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Stete Fahrt, unstete Fahrt

Stete Fahrt, unstete Fahrt

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Stete Fahrt, unstete Fahrt

Länge:
660 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Jan. 2016
ISBN:
9783737583558
Format:
Buch

Beschreibung

Anfangs berichtet der Autor über ein Erlebnis in der burmesischen Hauptstadt Rangun während einer Reise auf dem Motorschiff "Rabenfels" der Deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft "Hansa", Bremen. Es folgen die Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend während der Zeit der Republik von Weimar bis 1933 und der Diktatur der NSDAP ab 1933. Er erlebt die unruhige republikanische Zeit mit ihren Aufmärschen und Demonstrationen der Parteien und ihrer Organisationen und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Zunächst wird er begeistert Mitglied der Hitlerjugend, wendet sich aber enttäuscht von dieser Zwangsorganisation ab und bleibt ihr fern. Seine Berufsausbildung zum Radiotechniker wird durch den Zweiten Weltkrieg und seine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst unterbrochen. Einige Monate später wird er zur Wehrmacht in eine Nachrichtenabteilung in Lübeck eingezogen. Dort erlebt er die Zerstörung der Altstadt während eines schweren Bombenangriffes. Kurz danach wird er zum Deutschen Afrikakorps versetzt und tut dort Dienst als Funkmechaniker einer Nachrichteneinheit bis zum Ende des Afrikafeldzuges. Er gerät in alliierte Kriegsgefangenschaft, erlebt die weitere Kriegszeit vor allem als völlig neue Lehrjahre in den USA und ist im Mai 1946 wieder zu Hause. Nach etwa sieben Jahren wechselvoller Tätigkeiten und Vollendung seiner Berufsausbildung nimmt er an einem Lehrgang zum Erwerb des Patents für Seefunker teil. Beschreibungen über Erlebnisse während seiner Funktion als Funkoffizier sind im ganzen Bericht eingestreut.
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Jan. 2016
ISBN:
9783737583558
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Stete Fahrt, unstete Fahrt - Hans H. Hanemann

Kleines burmesisches Fracht- und Passagierschiff auf dem Rangunriver

                                                                            Nicht die Dinge bringen die Menschen in Verwirrung,

                                                                                                          sondern die Ansichten über die Dinge.

Epiktet

August 1960: Als Funkoffizier auf MS „Rabenfels"

                   

   Das Seefahrtbuch ist das wichtigste                                                     Der Anmusterungsvermerk des Autors für das

      Reisedokument des Seefahrers                                                         Motorschiff „Rabenfels" in seinem Seefahrtbuch

    Motorschiff „Rabenfels der DDG HANSA*), Unterscheidungsmerkmal und Funk-Rufzeichen DLCR, verläßt am 17. August spät am Nachmittag den Hafen von Rangoon (jetzt Yangon) und fährt auf dem Rangoon River, dem südlichen Teil des Irawaddi, in Richtung zum Golf von Bengalen. Ich stehe auf der Steuerbordseite des Brückennocks und beobachte, wie die Landschaft am Westufer des Flusses langsam vorüberzieht. Bauern pflügen ihre Reisfelder, die Pflüge werden von Wasserbüffeln gezogen. In den vorbeiziehenden kleinen Dörfern sind die goldglänzenden Pagoden herausragende Punkte; sie können sich allerdings nicht mit den größeren Pagoden in der Hauptstadt, geschweige mit der größten, der Shvedagon, messen. Der burmesische Flußlotse hat den Maschinentelegrafen auf „Langsam Voraus stellen lassen, damit die Bugwellen die vielen kleinen Sampans, die dicht unter dem Ufer auf beiden Seiten des Flusses in beiden Richtungen unterwegs sind, nicht zum Kentern bringen. Der Himmel über Rangoon und seinem weitläufigen Hafen ist tiefgrau. Ein Unwetter braut sich über der Stadt zusammen. Die Shvedagon Pagode und einige kleinere Pagoden leuchten golden in das Grau des Himmels hinein, aus dem immer wieder Blitze zucken. Im Westen verschwindet die Sonne hinter Wolken und es wird schon etwas dunkel. Der Lotse schimpft auf Englisch und betätigt wütend den Typhoon, weil quer laufende Sampans sich in Gefahr bringen, mit unserem Schiff zu kollidieren. Ich verlasse die Nock und gehe durch die Brücke in meine Funkstation, um Rangoon Radio, die burmesische Küstenfunkstelle mit dem Rufzeichen XYR, mitzuteilen, daß unser Schiff aus dem Hafen ausgelaufen und unser nächstes Ziel Madras (jetzt Chennai) ist. Madras ist der wichtigste Hafen auf dem südlichen indischen Subkontinent am Golf von Bengalen.

*) Deutsche Dampfschifffahrtsgesellschaft (mit drei ‚f‘) HANSA, Bremen; MS „Rabenfels, gebaut 1956, ist das letzte einer Serie von acht Schwergutschiffen mit einer Tragfähigkeit von 8500 Tonnen und mit zwei Schwergutbäumen für 30 und 120 Tonnen Lasten. MS „Lichtenfels, in Dienst gestellt 1954, ist das erste dieser Serie. Das Schwergutgeschirr – von der Stülckenwerft in Hamburg konstruiert – fand auf ausländischen Schiffen einige ähnliche Nachbauten. Die beiden Schwergutbäume operieren zwischen Schrägmasten und die Kommandobrücke liegt mit den Wohneinrichtungen des nautischen.und Funkpersonals vorn auf der Back (Vorschiff), die Maschine und die Wohnungen des Decks- und Maschinen personals – einschließlich der Schiffsingenieure – achtern, was dem Schiff zusammen mit den Schrägmasten ein bisher ungewöhnliches Erscheinungsild verleiht. Die Serie ist deshalb auch unter der wohl spöttisch gemeinten Bezeichnung „Picasso-Schiffe" bekannt geworden.

                             Die 94m hohe Shvedagon in Rangoon               

Sandsturm über Rangoon Vorn eine kleine Pagode                                                                                           .                                                                                      Im Hintergrund die große Shvedagon.

      Der Aufenthalt in Rangoon war für mich mit einem nicht gerade angenehmen Erlebnis verbunden: Wir waren das zweite Mal auf dieser Reise in Rangoon. Während des ersten Aufenthalts kam ein burmesisches Zollkommando an Bord und durchsuchte alle Kammern der Besatzung nach ausländischem, vor allem indischem, Geld. Ich war am Vormittag in der Stadt Rangoon gewesen und, zurück an Bord, erfuhr ich vom Messesteward, daß auch meine Kammer in seiner Anwesenheit durchsucht wurde und sie bei mir siebzig indische Rupien beschlagnahmt hatten. Dies war Geld, das ich von einem indischen Fahrgast für die Übermittlung von Funktelegrammen erhalten hatte und das ich in Bremen meiner Reederei hätte übergeben sollen. Der Ordnung halber sollte ich, wie auch die anderen Besatzungsangehörigen, Geld, das nicht der Währung im jeweiligen Aufenthaltsland entsprach, dem Kapitän zur Verwahrung unter Verschluß geben, sodaß es nicht von Zoll oder Polizeibehörden hätte beschlagnahmt werden können. Aber das wird praktisch kaum gemacht, weil Zollfahndungen nach ausländischen Währungen bisher nicht erlebt wurden. Wir fuhren ein paar Tage nach der burmesischen Zollaktion nach Chittagong (1960 noch Ostpakistan, jetzt Bangladesh), wo uns unser Agent unter anderen Postsachen auch mehrere Anzeigen der burmesischen Zollfahndung übergab, alle gerichtet an die Mitglieder der Besatzung der „Rabenfels", bei denen die Zöllner in Rangoon ausländisches Geld beschlagnahmt hatten. Alle Anzeigen, also auch die an mich gerichtete, hatten gleichlautenden Text. Wir wurden aufgefordert, vor der Zollfahndung in Rangoon zu erklären, warum die Behörde keine weitere Strafverfolgung wegen des Zollvergehens gegen jeden einzelnen von uns ergreifen sollte. (It is found that you have failed to declare the above currencies in the „Foreign Currencies List" of the crew members, and there fore you are called upon to submit your explanation within 14 days as to why notion should not be taken against you. If you fail to submit the same within the period mentioned above notion will be taken against you under the existing Rules and Regulations, without further notice. Unterschrift: F. Munroe, Asst Commissioner of Custom). Kapitän Hans Buss gab mir alle Anzeigen und meinte, ich solle – wenn zurück in Rangoon – mit Unterstützung der Agentur die missliche Angelegenheit beim Zoll in Ordnung bringen. Er glaubte, daß ich das am Besten könne, schon meiner englischen Sprachkenntnisse wegen.

    Eine Woche später waren wir wieder in Rangoon. Unser Agent nahm mich mit in sein Büro, entwarf dort ein Schreiben an die Zollfahndung und beorderte einen seiner einheimischen Angestellten, mit mir zusammen zu dieser Behörde zu gehen, um mich dort in meiner Rechtfertigung zu unterstützen. Im Zollgebäude wurden wir von Mr. Munroe, einem leitenden Beamten, der auch die Anzeigen unterschrieben hatte, empfangen. Er erwies sich als ein sehr freundlicher Herr, der sich nach einigen amtlichen Formalitäten mit mir unterhielt. Er meinte, es könne noch eine Weile dauern, bis wir zum Chef der Zollfahndung vorgelassen würden, um diesem meine Erklärung vorzubringen. Mein Begleiter von der Agentur saß dabei, ohne sich an unserer Unterhaltung zu beteiligen. Nach etwa einer halben Stunde wurde ich von einem uniformierten Beamten in das Zimmer des Chefs der Zollfahndung gerufen. Mein Begleiter kam mit und gab dem Beamten das Schreiben unseres Agenten, der es auf den Schreibtisch des Zollfahndungschefs legte. Mir wurde ein Platz vor dem Schreibtisch des Herrn angewiesen, mein Begleiter mußte hinter mir Platz nehmen. Der uniformierte Beamte blieb hinter seinem Vorgesetzten stehen, wohl um auf Anweisungen zu warten. Der Chef, ein breitschulteriger, gewichtiger Mann sah mich unentwegt durchdringend, fast grimmig, an, als wenn er damit ausdrücken wollte „Junge, erzähl mir ja keine Märchen!" Um seinem strengen Blick nicht auszuweichen, fing ich gleich an, ihm unsere Lage zu erklären indem ich darauf hinwies, daß wir bei unserer ersten Ankunft in Rangoon keine Aufklärung über die neuen scharfen Währungsbestimmungen in Burma erhalten hätten, und daß bei unseren früheren Aufenthalten in diesem Land neben dem Kyat noch die Indische Rupie gültige burmesische Währung war. Nachdem ich geendet hatte, wandte sich der gestrenge Herr an meinen Begleiter und warf ihm vor, daß die Schuld an unserem Vergehen bei der Agentur läge, weil sie es versäumte, die Besatzungen der Schiffe, die sie zu betreuen hätte, auf die strengen neuen burmesischen Zollbestimmungen, speziell auf das Verbot der Einfuhr fremder Währungen, aufmerksam zu machen.*) Das beschlagnahmte Geld könne uns nicht wieder zurück erstattet, von einem weiteren Verfahren gegen uns solle aber abgesehen werden, sagte er, nachdem er sich wieder mir zugewandt hatte und mich dabei wesentlich freundlicher als vorher ansah. Unsere Namen blieben jedoch aktenkundig für den Fall eines neuen Zollvergehens und er empfahl mir dringend, dies auch meinen Bordkollegen mitzuteilen. Ich versprach es ihm und war damit entlassen. Das Schreiben unseres Agenten, das ihm der Beamte auf den Schreibtisch gelegt hatte, interessierte ihn anscheinend überhaupt nicht, weil er es nicht anrührte. Mein Begleiter hatte gar nichts zur Sache gesagt. Draußen legte mir der uniformierte Beamte ein großes Buch vor, in dem mein und die Namen der anderen Bordangehörigen eingetragen waren mit den Angaben über die beschlagnahmten Geldbeträge. Ich musste für uns alle in dem Buch eine Bestätigung unterschreiben, daß wir mit der Beschlagnahme der aufgefundenen Währungen einverstanden seien, womit die ganze unerquickliche Angelegenheit noch einigermaßen glimpflich für uns abgelaufen war. Nachdem ich mich von dem freundlichen Mr. Munroe, der als Assistent des Zollfahndungschefs sein Stellvertreter war, verabschiedete, wobei er mir eine gute Weiterreise wünschte, verließ ich das Zollamt und trennte mich von meinem burmesischen Begleiter, der mir zwar keine Hilfe gewesen war, aber wenigstens die Funktion einer Art Prügelknabe an meiner Statt ausgeübt hatte.

    Wieder an Bord meint Kapitän Buss: „Siehst du, Hanni (so nennt er mich immer, und ‚du‘ sagt er auch gewöhnlich zu mir), das war doch gut, daß du allein da warst. Du kannst das am Besten." Am nächsten Morgen besuche ich vor dem Frühstück die Mannschaftsmesse und berichte den Leuten über den Verlauf und das Ergebnis meiner Bemühungen bei der Zollfahndung, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß für mich das Verhör beim Chef der Zollfahndung sehr unangenehm gewesen und ich nicht ohne ‚Manschetten‘ dort hingegangen bin. Ich erwähne auch, daß unsere Namen bei der Zollbehörde aktenkundig seien und keiner von uns sich bei zukünftigen Aufenthalten in Rangoon eines Zollvergehens schuldig machen dürfe, weil er dann mit Sicherheit mit einer schärferen Strafe zu rechnen habe. Der Bootsmann als Messeältester der Mannschaftsmesse, selbst auch Betroffener, bedankt sich im Namen aller Beteiligten dafür, daß ich sie in dem Verfahren vertreten hatte, sodaß sie nicht selbst dort erscheinen mußten und wo möglich nicht so milde davon gekommen wären. Manch einer von ihnen hat sich und uns alle vielleicht schon im burmesischen Knast gesehen. Auch ich habe, wenn auch nicht mit Gefängnis, so doch mit der Möglichkeit einer weiteren Geldstrafe – neben der Beschlagnahme der aufgefundenen Rupien – rechnen können, zumal mir unser Agent vor meinem Besuch bei der Zollfahndung erzählte, daß schon hohe Geldstrafen wegen Währungsvergehens von zuständigen Gerichten in Burma ausgesprochen worden seien.

    *) Burma (auch Birma, birmanisch statt burmesisch), das vor dem Zweiten Weltkrieg zum Angloindischen Dominium gehörte, hatte sich in der zweiten Hälfte der 50er Jahre aus der indischen Währungsunion gelöst und an Stelle der indischen Rupie den Kyat als Einheit der neuen Währung per Gesetz beschlossen. Der Zoll achtete danach besonders scharf darauf, daß indische Rupien endgültig aus dem birmanischen Geldumlauf verschwanden. Burma heißt heute Myanmar.

    An einem der nächsten Abende ruft mich Kapitän Buss auf die Brücke und erzählt mir, daß längsseits des Schiffes zwischen den Leichtern mit dem Teakholz, das hier geladen wird, eine schon in Verwesung geratene menschliche Leiche angeschwemmt worden ist. Ich soll mit dem Morsescheinwerfer eine Verbindung zum Portoffice aufnehmen und den Leichenfund melden. Die Signalstelle des Portoffice antwortet mir auf mein Rufen mit ihrem Morsescheinwerfer, und nachdem ich meine Meldung übermittelt habe, signalisiert sie uns nach einer kurzen Wartezeit, daß ein Polizeiboot längsseits kommen würde, um die angeschwemmte Leiche abzuholen. Etwa fünfzehn Minuten später kommt das Polizeiboot. Zwei Männer der Besatzung werfen die Schlinge eines starken Seils um den Kopf der Leiche. Sie halten sich wegen des Verwesungsgeruchs mit Tüchern die Nase zu, auch die Arbeiter auf den Leichtern, die immer wieder versucht hatten, die Leiche mit langen Stangen von ihren Kähnen wegzudrücken. Der Verwesungsgeruch ist bis zu uns auf der Brücke zu spüren. Nachdem die Polizisten die Leiche mit dem Seil um den Hals vertäut haben, befestigen sie dessen anderes Ende an ihrem Boot und fahren dann mit ziemlich hoher Geschwindigkeit zurück zur Anlegestelle des Portoffice. Die Signalstelle ruft uns etwas später an und morst: „to master of mv rabenfels thank you for information about corpse". Ich habe die Burmesen bei meinen mehrmaligen Aufenthalten in ihrem Land allgemein als zuvorkommende und freundliche Menschen kennen gelernt.*) In der Nacht nach diesem Vorfall kann ich schlecht schlafen. Ich habe immer die aufgedunsene Wasserleiche vor meinem geistigen Auge.

*) Dies kann ich durch das folgende Erlebnis illustrieren: Während einer Reise mit MS „Hohenfels" haben wir Passagiere an Bord, u.a. ein Ehepaar mit einer etwa acht Jahre alten Tochter. In Rangoon will das Ehepaar die Shvedagon Pagode (Dagon, burmesisch, heißt Pagode) besichtigen und die Frau bittet mich, sie zu begleiten. Zwischen den Eheleuten ist das Verhältnis sehr gespannt; sie sprechen überhaupt nicht mehr miteinander. Die Ehefrau nimmt ihre Fotoausrüstung in einer Tasche mit. Während des Rundgangs um die große Pagode macht sie einen müden und erschöpften Eindruck. Die Sonne brennt und es ist sehr warm, kein Lüftchen bringt etwas Abkühlung. Vor einer Buddhastatue in einem überdachtem Schrein machen wir ein paar Minute Pause und wandern dann weiter zum Ausgang des Pagodengebietes, wo eine lange breite Treppe mit Abstufungen nach draußen zu einem Vorplatz und zur Straße führt. Unterwegs, mitten auf der Treppe, vermißt die Frau ihre Fotoausrüstung. Sie regt sich auf und macht ihr Kind dafür mitverantwortlich. Ich versuche, sie zu beruhigen und erbiete mich, zurück zu laufen und die Fototasche zu suchen. Das Kind kommt mit mir und wir sind schnell wieder auf dem Gelände der Pagode. Da das Mädchen barfuß läuft – die Schuhe muß man am Eingang zur großen Treppe zurück lassen – jammert es, weil die Fliesenplatten am Boden in der Mittagshitze sehr heiß geworden sind. Ich nehme die Kleine deshalb Huckepack und gehe mit ihr in die Richtung, aus der wir vorher gekommen sind. Unterwegs zeigen burmesische Besucher der Pagode immer freundlich und hilfsbereit in eine Richtung, und wir sehen schon bald die Fototasche auf einem Sockel vor der Buddhastatue, an der wir vorher eine Pause gemacht hatten. Seitlich der Statue hatte ein Mann ein Koffergrammofon aufgestellt und eine Platte mit einem Wiener Walzer aufgelegt. Er winkt uns freundlich zu, als wir die Fototasche an uns nehmen.

                  Auf dem Weg zur großen Pagode. Links drei Passagiere von MS „Hohenfels"

Buddhaschrein. Hier lag die Fototasche der Passagierin auf einem niedrigen Betonsockel

    Nachdem der Lotse von Bord gegangen ist und MS „Rabenfels" den Fluss verlassen und den Golf von Bengalen erreicht hat, höre ich auf der Seenot- und Anruffrequenz 500 Kilohertz ein englisches Schiff, das im Funkverkehr mit Rangoon Radio ist. Als der englische Kollege den Funkverkehr beendet hat, rufe ich ihn und vereinbare mit ihm eine andere Frequenz, wo ich ihn über unsere Erlebnisse mit der Zollfahndung in Rangoon berichte. Der britische Kollege bedankt sich bei mir und und meint, er werde sofort seinem Kapitän darüber berichten. – Wir verlassen burmesisches Hoheitgebiet, gehen auf Westkurs, fahren quer über den Golf von Bengalen und erreichen Madras in weniger als zwei Tagen –

    Seit dem Juli 1954 fahre ich als Funkoffizier auf verschiedenen Schiffen der Bremer Reederei DDG HANSA. Die einzelnen Fahrtgebiete umfassen das Rote Meer und den Persischen Golf, Indiens Westküste und Westpakistan sowie Ceylon, Indiens Ostküste und Burma. 1956 kommen die USA  hinzu, von wo es jedesmal zum Persischen Golf geht, vor allem nach Ras Tannura, den Ölverladehafen der ARAMCO (Arabian American Oil Company). Im Laufe meiner fast zehnjährigen Zugehörigkeit zur DDG „Hansa" habe ich alle Fahrtgebiete der Reederei kennen gelernt.

    Ab 1923: Kindheit in Oldenburg

    „Handelsmarine – so nannte man früher die Gesamtheit der Seefahrer auf Handelsschiffen im Unterschied zur Kriegsmarine, die während der Zeit der deutschen Rüstungsbeschränkung nach dem Vertrag von Versailles „Reichsmarine genannt wurde. Auf einem Handelsschiff als Funkoffizier zu fahren ist mein jungenhafter Traumberuf. Allerdings gibt es in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts Funkoffiziere nur auf Fahrgastschiffen. Auf Frachtschiffen, die mit einer Funkanlage ausgerüstet sind, wird der Funkdienst von einem der nautischen Offiziere betrieben, die dafür ein kleines Funkpatent während ihrer nautischen Ausbildung an den Seefahrtschulen erworben haben. Dies ändert sich allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg, weil durch internationale und nationale Bestimmungen die Schiffsbesetzungsordnungen verschärft werden.

    Mit etwa zehn Jahren fange ich an, mich für die Elektrotechnik zu interessieren. Alles, was mit Elektrizität zu leuchten oder in Bewegung zu bringen ist, erregt meine Aufmerksamkeit. Zunächst sind es nur Taschen- oder Handlampen, die von Batterien gespeist werden. Dann kommen elektrische Klingeln und auch kleine Motoren hinzu, die ebenfalls mit Batterien betrieben werden können. Unser erstes Radio erhält seine Stromversorgung aus einer sogenannten Anodenbatterie, die etwa jedes halbe Jahr erneuert und einem Akkumulator, der etwa alle zehn Tage wieder aufgeladen werden muß. Beides besorgt der Inhaber eines nahegelegenen Geschäfts für Papier- und Schreibwaren, der seine Kunden auch mit Aodenbatterien beliefert. Damit wir nicht auf das Radio während der etwa zweitägigen Ladezeit des Akkus verzichten müssen, erhalten wir einen Ersatzakku vom Papierwarenhändler. Interessant ist für mich, daß die Anodenbatterie, wenn sie für den Radiobetrieb unbrauchbar geworden ist, immer noch soviel „Saft besitzt, daß ich damit Taschenlampenbirnen oder Spielzeugmotoren betreiben kann, wobei manche kleine Glühlampe („Birne) wegen zu hoher Spannung ihren Geist aufgibt. Aber es macht Spaß und ich lerne etwas über Elektrizität, Elektromagnetismus und die Arbeitsweise elekrischer Klingeln und Motoren. Meine Basteleien erregen die Aufmerksamkeit meines viel älteren Vetters, der ein gewiefter Radiobastler ist und mich für sein Hobby interessiert. Er schenkt mir einiges Radiobastlermaterial, u.a. einen Kopfhörer, den ich gleich an unserem Heimradio ausprobiere, was nicht gerade die Begeisterung der anderen Familienmitglieder weckt, da dann natürlich der Lautsprecher stumm bleibt. Unser Vater nimmt das aber nicht so tragisch. Er, der technisch völlig unbegabt ist, fördert meine Basteleien, als er merkt, daß mich die Technik wirklich interessiert und meint einmal zu unserer Mutter: „Wegen Hans‘ Zukunft brauche ich mir jedenfalls keine Sorgen zu machen."

    Geboren bin ich als fünftes Kind des damaligen Zahlmeisters Walter Hanemann und seiner Frau Helene, geb. Linnemann, am 26. Juni 1921. Meine Geschwister zur Zeit meiner Geburt sind Ilse Wilhelmine Dorothea Ella, geb. 1910, Ludwig Dietrich August (1912), Dorothea Helene (1913), Ernst August (EA,1920). Nach mir werden noch folgende fünf Geschwister geboren: Karl Walter (1922, gestorben 1923), Karl Wilhelm Helmut (1924), Wolfgang und Walter (1925) und Hella Margarete (1926). Vater ist bei meiner Geburt noch Angehöriger der alten kaiserlichen Armee und zusammen mit anderen Heeresbeamten mit ihrer Auflösung nach den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages beschäftigt. Er hofft, als Zahlmeister in die neu aufzustellende Reichswehr übernommen zu werden, die nach dem Friedensvertrag nur über eine Mannschaftsstärke von 100 000 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere verfügen darf. Dazu kommt noch eine Marine von höchstens 15 000 Mann und wenigen veralteten Kriegsschiffen. Vaters Hoffnung auf Übernahme in die Reichswehr erfüllt sich jedoch nicht; er wird mit einer kleinen Abfindung und einer schmalen Pension, die nicht einmal zur eigenen Lebenshaltung, viel weniger zu der seiner Familie gereicht hätte, entlassen. Er erwirbt das Haus mit dem Feinkostgeschäft Luise Steinsiek, Oldenburg i. Oldb., Lange Straße 31. Hierzu steuert unsere Mutter den allergrößten Teil der Kaufsumme aus ihrem Erbteil bei. Ihr Vater, mein Großvater, ein selbständiger Maurermeister und Inhaber eines Baugeschäftes, ist kurz vorher gestorben und hat seinen Kindern ein kleines Vermögen hinterlassen. Es ist ohnehin das Klügste, das Geld in solch ein Projekt zu stecken, denn die folgende, 1923 galoppierende Inflation hätte den Wert des Erbteils sonst zunichte gemacht.

    Mit neun Kindern sind wir eine sehr große Familie. Im Laufe des Ersten Weltkrieges blockieren britische Seestreitkräfte die deutschen Küstengewässer und lassen keine Versorgungsschiffe in deutsche Seehäfen. Diese Blockade hält bis zum Inkrafttreten des Friedenvertrages von Versailles im Oktober 1920 an. Eine Folge der durch die schon im Ersten Weltkrieg entstandene Lebensmittelknappheit ist das grassierende Auftreten von Rachitis bei Neugeborenen. Rachitis entsteht durch den Mangel an Vitamin D, wodurch der Calcium- und Phosphathaushalt im Neugeborenen und damit die Knochenbildung gestört ist. Vermutlich erhielt die Krankheit den Namen „Englische Krankheit, weil die britische Seeblockade auch noch nach dem Waffenstillstand 1918 bis Oktober 1920 weiter besteht. Auch ich habe Rachitis, ebenso mein nächst älterer Bruder Ernst August (EA) und auch mein nächstjüngerer Karl Walter, der nur elf Monate alt wird. Ernst August, bis zu seinem etwa 12. Lebensjahr von uns „Bubi genannt, werden operativ beide Beine gebrochen und geschient, weil sie außerordentlich krumm zu wachsen drohen, eine allerdings sehr erfolgreiche Prozedur. Er wird später ein guter und kühner Sportler. Ich überstehe die Rachitis ohne chirurgischen Eingriff, darf mich allerdings erst mit drei Jahren richtig auf den Beinen halten.

    In frühester Erinnerung erlebe ich mich in einem Gitterbett stehend und EA zusehend, der auf dem Fußboden unseres noch nicht vollständig eingerichteten „Salons sitzt und spielt. Plötzlich fällt ein großer Spiegel, der lose an der Wand lehnt, um und verletzt EA im Gesicht. Er blutet stark und ich fange laut an zu schreien. Die Eltern stürzen herbei, Vater nimmt EA auf den Arm und trägt ihn hinaus. EA hat seitdem, auch im späteren Alter, eine Kreuznarbe auf der linken Wange. Eine weitere frühe Erinnerung: Ich bin immer noch im Gitterbett, das im „Salon steht. Er ist der dem elterlichen Schlafzimmer nächstgelegene Raum. Mutter spricht auf die weinende Schwester Dorothea (Thea) ein, nimmt sie in den Arm und streicht ihr liebevoll übers Haar. Thea ist nur in der Ferienzeit bei uns, die Schulzeit verbringt sie seit Herbst 1923 bei den väterlichen Großeltern in Blankenburg am Harz, die eine Schlachterei betreiben und so ihren Sohn entlasten, aber auch wenigstens eins ihrer Enkelkinder bei sich haben möchten. Bis Sommer 1926 bleibt sie dort. Aus ihren späteren Erzählungen höre ich, daß sie bei den Großeltern drei glückliche Jahre verbringt. Doch der Abschied von Eltern und Geschwister zu Ende der Ferien fällt ihr jedesmal schwer. Bemerkenswert ist, daß sie ihren Großeltern nichts von der Existenz ihrer jüngeren Geschwister erzählen soll, was sie anscheinend tatsächlich durchhält, wobei sie wohl die Unterstützung der Tante Ella hat, der jüngeren von zwei Töchtern der Großeltern. Ella ist eine hübsche Frau, die unverheiratet im Hause bleibt, aber von der Thea erzählt, daß sie nie erlebte, daß die Tante und der Großvater je mit einander gesprochen hätten, wobei die Sprachverweigerung zwischen ihnen offensichtlich von der Tante ausgeht. Thea glaubt, da wäre wohl mal etwas zwischen beiden vorgefallen, was „besser unter der Decke gehalten wurde. Der Großvater, recht vermögend, war ein Lebemann, größzügig, zu allen leutselig und nahm es mit Sitte und Moral vielleicht nicht allzu genau. Zu Thea ist er immer liebevoll, sie ist für ihn „die Kleine. Die Großmutter muß doch wohl ahnen – hat es vielleicht auch gewußt –,  daß die Familie ihres einzigen Sohnes größer ist, als er zugeben will. Jedenfalls kommt recht häufig ein dickes Paket mit Würsten und anderen Erzeugnissen der Schlachterei aus Blankenburg an.

    Weitere Erinnerungen: Meine älteste Schwester Ilse und Dorothea, die gerade aus Blankenburg bei uns in Oldenburg ihre Ferien verbringt, fahren mich in einem hohen Kinderwagen spazieren. Wir kommen an ein Bahngelände, es ist am Ende der Heiligengeiststraße, von wo es über die Bahngleisen zum Pferdemarkt geht. Wir sind auf dem Bahnweg der dicht vor dem Bahngelände in Richtung Hauptbahnhof verläuft und von den Gleisen durch einen Holzzaun abgesperrt ist. Die Schwestern bleiben stehen, gerade an der Stelle, wo der Zaun einen Knick nach rechts macht und wo es so aussieht, als wenn die vom Bahnhof abfahrenden Züge zunächst auf den Bahnweg hinzu fahren. Sie schwatzen miteinander und achten nicht weiter auf den Bahnbetrieb. Es kommt eine Lokomotive direkt auf uns zu, wie ich glaube; ich bekomme große Angst, daß sie uns überfährt und bitte die Schwestern, schnell weiterzugehen. Sie lachen mich aber nur aus und versuchen, mich zu beruhigen. Der Zug fährt an uns vorbei. Als ich ein Jahr später – mit vier Jahren – , schon richtig laufen kann, fahren die beiden großen Schwestern Ilse und Dorothea mit EA und mir in einem Bahntriebwagen nach Streek, vielleicht sechs bis sieben Kilometer vom Osternburger Bahnsteig entfernt in Richtung Sandkrug. In der Zeit gibt es dort noch viel freies, hügeliges Gelände mit fast weißen Sanddünen, ideal für Kinder zum Spielen. Die Schwestern bringen uns das Lied vom „Schneider Meck-Meck-Meck ..." bei; mir sind Bruchstücke davon bis heute im Gedächtnis geblieben und immer, wenn ich daran denke, sehe ich noch das Gelände mit den Sandhügeln, die EA und ich mühevoll hinaufklettern, um uns dann wieder hinunterpurzeln zu lassen.

    Unsere Mutter hat eine ledige ältere Verwandte in Apen im Ammerland. Tante Sophie ist häufig bei uns, um Mutter im Haushalt zu unterstützen, vor allem dann, wenn Familienzuwachs erwartet wird und noch einige Zeit danach. Sie ist eine fleißige und kinderliebe alte Frau, stets in einem langen dunklen Rock mit halblanger grau gemusterter Schürze und einer dunklen Bluse gekleidet. Sie trägt hohe, eng geschnürte schwarze Stiefeletten, immer blank geputzt, und auf dem Kopf eine schwarze Haube, unter der ein wenig silbrig weiße Haare hervorlugen. Sie läßt mich manchmal, wenn sie das Mittagessen zubereitet, im brennenden Küchenherd mit einem Schürhaken herumstochern. Zur besorgten Mutter sagt sie beruhigend: „Lat de Jung man schürn, Leni, ick paß schon op." Dies erzählt mir Mutter viel später, als ich schon zur See fahre. Einmal nimmt mich die Tante ein paar Tage mit nach Apen, wo ihr Bruder mit seiner Familie lebt und wo auch ihr eigentliches zu Hause ist. Ihr Bruder betreibt dort eine Landschmiedewerkstatt. Seine beiden Jungen spielen mit mir, indem sie mich in einen Bollerwagen setzen und dann mit mir in hohem Tempo über die Landstraße laufen. Nachts schlafe ich bei Tante Sophie im Bett mit einer riesigen Federbettdecke zum Überdecken.

    Zu meinen weiteren frühen Erinnerungen gehört, daß sich das Leben auf der Straße – die Langestraße bildete zusammen mit den benachbarten Straßen das Zentrum Oldenburgs – in der Zeit von 1924 bis nach 1933 sehr politisch abspielt. Häufig sind die Häuser beflaggt, die meisten mit den oldenburgischen Farben Blau-Rot, den Stadtfarben Gelb Rot Gelb Rot Gelb oder den alten, nicht mehr rechtmäßigen Reichsfarben von 1871 Schwarz-Weiß-Rot. Kaum ein Haus zeigt die republikanischen offiziellen Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold. Auch die alte Fahne unseres Hauses, die bei nationalen Feiertagen aus dem obersten Fenster gehisst wird, zeigt die Farben Schwarz-Weiß-Rot. Die schwarze Farbe ist allerdings schon reichlich verschlissen und sieht eher dunkelgrün aus, wenn man genau hinsieht. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wird von den meisten Bürgern als Deutschlands Glanzzeit gesehen, der nach dem Krieg nach Holland geflohene Kaiser Wilhelm II. wird immer noch als der eigentliche legitime Herrscher des Reiches verehrt. Auch in unserem Haus hängt auf halber Treppe das Konterfei des Kaisers mit einem Adler auf seinem Helm. So ließ sich Wilhelm II. gern porträtieren. Von den politischen Linken wird er allerdings spöttisch „Wilhelm, der Holzhacker genannt. Er soll sich in seinem Asyl auf Schloß Doorn in Holland vorzugsweise mit der Versorgung seines Anwesens mit Heizmaterial beschäftigen und wirft die Holzscheite, die ihm seine Arbeiter auf schubkarren bringen, in hohem Bogen in den Holzschuppen. Er und seine Gemahlin, die ‚Kaiserin‘, legen Wert darauf, von allen Bediensteten und Besuchern des Anwesens mit „Majestät angesprochen zu werden.

    An Stelle des Kaisers ist in der nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg entstandenen Weimarer*) Republik der Vorsitzende der Sozialdemokrarischen Partei, Friedrich Ebert, als Reichspräsident getreten, von der Nationalversammlung 1919 gewählt und 1922 vom Reichstag bestätigt unter Verzicht einer Volkswahl. Obwohl ein kluger Vermittler zwischen den verschiedenen und divergierenden politischen Interessen im Reich wurde ihm im Laufe seiner Amtszeit immer weniger Achtung entgegen gebracht und er war mehrmals genötigt, die Gerichte wegen gehässiger Verunglimpfung und persönlicher Beleidigung durch seine politischen Gegner anzurufen. Er starb im Februar 1925. An seine Stelle wurde in einer Volkswahl mit Unterstützung der Rechtsparteien der ehemalige kaiserliche Generafeldmaschall Paul von Beneckendorf und Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt. Ihm wurde im Laufe seiner Amtszeit wie ein Ersatzkaiser gehuldigt; er

war der legendäre „Sieger von Tannenberg und Masuren, wo er 1914 mit seiner Armee die anstürmenden russischen Armeen zurück schlug. Von manchen Sachkennern wird allerdings das Verdienst des Sieges seinem Generalstabschef, General Ludendorff, zugebilligt. Jedenfalls war mit Hindenburg ein Mann an die Spitze des Reiches getreten, dem die nach der anfänglich republikanischen Euphorie mehrheitlich monarchisch gesinnte Bevölkerung eher zutraute, Deutschland nach dem „Schandvertrag von Versailles wieder mehr Ansehen in der Welt zu verschaffen als ein demokratischer Politiker, von welcher Partei er auch sein mochte, wobei unter „Ansehen in der Welt vor allem der Respekt vor militärischer Macht verstanden wurde. Hindenburg hat zwar zu Beginn seiner siebenjährigen Amtszeit den Eid auf die Verfassung des Deutschen Reiches geleistet, bekannt als die „Weimarer Verfassung und am 11. August 1919 in Kraft getreten, hat aber kein Liebesverhältnis zu der in der Verfassung festgelegten Demokratie. Praktisch bricht er den 1932 nach seiner Wiederwahl erneut geleisteten Eid mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933.

    *) In Weimar wurde am 11. August 1919 die Verfassung des Deutschen Reiches (als Grundgesetz) von einer demokratisch gewählten Nationalversammlung beschlossen.

    Ich erinnere mich an den Besuch Hindenburgs in Oldenburg kurz nach seiner ersten Wahl zum Reichspräsidenten 1925. Er war lange vor dem Ersten Weltkrieg Kommandeur des Infanterie Regiments 91 in Oldenburg gewesen, dessen Veteranen ihn mit Unterstützung der in Oldenburg stationierten Reichswehr zu einer Jubelfeier einluden. Die Straßen, die er in seiner von sechs Pferden bespannten offenen Kutsche passiert, darunter auch unsere Langestraße, sind mit Girlanden über den Straßen geschmückt, alle Häuser sind beflaggt, die Bürgersteige voll von Menschen, die von einer Polizei- und Reichswehrsoldatenkette zurück gehalten werden und die bei seiner Vorbeifahrt laut „Hoch Hoch Hoch rufen, wobei der „Greise Feldmarschall, wie er in den nationalen Zeitungen gern genannt wird, ständig seinen Hut abnimmt und den Menschen, die ihm auch aus den offenen Fenstern der Häuser zujubeln, mit halb erhobener Hand zuwinkt. Da ich noch klein bin und nicht über die Fensterbrüstung sehen kann, hat mich einer meiner beiden Onkel, die auch zugegen sind, um an dem Ereignis dabei sein zu können, hoch gehoben und, mich festhaltend, auf die Fensterbank gestellt.

    EA hat viel vom vergangenen Krieg, dem Ersten Weltkrieg, aufgeschnappt und erzählt mir darüber. Er singt mir vor „Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen, sterben als ein tapf’rer Held .... Ich singe es ihm nach, verstehe das aber als Frage „Siegreich, woll’n wir Frankreich schlagen? Warum soll Siegreich Frankreich schlagen? Was hat Frankreich ihm denn getan? „Das verstehst du noch nich, da bist du noch viel zu klein für, erwidert EA stolz, als ich ihn frage, warum wir mit Siegreich Frankreich schlagen sollen und wo denn Siegreich und Frankreich sind. Und sterben will ich auch nicht und auch kein tapferer Held sein. „Jeder Mann muß in den Krieg, behauptet EA auf meine Frage, wer denn den Krieg macht, und warum die sich dann tot schießen und daß ich darum später nicht in den Krieg gehen will.

    Solche Lieder, die den Krieg verherrlichen, werden nach dem Ersten Weltkrieg auch von Erwachsenen noch gesungen, als ob man die Schmach des verlorenen Krieges 1918 ungeschehen machen könnte durch einen neuen Krieg gegen Frankreich. Erst später lerne ich, daß dieses Lied 1914 von den einrückenden Soldaten, wenn nicht schon 1870/71 im Krieg gegen Frankreich, gesungen worden war.

    Als ich einmal an unserem großen Mittagstisch naiv und ohne irgendwelches Verstehen frage, ob eine Frau auch ein Kind bekommen könne, wenn ihr Mann im Kriege wäre – vom vergangenen Krieg war ja bei uns häufig die Rede – , werden die Erwachsenen böse und verbitten sich solche Fragen. Selbst der älteste Bruder Ludwig empört sich scheinheilig. Er ist nicht wirklich prüde und hätte mich sicher unter vier Augen aufgeklärt. Gespräche über Kinder bekommen sind in unserer Familie und ebenso in uns bekannten Familien tabu. Sexualität und alles, was dazu gehört, werden in Gesprächen peinlich vermieden, zumindest nicht beim Namen genannt, jedenfalls nicht zwischen Eltern und Kindern. Daß unser „Dienstmädchen" Grete uns beim sonnabendlichen Baden hilft, scheint unseren Eltern jedoch nichts auszumachen. Grete ist da wohl für sie eine Art Neutrum.

Wir haben nacheinander verschiedene „Dienstmädchen", so werden Hausgehilfinnen in dieser Zeit genannt. Hanni kommt aus Brake. Sie fährt oft sonnabends nach Hause zu ihren Eltern und einmal darf sie mich mitnehmen. Abends geht sie mit einer Freundin und mit mir an der Hand noch an der Weser spazieren und die beiden Mädchen unterhalten sich eine Weile unter viel Gelächter mit einem Seemann auf einem angelegten Schiff, das mir damals riesig vorkommt. Wahrscheinlich ist es ein Kümo*), das entladen war, darum wenig Tiefgang hat und deshalb hoch über der Wasseroberfläche ragt. Es ist das erste Mal, daß ich ein Schiff sehe und es macht einen ungeheuren Eindruck auf mich. Ich denke, auf solch einem Schiff möchte ich später, wenn ich groß bin, auch gern leben. Von der Seefahrt weiß ich aber noch nichts. Daß ich einst auf größeren Schiffen leben und fahren würde, liegt ja noch in weiter Ferne.

    *) Küstenmotorschiff, von Seeleuten auch Klütenewer genannt. Ewer waren früher ein- oder zweimastige Küstensegler mit flachem Boden, die neben dem Schiffsführer nur ein oder zwei Mann Besatzung hatten. Klüten sind Kartoffel- oder Mehlklöße. Auf dem „Klütenewer" soll es nur Klöße zum Essen gegeben haben, weil der Schiffseigner, häufig der Schiffsführer selbst, aus Geiz seinen Leuten kein besseres Essen bieten wollte.

Eines unserer „Dienstmädchen heißt Alma. Sie ist groß und schon etwas älter. Bei EA, meinem nächst jüngeren Bruder Karl Wilhelm (KW) und mir ist sie sehr beliebt, weil sie sich viel mit uns beschäftigt. Leider heiratet sie aber bald und wohnt dann in der Kurwickstraße, knapp fünf Minuten von uns entfernt. Wenn ich mittags von der Grundschule komme, sehe ich häufig zu ihr hinein und wir unterhalten uns dann und ich erzähle ihr von der Schule und dem, was ich wieder gelernt habe. Alma arbeitet in einem zur Straße offenen Raum, der wohl noch zum Gasthof „Zum Grafen Anton Günther gehört. Sie hört mir immer interessiert zu und fragt mich auch manches. Einmal fällt etwas auf das Straßenpflaster, was wie der Rest eines Frühstückeis aussieht und ich rufe „Oh guck mal, der liebe Gott hat ein Ei gegessen und ich verstehe gar nicht, warum Alma und die anderen Leute, die in der Nähe sind, darüber laut lachen müssen. Ein anderes Dienstmädchen ist nur kurze Zeit bei uns; Vater wirft sie unter heftigem Schelten hinaus. Sie hat gestohlen und ist, als die Eltern es merken, noch unverschämt geworden. Zuletzt kommt Grete, die dann mehrere Jahre bei uns ist und eigentlich nach kurzer Zeit fast zur Familie gehört. Sie ist vielleicht fünfzehn, höchstens sechzehn Jahre alt, als sie aus Ostfriesland zu uns kommt. Ich sehe sie noch, wie sie eines frühen Abends am Küchenherd steht und EA, KW und ich alles Mögliche von ihr wissen wollen und sie ein bißchen schüchtern und verlegen versucht, unsere Neugierde zu befriedigen. Wir mögen sie gern und auch die Eltern sind sehr zufrieden mit ihr. Als sie nach vielleicht zwei Jahren die Stellung wechseln will, lassen die Eltern sie ungern gehen und Vater sagt zum Abschied zu ihr: „Grete, Sie kommen wieder, das weiß ich. Er behält Recht, sie ist nach kurzer Zeit wieder da und bleibt bei uns bis zu ihrer Verheiratung mehrere Jahre später.

    Grete hat eine ältere Schwester, Käthe, die auch in Oldenburg „in Stellung ist. Abends besucht sie Grete manchmal. Zum Oldenburger Kramermarkt im Frühherbst hat sich eine Gesangsschaustellergruppe auf der Heiligengeiststraße aufgestellt, die den Menschen Texte mit „Tränenliedern aus der Küche *) und Schlagern verkauft und ihnen dann gleich die Melodien dazu beibringt, immer nur, wenn genügend Geld hereingekommen ist, was manchmal dauert.*) Grete und Käthe sind auch einmal mit Begeisterung dabei und sie singen zusammen am nächsten Spätnachmittag in unserer Küche das Lied vom Fremdenlegionär „Gefangen in maurischer Wüste und das vom ‚Negersklaven‘ „Nach der Heimat möchte ich eilen. Meine Schwester Ilse begleitet sie dabei auf der Ziehharmonika. Sie hat sich eine Hohner gekauft und nimmt zu der Zeit Unterricht bei der Frau vom Inhaber des Musikhauses Ursin, nur wenige Meter von unserem Haus entfernt.

    *) Den Titel „Tränenlieder aus der Küche" habe ich einer Schallplatte mit dem gleichnamigen Titel aus der Europaserie, Ausgabe E373, entnommen.

    Ich bin mit Ilse auf dem Cäcilienplatz, wir hören Chormusik aus dem nahe liegenden Theater. Es wird die Oper „Cavalleria Rusticana von Pietro Mascagni geübt, wie die vom Theater begeisterte Schwester mir erklärt. Ein anderes Mal sitze ich im Garten der Eltern von Annemarie, Ilses Freundin. Ich lese „Robinson Crusoe, aus dem Hause ertönt Radiomusik, eine Frauenstimme singt ein Lied, das mich etwas traurig berührt. Es ist „Solveighs Lied aus der Musik zu „Peer Gynt von Edvard Grieg. Irgendjemand sagt es mir, als ich danach frage. Als einmal im Radio etwas aus der Oper „Cavalleria Rusticana angesagt wird, frage ich den gerade anwesenden ältesten Bruder Ludwig, was das heiße, und er antwortet spontan „Russische Kavallerie. Ilse lacht, als ich es ihr erzähle: „Ja, Ludwig und die Musik. Klassische oder Opernmusik gehören nicht zu Ludwigs Neigungen. Für ihn sei der Lärm von Rennmotorrädern genauso schöne Musik wie für mich der „Bolero von Ravel, meint er viele Jahre später einmal zu mir. Trotzdem vertragen wir uns, auch bei größeren Meinungsunterschieden.

    Meine Schwester Ilse liebt das Theater und möchte selbst gern Schauspielerin werden. Ihr Vorbild ist die berühmte junge Schauspielerin Elisabeth Bergner*), für die viele junge Mädchen in der Zeit schwärmen. Ilse hat mehrere Fotografien von der Bergner aus deren verschiedenen Filmrollen in ihrem Zimmer an der Wand hängen oder auf ihrem Schreibtisch stehen. Sie selbst versucht sich zu kleiden und ihr Haar zu frisieren nach dem Bild ihres Idols. Sie nimmt sogar auf eigene Kosten Schauspielunterricht bei dem Dramaturgen Dr. Uhlenbruch in Oldenburg. Ilse überredet mich, an den Proben und der Aufführung des Kindersingspiels „Wir bauen eine Stadt von Paul Hindemith –  ein Projekt von Dr. Uhlenbruch – teilzunehmen. Etwa im Februar oder März 1933 verbietet auf Betreiben des damaligen nationalsozialistischen oldenburgischen Ministerpräsidenten Karl Röver die Landesregierung jede Weiterarbeit an dem Projekt. Hindemiths Kompositionen und Opern sind bei den Nazis verfemt und gehören für sie zur von ihnen so genannten „Entarteten Kunst.

    *) Elisabeth Bergner (eigentl. Ettel) geb. 22. August 1897 in Drohobycz/Galizien, gest. 12. Mai 1986 in London.  Die Bergner war eine aparte, äußerst talentierte Schauspielerin und in den zwanziger und dreißiger Jahren der Schwarm fast aller Theater- und Filmliebhaber, besonders der jungen. Sie spielte an den großen Bühnen in Wien, Zürich. München, London und Berlin. 1933 kehrte sie von Filmaufnahmen in London nicht nach Deutschland zurück und übersiedelte nach Kriegsbeginn in die USA. Erst Jahre nach dem Krieg spielte sie wieder in Deutschland und auch in großen Rollen im Fernsehen. (Quelle: Wikipedia)

    Unsere Mutter sieht Ilses Schauspielambitionen sehr skeptisch und versucht alles, sie davon abzubringen. Eines Nachmittags, nach einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Ilse, schließt die sich im Badezimmer ein, läßt warmes Wasser in die Badewanne einlaufen, löscht die Flamme des Gasofens und steigt in die Wanne. Mutter hat den richtigen Verdacht und, nachdem sie feststellt, daß das Badezimmer verschlossen ist und sie nur noch Ilses leises Stöhnen hört, holt sie unseren ältesten Bruder Ludwig zu Hilfe. Der verschafft sich Zutritt zum Flachdach des Nachbarn, das auf fast gleicher Höhe unseres Badezimmerfensters liegt, schlägt mit einem Brett das Badezimmerfenster ein und kann dann in das Zimmer einsteigen, wo er die Tür öffnet, Ilse aus der Wanne hebt und sie ins Nebenzimmer bringt. Die herbeigeholte Ärztin stellt bei Ilse eine leichte Leuchtgasvergiftung fest und überweist sie ins Krankenhaus, von wo Ilse nach ein paar Tagen entlassen wird. Ich bekomme das, was da passiert ist, deswegen mit, weil ich als Einziger von uns anderen Geschwistern im Hause bin, niemand sich jedoch während dieser Ereignisse mit mir beschäftigt. Ich versuche danach, Ludwig mit meinen Fragen, was da los war und wohin Ilse gebracht worden sei, zu löchern. Ludwig bleibt zuerst zurückhaltend, erzählt mir aber etwas später, daß Ilse einen Unfall gehabt hätte und nun im Krankenhaus sei. Viele Jahre danach, Anfang des Krieges, Ludwig ist Unteroffizier der Wehrmacht und wegen einer Verletzung Rekonvaleszent im Wehrmachtslazarett Kreyenbrück, erzählt er mir, als ich ihn daran erinnere, was damals mit Ilse passiert war, daß sie einen Selbsttötungsversuch unternommen hätte, weil sie ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden, nicht durchsetzen konnte. Er glaubt aber nicht, daß sie sich wirklich umbringen, sondern sich vor allem bei Mutter durchsetzen wollte. Nach dem Vorfall gibt Ilse ihr Vorhaben auf und die Eltern richten ihr auf dem Dachboden aus der alten Gerümpelkammer ein schönes kleines Wohn- und Schlafzimmer ein, in dem sie ihr eigenes Reich hat. Ihre Liebe zum Theater und zur Schauspielerei behält sie jedoch bei. Zwischen Ilse und Ludwig entsteht nach dem Vorfall ein besonders inniges und vertrautes Verhältnis trotz ihrer völlig unterschiedlichen Interessen.

    An demonstrative Umzüge von vaterländischen Verbänden, Parteien, Kommunisten und anderen „linken Organisationen, hauptsächlich Gewerkschaften, erinnere ich mich; die Nazis sind erst in den späten zwanziger Jahren in Oldenburg dabei. Die Atmosphäre hat häufig etwas Revolutionäres und auch Kriegerisches an sich. Vater besitzt einen Gummiknüppel im Geschäft, der unter dem Tresen versteckt ist, weil er Überfälle von „vaterlandslosem Gesindel befürchtet, womit er vor allem Kommunisten meint. Es passiert jedoch nie etwas. Vater ist Mitglied des „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, einer nationalistischen und militaristischen Vereinigung ehemaliger Angehöriger der kaiserlichen Armee, die im Ersten Weltkrieg in einer der kämpfenden Einheiten Dienst getan hatten. Damit ist er aber auch ein erklärter Gegner aller demokratischen und sozialistischen Parteien und Ideen. Kommunisten sind für ihn fast Kriminelle und „vaterlandsloses Gesindel deswegen, weil für sie die Sowjetunion das „Vaterland der Werktätigen ist. Seine Abneigung gegen Kommunisten hindert ihn jedoch nicht daran, einmal in der Woche einem Mitglied der KPD deren Parteizeitung „Die Rote Fahne abzukaufen und mit ihm zu diskutieren.

    Mit fünf Jahren komme ich in den Kindergarten, meine Erinnerungen daran sind nicht sehr gut. Das gemeinsame Frühstück mit warmer Milch, die ich nicht mag, das Pipimachen unter Aufsicht. Eine Kindergärtnerin hält einmal mein Glied, wohl damit ich nicht auf den Rand der Klobrille pinkel, und fragt mich, warum mein Urin so hell sei, ob ich viel Wasser getrunken habe. Sie hält Wassertrinken wohl für ungesund. Ich bin sicher kein braver Junge im Kindergarten und werde manchmal mit Eckenstehen und Eintragungen ins „Schwarze Buch bestraft, was man mir ausdrücklich unter die Nase hält, obwohl ich ja noch nicht lesen kann. Als ich mich schließlich zuhause weiger, weiter in den Kindergarten zu gehen, ändert sich die Lage für mich spontan: Ich werde plötzlich zu einem der Lieblinge der Kindergärtnerinnen und auch ins „Goldene Buch eingetragen, was man mir natürlich auch zeigt. Vater hat wohl ein Machtwort mit der Leiterin gesprochen.*) Ein halbes Jahr später, als ich schon die erste Klasse der Grundschule besuche, zieht es mich noch ein paar mal an den Ort meiner kindlichen Leiden und Freuden zurück, besuchsweise. Die Vergangenheit wird anscheinend auch im kindlichen Gemüt schon als etwas zwar Überwundenes, unbewußt aber auch als etwa unwiederbringlich Verlorenes gefühlt. Im Kindergarten wird mir auch zum ersten Mal der körperliche Unterschied zwischen Jungen und Mädchen bewußt, obwohl man diesen Unterschied streng vor unseren Blicken zu verbergen sucht. Jedenfalls wird hier meine Neugier und auch ein Verlangen nach Berührung („Anfassen") geweckt.

    Ein Kinderlied, gelernt im Fröbelschen Kindergarten in Oldenburg im Jahr 1927:

Wer will unter die Soldaten

                                                Der muß haben ein Gewehr

                                                Der muß haben ein Gewehr

                                                Das muß er mit Pulver laden

                                                Und mit einer Kugel schwer.

    *) Bei der viele Jahre späteren Lektüre des Romans „Feldmünster" von Franz Graf Zedtwitz dachte ich an eine gewisse Parallelität der Erlebnisse des Jesuitenzöglings Robert Neitperg zu den meinen.

Einmal spiele ich mit einigen anderen Jungen am Wall, der hinter dem Spazierweg abschüssig zum Stadtgraben, der Haaren, verläuft, sodaß wir bei Hochwasser direkt ans Wasser gelangen können. Wir finden an der Böschung eine Art weißen, fast durchsichtigen Gummischlauch, der nur eine Öffnung mit einem steifen Ring umzu hat, so daß wir den „Schlauch mit Wasser und kleinen Fischen, Stichlingen, die wir in der Haaren fangen, füllen können. Mit unserem Fang gehen wir durch die Langestraße bis zu unserm Haus. Unterwegs sprechen uns einige Erwachsene an, etwa: „Da habt ihr aber einen tollen Fang gemacht, und lachen dabei. In unserem Haus angekommen, sieht mich unser Vater entsetzt an, nimmt mir den tollen Fang weg, läuft zur Toilette und schüttet das Wasser mit den Fischen und dem „Schlauch hinein, ohne sich noch weiter um mich und meine Spielgefährten zu kümmern. Unsere Mutter ist ahnungslos und will von Vater wissen, was das denn sei. Vater erklärt ihr etwas, was ich nicht verstehe. Später sagt mir ein größerer Junge, der das alles mitgekriegt hat, der „Schlauch sei ein „Pidelüberzieher gewesen. Wozu der gebraucht würde und warum er dort am Ufer der Haaren lag, kann uns der Schlauberger trotz vieler Worte auch nicht verständlich erklären. Später zeigt mir mein Freund Kurt eine leere Packung „Fromms Akt mit einer Beschreibung der Anwendung, die irgend etwas über die Verhütung von Krankheiten enthält. Daraus können wir uns überhaupt keinen Reim machen. Wie sollen wir auch, solange wir nicht wissen und nicht wissen dürfen, was Mann und Frau manchmal miteinander treiben, wenn sie allein sind.

Obwohl seit Sigmund Freuds Erkenntnissen frühkindliche Sexualität kein Tabuthema mehr hätte sein sollen, war sie das dennoch in den meisten bürgerlichen und noch mehr kleinbürgerlichen Familien. So werden auch wir erzogen, vor allem wir Jungen in der Familie. In unserem Bekanntenkreis ist es nicht anders. Wenn die Eltern Selbsbefriedigung bei uns feststellen oder auch nur ahnen, gibt es Drohungen mit dem Doktor und mit „abschneiden. In klassenbewußten Arbeiterfamilien, die den Sozialdemokraten oder Kommunisten oder ihnen nahestehenden Vereinen und Gruppierungen angehören, gibt es weniger Prüderie. Jugendliche beiderlei Geschlechts gehen zusammen auf Fahrt, praktizieren auch Freikörperkultur und bisweilen auch „freie Liebe, ohne sich direkt auf Sigmund Freud und seine Schüler zu berufen. Dies ist aber nicht allgemein bekannt und in den bürgerlichen und nationalen Gesellschaften bis hin zu den Nationalsozialisten streng verpönt und wird als unsittlich und jugendverderbend denunziert, woran die beiden Kirchen großen Anteil haben.

                                                     Meine Geschwister und ich. Linkes Bild: ich, Ernst August und Karl Wilhelm.

                                                         Rechtes Bild mit meinen älteren Schwestern Dorothea (links) und Ilse.

                                           (Die Fotos wurden im Sommer 1928 auf dem Hof unserer  Onkel Linnemann aufgenommen)

    Wir werden von unserer Mutter angehalten, beim Zubettgehen ein

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