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GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 15

GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 15

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GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 15

Länge:
273 Seiten
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Mai 2019
ISBN:
9783748594222
Format:
Buch

Beschreibung

Ein pralles Bündel neuer Storys aus Science Fiction und Phantastik gibt es in der 15. Ausgabe von GEGEN UNENDLICH.

Diesmal mit Beiträgen von Michael J. Awe, Gabriele Behrend, Marco Denevi, Ute Dietrich, Raven E. Dietzel, Sascha Dinse, Uwe Durst, Rainer Erler, Tino Falke, Andreas Fink, Norbert Fiks, Hans Jürgen Kugler, Manfred Lafrentz, Kurt Münzer, Lea Reiff, Nele Sickel, Fernando Sorrentino, Simon Viktor und Matthias Weber.
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Mai 2019
ISBN:
9783748594222
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 15

Buchvorschau

GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 15 - Michael J. Awe

VORWORT

Liebe Freunde des Phantastischen,

metaphorisch gesprochen, umkreisen die Geschichten dieser Sammlung wie die Planeten eines Sonnensystem einen gemeinsamen Mittelpunkt. Die unterschiedlichen Bahnen um das Zentralgestirn mögen sie durch jeweils andere Gefilde führen, und unterwegs begegnen ihnen jeweils andere Phänomene, aber der Kern, der sie mit unsichtbarer Kraft an sich bindet, bleibt doch derselbe. Liebe, Sex, Erotik, Verführung und Leidenschaft sind beinahe durchgängig die grundlegenden Elemente.

Den Auftakt bildet Raven E. Ditzels »Sciurus«, eine eindringliche Schilderung, die uns ganz nahe heranrückt an das intime Ringen von Gut und Böse in der Grausamkeit vertrauter Katastrophen. Der Leser wird Zeuge eines Dialogs, in dem ein Dämon und ein Engel die Causa Gut versus Böse verhandeln.

Und es gibt weitere Schlachtfelder. Auf einem von ihnen wird das Banner mit der Aufschrift »Love is a battlefield« vorweggetragen. Entweder ist es die Liebe, die das Schlachtfeld erschafft, oder sie ist es, die aus ihm den letzten Ausweg weist. Die alte Parole, dass im Krieg wie in der Liebe alles erlaubt ist, belegen sowohl Matthias Weber mit »Zeitspringer« als auch Norbert Fiks mit »Abschied von Brontannasdé«.

Längst ist nicht mehr sicher, wer für das vermeintlich starke, wer für das angeblich schwache Geschlecht steht. Frauen wissen sich zu wehren, wenn sie in die Liebesfalle getappt sind (Nele Sickel: »Im Neonlicht des neuen Tages«), Männer strecken die Waffen und ergeben sich ihrem Schicksal (Manfred Lafrentz: »Wolf in der Steppe«). In Kurt Münzers »Die Katze« geht es um Rache aus dem Totenreich, und auch in Simon Viktors »Elias« erweist sich der Ruf des Jenseits stärker als das Diesseits. Gleiches gilt für Tino Falkes »Hutmachers Laterne«, eine Geschichte, die zudem mit unkonventionellen stilistischen Mitteln reizt.

Nur eine vermeintliche Verschnaufpause gewähren uns Marco Denevi mit »Janóvice«, einer durchtriebenen Geschichte aus dem Mikrokosmos einer kafkaesken Bürowelt, oder Fernando Sorrentino mit seiner anekdotischen »Cubelli-Langune«. Doch schon mit Uwe Dursts »Dämmerung« meldet sich das Grauen zurück: Der Strahler richtet sich auf eine Szene, die kurz und wuchtig ist wie ein Donnerschlag. Hier ist die Erwartung des Unausweichlichen übermächtig ­ gewaltiger als alles, was nur angedeutet werden kann.

Wenn es um letzte Dinge geht, um Liebe und Tod, ums Existenzielle, dann landen wir bald bei den Dystopien, in denen sich das Geschehen dramatisch zuspitzt und apokalyptische Ausmaße annimmt. Willkommen zum Showdown der Menschheit! Den illustrieren Sascha Dinse in »Risse«, Michael J. Awe in »Der Komplex«, Ute Dietrich in »Das Depot« und Andreas Fink in »Salvation3«. In einer fernen Zukunft stellen die Protagonisten in Lea Reiffs »Arturs Erwachen« menschliche Schicksale nach, von denen sie aber seltsam unberührt bleiben.

Zurück an die Ursprünge vormenschlichen Lebens, das sich ans Licht kämpft, begibt sich Gabriele Behrendt in »Partition«, während in der schon meditativen Betrachtung »Freier Fall« von Hans Jürgen Kugler alle Bewegung zu einem Stilleben gerinnt, das im Wortsinne All umfassend ist.

Rainer Erler setzt mit »Die Auserwählten« einen versöhnlichen Schlußpunkt. In seiner Geschichte wehren sich zwei Menschen dagegen, dass ihre Verbundenheit für einen höheren Zweck instrumentalisiert werden soll und füllen die auferlegte Pflicht mit eigenem Leben.

Sie sehen, was man in dieser Ausgabe zu lesen bekommt, ist alles andere als leichte Kost, und dennoch bereichernd. Lassen Sie sich gut unterhalten!

Die Herausgeber Michael J. Awe & Andreas Fieberg

Bonn, im April 2018

Raven E. Dietzel

SCIURUS

Als ich die Stufen zum Parkplatz hinunterstieg, wurde mir klar, dass es vorbei war. Ich hatte es geschafft!

Der Regen prasselte schwer, und das Wasser war kalt, dennoch trug ich meinen Schirm geschlossen in der Hand. Meine Laune war … ach, ich fühlte mich unbeschreiblich.

Die paar Schritte zu meinem kleinen, alten Wagen waren schnell getan. Links stand ein Polizeiauto und rechts die Fahrzeuge von zwei anderen Lehrern, die noch drinnen waren und Aussage machten. Aber die meisten hatten nichts zu sagen gewusst und waren längst nach Hause gefahren. Ich selbst hatte nur unter einem Vorwand bis eben bleiben können. Der entgeisterte Tonfall der Polizisten hatte mich interessiert.

Ich entriegelte die Tür, öffnete sie schwungvoll und schlüpfte ins Wageninnere. Pfeifend steckte ich den Schlüssel ins Schloss, erkannte das Lied, das ich gedankenverloren geträllert hatte, und wollte es plötzlich hören. Also ließ ich den Wagen an, ließ Scheinwerfer aufleuchteten, denn es herrschte bereits trübe Winterdämmerung, und schob die Kassette in den Schlitz. Ich spulte ein wenig, verfehlte den Anfang, und hörte einfach mittendrin.

Das Scheinwerferlicht tastete über den schwimmenden Asphalt, spiegelte sich in der Dunkelheit mühsam und doch widerstandslos. Bäume säumten die Straße, denn der Schulhof grenzte direkt an den Wald. Ich fuhr nach links, passierte das Ortsausgangsschild, beschleunigte, schaltete im Takt der Musik. Gleich wäre ich im fünften Gang …

Da erfasste mein Lichtkegel eine Gestalt am Straßenrand. Der Rücken unter der hellen Regenjacke war krumm, die Schultern eingesunken. Das unsichtbare Gewicht der Niederlage schien tonnenschwer auf ihnen zu lasten.

Mein erster Impuls war, an mein Lenkrad zu tippen. Es interessierte mich, ob es Simon in die Luft schleudern würde, wenn ich ihm von hinten in die Kniekehlen fuhr. Vielleicht überschlug er sich lustig, wie eine Puppe, die ein eifriges Kind in den blauen Sommerhimmel warf, um ihr das Fliegen beizubringen. Wie die freudigen Kinderhände würde meine Motorhaube ihn fangen. Oder ob ich genug Tempo hatte, ihn bis auf Höhe meines Dachs zu schleudern? Wenn ich noch etwas Gas gab, würde es vielleicht …?

Aber wahrscheinlich würde ihn der Stoß nur einige Meter nach vorne werfen, und dann würden die Räder auf meiner rechten Seite ihn überrollen, erst das vordere und dann das hintere. Es würde mit Sicherheit rumpeln, vielleicht gab es ein lautes Geräusch, wenn sein Kopf an irgendein Metallteil stieß. Die Regenjacke könnte sich am Auspuff oder an der Anhängerkupplung verfangen, sodass ich ihn eine Weile mitschleifte. Aber so starker Regen würde die rote Spur doch bestimmt bald fortspülen… In solche Gedanken war ich versunken, und ich achtete gar nicht darauf, was ich in Wirklichkeit tat. Erst das Knarren des Handbremsenzugs machte mich darauf aufmerksam, dass ich angehalten hatte.

Nun im Bann des Rücklichts erschien die Regenjacke rot, und auch das Gesicht unter der Kapuze leuchtete in derselben Farbe. Simon beschleunigte seinen Schritt, um zum Wagen aufzuschließen. Je näher er kam, desto stärker verfremdete die Beleuchtung seine Züge. Vermutlich war es ganz und gar unmöglich, in den scharf schattierten Augenhöhlen eine kummervolle Miene zu erkennen, doch meine Phantasie schmückte sie entsprechend aus.

Ich drehte die Musik leise. Er war inzwischen neben dem Auto, fasste nach dem Griff und zog die Tür auf. Die Innenbeleuchtung ging an und sein Gesicht desillusionierte mich mit einem Ausdruck hoffnungsvoller Dankbarkeit, wie ihn Menschen üblicherweise zur Schau tragen, wenn ein gnädiger Autofahrer sie aus eiskaltem Sturzregen rettet. Allerdings hielt das nur einen winzigen Moment. Dann erkannte er mich und fuhr zusammen.

»Bevor du die Tür zuwirfst«, hielt ich ihn von einer übereilten Reaktion ab, »denk nach!«

Wozu er sein Gesicht verzog, war beinahe Hass. Aber eben doch nur beinahe. »Was soll das hier?«, fuhr er mich an. »Warum hast du mich nicht einfach überfahren?«

Ich verzichtete auf eine Antwort auf seine zweite Frage und erklärte auf die erste: »Ich biete dir an, dich mitzunehmen. Das soll das hier.«

Er zögerte. Sein Geist und seine Gesinnung sagten ihm natürlich, dass er sich aufrichten und seinen Weg zu Fuß fortsetzen sollte. Aber das Wasser rann ihm unablässig übers Gesicht und tropfte ihm von der Nase, und seine klammen, notdürftig in den Ärmeln versenkten Hände verrieten, wie kalt ihm war. Ach, wie ich solche Situationen liebte! Wenn der Gute zwischen Stolz und Bedürfnis entscheiden musste …

»Klammer aus, dass es eine Versuchung ist«, bot ich an, um die Entscheidung leichter zu machen. »Betrachte mich als einen … barmherzigen Samariter.« Aufmunternd fügte ich hinzu: »Ich habe eine Heizung.« Und drückte auf den entsprechenden Schalter.

Man sah Simon genau an, wie er sich zwingen musste, sich nicht dem warmen Luftstrom entgegenzubeugen. »Du verlangst keine Gegenleistung?«, vergewisserte er sich misstrauisch.

»Doch nicht an so einem Abend!«, lachte ich und winkte ab. »Im Übrigen: Es macht keinen Märtyrer aus dir, wenn du an einer Lungenentzündung stirbst.«

Widerwillig nickte er, und mit dem Blick eines gebrochenen Menschen stieg er ein. Das Knallen der Autotür sperrte den Regen aus. Ich löste die Handbremse und fuhr zufrieden los.

Noch immer murmelte in den Lautsprechern die Musik, doch ich dachte gar nicht daran, sie lauter zu stellen. Mir war danach zu plaudern. Ach, ich war so gut gelaunt!

»Ist fast eine Sintflut da draußen«, bemerkte ich.

Teilnahmslos hob Simon die Schultern.

»Nein, die Sintflut war nicht so kalt«, übernahm ich es also selbst, mir zu widersprechen. »Aber wem sage ich das? Du bist ja selbst darin ertrunken!« Ich lachte so laut, dass Simon wohl glaubte, ich überhörte seine leise Bemerkung. Aber nachdem ich meiner Heiterkeit Luft gemacht hatte, nahm ich mich zusammen und bestätigte: »Das stimmt natürlich: Nicht nur du. Es war ein ulkiges Patt damals, nicht wahr?«

Er gab keine Antwort, aber ich sah seiner Miene deutlich an, dass Simon es gar nicht ulkig gefunden hatte. Ich glaube, er war damals wie ein Wahnsinniger gepaddelt und hatte versucht, ein kleines Kind über Wasser zu halten. Und zugegebenermaßen hatte auch ich es nicht besonders genossen, in Schlammmassen zu ersaufen. Aber es war lange her, und an einem Abend wie diesem stand ich weit über allen Todeserfahrungen. »Weißt du schon, was du jetzt machen wirst?«, erkundigte ich mich fröhlich.

»Sterben«, knurrte Simon missmutig.

»Ach? Warum denn schon?« Weil im Scheinwerferlicht eine scharfe Kurve auftauchte, bremste ich ein wenig ab. »Du könntest die freie Zeit nutzen und das Leben genießen.«

»Genießen?«, stieß Simon scharf aus. »Ich soll ein Zeitalter genießen, das von dir beherrscht wird?«

»Warum nicht? Umgekehrt funktioniert es doch auch.« Oft genug war es vorgekommen, dass ich Simons Sieg überlebt hatte und noch einen Gutteil der verbleibenden Zeit als simpler Mensch verbringen musste – als ein bösartiger natürlich, und ob meiner Niederlage meist auch recht gehässig. Ich hatte stets das Beste daraus gemacht. Einmal war ich ein ganz hervorragender Massenmörder geworden, dessen Namen man bis heute ehrfürchtig nannte. Man hatte mich nie in die Finger bekommen, um mich aufzuhängen, wie es zu der Zeit Sitte war. Stattdessen war ich reich und alt geworden und am Ende fett in einem Bett gestorben. Es war einer der angenehmsten Tode, an die ich mich erinnern konnte, und das in einem Jahrhundert, das sehr schlecht angefangen hatte …!

»Hab einfach ein bisschen Spaß«, riet ich gönnerhaft.

»Weißt du, Nathan«, setzte Simon an. »Spaß und Genuss sind dein Metier.«

»Dann verschaffst du dir eben …«, ich rang um ein Wort, dass Simons Wesensart treffen mochte, »… Freude. Wo ist das Problem?«

»Ich freue mich nicht, wenn Böses herrscht!«

»Ach, ja … Ich habe auch keinen Spaß an deinen langweiligen guten Werken«, stellte ich dem gegenüber. »Aber, Simon, ich habe eine Menge Spaß daran, ein paar gute Dinge zu verderben.« Bei dem Gedanken daran kribbelten mir üblicherweise die Handflächen, aber heute merkte ich gar nichts, denn schon die ganze Zeit war dasselbe Kribbeln in meinem ganzen Körper. Ich wäre am liebsten auf meinem Sitz herumgehüpft, aus Genugtuung über das böse Werk, dass vor ein paar Stunden zu einem Abschluss gelangt war. All die kleinen Boshaftigkeiten, die ich als Mensch zu vollbringen in der Lage war, waren nichts gegen den Moment, in dem ich das Spiel gewann; jenen Augenblick, in dem der Mensch, um den Simon und ich gerungen hatten, sich entschied. Nicht immer war das Ergebnis ein Massaker, wie es heute stattgefunden hatte. Genauso reichte es aus, dass ein Mann endlich die Hand erhob und seine Frau ein paarmal heftig gegen die Wand schmetterte. Manchmal ging es sogar nur um eine lächerliche Unterschrift auf irgendeinem Papier. Es kam nicht darauf an, wie groß oder klein die Tat war, es ging nur darum, dass es sich um die freie Entscheidung eines Menschen für das Gute oder das Böse handelte – ein kosmischer Münzwurf. Das Entsetzen in Simons Gesicht, wenn die Münze auf die blutige Seite fiel, war jedes Mal entzückend. Er schien sich bis heute nicht daran gewöhnt zu haben, wozu Menschen in der Lage waren. Wie konnte man nach so vielen Tausend Jahren noch so naiv sein? Aber ich konnte es nicht leugnen: Ich liebte das Leid dieses Burschen. Er war so unvergleichbar fähig dazu …

Doch in diesem Gedanken wurde ich unterbrochen. Simon hatte beschlossen, seine Einsilbigkeit aufzugeben: »Das klingt, als wolltest du mich ermuntern, weiterhin gegen dich zu kämpfen«, bemerkte er. »Warum?«

»Weil es Spaß macht.«

»Es macht dir Spaß, bekämpft zu werden?«

»Nein. Es macht mir Spaß, über ein paar von deinen Leuten zu siegen«, stellte ich klar. »Und das kann ich nicht, wenn sie nicht gegen mich kämpfen.«

Bisher hatte er seine Hände an der Heizung gewärmt, doch nun ließ er sie sinken. Nach der Kälte draußen hatte die Wärme seine Haut rot gefärbt, und wahrscheinlich brannte sie. Vier Grad und Regen waren einfach eine wunderbare Wetterlage. »Ihr bringt uns auch um, wenn wir nicht im geringsten Hand gegen euch erheben«, stellte er fest. Sein Blick dabei war unschuldig, aber ich glaubte ihm nicht, dass er dieses lästige Thema anschnitt, ohne zu wissen, wie sehr es mich nervte.

»Natürlich tun wir das«, meinte ich bissig. »Aber es hilft nicht! Mit deinen pazifistischen Märtyrern kann ich nichts anfangen. Sie … bringen mir nichts.«

»Natürlich nicht«, erwiderte Simon, und ärgerlicherweise waren diese Worte begleitet von einem Lächeln. Es war ein kleines und verstohlenes Lächeln, eines, das Simon nicht lächelte, damit es von mir gesehen wurde, sondern das aus seinem Innern aufstieg und sich einfach so in seine Mundwinkel setzte. So ein Lächeln war das; so ein selbstgenügsames … Als es ihm auffiel, wischte er es sofort weg – das ärgerte mich noch mehr.

»Die absurdeste Niederlage, die ich jemals einstecken musste!«, machte ich mir Luft. »Wir haben ihn getötet, und dadurch habt ihr gewonnen…!«

Er und ich hatten im Laufe der Menschheitsgeschichte schon viele Kämpfe geführt, doch Simon wusste sofort, welchen ich meinte. Wieder tauchte der Ausdruck auf seinen Lippen auf, und diesmal ließ er ihn zu. »Weißt du, Nathan… Ich glaubte, du glaubst, das Komplizierte am Gutsein wäre, nichts Böses zu tun. Aber damit schätzt du deine Versuchung viel zu groß ein. Das Komplizierte am Gutsein ist das gut Sein. Sie müssen nicht nur das Falsche lassen – sie müssen das Richtige tun …«

»Aber er hat doch gar nichts getan!«, entrüstete ich mich. »Er hat sich einfach umbringen lassen. Das ist das genaue Gegenteil davon, etwas zu tun. Er hätte sich selbst verleugnen können oder sich aus dem Gefängnis befreien …«

Jetzt lächelte der Kerl nicht nur, jetzt lachte er sogar. Auch das war leise und in sich selbst hinein, und es regte mich noch viel mehr auf. »Wenn er das getan hätte«, meinte Simon, »dann hättest du gewonnen.«

»Nein! Ich hätte doch so gewinnen müssen.« Ich verstand bis heute nicht ganz, was eigentlich passiert war. Es war eine Unbegreiflichkeit. »Er war kein starker Kämpfer des Guten! Er war sogar zu schwach, sein eigenes Leben zu verteidigen …«

»Er war stark genug, es herzugeben. Das hat er getan.« Simon fügte hinzu. »Und das hat einigen von deinen Leuten sehr zu denken gegeben.«

Ich öffnete den Mund, wusste aber nichts zu sagen, das irgendetwas an der Pleite von damals besser machte. Also beschränkte ich mich darauf, verächtlich zu schnauben.

Simon warf mir einen Blick zu, der so etwas wie Mitleid bedeutete – ich fand es eklig. Aber dann trübte er sich. »Diesmal hast du gewonnen«, murmelte Simon.

»Ja-ah.« Ich fühlte mich gleich besser. »Ein wundervolles Jahrhundert liegt vor uns.« Hoffnungsvoll setzte ich hinterher: »Du willst nicht doch etwas Widerstand organisieren?«

Simon schwieg.

Ich hielt das für Resignation und glaubte, dass unser Gespräch sich erschöpft hatte. Wahrscheinlich war es an der Zeit, die Musik wieder aufzudrehen. Erst musste ich den Wagen noch durch ein paar enge Straßenkurven lenken, aber nachdem wir diesen letzten Teil des Waldes hinter uns gebracht hatten und uns nun auf freier, gerader Landstraße befanden, tastete ich mit der Hand nach dem Autoradio. In weiter Ferne vor uns glommen ein paar Rücklichter durch die Dunkelheit. Ich dachte über meine kleine Lehrerkarre nach und beschloss, mir bald ein schnelleres Auto zuzulegen. Meine Finger fanden inzwischen den Lautstärkeregler.

Da sagte Simon plötzlich: »Mehr, als dir gefallen wird.«

Ich zog die Hand vom Knopf zurück. Mühsam schloss ich an das vergangene Gespräch an. »Mehr Widerstand als mir gefallen wird?«, echote ich verwundert. »Wie meinst du das?«

Simon mochte lange nachgedacht haben, aber das Ergebnis hatte aus meiner Sicht keinen Sinn. Das Spiel war gelaufen, jedenfalls für dieses Jahrhundert. Nun hatte er nicht mehr Macht als jeder normale Mensch. Wenn er Widerstand organisierte, nutzte ihm der nicht nur nichts, sondern er hatte auch keine Aussicht auf Erfolg. Im Kampf mit meinen Leuten würde nicht mehr davon übrig bleiben als ein schmieriger Fleck – und das nur teilweise im übertragenen Sinne. Und ich freute mich darüber, wenn dieser Fleck ein bisschen größer ausfiel als unbedingt nötig. So war ich nun einmal.

»Nein, widerstehen müssen die Menschen dir alleine«, meinte Simon versonnen. »Es ist manchmal sehr schwer für sie – wie wir heute gesehen haben …« Ein dunkler und tiefer Schatten glitt über sein Gesicht, als er an den Jungen dachte, der mit einem Gewehr in die Schule gegangen war und zwölf Mitschüler erschossen hatte. Simon war bis zum Schluss der festen Überzeugung gewesen, dass er sich umentscheiden würde. Ich hatte leider keine Gelegenheit, ihn in dem Moment zu sehen, aber ich hatte mir sein Entsetzen vorgestellt, als die ersten Schüsse auf dem Flur erklungen waren. Mir hatte das Geräusch ein böses Grinsen auf die Lippen gezaubert, und ich hatte mich zur Tafel umdrehen müssen, damit die Schüler es nicht sahen.

»Erik ist nicht böse, nur verzweifelt«, hatte Simon zu mir gesagt, als wir das Spiel begonnen hatten, und etwas ganz Ähnliches auch zu den Polizisten, die heute, vier Jahre danach, das Lehrerkollegium verhörten. Obwohl es immer wieder der Fall war, wollte er einfach nicht daran glauben, dass sich Menschen tatsächlich für das Böse entschieden. Nun: Es war mir genauso unbegreiflich, dass sie etwas auf die Seite der Guten zog …

»Es wäre dir lieber gewesen, er hätte dich getötet?«, vermutete ich.

Simon schreckte aus Gedanken auf. Ich hätte ihn darin lassen sollen, dachte ich, als seine Züge sich glätteten. Eben waren sie noch so wunderbar schmerzerfüllt gewesen, als hätte jeder Schuss eine Falte hineingegraben. Noch ein bisschen länger in der Verzweiflung, und er hätte vielleicht angefangen zu weinen. Doch nun blickte er abgeklärt. »Das wäre für mich der einfache Weg gewesen«, bestätigte er.

Man konnte nicht sagen, dass Simon das Sterben leichtfiel, aber es fiel ihm zumindest leichter als mir. Es gab für mich keine tiefere Niederlage, als das Spiel zu verlieren und meiner Leiblichkeit beraubt zu sein. Wenn Simon dagegen beim Finale draufging, verschaffte ihm das immer sein dämliches gutes Märtyrergewissen, das ihn mit unbegreiflicher neuer Zuversicht ins nächste Spiel einsteigen ließ. Im Gegenzug litt er stärker als ich unter denjenigen Niederlagen, die er überlebte. Ich war dann bloß wütend – wobei auch ohnmächtige Wut ein dreckiges Gefühl ist.

»Bring dich doch einfach um«, schlug ich vor.

Simon schüttelte den Kopf.

»Ich meine es nur nett«, versicherte ich.

»Ich weiß, Nathan.« Wer mich weniger gut kannte, hätte es wohl für einen gehässigen Spruch gehalten, doch Simon wusste es wirklich. Die Empfindung, aus der ich gesprochen hatte, war skurril, doch ich hatte sie gelegentlich: eine Art Freundschaft. Ich konnte

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