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Es geschah aus Liebe

Es geschah aus Liebe

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Es geschah aus Liebe

Länge:
572 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Juli 2018
ISBN:
9783746740836
Format:
Buch

Beschreibung

Eine unerfüllte Liebe die zu Gewalt führt und sexuelles Verlangen, das mit dem Tod endet.

Zu schüchtern, um sich zu seiner großen Liebe zu bekennen, versucht er auf unkonventionelle Art alles über sie zu erfahren, um ihr auf diesem Weg nahe zu sein. Da er sich zudem berufen fühlt sie zu beschützen, kommt es zu einer Eskalation von Gewalt, die die Ermittlungsbehörden auf den Plan ruft.

Dies führt dazu, dass er in den Fokus der ermittelnden Beamten gerät die zum gleichen Zeitpunkt grausame Sexualmorde untersuchen.
Auch wenn die Beamten einen Bezug zwischen den Taten nicht herleiten können so erfolgt dieser später auf ungewohnte Weise.
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Juli 2018
ISBN:
9783746740836
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Es geschah aus Liebe - Ernst Meder

Es geschah aus Liebe

von

Ernst Meder

Impressum

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright © 2018 Ernst Meder

ISBN: xxx-x-xxxx-xxxx-x

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Buch darf nicht – auch nicht auszugsweise – ohne schriftliche Genehmigung kopiert werden.

Für Svenja Tabea

Prolog

September 1990

Mit Bedauern blickt er auf die nackte Frau, die mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegt. Das Bedauern gilt nicht der Frau, bei der er die Hände und Füße an die Bettpfosten gefesselt hat und die ihre Augen nie wieder öffnen wird. Woher er dies weiß, er hatte sie vor wenigen Minuten selbst geschlossen, nachdem sie unter seinen Händen zum letzten Mal gestöhnt hatte.

War es Mord, aus juristischer Sicht vielleicht aus emotionaler Sicht eher nicht. Tat ihm der Mord leid, nein er bedauerte nicht die Frau, er bedauerte sich, bedauerte, dass er künftig auf ein derartig erregendes Spiel würde verzichten müssen. Das Lächeln, das sein Gesicht überzog, hätte ein Außenstehender vielleicht als schmerzlich beschrieben, obwohl er sich gerade an die letzten Minuten vor seinem Höhepunkt erinnerte.

Es war bereits die dritte Frau, die in ihm diese ungezügelte Leidenschaft hervorgerufen hatte und es war die erste Frau, die keine Prostituierte war.

Beim ersten Mal war es eher Zufall oder die Neugier einer alternden Hure, die in ihm den Neuling erkannte und dem sie, aus welchen Gründen auch immer, etwas Besonderes zeigen wollte. Ob sie sich davon mehr Geld versprach oder ob es tatsächlich nur Neugierde war, konnte sie ihm später nicht mehr sagen, da sie tot und er reichlich lädiert war.

»Drück ein bisschen fester zu« hatte sie ihn aufgefordert, während er ängstlich seine Hände um ihren Hals gelegt hatte.

»Du musst drücken, bis ich blau anlaufe, dann ist es besonders geil«, wies sie ihn an. »Aber pass auf, Du musst darauf achten wieder loszulassen, sonst hast Du eine Leiche unter Dir.« Sie ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie nah sie der Wahrheit gekommen war.

Die Befürchtung das soeben beschriebene Szenario herbeizuführen hatte dazu geführt, dass er spürte, wie seine Erektion zu schwinden drohte. Auch die erfahrene Hure unter ihm spürte das nahende Ende und forderte ihn spöttisch auf sich etwas anzustrengen.

Der Spott der Hure, die Geld von ihm angenommen hatte, ließ ihn fester als vorgesehen zudrücken. War es ihr Keuchen und das verzweifelte Winden unter ihm, als er fester zudrückte oder die aufkeimende Angst, die sich in ihren Augen widerspiegelte, plötzlich spürte er, dass sein Glied wieder härter wurde.

In ihrer Verzweiflung begann sie um sich zu schlagen, versuchte ihn von sich zu stoßen aber nun begann er, seine körperliche Überlegenheit auszuspielen. Dazu kam, dass er begann, wie in einem Rausch in sie zu stoßen und mit jedem Stoß fester zuzudrücken. Sein Schmerzempfinden schien mit dem Entfalten der Lust ausgeschaltet, denn er spürte die Schläge der Hure nicht mehr.

Die Explosion in seinem Körper, als er in dem Augenblick kam, als das Leben aus den Augen entwich und diese langsam trüber wurden, war unbeschreiblich. Erst nach und nach fand er sich in die Realität zurück und erkannte, was seine Hände angerichtet hatten.

Er schob das Erschrecken beiseite, als er erkannte, dass die Frau unter ihm nicht mehr atmete. Die Frage der Schuld stellte sich für ihn schon lange nicht mehr, sie hatte schließlich gewollt, dass er seine Hände um ihren Hals legte und zudrückte. Ihn traf keine Schuld, alle die ihn kannten würden bestätigen, dass er außerstande sei, eine derart schreckliche Tat zu begehen.

Teil 1

Mai 2015

Langsam ließ er das Fernglas sinken, mit dem er die Küche des gegenüberliegenden Wohnhauses inspiziert hatte. Nur schmutziges Geschirr in der Spüle und Reste vom vorherigen Abend auf dem Tisch zeigten, dass die Wohnung bewohnt war.

Seine Hoffnung, sie noch zu sehen ehe er sich auf den Weg machen musste, hatte sich soeben in Luft aufgelöst. Nicht dass er nicht gewusst hätte, was er sehen würde, trotzdem begann sein Tag mit einem Gefühl der Vertrautheit, wenn er sie, wenn auch meist noch verschlafen zu sehen bekam.

Er genoss es, ihre noch ungelenken aber trotzdem lasziven Bewegungen zu beobachten, wenn sie mit noch halb geschlossenen Augen begann, ihr Frühstück zuzubereiten. Das Gefühl, ihre schlanken nackten Beine unter dem zu großen T-Shirt zu beobachten, wenn sie barfuß durch die Küche ging. Zu sehen, wie sie sich reckte um den Kaffee von dem obersten Regal zu nehmen und dabei ihren Po entblößte, der durch den kleinen Slip nur unzureichend bedeckt wurde.

Es war ein Gefühl von Macht, wenn er sie in dem Wissen beobachtete, dass sie nichts von seiner Existenz wusste. Auch wenn seine Freude seit geraumer Zeit dadurch getrübt wurde, dass an den Wochenenden häufig ein Mann mit ihr frühstückte. Während früher ab und zu ein anderer Mann bei ihr war, hatte seit fast acht Wochen immer derselbe Mann mit am Frühstückstisch gesessen.

War es zuerst nur das Fernglas, welches er gekauft hatte, um sie besser beobachten zu können, hatte er in den letzten vier Wochen drastisch aufgerüstet. In dem Bestreben mehr aus ihrem Leben zu erfahren suchte er nach Möglichkeiten, wie er sie nicht mehr nur sehen, sondern auch hören konnte.

Es wurde zu Obsession, sodass er seine Arbeiten an seiner Masterarbeit ruhen ließ, um sich das Wissen anzueignen, dass er für erforderlich hielt. Der Abschluss seines Informatik-Studiums lag nur noch in der Abgabe seiner Arbeit und da er sich einen zeitlichen Vorsprung erarbeitet hatte, war er überzeugt, die Zeit dafür aufwenden zu können.

Professionelles Richtmikrofon für Detektive und Privatermittler stand in der Beschreibung für das Lasermikrofon. Zusammen mit einem Parabolspiegel und einem Empfängermodul fühlte er sich so gut gerüstet, dass er sich kurzfristig zum Kauf entschloss. Es bedurfte noch einiger Anstrengung, aber das Ergebnis konnte sich sehen, das heißt hören lassen.

Die Übertragung der Gespräche in der Küche erzeugte synchron eine Vibration der Fensterscheibe, die durch den Laserstrahl in seinem Empfangsgerät in ein hörbares Signal umgewandelt wurde. Für ihn war es kein Hindernis ein kleines Programm zu schreiben, das den Aufnahmerekorder in seinem Rechner auslöste, sobald der Pegel des Anzeigeinstruments ausschlug und auf tonale Geräusche hinwies.

Dass er damit auch die Gespräche ihrer Mitbewohnerinnen aufzeichnete, sobald die Aufnahme automatisch erfolgte, ließ sich ohne größeren Aufwand nicht vermeiden und so musste er oft nachts die Aufnahmen bearbeiten bzw. löschen, was nicht zu ihr gehörte. Erst dann archivierte er die Stimmdatei, auf der ausschließlich sie zu hören war, um sie zu einem späteren Zeitpunkt erneut anzuhören.

Ein Geräusch ließ ihn erneut zu dem Fernglas greifen aber es ist nur eine der Mitbewohnerinnen, die die Küche betritt. Laura, die etwas übergewichtige Studentin der Pharmazie, die zugleich die Älteste der drei Bewohnerinnen war. Das zerknautschte trägerlose Shirt, mit dem sie offensichtlich geschlafen hatte, bedeckte nur Teile ihrer großen Brüste, die seitlich hervorquollen.

Die wirr in die Gegend stehenden halblangen dunkelblonden Haare wiesen darauf hin, dass der Gang ins Bad noch bevorstand, die zu groß wirkenden Shorts ließen auf eine Zeit schließen, in der diese Größe benötigt wurde oder sie hatte in weiser Voraussicht diese zu erwartende Größe gekauft.

Aus den Gesprächen der Drei hatte er entnommen, dass Laura in Vorbereitung auf das Pharmazie-Studium bereits eine Berufsausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin abgeschlossen hatte. Diese Lebenserfahrungen hörte man auch, wenn man in die Diskussionen und Gespräche genauer hinein hörte.

Enttäuscht ließ er das Fernglas sinken, es war die falsche Bewohnerin, die in der Küche hantierte. Ein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass er nur noch wenig Zeit hatte, wenn er pünktlich zu seiner wöchentlichen Verabredung eintreffen wollte. Das zu erwartende Wetter verschaffte ihm jedoch weitere zehn Minuten, wenn er mit dem in der Vorwoche aus dem Winterschlaf erweckten Motorrad fuhr.

Anna, die andere Mitbewohnerin war das genaue Gegenteil von Laura und hätte einem Roman der Mythologie entsprungen sein können, wenn man ausschließlich die Äußerlichkeiten berücksichtigte. Neben den schwarzen fransigen Haaren, die sie sehr kurz trug, zeigte ihr ebenmäßiges Gesicht eine Wandlungsfähigkeit, die sie gezielt einsetzte, wenn sie ein bestimmtes Ziel erreichen wollte.

Entweder schlief sie noch oder verbrachte das Wochenende bei ihrem derzeitigen FO, wie sie voller Stolz und Ironie die häufig wechselnden Fickopfer nannte. Sie empfand es als ausgleichende Gerechtigkeit, wenn sie, wie sie es Männern unterstellte, ihre Lust an Kerlen befriedigte, die sie wechselte, wie sie es wollte.

Die Frau, die er seit Wochen beobachtete und die seither seine Träume beherrschte, schien ebenfalls noch zu schlafen. Er wusste, dass seine Hoffnung, sie würde allein in dem Bett liegen wenig mit der Realität zu tun hatte. Aber er wusste auch, dass in nicht zu ferner Zukunft er dieser Mann sein würde der neben ihr liegen und sie in ihrer Nacktheit bewundern würde. Obwohl er den diversen Gesprächen entnommen hatte, dass sie seit mehr als vier Monaten in ihren derzeitigen Freund regelrecht vernarrt war.

Dieser Mann konnte nur eine vorübergehende Episode sein, er war nur eine Laune der Natur, in die sie sich verirrt hatte. Sehr bald würde sie erkennen, dass es nur einen Mann gab, der an ihre Seite gehörte. Dass dieser Mann nur er sein konnte, daran hatte er nie gezweifelt, denn kein anderer Mann liebte sie mit so viel Leidenschaft und Hingabe, wie er es tat.

Wenn er jedoch ehrlich zu sich war, dann musste er sich eingestehen, dass es durchaus sein konnte, dass sie ihn bisher noch nicht einmal wahrgenommen hatte. Erst einmal waren sie sich so nah gekommen, dass er eine Berührung möglich gewesen wäre, wenn er es denn gewagt hätte. Die Röte stieg ihm noch heute ins Gesicht, wenn er an den damaligen Zwischenfall dachte.

War es ein glücklicher Zufall oder war es das Schicksal, das ihm einen Streich spielen wollte, als er sie auf dem Weg zur Mensa von Weitem sah. Fröhlich lachend unterhielt sie sich mit mehreren Kommilitoninnen, wobei sie in eine ihm bekannte Richtung strebten. Sie wollten offensichtlich gemeinsam die Mensa aufzusuchen.

Es war die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte, also beeilte er sich, vor der Gruppe sein Essen in Empfang zu nehmen. Mit dem Tablet in der Hand suchte er den Raum ab, wo noch ausreichend Platz für eine größere Gruppe sein würde. Dort wollte er, bereits unauffällig sitzend, auf sie warten, um ihr nahe sein zu können.

Auf den von ihm gewählten Platz als auch auf sie fixiert übersah er ein vorstehendes Stuhlbein, welches Auslöser für seinen blamablen Auftritt werden sollte. Ein kurzer Blick über die Schulter, nur um sich zu vergewissern, an welcher Stelle der Schlange sie sich befand, das Einfädeln seines rechten Fußes in das vorstehende Stuhlbein und der Sturz erfolgten so schnell, dass ein Sturz unvermeidlich wurde.

Noch ehe er begriff wie ihm geschah, saß mitten in dem auf dem Fußboden verteilten Eintopf, als die gesamte Gruppe lachend an ihm vorbei ging. Den Kopf gesenkt saß er mit rotem Gesicht und wartete, bis alle vorsichtig um ihn herum gingen. Als besonders demütigend empfand er, dass sie genau zu dem Tisch gingen, den er als den Wahrscheinlichsten ausgesucht hatte. Natürlich wusste er nicht, ob ihr Lachen ihm galt und sein Malheur betraf, aber er hielt es für mehr als wahrscheinlich.

Seit jenem Tag mied er die Mensa und versuchte möglichst an Orten zu sein, die sie in der Regel nicht aufsuchte. Da nur noch die Abgabe seiner Masterarbeit zum Studienabschluss fehlte, konnte er große Teile der Arbeit zu Hause in seiner Wohnung fertigstellen.

Der Blick zur Uhr ließ ihn erstarren, verdammt jetzt hatte er es tatsächlich geschafft, er würde wieder einmal zu spät kommen. Schnell griff er seine Sporttasche und seinen Motorradhelm und rannte los, er würde sie vielleicht später am Tag noch zu sehen bekommen.

Der Schrei hallte durch das kleine Hotel und hätte jemand zu diesem Zeitpunkt noch geschlafen, dieser Schrei hätte ihn mit Sicherheit geweckt. Zwei Türen neben dem Zimmer aus dem Schrei erfolgte ging die Tür auf und ein älterer Mann, mit schütteren grauen Haaren musterte konsterniert die junge Hotelangestellte, die vor der Tür des benachbarten Zimmers stand.

»Ist etwas passiert«, fragte er vorsichtig, als er erkannte wer vor dem Zimmer stand. Es war das junge Zimmermädchen, das vielleicht zwanzig Jahre alt war und täglich die Zimmer reinigte ohne etwas zu sagen. Dieses dunkelhäutige Mädchen, das augenscheinlich aus einer südlichen Region von Europa stammte und des augenscheinlich der deutschen Sprache nicht mächtig war, stand zitternd mit weißem Gesicht vor ihm und wies in das Zimmer.

»Tot, Frau tot« brachte sie stammelnd hervor, um dann in einer ihm unbekannten Sprache anfangen zu jammern. Langsam rutschte sie an der Wand des Flurs auf den Fußboden zu, während sie laut in Tränen ausbrach. Bebend hielt sie ihren Kopf an die Knie gepresst und schluchzte ohne Unterbrechung vor sich hin.

Von der Frau würde er nichts mehr erfahren dessen war sich der ältere Hotelgast sicher, als hinter ihm eine bekannte Stimme erklang. »Friedrich was hast Du mit der Frau gemacht«, die Stimme der älteren Frau, die mit einem Handtuch um den Kopf aus seinem Zimmer kam, klang erbost, als sie zu ihrem Mann blickte.

»Nichts geh wieder rein, das Mädchen spricht von einer toten Frau«, sagte er leicht genervt. Entschlossen drehte er sich, um einen Blick in das bezeichnete Zimmer zu werfen.

»Verdammt sie hat recht, ruf die Polizei und ich werde darauf achten, dass kein Unbefugter das Zimmer betritt.«

»Aber Friedrich« die Frau klang jetzt dem Weinen nahe »wir wollten doch ...«, als sein Blick sie verstummen lässt. Wortlos drehte sie sich um, zerrte sich das Handtuch vom Kopf und stapfte zurück in ihr Zimmer.

»Was ist hier los« die Stimme der Frau, die in der Regel an der Rezeption ihre Gäste mit verbindlicher Stimme begrüßte klang nun ganz anders ganz und gar nicht mehr verbindlich. Mochte sie sonst die Geschicke der familiären Pension zuvorkommend führen, so hatte sie diese Eigenschaft jetzt vollständig abgelegt. Nun versuchte sie, ihrer Stimme die Autorität und Entschiedenheit zu verleihen die sie für die vorgefundene Situation für angezeigt hielt.

Erst mit Verzögerung fiel ihr Blick auf das am Boden kauernde Mädchen, das vor Schreck aufgehört hatte zu weinen. Es war der Klang der Stimme, der ihre Tränen zum Versiegen brachte, stattdessen blickte sie nun ängstlich zu ihrer Herrin hoch.

Ein Schwall fremdartiger Laute in einer fremden Sprache prasselte auf das verängstigte Mädchen und löste eine unerwartete Reaktion aus. Wie von einer Tarantel gestochen oder war es doch eine Hummel, sprang sie auf, schnappte nach dem Reinigungswagen und rannte ohne sich noch einmal umzudrehen, auf die Tür am entgegengesetzten Ende des Flurs zu hinter der sie kurz darauf verschwand.

Erleichtert ein Problem gelöst zu haben, wandte sie entschlossen sich dem nächsten Problem zu, das sich vor der Zimmertür aufgebaut hatte.

»Sie können das Zimmer nicht betreten« Friedrich stellt sich ihr demonstrativ in den Weg, als sie sich an ihm vorbei in das Zimmer drängen wollte. »Da muss erst die Polizei nach Spuren suchen.«

»Natürlich kann ich in das Zimmer, das ist mein Hotel«, stellt sie verärgert fest und hob gerade den Arm, als vom Eingang des Nachbarzimmers jemand keuchend hervorstößt »ich habe die Polizei erreicht, die ist schon unterwegs.«

Greta Habermas blickt zu ihrem Friedrich, der mit vor der Brust verschränkten Armen den Zugang blockierte, als wolle er jeden wie auch immer gearteten Angriff abwehren. Stolz wallte in ihr auf, das war ihr Friedrich, wie sie von früher kannte. Sie erfasste, dass er seit seiner Versetzung in den Ruhestand vor vier Jahren nichts von seiner Autorität verloren hatte.

Die Pattsituation zwischen der Besitzerin des Hotels und der Leibwache der Spuren löste sich in dem Augenblick auf, als eine raue Stimme aus dem Eingangsbereich noch oben drang.

»Hallo, hat hier jemand die Polizei gerufen?«

»Hier, Herr Wachtmeister hier oben kommen Sie nach oben« die sich überschlagende Stimme von Frieda Habermas zeigte unüberhörbar die Richtung an.

»Nun werden wir klären, ob Sie so einfach in das Zimmer können« die Genugtuung in der Stimme von Friedrich Habermas zeigte, wer seiner Ansicht nach den Sieg davongetragen hatte.

»Ich schicke ihn nach oben«, resigniert wandte sie sich zur Treppe und zeigte den beiden Polizisten, die ihr auf der Treppe entgegenkamen die Richtung, in die sie gehen mussten.

»Hauptwachtmeister Peters von der Polizei, wir wurden ...«.

»Wir haben angerufen« verkündete resolut Friedrich Habermas laut genug, damit die Hotelbesitzerin ihn noch hören konnte.

»Peters«, sagte der grauhaarige massige Polizist in Uniform erneut »das ist mein Kollege« dabei zog seinen ungestümen jungen Kollegen zurück, der geradewegs in das Zimmer stürmen wollte.

»Verdammt«, fluchte er, nachdem er einen Blick in das Zimmer geworfen hatte »ruf sofort die Mordkommission dafür sind die zuständig« dabei blickt er seinen Kollegen durchdringend an.

»Sie können jetzt in Ihrem Zimmer warten, ich werde jetzt darauf achten, dass niemand das Zimmer betritt« wandte er sich an Friedrich Habermas. »Bitte warten Sie, wahrscheinlich werden die Kollegen der Mordkommission noch einige Fragen an Sie haben«.

»Ich habe nichts gesehen, ich habe nur diesen schrecklichen Schrei des Zimmermädchens gehört, als sie die Tote aufgefunden hat. Ich habe mir sofort gedacht, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Als ich dann selbst diese schreckliche Szene gesehen habe, wusste ich sofort, dass jemand darauf achten muss, damit niemand das Zimmer betritt«.

Leise fügte er in hinzu, »ich war früher auch bei der Polizei in Stuttgart« wenn auch in der Personalabteilung ergänzte er in Gedanken.

»Sesselfurzer« dachte sich der grauhaarige Polizist und beobachtete die Treppe, von wo er seinen Kollegen erwartete. Wo blieb dieser denn, dann erinnerte er sich an das blasse Gesicht, als dieser regelrecht rannte um zu dem Funkgerät im Auto zu kommen. Wahrscheinlich saß da immer noch und überlegte, ob er immer noch zur Polizei wollte.

Statt seines Kollegen kam eine zierliche kleine Frau, die neugierig den Flur entlang blickte. Mit ihrer Kurzhaarfrisur und ihren schwarzen Haaren wirkte sie auf die Entfernung jünger, als sie wahrscheinlich war. Ihr folgte ein Riese von einem Kerl, der sie bestimmt einen halben Meter überragte, obwohl er sich noch einige Stufen unterhalb von ihr befand. Was für ein komisches Pärchen dachte er sich noch, als sie geradewegs auf ihn zusteuerten.

»Aylin Mordkommission« stellte sie sich die zierliche Frau vor, »der Kleine hinter mir ist mein Kollege Nagel«, sagte sie bemüht ernsthaft. Sie hatte seinen Gesichtsausdruck nicht nur bemerkt, sondern auch richtig gedeutet, als er ihrer ansichtig wurde.

»Sie sind von der Mordkommission« dabei musste er seinen Kopf zurücklegen, um zu dem Riesen hochzublicken.

»Sie ist der Boss«, meinte dieser grinsend dann ernst werdend, »werde mal unsere Schutzkleidung aus dem Auto holen.«

Ayla Aydin die Hauptkommissarin und Leiterin einer Abteilung im LKA eins, oder wie die Abteilung im offiziellen Sprachgebrauch hieß »Delikte am Menschen«, blickte sich die Umgebung auf dem Hotelflur an. War es eigentlich ein Hotel oder firmierte dieser Beherbergungsbetrieb nicht unter dem Begriff »Pension« fragte sie sich, und lag diese Definition an der Anzahl der Zimmer oder woran sonst.

Seitlich der Zimmertür sah sie einen dunklen Fleck, der sich leicht von der Umgebung abhob und nicht weiter aufgefallen wäre, wenn sie sich nicht so genau umgesehen hätte. Sie bückte sich, fuhr vorsichtig mit ihrem Zeigefinger darüber und spürte die Feuchtigkeit.

»Stand hier ein Reinigungswagen oder Ähnliches, als sie hier ankamen«, fragte sie Peters, der sie interessiert beobachtet hatte.

»Hier stand nur der Mann aus dem Nachbarzimmer vor der Tür und hat darauf geachtet, dass niemand das Zimmer betritt. Nach seiner Aussage wollte die Besitzerin des Hotels unbedingt ins Zimmer was er heldenhaft unterbunden hat.« Er überlegte kurz, dann fügte er leise hinzu »er hat mir im Vertrauen gesagt, dass er früher selbst bei der Polizei war, aber mein Eindruck ist, der war nie etwas anderes als ein Schreibtischtäter.«

»Hier ist Dein Anzug«, meldete sich in diesem Augenblick Sven Nagel und wurde dabei durch die Lautstärke der ankommenden Kollegen der Kriminaltechnik, als auch der Gerichtsmedizin übertönt.

Da auch der junge Kollege von Peters sich der Gruppe angeschlossen hatte, stauten sich vor der Tür die vier Kollegen der KTU, der Gerichtsmediziner ein Fotograf sie beide sowie die beiden Beamten der Streifenpolizei, die als Erste eingetroffen waren.

»Können Sie schon mal eine erste Zeugenbefragung vornehmen« wandte Ayla sich an Peters. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dürften keine weltbewegenden Ergebnisse zu erwarten sein.« Damit hoffte sie, sich etwas Bewegungsfreiheit und Platz verschafft zu haben. Schließlich war sie mit ihren einhundertachtundfünfzig Zentimetern sonst in Gefahr unterzugehen.

Dass sie damit zwei Zentimeter kleiner war, als die Vorschriften für den Zugang in den Polizeidienst auswiesen, war das Geheimnis von Dr. Lautenschläger und ihr. Er hatte damals die ärztliche Untersuchung vorgenommen und augenzwinkernd die für den Polizeidienst erforderliche Größe notiert.

»Mein Kind«, hatte er gesagt, »ich habe nun mehr als vierzig Jahre die unterschiedlichsten Kandidaten untersucht und immer alles auf das Genaueste in den Akten vermerkt. Ihr Jahrgang ist der Letzte, den ich untersuchen werde, denn ab nächsten Monat werde ich meinen verdienten Ruhestand gehen.

Meine Frau hat ihre Befürchtungen darüber bereits geäußert und mich häufiger als Korinthenkacker bezeichnet, wenn ich ihr von den Tränen berichtete, wenn wieder einmal eine Kandidatin an ein oder zwei Zentimeter gescheitert ist. Und sie hat Angst, ich würde diese Eigenschaft mit in den Ruhestand nehmen.«

Dann hatte er sie mit einem wehmütigen Lächeln angeblickt. »Sie habe ich spontan auserkoren, die Aussagen meiner Frau ad absurdum zu führen und mich dem System zu widersetzen.« Dann hatte er aufgesetzt energisch die erforderliche Größe in das Formular eingetragen.

Sie hätte auch als Rechtsanwältin arbeiten oder ihre Doktorarbeit schreiben können oder sich weiter spezialisieren schließlich hatte sie mit gerade mal vierundzwanzig Jahren das zweite Staatsexamen abgeschlossen. Aber sie fühlte sich innerlich zerrissen, wusste nicht, wie es mit ihr weiter gehen sollte.

Sie hatte zwar ihr Studium und ihr Abitur im beschleunigten Verfahren hinter sich gebracht, was aber weniger ihrer überragenden Intelligenz als vielmehr ihrem Fleiß zuzuschreiben war. Und ihrem Vater der ihr, wenn nicht jeden Tag so doch jedem zweiten Tag die Wichtigkeit von Bildung vor Augen geführt hatte.

Aber wollte sie das oder widersprach es ihrer eigentlichen Intention sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Das erste Mal, als sie begann, vieles an ihrem Studium infrage zu stellen, war nach einer Vorlesung zur Rechtsethik. Dabei ging es unter anderem auch um Wesen und Inhalt von Gerechtigkeit.

Die philosophische Frage von Immanuel Kant der Gerechtigkeit als unverzichtbaren Wert postulierte und John Rawls mit seiner Theorie der Gerechtigkeit hatten sie zum Nachdenken gebracht. Dessen ersten Grundsatz, »Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist« konnte sie nicht als Wald und Wiesenanwältin nachkommen.

Es waren längere Phasen der Ungewissheit und ihre Suche nach einem Ausweg führte unweigerlich dazu, sich mit der Arbeit der Polizei auseinanderzusetzen. Nach längerer Grübelei glaubte sie, einen Ausweg gefunden zu haben.

Wie wäre es, wenn sie zur Polizei ginge, um sozusagen an vorderster Stelle für die Gerechtigkeit zu kämpfen die sie für unverzichtbar hielt. Es gab nur ein Hindernis, welches ihr jeden Morgen bewusstwurde, wenn sie einen Schemel benutzte, um sich im Spiegel schminken zu können. Sie war zu klein. Und zwar um ganze zwei Zentimeter. Wer auch immer sich nicht genügend angestrengt hatte, jetzt fehlten sie ihr.

Es stellte sich aber als überwindbares Hindernis heraus, in den anderen Belangen konnte sie mit teils überragenden Leistungen punkten. Bei der sportlichen Prüfung dem Schwimmen überraschte sie einige der Prüfer mit der drittschnellsten Zeit. Damit stand einem Eintritt in die Polizei nichts mehr im Wege.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie ihr Kollege versuchte, den Schutzanzug zu überzuziehen. Obwohl er bereits die maximale Größe benutzte, würde er aussehen, als hätte er seinem kleinen Bruder den Strampelanzug entwendet. Dazu kam, dass diese Einweg-Anzüge sich bei zu heftiger Bewegung in ihre Einzelteile auflösten.

Sie kannte dieses Bild bereits von früheren Einsätzen, wusste auch, wie unglücklich er in dem Anzug aussah. Bei der Beschaffung dieser Schutzanzüge hatte man nicht berücksichtigt, dass es auch Polizisten mit einer Größe jenseits der zwei Meter geben würde. Sie empfand es keineswegs als ausgleichende Gerechtigkeit, dass sie, obwohl im kleinsten Anzug, darin aussah als würde sie jeden Augenblick darin verloren.

Sven Nagel maß jedoch zwei Meter und fünf Zentimeter und war damit fast einen halben Meter größer als sie. Um ihrer Erscheinung jegliche Komik zu nehmen, wenn sie gemeinsam an einem Tatort erschienen, versuchte er sich kleiner zu machen, als er war. Deshalb wirkte er immer etwas unbeholfen, obwohl sie ihn schon in Situationen ganz anders erlebt hatte.

Bei einer Demonstration in der Trainingshalle hatte er gezeigt, weshalb er Jugendmeister im Teak Won do hatte werden können. Diese Geschmeidigkeit und Eleganz der Bewegung kam in dem Schutzanzug nicht nur nicht zum Vorschein, sie wurden regelrecht ins Gegenteil verkehrt.

Die Arbeiten der Kriminaltechnik des Fotografen wie des Gerichtsmediziners waren seit geraumer Zeit im Gange, sodass sie immer ungeduldiger wurde. Rücksichtnahme ist ja schön und gut aber nicht, wenn sie sich in ihrer Arbeit behindert fühlte.

Natürlich wusste sie, dass der Tatort durch die Kollegen nicht verändert werden würde, bis ich diesen in Augenschein genommen hatte. Aber die Angst, es würden Details verändert die Hinweise zur Aufklärung geben konnte, überfiel sie immer mal wieder.

Sie betrachtete ihren unglücklich dreinblickenden Kollegen, dann meinte sie aufmunternd »na los, lass uns unsere Arbeit machen.« Energisch überquerte sie die Schwelle und betrat den Tatort.

»Hallo Großvater, tut mir leid, dass ich mich verspätet habe« er lächelte bedauernd, während er seine Sporttasche auf der Bank abstellte. Er wusste, wie er das etwas verkniffene Gesicht wieder zum Lächeln bringen konnte. Schließlich traf er sich mit seinem Großvater seit annähernd zwanzig Jahren zum Training. Obwohl dieser kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag war, stand er kerzengerade mit der traditionellen Kleidung eines Iaidoka dem Hosenrock oder Hakama der Jacke mit Unterhemd und einem breiten Gürtel.

»Hallo Lukas, schön das Du es trotzdem geschafft hast, ich gehe schon mal vor und beginne mit meinen Übungen. Du weißt ja, die alten Knochen brauchen immer ein bisschen länger, bis sie wieder beweglich werden.«

Keiner hätte auch nur annähernd sein wahres Alter geschätzt, wenn er sich, wie jetzt, in Vorbereitung auf das Training konzentrierte. Diese Übungen, die er seit nunmehr vierzig Jahren ausführte und die ihn ein Sensei im Land des Ursprungs gelehrt hatte, waren ihm im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen. Vor fast zwanzig Jahren hatte er dann begonnen, seinen Enkel in dieser Sportart, die er in Japan lieben gelernt hatte, zu unterrichten.

Es war eine Kampfsportart, eigentlich war es eine besondere Form der Schwertkampfkunst, wie man sie aus dem Mittelalter kannte. Der spirituelle Aspekt dieses Schwertkampfes lag dabei auf der charakterlichen Bildung des Kämpfers und erst zweitrangig auf dem Umgang mit dem Schwert.

Ein Teil der Übungen beim Iaido besteht darin, dass man sich einen imaginären Gegner vorstellt, auf den man immer wieder einschlägt. Diese Schläge erfolgen in einem exakt vorgegebenen Ritual.

Sein Großvater hatte ihm unzählige Male erzählt, wie er damit zum ersten Mal in Berührung gekommen war. Er befand sich in einer schwierigen Situation, seine erste Frau, und damit auch seine Großmutter, die er nie kennengelernt hatte, war gestorben. Damals, noch Botschafter in Japan mit einem zehnjährigen Kind und ohne weitere Angehörige fühlte er täglich, wie die Grenzen der Belastbarkeit immer enger wurden. In dieser Situation war es der Onkologe seiner Frau, der eine Pflegerin empfahl, die die Pflege seiner Frau übernahm und ohne, dass dies vereinbart war, sich auch um die Belange seiner Tochter kümmerte.

Erneut war es der Onkologe seiner verstorbenen Frau, der inzwischen zum Freund geworden, ihm half, seinen inneren Frieden wiederzufinden. Dieser hatte ihm mit einer Aussage die Grundzüge seiner Lebensphilosophie nahegebracht. Erst nach Jahren des Trainings und der Besinnung verstand er dessen Philosophie, wenn er sagte »es bleibt immer ein Gegner, den ich besiegen muss, und der bin ich selbst«.

Erst da hatte er begriffen, dass beim Iaido der Charakter und die Persönlichkeit des Kämpfers geformt werden. Er musste lernen, dass das Erreichen gewählter Ziele nur durch Selbstbeherrschung und der nötigen Entschlossenheit erreicht werden kann.

Die Kosten für die Behandlung seiner Frau hatten seine Ersparnisse nicht nur aufgebraucht, er hatte sich darüber hinaus hoch verschuldet. Als seine Kreditwürdigkeit erschöpft und die Bank sich weigerte, das Darlehen zu erhöhen, hatte er nach alternativen Wegen gesucht, um das erforderliche Geld für die Behandlung und Pflege seiner Frau zu verschaffen.

Zuerst überraschte ihn die Großzügigkeit, als er von unbekannter Seite Unterstützung fand und die Hilfe erhielt, die er dringend benötigte. Die Frage nach dem unbekannten Gönner schob er weg, wollte nicht wissen, woher das Geld kam, das die steigenden Kosten deckte.

Auch wenn er sich wunderte, wie bereitwillig die Übernahme der Behandlungskosten erfolgte wusste er doch, dass er dies nicht als Geschenk ansehen durfte. In nicht zu ferner Zukunft würde er dafür eine Rechnung erhalten, deren Begleichung ihm hätte Sorgen bereiten sollen aber er schob Sorgen und Bedenken einfach beiseite. Er hatte keine Wahl.

Die Fragen, die er zum Beginn des Geldeingangs stellte, wurden immer leiser, je länger die Behandlung dauerte. Später hatte er auch diese Fragen eingestellt und das Geld dankbar angenommen.

Dass dieses Darlehen nicht ohne Folgen war, sollte er erst sehr viel später erfahren, als man ihn erinnerte, wie hoch der Betrag mit den Zinsen inzwischen angewachsen war. In dem großen Buch der Schuldner wie die Übermittler der Nachricht sich ausdrückten, stand ein unvorstellbarer Betrag, der nun fällig wurde.

Er hatte diesen Betrag ausgeglichen, hatte für das Darlehen in einer Währung bezahlt, die ihn Überwindung kostete. Aber er hatte bezahlt und geschwiegen und er wurde dabei auch selbst vermögend. Wie dies möglich war, darüber hatte er bisher mit niemand gesprochen, das war bis heute sein Geheimnis.

Lukas nahm das Iaito, ein Metallschwert, das sie beide immer dann benutzten, wenn sie sich zu Übungen trafen, und betrat das Dojo. Sein Großvater, der gerade mit einem sehr viel jüngeren Iaidokadie ritualisierte Übungen ausführte, wirkte sehr viel weniger angestrengt als sein Gegenüber.

Auch wenn dieser sich schneller und kraftvoller bewegte, war die Dominanz seines Großvaters erkennbar, denn er schien jeden Angriff oder Verteidigungsschritt vorauszuahnen. Der Verzweiflung im Gesicht seines jüngeren Kontrahenten begegnete er mit der Ernsthaftigkeit eines Großmeisters. Bei diesen Partnerübungen wurden natürlich nur Holzschwerter benutzt, schließlich sollte es zu keinem Blutvergießen kommen.

Da Iaido eine japanische Schwertkunst ist, deren Technik immer mit dem eingeschobenen Schwert beginnt, bedarf es einer ungewöhnlich hohen Konzentration, um in jeder Situation präsent zu sein. Diese Konzentration und Präsenz, die er aus den Übungen zog, hatte ihm geholfen sich jener Grenzen zu befreien, die der Tod seiner Frau hinterlassen hatte.

Während Lukas sich auf seine Übungen konzentrierte, bekam er, wie nebenbei mit, wie sein Großvater nun mit seinem Gegenüber sprach, um dessen Bewegungsabläufe zu korrigieren. Obwohl schon ein paar Jahre dabei, wurde er manchmal noch vom Ungestüm der Jugend erfasst, der diese Fehlleistungen verursachte.

Lukas erinnerte sich an ähnliche Hinweise seines Großvaters, allerdings war er damals noch ein Kind von kaum zehn Jahren. Die ersten Jahre waren dem spielerischen Umgang der Bewegungsabläufe gewidmet. Um die Spannung für ihn aufrechtzuerhalten, hatte sein Großvater ihm ein in der Größe angepasstes Holzschwert geschenkt. Zum Ende jeder Trainingseinheit trainierten sie dann gemeinsam die ritualisierten Bewegungsabläufe mit dem Kampfschwert.

Nach dem Training verbrachte er meist den Tag mit seinem Großvater und Oma Akira. Erst sehr viel später hatte ihm seine Mutter erzählt, dass Akira nicht seine wirkliche Großmutter wäre, die aber seine Großmutter während ihrer Krankheit gepflegt habe und sich zusätzlich auch um sie gekümmert hatte.

Rückblickend zählten diese Tage zu den glücklichsten Tagen seiner Kindheit, denn es waren Tage der Ruhe und Geborgenheit und es gab nie Streit oder die geringste Unstimmigkeit zwischen den Großeltern.

Diese Treffen endeten abrupt als Akira, wie seine erste Frau an Brustkrebs erkrankte. Während sich der Kampf seiner ersten Frau fast zehn Monate hingezogen hatte, verlief die Krankheit bei Akira sehr schnell. Kaum vier Monate nach der ersten Diagnose starb seine zweite große Liebe und ließ einen gebrochenen Greis zurück. Erneut war es das Training dieses Mal mit seinem Enkel, das ihn aus seinem seelischen Tief befreite, auch wenn die Zeit der Trauer fast ein Jahr andauerte.

»Ist Dr. No hier«, Ayla fragte dies einen Kollegen der KTU, dessen Name ihr nicht einfallen wollte, an dessen Gesicht sie sich aber erinnerte.

»Nö«, meinte dieser, »dieses Mal haben sie uns einen Neuling geschickt, den ich noch nie gesehen habe. Ein Dr. Wegner, der hat sich wohl aus Stuttgart hier her versetzen lassen.« Er beugte sich vertraulich zu ihr »die Gerüchteküche sagt wegen einer Frau, die ihn aber hier verlassen hat.«

Sie wandte sich ab, sie verabscheute diese angeblichen Geschichten über Kollegen, da sie nur zu gut wusste, dass auch sie immer mal wieder in so einen Strudel gezogen wurde und es am Ende nur Verlierer gab.

Der Verlierer war derjenige, der die Gerüchte in die Welt gesetzt hatte, wenn er denn ausgemacht werden konnte. Aber auch für die Person über die Gerüchte verbreitet wurden, blieb doch immer etwas von dem Gerücht an einem hängen, auch wenn sie sich als haltlos oder unwahr herausstellten.

Sven Nagel wirkte immer noch unglücklich in seinem XXL-Anzug, dem jedoch ein bis zwei XX`e fehlten, um seinen Gesichtsausdruck zu ändern. Sie beide beobachten die Suche nach eventuellen Spuren, während der Fotograf unermüdlich Fotos aus allen Richtungen schoss.

Ihr vorgebliches Interesse galt jedoch dem Neuen diesem Dr. Wegner, den sie noch nicht einschätzen konnte. Auch wenn die Fotos später die Erinnerungen hervorrufen konnten, so war der Eindruck, den sie am Tatort gewann, von entscheidender Bedeutung für sie. Deshalb griff sie auch ein, als Dr. Wegner die Leiche bewegen wollte.

»Können Sie bitte einen Augenblick warten, damit wir den Tatort ohne Veränderung in Augenschein nehmen können.« Dann wandte sie sich an ihren Kollegen. »Präge Dir alles ein, was Du siehst und was Dir ungewöhnlich erscheint, so können wir uns später bei Erinnerungslücken helfen.«

Damit trat sie näher zu dem Bett und konzentrierte ihr Augenmerk auf die junge Frau, die nackt auf dem weißen Laken lag. Die Stellung, in der sie auf dem Bett lag, wirkte obszön mit ihren ausgebreiteten Armen und gespreizten Beinen.

Sie sah sehr zerbrechlich aus, ihre Blässe, die durch das weiße Laken noch verstärkt wurde, ließ sie fast durchscheinend wirken. Noch ungebräunt von Sonne oder Sonnenbank und mit ihren blonden Haaren war der einzige Farbfleck neben den fast lila wirkenden Würgemalen am Hals der rote Klebestreifen über ihrem Mund.

Sie war jung, hatte noch nicht viel erlebt, hatte noch nicht gelebt und dann dieses Verbrechen, das ihr Leben so grausam beendete. Sie rief sich zur Ordnung, es half nicht, wenn sie ihre Gedanken über das verpasste Lebensglück dieser jungen Frau verschwendete vor allem nicht ihr.

Vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre setzte sie ihre Beobachtungen fort und sie hatte sich offensichtlich auf dieses Treffen vorbereitet. Die durch Tränen verlaufene Schminke zeigte, wie wichtig ihr dieses Treffen war und, dass sie die Person nicht so gut kannte, um sie ungeschminkt zu treffen.

Trotzdem waren ihre Augen geschlossen. Hatte sie diese geschlossen, weil sie das Gesicht ihres Peinigers nicht mehr sehen konnte, oder schloss sie ihre Augen vor Schmerzen. Vielleicht war es sogar der Täter, der ihre Augenlider nach unten drückte, weil er nicht in die gebrochenen toten Augen sehen konnte. War dies der einzig menschliche Zug an ihm oder war es Kalkül.

Ihr Blick glitt weiter nach unten, registrierte die kleinen Brüste und folgte den schräg nach oben zeigenden Armen. Wie dieser Christus am Kreuz bei den Christen fuhr es ihr durch den Kopf, die selbst nicht praktizierende Muslima war.

Was hieß in diesem Zusammenhang nicht praktizierende Muslima, wenn sie an die religiösen Irrungen in ihrer Familie dachte. Ihr Vater, ein nicht praktizierender aramäischer Christ und ihre Mutter, eine nicht praktizierende Muslima hatten mit ihrer Liebe dieses Chaos angerichtet.

Dann bemerkte sie die leichte Rötung an den Handgelenken. Er musste sie irgendwie gefesselt haben, darum musste sie unbedingt im Anschluss kümmern. Die Hände waren zu einer Krallenform verkrampft, die nur den Schluss zuließ, dass sie in ihrem Schmerz diese zu Fäusten geballt haben musste und diese sich nach dem Tod leicht geöffnet hatten.

Die Schambehaarung entsprach wohl der gängigen Mode und nannte sich, wenn sie sich recht erinnerte »Landing Strip.« Es war kein Bauch erkennbar, sie musste sehr schlank gewesen sein. Sie hätte gerne die Scham der Frau bedeckt, um die Obszönität der Situation zu beenden und um ihr ihre Würde wiederzugeben.

Aber sie wusste auch, dass sie es beenden konnte, indem sie sich beeilte, ohne die wesentlichen Faktoren zu übersehen. An den Fußgelenken bemerkte sie ebenfalls eine Rötung vergleichbar mit der Rötung an den Handgelenken.

Außer den Fesselspuren an den Gelenken und den Würgespuren am Hals fand sich keine weitere sichtbare Verletzung auf ihrem Körper. Es war mehr als eine Ahnung, es wurde zur Gewissheit, sie würden vielleicht Spuren der Vergewaltigung finden, aber sie würden keine fremden Körperflüssigkeiten nachweisen können.

Wie aus einer Trance erwachend wandte sie sich an Sven und stellte fest, dass alle bewegungslos im Zimmer standen und sie beobachteten. Auch Sven blickte sie an und nickte, wie um ihr zu zeigen, dass er seine Beobachtung abgeschlossen hatte.

»Sie können weitermachen« wandte sie sich an Dr. Wegner und wie

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