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Die sieben Zypressen
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eBook256 Seiten3 Stunden

Die sieben Zypressen

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Über dieses E-Book

Eigentlich sollen Inspektor Blake und Sergeant McGinnis lediglich den vermissten Bauingenieur Richard Cunningham finden. Doch plötzlich werden sie mit einem ungewöhnlichen Mord konfrontiert. Und nicht nur der bereitet ihnen Kopfschmerzen. Ein seltsamer Arzt, ein merkwürdiger Vogelforscher und eine adlige Familie tun ihr Übriges dazu. Die beiden Kriminalbeamten geraten in einen Sog aus Intrigen und Lügen. Schnell bemerken sie, dass ihnen die Zeit davonrennt, denn das Morden hat gerade erst begonnen ...
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum4. Dez. 2019
ISBN9783750259362
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    Buchvorschau

    Die sieben Zypressen - Thomas Riedel

    Die sieben Zypressen

    Unbenannt - 2.jpg

    Die sieben Zypressen

    Mystery-Thriller

    von

    Anna-Lena & Thomas Riedel

    Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar

    2. Auflage (überarbeitet)

    Covergestaltung:

    © 2019 Susann Smith & Thomas Riedel

    Coverfoto:

    © 2019 depositphoto.com

    Impressum

    Copyright: © 2019 Anna-Lena & Thomas Riedel

    Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

    ISBN siehe letzte Seite des Buchblocks

    »Ich kenne euer Tun. Ich weiß, dass ihr weder warm noch kalt seid. Wenn ihr wenigstens eins von beiden wärt!«

    Offenbarung 3 : 15

    Unbenannt - 2.jpg

    Kapitel 1

    M

    »Mir gefällt das nicht, Lewis! Ganz und gar nicht!« rief die gertenschlanke, äußerst attraktive Blondine ihrem Arbeitgeber nach, der eilig davonhastete.

    Es war bereits später Herbst und die augenblickliche Wetterlage mörderisch. Eisig kalt blies der heftige Ostwind eine immer dichter werdende Nebelbank vom nahen Nordatlantik über das die Landschaft bedeckende weite und beeindruckende schottische Hochmoor der alten Grafschaft Sutherland.

    »Sie werden sich draußen noch den Tod holen, junger Mann!« brummte Doktor Mac Clesfield ihm lautstark hinterher.

    »Danke für Ihren Rat«, rief Gaskell mürrisch zurück. »Sie scheinen mir nicht mal das Leben zu kennen, Doktor! Wie sollten Sie da den Tod kennen?«

    Clesfield lachte geringschätzig.

    Lewis Gaskell mochte den seltsamen alten Landarzt nicht, der stets eine übel riechende Scotchfahne vor sich hertrug und laufend wie ein Irrer kicherte. Es sollten die letzten Worte sein, die der kräftige Bauingenieur in seinem Leben hörte. Gaskell konnte in diesem Augenblick nicht ahnen wie Recht der Mediziner mit seiner Behauptung haben würde.

    Für seinen späten nächtlichen Spaziergang gab es einen jedoch guten Grund. Gaskell ging es um seinen Assistenten Richard Cunningham. Eine Woche war es nun her, dass dieser mit einer Mappe sehr wichtiger Projektunterlagen verschwunden war – völlig spurlos – gerade so, als habe er sich im Dunst des steten Herbstnebels aufgelöst. Cunningham hatte sprichwörtlich der Erdboden verschluckt.

    Gaskell zog den Gürtel seines langen alten schwarzen Ledermantels fester und stellte den Kragen hoch. Der feuchte Nebel legte sich schwer auf seine Lungen, als er die massive Holztür des heruntergekommenen ›Wallace Inn‹ hinter sich ins Schloss fallen ließ. Es war das einzige Gasthaus mit angeschlossener Pension in Tongue, einer gottverlassenen Kleinstadt in den Highlands, in deren unmittelbaren Nachbarschaft er eine Fabrik für einen ihm unbekannten Zweck bauen sollte. Kleinstadt? Für Lewis Gaskell traf es das nicht wirklich. Tongue war für ihn kaum mehr als ein Dorf. Die nächste größere Stadt lag gut vierzig Meilen entfernt.

    Seine linke Hand, tief in der Manteltasche vergraben, umklammerte ein schmieriges Stück Papier.

    »Kommen Sie um Mitternacht

    zur Monterey-Zypressengruppe!

    Dort werden Sie erfahren,

    was mit Cunningham geschehen ist

    Im Zimmer seines Assistenten hatte er eine ähnlich lautende Botschaft gefunden:

    »Um Mitternacht bei den sieben Zypressen!«

    Plötzlich und unvermittelt tauchten, an der mehrfach gewundenen Straße, rechts vom ihm, die windzerzausten sieben Bäume auf. Sie standen einfach inmitten des weiten Moores. Nur diese sieben Bäume und sonst keine. Kaum hatte Gaskell die Monterey-Zypressen ausgemacht, da löste sich eine hochgewachsene, recht schmale Gestalt aus den dicken Stämmen heraus.

    Der Bauingenieur ließ sie auf ein paar Meter herankommen. Als er einen altmodischen langen schwarzen Umhang erkannte, holte er sein silbernes Sturmfeuerzeug hervor und knipste die Flamme an.

    So mühelos und gleichmäßig, wie sich die Gestalt ihm näherte, gewann Gaskell den Eindruck als würde sie über dem weichen Boden geradezu dahinschweben.

    Für den Bruchteil einer Sekunde ließ das flackernde Licht unter der weiten Kapuze das Gesicht des Fremden erkennen.

    Lewis Gaskell stockte der Atem. Ihm gefror das Blut in den Adern. Was er da sah konnte nicht sein. So etwas gab es nicht! Nicht im 21. Jahrhundert und schon gar nicht hier in Schottland.

    Es war eine bleiche, kantige und vernarbte Fratze, die von einem Paar Zähne beherrscht wurde, das jedem Säbelzahntiger Ehre gemacht hätte.

    Durch die Kehle des Bauingenieurs bahnte sich ein gurgelnder Schreckenslaut seinen Weg. Ungläubig und völlig starr vor Entsetzen sah er in die dunklen blutunterlaufenen toten und weit aufgerissenen Augen der unheimlichen Gestalt, die sich ihm weiterhin lautlos näherte. Hände mit langen, krallenähnlichen Fingern, die gefährlichen Klauen ähnelten, streckten sich ihm entgegen. Die langen spitz zulaufenden Fingernägel erinnerten ihn an aufgepflanzte Bajonette an Gewehrläufen.

    Er hatte den gespenstischen Anblick noch nicht verarbeitet, da spürte der Bauingenieur auch schon den eisigen Atem des anderen an seiner Wange. Lewis Gaskell erschauderte bei der Berührung der kalten, feuchten Hände, von denen noch das Wasser tropfte. Auch der schwarze Umhang der Kreatur war klamm.

    All das sah und nahm er wahr mit jener brillanten Schärfe und Klarheit, von der man sich erzählt, dass diese das Letzte sei, was einige Menschen kurz vor ihrem Tod erfahren würden.

    Voller Entsetzen schrie er auf.

    Lewis Gaskells greller Schrei war noch nicht ganz verhallt, da legte sich auch schon etwas Weiches, süßlich Duftendes über ihn, das ihn völlig seiner Sinne beraubte. Und vermutlich war es das Beste, das ihm in seiner Lage noch widerfahren konnte.

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    Kapitel 2

    P

    atrick MacDougall schimpfte wie es ein Rohrspatz nicht besser hätte machen können. Er verfluchte Gott und die ganze Welt, vor allem aber verteufelte er die gesamte Automobilindustrie. Erst machte ihm der immer dichter werdende Küstennebel zu schaffen, so dass er kaum noch einen Yard von der Stelle kam und dann zerbarst unter der Fahrgastzelle irgendetwas mit einem widerlichen Geräusch. Augenblicklich stand sein alter roter Mini Cooper wie einzementiert. Und als wenn all das nicht schon genug war, es passierte auch noch auf dieser gottverlassenen Landstraße, auf die er sich verfahren hatte. Doch er hatte ja nicht hören wollen, als sein bester Freund Ken, der auch gleichzeitig der Mechaniker seines Vertrauens war, ihm geraten hatte sich endlich von Mary-Ann, wie er seinen Mini liebevoll nannte, zu trennen. Aber MacDougall hing einfach an dem kleinen Wagen.

    Der Handelsvertreter hatte nicht die geringste Lust, sich auf der Suche nach einer Ansiedlung obendrein auch noch im Moor zu verlaufen und bereitete sich auf das vermeintlich kleinere Übel vor. Verärgert über die Panne klappte er den Fahrersitz soweit es ging zurück und wickelte sich in seinen rostbraunen gefütterten Mantel. Bei Tagesanbruch würde er weitersehen, dann wäre auch der gespenstische Nebel verflogen.

    Mit dem Einschlafen war das jedoch so eine Sache, es wollte ihm nicht recht gelingen. Die nächtlichen Geräusche hielten ihn wach. Von Zeit zu Zeit vernahm er ein leises Blubbern, und zwar immer dann, wenn eine der zahlreichen Gas-Blasen die Oberfläche erreichte und in den sumpfigen Lachen zerplatzte. Und dann waren da noch die unheimlichen Rufe einer Eule.

    Doch plötzlich mischte sich in die Geräuschkulisse der panische Schrei eines Menschen, der um sein Leben zu fürchten schien. Es war ein Schrei größter Not und Qual. Er ging MacDougall durch Mark und Bein.

    Erschrocken und schaudernd fuhr der dicke Handelsvertreter hoch und stieß dabei schmerzhaft mit seinem Kopf gegen den Himmel seines Wagens.

    Hastig blickte er sich nach allen Seiten um. Zunächst konnte er nichts in der Dunkelheit entdecken. Dann aber meinte er in den Nebelschwaden einen Schatten zu erkennen. Er kniff ein wenig die Augen zu um besser sehen zu können. Dort drüben bei einer verschwommen sichtbaren Baumgruppe hockte jemand. Da war eine dunkle Gestalt zu entdecken, die vorher nicht dort gewesen war - zumindest hatte er sie vorher nicht wahrgenommen.

    So schnell er konnte öffnete der korpulente Vertreter die Fahrertür, bugsierte seine vom langen sitzen steifen Glieder aus dem Wagen und lief auf den Kauernden zu.

    »Hallo, können Sie mir...«

    Er kam nicht dazu den Satz zu vollenden, denn kaum hatte er lauthals zu ihr herübergerufen, da schreckte die schwarze Gestalt auch schon hoch.

    Für den Bruchteil einer Sekunde erfasste Patrick MacDougall ein schemenhaftes bleiches Gesicht. Ehe er sich versah, hatte der Schwarze ein Bündel aufgenommen und sich von ihm abgewandt. Nun schien er förmlich durch den Nebel dahinzugleiten.

    Keine Schritte waren zu hören – nichts! Verwundert und auf gewissen Weise magisch angezogen, folgte der Handelsvertreter der mysteriösen Gestalt, die sich bereits in den dichten Nebelschleiern aufzulösen begann.

    Wenn sich hier jemand herumtrieb, dann war ganz sicher auch ein Haus oder eine Stallung in der Nähe, dachte der Handelsvertreter. Irgendwoher musste diese Person ja schließlich hergekommen sein und jede Schlafstätte war besser, als der zum Schlafen unbequeme Fahrersitz in seinem Mini Cooper.

    Patrick MacDougall lächelte. Noch! Denn ohne es zu ahnen schritt er zielstrebig auf den Schrecken seines Lebens zu.

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    Kapitel 3

    E

    rin Hornby, ein untersetzter Mann mittleren Alters, von kleiner Statur, mit Vollbart und ausgeprägter Stirnglatze, war der Wirt des ›Wallace Inn‹. Er hatte zu dieser weit vorgerückten Stunde keine Holzscheite mehr im Kamin des Gastraumes nachgelegt und so fielen die letzten Flammen jetzt langsam und knisternd in sich zusammen. Wie bösartige Augen leuchteten die roten Punkte des vergehenden Feuers.

    Violet Keating fingerte eine letzte Zigarette aus der Schachtel und steckte sie sich zwischen die sinnlich geschwungenen roten Lippen, die jeden Mann hätten schwach werden lassen. Dann zerknüllte die attraktive Blondine, mit den geschmeidig langen Beinen, die leere Packung und warf sie in die noch leicht glimmende Glut. Es knackte und knisterte. Ihre hellblauen Augen blickten nachdenklich und sorgenvoll drein. Nie wieder hätte sie nach Tongue kommen dürfen. Doch das wurde ihr erst jetzt richtig bewusst. Jetzt, wo es definitiv zu spät war.

    »Heute kommt Ihr Chef ganz sicher nicht mehr zurück, Miss«, meinte Doktor Clesfield väterlich. »Es macht keinen Sinn auf ihn zu warten.«

    Der alte Landarzt sagte das in einem solchen Tonfall der Überzeugung, als wisse er alles. Er betrachtete die junge Frau und nippte an seinem Scotch. Clesfield stand wieder unter Alkohol, so wie auch die vielen scheußlichen medizinischen Präparate, die er auf den Fensterbänken und in den Regalen seiner Praxis angehäuft hatte.

    »Wie können Sie sich da so sicher sein, Doc?«

    Die Frage kam von Terry Prescott, einem drahtigen jungen Mann, der es sich in dem einzigen bequemen Sessel, der in einer Ecke der Gaststube stand, gemütlich gemacht hatte und seine ornithologischen Aufzeichnungen studierte. Seit einigen Tag hatte er sich hier einquartiert. Die ganze Zeit über war er hinter seltenen Vögeln her, die hier, im Umfeld des ›Loch Craisg‹ und den Mooren, leben sollten. Abend für Abend vergrub er sich bei zahlreichen Tassen schwarzen Tees in seinen Unterlagen. Und obgleich Prescott immer sehr beschäftigt wirkte, konnte man sicher sein, dass er jedes einzelne Wort aufschnappte, das in seinem Umfeld gesprochen wurde.

    »Sie sollten einmal auf die Wanduhr dort drüben sehen, mein neugieriger Freund. In wenigen Minuten ist es Morgen. Wäre das nicht ein guter Grund?« Das hohle Kichern des Arztes drang durch die Räume des baufälligen Gasthauses. Leicht schwankend erhob sich der alte hagere Mann mit den schlohweißen Haaren. Während er auf den Ausgang der Gaststätte zusteuerte, drehte er sich noch einmal um und sah den jungen Mann an. »Und für mich wird es Zeit. Ich werde jetzt schnell über die Straße huschen und in meinem Bau verschwinden. Verlassen Sie sich darauf, meine Tür wird fest verschlossen sein. Dabei ist mein altes Blut vermutlich nicht mehr besonders schmackhaft.« Wieder hallte sein unheimliches Kichern nach. »Und Sie? Jagen Sie morgen wieder fleißig der ›Anatidae palus‹ hinterher?«

    Der junge Ornithologe blickte auf und nickte ihm abwesend zu.

    »Dann sagen Sie mir doch bitte, was dieser ›Anatidae palus‹ für ein seltener Vogel ist.« Das Kichern des Alten war noch zu hören, als der Nebel ihn bereits verschluckt hatte.

    Terry Prescott beugte sich so tief über seine Papiere, dass man seinen verblüfften Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte. Dieser schmutzige Trick vom Doc hatte ihm gerade noch gefehlt. Warum sollte es keine verdammte Sumpfente geben? Eine der Gattung ›Anatidae palus‹?

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    Kapitel 4

    P

    atrick MacDougall setzte sich in Trab. Auf keinen Fall wollte er in dem dichten Nebel die Richtung verlieren. Die seltsame schwarze Gestalt war zwar bereits vor ihm im Nichts verschwunden, aber MacDougall war guter Hoffnung, sie bald einzuholen.

    Kaum hatte er seinen Schritt beschleunigt, verfing sich sein linker Fuß in etwas Weichem, und er stürzte der Länge nach hin. Augenblicklich rappelte er sich wieder auf. Als er zu Boden sah bemerkte der Vertreter, worüber er gestolpert war. MacDougall erschrak.

    Mit geweiteten Augen starrte er ungläubig auf den Körper des Mannes, der lang ausgestreckt vor ihm im Gras lag.

    Instinktiv tastete MacDougall nach dem Kopf des Mannes. Aber da war kein spürbarer Atem, der über seine Finger strich. Als er den Hals des Mannes berührte spürte er eine klebrige Flüssigkeit, die deutlich wärmer war als die Wassertropfen auf den Grashalmen. Reflexartig steckte er sich den Zeigefinger der rechten Hand in den Mund.

    Die klebrige Substanz schmeckte leicht süßlich mit einem metallischen Beigeschmack.

    Es war Blut!

    Um ganz sicher zu sein und um auszuschließen, dass er sich selbst möglicherweise an dem scharfen Gras geschnitten hatte, saugte er an seinem Finger.

    Gleich darauf stellte sich Panik bei ihm ein.

    Der Mann über den er gestolpert war, war tot.

    Und die dunkle Gestalt, die er gesehen hatte, musste der Mörder sein.

    MacDougall hetzte die Landstraße entlang, als würde er von der hundsköpfigen Göttin der Rache Tisiphone gejagt. Immer wieder geriet er dabei ins Stolpern, blieb in einem der zahlreichen Schlaglöchern hängen oder rutschte und schlidderte über den nassen Asphalt der Straße.

    Viel zu spät bemerkte MacDougall, dass er in die falsche Richtung gelaufen war und sein Mini Cooper in der entgegengesetzten Richtung stand. Aber das war ihm jetzt  vollkommen gleichgültig. So schnell es nur ging wollte er fort, fort von diesen unheimlichen Bäumen, möglichst weit weg von der Leiche und vor allem weg von dieser unheimlichen schwarzen Gestalt, die ihm hinter jedem Busch auflauern und sich auf ihn stürzen konnte. Wer ließ sich schon gern bei einem Mord beobachten, dachte er, und den Zeugen dann ungeschoren davonkommen.

    Patrick MacDougall war mit seinen verbliebenen Kräften völlig am Ende, als er den Ortseingang von Tongue erreichte. Seine Oberschenkel schmerzten, sein Herz schlug wie wild und sein Puls raste. Er war völlig außer Atem. Mit Erleichterung bemerkte er ein mattes Licht hinter einem der Häuserfenster. Sein Blick fiel auf das Schild rechts neben dem Eingang: ›Wallace Inn‹.

    In wildem Stakkato trommelte er wie verrückt gegen die solide, abgeschlossene Tür. Dann lehnte er seinen Kopf gegen die kühle Hauswand und übergab sich.

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    Kapitel 5

    A

    ls Detective Inspector Blake die ausgetretene Treppe herunterkam, hatte es MacDougall gerade geschafft wieder einigermaßen durchatmen zu können. Blake hatte mit seinem Sergeant die Strecke von London nach Tongue an einem einzigen langen Tag zurückgelegt. Augenblicklich hatte er das Gefühl jede einzelne der sechshundertvierundvierzig Meilen in den Knochen zu spüren. Automatisch warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war gerade einmal halb eins. Erin Hornby, der Wirt, hatte ihn unsanft wachgerüttelt.

    »Ein Mord, Inspektor, ein Mord!« rief der Gasthofbetreiber völlig außer sich. »Kommen Sie schnell! So kommen Sie doch!«

    Der Detective Inspector war noch viel zu müde, um dem Mann begreiflich zu machen, dass es überhaupt keinen Sinn machte, sich nach einem Mord beeilen. Da war das Opfer bereits tot, wenn es sich denn wirklich um einen Mord handelte, und jede Hilfe kam zu spät. Seine Aufgabe war es den Schuldigen zu fassen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass so etwas nie schnell ablief und immer einen großen Arbeitsaufwand erforderte. Mal ganz abgesehen davon, dass die unzähligen Befragungen möglicher Zeugen und die Überprüfung der Aussagen jedes Mal eine Menge Zeit benötigten. Letztlich hing daran auch noch der äußerst lästige Papierkram, den der Inspektor nun so gar nicht mochte.

    Schnell hatte Blake sich angekleidet und währenddessen seinen Sergeant aus den Träumen gerissen. Schließlich musste der nicht schlafen, wenn es Arbeit für ihn gab.

    Er steckte sich eine Benson & Hedges an und ließ seine kühlen grauen Augen in aller Seelenruhe über die aufgescheuchte Gästegruppe im Gastraum schweifen.

    Von denen, die er am Abend kurz gesehen hatte, waren nur zwei Personen anwesend: Die junge schlanke, durchweg attraktive Frau, mit den langen blonden Haaren und der Typ, der im Sessel sitzend immerwährend in seine Papiere vertieft war

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