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Mordpakt: Richelieu

Mordpakt: Richelieu

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Mordpakt: Richelieu

Länge:
581 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
1. Okt. 2018
ISBN:
9783746766386
Format:
Buch

Beschreibung

Wer hat sie nicht schon gehört, die klangvollen Namen Athos, Porthos, Aramis und d'Artagnan? Alexandre Dumas veröffentlicht 1844 seinen wohl berühmtesten Roman "Les trois mousquetaires". Angelehnt an die spannenden Abenteuer der vier Helden, erzählt "Mordpakt:Richelieu" eine alternative Geschichte über das, was hätte sein können...

Paris 1629 - Einige Monate sind verstrichen, seit die drei Musketiere und ihr junger Leutnant d'Artagnan der mörderischen Rachsucht Milady de Winters entronnen sind. Doch Ruhe ist ihnen nicht vergönnt, schon braut sich neues Unheil zusammen. Hauptmann de Tréville scheint nicht mehr er selbst zu sein, das Fortbestehen der Kompanie steht auf dem Spiel. Kardinal Richelieu sendet seine Spione aus und bald offenbart sich eine ungeheuerliche Verschwörung, die alles infrage stellt. Wem ist noch zu trauen, wenn aus Freunden plötzlich Feinde werden?

Ein mörderisches Komplott, gefährliche, persönliche Geheimnisse und eine zarte Romanze werden zur Bewährungsprobe für die Freundschaft der Musketiere.
Herausgeber:
Freigegeben:
1. Okt. 2018
ISBN:
9783746766386
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Mordpakt - Maren von Strom

Mordpakt: Richelieu

Mordpakt: Richelieu

Szene I

Szene II

Szene III

Szene IV

Szene V

Szene VI

Szene VII

Szene VIII

Szene IX

Szene X

Szene XI

Szene XII

Szene XIII

Szene XIV

Szene XV

Szene XVI

Szene XVII

Szene XVIII

Szene XIX

Szene XX

Szene XXI

Szene XXII

Szene XXIII

Szene XXIV

Szene XXV

Szene XXVI

Szene XXVII

Szene XXVIII

Szene XXIX

Szene XXX

Szene XXXI

Szene XXXII

Szene XXXIII

Szene XXXIV

Szene XXXV

Szene XXXVI

Szene XXXVII

Szene XXXVIII

Szene XXXIX

Szene XL

Szene XLI

Szene XLII

Szene XLIII

Szene XLIV

Szene XLV

Szene XLVI

Szene XLVII

Szene XLVIII

Szene XLIX

L - Epilog

Mordpakt: Richelieu

Historischer Roman

Maren von Strom 

Impressum

Texte: © Copyright by Maren von Strom

Cover: © Copyright by Michael Stratmann

Verlag: Maren von Strom

Blumenstraße 20

42119 Wuppertal

MarenvS@gmx.de

Oktober 2018

Dank

Allen, die zur Entstehung mit ihrer Kritik und ihren Anregungen beigetragen haben. 

Szene I

Es war gegen Abend an einem Montag im Oktober des Jahres 1629, als ein lauter und sehr zorniger Ausruf aus dem Kabinett des Hauptmanns der königlichen Musketiere sowohl die Soldaten als auch jeden Besucher zusammenfahren und die Köpfe wenden ließ. Der Lärm musste noch bis hinunter auf die Rue du Vieux-Colombier zu hören gewesen sein und vielleicht glaubte manch ein Passant, die Hugenotten wären eingefallen und wollten jetzt aus dem Hôtel de Tréville ein zweites La Rochelle machen.

Paris war dieser Tage ein Schiff, das schwer von den Wogen politischer Intrigen und kriegerischer Auseinandersetzungen geschüttelt wurde. Der Krieg gegen England um La Rochelle war gerade erst beendet und das Gnadenedikt von Alès duldete die Protestanten zwar weiter im Land, doch war ihnen jedwede Selbstbestimmung genommen. Kardinal Richelieu hatte die absolutistische Macht der Krone gefestigt und keiner seiner Gegner wagte auch nur ein Murren hinter vorgehaltener Hand. Paris verharrte im Zustand zwischen trügerischer Ruhe und dem Unmut, der unter der Oberfläche brodelte. Manch einer wünschte sich gar ein Ende von Richelieus Herrschaft über die Krone herbei und umso wachsamer hielten die Spione und Agenten des Ersten Ministers nach Verrätern Ausschau. Die Bürger aber ignorierten all das mit jener stoischen Arroganz der Großstädter, mit der sie auch schon andere Krisen überstanden hatten und nie untergegangen waren.

Mit ähnlicher Gelassenheit setzte darum nur einen Wimpernschlag später wieder das gewohnte, geschäftige Treiben ein, das über den wütenden Ausruf aus dem Arbeitszimmer kurz ins Stocken geraten war. Das Hôtel de Tréville war eines der prächtigsten Stadthäuser und zugleich das Hauptquartier der Musketiere. Ein beeindruckendes Anwesen mit Innenhof und Stallungen, ein Haushalt mit zahlreichen Lakaien, Mägden, Stallburschen, Dienstboten und dazu noch eine ganze Kompanie verdienter Soldaten, Raufbolde, Waffenbrüder; ein großer Trubel herrschte hier jeden Tag, der Besucher ebenso entzücken wie einschüchtern konnte. Im Vorzimmer führte man jetzt die unterbrochenen Gespräche fort, prahlte mit Heldentaten, spottete dem Kardinal und erzählte sich scherzhaft Anekdoten von Liebesglück und Herzeleid, von wahren Haudegen und unglückseligen Pechvögeln.

Anders verhielt es sich jedoch im Kabinett des Hauptmanns. „Nein! rief Monsieur de Tréville erneut und warf ein eng beschriebenes Papier vor sich auf den Schreibtisch. Er war in abscheulicher Laune und selbst sein Schnurrbart schien sich vor Zorn zu sträuben. Trévilles Männer verehrten ihn und sangen sein Loblied in höchsten Tönen; aber sie zitterten auch wie die Schüler vor ihrem Lehrer, wenn ihnen ein Tadel drohte. Trévilles Unmut galt jetzt seinem jungen Leutnant, einer hageren, beinahe zierlichen Gestalt, der noch jede Spur von Flaum im Gesicht abging. „Nein, nein! Das ist ein grober Unfug! Seht her! Tréville deutete auf verschiedene Namen, die auf dem Papier fein säuberlich untereinander zu einer Liste angeordnet waren. „Wenn Ihr die Wachen so einteilt, wird die Ablösung am Louvre in einem heillosen Durcheinander enden! Er griff nach einer Schreibfeder und unterstrich dick einen Namen. „Euch ist offenbar nicht aufgefallen, dass, laut dieser Einteilung, Monsieur de Fournier gleich zweifach Wachdienst halten muss?

Der Leutnant verzog keine Miene und schien beschlossen zu haben, den Sturm vorüberziehen zu lassen. Trotz seiner auffälligen Jugend blitzte einiger Verstand in seinen Augen und hinzu gesellte sich eine Lebenserfahrung, wie sie erst manch älterer Haudegen gewonnen hatte. Die Beförderung zum Leutnant lag erst wenige Wochen zurück und war mit dem Krieg um La Rochelle teuer verdient worden. Richelieu selbst hatte ihn ausgezeichnet, statt ihm den Kopf abschneiden zu lassen, wie es auch hätte kommen können. Trotz allen Mutes, aller Kühnheit, jetzt starrte der Leutnant einen Punkt knapp an Trévilles linkem Ohr vorbei an und hielt wohlweislich den Mund.

Umso lauter wurde der Hauptmann. „Das bedeutet, Ihr straft diesen Musketier grundlos mit doppeltem Wachdienst ab. Andere dagegen sind freigestellt! Drei weitere Namen wurden unterstrichen. „Teilt Ihr die Wachen nach persönlicher Zuneigung ein oder seid Ihr schlicht überfordert mit dieser Aufgabe? Tréville hob eine Hand und schnitt seinem Leutnant, der sich nach diesen harten Vorwürfen nun doch zu einer Erklärung entschlossen zu haben schien, das Wort ab. „Was jetzt, frage ich Euch?" Tréville fasste den anderen Offizier, der ihm eigentlich die Arbeit hätte erleichtern sollen, indem er anstelle des Hauptmanns die Wachablösung regelte, scharf ins Auge. Sein Leutnant zeigte sich verblüffend unfähig, einen reibungslos ablaufenden Dienstplan zu erstellen und Trévilles Geduld war heute zu oft strapaziert worden, als das er diesen groben Schnitzer ohne ein Wort des Tadels zu verlieren einfach übergehen konnte.

Nach allzu langem Schweigen folgte endlich eine Antwort zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Man könnte-"

„Man? Der Hauptmann schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief: „Ganz gewiss nicht „man! Nein, sondern Ihr! Ihr, und nur Ihr allein, werdet diese Liste neu aufsetzen! Es gibt noch mehr zu bemängeln. Wieder kratzte der Federkiel über das Papier, unterstrich hier, markierte dort, änderte Zeiten und Namen um, bis beinahe nichts mehr vom Original übrig war. Die Feder raste geradezu über das Blatt und fand jede noch so kleine Unregelmäßigkeit. Tréville ließ nicht ein gutes Haar an der Aufstellung. „Das hier muss auch anders geregelt werden. Ventredieu! Wie konnten diese Fehler zustande kommen? Schlimmer noch, wie konnten sie Euch entgehen?

Schließlich legte Tréville die Feder beiseite und schob das Papier seinem Leutnant zu, der mit unbewegter Miene abgewartet hatte und die Liste zögerlich entgegennahm. Von neuem aufgebracht, schloss der Hauptmann seine Strafpredigt mit unmissverständlicher Deutlichkeit: „Ihr werdet Euch in Zukunft angemessen auf Eure Aufgaben konzentrieren, d'Artagnan! Die Befehle des Königs haben Vorrang vor Eurem Privatvergnügen. Ihr seid mehr als ein einfacher Musketier. Erfüllt also Eure Pflicht!"

Noch immer war dem Leutnant nicht anzumerken, wie ihm nach dieser Schelte zumute sein mochte. Aber es brauchte kaum mehr den ungeduldigen, herrischen Wink Trévilles, um den jungen Offizier jetzt aus dem Kabinett flüchten zu lassen.

Szene II

D'Artagnan stürmte aus dem Arbeitszimmer, in der rechten die zerknitterte Liste mit der Wachablösung. Hinter sich warf der Leutnant die Tür gerade so schwungvoll zu, dass sie nicht mit einem lauten Knall ins Schloss fiel. Gleichermaßen überrascht wie neugierig wandten die Leute im Vorzimmer die Blicke und d'Artagnan verbannte das hitzige Gemüt, das gascognische Temperament, sofort wieder hinter einer stoischen Maske. Niemandem waren die zornigen Ausrufe des Hauptmanns entgangen und jeder mochte sich seinen Teil dazu denken; ein Tadel für den jungen Offizier, der sich auf seinem Posten erst noch beweisen musste. Mit langen Schritten durchquerte d'Artagnan das Vorzimmer, bevor einer der Männer auf die Idee kommen konnte, seinen Leutnant auf diesen Vorfall anzusprechen.

Auf der Treppe, die von der Eingangshalle nach oben führte, versammelte sich auch heute wieder eine ansehnliche Zahl von Musketieren, die scherzten, rauften und auch sonst allerhand Lärm um den weitläufigen Treppenaufgang machten. Sie standen in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich, spielten mit Würfeln oder Karten, wetteten um Ruhm und Ehre und machten dabei einen gerade so sorglosen Eindruck, dass es schon fast wieder an Überheblichkeit grenzte. Ganz in der Nähe schnitten blanke Degen durch die Luft und trafen surrend aufeinander. Die Musketiere übten sich im Zweikampf und wenn sie das nicht gerade in ihrem Heerlager, dem das Haus täglich glich, taten, dann zogen sie auch schon einmal auf der Straße offen vom Leder, legten sich mit den Gardisten des Kardinals an und verteidigt blutig Ehre und Vaterland.

Die Männer ließen ihren Leutnant, der sich rasch einen Weg durch die Menge bahnte, unbehelligt passieren. Als d'Artagnan schließlich ins Freie trat, warteten im Hof bereits drei weitere Musketiere; Athos, Porthos und Aramis schienen in ein reges Gespräch vertieft und der Leutnant hörte gerade noch Aramis mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen sagen: „Ach mein Freund, wenn Ihr die Frauen nur besser verstehen würdet!" Dabei warf der hübsche Musketier einen auffällig unauffälligen Blick auf ein spitzenbesetztes Taschentuch in der Faust von Athos. Porthos daneben tat nicht viel, um sein breites Grinsen zu verbergen. Stolz zwirbelte sich der Hüne den Schnurrbart und wahrscheinlich fehlte nicht viel dazu, dass er Athos anerkennend auf die Schulter geschlagen hätte. Als d'Artagnan nun hinzutrat, ließ Athos das Tüchlein kopfschüttelnd und, wie es schien, auch ein wenig aufgebracht in seiner Manteltasche verschwinden.

Über dieses doch recht eigenartige Gebaren vergaß d'Artagnan zunächst den Ärger mit dem Vorgesetzten und maß forschend das Gesicht jedes Freundes. Der stattliche Porthos war noch immer bemüht, sein Vergnügen zu verbergen und trug eine selbstsichere Pose auf. Aramis, stets diskret und verschwiegen, zeigte nicht offen, was er dachte, obgleich ein feines Lächeln auf seinen Lippen lag. Athos selbst gab sich bis auf ein missbilligendes Stirnrunzeln ganz ungerührt, unbeeindruckt in seiner würdevollen Haltung als Edelmann. Er fragte leise, und noch bevor d'Artagnan selbst neugierig eine Frage stellen konnte: „Wie steht es heute um den Hauptmann?"

In seinen Worten schwang deutliche Sorge mit und Athos war nicht der einzige unter den Musketieren, den das ungewöhnlich launische Verhalten Monsieur de Trévilles beunruhigte. Der Hauptmann schien sich zu verändern. Wo er sonst ein rechter Lebemann gewesen war, und noch im besten Alter für Duelle oder Liebesabenteuer, zog er sich immer öfter in sein Arbeitszimmer zurück und war für niemanden zu sprechen. Nicht nur die heftigen, manchmal unbegründeten Wutausbrüche, wie d'Artagnan eben einen über sich hatte ergehen lassen müssen, zeigten, dass etwas nicht in Ordnung war. Hinzu kam die neue Übergenauigkeit in allen dienstlichen Angelegenheiten, obwohl Tréville selbst immer öfter unpünktlich erschien. Manchmal gab es ein unerklärlich langes Schweigen zwischen zwei Befehlen, das nur auf geistige Abwesenheit zurückgeführt werden konnte - ausgerechnet jenem Fehler, der dem Leutnant eben noch vorgehalten worden war. Übellaunigkeit, Reizbarkeit, Ungeduld... die Liste ließe sich lange so weiterführen. Kurzum, der Hauptmann zeigte sich seinen Untergebenen, als wäre er nicht mehr er selbst und dies war Grund genug für eine stille Unruhe innerhalb der Kompanie, die keiner der Musketiere bestätigen oder abstreiten wollte.

Auch Aramis und Porthos schienen auf gute Nachrichten zu hoffen, obwohl ihnen das Wort vom Streit im Kabinett schon längst zugetragen worden sein musste. D'Artagnan hob dann auch nur die Schultern und meinte mit einem Schwenken der Wachliste: „Bedenkt man die zahlreichen Fehler, welche ich hier angeblich gemacht habe, dann kommt es beinahe einem Wunder gleich, dass ich nicht kurzerhand degradiert wurde."

Athos fasste d'Artagnan kurz bei der Schulter. Stummer Beistand für den jungen Gascogner, dessen aufgesetzte Munterkeit nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass die letzte, heftige Zurechtweisung durch den Hauptmann sein Selbstbewusstsein ordentlich erschüttert haben musste. Seit d'Artagnans Ankunft in Paris vor etwas über drei Jahren, hatte Tréville stets protegierend gewacht und bei allen Abenteuern heimlich oder ganz offen beigestanden. Doch auf einmal schien das ganz ins Gegenteil verkehrt und vor den anderen Musketieren mochte d'Artagnan den eigenen Missmut gut verbergen können. Für die engsten Freunde aber war die knabenhafte Miene wie ein offenes Buch. Vielleicht auch deshalb, um nicht weiter gelesen zu werden, schüttelte der Leutnant nun den Kopf und meinte: „Vergebt, aber ich fürchte, ich werde unsere Verabredung zum Abendessen nicht einhalten können. 'Der Dienst geht vor und es gilt die Pflicht zu erfüllen, bevor die Befehle Seiner Majestät dem Privatvergnügen geopfert werden.' Wer bin ich denn, dass ich dem widersprechen würde? D'Artagnans Mundwinkel zuckten ob der verdutzten Gesichter der Freunde. Selbst der sonst so unbekümmerte Porthos schien überrascht, wie übel gelaunt Tréville heute tatsächlich war und rief aus: „Ihr habt noch keinen Dienstschluss? Seit heute früh seid Ihr, ich weiß gar nicht wie viele Stunden länger als alle anderen, einschließlich des Hauptmannes, auf den Beinen und-

D'Artagnan unterbrach ihn, bevor dieses Gespräch am Ende doch vom Innenhof in die Öffentlichkeit getragen wurde. „Schon gut, mein Freund, schon gut. Den Wachplan zu ändern, ist nicht mehr als eine lästige Pflicht. Ich werde bald danach zu euch stoßen."

Aramis blickte zweifelnd auf das Papier. Zu viele dunkle Federstriche zeugten davon, dass diese Aufstellung zu nichts mehr zu gebrauchen war und ganz neu geschrieben werden musste. „Ich habe einen besseren Vorschlag: Kommt mit uns zum 'Tannenzapfen' und wir werden Euch bei dieser Liste helfen."

Athos und Porthos nickten zustimmend, nur d'Artagnan selbst zögerte und warf einen Blick hinauf zu einem der Fenster des Hôtels. Dahinter lag das Arbeitszimmer Monsieur de Trévilles. Von dort hatte d'Artagnan einst den Graf de Rochefort erspäht und wäre in rasendem Zorn sofort hinunter auf die Straße gesprungen, um die Verfolgung aufzunehmen, hätte das Fenster nicht hoch oben gelegen. D'Artagnan wandte sich ab und gab sich unbekümmert. „Danke für das Angebot. Doch ich will euch den Abend nicht mit langweiligen Wachablösungen verderben. Geht ohne mich."

Aramis wollte schon widersprechen, ein durchdringender Blick Athos' hielt ihn zurück. Nur widerwillig gab er nach. „Nun, gut. Aber wir haben Euer Versprechen, dass Ihr Euch dann zu uns gesellen werdet, sobald diese Liste vollständig ist."

„Das habt ihr, bei meiner Ehre! D'Artagnan nickte den Freunden aufmunternd zu. „Entschuldigt mich bis dahin. Ich nehme den Plan mit nach Hause, dort herrscht kein Trubel wie hier. Der Leutnant grüßte zum Abschied und trat durch den weiten Torbogen hinaus auf die Rue du Vieux-Colombier. Die drei übrigen Musketiere blieben zurück, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken.

Szene III

Noch jemandem waren die schleichenden Veränderungen im Hôtel de Tréville nicht entgangen. Kardinal Richelieu sah vom Bericht in seinen Händen auf und musterte mit ernster Miene sein Gegenüber. Der Graf de Rochefor schüttelte andeutungsweise den Kopf. Er konnte keine Erklärung für den, zugegeben ungewöhnlichen, aber nicht neuen, Inhalt des Schriftstückes anbieten, das ihm eben von einem seiner Agenten zugesteckt worden war.

Im Arbeitszimmer Seiner Eminenz wurde es sehr still und je länger das Schweigen andauerte, desto unbehaglicher wurde es Rochefort in seiner Haut. Der Kardinal erwartete offensichtlich mehr Klarheit in dieser Sache, aber sein Stallmeister sah sich außerstande eine Antwort zu finden, die den mächtigsten Mann Frankreichs zufrieden gestellt hätte. Auf der Suche nach einer Erklärung glitt Rocheforts Blick durch den Raum, streifte die Titel der zahlreichen Bücher und Codices in den Regalen, wich dem Portrait Richelieus aus und blieb schließlich an einem Gobelin hängen. Das Motiv war neu, die Schlacht um La Rochelle. Die Stadt im Hintergrund ganz und gar verheert, vorne die triumphierenden Sieger über den verbrannten Leichen ihrer Feinde, die Standarten spitz und hoch gereckt. Der König nahm die Kapitulationserklärung eines elenden Aufständischen entgegen. An seiner Seite, stets präsent und über Frankreich wachend, streng und keinen Widerspruch duldend: Der Erste Minister. Richelieu trug die volle Kriegsrüstung nicht anders als die rote Soutane. Soldat und Diplomat. Das Motiv zeigte ihn mit ergrautem Haar und hagerem Gesicht. Mit stolzer Haltung trotzte er auf dem Gobelin seinem geschwächtem Körper in der wirklichen Welt. Nichts und niemand brächte ihn leicht zu Fall. Zweifelsohne ein außergewöhnlicher Mensch.

Rochefort ließ endlich vom Wandteppich ab. Er zuckte kaum merklich mit den Schultern, ratlos, die Narbe an seiner Schläfe tat sich auffällig vor. „Dieser Bericht ist erst wenige Minuten alt."

Ein weiteres Mal überflog Richelieu das Dokument. Dann legte er es zu einem Stapel ähnlicher Schriftstücke und richtete seinen durchdringenden Blick wieder auf den Stallmeister. Rochefort diente dem Kardinal schon ein halbes Leben treu und ergeben. Er hatte seinen Verstand an den undurchsichtigen Ränkespielen des Hofs geschärft, mehr als eine Wunde dabei davongetragen und selten sah er sich außerstande, eine unausgesprochene Frage seines Herrn befriedigend zu beantworten. Aber hier stieß Rochefort an seine Grenzen. „Seit Tagen schon bringen mir meine Spione solche Berichte, immer mit ähnlichem Wortlaut: '...so scheint Verwirrung und Ratlosigkeit ob des auffälligen Verhaltens Hauptmann de Trévilles in der Kompanie zu herrschen...' - Die Lage spitzt sich zu."

Der Kardinal hob verwundert eine Braue und sprach zum ersten Mal, seit Rochefort den Raum betreten und das Schreiben überreicht hatte. „Diese Behauptung lässt sich hieraus kaum ablesen."

„Ist nicht allein die Tatsache, dass sich die Situation nicht bessert ein Indiz dafür, dass sie sich verschlechtert?"

„Ihr seid sehr schnell mit Euren Schlussfolgerungen, Rochefort. Ich verlange jedoch keine Einschätzung dessen, was offensichtlich ist. Die Miene Seiner Eminenz verfinsterte sich, ein Schatten legte sich auf die aristokratischen Züge. „Ich will die Gründe dafür erfahren, weshalb ein Mann, den ich sonst als argen Widersacher betrachten muss, beginnt, es mir so leicht zu machen.

Rochefort schwieg. Es war verständlich, dass jemand wie Richelieu begann sich Gedanken zu machen, wenn sich einer seiner Feinde ohne erkennbare Gründe zurückzog und nicht länger Paroli bot. Wenn ein Gegner sich nicht mehr so verhielt, wie es vorauszuahnen gewesen wäre; wie bei der letzten Audienz des Königs. Tréville war nicht erschienen, obwohl der Hauptmann der Musketiere fast täglich zu solchen Gelegenheiten im Louvre anzutreffen war und sei es auch nur, um die Zeit der Unterredung zwischen dem König und dem Kardinal zu verkürzen. Es gab auch ruhige Tage, an denen der Gascogner friedlich zu Hause blieb - allerdings nicht gerade dann, wenn um eine Verkleinerung seiner Kompanie verhandelt wurde. Es war nur eine Scheindebatte, ein Test, wenn man so wollte, um den Inhalt der letzten Berichte zu überprüfen. Natürlich hatte Ludwig XIII. diesen Vorschlag sofort abgelehnt und keines der Argumente Seiner Eminenz gelten lassen, auch ohne dass der Hauptmann der Musketiere dagegen sprechen musste. Doch unter normalen Umständen wäre Tréville über den Gegenstand dieser Audienz schon früher in Kenntnis gesetzt gewesen, als das Richelieu ihn vor dem König überhaupt ausgesprochen hätte und keine Macht der Welt hätte den Hauptmann davon abgehalten, zu erscheinen. Sei es auch nur, um siegreich aus einem Wortgefecht hervorzugehen, bei dem der Kardinal schon vor Beginn der Verlierer gewesen wäre.

Rochefort wurde aus seinen Gedanken gerissen, als eine herrische Stimme befahl: „Findet mir diese Gründe! Beobachtet sorgfältiger! Ich will wissen, ob wir es mit den Launen eines Mannes oder mit einer ernsthaften Bedrohung für den Staat zu tun haben."

'Keine falsche Bescheidenheit, Eminenz.' dachte Rochefort spöttisch, während er sich zum Zeichen, dass er den Befehl verstanden hatte, verneigte. Gleichzeitig fragte er sich, warum Richelieu erneut ihn und seine Spione heranzog, anstatt aussichtsreichere Mittel einzusetzen. Nicht, dass Rochefort an seinem Erfolg zweifelte. Früher oder später würden ihm seine Agenten die Beweise vorlegen, nach denen der Kardinal verlangte. Aber es schien sich hier um eine sehr dringliche Angelegenheit zu handeln und es gab einen schnelleren Weg, diese 'Gründe' zu erkennen und sie vielleicht für sich selbst nutzen zu können. Übersah der Kardinal zum ersten Mal eine Möglichkeit? Richelieu hielt diese Unterredung wohl für beendet und schien sich den übrigen Papieren auf seinem Schreibtisch zuwenden zu wollen. Anstatt aufzubrechen, um sich seines Auftrages so schnell wie möglich zu entledigen, trat Rochefort einen halben Schritt näher an den Tisch heran. „Monseigneur, erlaubt einen Vorschlag."

Ein missbilligender und vielleicht auch etwas überraschter Blick traf den Stallmeister, dennoch gab der Kardinal mit einer Geste zu verstehen, dass sein Gegenüber sprechen möge. „Es kann einige Zeit dauern bis sich meine Spione soweit Zutritt ins Hôtel de Tréville verschafft haben, dass sie unauffällig beobachten können, was sich im Innersten der Kompanie abspielt. Von außen erreichen mich immer die gleichen Berichte. Mein Vorschlag lautet, eine Person zu verwenden, die zum einen beinahe uneingeschränkten Zutritt auch ins Arbeitszimmer des Hauptmanns hat, zum anderen keinerlei Verdacht erregen kann, da sie bereits Teil der Kompanie ist."

„Ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt. Ihr sprecht vom Leutnant der Musketiere?"

„Ja, Eminenz. Ihr habt dieses Patent einem jungen Mann ausgestellt, den Ihr genauso gut in die Bastille oder aufs Schafott hättet schicken können. Jetzt wäre der richtige Augenblick, um den Preis für Eure Gnade einzufordern."

Die Reaktion auf diesen Vorschlag fiel anders aus, als der Graf es je erwartet hätte: Der Kardinal lachte auf, ja, er schien ehrlich amüsiert. „Zweifelsohne habt Ihr einige Zusammenhänge richtig erkannt und aus Euren Worten spricht eine durchaus kluge Überlegung. Ein dünnes Lächeln umspielte weiterhin seine Lippen, als er ernst fortfuhr: „Jedoch mangelt es Euch an Menschenkenntnis. Ihr wollt d'Artagnan zum Verräter machen? Das dürfte Euch schwerlich gelingen. Weder mit Erpressung, noch mit Bestechung.

„Doch wie steht es mit wirklicher Überzeugung? Der Kardinal schien sich in diesem Punkt sehr sicher zu sein, doch Rochefort gab sich nicht so leicht geschlagen. Er wäre nicht der Stallmeister Seiner Eminenz gewesen, wenn er allein von seinen Spione abhängig gewesen wäre. Tatsächlich musterte Richelieu ihn mit neuem Interesse. „Welche Art von Überzeugung meint Ihr da?

„Es gibt Dinge, die nicht in diesen Berichten stehen. So scheint im Moment ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen den beiden ranghöchsten Offizieren der Kompanie zu herrschen."

Einen Augenblick lang dachte Richelieu über das eben Gehörte nach, dann jedoch winkte er ab. „Nein, bei diesem Ansatz werdet Ihr scheitern, Rochefort. Die Loyalität, die unseren jungen gascognischen Freund an seinen Hauptmann bindet, rührt nicht nur von der des Soldaten zu seinem Befehlshaber her. Vertraut hier meiner Menschenkenntnis." Damit wandte sich der Kardinal nun endgültig den übrigen Papieren auf seinem Schreibtisch zu und Rochefort musste einsehen, dass sein Vorschlag abgewiesen war.

Szene IV

Die Schenke 'Zum Tannenzapfen' war auch heute wieder gut besucht. Der ausgezeichnete Ruf der Wirtsstube war nicht nur in der Kompanie der Musketiere bekannt, auch die Gardisten des Königs unter Hauptmann des Essarts und sogar vereinzelte Kardinalisten kehrten nach Dienstschluss ein. Der 'Tannenzapfen' bot das übliche Bild seiner Zeit: Die Küche ging beinahe nahtlos in den Schankraum über, in dem zahlreiche Holztische und -bänke aufgestellt waren. Die Luft war schwer von Kochdünsten und Schweiß, die Atmosphäre alkoholgetränkt und laut, lustig und stets nur einen Wimpernschlag von der nächsten Schlägerei entfernt. Im oberen Stockwerk gab es Gästezimmer für Parisreisende und auch sonst bot die Schenke alles erwartbare: Gutes Essen, guten Wein, gute Frauen und als Souvenir die Krätze oder andere unangenehme Krankheiten. Trotzdem galt der 'Tannenzapfen' im Vergleich als sauber und gepflegt. Der Wirt achtete auf Ordnung in seinem Haus und hielt die Polizeistunde meist ein. Von Raufereien hörte man selten und es konnte anschreiben, wer gerade knapp bei Sold war. An manchen Abenden hatten auch Athos, Porthos, Aramis und d'Artagnan von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und ihre Schulden stets gewissenhaft zurückgezahlt.

Als die drei Musketiere nun eintraten, sahen sie gleich, dass es schwer für sie werden würde, noch einen Tisch zu ergattern.

„Sehr viele Gäste heute Abend." stellte Porthos mürrisch fest. Er hielt Ausschau und da er seine Begleiter um fast einen Kopf überragte, kam er recht schnell zu dem Schluss, dass alle Tische besetzt waren und auch alle Bänke, Holzbretter, die der Wirt aufgebockt hatte, belegt.

„Gibt es wirklich keine freien Plätze mehr für uns? versicherte sich Aramis bei dem Hünen, der nur bedauernd den Kopf schüttelte. Fragend sahen sie beide zu Athos, als plötzlich eine Stimme aus dem Schankraum über den fröhlichen Lärm der Zecher hinweg in ihre Richtung rief: „Messieurs!

Wenn sie ihn nicht besser gekannt hätten, dann hätten Aramis und Porthos schwören können, in der sonst so gelassenen Miene ihres Freundes einigen Unmut aufblitzen zu sehen. Der Grund dafür war eine Gestalt, die sich jetzt durch das Gedränge im Schankraum zwängte, zielstrebig auf die Musketiere zu. Nicht nur Athos hatte sie erkannt. Auch Aramis raunte: „Noch können wir gehen und ihn nicht bemerkt haben. Dabei versuchte er, Porthos am Ellenbogen in Richtung des Ausgangs zu schieben. Allerdings versperrten ihnen andere, neu eintreffende Gäste an der Tür den Weg. Sehr viel näher schallte es weider und ließ keinen Zweifel daran, wer gemeint war: „Messieurs Musketiere! Athos, Porthos und Aramis! Ein junger Mann in der Uniform der Gardisten des Königs hielt auf die Freunde zu, die sich widerstrebend umwandten. Endlich an seinem Ziel angekommen, verneigte sich der Gardist höflich und mit einem strahlenden Lächeln im knabenhaften Gesicht. Etwas verhaltener grüßte ihn Aramis zurück. „Bonsoir, Monsieur de Moissac. Welch Zufall."

Moissac schien der unterkühlte Ton gar nicht aufzufallen, noch weniger konnte er den jungen Mann aufhalten. Überschwänglich nahm er reihum die Hände der Musketiere und schüttelte sie ausdauernd, wobei er munter drauflos plapperte: „Bonsoir, bonsoir Messieurs! Es freut mich, Euch anzutreffen! Nach einem anstrengendem Tag im Dienst für den König kehren die Musketiere im 'Tannenzapfen' ein, nicht wahr? Ein Zwinkern folgte, als wäre Moissac Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Keiner der Freunde wusste darauf höflich zu antworten und es war ihnen anzusehen, dass sie nun lieber einige Meilen weit entfernt gewesen wären. An den nahen Tischen wandten sich schon Köpfe in ihre Richtung, was Moissac jedoch nicht zu stören schien. Im Gegenteil schien er die Aufmerksamkeit zu genießen und präsentierte sich gern in Gesellschaft der Musketiere. Neben seiner faltenlos gebügelten Uniform, dem perfekt liegenden Kragen und den glänzenden Stiefeln konnte man sich schon ein wenig schäbig fühlen, wenn einen solche Äußerlichkeiten beeindruckten. Schon redete er weiter: „Heute Abend ist besonders viel Betrieb. Ich bin froh, noch einen Platz bekommen zu haben. Dabei war ich schon früh hier und habe auf meine Kameraden gewartet. Wir halten uns gegenseitig einen Tisch frei, wenn einer früher Dienstschluss hat.

„Wir werden uns nach einem anderen Gasthaus umsehen. erwiderte Aramis zurückhaltend, seinen beiden Begleitern allerdings sehr bestimmende Blicke zuwerfend. Doch genau auf diese Worte schien Moissac gewartet zu haben. Es platzte förmlich aus ihm heraus: „Meinen Tisch teile ich nur mit zwei Kameraden, es sind noch einige Stühle unbesetzt. Es wäre uns eine Ehre, wenn ihr euch zu uns gesellen würdet.

Porthos schüttelte den Kopf und machte einen halben Schritt zur Tür hin. Doch trotz dieser eindeutigen Geste, rührte sich Athos nicht von der Stelle. Im Gegenteil nickte er nun in Moissacs Richtung und dessen unverkennbare Freude entschuldigte in diesem Moment Athos' scheinbar übertriebene Höflichkeit. Moissac führte die Musketiere sofort quer durch den Schankraum zu einem Tisch, an dem in der Tat zwei weitere Gardisten saßen.

Mochte es auch kein vernünftiges Argument geben, um das Angebot abzulehnen, so lag Aramis doch eine stumme Frage an Athos auf den Lippen. Der ältere Musketier verstand den unausgesprochenen Vorwurf und flüsterte, nur für seine beiden Freunde hörbar: „Wenn wir ein anderes Gasthaus aufsuchen, wird d'Artagnan uns nicht finden."

„Falls wir heute überhaupt noch zusammengefunden hätten. zischte Aramis zurück und neben ihm brummte Porthos: „D'Artagnan hätte es ganz sicher verstanden.

Athos, auch wenn er seine Entscheidung nicht für falsch hielt, musste dem Hünen recht geben. Wahrscheinlich wäre d'Artagnan der erste gewesen, der auf dem Absatz kehrtgemacht hätte, sobald er Moissac erkannte. Jetzt war es allerdings zu spät dafür und die Freunde erreichten den Tisch, an dem die beiden anderen Gardisten ihr eigenes Gespräch unterbrachen, um die Musketiere abschätzend zu mustern. Moissac stellte mit unverkennbaren Stolz auf seine flüchtige Bekanntschaft mit den Musketieren die Freunde vor. „De Saint-Marc und de Villeneuve, dies sind die Herren Athos, Porthos und Aramis."

Die beiden Gardisten nickten knapp und es war ihnen anzusehen, dass sie im Gegensatz zu ihrem Kameraden keinen gehobenen Wert auf die Gesellschaft der Musketiere legten oder sonderlich beeindruckt waren. Die Freunde störten sich nicht weiter daran. Wenn Saint-Marc und Villeneuve sich nicht so aufdringlich gaben wie Moissac, konnte es ihnen nur recht sein. Sie ließen sich auf ihren Stühlen nieder und Moissac winkte einer Magd, die trotz der zahlreichen Gäste auch bald zu ihrem Tisch kam und die Wünsche der Musketiere entgegennahm. Zwar war die Gesellschaft nicht die angenehmste, aber ein Abendessen aus der guten Küche des 'Tannenzapfens' ließen sich die Freunde deswegen nicht nehmen. Saint-Marc und Villeneuve widmeten sich bald wieder ihren eigenen Angelegenheiten, nur Moissac konnte nicht schweigen und versuchte ein Gespräch am Tisch in Gang zu bringen. Er hatte nicht viel Erfolg damit, da sich die anderen Männer entweder mit ihrem Wein oder ihrem Essen beschäftigten. Irgendwann allerdings stellte Moissac eine Frage, auf die die Musketiere schon die ganze Zeit gewartet hatten und es wunderte sie fast, dass der junge Mann nicht früher schon darauf zu sprechen gekommen war. „...und aus diesem Grund hoffe ich, bald Fähnrich in meiner Kompanie werden zu können. Aber sagt, wo ist eigentlich d'Artagnan? Ihr müsst wissen, Saint-Marc, Villeneuve, die Unzertrennlichen sind in der Regel zu viert anzutreffen. Es ist doch hoffentlich alles in Ordnung?"

Von allen Musketieren, die Moissac das Vergnügen hatte zu kennen, war wohl ausgerechnet der Leutnant derjenige, auf den er es am meisten abgesehen hatte. Das mochte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass er und d'Artagnan für einige Monate gemeinsam in der Garde Seiner Majestät gedient hatten. Moissac war kurz vor dem Feldzug nach La Rochelle der Kompanie beigetreten, mit ehrgeizigen Plänen für seine weitere Karriere. Er hatte die baldige Versetzung des praktisch gleichaltrigen Gascogners zu den Musketieren miterlebt und das schien ihn beeindruckt haben. Als d'Artagnan dann auch noch überraschend zum Leutnant ernannt worden war, musste Moissac endgültig den Entschluss gefasst haben, dass ihm eine Freundschaft mit seinem einstigen Kameraden nur zum Vorteil gereichen konnte. Wenn Athos, Porthos und Aramis - von denen sich Moissac durch ein gutes Verhältnis zu ihnen, da sie die besten Freunde d'Artagnans waren, ebenso hoffnungsvolle Aussichten für seine Zukunft versprach - den jungen Gardisten schon sehr lästig fanden, dann war die Aussicht, das eigentliche Interesse Moissacs zu sein, noch weit weniger erbaulich.

Bevor einer der Musketiere antworten konnte, mischte sich Saint-Marc ein. Der Gardist hatte halb den Weinbecher zum Mund gehoben. Eine alte Pockennarbe auf seiner Wange geriet in Bewegung, als er wie beiläufig meinte: „D'Artagnan ist der Leutnant der Musketiere. Es wundert mich nicht, dass er nicht anwesend ist."

„Was wollt Ihr damit sagen? erwiderte Aramis schärfer, als er es beabsichtigt hatte und war damit schon halb auf den lauernden Tonfall des Gardisten hereingefallen. Saint-Marc trank ungerührt, dann zuckte er mit den Schultern. „Gehört es nicht zu den Aufgaben eines Leutnants, seinen Hauptmann zu vertreten?

„Ja. fügte jetzt Villeneuve ebenso harmlos hinzu. Er hatte ein spitzes Gesicht und dazu passend den dünnen Schnurrbart einer Ratte. „Ist das nicht eine wesentliche Pflicht dieses Postens? Besonders zu solchen Zeiten.

Athos legte Aramis eine Hand auf den Arm, bevor sein Freund hitzig etwas antworten konnte. Porthos, der drauf und dran war von seinem Stuhl aufzuspringen, hielt er mit einem schnellen Blick im Zaum. Er selbst musterte die beiden Gardisten kühl. „Ich bin mir nicht sicher, worauf ihr hinauswollt. Allerdings meine ich mich zu erinnern, dass auch Hauptmann des Essarts einen Leutnant zur Seite hätte, dem ihr Respekt schuldet."

Moissac, der nicht recht zu verstehen schien was vor sich ging, blickte von einem Gesicht zum anderen und meinte unsicher: „Im Augenblick ist unsere Kompanie zwar ohne Leutnant, aber ich denke, gäbe es einen, so wären seine Pflichten vielfältiger Natur."

Saint-Marc lehnte sich überlegen lächelnd zurück und überließ es Villeneuve, zu antworten. „Solange diese Pflichten auch erfüllt werden."

Aramis war von Natur aus ein eher sanftes Gemüt, ein Feingeist. Doch nun ließ er sich nicht länger von Athos beschwichtigen, sondern fuhr die Gardisten an: „Ihr solltet Euch deutlicher ausdrücken, Eure Worte könnten sonst zu einem unschönen Missverständnis führen!"

Saint-Marc winkte unbeeindruckt ab. „Ein solches Missverständnis möchten wir natürlich vermeiden. Ihr habt es wohl noch nicht gehört?"

„Was gehört?" fragte Moissac völlig arglos dazwischen.

„Nun, mein Freund. Es geht das Gerücht, dass die maroden Staatskassen nicht mehr alle Kompanien tragen können. Der König lässt nicht umsonst zu, dass so unerfahrene, junge Männer den Posten eines Leutnants einnehmen."

Villeneuves Barthaar zitterte vor Vergnügen, als er hinzufügte: „Die Hauptleute müssen lernen, sich mit der zweiten Wahl zufriedenzugeben. In manchen Einheiten ist das schon seit einigen Jahren der Fall."

Selbst Athos wurde blass vor Zorn und seine Hand ruhte gefährlich auf dem Griff seines Degens.

„Was, bitte, ist seit einigen Jahren der Fall? Die Köpfe aller Männer am Tisch ruckten herum, als plötzlich eine neue Stimme, scheinbar vergnügt und doch sehr scharf, sprach. „Ah, ich hörte nur das Wort 'Kompanie' und es ist meine verflucht neugierige Art, bei manchen Begriffen aufzuhorchen.

An den Tisch trat ein weiterer Mann, bei dem es sich unverkennbar um keinen einfachen Soldaten handelte. Er stand entspannt, doch seine ganze Haltung strahlte Autorität aus. Er schien gewöhnlich Befehle zu erteilen, die stante pede ausgeführt wurden. Seine markanten Gesichtszüge entbehrten nicht einer gewissen Attraktivität, die von den Damen sicher als aufregend empfunden wurde. Bei seiner Rede hatte er kaum die Stimme heben müssen, um sich Gehör zu verschaffen, ihm war sofort alle Aufmerksamkeit sicher.

Moissac sprang beinahe von seinem Stuhl auf und rief überrscht: „Monsieur des Essarts, Hauptmann...!"

Der Hauptmann der Gardisten des Königs ging über den Gruß seines jungen Untergebenen hinweg, Saint-Marc und Villeneuve traf allerdings ein stählernen Blick. Des Essarts schien die letzten Gesprächsfetzen durchaus aufgefangen zu haben und auch die Musketiere machten keinen Mucks. Seine Stimme bekam etwas schneidendes, keinen Widerspruch duldendes, als er nachfragte: „Was also ist seit einigen Jahren in Frankreichs Kompanien der Fall und entzieht sich vollkommen meiner Kenntnis, während meine Soldaten erstaunlich gut Bescheid zu wissen scheinen?"

Saint-Marc und Villeneuve wagten es nicht, zu antworten. Der Hauptmann wartete noch einen Augenblick länger und als er überzeugt schien, dass seine Untergebenen lange genug geschmort hatten, sagte er: „Wir werden uns darüber morgen früh ausführlicher unterhalten, nachdem die Herren ihren Wachdienst beendet haben. In meinem Arbeitszimmer, pünktlich!"

Villeneuve schien protestieren zu wollen, doch als ihn der Blick seines Vorgesetzten traf, machte er den Mund sofort wieder zu. Essarts trug eine schwer zu deutende Miene. Ihn schien mehr als nur Villeneuves und Saint-Marcs Unverschämtheit verärgert zu haben. „Geht!"

Saint-Marc schien etwas blasser um die Nasenspitze zu werden, seine Pockennarbe zeichnte sich noch deutlicher ab. Villeneuve und er standen eilig auf und trollten sich. Sie vermieden es im Vorbeigehen, den Musketieren finstere Blicke in Gegenwart ihres Hauptmanns zuzuwerfen. Auf einen der frei gewordenen Stühle ließ sich nun überraschend des Essarts nieder und maß die anderen Männer mit einem abschätzenden Blick. „Villeneuve und Saint-Marc mögen zwei Unruhestifter sein, doch ich hoffe sehr, ihr habt euch nicht provozieren lassen?"

Athos neigte respektvoll den Kopf. „Nein, Monsieur le capitaine. Aramis und Porthos nickte bestätigend. Von des Essarts schien damit die letzte Anspannung abzufallen und er lehnte sich bequem zurück. „Sehr gut. Andernfalls hätte ich diesen Vorfall meinem Schwager melden müssen. Doch ich glaube, ein Streit zwischen Gardisten und Musketieren ist das Letzte, wovon Tréville im Augenblick erfahren möchte. Zumal es sich nicht einmal um die Männer des Kardinals gehandelt hat.

Selbst der vorhin noch so eingeschüchterte Moissac lachte bei dieser Bemerkung auf und die Angelegenheit schien damit erledigt. Des Essarts wandte sich dem jungen Gardisten zu, der sofort wieder verstummte. „Ihr seid vernünftig geblieben, lobenswert. Im Übrigen bin ich nicht zufällig in diese Schenke gekommen."

„Hauptmann?"

„Ihr seid mehrere Male an mich herangetreten mit der Bitte um einen geringen Gefallen. Er wird Euch gewährt."

Moissac starrte sprachlos, dann jedoch hellte ein erfreutes Lächeln seine Miene auf. „Ihr meint, Ihr habt tatsächlich für meine Base eine Stelle als Gesellschafterin gefunden?"

„Beinahe. Wir werden ebenfalls morgen darüber reden. Jetzt solltet Ihr Eure Kameraden einholen und beruhigen, bevor sie weitere Dummheiten begehen. Ich will mich nicht in der Position wiederfinden sie aus dem Arrest holen zu müssen. Obgleich sie ein paar Tage bei Wasser und Brot verdient hätten."

Moissac nickte eifrig, verabschiedete sich und schob sich ein weiteres mal durch den überfüllten Schankraum zum Ausgang des 'Tannenzapfens'. Die drei Musketiere sahen sich nun allein mit dem Hauptmann der Gardisten und es war Athos, der behutsam fragte: „Gilt Eure Sorge tatsächlich nur Saint-Marc und Villeneuve?"

Des Essarts lächelte dünn und verneinte. „Ihr habt mich durchschaut, wie nicht anders zu erwarten. Natürlich würde ich nicht Moissac endlich geben, was er verlangt, nur damit ich ungestört mit dreien der besten Musketiere meines Schwagers reden könnte. Unbewusst rückten die Männer zusammen und Aramis stellte nüchtern fest: „Es ist mittlerweile wohl ein offenes Geheimnis, dass mit- der Kompanie der Musketiere etwas nicht stimmt.

„Ja. Es gehen die unterschiedlichsten Gerüchte, doch niemand weiß, was wirklich geschieht. Auch ich nicht."

Porthos schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber Ihr seid Familie!"

„Das bin ich und in der Regel erzählt mir meine Schwester davon, wenn sie etwas bedrückt. Aber nicht einmal sie scheint nun zu wissen, woher das auffällige Verhalten ihres Mannes rührt. Des Essarts schmunzelte, aber es schien mehr verbittert als amüsiert. „Ganz sicher wurden weder ihm noch mir gedroht, dass unsere Kompanien die Staatskassen zu stark belasten würden. Es muss einen anderen Grund geben.

„Ihr glaubt, wir wüssten es?" fragte Aramis.

„Ihr seid Teil des Korps und euer Hauptmann lobt euch in den höchsten Tönen, wenn wir von euch sprechen. Nichts weiter als ein kleiner Konkurrenzkampf unter uns Offizieren, wer die hervorragendsten Soldaten zu seinen Untergebenen zählt. Wie auch immer es darum steht, aber ich greife inzwischen nach jedem Strohhalm. Zu viel Gerede schadet. In diesem Fall nicht nur einem guten, meinem besten Freund und seiner Kompanie, sondern auch meiner Familie. Das muss aufhören!"

Die Musketiere wechselten bedrückte Blicke und schließlich gestand Aramis: „Nein, wir sind ebenso ahnungslos. Etwas hat sich über die letzten Wochen verändert, aber wir wissen weder was noch warum."

„Was ist mit d'Artagnan?"

Nicht nur Athos und Porthos merkten auf. Auch Aramis runzelte die Stirn und schien es seltsam zu finden, dass nach Saint-Marc und Villeneuve jetzt auch ihr Hauptmann gezielt auf d'Artagnan zu sprechen kam. Wenn auch mit anderen Absichten. „Was meint Ihr?"

„Wenn ich sage, mein Schwager lobt seine besten Männer in höchsten Tönen, dann fällt auch regelmäßig d'Artagnans Name. Der Leutnant steht von allen Musketieren seinem Hauptmann am nächsten. Wenn also jemand eine noch so leise Ahnung haben könnte..."

„Uns hat er auf jeden Fall noch nichts erzählt. erwiderte Aramis verschnupft. Athos hatte den Wortwechsel bis da stumm verfolgt und wunderte sich über die doch reichlich unterkühlte Antwort des Freundes, die nicht zur Frage zu passen schien. Des Essarts' Überlegung war nicht abwegig, aber auch Porthos schaute merkwürdig peinlich berührt drein. Als dem Hünen Athos' blanke Miene auffiel, raunte er nur für ihn hörbar: „D'Artagnan soll dem Hauptmann näher stehen als seine eigene Frau?

Athos hustete, als hätte er sich am Wein verschluckt und Porthos beeilte sich zu versichern: „Das wird Essarts bestimmt nicht gemeint haben, nicht wahr?"

Athos bemühte sich gar nicht erst darum, diesen absurden Gedankengang verstehen zu wollen und wandte sich direkt an des Essarts. „Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, Hauptmann?"

„Sprecht."

„Vielleicht solltet Ihr unter vier Augen mit Herrn de Tréville sprechen."

„Denkt Ihr, das habe ich nicht bereits versucht? Essarts klang mehr belustigt als beleidigt und Athos erklärte seine Überlegung hinter dem Vorschlag näher. „Es ist richtig, dass derzeit der Leutnant unseren Hauptmann noch am häufigsten zu Gesicht bekommt. Deshalb werden wir d'Artagnan bitten mit Monsieur de Tréville zu sprechen. Aber das allein wird nicht viel nutzen, wenn Ihr es nicht auch erneut versucht. Vielleicht ist es notwendig, dass jemand außerhalb der Familie Monsieur de Tréville darauf aufmerksam macht, dass in Paris schon Gerüchte über ihn umgehen. Aber es braucht jemanden von gleichem Rang und Status, der d'Artagnan unterstützt.

Nach einem Moment des Zögerns stimmte des Essarts zu. „Nun gut. Selbst, wenn wir dadurch nichts erreichen sollten, den Versuch muss es wert sein. Ich bin sicher, auch die Sturheit meines Schwagers kann gebrochen werden. Zu seinem eigenen Wohl. Des Essarts erhob sich. „Ich wünsche uns allen viel Erfolg. Hoffen wir das Beste. Er grüßte die Musketiere knapp und verließ den 'Tannenzapfen'. Im Gegensatz zu Moissac musste sich der Hauptmann nirgendwo durchdrängeln, denn die meisten Gäste wichen respektvoll zur Seite.

„Das war, nun, eigenartig? meinte Aramis ein wenig ratlos, als die Freunde jetzt allein am Tisch zurückblieben. „Ist es um den Ruf der Kompanie schon so schlecht bestellt, dass sich andere Offiziere einmischen müssen?

Athos schenkte sich großzügig Wein nach. „Eine Familienangelegenheit. Freund und Schwager."

Aramis wog zweifelnd den Kopf, aber Porthos schien recht zufrieden mit der Lage und meinte: „Immerhin hat Essarts uns von diesen unverschämten Gardisten befreit."

„Er ist ebenso in Sorge wie wir. fügte Athos hinzu, aber Aramis lächelte spöttisch. „In Sorge um den guten Ruf seiner Familie, ja. Wer wäre das nicht?

„Aramis, seit wann seht Ihr in den Menschen immer zuerst die schlechten Seiten?"

„Und Ihr, Athos, seit wann seht Ihr immer zuerst die Guten?"

„Ich sehe vor allem, mischte sich Porthos ein, „dass wir ein Versprechen gegeben haben, an das wir uns nun halten müssen.

„Ihr habt recht. Aramis blickte zu den Fenstern. Die Abenddämmerung war schon lange vorbei, draußen erhellten nur noch die Laternen der Nachtwächter die Straßen. „Wie spät mag es ein?

„Zu spät. D'Artagnan wird nicht mehr kommen." erwiderte Athos.

„Wollt Ihr ihm noch heute Abend Euren Auftrag erteilen?"

„Je früher desto besser, Aramis. Ich teile die Meinung des Essarts', dass von allen Musketieren d'Artagnan im Augenblick noch am

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