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Nirgendwo ein Land: Die Geschichte der staatenlosen Krankenschwester Farah Hareb

Nirgendwo ein Land: Die Geschichte der staatenlosen Krankenschwester Farah Hareb

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Nirgendwo ein Land: Die Geschichte der staatenlosen Krankenschwester Farah Hareb

Länge:
126 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Mai 2022
ISBN:
9783866749627
Format:
Buch

Beschreibung

Farah Hareb war zwei Jahre alt, als ihre Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon flüchteten. Und obwohl sie schon lange als Krankenschwester in Deutschland arbeitet, ist sie als Staatenlose immer noch lediglich geduldet: Mal fehlte Behörden ein Stempel auf der Geburtsurkunde, dann galt sie als Türkin – mit immer neuen Hürden wurde und wird ihr die deutsche Staatsbürgerschaft bis heute verweigert.
Während Farah Hareb auf einer Intensivstation Covid-19-Patienten pflegt und sich dabei selbst mit dem Virus infizierte, ist ihr aufenthaltsrechtlicher Status nach wie vor ungeklärt. Sie lebt von einer amtlichen Duldung zur nächsten. Der Verlust ihres Arbeitsplatzes stand im Raum, sogar eine Ausweisung.
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Mai 2022
ISBN:
9783866749627
Format:
Buch

Über den Autor

Gunnar Menkens, geboren 1962, studierte Politik und Germanistik an der Universität Hannover. Als Redakteur der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« schrieb er Reportagen und war Autor einer Porträtreihe. Mit Simon Benne veröffentlichte er 2018 das Buch »1968 – Als die Revolte nach Hannover kam«.


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Buchvorschau

Nirgendwo ein Land - Gunnar Menkens

Verletzungen

Draußen auf dem Flur sitzt Farah Hareb. Die Krankenschwester hat einen Termin im Ausländeramt, und die vereinbarte Zeit ist schon deutlich überschritten. Sie wartet darauf, dass sich die Bürotür öffnet und eine Sachbearbeiterin sie hereinbittet. Nichts geschieht. Stattdessen dringt ein Geräusch aus dem Zimmer, vermutlich ein Staubsauger. Sie wartet weiter, und sie ärgert sich, sie hat heute noch etwas vor. Jemand saugt weiter, sehr lange noch.

Farah Hareb erzählt von ihren Erlebnissen in einer Ausländerbehörde:

»Mir wurde gesagt, dass man mich loswerden will, egal wie.«

»Briefe und Bescheide vom Amt liegen oft zum Wochenende in der Post. Von Freitagmittag bis Montagmorgen ist dann im Rathaus niemand zu erreichen, es ist der Horror.«

»Eine Mitarbeiterin sagte mir, die Stadt müsse meine Aufenthaltspapiere ja nicht verlängern, ich solle dankbar dafür sein, dass sie es doch tut.«

»Meine Kollegin erkundigte sich am Telefon beim Amt, wie mein Passproblem gelöst werden kann. Die Antwort war, dass es Tricks gebe, schnell und günstig an ein Dokument zu kommen. Was das für Tricks sind und wo ich mich informieren könnte, sagte ihr niemand.«

»Als ich eine Duldung für meinen Arbeitgeber einmal vierzehn Tage vor Ablauf verlängern lassen musste, weigerte sich der Sachbearbeiter, das sei erst einen Tag vorher üblich. Ich antwortete, dass ich ein Recht darauf habe. Es hieß dann, ich mache Stress, ich sei doch krank, und er holte die Security. Nachdem die Klinik einen Brief geschrieben hatte, ging es dann doch. Meine Anwältin drohte schließlich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde.«

»Ich versuche, nur noch mit Zeugen zu diesem Amt zu gehen. Sie sollen aufhören, mich zu verfolgen und mir das Leben zur Hölle zu machen.«

Ist das alles vorstellbar? Jemandem zu sagen, man wolle ihn loswerden? Dankbarkeit einzufordern von einem abhängigen Menschen? Anruf bei der Stadt Hameln, von deren Amt Farah Hareb spricht. Nein, man könne sich an keine einzige Situation dieser Art erinnern. Das Rathaus habe eine freundliche Ausländerbehörde, auch Frau Hareb sei stets sehr höflich. Natürlich könne es grundsätzlich vorkommen, dass Mitarbeiter in Gesprächen schon einmal genervt reagieren könnten. Es wird angedeutet, dass an Konflikten nicht immer die Stadt schuld sein müsse.

November 2020

Farah

Ein Sonnabend im November 2020, vier Uhr früh. Am Bett von Farah Hareb schlägt der Wecker los, zwei Stunden bleiben noch, dann beginnt ihr Dienst. Sie erinnert sich später nicht mehr, ob sie durchgeschlafen hat, oder, wie es manchmal passiert, aufgewacht ist, um in Gedanken noch einmal die vergangene Schicht durchzugehen. Hatte sie alles korrekt notiert für die Übergabe an die Kollegen? War genug Zeit geblieben für die Patienten? In manchen Nächten schreckt sie hoch vor nervöser Sorge, den Alarm zu überhören und zu spät zur Arbeit zu kommen. Aber sie ist pünktlich, wie immer; sie steht auf, duscht, trinkt Kaffee, so beginnt die Krankenschwester, die zum Morgenmuffeligen neigt, diesen Tag. Vielleicht blinzelt der Kater noch träge zur Tür, als sie ihre Tasche schultert, die Wohnung verlässt und sich zu Fuß auf den Weg macht. Zügig geht sie durchs Viertel, überquert an einer Ampel die am frühen Morgen kaum befahrene vierspurige Hauptstraße und sieht bald einen langgestreckten Klotz aus Waschbeton vor sich, die Medizinische Hochschule Hannover. Hier liegen schwer gezeichnete Patienten an Beatmungsmaschinen auf der Intensivstation, hier ist ihr Arbeitsplatz.

Wie meist in der Frühschicht nimmt sie den etwas abseits gelegenen Personaleingang. Nur selten reiht sie sich in den Menschenstrom, der durch die unablässig kreiselnde zentrale Drehtür in die Klinik rotiert, vorbei am Glaskasten der Pförtner, die gestrandeten Besuchern erste Hilfe leisten auf der Suche nach Etagen und Fluren im Krankenhauslabyrinth.

Farah Hareb freut sich auf diese Wochenendschicht. Es gibt immer diese routinierte Angespanntheit auf der Station, weil jederzeit ein Gerät Alarm schlagen kann oder verwirrte Patienten in Panik versuchen, Nadeln und Schläuche aus ihrem Körper zu ziehen, doch an Sonnabenden und Sonntagen ist die übliche Betriebsamkeit gedämpft. Operationen und kleinere Eingriffe stehen nicht auf dem Plan, und wird kein Notfall eingeliefert, bleibt mehr Zeit, sich um die Kranken zu kümmern. Zeit zum Haarewaschen, Rasieren, Füßeeincremen, Mutzusprechen. Minuten an Zuwendung, die ein durchgetakteter und auf Effizienz getrimmter Klinikalltag zu selten gestattet.

Seit vielen Monaten ist Farah Hareb für Patienten verantwortlich, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, Sars-CoV-2. Erfahrungen mit oft tödlich verlaufenden und ansteckenden Infektionskrankheiten hat sie bereits gesammelt; offene Tuberkulosen, HIV, Influenza und bakterielle Meningitis zählen zum Berufsalltag. Bevor sie heute in die Zimmer geht, legt sie sich wie üblich einen Wall aus Stoff an, einen Wall hoffentlich ohne Risse, durch die Erreger schlüpfen könnten. Sie zieht einen blauen Kittel an, darüber streift sie einen gelben Umhang, eine OP-Haube verhüllt das Haar. Latexhandschuhe bedecken die Unterarme bis hoch zum Ellbogen, Mund und Nase verschwinden hinter einer das Atmen erschwerenden Maske, Typ FFP3, schließlich setzt sie eine Schutzbrille vor die Augen. Ihr Körper ist vollständig verhüllt unter diesen Schichten, die sie nicht nach Belieben ablegen kann wie Spaziergänger, denen in der Wintersonne zu warm geworden ist. Ihre Rüstung ähnelt Schutzanzügen von Arbeitern, die nach Chemieunfällen Giftmüll vom Werksgelände kehren müssen.

Farah Hareb ist an diesem Novembermorgen 36 Jahre alt. Sie hat ein freundliches rundes Gesicht, und wenn sie lacht, wirkt sie unter ihrem Kopftuch pausbäckig wie ein Teenager. Sie spricht mit einer sanften, unaufdringlichen Stimme, und sollte es nötig sein, sich zu entschuldigen, tut sie es lieber einmal zu viel als zu wenig, weil sie zu einem höflichen und zurückhaltenden Menschen erzogen worden ist. Seit zehn Jahren ist sie mit Abed verheiratet, einem Israeli, der, wie seine Frau, trotz langwieriger und komplizierter Konflikte mit Ausländerbehörden noch immer kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht für Deutschland besitzt. Das Paar hätte gerne zwei Kinder bekommen, doch die gemeinsame Zukunft in Deutschland erschien den beiden zu ungewiss, um diesen Traum zu verwirklichen. Sie schreiben diesen Verzicht den Behörden zu. Familie ist Farah wichtig, sie hat oft Kontakt zu ihren Eltern und den sechs jüngeren Geschwistern, die verstreut in Deutschland leben und für die sie sich als Älteste noch immer verantwortlich fühlt. Und als wäre die Belastung im Krankenhaus nicht genug, kümmert sie sich ehrenamtlich um Alzheimer- und Demenzkranke. Es wird nur noch wenige Monate dauern, bis sie stundenweise bei einem Gebäudereiniger anfängt. Korrekt würde man sagen, dass sie dort als Reinigungskraft arbeitet. Sie selbst drückt es so aus: »Ich geh’ putzen.« Kolleginnen sagen, irgendwann falle sie noch tot um. Aber sie braucht beständig Geld, um Anwaltshonorare und Gerichtskosten bezahlen zu können. Man kann sich täuschen, aber es macht den Eindruck, als ob dem Leben von Farah Hareb eine gewisse Leichtigkeit fehlt.

Dabei raubt ihr nichts so sehr Kraft wie die seit Langem schwelende Fehde um ihr Aufenthaltsrecht, die in zahlreichen Facetten mittlerweile das zweite Jahrzehnt erreicht hat. Kern dieses Konflikts ist die Frage nach Farahs Identität. Für sie selbst ist alles klar: Sie heißt Farah Hareb, zur Welt gekommen in Beirut, der Hauptstadt des Libanons. Für Behörden ist sie dagegen Ferha Demir, eine Bürgerin der Türkei, geboren im Städtchen Savur in der Provinz Mardin. Dahinter steht die Behauptung, dies sei ihre wahre Identität. Ihr Aufenthaltsstatus ist so fragil wie die Lage eines Hochseiltänzers bei Sturm, in ihrem Duldungspapier, ausgestellt im praktischen Scheckkartenformat, kann sie lesen, dass sie in Deutschland womöglich keine Zukunft haben wird. Unübersehbar gedruckt steht dort: »Der Inhaber ist ausreisepflichtig!«

Manchmal spricht sie von der zuständigen Verwaltung als ihrer Lieblingsausländerbehörde, doch das ist Sarkasmus, gewürzt mit einigen Prisen Wut, dann weicht das Sanfte aus ihrer Stimme. Manchmal wirkt sie kämpferisch, doch gelegentlich dringt auch Erschöpfung durch, als würde sie von alldem am liebsten nichts mehr hören wollen. Die Behörden, sagt sie, sind sehr gut darin, mir das Gefühl zu geben, nicht erwünscht zu sein. Der Konflikt hat sich über Jahre hochgeschaukelt. Hier das Amt, immer wieder beschäftigt mit dieser wehrhaften Person;

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