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Charles Finch: Lautlos fiel der Schnee
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eBook246 Seiten3 Stunden

Charles Finch: Lautlos fiel der Schnee

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Über dieses E-Book

In Little Gaddesden, einem kleinen Dorf in der englischen Grafschaft Hertfordshire, lebt ein Mörder. Geliebt und von allen geachtet, mitten unter ihnen. Seinen Namen kennen nur die Toten …
Als der reiche Harold Stamford für ein Jahr ins Ausland muss, lässt er seine attraktive Frau Violett zurück. Um ihr die Zeit seiner Abwesenheit angenehmer zu machen, stellt er ihr seinen besten Freund als Gesellschafter an die Seite.
Während eines Festes zu seiner Rückkehr, fällt draußen lautlos Schnee auf eine Leiche.
Der Tod kam schnell, aber das Sterben des nächsten Opfers wird langsam und qualvoll sein!
Wird es dem renommierten Psychiater Dr. Charles Finch gelingen, alle Puzzleteile zu einem vollständigen Bild zusammenzusetzen?
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum27. Juni 2018
ISBN9783746738116
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    Buchvorschau

    Charles Finch - Thomas Riedel

    Charles Finch:

    Lautlos fiel der Schnee

    Kriminalroman

    Thomas Riedel

    Bibliografische Information durch

    die Deutsche Nationalbibliothek:

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

    http://dnb.de abrufbar

    1. Auflage

    Covergestaltung:

    © 2018 Thomas Riedel

    Coverfoto:

    © 2018 @ ysbrand, Depositphotos, ID 54034965

    Impressum

    Copyright: © 2018 Thomas Riedel

    Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

    ISBN siehe letzte Seite des Buchblocks

    »Von seinen Eltern lernt man

    lieben, lachen und laufen.

    Doch erst wenn man mit Büchern

    in Berührung kommt, entdeckt man,

    dass man Flügel hat.«

    Helen Hayes (1900-1993)

    Gewidmet in stiller Erinnerung

    meiner Freundin und begnadeten Co-Autorin:

    Doris Distler

    28.01.1965 – 08.02.2018

    »Ich werde 53, aber ich bin noch nicht tot«, sagtest Du noch am 27.12.2017 in einem Zeitungsinterview und hast dabei fröhlich gelacht. »Wenn es morgen vorbei ist, habe ich wenigstens bis heute gelebt.«

    Danke dafür, dass Du mein Leben mit Deiner unbeschreiblichen Lebensfreude, auf Deine Dir ganz besondere Art, bereichert hast und all die schöne Zeit, die wir miteinander teilen durften. Du wirst auf ewig einen Platz in meinem Herzen haben.

    »Es ist ein kapitaler Fehler,

    eine Theorie aufzustellen,

    bevor man entsprechende Anhaltspunkte hat.

    Unbewusst beginnt man Fakten zu verdrehen,

    damit sie zu den Theorien passen,

    statt dass die Theorien zu den Fakten passen.«

    Sir Arthur Conan Doyle

    (1859-1930)

    Little Gaddesden, England, 1888

    Es war nach ein Uhr morgens und im Haus war jeder Raum hell erleuchtet. Zehn oder zwölf Paare tanzten noch zu den eingängigen Melodien eines Drei-Mann-Orchesters. Sie lachten, trugen bunte Hüte aus Papier und lärmten mit Spielzeugtrompeten. Inzwischen war bereits reichlich dem Alkohol zugesprochen worden, doch die illustre Gesellschaft hatte immer noch eine Art zielloser Vitalität.

    Wie schon in den letzten Tagen, hatte es draußen wieder zu schneien begonnen. Es war windstill, und lautlos fiel der Schnee in großen, fedrigen Flocken zu Boden. Er deckte die tiefen Furchen auf dem Fahrweg zu, verhüllte die Radspuren auf dem Stellplatz und die zahlreichen Fußspuren, die von und zum Haus führten. Aber er bedeckte auch den Leichnam, der neben dem leeren Schwimmbassin lag, den Stein, der dazu gedient hatte, einen Schädel zu zerschmettern und die Stelle, wo sich der Schnee blutrot eingefärbt hatte.

    ***

    Seit mehreren Tagen waren Vorbereitungen für die Party getroffen worden. Sie hatten begonnen, als Miss Uppingham, die das Postamt in dem kleinen Dorf Little Gaddesden, in der englischen Grafschaft Hertfordshire, verwaltete, das Telegramm las, das Violett Stamford von ihrem Mann Harold erhalten hatte. Mr. Stamford sollte nach über einjähriger Abwesenheit nach Hause kommen. Er war inzwischen in Calais angekommen und wollte mit einem Schiff über den Kanal setzen, um am Freitag mit dem Nachmittagszug und einer Kutsche in Little Gaddesden einzutreffen.

    Miss Uppingham gehörte nicht zu dem Schlag Menschen, dem die Berufsmoral vorschrieb, die Botschaften, die durch ihre Hände gingen, geheim zu halten, wenn sie irgendetwas von allgemeinem Interesse enthielten.

    Und so kam es, dass die Nachricht von Mr. Stamfords Heimkehr eine Menge von Leuten erreichte, noch ehe seine Frau davon erfuhr. Zwei Meilen trennten das Postamt von Stamfords luxuriös umgebauten Landhaus, und Miss Uppingham entschloss sich, die Botschaft persönlich zuzustellen, was ihr gestattete, mit der Neuigkeit bei einem Dutzend Häusern stehenzubleiben, bevor sie schließlich Violett das Telegramm aushändigte.

    Sie war nicht so zerfahren, wie sie aussah, und war sich des Knalleffektes ihrer Nachricht voll bewusst.

    Sie hätte Marvin Coopers Reaktion voraussagen können. In seinen Augen funkelte der Ärger. »Er kommt ein bisschen spät!«, stellte er säuerlich fest und zerknüllte sein Taschentuch. »Aber besser spät als nie!«

    Sie lächelte innerlich, als Elizabeth Cooper meinte: »Wie nett für Violett.« Sie wusste, dass Elizabeth ganz anders darüber dachte. Sie wusste auch im Voraus, wie der junge Kenneth Jackson erbleichen würde – und als sie ihn unterwegs traf und ihn aufhielt, um es ihm zu erzählen, sah sie, dass sie sich nicht geirrt hatte. Sie beobachtete ihn, als er mit zusammengekniffenen Lippen weiterging. Für Kenneth Jackson würde die Sache nicht so leicht sein, dachte sie bei sich.

    Noch bevor sie zu den Kennedys kam, wusste Miss Uppingham genau, was Pauline dazu sagen würde. Und tatsächlich sagte sie: »Wir werden eine Feier ausrichten müssen.«

    Raymond Kennedy, der sich im Armstuhl des Wohnzimmers räkelte und einen schalen Whiskygeruch verströmte, verzog seinen Mund zu einem schmalen grimmigen Lächeln. »Weiß Violett schon davon?«, erkundigte er sich.

    »Ich bin gerade auf dem Weg zu ihr, um ihr das Telegramm zu bringen«, erwiderte Miss Uppingham.

    »Gott sei Dank, dass für mich niemals mehr Wichtiges oder Privates kommt!«, knurrte Kennedy darauf mit einem schrägen Seitenblick.

    Miss Uppingham fuhr auf. »Die Depesche enthält nichts Privates!«, verteidigte sie sich.

    »Der siegreiche Held kehrt heim!«, bemerkte Kennedy spöttisch.

    »Das Sie jemals etwas Wichtiges oder Privates bekommen, ist höchst unwahrscheinlich«, fuhr Miss Uppingham fort. »Sie gehen nirgends hin, und Sie haben noch nie etwas getan.«

    Raymond Kennedy schenkte ihr ein müdes Lächeln. Seine Augen zwinkerten etwas, weil ein wenig Rauch von seiner Zigarette eingedrungen war. »Arme Miss Uppingham! Wie Sie doch die Leute hassen, die dem Leben nur ein wenig Spaß abgewinnen«, meinte er gelassen. »Dieser Hass dürfte seine Ursache in der Vereitelung aller frühen, jungfräulichen Wünsche haben, vermute ich. Haben Sie jemals andere Freuden gekannt als ihren widerlichen Klatsch über Nachbarn, Miss Uppingham?«

    »Ich danke meinem Schöpfer, dass ich nicht mit Ihnen zu leben brauche, Raymond Kennedy«, ereiferte sie sich.

    »Das ist eine Quelle gegenseitiger Dankbarkeit, glauben Sie mir! Ja, das können Sie mir wahrlich glauben«, murmelte Raymond halblaut. »Und nun sputen Sie sich und überbringen Sie schon Ihre Unheilsbotschaft. Es wäre allerdings schön für Mrs. Stamford, wenn Sie das Telegramm noch vor Sonnenuntergang bekäme.«

    »Ich werde meine Arbeit immer ordentlich erledigen«, gab sie schnippisch zurück, »und das ist weitaus mehr, als man von Ihnen sagen könnte, Mr. Kennedy!«

    Miss Uppingham verließ die Kennedys mit gesträubten Federn, doch immer noch eifrig, denn sie hatte sich den besten Bissen für zuletzt aufbewahrt – und sie war äußerst gespannt, wie Violett Stamford auf die Botschaft reagieren würde. Niemand, so sagte sie sich, konnte behaupten, dass sie selbst nicht die toleranteste aller Frauen wäre. Aber Violett Stamford war in ihren Augen eine wirklich skandalöse Person. Sie fragte sich auch, wer es auf sich nehmen würde, Harold Stamford vom Treiben seiner Frau während seiner Abwesenheit zu berichten. Sie hätte es ja brennend gern selbst getan, doch viel Hoffnung, dass ihr dieses Privileg zufallen würde, hatte sie nicht. Stamford war ihr gegenüber immer sehr höflich gewesen, aber dabei hatte er stets auf einen gewissen – recht großen! – Abstand geachtet. Er mochte einfach keinen Klatsch, und er würde ihr vermutlich niemals Gelegenheit geben, ihm die Dinge zu erzählen, die sie wusste.

    Man musste es Harold Stamford lassen, dass er aus dem baufälligen alten Landhaus etwas ganz Besonderes gemacht hatte, gestand sich Miss Uppingham ein, als sie mit ihrem wackeligen Einspänner die Auffahrt entlangfuhr. Warum auch nicht, wenn man über solche Mittel verfügte? Er hatte wunderschöne Möbel gekauft, sogar Strom für Licht, Küche und fließend Wasser eingeleitet, für Abdichtungen gegen die Kälte und damit für ausreichende Wärme gesorgt. Dann hatte er Violett heimgeführt – Violett, die nach ihrer Ansicht ebenso wenig hierher passte wie etwa ein paar bunte Pfauen, die zur Sommerzeit über den nicht vorhandenen englischen Rasen stolzieren würden.

    Miss Uppingham rutschte vom Kutschbock herunter und schritt über die Steinquader hinauf zur Eingangstür. Clark Marshall hatte den Schnee weggeschaufelt. Er machte alle Gelegenheitsarbeiten für die Stamfords – aber viele dieser Arbeiten konnte es in dem modernen Haushalt mit all seinen technischen Neuheiten wahrhaftig nicht geben! Clark Marshall verbrachte den größten Teil seiner Zeit auf den ausgetretenen Stufen des Postamtes, wo er von der letzten Jagdsaison und von der kommenden Forellensaison träumte. Er war faul – beinahe so faul wie Raymond Kennedy. Doch für ihn gab es wenigstens eine Entschuldigung: Er hatte nicht für Frau und Kind zu sorgen. Er war Junggeselle und wenn er primitiv leben wollte, so war das seine eigene Angelegenheit – obgleich Miss Uppingham vor vierzig Jahren gehofft hatte, es würde eines Tages auch die ihre sein. Von dieser enttäuschten Hoffnung wusste die ganze Stadt, und das war wohl der einzige Klatsch in Little Gaddesden, den Miss Uppingham nicht selbst ins Leben gerufen hatte.

    Sie erreichte die Eingangstür und klopfte stürmisch mit dem Messingklopfer. Dennoch musste sie noch eine geraume Zeit warten, bis ihr geöffnet wurde. Als Violett Stamford endlich vor ihr stand, schnappte sie nach Luft. Die Hausherrin trug ein Nachtgewand.

    Es war knallrot, mit Gold bestickt und hob Violetts üppige Formen nach Miss Uppinghams Ansicht mit wenig taktvoller Deutlichkeit hervor. Es war vorn so tief ausgeschnitten, dass Miss Uppingham nicht umhinkam zu erröten und ihre Augen sofort schamvoll abzuwenden. Im Nachtkleid, dachte sie, um vier Uhr am Nachmittag! Und man sagt sich, dass sie in dieser Aufmachung tatsächlich Besuch empfängt – sogar männlichen! Wie empörend!

    Violett Stamford hatte dunkles Haar, das jetzt auf unverschämte Weise lose auf ihre Schultern herabfiel. Ihre Haut hatte die Farbe von altem Elfenbein und ihre Augen waren dunkelblau. Form und Farbe ihres Mundes waren unter dem in Mode gekommenen, dick aufgetragenen Lippenstift kaum zu erkennen.

    In meinen Jugendtagen hätte man ein derart aufgemachtes Frauenzimmer glattweg eine liederliche Person genannt, ging es ihr durch den Kopf. Freilich, sie ist Schauspielerin gewesen, das erklärt so manches …

    »Nun, Miss Uppingham?« Mrs. Stamfords tiefe Stimme schien, wie immer, eine Spur Hohn zu enthalten – und wie immer fühlte sich Miss Uppingham in ihrer Gegenwart unbehaglich.

    »Ich habe ein Telegramm für Sie, Mrs. Stamford«, erklärte sie.

    »Danke«, erwiderte Mrs. Stamford und streckte ihre Hand nach dem Telegramm aus.

    Miss Uppingham wartete unbewegt. Sie hatte es fertiggebracht, sich so in die Tür zu stellen, dass ihr Gegenüber sie nicht schließen konnte.

    »Gibt es sonst noch etwas, Miss Uppingham?«, erkundigte sich Mrs. Stamford.

    »Wollen Sie es nicht öffnen?«

    »Meine liebe, Miss Uppingham, das scheint mir kaum nötig zu sein«, reagierte sie mit einem süffisanten Lächeln. »Mr. Jackson hat mir bereits vor über einer Dreiviertelstunde mitgeteilt, dass Sie sich auf dem Weg zu mir befänden. Er wusste auch schon zu berichten, was das Telegramm enthält, denn Sie haben es ihm vorgelesen … Wäre es nicht einfacher, Sie versuchten die Neuigkeiten amerikanischen Eingeborenen gleich, mit Rauchsignalen zu verbreiten? Ich bin sicher, Sie würden auf diese Weise sehr viel Zeit gewinnen!«

    »Da hört sich ja wohl alles auf!«, echauffierte sich Miss Uppingham und trat verärgert einen Schritt zurück, worauf Mrs. Stamford die Tür direkt vor ihrer Nase ins Schloss warf. »Was für eine unverfrorene Frechheit!«, rief sie ihr noch hinterher, ehe sie sich umwandte und zu ihrem Gespann zurückkehrte.

    ***

    Kenneth Jackson stand in der holzgetäfelten Bibliothek, seinen Rücken gegen den steinernen Kamin gelehnt. Er war ein großer, schlanker junger Mann mit blondem Haar. Seine Augen waren blau und von kleinen Sorgenfalten umrahmt. Er gehörte zu den Menschen, die auch alte Kleidung tragen konnten, ohne dass es den anderen zum Bewusstsein kommt. Heute trug er schlichte Baumwollhosen, die in schweren Stiefeln steckten, und eine braune Jacke über einem rotkariertem Hemd – ähnlich dem kanadischer Holzfäller. Er spielte mit einer teuren Bruyèrepfeife, die er immer wieder anzündete und die ihm ebenso regelmäßig ausging. Ein halbgefülltes Whiskyglas stand in Reichweite auf dem Kaminsims.

    Violett Stamford trat ein, das ungeöffnete Telegramm in der Hand. »Da ist es endlich!«, stellte sie mit einem säuerlichen Lächeln fest, setzte sich auf die Couch und goss sich ebenfalls einen Drink ein.

    »Früher oder später musste es ja kommen«, murmelte Jackson niedergeschlagen.

    »Nimm es nicht so tragisch!«, erwiderte sie ungeduldig.

    »Ich kann das nicht so leicht hinnehmen«, entgegnete er. »Ich habe ihn doppelt betrogen … als Freund und als Geschäftspartner.«

    »Das ist doch Unsinn!«, meinte sie, trank den Drink aus und stellte das Glas zurück auf das Servierbrett. »Alles kommt wieder in Ordnung. Harold wird wieder einmal ein bisschen auf Verheiratetsein machen und du wirst dich mit der kleinen Cooper versöhnen … und endlich deinen Roman fertigstellen.«

    »Wenn es nur so einfach wäre«, widersprach Jackson. »Zwischen Elizabeth und mir ist es aus, … und du weißt das auch.«

    »Dann habe ich dich vielleicht vor etwas Schlimmerem als dem Tod errettet …«, spöttelte sie.

    Die Linien in Kenneth Jacksons Augenwinkeln verschärften sich. »Sie hat mich geliebt … und ich sie auch. Es war eine schöne, klare und einfache Angelegenheit.«

    »Wenn es so vollkommen war, wie du sagst, kannst du ja wieder dort anfangen, wo du aufgehört hast!«

    »Ich sage dir, so einfach, wie du denkst, ist das nicht.« Er tat ein paar Züge aus seiner Pfeife und ließ sie wieder ausgehen.

    »Hör mal, Kenneth«, lächelte sie. »Du benimmst dich wie ein großes Kind … Wie alt bist du? Fünfundzwanzig? … Du hast einfach zu wenig Menschenkenntnis. Das ist gar nicht gut für jemand, der Romane schreiben und als Schriftsteller groß rauskommen will. Der kleinen Cooper hat ihr Liebeskummer bestimmt viel Spaß gemacht. Sie wird natürlich zuerst heftig protestieren, so, wie es sich gehört, dann an deine Brust sinken … und dich für den Rest deines Lebens unter der Fuchtel halten.«

    Jackson langte nach seinem Whisky. »Du weißt, dass ich dich sofort heiraten werde, wenn Harold in die Scheidung einwilligt.«

    Sie warf mit kurzem Lachen den Kopf zurück. »Um Himmels willen, Kenneth, hör endlich auf, dich wie eine deiner Romanfiguren zu benehmen!«

    »Ich wollte nur, dass du es weißt«, meinte er trübe.

    »Was ich sehr gut weiß und was mir nicht gefällt, ist, dass du eine angenehme Episode so verdammt ernst nimmst … Oder war die Zeit etwa nicht angenehm für dich?«

    »Sprich nicht so, Violett! Du weißt doch ganz genau, was ich für dich empfinde …«

    »Ich weiß, was du gefühlt hast und was du fühlst«, unterbrach sie ihn schroff. »Du hast dich als Mann von Welt gefühlt. Und jetzt? … Jetzt fühlst du dich plötzlich schuldig, gerade so, wie ein kleiner Junge, dem sein Vater die Kehrseite versohlen wird, wenn er nach Hause kommt … Du warst aber niemals ein Mann von Welt, Kenneth … Ebenso wenig wie du jetzt ein kleiner Junge bist … Und hier gibt es auch keinen Vater.«

    Er sah sie an und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. In dem sinkenden Zwielicht spiegelte sich der Widerschein des Feuers auf der holzgetäfelten Wand. »Er hat mich hergebracht, damit ich meinen Roman schreibe«, murmelte er. »Dann ist er fortgegangen und hat mich gebeten, mich um dich zu kümmern.« In seinen Mundwinkeln zuckte es. »Ich habe den Roman aber nicht geschrieben, und ich habe ihn obendrein mit dir betrogen. Da gibt es wohl nur eines zu tun, Violett: reinen Tisch machen, … mag dann daraus werden, was auch immer Harold will.«

    Sie füllte sich ihr Glas nach. »Moment mal, Kenneth!«, stoppte sie ihn. »Du solltest die Sache auch von meinem Standpunkt aus betrachten! Du siehst dich in einer höchst dramatischen Rolle und denkst nicht daran, dass es sich vor allem um mich handelt. Dort, wo ich zu Haue bin, gilt der Satz: ›Hat der Jüngling ein Vergnügen, sei er dankbar und verschwiegen!‹ Niemand setzt den Namen einer Frau, die er verführt hat, in ein Journal!«

    »Violett!«

    »Wie gesagt, es handelt sich um mich und meine Zukunft. Sonderbar, dass ich dir das überhaupt noch erklären muss. Du wirst Harold nichts sagen, und wenn du unbedingt dramatische Szenen durchspielen musst, so tu das ruhig, aber bitte für dich allein, … vor deinem Rasierspiegel.«

    Jackson öffnete den Mund. Er wollte etwas erwidern, sagte dann aber nichts. So ist das also! Er dachte an den Zauber, der diesen Raum früher einmal erfüllt hatte, an die Ungeduld, mit der er Monate hindurch Tag für Tag den Augenblick erwartet hatte, da er zu ihr kommen durfte. Ich habe weder schreiben noch denken können … für mich gibt es nichts als dich, Violett! Er erinnerte sich daran, wie wild sein Herz jedes Mal geklopft hatte, wenn er sich ihrem Haus näherte! Mit welcher Ekstase er sie dann in die Arme genommen – und mit welcher Hingabe sie seine Zärtlichkeiten erwidert hatte! Die Arbeit war darüber vergessen, nichts existierte als ihr Zauber. Jetzt, da sie so gefühllos mit ihm sprach, mit beißendem Spott in der Stimme, war es, als stäche jedes Wort eine tiefe Wunde. Und im Mund fühlte er

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