerei in der Bleibtreustraße. Andere Straftaten, insbesondere Kapitalverbrechen, über die in diesem Buch berichtet wird, sind nicht authentisch, können jedoch dem tatsächlichen Geschehen durchaus ähneln. Die erwähnten Verhaltensweisen von Bediensteten und Gefangenen werden allgemein realistisch wiedergegeben, wobei durch Änderung der Namen und zum Teil auch der Örtlichkeiten nicht von tatsächlichen, wohl aber von ähnlichen Ereignissen ausgegangen werden kann. Die Schilderungen meiner ganz persönlichen Erlebnisse innerhalb und außerhalb des Strafvollzugs können den tatsächlichen Begebenheiten allgemein sehr nahe kommen.

    Meine Meinungsäußerungen zu den Verhältnissen im Strafvollzug und zu den Insassen werden nicht immer die Zustimmung von ehemaligen oder noch aktiven Kollegen finden, jedoch bin ich doch davon überzeugt, dass Gradlinigkeit und Konsequenz gegenüber den Gefangenen gute Voraussetzungen für einen überwiegend ordnungsgemäßen Verlauf des Strafvollzugs bilden.

    Die Verhältnisse im Berliner Strafvollzug wurden von der Presse aus meiner Sicht häufig mangelhaft und ohne besondere Achtung gegenüber dem bestimmt nicht leichten Beruf des Justizvollzugsbeamten beschrieben. So wird dieser noch heute häufig als „Wärter bezeichnet, den man eher als einfach strukturiert wahrnehmen soll. Im Übrigen ist diese Bezeichnung nicht althergebracht. Vor dem 1. Weltkrieg wurden die Gefängnisaufseher kurz „KAS genannt. Das war kein Schimpfwort, sondern die Abkürzung für „Kaiserlicher-Arrest-Schließer".

    Tatsache ist, beim sorgfältigen Auswahlverfahren zur Einstellung in den allgemeinen Vollzugsdienst werden von zehn Bewerbern durchschnittlich höchstens ein bis zwei eingestellt. Einstellungsvoraussetzungen sind entweder Realschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung, keine Vorstrafen, Gesundheit und das Bestehen der Aufnahmeprüfung. Diese umfasst einen Intelligenztest, ein Diktat, einen Aufsatz und Fragen zum Allgemeinwissen. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, wird eine Gesprächsrunde mit jeweils vier bis fünf Bewerbern durchgeführt, denen im Allgemeinen der Vollzugsschulleiter, ein Sozialpädagoge, ein Psychologe, ein Beamter des Vollzugsdienstes und ein Personalratsmitglied gegenüber sitzen. Hier sollte der Bewerber sich unbedingt ins Gespräch, welches überwiegend den Strafvollzug und Straftaten zum Thema hat, einbringen und möglichst plausible und verständliche Beiträge bringen. Wer sich zurückhält und schweigt, hat keine Chance eingestellt zu werden.

    Die Ausbildung dauert zwei Jahre in Theorie und Praktika in drei großen Vollzugsanstalten. Die theoretischen Themen sind u. a. Strafvollzugsrecht, Untersuchungshaftvollzugsordnung, Strafrecht, Strafprozessrecht, Beamtenrecht, Psychologie in der Praxis, Gesprächsführung und Sozialkunde. Die schriftliche Prüfung umfasst mindestens drei große Klausuren, die mündliche schließt sich an, sofern die schriftliche bestanden wurde. Danach muss der Beamte eine zweijährige Probezeit bestehen, ehe er dann zum Beamten auf Lebenszeit ernannt wird, sofern er mindestens 27 Jahre alt ist. Die vorstehenden Ausführungen der Einstellung und Ausbildung der Justizvollzugsbeamten können sich natürlich zwischenzeitlich geändert haben, sind aber mit Sicherheit nicht einfacher, sondern eher beschwerlicher geworden.

    Teil 1

    Vom 01.01.1966 bis 30.11.1969 – Justizvollzugsanstalt

    Tegel

    Ein Zugang

    Es war am 3. Januar 1966, als ich gegen 7.30 Uhr mit meinem VW-Käfer in das große Fahrzeugtor der Strafanstalt Tegel in der Seidelstraße einbog. Ich parkte gleich vorn im Wendekreis und meldete mich durch Klingeln an der Fußgängerpforte. Ein etwa fünfzigjähriger Beamter öffnete und fragte mich mürrisch mit heiserer Stimme, was ich denn wolle. Etwas verunsichert zeigte ich mein Einstellungsschreiben und meinte, ich sei ein neuer Kollege. Die Antwort war: „Ob Sie eine Kollege sind, wird sich noch herausstellen! Auf meine Frage, ob mein Auto dort, wo ich es hingestellt hatte, bleiben dürfe, wurde er fast ungehalten: „Sie behindern den Fahrzeugverkehr. Fahren Sie Ihre Karre mal schnell hier weg. Der Parkplatz ist hundert Meter nach links, vor der Anstaltsmauer! Zur Anstalt zurückgekehrt, wurde ich zur Dienstzuteilung geschickt, die sich im Pfortenbereich befand. Es stellte sich der Verwalter Kreidel vor, der etwas freundlicher wirkte. Dennoch meinte er, dass ich zum Frühdienst hätte kommen müssen, der aber schon um 6.15 Uhr begonnen habe. Ich versprach, dies künftig zu beachten und ließ mich in den Dienst einweisen. Mein künftiger Bereich sei das Verwahrhaus II und für die nächsten vier Wochen sei ich zur Einführung im Frühdienst eingeteilt. Meine dienstliche Bezeichnung für die bevorstehende Probezeit sei Hilfsaufseher. Ich war somit Angestellter in der Vergütungsgruppe BAT IX.

    Der Dienstzuteiler gab mir einen großen Schlüsselbund und erläuterte mir die Funktion der drei verschiedenen Schlüssel mit dem Hinweis, diese wie meinen Augapfel zu hüten, und sie keinesfalls aus der Hand zu geben oder unbeaufsichtigt zu lassen. Dann zeigte er mir den Weg zum Haus II über den Hof geradeaus durch den Verwaltungstrakt, über dem sich die Kirche befand.

    Als ich den Hof betrat, sah ich linksseitig an der Tür einer Werkstatt zwei Strafgefangene stehen, die an ihrer blauen Bekleidung zu erkennen waren. Die Zuchthäusler waren damals braun und die Sicherungsverwahrten schwarz bekleidet, mit einem grünen Streifen an den äußeren Hosenbeinen, wodurch sie etwas spöttisch auch „General" genannt wurden. Den größeren und wesentlich kräftiger aussehenden der beiden Gefangenen erkannte ich sofort. Sein Name war Heinz Bartsch. Offensichtlich hatte er mich auch erkannt, denn er nickte mir kurz zu.

    Mit Heinz Bartsch hatte ich mich im Frühjahr 1963 in einer Bar am Kottbusser Tor heftig geprügelt. In der „Marinabar" hatte meine damalige Frau, 20 Jahre alt und recht gut aussehend, vorübergehend in den Abendstunden am Wochenende als Serviererin gearbeitet, um etwas dazu zu verdienen. In der Woche arbeitete sie als gelernte Einzelhandelskauffrau im Bekleidungsgewerbe. Wir waren seit November 1961 verheiratet und hatten eine einjährige Tochter. Ich kam, wenn meine Frau in der Bar war, zum Ende der Öffnungszeit so gegen 1 Uhr nachts dorthin, um dann mit ihr nach Hause zu gehen. Wir wohnten ganz in der Nähe in einer Vierzimmerwohnung zusammen mit meiner Großmutter, die sich bei unserer Abwesenheit liebevoll um unsere Tochter kümmerte.

    An dem genannten Abend saß ich am Nebentisch von Heinz Bartsch und trank ein Bier. Meine Frau brachte Getränke an den Tisch von Bartsch. Als sie sich zum Gehen abwandte, fasste er sie plötzlich von hinten zwischen die Beine. Sie drehte sich abrupt um und verpasste ihm eine klatschende Backpfeife. Daraufhin stand er auf und ging drohend, obszöne Ausdrücke brüllend, auf sie zu. Weit kam er nicht, da hatte ich ihn mit beiden Händen am Hemd gepackt und mit Beinstellen zu Boden gebracht. Voll maßloser Wut warf ich mich auf ihn und ließ mich mit den Knien auf seinen Oberkörper fallen, was, wie ich später erfahren sollte, zu einer schweren Rippenprellung führte und ihn sofort in seiner Beweglichkeit und möglichen Gegenwehr erheblich einschränkte. Ich ergriff ein Glas mit Stiel, welches von einem Tisch gefallen war und rammte es ihm in die Schädeldecke. Er blutete sofort stark, ich jedoch ebenfalls, weil ich mich an der Innenfläche der rechten Hand durch den Stiel des Glases verletzt hatte. Ich ließ aber meinen Gegner nicht mehr hochkommen, denn ich wusste, dass er Amateurboxer im Schwergewicht war. Getrennt wurden wir schließlich durch zwei herbeigerufene Polizeibeamte des ganz in der Nähe befindlichen Polizeireviers. Kurz darauf fuhr ein Rettungswagen der Feuerwehr vor, der Bartsch nach der Erstversorgung ins Urbankrankenhaus brachte. Ich ließ mir an meiner Hand einen Druckverband anlegen und fuhr erst am nächsten Morgen ebenfalls ins Urbankrankenhaus, wo meine Verletzung an der Handinnenfläche genäht wurde.

    Nach diesem Vorfall wurde mir in der „Marinabar" mit spürbarem Respekt begegnet. Auch später im Verwahrhaus II in Tegel blieb die Angelegenheit nicht verborgen, weil ein Barkeeper aus Kreuzberg, der bei der Schlägerei anwesend war und bei meinem Dienstantritt dort einsaß, unverzüglich anderen Gefangenen von der Schlägerei Bericht erstattet hatte.

    In Tegel wurde ich zunächst in der Personalstelle ausführlich belehrt und später auch vom damaligen Anstaltsleiter mit Handschlag in den Dienst als Angestellter im Aufsichtsdienst aufgenommen. Ich sollte nun zur Kleiderkammer fahren und meine Dienstbekleidung holen. Das tat ich dann auch, indem ich zur Lehrter Straße fuhr, wo sich neben der Strafanstalt für Frauen das Justizverwaltungsamt befand und auf dessen Dachboden die Kleiderkammer des Justizvollzugs untergebracht war. Mit Winter- und Sommersachen fuhr ich zurück nach Tegel, nahm meine zahlreichen Kleidungsstücke und mehrere Paar Schuhe über den Arm und betrat das Verwahrhaus II, welches sich direkt hinter dem Flur des Verwaltungsbereichs befand.

    Als ich die breite Treppe zur Zentrale hochging, rief ein Gefangener laut: „Zentrale, ein Zugang! So wie sonst üblich rief der dortige Hauptwachmeister zurück: „Kommen lassen! Der Rufer war, wie sich später herausstellte, der sogenannte Badekalfaktor, ein Gefangener, der für die Reinigung des großen Duschraumes verantwortlich war und auch das wöchentliche Duschen der Gefangenen und den Wasserverbrauch überwachte. Dies war ein begehrter Arbeitsplatz unter den Gefangenen, weil dieser eine relativ große Bewegungsfreiheit im Hause ermöglichte. Ich hatte mir seine dreiste Handlungsweise gut gemerkt und es ihm vier Wochen später „heimgezahlt und bei einer Kontrolle der Baderäume einige sogenannte „Schmöker (Wildwest- oder Kriminalromanhefte), die im Knast einen gewissen Wert darstellten und verbotenerweise im Besitz des Badekalfaktors waren, konfisziert.

    Es war das erste Mal, dass ich ein Gefängnis betrat und ich war sehr beeindruckt. Das Haus II war, wie auch die Häuser I und III, gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden. Es hatte vier Flügel: A bis D. In den Flügeln A, B und C waren auf vier Stationen übereinander die Gefangenen in Einzelzellen untergebracht, die jedoch damals wegen der ständig herrschenden Überbelegung im Berliner Strafvollzug überwiegend mit jeweils drei Gefangenen belegt waren.

    Im D-Flügel befanden sich einige Diensträume, z. B. das Sozialarbeiterzimmer und auch das Krankenrevier. Ganz unten befanden sich die sogenannten Absonderungszellen, in welche renitente Gefangene bei besonderen Vorkommnissen, z. B. bei tätlichen Angriffen auf Bedienstete, unter Anwendung von unmittelbarem Zwang gebracht werden konnten. In Höhe der ersten Etage waren im ganzen Haus, wie im Zirkus für die Trapezartisten, Maschendrahtnetze gespannt, um Suizidversuchen entgegenzuwirken.

    Der Hauptwachtmeister der Zentrale, der mich empfing, war zwar sehr sachlich aber nicht unfreundlich. Er erklärte mir, dass ich zunächst im Frühdienst auf der Station 4 von Hauptwachmeister Griesel in den Dienst eingewiesen werde. Mein Umkleideschrank würde sich allerdings im Dienstraum der Station 7 befinden, dort sollte ich meine Dienstbekleidung anlegen. Ich zog mich also um und wollte mich zur Station 4 begeben. Das war jedoch gar nicht so einfach. Ich ging also zurück in Richtung Zentrale, die den Mittelpunkt des sternförmigen Gebäudes bildete, sich aber im zweiten Ring befand. „Na Meester, soll ick Ihn' helfen? Wo woll’n Se denn hin?", fragte mich ein Gefangener. Das war also der erste persönliche Kontakt mit einem Gefangenen, den ich hatte. Es sollten im Verlauf meiner Dienstjahre im Vollzug unendlich viele folgen.

    Ich sagte, dass ich zur Station 4 möchte. „Ach so, zu Vater Griesel, da jehn Se eins höher, dann nach rechts und janz nach hinten. Ich kam im Dienstzimmer an, wo der Kollege, etwa 50 Jahre alt, am Tisch saß und etwas in ein Dienstbuch schrieb. Er stand sofort auf, gab mir die Hand und sagte freundlich: „Es ist schön, dass du mir helfen willst, hier ist ziemlich viel zu tun!

    Er erklärte mir zunächst die Dienstbücher, einschließlich der Vordrucke und des Büromaterials, was er äußerst genau vornahm. In einem Ordner befanden sich die sogenannten „Wahrnehmungsbogen" von allen Gefangenen. In diesen waren die persönlichen Daten der Insassen, einschließlich Straftaten, Strafdauer sowie Vorstrafen ersichtlich. Das war natürlich sehr interessant für mich. Auf der Station 4 befanden sich 36 Gefangene, alle Langstrafer, also mit mindestens drei Jahren Gefängnisstrafe. Die Straftaten erstreckten sich von schwerem Diebstahl, Körperverletzung, Sexualdelikten bis, zu meinem Erstaunen, in einem Fall zu Doppelmord und schwerer Körperverletzung. Das wollte ich genauer wissen, zumal der Gefangene erst 22 Jahre alt war. Kollege Griesel klärte mich auf. Der junge Mann, er hieß Bachmann, hatte im Alter von 17 Jahren seinen Vater und dessen Geliebte im Schlaf erschlagen und war zur höchstmöglichen Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt worden, die er zunächst in der Jugendstrafanstalt Plötzensee verbrachte. Nach etwa einem Jahr versuchte er mit einem anderen Gefangenen, aus der Anstaltstischlerei, in welcher er arbeitete, auszubrechen, indem Bachmann dem siebenundfünfzigjährigen Tischlermeister ein Kantholz über den Kopf schlug, worauf dieser besinnungslos zusammenbrach. Sie nahmen seine Anstaltsschlüssel, schlossen die Werkstatttür auf und rannten mit einem leiterähnlichen hohen Regal auf den Anstaltshof zur Mauer, um diese zu überwinden und in die Freiheit zu gelangen. Dies wurde jedoch vom Wachtturm aus beobachtet, worauf der dortige Beamte sofort Alarm gab. Die herbeieilenden Bediensteten konnten die beiden Ausbrecher noch an der Mauerinnenseite überwältigen.

    Die beiden Gefangenen wurden damals noch nach dem Jugendstrafrecht wegen schwerer Körperverletzung und Meuterei angeklagt. Der verletzte Beamte war etwa sechs Monate nach dem Ausbruchsversuch gestorben. Es gelang der Staatsanwaltschaft jedoch nicht nachzuweisen, dass der Beamte infolge der Körperverletzung verstorben war. So wurde Bachmann zusätzlich zu sieben Jahren Jugendstrafe verurteilt, was im Zusammenzug mit seiner ursprünglichen Strafe 16 Jahre ergab, von denen er jetzt etwa fünf abgegolten hatte.

    Nun führte mich Kollege Griesel über die Station. Auf jeder Flurseite waren 18 Zellen, zum Teil mit drei Gefangenen belegt.

    Sogenannte „Beobachter", die durch einen roten Punkt auf der an der Zellenaußentür für jeden Gefangenen angebrachten Kennkarte gekennzeichnet waren, hatten zumeist eine Einzelzelle, wie z. B. Bachmann. Gründe, die zur Beobachtung führten, waren zumeist Suizid- oder Fluchtgefahr. Hinweise auf die Gefahr von Gewalttätigkeit waren allgemein nur auf dem Wahrnehmungsbogen verzeichnet. Beobachter wurden auch nachts durch Lichtanschalten kontrolliert.

    Auf den Kennkarten waren auch die Kostformen für die Insassen abzulesen. Es gab z. B. Weißbrot statt Schwarzbrot, Hülsenfrüchteaustausch, Diabetiker- und Moslemkost. Ebenfalls auf der Kennkarte war zu lesen, ob der Gefangene arbeitete und ggf. wo. Es gab auch Zellenarbeiter und Nichtarbeiter, die aufgrund des Vermerks „o.A." (ohne Arbeit) zu erkennen waren.

    Mir fiel auf, dass an jeder Zellentür, je nach Anzahl der Gefangenen, Stofftaschen mit drei Fächern hingen. Hier wurde zum Einschluss um 18 Uhr das jeweilige Essbesteck der Insassen eingesteckt. Zum Frühstück wurde es dann wieder ausgehändigt. Auf der linken Seite, hinter der letzten Zelle am Flurfenster, befand sich das Dienstzimmer für die Bediensteten. Gegenüber war die sogenannte „Spülzelle, in der sich am Tage zeitweise die drei Hausarbeiter aufhielten. Diese hatten dort auch einen kleinen Elektrokocher, weil eine Steckdose, wie sonst in keiner Zelle, vorhanden war. Hier bereiteten sich die Hausarbeiter, insbesondere wenn Einkauf war oder sie gute Beziehungen zu Küchenarbeitern hatten, kleine Gerichte, z. B. Spiegeleier zu. Dies wurde allgemein geduldet. Es war auch ganz praktisch für die Bediensteten. Bei Fehlverhalten der Hausarbeiter konnten diesen als Sanktion diese Vorteile entzogen werden, indem man mit einem Außenschalter die Steckdose ggf. ausschalten konnte. Wie ich später selbst feststellen konnte, war die Spülzelle allgemein sehr beliebt als „Tauschzentrale. Hier hielten sich mitunter auch andere Gefangene auf, sofern sie aus irgendeinem Grund gerade nicht in ihrer Zelle waren, z. B. nach Rückkehr von der Arbeitsstelle oder nach erfolgten Besuchen.

    Gegen 11.30 Uhr kehrten die arbeitenden Insassen von ihren Anstaltsarbeitsstellen zurück, denn es war Zeit zum Mittagessen. Dieses wurde von der Anstaltsküche der Wirtschaftsverwaltung mit Elektrokarre und Anhängern von Gefangenen zu den Verwahrhäusern gefahren. Die Hausarbeiter trugen die Kessel hoch zu ihren Stationen, um dann das Essen zu verteilen. Kollege Griesel schloss alle Hafträume auf und schob den Riegel vor. Die Hausarbeiter öffneten diese und füllten das Essen, es gab an diesem Tag grüne Bohnen- Eintopf, in die Schüsseln der Insassen. Ich ging hinterher und schloss die jeweilige Zelle wieder ab. Nach etwa einer halben Stunde, es war noch Essen übrig, brüllte ein Hausarbeiter über die Station: „Nachschlag, Fahne!" Ich verstand zunächst gar nichts. Dann sah ich aber, dass auf der linken Seite einiger Zellen eine rote Metallschiene aus dem Mauerwerk mit lautem Geräusch herausschnellte. Dies war also die Fahne. Sie wurde von innen bei Bedarf von den Insassen betätigt. In den später gebauten Vollzugsanstalten gab es diese Meldeeinrichtungen nicht mehr. Sie wurden ersetzt durch Lampen über den Zellentüren, ähnlich wie in Krankenhäusern. In einigen neuen Vollzugsanstalten wurden später auch Gegensprechanlagen installiert. Diese haben den Vorteil, dass der Bedienstete, der über die Anlage dem Gefangenen zum Beispiel eröffnet, dass sein Antrag auf Ausgang abgelehnt wurde, danach gleich die Verbindung beenden kann und nicht mehr die möglichen Wutausbrüche des jeweiligen Gefangenen anhören muss.

    Um 13 Uhr war wieder Ausschluss zur Arbeit. Zu diesem Anlass wurde von der Zentrale aus „die Glocke geschlagen. An der Außenseite zum B-Flügel hin befand sich eine eiserne offene Halbkugel, die mit der Öffnung nach unten an den metallenen Fensterrahmen der Zentrale montiert war, wobei der Klöppel sich außen vor der Glocke befand. Je nach vorgesehener Maßnahme wurde gegen die Glocke geschlagen und dies mit einer laut gerufenen Benennung der angeordneten Ausführung begleitet. Um 13 Uhr wurde also einmal angeschlagen und gerufen: „Ausschluss zur Arbeit! Ich schloss mit Kollege Griesel zusammen aus, jeder eine Flurseite.

    Einmal am Tag, das konnte vormittags oder nachmittags sein, wurde für die Nichtarbeiter wochentags, für alle Gefangenen auch samstags und sonntags, die sogenannte Freistunde durchgeführt. Dies geschah flügelweise. Für eine Stunde durften sich die Gefangenen auf dem Hof zwischen dem C- und dem B-Flügel in einem großen Quadrat fortbewegen. Das konnten durchaus bis zu 150 Gefangene sein, die von drei Bediensteten, die an den Eckpunkten standen, beaufsichtigt werden mussten. Bei besonderen Vorkommnissen, wie z. B. Schlägereien unter den Gefangenen, was nur selten vorkam, musste der Wachturm die Zentrale telefonisch benachrichtigen und ggf. Unterstützung anfordern.

    Gegen 14 Uhr trug Kollege Griesel die Zahl der anwesenden und abwesenden Gefangenen in das Rapportbuch ein. Dieses wurde dem ablösenden Bediensteten übergeben. Dann meldeten wir uns in der Zentrale ab und konnten uns umziehen. An der Pforte gab ich meinen Schlüssel ab und erhielt dafür eine Schlüsselmarke. Der erste Tag im Strafvollzug war geschafft. Ich ging sehr nachdenklich nach Hause. Schon im Auto fing ich an zu grübeln, ob die gerade angefangene Tätigkeit für mich die richtige sei, die ich bis zum Ende meiner Lebensarbeitszeit ausführen würde. Tatsächlich sollten diesem ersten Tag am 3. Januar 1966 noch weit mehr als 10 000 folgen, jedoch überwiegend in anderen Dienstbereichen mit anderen, durchaus auch höherbewerteten Dienstleistungen als denen im Aufsichtsdienst.

    Die erste Woche

    Am nächsten Tag war ich natürlich pünktlich zum Frühdienst erschienen und stand nun mit den anderen ablösenden Bediensteten vor der Zentrale des Verwahrhauses II neben dem Kollegen Griesel, um mit ihm die Station 4 zu übernehmen. Um 6 Uhr hatte der Beamte der Zentrale bereits gegen die Glocke geschlagen, um die Gefangenen aufzuwecken.

    Wir übernahmen das Rapportheft und somit die Station. Um 6.30 Uhr wurden die Zellen aufgeschlossen und die Vollzähligkeit der Insassen festgestellt. Sofern ein Gefangener noch nicht erkennbar wach war, wurde er im Bett angestoßen und zum Aufstehen aufgefordert. Jetzt blieb etwa eine knappe Stunde für die Morgentoilette. Diese Zeit war, insbesondere für die Dreimannzellen erforderlich, ganz besonders dann, wenn alle drei zur Arbeit mussten. Es gab ja nur ein Waschbecken in jeder Zelle, in der sich auch das Toilettenbecken gleich rechts neben der Tür befand, in der Regel hinter einem Kunststoffvorhang. Trotzdem war die Geruchsbelästigung natürlich erheblich, wenn von den drei Insassen einer nach dem anderen am Morgen sein „großes Geschäft vollzog. Allgemein hielten sich dann die jeweils zwei anderen am Fenster auf. Kurz vor 7.30 Uhr wurde das Frühstück verteilt. Damals gab es das Brot noch in Form von sogenannten „Kuhlen. Das war ein Stück Brot, welches etwa die Stärke von vier Brotscheiben hatte. Außerdem gab es Marmelade, Margarine und einen großen Becher Kaffee, der nicht sehr viele Kaffeebohnen enthielt. Im Verlauf der nächsten Jahre wurde das Brot dann geschnitten. Das war in Bezug auf den Verbrauch viel günstiger, weil dadurch die Gefangenen auf Wunsch auch weniger Brot als die dicke „Kuhle" erhalten konnten und somit bedeutend weniger Reste aus dem Fenster auf den Hof geworfen wurden. Das Brot, sonntags gab es Weißbrot, wurde in der Anstaltsbäckerei gebacken und auch an die anderen Berliner Vollzugsanstalten geliefert. Es war sehr gut schmeckend. Auch die Bediensteten konnten sich zu einem günstigen Preis die 1500 Gramm schweren Brote kaufen.

    Um 8 Uhr war Arbeitsausschluss. Die arbeitenden Gefangenen versammelten sich auf der Fläche unter der Zentrale bei ihrem zuständigen Werkmeister. Kranke oder aus irgendwelchen Gründen abwesende Gefangene wurden dem Werkmeister gemeldet.

    Normalerweise war es jetzt etwas ruhiger auf der Station. Kollege Griesel jedoch war sehr umtriebig. Zunächst machten wir eine Gitterkontrolle. Zu diesem Zweck wurden mit einem Hammer, der einen sehr langen Stiel hatte, in den Zellen die Fenstergitter abgeklopft, um festzustellen, ob ein Gitterstab angesägt war, was auf eine beabsichtigte Fluch hinweisen würde. Ich durfte auch klopfen, z. B. beim Doppelmörder Bachmann. Dieser stand, als ich reinkam, an der Seitenwand und sprach kein Wort. Das tat er auch sonst nicht. Er hatte zur Freistunde die einzige Gelegenheit, die Zelle zu verlassen, aber auch dann keinen Kontakt zu anderen Gefangenen. Vor einigen Monaten hatte Bachmann Zellenarbeit bekommen und zwar „Zeitungslegen". Er musste die alten Zeitungen, die sich in großen Stapeln in seiner Zelle befanden, auseinanderfalten und in einzelnen Bogen aufeinanderlegen. Diese wurden dann beispielsweise auf Wochenmärkten als Einwickelpapier verwendet. Der Verdienst war nur sehr gering, zudem arbeitete Bachmann sehr langsam. Wenn er auf einen Verdienst für den monatlichen Einkauf von etwa 5 DM kam, dann war das schon viel.

    Während der Gitterkontrolle wurden auch einige Zellen stichprobenartig genauer kontrolliert, um eventuell verbotene Gegenstände, wie selbst gefertigte Werkzeuge oder Messer, aber auch verbotenen Lesestoff, wie die erwähnten Schmöker, oder Skatspiele zu beschlagnahmen.

    Ich guckte mir immer wieder die Wahrnehmungsbogen an und stellte fest, dass kein Insasse auf der Station ohne Vorstrafen war.

    Im Übrigen war ich erstaunt, dass die Insassen, bis auf ganz wenige Ausnahmen, sich recht ordentlich und höflich verhielten. Wenn sie von der Arbeit oder der Freistunde zurückkamen, stellten sie sich neben ihrer Zellentür auf und warteten, dass man sie wieder einschloss. Einige sagten sogar danke. Weil die Umgangsformen im Vollzug nach Möglichkeit den Verhältnissen außerhalb der Gefängnismauern angepasst werden sollten, waren wir gehalten, die Gefangenen mit „Herr anzusprechen. Dies fiel mir bei den meisten sehr schwer und ich versuchte, dies möglichst zu umgehen, zumal uns die Gefangenen allgemein nur mit „Meister oder „Meester" ansprachen.

    Die Tage im Frühdienst vergingen recht schnell und überwiegend ohne besondere Vorkommnisse.

    Am sechsten Tag nach meinem Dienstantritt wurde ich durch lautes Rufen von der Zentrale, „Herr Weise, zur Zentrale!", aufgefordert, mich dort zu melden. Mir wurde gesagt, dass ein Kollege mich durch die Anstalt führen werde, damit ich die Baulichkeiten und die einzelnen Verwaltungsdienststellen kennen lernen sollte. Es kam der Kollege Höffker und gab mir die Hand. Er war etwas kleiner als ich, jedoch erheblich breiter, ohne dick zu sein. Obwohl bereits seit zwei Jahren im Dienst, war er auch noch Angestellter wie ich. Er verzog allgemein keine Miene und machte einen sehr energischen Eindruck.

    Drei Stunden lang führte er mich durch die ganze Anstalt. Zunächst zu den Verwaltungsdienststellen, der Arbeitsverwaltung, der Vollzugsgeschäftsstelle, der Zahlstelle, der Wirtschaftsverwaltung mit Küche und dann zu den Werkbetrieben, wie Tischlerei, Schlosserei, Glaserei und Papierschuppen. Im letztgenannten Betrieb wurde angeliefertes Altpapier aufeinandergelegt und mit Handpressen zu handlichen Bündeln gepresst, die dann mit Lastwagen abgeholt wurden. Eine schwere, aber sehr einfache Arbeit, die keine fachlichen Voraussetzungen erforderlich machte.

    Zum Schluss ging es in die beiden anderen Verwahrhäuser, I und III. Im Haus I wurde der sogenannte Anfangsvollzug durchgeführt, allgemein bis zu drei Monaten. Bis auf die Hausarbeiter waren die Gefangenen ohne Arbeit und somit 23 Stunden am Tag unter Verschluss. Mir fiel sofort der etwas unangenehme Geruch im ganzen Haus auf. Kollege Höffker sagte mir, im Haus werde noch „gekübelt". Die Zellen hätten noch keine Spültoiletten,

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