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Die verschleierte Isis: Ägypten- Ein kultureller Spaziergang
Die verschleierte Isis: Ägypten- Ein kultureller Spaziergang
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eBook418 Seiten5 Stunden

Die verschleierte Isis: Ägypten- Ein kultureller Spaziergang

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Über dieses E-Book

Der kulturelle Spaziergang ist keine Kulturgeschichte Ägyptens. Die Gegenwartsbezüge sind stets präsent und auf die kommt es letztendlich an.
In der langen, ereignisreichen ägyptischen Geschichte spielte die Religion eine dominante Rolle. Sie war und ist das Fundament, auf dem alles entstand, florierte und verwelkte. Ägypten ist und bleibt im Würgegriff der Religion. Wer seine Kulturgeschichte verstehen will, kommt also nicht umhin, sich mit der Religion auseinanderzusetzen.
Das Land ist mit den drei monotheistischen Religionen eng verflochten. Die bedeutenden biblischen und koranischen Geschichten nehmen direkten Bezug auf Ägypten oder spielen dort. Obwohl solche, von Menschenhand erschaffene Geschichten konstruierte Gebilde sind, ohne jedwede historische Substanz, prägen sie nach wie vor das Leben der Menschen und verhindern ihre freie Entwicklung. Daher müssen die "heiligen" Geschichten zuerst entheiligt werden.
Der Islam hat keine Aufklärungsphase erlebt, dabei hätte er sie nötiger denn je. Er erhebt einen universellen Anspruch und wehrt sich vehement gegen eine Trennung von Staat und Religion. Wie ließe sich im Lichte dessen das Versagen des politischen Systems in den letzten 60 Jahren erklären? Es schaffte den Nährboden für den religiösen Fundamentalismus, der in Ägypten entstand und dort noch floriert. Welche schäbige Rolle spielte der Westen in dieser Tragödie? Warum musste der arabische Frühling scheitern?
Der kulturelle Spaziergang kann solche Fragen nicht beantworten, aber er kann helfen, Hintergründe und Zusammenhänge besser zu verstehen.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum17. Feb. 2018
ISBN9783745099676
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    Buchvorschau

    Die verschleierte Isis - Zacharias Amer

    Zacharias Amer

    Die verschleierte Isis

    Ägypten

    Ein kultureller Spaziergang

    epubli-Logo-LesezeichenSW

    2014

    Impressum

    Texte:             © Zacharias Amer. Berlin, 2014

    Umschlag:      © Zacharias Amer

    Verlag:            Zacharias Amer, Berlin

    Druck:             epubli - ein Service der neopubli

          GmbH, Berlin

    nhalt

    Vorwort                                                                                     

    1.      „Dieser unermesslichen große Dinge Ägyptens"             

    Rainer Maria Rilke                                                       

    2.     Gräber, Tempel, Kolosse                                              

    3.     Hatschepsut (1473-1458 v. Chr.)                               

    4.     Als die Arbeiter streikten                                             

    5.     Humor - Die Kuh im Schwalbennest                          

    6.     Die Klagen des Ipuwer I                                               

    7.     Die Frau im Alten Ägypten und heute                     

    8.     Die Klagen des Ipuwer II                                            

    9.     Joseph in Ägypten                                                       

    10.   Aswan                                                                           

    11.   Abu Simbel                                                                   

    12.   An Deck                                                                        

    13.   Altägyptische Literatur                                              

    14.   Ein Dorf-Besuch                                                          

    15    Kairo

    16.   Arabische Eroberung                                                 

    17.   Vom Volkscharakter und anderen Katastrophen 

    18.   Alexandria                                                                   

    Anhang                                                                             

    Vorwort

    Das uralte Volk der Ägypter schuf einst die älteste Hochkultur der Welt und war jahrhundertelang die dominierende Macht der alten Welt: kulturell, politisch und militärisch. Gegenwärtig dümpelt das Volk vor sich hin und zeigt sich unfähig, die eigenen Probleme zu lösen. Gewiss schützt eine glorreiche Vergangenheit nicht vor einer schäbigen Gegenwart. Griechenland und Ägypten dürften als Paradebeispiele dafür gelten, mit dem kleinen Unterschied, dass Griechenland immerhin eine Demokratie ist, wo die geplagten Bürger die Chance haben, eine korrupte Regierung zum Teufel zu jagen, auch wenn der Wechsel selten etwas Positives bewirkt; denn da löst eine raffgierige Clique von Politikern die andere ab. Bis 2011 hat Ägypten klugerweise aus einer mit Lethargie gepaarten Selbsterkenntnis heraus einen solchen Versuch gar nicht erst unternommen, und so kannte man in Ägypten das Wort ‚Demokratie‘ nur vom Hörensagen. Bedingt durch ein politisches System, das die Menschen knebelt und durch eine Religion, die sie dafür gefügig macht, herrschte im Land eine bleierne Schwere, die wie ein immerwährender Alptraum wirkte. Dann geschah doch das Unvorstellbare, die Menschen haben es endlich geschafft, ihren alten, senilen Despoten hinwegzufegen. Bis zum Schluss klammerte er sich an die Macht, die er so gern an seinen Sprössling weitervererben wollte, als ob er das Land von seiner Oma geerbt hätte, als wäre es sein Privateigentum, über das er frei verfügen dürfte, und ließ seine Schergen auf die Demonstranten schießen. Sie töteten dabei hunderte und verletzten tausende andere. Erst als die Demonstranten ihm die Schuhe entgegenstreckten und ihre höchste Verachtung damit ausdrückten, dämmerte es bei ihm, dass seine Zeit um war. 30 Jahre lang herrschte er mit eiserner Hand und wurde von der sogenannten Freien Welt dafür belobigt, obwohl das Land ein Polizeistaat war, mit einem Heer von Schnüfflern, Geheimdienstlern, Schlägertypen und Folterknechten übersät, die jeden Unliebsamen verfolgten, einlochten oder zu Tode folterten. Wem sein Leben lieb war, hielt die Schnauze, heuchelte oder spielte den braven, treuen Bürger. Der Personenkult war ebenso ekelerregend wie die Rolle der Massenmedien, die keine Ehre zu haben schienen. Ja-Sager Parlamentarier sahen ihre Hauptaufgabe darin, in die Hände zu klatschen, lauthals zu rufen und einen Bluthund hochleben zu lassen. Wirtschaft der Günstlinge, deren Hauptarchitekten die Söhne des Herrschers waren, florierte. Sie scheffelten die Millionen und die Milliarden, ließen andere für sich arbeiten wie Zuhälter ihre Dirnen. Die Staatskasse sahen sie als ihre Privatschatulle an. Es gab Mafiosi-Strukturen, bei denen Schutzgelder kassiert wurden. So hinterließ der Tyrann ein Land am Rande des Ruins. Während die einen in Saus und Braus lebten, siechte das Land vor sich hin. Nur der Glaube verlieh den Menschen die Kraft, dieses trostlose Leben zu ertragen. Vielleicht war es die Verzweiflung, die den Mut von Al-Tahrir-Platz gebar. Millionen standen mit dem Rücken zur Wand, hatten nichts zu verlieren als ihr armseliges Leben und fragten sich: ist es nicht einerlei, auf welche Art man krepiert? 

    So war der 11. Februar 2011 einer der wenigen glücklichen Tage, die Ägypten je erlebt hat. Die Revolution begann zwar am 25. Januar 2011, aber schon lange davor gärte es im Land, die Ereignisse in Tunis waren der Funke, der das Fass zum Explodieren brachte.

    Die Menschen dachten, nun wird alles besser und sehnten „die blühenden Landschaften" herbei, doch bald folgte die Ernüchterung. Die jungen Revolutionäre, die wagemutig ihr Leben riskierten, sahen zu, wie andere die Früchte ihrer Arbeit ernten. Die gutorganisierten Muslimbrüder gewannen die Wahlen und, wie einst die Nazis, dachten sie daran, die Demokratie, die sie an die Macht hievte, gleich abzuschaffen. Sie hatte ja ihr Soll erfüllt und kann zu Grabe getragen werden. So waren sie bestrebt, ihre Macht zu zementieren, die Schaltstellen im Staat mit ihren Anhängern zu besetzen und sie schafften es sogar, in einer Nacht und Nebel-Aktion, eine islamische Verfassung zu verabschieden. Mit dem Mut der Verzweiflung gingen am 30. Juni 2013 wieder Millionen auf die Straße und das Militär, nicht zuletzt aus Eigennutz, sah seine Chance gekommen, um mit dem Spuk aufzuräumen und zwar gründlich: hunderte wurden getötet, tausende verhaftet und die ganze Führungsriege der Muslimbrüder samt dem Staatspräsidenten landete im Gefängnis. Die Muslim-brüder wurden als eine Terrororganisation erklärt.

    Nachdem die Muslimbrüder mit ihrem Präsidenten Mursi ein Jahr lang herumgepfuscht hatten, kamen die Militärs und setzten den Pfusch fort. Erstaunlich, wie schnell die neuen Machthaber das fortführten, was man überwunden zu haben glaubte: in den Gefängnissen folterten Polizisten weiter wie eh und je, Massenmedien wurde ein Maulkorb verpasst, jede Kritik wurde im Keim erstickt, jede freie Stimme mundtot gemacht. Der Polizeistaat Mubaraks kehrte mit Pauken und Trompeten zurück.

    Für die Militärs scheint Demokratie genauso pervers wie für die religiösen Fanatiker. So unterschiedlich beide Lager auch sein mögen, beide funktionieren nach dem Befehls-Gehorsam-Prinzip. Religiöse Fanatiker verpassen ihren Anhängern als erstes eine Gehirnwäsche: wer glaubt, braucht keinen Verstand zu haben, scheint ihre Devise zu sein, und bei den Generälen ist das Kadavergehorsam ohnehin das erste, was man einem Rekruten beibringt, das Denken wird ihm schnell ausgetrieben, der Wille gebrochen. Wer von beiden regiert, kann auf das ganze Land nur das anwenden, was er ja gelernt hat, so sorgt er schnell für die angestrebte Grabesruhe. Das Volk hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera.

    Weder die Revolution von Februar 2011, noch das, was die Militärs zu einer Revolution hochstilisiert hatten (am 30. Juni 2013 gingen angeblich 30 Millionen Menschen auf die Straße, um die Absetzung des „islamistischen Präsidenten Mursi zu fordern, das Militär nahm das Angebot dankend an, verhaftete, im Namen des Volkes, den Präsidenten und löste das Parlament auf…) können als Revolution bezeichnet werden; denn von „radikalen Veränderungen der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kann keine Rede sein. Zwar wurde das herrschende Regime beseitigt (zuerst Mubarak, dann Mursi), dies führte aber keineswegs zu tiefgreifenden Veränderungen im System. Der Neuanfang misslang, die Machtstrukturen blieben unverändert.

    Seit der „echten Revolution von 1952, durch die die britische Besatzung beendet wurde, wird Ägypten von Militärs regiert. Alle Präsidenten waren Armeeangehörige, kein Zivilist war dabei, vom einjährigen Intermezzo mit Mursi mal abgesehen. Schritt für Schritt baute die Armee ihre Machtstellung aus, sie schuf eigene Wirtschaftsbetriebe und entwickelte sich zu einem tüchtigen „Geschäftsmann, der Narrenfreiheit genoss, niemandem Rechenschaft schuldig war und der von niemandem kontrolliert werden durfte. Der Staatspräsident, der aus ihren Reihen kam, gewährte der Armee freie Hand und bekam als Gegenleistung die Zusicherung, dass er nicht weggeputscht wird und dass die eigentliche Aufgabe der Streitkräfte darin besteht, ihm seinen Thron zu sichern. An diesen antidemokratischen Strukturen konnten die zwei angeblichen Revolutionen (vom 2011 und 2013) nichts ändern. Die Armee zeichnet nach wie vor den Weg auf und gibt die Richtung vor. Wer Demokratie spielen möchte, hat ihre Spielregeln zu akzeptieren und die sind ganz eindeutig: ihre Sonderstellung, die sogar in der Verfassung verankert ist, darf nicht angetastet werden. Kommt ein Zivilist an die Macht, dann muss er mitspielen, um die Armee einen großen Bogen machen, sie gewähren, ihre Geschäfte machen lassen, käme er auf die Idee, an diesen tiefverankerten Strukturen etwas zu ändern, muss er eben abgesetzt werden. Das gleiche gilt auch für das Parlament. Das ist Demokratie auf ägyptisch.

    Die Momente, in denen das Volk seine Macht spürte, waren allzu kurz. Ja, es war nur eine Schwalbe, die geschwind das Land überflog, daraus wurde kein Frühling. Sie ließ das Land zerrütteter denn je.

    Was ist das für ein Land, in dem die Verhältnisse so beschaffen sind, in dem jede keimende Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben, auf soziale Gerechtigkeit so rasch verfliegen? Man fragt sich, warum der ehrenhafte Versuch, demokratische Strukturen einzuführen, so miserabel scheiterte. Liegt es an dem religiösen Menschenbild, das keine freien Individuen kennt, sondern nur eine Masse, die zu gehorchen hat, einerlei, was mit ihr geschieht? Ist Politik nur ein Spiegelbild der Religion? Zweifelsohne wirkt die Religion identitäts- und sinnstiftend, aber sie macht die Menschen auch lethargisch, schicksalsgläubig, gar hörig und sie hemmt ihre freie Entwicklung.

    Ist diese Gesellschaft resistent gegen Veränderungen? Wie kann ein Land, in dem Millionen von der Hand in den Mund leben, dessen Städte aus allen Nähten platzen und dessen ländliche Gebiete unterentwickelt sind, dessen Bildungssystem genauso marode ist wie die gesamte Infrastruktur, das keine soziale Versorgung kennt, kein richtiges Gesundheitssystem besitzt..., wie kann ein derart beschaffener Staat sich frei entwickeln, Korruption und Vetternwirtschaft ernsthaft bekämpfen, wenn es immer wieder von den Uniformierten geknebelt  und von Hohlphrasendreschern regiert wird? Ist nicht ein Scheitern bei alldem folgerichtig?

    Kann ein unbefangener Blick, der über die Jahrhunderte gar Jahrtausende schweift, Antworten auf dringende Fragen liefern? Wohl kaum, aber er kann vielleicht helfen, diese ewigen Fehlschläge begreiflich zu machen.

    Die ägyptische Geschichte kennt sehr viele Höhen- und Tiefpunkte. Ein Faktor blieb dabei über die Jahrtausende fast unverändert und prägte nachhaltig die Volksseele, nämlich die tiefsitzende Religiosität, bei der das Leben eine beiläufige, eine rudimentäre Rolle zu spielen scheint. Tyrannen hatten immer ein leichtes Spiel gehabt, das Volk entwickelte unterdessen seine eigene Lebens-strategie, es tröstete sich auf das Jenseits und perfektionierte die Duldsamkeit.

    Das Werk provoziert bewusst und nimmt vieles, was für heilig gehalten wird, auf die Schippe mit dem Ziel, den Fanatismus ins Lächerliche zu ziehen. Denn erst wenn der Umgang mit der Religion sich entkrampft, wenn auch über das „Heilige" gelacht wird, besteht Hoffnung, den Fanatismus zu besiegen und sich von seinem Würgegriff zu befreien. So versteht sich der kulturelle Spaziergang letztendlich als ein Plädoyer für Toleranz.

    1.  „Dieser unermesslichen große Dinge Ägyptens"...                 Rainer Maria Rilke

    „Was war das für ein Moment der Windstille in der großen Ägyptischen Zeit? Welcher Gott hielt den Atem an, damit diese Menschen um den vierten Amenophis so zu sich kommen? Wo, plötzlich, stammen sie her? Und wie schloß sich wieder, gleich hinter ihnen, die Zeit, die einem „seienden Raum gegeben, - es „ausgespart hatte?!"[1]

    Doch nicht nur die Zeit des IV. Amenophis (Echnaton) hat es Rilke so angetan, sondern die ganze Zeitspanne, in der diese einzigartige Kultur entstand, aber auch die Landschaft, die Menschen... Die Ägyptenreise, die Rilke vom 10. Januar bis zum 25. März 1911 unternahm, hat sein Schaffen nachhaltig beeinflusst, obwohl die Reise keineswegs glücklich verlief. Drei Wochen lang lag Rilke krank im Hotel-Sanatorium Al-Hayat in Helwan am Stadtrand von Kairo. Das hat seine Erlebnisse trotzdem nicht getrübt; denn er hat anscheinend in Ägypten das gefunden, wonach er sich gesehnt hat. Nachdem er Algier und Tunis besucht und die märchenhafte orientalische Welt kennengelernt hatte, fieberte er Ägypten entgegen: „…und hatte noch Wege und Wege, hatte Ägypten vor mir, den Nil, die unerhörtesten Menschendinge, die je erzeugt und erzwungen worden sind."

    Rilke hat die Bilder dieser einmaligen Landschaft verinnerlicht, in seinen großartigen Dichtungen verarbeitet und hat bis zum letzten Atemzug davon gezehrt. 1923, also 12 Jahre nach der Ägyptenreise, empfiehlt er einer Freundin: „Statt weiter und weiter zu reisen in unruhige und verstörte Länder, wärs nicht richtiger, langsam in einer eigenen »Dahabieh« (eine Nilbarke) den Nil entlang zu fahren?; das ist keine Reise mehr, das ist ein Leben, eine Verwandlung, ein Traum des Daseins... und eine wirkliche tiefe Besinnung."[2] Denn „das Wunder der unberührbar überlieferten Landschaft, in der neben dem Stromgott und dem fortwährenden Anheben der Wüste ein Streifen dichtesten, drängendsten, entschlossensten Lebens verläuft, auf dem Menschen und Tiere und rasch heranwachsende Pflanzen sich in gleichsam ewige, starke Bedingungen teilen"[3] schwebte ihm stets vor Augen.

    In der 2. Duineser Elegie taucht dieses Bild, das ihm die ägyptische Landschaft bot, wieder auf:

    Fänden auch wir ein reines, verhaltenes,

    schmales  Menschliches,

    einen unseren       

    Streifen Fruchtlands

    zwischen Strom und Gestein.

    Denn das eigene Herz

    übersteigt uns

    noch immer wie jene.[4]

    Abb.1: Der schmale Streifen zwischen Strom und Gestein

    In der 10. Elegie, „diese vielleicht großartigste Vision, die Rilke jemals gestaltet hat"[5], wird das Klageland beschrieben, das man mit Ägypten identifiziert hat, obwohl Rilke sich ausdrücklich dagegen gewehrt hat. „Die alte Kultur Ägyptens .. verfügte noch über die uns längst verlorenen ‚sichtbaren Äquivalente‘; das Leidland dagegen ist eine reine Sprachwelt, deren ‚Abstraktheit‘ durch beständige Allegorisierungen (z.B. „Tränenbäume und Felder blühender Wehmut V. 65) und durch die direkte Transformation in Sprachzeichen und Wörter unübersehbar signalisiert wird. [6]

    Bei der Darstellung des Klagelandes werden die Klagen  personifiziert, sie treten auf und jammern über sich selbst, über die Herrlichkeit vergangener Tage als sie ein mächtiges Geschlecht waren: „Wir waren, sagt sie, ein Großes Geschlecht, einmal, wir Klagen." Eine Klage führt einen Jungverstorbenen

    ... durch die weite Landschaft der Klagen

    Zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmer

    jener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Land

    einstens weise beherrscht. [...]

    Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und bald

    mondets empor, das über alles

    Wachende Grab-Mal, Brüderlich jenem am Nil,

    der erhabene Sphinx -: der verschwiegenen Kammer

    Antlitz.

    Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer,

    schweigend, der Menschen Gesicht

    auf die Wange der Sterne gelegt.[7]

    Weinend verabschiedet sich die Klage von dem Toten und einsam steigt er dahin, in die Berge des Ur-Leids, er geht allein fort, um seinen Tod zu vollenden.

    Denn der Tod ist die Vollendung des Lebens. Das Totsein und das Lebendigsein, Diesseits und Jenseits gehören zusammen, sie ergänzen einander bzw. sind eins und dasselbe. „Das Totsein (nicht) als die Gegenform des Lebens, (sondern) als dessen Eigentlichkeit",[8] diesen Gedanken hat Rilke in der altägyptischen Kultur wohl am meisten bewundert.

    Die Menschen haben sich von jeher nie mit der Endgültigkeit des Todes abgefunden. Sie versuchten mit aller Gewalt seine Endgültigkeit aufzuheben: die alten Ägypter schufen ihr eigenes Jenseits und ließen die Toten am Leben teilhaben, so wie sie es heute noch tun. Ihr Jenseits war allerdings völlig anders geartet als das, was die späteren, monotheistischen, Religionen daraus machten. Es war nicht eine andere Welt, eine geläuterte, in der Schatten lebten, kein Gegenüber, sondern ihr Jenseits war identisch mit ihrem Erdendasein, sie verlängerten das Leben gewissermaßen über den Tod hinaus. Beide Welten waren somit kongruent. Die Alten Ägypter kannten keine Transzendenz. Alle Menschen, zu allen Zeiten schien die Frage, „wie entkommt man dem Tod", brennend zu interessieren. So machte sich Gilgamesch auf den Weg, um der Unsterblichkeit teilhaftig zu werden; Pythagoras übernahm indisches Gedankengut und propagierte die Seelenwanderung; Sokrates sprach von der Unsterblichkeit der Seele und in der Mythologie wurde eine Klasse zwischen Menschen und Göttern installiert, in der die Auserwählten weiterlebten.

    Doch die Beziehung, die die Ägypter zum Tod hegten, ist dabei eine ganz besondere. Sie haben den Tod eher gehasst, wollten ihn um jeden Preis besiegen, für null und nichtig erklären, ihn als Fortsetzung des Lebens ansehen. Sie erfanden die Mumifizierung, um für das körperliche Fortleben zu sorgen, das war die erste Voraussetzung für das wahre Leben nach dem Tod. In der Mumie steckte gewissermaßen das Leben, deswegen hatten manche Grabräuber vorsichtshalber die Mumien in Brand gesteckt, um nicht von denen verfolgt zu werden. Die Ägypter gingen noch ein Stück weiter und ließen den Toten zu einem Gott werden. Was früher nur dem Pharao vorbehalten war, wurde im Neuen Reich auf alle Menschen ausgedehnt. „Gott-Sein ist die Existenzform des Jenseits, die allen Menschen zuteilwird."[9] Jeder Tote wurde zum Gott Osiris, zu einem toten und wieder auferstandenen Gott. Aus Liebe zum Leben haben die Ägypter den Tod gebändigt, ihm den Stachel genommen, er verlor seine Endgültigkeit, seine Bitterkeit und wurde zu einer Übergangsstufe degradiert. So ist „trotz der gewaltigen Grabmonumente …diese Kultur immer lebensbejahend gewesen, und sie hat gerade in ihren Grabbildern immer neu die Freude an den Schönheiten des Diesseits gestaltet."[10]

    Die Toten stehen auch nicht irgendwann auf, sondern sind vom ersten Tag ihres jenseitigen Lebens an quicklebendig. Ein Toter war nie richtig tot, er war so aktiv, dass er selten zur Ruhe kam[11]. Er konnte sogar Rache an Lebenden nehmen und ihnen das Leben schwermachen. Diese wandten sich an einen anderen Toten und baten um dessen Vermittlung, er möge so nett sein und diesen Bösewicht von seinen Rachegelüsten abhalten. „Tote erschienen als Gespenst und klagten über ihr verfallenes Grab, drehten einem den Kragen um, wenn er einen Stein von ihrem Grabbau losbrach; raubten den Säugling aus dem Arme der Mutter, würgten das Vieh oder aber verhalfen den Hinterbliebenen zu Segen und Gerechtigkeit, kurz, sie hatten überirdische Macht und waren darum ebenso gefürchtet wie verehrt.[12] Tote erhielten von ihren Angehörigen Briefe, in denen sie alles zu lesen bekamen, was sich da oben (oder da unten) so abspielt, so blieb ein Toter immer auf dem Laufenden. Leben und Tod waren nicht voneinander zu trennen, sie waren dicht ineinander verwoben. So war es folgerichtig, dass die Toten tagtäglich die Sonnenstrahlen erblickten. Wenn die Sonne uns Lebende verlässt, macht sie sich auf den Weg und lässt die Toten an ihrem Glanz teilhaben. Die Seelen der Toten, ihre Bas, waren putzmunter und begleiteten die Sonne auf ihrer nächtlichen Fahrt. Die Bas, vogelförmig mit einem Menschenkopf, stiegen mit der Sonne in die Unterwelt und vereinigten sich mit den Körpern, die sie beim Tod verlassen mussten und erweckten sie so zum Leben.  Im „Talfest trafen sich Lebende und Tote und feierten gemeinsam den Tod. Dieses „schöne Fest vom Wüstental" fand jährlich statt.

    Dieses Verschmelzen der beiden Aspekte des Daseins ist ein Ziel, dem die Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus nacheifern. „Lebens- und Todesbejahung erweist sich als Eines in den „Elegien, schreibt Rilke an seinen Übersetzer „Das eine zuzugeben ohne das andere, sei, so wird hier erfahren und gefeiert, eine schließlich alles Unendliche ausschließende Einschränkung. ...Wenn man den Fehler begeht, katholische Begriffe des Todes, des Jenseits und der Ewigkeit an die Elegien oder Sonette zu halten, so entfernt man sich völlig von ihrem Ausgang und bereitet sich ein immer gründlicheres Mißverstehen vor. Der „Engel der Elegien hat nichts mit dem Engel des christlichen Himmels zu tun (eher mit den Engelgestalten des Islam) ..."[13]

    Auf das Christentum war Rilke ohnehin nicht gut zu sprechen. Was er in Cordoba sah, hatte auf ihn eine Schockwirkung gehabt, durchaus verständlich. Wer in Cordoba war und die herrliche Mesquite besucht hat, wird dieses Erlebnis stets in frischer Erinnerung bewahren. Die Eleganz und die erhabene Einfachheit der Säulen sind wahrlich beeindruckend. Gleichzeitig wird man sich über den hässlichen Schandfleck, Kathedrale genannt, mitten in der Moschee reichlich ärgern und sie zum Teufel wünschen. Doch sie bleibt als Mahnmal christlichen Hasses und Fanatismus. Diese Geschmacklosigkeit, ausgerechnet dort, wo die drei verfeindeten Religionen ein friedliches Leben nebeneinander geführt und eine imponierende Toleranz praktiziert hatten, ist eine Freveltat. Da hat sich die angebliche Religion der Liebe als schäbig und wurmig gezeigt. Auch Rilke konnte seinen Ärger nicht verbergen. Seine Aversion gegen alles Christliche schlug in Hass um: „Ich bin seit Cordoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin, wie der Wind in der Orgel [...] Mohammed war auf alle Fälle das Nächste; wie ein Fluß durch ein Urgebirg, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden läßt jeden Morgen, ohne das Telefon „Christus, in das fortwährend hineingerufen wird: Hallo, wer dort? – und niemand antwortet.[14]

    Rilkes Abneigung gegen das Christentum hatte zwei Gründe: erstens die Mittlerrolle, die Christus darin spielt und die ablehnende Haltung des Christentums gegen die Sexualität, die Rilke als Herabwürdigung des Lebens sah. Gegen diese Prüderie, die das Christentum zweitausend Jahre lang gepredigt hat, hat Rilke in seinen Briefen sowie in dem „Brief des Jungen Arbeiters von 1922 heftig polemisiert: Die Christlichkeit (hat)... behauptet, dort in Christus zu wohnen, obwohl doch in ihm kein Raum war, nicht einmal für seine Mutter, und nicht für Maria Magdalena, wie in jedem Weisenden, der eine Gebärde ist und kein Aufenthalt. [ ... ] Sie haben aus dem Christlichen ein métier gemacht, eine bürgerliche Beschäftigung, sur place, einen abwechselnd abgelassenen und wieder gefüllten Teich. [ ...] Diese zunehmende Ausbeutung des Lebens, ist sie nicht eine Folge, der durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwertung des Hiesigen? Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken, wo wir hier von Aufgaben und Erwartungen und Zukünften umstellt sind. Welcher Betrug, Bilder hiesigen Entzückens zu entwenden, um sie hinter unserm Rücken an den Himmel zu verkaufen!"[15]

    Rilke übersah dabei, dass die Prüderie im Islam nicht minder präsent und genauso weitverbreitet ist wie im Christentum, auch wenn der Islam eine positivere Einstellung zum Sinnlichen hat. Noch vor einigen Jahren diskutierten Religionsgelehrte in Ägypten darüber, ob eine Frau sich vor ihrem Ehemann ausziehen darf. Schließlich geht es nicht um „Vergnügen, sondern einzig und allein um Fortpflanzung und die lässt sich sicherlich „gesittet angezogen, oder halb angezogen, vollziehen, das ist doch zum Mäusemelken.

    Die negative Rolle, die das Christentum gespielt hat, hat also dazu geführt, im Islam das Positive hervorzukehren. Der Islam sieht in Christus nur einen Propheten wie alle anderen auch, eine Vermittlerrolle zwischen Gott und den Menschen ist bei ihm nicht vorgesehen, und da der unerschaffene Gott weder Söhne noch Töchter hat, kann Jesus auch nicht sein Sohn gewesen sein.

    Rilke sah Ägypten als „Gegenbild zur christlichen Kultur mit ihrer scharfen Dichotomisierung von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, da hier (in Ägypten) das Totenreich als unmittelbare Fortsetzung des irdischen Lebens mit all seinen Bräuchen und Gepflogenheiten gedacht wurde. Vor diesem Hintergrund wäre Rilkes Deutung des ägyptischen Totenkultes zu verstehen."[16]  Kerngedanke dieses Kultes ist die Einheit zwischen Leben und Tod und dieser Gedanke wird in Rilkes reifen Meisterwerken „Die Duineser Elegien und „Die Sonette an Orpheus thematisiert. Die Duineser Elegien, Rilkes gewaltiger Klagegesang über die Verlassenheit des Menschen, seine Welteinsamkeit, liefern eine Deutung des Daseins jenseits aller „überlieferten religiösen Systeme[17]. Der am Dasein leidende Mensch erscheint hier wie ein Rufer in der Wüste, keiner hört ihn, kein Gott weit und breit. Sogar vom Engel, einem Wesen jenseits der irdischen Sphäre, ein „Statthalter des unzugänglich gewordenen Gottes[18] ist keine Hilfe zu erwarten. Diese „Heimatlosigkeit des Daseins[19] ruft nach einem „poetischen Gegenentwurf des Daseins und der kann, nach Rilkes Konzeption, nur im „Welt-Innenraum verwirklicht werden. „Der Mensch der Elegien ist hauslos, eine ungewisse und halbgare Existenz ohne objektiv bestimmbaren metaphysischen Ort: Jedes der zehn großen Gedichte ist ein Versuch, sich zu orientieren.[20]

    Die Elegien zählen in der Tat viele Formen des Daseins auf und stellen sie als uneigentlich dar. Diese Formen spiegeln die Flüchtigkeit des Menschen wider. Auch bei den Formen, bei denen der Mensch als eigentlich erscheint wie beim Sterbenden, beim Liebenden, beim Helden  oder beim Kinde sind vorübergehend. So eilen (in der 6. Elegie) die Helden und die früh hinüberbestimmten (die früh verstorbenen) in den Tod, „sie stürzen dahin wie das Rossegespann in Karnak, sie eilen ihrem Lächeln voran, das kaum Zeit findet, sich zu entfalten. Im Kind hingegen sieht Rilke die beiden Aspekte des Daseins, Leben und Tod vereint, denn Tod wohnt im Kind inne, aber es weiß nichts davon. Dieses Gefühl den Tod „sanft zu enthalten und nicht böse zu sein nennt Rilke am Ende der 4. Elegie unbeschreiblich.

    Nur Bauten der Vergangenheit, so wie die ägyptischen Säulen, Pylone, der Sphinx...  sind in der Lage dem Schicksal zu trotzen. Stolz verkündet der Dichter:

    ..... Dies stand einmal unter

    Menschen, 

    mitten im Schicksal stands, im vernichtenden, mitten

    im Nichtwissen-Wohin stand es, wie seiend, und bog

    Sterne zu sich aus gesicherten Himmeln. Engel,

    dir noch zeig ich es, da! in deinem Anschaun

    steh es gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.

    Säulen, Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen,

    grau aus vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms.

    War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds,

    wir, O du Großer, erzähls, daß wir solches vermochten,

    mein Atem reicht für die Rühmung nicht aus. (7. Elegie)

    Diese mächtigen Bauten sind fähig, sich das Schicksal gefügig zu machen.

    Auch in der Sonette an Orpheus sieht Rilke „...oft sehr weit Herstammendes geformt, Wesentliches aus dem ägyptischen Erlebnis..."[21]

    O die eherne Glocke, die ihre Keule

    täglich wider den stumpfen Alltag hebt.

    Oder die eine, in Karnak, die Säule, die Säule,

    die fast ewige Tempel überlebt.[22]

    Abb.2 Rilkes Säule.  Die Säule des Taharka (692-664).

    Trotz alldem scheiterten die Ägypter in ihrem Versuch, den Tod zu überwinden. Die Gräber sind verfallen, die Mumien verwelkt, „Könige aufgedeckt, verfault und verwürmt."[23] Die Diskrepanz zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits kann nur noch in Orpheus, im Künstler, aufgehoben werden.[24]

    Wenn aber Orpheus singt:

    Geht ihr zu Bette, so laßt auf dem Tische

    Brot nicht und Milch nicht; die Toten ziehts     (Erster Teil, VI).

    dann glaubt man beinah einen alten Ägypter  zu hören.

    Ägyptische Landschaft spielte bereits in Rilkes einzigem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge eine Rolle. In der Thebais, in dem Gebiet um das Tal der Könige, in der Wüstenklarheit, sah Malte den einzigen Ort, der würdig wäre, Beethovens Musik aufzunehmen und an das All zurückzugeben, weil es der „einzige Platz (ist), wo auf der Erde ungestört noch Kosmos waltet.[25]

    Schon vor Beginn der Reise nach Ägypten war Rilke auf das Land seelisch vorbereitet. Er besuchte häufig den Louvre, der über eine beachtliche ägyptische Abteilung verfügt, und er kam mehrfach an dem Obelisken auf dem Place de le Concorde vorbei, der in Paris, genau wie Malte, ein trauriges Dasein führt und stets an seinen Zwillingsbruder in Luxor denken muss, während er die Blechlawinen um sich sausen hört, „um dessen Granit herum immer ein wenig blonder alter Wärme flimmert und in dessen Hieroglyphenhöhlungen: in der immer wieder vorkommenden Eule, altägyptisches Schattenblau sich hält, eingetrocknet wie in Farbenmuscheln"[26]. 1905 lernte er viele ägyptische Kunstwerke bei Rodin kennen, der in Meudon sogar ganze Vitrinen mit ägyptischen Skulpturen hate und in seinem Testament bekannt hat: „mehr als alles zieht mich das Ägyptische an. Es ist rein. Geistige Eleganz schlingt sich um alle seine Werke.[27] Als 1907 Rilkes Frau, die Bildhauerin und Rodin-Schülerin Clara Westhoff nach Ägypten fuhr, nahm Rilke daran lebhaften Anteil. Er legte ihr ans Herz, ihre Eindrücke schriftlich festzuhalten, weil er auch die Absicht hege, ins Land zu reisen und mit ihr gemeinsam ein Buch über Ägypten herauszugeben. Und als sie zurückkam, schrieb Rilke: „Sie hat ungeheuer viel innerlich Erworbenes mitgebracht und vieles, was auch für mich von äußerster Gültigkeit ist: zunächst auch dies: eine immense Bestätigung Rodin's und seiner Kunst durch jene gewaltigen dauernden Dinge.! Nun erzählt sie mir viel und ich schreibe vieles auf und lerne Wichtiges kennen.![28] Rilke hatte auch konkrete Pläne, ein Buch über altägyptische Plastik zu schreiben, denn er sah in der ägyptischen Plastik nicht nur die Rodin’sche Theorie bestätigt, sondern jenen Plastiken gebührt sogar das Erstgeburtsrecht: „in Rilkes dichterischen Transpo­nierungen altägyptischer Rundplastik wird seine fundamentale Auseinandersetzung mit der Kunst Auguste Rodins nicht nur poetisch weiter-, sondern zugleich an deren Ursprung zurückgeführt.[29] Die ägyptischen Skulpturen, insbesondere jene der Amarna-Zeit ließen seine reghafte Fantasie in die Ferne schweifen, zu einer geheimnisvollen Welt, die keine Geheimnisse kennt: Das, was da so schön von der Pflanzenwelt gezeigt wird, wie sie kein Geheimnis macht aus ihrem Geheimnis, wissend gleichsam, daß es anders nicht als in Sicherheit sein könne: das ist, denk Dir, genau das, was ich in Ägypten vor den Skulpturen empfand, seither immer vor aegyptischen Dingen empfinde: dieses Bloßgelegtsein des Geheimnisses, das so durch und durch, so an jeder Stelle geheim ist, daß man es nicht zu verstecken braucht. Und vielleicht ist alles Phallische (wie vor-dachte ichs im Tempel von Karnak, denken konnt ichs noch nicht) nur eine Auslegung des menschlich heimlich-Geheimen im Sinne des offen-Geheimen in der Natur. Ich kann das ägyptische Gott-Lächeln gar nicht erinnern, ohne daß mir das Wort „Blütenstaub einfällt....[30] Und über das ägyptische Museum in Kairo, das mit Skulpturen überladen ist: „dieses Museum ist doch so eigentlich erst die Einweihung in Skulptur, es ist unerhört; was sich unter diesen unbeschreiblich entlegenen Dynastien ausgeformt hat und wie alles sich in der Form selig fühlt und für immer erkannt und unendlich belohnt.[31]  An einem anderen Tag schreibt er: „Ich war innerlich genau so vorbereitet auf diese inkommensurablen Dinge, wie ichs immer zu sagen versuchte vorher und zu beweisen -, ich habe ein Einsehen für sie, das rein und klingend ist und voller Kontur, und meine Aufmerksamkeit wächst ihnen gegenüber ins Große, wird Raum, in den sich jedes einzelne mitten hineinstellt und ist, ist, ist.[32]

    Rilkes Anteilnahme an den Erlebnissen seiner Frau war nicht bloß eine vorübergehende. Während Clara in Ägypten weilte, besorgte sich Rilke Richard Andrees Handatlas und vertiefte sich in den Fluss, der sich so herrlich und fast unnatürlich durch die Landschaft durchschlängelt. Über den Nil schrieb er: „Zum ersten Mal fühle ich einen Fluß so, so wesenhaft, so bis an den Rand der Personifikation heran wirklich, so als ob er ein Schicksal hätte, eine dunkle Geburt und einen großen, ausgebreiteten Tod, und zwischen beiden ein Leben, ein langes, ungeheueres, fürstliches Leben, das allen, die in seiner Nähe waren, zu tun gab, jahrtausendelang; so groß war es, so anspruchsvoll, so

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