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An der Pforte zur Hölle
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eBook299 Seiten3 Stunden

An der Pforte zur Hölle

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Über dieses E-Book

Wieder einmal ist sie auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer, einem Opfer für ihren Herrn und Meister. Sie weiß, dass sie in einer Metropole wie London nicht lange suchen muss. Kurz darauf wird die bestialisch zugerichtete Leiche einer Frau auf der kleinen Themseinsel ›Chiswick Island‹ entdeckt. Drei Medizinstudenten geraten in Verdacht, die Tat begangen zu haben, denn der Mörder verfügt offensichtlich über detailliertes medizinisches Wissen. Doch ohne handfeste Beweise können Blake und McGinnis die jungen Leute nicht festhalten. Während sie noch im Dunkeln tappen, gehen die Studenten der Sache auf eigene Faust nach und geraten dabei in tödliche Gefahr … Werden Blake und McGinnis rechtzeitig zur Stelle sein, bevor die Studenten die Pforte zur Hölle durchschreiten?
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum8. Dez. 2019
ISBN9783750260887
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    Buchvorschau

    An der Pforte zur Hölle - Anna-Lena Riedel

    An der Pforte zur Hölle

    Unbenannt - 2.jpg

    An der Pforte zur Hölle

    Mystery-Thriller

    von
    Anna-Lena & Thomas Riedel

    Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar

    2. Auflage (überarbeitet)

    Covergestaltung:

    © 2019 Susann Smith & Thomas Riedel

    Coverfoto:

    © 2019 depositphoto.com

    Impressum

    Copyright: © 2019 Anna-Lena & Thomas Riedel

    Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

    ISBN siehe letzte Seite des Buchblocks

    »Gehet ein durch die enge Pforte.

    Denn die Pforte ist weit,

    und der Weg ist breit,

    und ihrer sind viele,

    die auf ihm hineingehen«

    Matthäus 7:13

    Unbenannt - 2.jpg

    Kapitel 1

    E

    s war eine regenfreie und sternenklare Nacht, die erste seit vielen Tagen. Sonnenschein, Wolken und Regen hatten sich tagsüber häufig innerhalb weniger Minuten abgewechselt. Die Temperatur schwankte zwischen dreizehn und achtzehn Grad. Durch die riesige bebaute Fläche entstand in Großbritanniens Hauptstadt ein Mikroklima, welches die Wärme speicherte und dadurch für Werte sorgte, die im Mittel um fünf Grad höher lagen. Für London und seine gemäßigte Klimazone, die vor allem durch den atlantischen Golfstrom beeinflusst wurde, war es typisches Aprilwetter. Gegen Abend war ein leichter, abkühlender Wind aufgekommen und das Thermometer mochte jetzt um die acht Grad anzeigen.

    Es ging auf Mitternacht zu. Nach und nach leerten sich die Straßen. Die meisten Menschen mussten am nächsten Tag wieder zur Arbeit und für sie wurde es Zeit schlafen zu gehen. Remington Cartwright, ein drahtiger, aber bereits in die Jahre gekommener Mann, war weit davon entfernt Ruhe zu finden. Bei ihm hing wieder einmal der Haussegen schief und nach einem erneuten Streit mit seiner Frau, hatte er fluchtartig die Wohnung verlassen. Ziellos lief er durch die dunklen Straßen, einzig um nicht zu Hause sein zu müssen. Ab und zu blieb er stehen und strich sich mit einer müden Bewegung über den schon fast kahlen Kopf.

    Er gab sich schweren, düsteren Gedanken hin. Wieder einmal wünschte Cartwright seiner Frau die Pest an den Hals, besser noch den Tod. Nach dem abendlichen Streit wäre er ihr am liebsten direkt an die Gurgel gesprungen. Tatsächlich hatte sogar für einen Augenblick mit der Idee gespielt, sie zu erdrosseln, aber das schaffte er dann doch nicht. Irgendwie hatte sich alles zwischen ihnen verändert. Aus ihrer anfänglichen Liebe war mit den Jahren ein abgrundtiefer Hass entstanden. Schon oft hatte er darüber gegrübelt und sich gefragt, wie es nur soweit kommen konnte. Aber eine wirkliche – eine befriedigende – Antwort hatte er darauf nicht gefunden. Mehrfache Anläufe die Situation zu verbessern, wieder aufmerksamer zu werden und ihr von Zeit zu Zeit Blumen schenken, hatten am Ende nichts geändert. Sie verstanden sich einfach nicht mehr.

    Der Wind ließ ihn frösteln. Er schlug den Kragen seines Mantels hoch und korrigierte ein wenig den Sitz seines Schals. Noch wollte er nicht zurück und überlegte irgendwo einzukehren. Vielleicht würde ihm ein Whisky guttun.

    Er war gerade in eine weitere Nebenstraße abgebogen, als plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine Frau vor ihm stand.

    Sie trug einen mittellangen, schwarzen Wollmantel mit Pelzbesatz. Lange rabenschwarze Locken quollen unter der Kapuze hervor. Um ihre schmalen Lippen spielte ein grausames, kaltes Lächeln, als sie ihn mit ihren dunklen Augen ansah. Ihr Gesicht hatte einen fast schon ungesunden, kalkweißen Teint, der ihr, in Verbindung mit schwarz geschminkten Lippen, einen geradezu grotesken, maskenhaften Ausdruck verlieh.

    Gerade wollte er mit einem Schritt ausweichen, um an ihr vorbeizugehen, als sie ihm in den Weg trat.

    »Hallo, Remington Cartwright«, sagte sie mit sanfter, eindringlicher Stimme. »So voller Zorn?«

    Ungewollt blieb Cartwright stehen. Irritiert blickte er sie an und fragte sich, wo sie sich schon einmal begegnet sein könnte.

    »Du fragst dich gerade, woher du mich kennst«, lächelte sie. »Nein, du kennst mich nicht. Aber ich … ich kenne dich und auch ich deine Wünsche, Remington Cartwright.« In ihren Augen flackerte es kurz auf. Dann zischte sie leise: »Und mein Herr und Meister wird sie dir erfüllen!«

    »Wenn man Alkohol nicht verträgt, dann sollte man sich davon fernhalten, Miss!«, knurrte er schlecht gelaunt. »So eine Spinnerin, wie Sie, die hat mir heute noch gefehlt!« Er hob seine rechte Hand und wollte die Frau beiseiteschieben. »Sie gehen jetzt besser ganz rasch nach Hause und schlafen ihren Rausch aus, Lady! Ich habe echt keinen Bock auf ...«, reagierte er grob, als sich die Frau näher an ihn heranschob, doch seine Stimme wurde zunehmend leiser und verebbte dann ganz.

    Ihr Blick ruhte auf ihm, und in ihren schwarzen Augen lag etwas Seltsames, Zwingendes, Gebieterisches, das er nicht genau zu deuten wusste. Nein, dachte er, verrückt war sie ganz sicher nicht. Unentschlossen ließ er die Hand sinken, mit der er sie bereits auf rabiate Weise hatte zur Seite drängen wollen. Unwillkürlich versuchte er über ihren Atem herauszufinden, ob sie vielleicht betrunken war, konnte aber keine Alkoholfahne feststellen.

    Aber wenn du keine ausgeflippte Spinnerin bist und auch nicht betrunken, was bist du dann?, fragte er sich.

    Plötzlich lief Remington Cartwright eine Gänsehaut über den Rücken und er verspürte den Wunsch, so schnell wie möglich aus dieser dunklen Straße, mit den wenigen Laternen und menschenleeren Bürgersteigen, zu verschwinden – nur um diese fremde, seltsame Frau mit den eisigen Augen nicht mehr zu sehen.

    »Nichts für ungut, Miss«, murmelte er deshalb und wollte schon hastig weitergehen, als ihn die Unbekannte am Arm zurückhielt.

    »Nicht so schnell!«, sagte sie leise, ohne beim Sprechen großartig ihre Lippen zu bewegen. »Warum so abweisend, Remington Cartwright?« Ihr Blick hielt ihn fest, ebenso wie ihre langen, schmalen Finger seinen Oberarm. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich dein Problem kenne!«

    Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Fremde seinen Namen schon dreimal ausgesprochen hatte, obwohl er sich absolut sicher war, sie noch nie in seinem Leben gesehen zu haben.

    »Du spielst mit dem Gedanken deine Frau zu ermorden, Remington Cartwright«, fuhr die Unheimliche fort und ließ ein kurzes Lachen folgen.

    Mit einem erstickten Aufschrei prallte er zwei Schritte zurück. Seine Augen weiteten sich. Mit ungläubigem Entsetzen sah er sie an.

    Ich habe mich doch immer bemüht, meinen Hass auf Ashley zu verbergen. Seit Jahren streiten wir uns wegen Nichtigkeiten, und seit Jahren wünsche ich mich weit, weit weg … oder Ashley sechs Fuß unter die Erde. Niemand im Umfeld kann davon etwas mitbekommen haben. Wie, zum Teufel, kann sie davon wissen?, fragte er sich.

    »Sie hat dir wieder eine solche Szene gemacht, Remington Cartwright«, flüsterte die geheimnisvolle Frau. »Das war wirklich nicht sehr schön von Ashley.« Sie schenkte ihm ein verständnisvolles Lächeln. »Und dass alles nur, weil du gestern Abend der Kellnerin tief in den Ausschnitt gesehen hast. Dabei konntest du doch gar nicht anders, wo sich das Mädchen so aufgeknöpft gezeigt hat. Schließlich bist du ein Mann ... es liegt in deiner Natur.«

    Er wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Er spürte wie ihm flau in der Magengegend wurde und sich ein Zittern einstellte. Er musste sich eingestehen, dass alles stimmte, was sie sagte. Genau in dem Augenblick hatte sich der Streit zwischen ihnen entzündet.

    Verdammt noch mal!, dachte er. Die die Wut auf seine Frau kehrte zurück. Ashley ist immer noch die attraktive Frau, die ich vor über zwanzig Jahren kennen- und liebengelernt habe, und sie weiß nur zu gut um ihre Reize. Laufend fordert sie die Blicke anderer Männer durch ihr provokantes, kokettierendes Auftreten heraus. Sie prüft nur ihren Marktwert, säuselt sie dann immer lächelnd, wenn sie merkt, dass mir missfällt, was sie tut. Es sei für Frauen wichtig zu wissen, ob sie noch Begehrlichkeiten wecken können, erklärt sie. Aber wenn ich mal den Blick schweifen lasse und einem hübschen Mädchen nachsehe, dann ist das gleich etwas ganz anders! Dabei bin ich ihr noch nie untreu gewesen! Ja, ich habe nicht einmal an einen Seitensprung gedacht. Sie war mir doch immer genug.

    »Du hast dir doch immer wieder vorgestellt, wie ein Leben ohne Ashley wäre!« Wie ein schleichendes, sich ganz langsam ausbreitendes Gift, drang die beschwörende Stimme der unheimlichen Frau in seine Gedanken ein. »Dann wärst du endlich frei! Du bekämst dazu noch das Geld aus der Lebensversicherung und könntest wieder tun und lassen, wonach auch immer dir der Sinn steht! Du könntest wieder ausgehen, ohne dass sie dir laufend eine Szene macht, und dir eine neue Gespielin suchen.« Eindringlich blickte sie ihn an. »Du weißt doch jetzt schon, dass sie wieder zänkisch über dich herfallen wird, wenn du morgen früh nach Hause kommst. Willst du das, Remington Cartwright?«

    »Nein! Natürlich will ich das nicht! Wer würde das schon wollen?«, reagierte er hart und erschrak über die ungewollte Härte, mit der es gesagt hatte. »Woher wissen Sie das überhaupt alles?«

    Ein geheimnisvolles Lächeln verzerrte die Züge der schönen Fremden zu einer dämonischen Larve.

    »Das Böse hat seine Augen und Ohren überall«, wisperte sie. »Wann immer ein Sterblicher es ruft, so entgeht es ihm nicht.« Wieder blickte sie ihn zwingend mit ihren funkelnden, schwarzen Augen an. »Und jetzt, Remington Cartwright, … jetzt höre mir genau zu, denn dein Leben wird davon abhängen, dass du alles tust, was ich dir sage.« Sie deutete mit ihrem ausgestreckten Arm auf die gegenüberliegende Straßenseite. »Siehst den Nachtclub? Den wirst du jetzt aufsuchen und nicht vor vier Uhr früh verlassen. Bis dahin wirst du etwas trinken und dich mit den Frauen vergnügen. Vor allem aber wirst du dich bemerkbar machen! Freunde dich mit einer von ihnen an. Du weißt, sie sind käuflich und nie abgeneigt nebenbei ein paar Pfund in die eigene Tasche zu wirtschaften. Nimm eine mit zu dir nach Hause. Falls sie wegen deiner Frau fragt, dann sage ihr, die würde bei einer Freundin übernachten und du hättest eine sturmfreie Bude. Wichtig ist, dass du auf keinen Fall vor vier Uhr nach Hause kommst. Hast du mich verstanden?«

    Er nickte wie betäubt.

    »Und was ist dann?« Sein Tonfall klang, als wäre er schön jetzt sinnlos betrunken.

    Auf dem Gesicht der ganz in schwarz gekleideten Frau zeigte sich ein diabolisches Schmunzeln.

    »Dann wird mein Herr und Meister deinen sehnlichen Wunsch erfüllt haben«, erwiderte sie und fügte befehlend hinzu: »Und nun geh, Remington Cartwright! Geh!«

    Wie unter einem hypnotischen Zwang folgte er ihrer Aufforderung.

    »Warum die Hölle im Jenseits suchen?«, murmelte er vor sich hin. »Sie ist schon im Diesseits vorhanden.« Er lächelte. »Rousseau hatte Recht.«

    Mit unsicheren Schritten überquerte er die Straße und blieb vor dem Nachtclub stehen. Als er sich noch einmal nach der Fremden umsah, war diese nicht mehr da. Sie war verschwunden, so als habe es sie nie gegeben.

    Unwillkürlich schüttelte er den Kopf und begann an seinem Verstand zu zweifeln. Wie unter einem Zwang öffnete er die Tür und trat in die rot ausgeleuchtete Bar.

    Auch wenn das ganze Gerede von einem Herrn und Meister blanker Unsinn ist, dachte er, muss ich ihr zumindest in einem Punkt zustimmen. Ich will mir diese Nacht einen antrinken und mich vergnügen, um alles für ein paar Stunden zu vergessen. Und in wenigen Minuten werde ich damit anfangen.

    Kapitel Ende.jpgUnbenannt - 2.jpg

    Kapitel 2

    A

    shley Cartwright hatte in der Küche Wasser gekocht und sich einen Tee aufgegossen. Immer noch versuchte sie sich zu beruhigen, aber es fiel ihr schwer. Verärgert nahm sie den Teebeutel aus dem großen, dampfenden Pott und legte ihn auf einen kleinen, gläsernen Untersetzer.

    »Wo steckst du nur!«, schimpfte sie, griff nach einer Glasschale, die gerade in Reichweite stand und schleuderte sie wutentbrannt gegen die Küchenwand. »Komm du mir bloß nach Hause!«, schrie sie dabei lauthals.

    Das explosive Klirren der zerspringenden Glasschüssel brachte sie wieder zur Besinnung. Schluchzend stützte sie ihren Kopf in beide Hände und blieb reglos am Küchentisch sitzen.

    Wie und warum ist alles nur so gekommen?, fragte sie sich. Wieso verstehen wir uns nicht mehr? Damals, vor zwanzig Jahren, … es hatte doch alles so schön angefangen. Nichts ist übriggeblieben, von all unseren Träumen, Wünschen und Hoffnungen. Ist es tatsächlich der graue Alltag, der uns beide zermürbt und zerrieben hat, bis nur noch Abneigung übrig geblieben ist ... eine, die uns das Leben zu Hölle macht?

    Mit schleppenden Schritten ging sie in den Flur und besah sich in dem großen Ankleidespiegel.

    Ich bin doch immer noch hübsch anzuschauen, gepflegt und attraktiv. Noch gelingt es mir, dass sich auch jüngere Männer für mich interessieren. Bei diesem Gedanken huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Warum nimmt Remington das nicht mehr wahr? Natürlich bin ich älter geworden und sicher kann ich nicht mehr mit einer siebzehn- oder achtzehnjährigen Kellnerin konkurrieren, … aber muss ich mich deshalb verstecken? Sie korrigierte den Sitz einer blonden Haarsträhne. Ich habe immer auf mich geachtet, trage immer noch Größe acht, bin gertenschlank und wohlproportioniert. Dabei betrachtete sie sich von der Seite und hob mit den Händen leicht ihren Busen. Ich kann zufrieden sein. Die Natur hat es gut mit mir gemeint.

    »Was suchst du nur bei anderen Frauen, was ich nicht habe?«, murmelte sie leise, während sie hilflos mit den Achseln zuckte. »Und dann flirtest du auch noch mit ihnen in aller Öffentlichkeit!«

    Ihre Wut kehrte zurück und ihre Augen, die die Farbe blasser Kornblumen hatten, verdunkelten sich. Sie fieberte dem Augenblick entgegen, in dem sie ihrem Mann wieder so richtig ihre Meinung an den Kopf werfen konnte.

    Sie konnte nicht ahnen, dass es dazu nicht mehr kommen sollte!

    Plötzlich ruckte ihr Kopf herum. Sie glaubte etwas gehört zu haben. Hatte sie sich geirrt? Sie lauschte. Es war ihr, als habe sie einen lautlosen Ruf erhalten. Verwirrt strich sie sich durch die Haare.

    Da!

    Sie hörte es wieder!

    »Ashley!«, rief eine Stimme, leise, aber eindringlich. »Ashley, komm! … Komm zu mir … Es ist an der Zeit!«

    Irritiert blickte sie sich um. Sie zitterte ein wenig.

    »Wozu ist es Zeit?«, fragte sie fast unhörbar.

    Sie machte keine Anstalten sich dem Ruf zu widersetzen. Ohne weiter darüber nachzudenken, wer da überhaupt nach ihr rief, schlüpfte sie mit traumwandlerischen Bewegungen in ihre Pumps. Dann nahm sie ihren langen, auf Taille geschnittenen, bordeauxroten Mantel vom Bügel und zog ihn über. Wie in Trance schloss sie die gekordelten Knebelverschlüsse. Eitel, wie sie war, warf sie noch einen abschließenden Blick in den Spiegel, setzte die an den Mantel geknöpfte Kapuze auf und drapierte mit wenigen, gekonnten Handgriffen ihre blonde Haarpracht. Sie lächelte ihr Spiegelbild an.

    Ohne das Licht im Flur zu löschen, verließ sie die Wohnung und huschte über das Treppenhaus hinaus auf die Straße. Es war frisch draußen. Der Wind hatte zugenommen. Ein leichter Nebel kroch durch die mitternächtliche Straße und überzog alles mit einem feuchten, kühlen Film.

    Trotz des warmen Mantels fror sie. Es war eine innere Kälte. Sie spürte, wie eine seltsame, unsichtbare Macht von ihr Besitz ergriff, fühlte, dass da etwas unbeschreiblich Grauenhaftes auf sie zukam und gefangen nahm. Sie versuchte dagegen anzukämpfen.

    »Hilfe! Hilfe!«, wollte sie ausrufen, brachte es aber kaum über die Lippen.

    Es war nur ein Flüstern und es klang krächzend. Ihre verzweifelte, an ihre Mitmenschen gerichtete Bitte wurde vom wattigen Nebel verschluckt. Niemand ahnte, welch ein grässliches Unglück sich hier anbahnte.

    »Hilfe! Warum hilft mir denn niemand!?«, versuchte sie erneut auf sich aufmerksam zu machen, aber niemand hörte ihre Rufe.

    Gehetzt lief sie die Straßen entlang. Immerzu hatte sie diese befremdliche, lautlose Stimme in ihrem Kopf, die sie zwang ihr zu folgen.

    Das Stadtbild hatte sich gewandelt. Die in den 1960iger Jahren entstandenen Reihenhäuser hatte sie hinter sich gelassen. Jetzt standen zu beiden Seiten monotone Plattenbauten, die von einigen 30-stöckigen Hochhäusern überragt wurden. Es war eine Großsiedlung die zum Schlafsilo, Wohnghetto und zu ›Arbeiterschließfächern‹, wie es die Bewohner selbst sarkastisch nannten, verkommen war – ein seelenloses Viertel, wie es sie in jeder Großstadt der Welt zuhauf gab, und die nur all zu oft Schauplätze brutalster Verbrechen waren.

    Diese Nacht würde es nicht anders sein, auch wenn es andere Umstände waren, denn andere Mächte hatten diesmal ihre teuflischen Finger im Spiel.

    Schon bald erreichte die attraktive Mittvierzigerin die nächste Straßenkreuzung. Sie verlangsamte ihren Schritt, als eine schwarze Limousine direkt auf sie zurollte. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Alles in ihr sträubte sich und begehrte gegen die spürbare Gefahr auf, die von diesem Fahrzeug ausging.

    Doch so sehr sie auch dagegen anzukämpfen versuchte, sie schaffte es nicht, sich von dem Zwang zu lösen und zu fliehen. Wie von unsichtbaren Fesseln wurde sie festgehalten.

    Sie zitterte am ganzen Körper als sie dem Wagen entgegensah, der seine Fahrt verlangsamte und zum Halten kam. Gleich darauf öffnete sich die hintere Tür und eine blasse Hand winkte ihr einzusteigen.

    Wie eine gehorsam an den Schnüren gezogene Marionette und stieg ein. Kaum hatte sie im Fond Platz genommen, schlug die Tür zu und der Motor heulte auf. Es war das letzte, was sie wahrnahm, denn sie verlor das Bewusstsein. Die Anspannung war für sie einfach zu groß geworden.

    Plötzlich spukten wilde Fantasiegestalten durch ihren Kopf. Es waren gnomenhafte, dämonische Wesen, halb Mensch und halb Tier. Fratzenhaft grinsten sie ihr voller Verachtung, Hass und Vernichtung entgegen. Sie glaubte sich auf einem Steintisch liegen zu sehen, im flackernden Schein rußender Fackeln und schwarzer Kerzen. In ihren Ohren dröhnte es. Es war Orgelmusik und ein beschwörender Gesang aus weiblichen Kehlen – eingängig und unheimlich zugleich. Und über der ganzen Szene hing ein penetranter Geruch von Pech und Schwefel.

    Mit einem Aufschrei fuhr sie hoch. Sekundenlang versagte ihr eigener Verstand, die schreckliche Realität zu erkennen. Dann begriff sie schlagartig: alles um sie herum war wirklich! Sie hatte nicht fantasiert. Alles war real: die Fackeln, die Beschwörungen, der Geruch, die dämonischen Fratzen und die singenden Frauen mit den geheimnisvollen Augenmasken, die sie in ihren aufreizenden, schwarzen Kleidern umtanzten.

    Sie befand sich in einer großen Halle, deren seitliche Kirchenschiffe samt Decke von mächtigen Säulen getragen wurden. Zwischen jedem Säulenpaar fanden sich sieben sorgfältig aufgereihte mattschwarze Särge, deren Deckel akkurat gegen die Wände gelehnt worden waren. Auf dem Kirchenschiff zu ihrer Rechten musste sich die Orgel befinden, von der sie, aus ihrer Position heraus, nur die mächtigen Pfeifen sehen konnte.

    Sie selbst lag inmitten dieser, wie sie glaubte, Basilika, auf einem steinernen Altar, der sie an einen Dolmen aus der megalithischen Kultur erinnerte – einen dieser wuchtigen Steintische an der bretonischen Küste. Immerzu schwebten die dämonischen Fratzen auf sie hinunter, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Mit diabolischem Funkeln sahen die höllischen Kreaturen auf sie hinab. In ihren Blicken

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