KANDLBINDER UND DER SÜSSE TOD: Ein München-Krimi
Von Christian Dörge
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Über dieses E-Book
Ludwig 'Jack' Kandlbinder ist Privatdetektiv, und München ist seine Stadt...
Der erfolgreiche Schriftsteller Eduard Heusinger sucht Jack Kandlbinder auf, damit er dessen seit drei Tagen verschwundene Tochter findet und zurück nach Hause bringt. Ein Routinefall, der sich mühelos erledigen lässt. Doch Heusinger hat ein weitaus größeres Problem: Wenn er zu viel Alkohol trinkt, ist er nicht mehr zurechnungsfähig und leidet – sobald er wieder nüchtern ist – unter erheblichen Gedächtnislücken. Das Wiederauffinden der Tochter hat Heusinger gegenüber Kandlbinder zunächst nur vorgeschoben, denn in Wahrheit treibt den Schriftsteller eine böse Ahnung um: Er fürchtet, in einem dieser tranceähnlichen Zustände seine Geliebte ermordet zu haben...
Kandlbinder und der Süße Tod von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien Ein Fall für Remigius Jungblut , Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace und Friesland , ist der erste Band einer Reihe um den Münchner Privatdetektiv Jack Kandlbinder.
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Buchvorschau
KANDLBINDER UND DER SÜSSE TOD - Christian Dörge
Das Buch
München 1960.
Ludwig 'Jack' Kandlbinder ist Privatdetektiv, und München ist seine Stadt...
Der erfolgreiche Schriftsteller Eduard Heusinger sucht Jack Kandlbinder auf, damit er dessen seit drei Tagen verschwundene Tochter findet und zurück nach Hause bringt. Ein Routinefall, der sich mühelos erledigen lässt. Doch Heusinger hat ein weitaus größeres Problem: Wenn er zu viel Alkohol trinkt, ist er nicht mehr zurechnungsfähig und leidet – sobald er wieder nüchtern ist – unter erheblichen Gedächtnislücken. Das Wiederauffinden der Tochter hat Heusinger gegenüber Kandlbinder zunächst nur vorgeschoben, denn in Wahrheit treibt den Schriftsteller eine böse Ahnung um: Er fürchtet, in einem dieser tranceähnlichen Zustände seine Geliebte ermordet zu haben...
Kandlbinder und der Süße Tod von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien Ein Fall für Remigius Jungblut, Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace und Friesland, ist der erste Band einer Reihe um den Münchner Privatdetektiv Jack Kandlbinder.
Der Autor
Christian Dörge, Jahrgang 1969.
Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.
Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989: Phenomena (Roman), Opera (Texte).
Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung
eigener Werke, u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014).
1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.
Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993).
Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017).
Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.
2021 veröffentlicht Christian Dörge mehrere Kriminal-Romane und beginnt drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace, Ein Fall für Remigius Jungblut und Friesland.
2022 folgen zwei weitere Krimi-Serien: Noir-Krimis um den Frankenberger Privatdetektiv Lafayette Bismarck und München-Krimis mit Jack Kandlbinder, der in der bayrisches Landeshauptstadt die merkwürdigsten Verbrechen aufzuklären hat.
KANDLBINDER UND DER SÜSSE TOD
Die Hauptpersonen dieses Romans
Ludwig 'Jack' Kandlbinder: Privatdetektiv aus München, 38 Jahre alt.
Nora Brecht-Dubois: seine 35jährige Sekretärin und Geliebte.
Korbinian Russenschluck: Jacks Partner in der Detektei Kandlbinder und Russenschluck.
Erik Winterhammer: Hauptkommissar bei der Münchner Kriminalpolizei.
Eduard Heusinger: Schriftsteller in einer Schaffenskrise.
Sissi Heusinger: seine Ehefrau.
Betty Heusinger: seine Tochter aus erster Ehe.
Pecko Morlang: eine Partybekanntschaft von Betty Heusinger.
Jacob Cronberg: ein Verkäufer.
Jessica Cronberg: seine Schwester.
Gritt Kühnlein: Tänzerin im Bongo-Club.
Lucky Fritzinger: Besitzer der Bar Sonnendeck.
Emil Gregori: Eduard Heusingers Agent.
Katrin Gottwald: Jessica Cronbergs engste Freundin.
Harry von Friedeburg: ein Versicherungsvertreter.
Dieser Roman spielt in München und in Starnberg des Jahres 1960.
Erstes Kapitel
Die Geschichte begann eines Vormittags, als ich an meinem Schreibtisch saß und mit Büroklammern spielte – eine Tätigkeit, die genauestens abbildete, wie beschäftigt ich war. Mit anderen Worten, ich hatte rein gar nichts zu tun – das heißt, nichts anderes, als mit Büroklammern zu spielen und vom perfekten Fall zu träumen.
Den perfekten Fall indes... bekommt man nie. Es ist aber nicht verboten, davon zu träumen, ihn zu erhoffen. Deine Klientin, rassig, stolz und schön, braucht dringend deine Hilfe. Eigene Schuld, jugendliche Dummheit? Keineswegs. Ihr ungestümer jüngerer Bruder, in schlechte Gesellschaft geraten, möchte auf den rechten Weg zurückkehren. Das einzige Problem dabei ist, dass seine Freunde, die mit dem Gesetz nicht gerade auf allerbestem Fuß stehen, seinen Entschluss missgünstig aufnehmen und damit drohen, der Polizei einen kleinen Wink zu geben, wodurch der Bruder für einige Zeit ins Gefängnis wandern würde – sagen wir: für drei Jahre. Können Sie uns helfen, fragt die Schönheit mit feuchten, flehenden Augen? Ob du helfen kannst? Bevor sie ausgesprochen hat, stehst du schon neben ihr. Mit absolutem Selbstvertrauen machst du dich daran, den kleinen Bruder von diesen üblen Burschen zu befreien. Natürlich kommt es auch zu Tätlichkeiten, aber du servierst eine Rechte genau nach Vorschrift – jene Rechte, die den letzten der Bösewichter auf die Bretter schickt und der Schönheit einen Ausruf der Bewunderung abringt. Du hältst dem kleinen Bruder eine kurze Strafpredigt, bis er vor Reue seinen Adamsapfel verschluckt. Schließlich zeigt die Schönheit durch einen kühlen, keuschen Kuss ihre Dankbarkeit und drückt dir ein Bündel Geldscheine in die Hand – eine Kombination, die dich zufrieden und zahlungskräftig macht.
So etwas gibt es natürlich nicht, aber man hofft eben. »Hoffnung ist Vertrauen aufs Unmögliche», sagte Jack Kandlbinder, der berühmte Zyniker und Privatdetektiv, einmal. Und Jack Kandlbinder – das bin ich.
Dann fiel mir ein, dass ich vielleicht sogar einen Fall hatte.
Zumindest war ich am späten Vormittag verabredet, oder, um genau zu sein, ein potentieller Klient war mit mir verabredet.
Ich war gegen zehn Uhr ins Büro gekommen. Nora Brecht-Dubois, meine Sekretärin (und ein bisschen mehr), war bereits zugegen. Ich küsste sie und hätte mich gern in dieser Richtung weiter hervorgetan, aber die Umgebung passte nicht dazu. Sie störte Nora mehr als mich.
»Du bist spät dran«, sagte sie nach Luft schnappend. »Und erstaunlich leidenschaftlich.«
»Tut mir leid«, erwiderte ich. »Die Verspätung, meine ich.«
Ich sah sie an – prüfend, vermute ich, und sie schien zu erraten, was ich dachte. Ich überlegte mir, wie das mit ihr und mir sein würde, nicht einfach so, wie schon immer, sondern in einer Ehe. Wir sprachen manchmal darüber, wenn auch ohne Dringlichkeit. Nora war jünger als ich, aber zu den Teenagern gehörten wir beide nicht mehr. Mit den Jahren wird das Herz vorsichtiger. Es wartet, lässt sich Zeit und entwickelt jene Zurückhaltung, die manchmal Härte genannt wird, als seien Gefühle weniger echt, wenn sie nicht von einer gewissen Extravaganz getragen werden.
»Wir haben Arbeit vor uns«, sagte Nora sachlich. »Korrespondenz ist zu erledigen. Später will dich ein Herr Heusinger aufsuchen.«
»Hat er gesagt, warum?«
Sie schüttelte den Kopf. »Eine persönliche Angelegenheit, sagte er.«
»Klingt vielversprechend. Noch etwas?«
»Nein. Ich habe ein paar Fragen gestellt, aber er schien nervös zu werden, deshalb ließ ich es sein.«
»Nervös, was?«, brummte ich und nickte, weil mir die Anzeichen nur zu gut bekannt waren. »Solche Klienten gibt es heutzutage kaum noch.«
Sehr wohl möglich, dass da unerquickliche Dinge auf mich zukamen. Das Privat im Wort Privatdetektiv umfasst düstere Gebiete, selbst wenn man sich, wie bei der Firma Kandlbinder und Russenschluck, mit Scheidungssachen nicht abgab.
Ich verzichtete darauf, mir Unerquickliches auszumalen, und betrachtete stattdessen die höchst erquickliche Fräulein Brecht-Dubois, die einen Schritt zurückgetreten war, als meine Arme sie freigegeben hatten. Sie war groß, üppig, rothaarig, mit einem Gesicht, das für den gängigen Schönheitsmaßstab ein bisschen zu rund war, mit wunderbaren Augen, die hart, zärtlich, belustigt, traurig sein konnten und jede Art von Empfindung dazwischen auf eine Weise auszudrücken vermochten, wie sie anderen Frauen nicht gegeben war, die vielleicht dasselbe empfanden, es aber nicht zeigen konnten. Nora... ja, sie wäre eine miserable Pokerspielerin gewesen.
Ohne Unsummen dafür auszugeben, kleidete sie sich sehr elegant, mit Vorliebe in Schwarz, weil sie wusste, dass ihr das am besten stand, obwohl sie auch in einem alten Jutesack gut, um nicht zu sagen hinreißend ausgesehen hätte. Sie verlieh unserem bescheidenen Unternehmen Vornehmheit. Korbinian Russenschluck und ich hatten alle Ursache, uns zu beglückwünschen.
Wir machten uns über die Post her, und ich diktierte ein paar Antworten.
Erst später, als ich in meiner schöpferischen Betätigung mit dem Briefpapier eine Pause einlegte, fiel mir Herr Heusinger, mein potentieller Klient, wieder ein. Der gute Herr Heusinger. Ich brauchte Herrn Heusinger. Seit zwei Wochen hatte ich keinen Fall mehr gehabt, der diesen Namen, verdiente. Hoffentlich ließ er mich nicht im Stich.
Nora kam aus dem Vorzimmer herein und schloss die Tür hinter sich. Sie schien in bescheidenem Maße aufgeregt zu sein.
»Herr Heusinger ist da«, sagte sie leise. »Jetzt erst stellt sich heraus, dass eine Berühmtheit zu dir kommt, Jack.«
»Eine Berühmtheit?« Ich zog die Brauen hoch, aber mir fiel kein berühmter Heusinger ein. Ich dachte der Reihe nach an einen Filmstar, einen stadtbekannten Gangster, einen Politiker, einen Fußballspieler und an einen Mann, der eine Million Mark gescheffelt hatte – eben an große bayerische Helden. Aber keiner davon hieß Heusinger. »Erzähl mir mehr, Süße«, schlug ich vor. »Der Name sagt mir gar nichts. Ich höre keine Glocken läuten.«
»Wie steht’s mit Eduard Heusinger?«, fragte sie mit schwachem Lächeln.
»Eduard Heusinger?« Der müde, alte Computer in meiner Hirnschale summte ein bisschen, lieferte aber immer noch keine Antwort. »Wer ist das?«
»Sehr gebildet bist du wohl nicht, wie?«, meinte sie verächtlich.
»Ich gebe mir Mühe, es zu verbergen.«
»Eduard Heusinger hat Die Zauderer geschrieben. Dafür wurde er förmlich mit Preisen überhäuft. Außerdem schrieb er Friede für die Sünder. Man hat ihn als Nachfolger Thomas Manns bezeichnet.«
»Ah«, sagte ich bescheiden. »Der Eduard Heusinger.«
Ich hätte es mir denken können. Ein Nora-Brecht-Dubois-Idol. Nora arbeitete für Kandlbinder und Russenschluck nicht etwa, weil sie das Geld brauchte. Sie hatte zwei Romane geschrieben und beide Male finanziell und literarisch große Erfolge erzielt. Ich konnte verstehen, dass sie sich für Eduard Heusinger begeisterte.
Ich hatte natürlich von ihm gehört. Er zählte zu jenen Schriftstellern, die den Wortschatz des Lesers erweitern und die Vorurteile angreifen, die unbewussten und die bewussten; er war ein Schriftsteller, der sich vor einem Fehlschuss nicht derart fürchtete, dass er nicht auf das Unaussprechbare gezielt hätte. Kurz gesagt, Eduard Heusinger war ein ernstzunehmender Schriftsteller – einer, der seinen Lesern etwas abverlangte.
Vielleicht war dies der Grund, warum ich noch nicht dazugekommen war, seine Bücher zu lesen. Denn auch so ein Schriftsteller war er: einer, dessen Bücher zu lesen man sich immer wieder vornahm.
»Erzähl mir mehr«, sagte ich zu Nora. »Über seinen literarischen Rang.«
»Finanziell hat er große Erfolge zu verzeichnen. Künstlerisch sieht es etwas anders aus. Vor etwa drei Jahren erlebte er einen Absturz. Die Kritiker haben ihn verrissen.«
»Und du? Wie ist deine Meinung?«
»Dieselbe. Schlagartig legte er fade Prosa vor.«
»Was heißt denn das?«, knurrte ich.
Sie lächelte und gab sich Mühe, nicht herablassend zu wirken. »Dünn, dürftig. Zu nüchtern, ohne Kraft.«
»Und seither?«
»Im vergangenen Jahr ein neuer Roman.«
Ich zog fragend die Brauen hoch.
»Wie gehabt«, sagte sie.
Ich runzelte die Stirn. »Sieht so aus, als hätte er sich verausgabt.«
»Bei Schriftstellern ist das nicht so einfach«, widersprach sie. »Niemand kann jemals mit Sicherheit behaupten, dass sich ein Schriftsteller verausgabt hat. Am wenigsten der Autor selbst. Vielleicht hätte Heusinger pausieren sollen.«
»Zu viele Bücher, meinst du?«
»Möglich.«
»Kannst du mir vielleicht verraten, woher du weißt, dass es wirklich dieser Eduard Heusinger ist?«
»Ich habe sein Foto in den Zeitungen gesehen. Er ist es.«
»Vielleicht soll ich nach seinem verlorenen Talent suchen«, meinte ich leichthin.
»Es gibt eine einfache Möglichkeit, das festzustellen«, sagte Nora trocken.
»Okay, ich verstehe. Man darf den großen Mann nicht warten lassen.«
Nora führte ihn herein: ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern, nur etwa zwei Zentimeter kleiner als ich und Anfang Vierzig. Unter vollem, dunklem Haar eine hohe Stirn; die Augen, scharf und kritisch, wirkten gleichzeitig grübelnd. Es waren faszinierende Augen, tiefliegend unter der imposanten Stirn. Der Mund war breit, mit vollen, gutgeformten Lippen.
Wir schüttelten uns die Hände. Die seinen waren groß und verrieten Kraft. Ich wies auf einen Sessel, während Nora sich nahezu geräuschlos zurückzog.
Ich brachte das klassische Stichwort: »Was kann ich für Sie tun, Herr Heusinger?«
»Etwas verhältnismäßig Einfaches, das vielleicht eine Stunde Ihrer Zeit in Anspruch nimmt«, erwiderte er knapp. Er hatte eine angenehme, sonore Stimme und machte einen legeren Eindruck. »Ich bin bereit, Sie gut für Ihre Dienste zu bezahlen. Wie man hört, sind Sie ein energischer Mann, der sein Äußerstes tut, um seine Klienten zu schützen. Irgendjemand behauptete sogar, Sie hätten Phantasie, und das... das gefiel mir.«
»Ich beschütze meine Klienten, soweit es möglich ist«, erklärte ich mit einer Spur von Unbehagen. »Zu dem Übrigen kann ich nichts sagen. Was für einen Auftrag haben Sie für mich?«
»Ich möchte, dass Sie meine Tochter nach Hause bringen. Sie ist seit drei Tagen nicht mehr daheim gewesen.«
»Verstehe«, sagte ich, obwohl ich noch gar nichts verstand. »Wo ist Ihre Tochter?«
»Betty ist mit einem sehr unsympathischen jungen Mann namens Pecko Morlang zusammen. Ich kann Ihnen seine Adresse geben.«
»Wissen Sie genau, dass sie dort ist?«
»Ziemlich genau. Wenn ich mich irre, übernehmen Sie eine schwerere Aufgabe, als ich dachte.«
»Aus welchem Grund ist Betty bei Morlang, oder soll ich in diesem Zusammenhang meine Phantasie spielen lassen?«, hakte ich nach, darum bemüht, nicht sarkastisch zu werden.
»Warum nicht?« Seine Stimme blieb gelassen, anscheinend leidenschaftslos. »Ziehen Sie die nächstliegende Schlussfolgerung, Herr Kandlbinder. Dazu kommt Bettys Neigung, ihren Vater zu ärgern. Ich war so unklug, ihr zu zeigen, was ich von Morlang hielt. Er ist übrigens ein eingebildeter Halunke, der durchaus ungemütlich werden könnte. Ich glaube nicht, dass er irgendetwas arbeitet, und wenn er nicht schon vorbestraft ist, so wird er es bald sein. An Betty interessiert ihn wohl vor allem ihr reich bemessenes Taschengeld. Vom Leben erwartet er in erster Linie Reize, was für mich oder Sie wie die Befriedigung materieller Wünsche auf zivilisierte, wenn auch extravagante Weise klingt, aber er stellt sich darunter erregende Gemeinheiten vor, wie etwa einen Blinden die Treppe hinunterzustoßen oder über ein junges Mädchen herzufallen, dessen sensibles Wesen er überhaupt nicht zu begreifen vermag. Drücke ich mich klar aus?«
»Gewiss«, sagte ich. »Pecko ist ein Abenteurer. Wie alt ist Betty?«
»Achtzehn.« Er lächelte schwach, und ich muss ihn fragend angesehen haben, denn er setzte hinzu: »Sie haben ein Recht darauf, mehr zu erfahren. Ihre Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Das war ein schwerer Schlag für uns beide.«
Und bald danach hatten, wie Nora wusste, Eduard Heusingers Aktien an der literarischen Börse einen tiefen Sturz erlitten. Das interessierte mich, obwohl vielleicht gar kein Zusammenhang bestand. Der Tod einer geliebten Frau konnte manches erklären.
»Bedauerlicherweise habe ich mich bald wieder verheiratet«, fuhr er fort. »Bedauerlich wegen Bettys Entwicklung, meine ich.« Seine Mundwinkel zuckten, und zum ersten Mal wirkte er bitter oder tragisch, ja, vielleicht sogar des Selbstmitleids fähig, wenngleich ich mich darin auch täuschen konnte. »Sie