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Viermal mörderisch spannend: 4 Kriminalromane

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Viermal mörderisch spannend: 4 Kriminalromane

Länge:
1.061 Seiten
13 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Mai 2022
ISBN:
9798201729691
Format:
Buch

Beschreibung

Viermal mörderisch spannend: 4 Kriminalromane

von Alfred Bekker, Peter Schrenk & Dieter Gasper & Pete Hackett

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 896 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

 

Pete Hackett: Trevellian auf falscher Fährte

Peter Schrenk: Die Konferenz von Reading

Dieter Gasper: Cremeschnitten sind aus

Alfred Bekker: Amok-Wahn

 

 

Cover: Firuz Askin

Herausgeber:
Freigegeben:
12. Mai 2022
ISBN:
9798201729691
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

Viermal mörderisch spannend - Alfred Bekker

Viermal mörderisch spannend: 4 Kriminalromane

von Alfred Bekker, Peter Schrenk & Dieter Gasper & Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 896 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Pete Hackett: Trevellian auf falscher Fährte

Peter Schrenk: Die Konferenz von Reading

Dieter Gasper: Cremeschnitten sind aus

Alfred Bekker: Amok-Wahn

––––––––

Cover: Firuz Askin

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Trevellian auf falscher Fährte

Krimi von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

Ein Mafioso und sein Sohn werden getötet, wenig später der Sohn eines Baumagnaten. Es gibt keine offensichtliche Verbindung zwischen den Toten, aber die Opfer wurden mit der gleichen Waffe erschossen. Noch während die FBI-Agenten Trevellian und Tucker versuchen ein Motiv und Spuren zu finden, ereignen sich weitere Morde.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

1

Wir betraten das Büro des Assistant Directors. Es war kurz nach 8 Uhr. Vor wenigen Minuten hatten wir den Dienst angetreten. Der Chef erhob sich und kam um seinen Schreibtisch herum.

»Guten Morgen«, grüßten wir, und Mr. McKee schüttelte jedem von uns die Hand.

»Setzen Sie sich, Agents.« Er vollführte eine einladende Handbewegung. Sein Gesicht war sehr ernst. Wir ließen uns an dem kleinen Konferenztisch nieder. Der AD setzte sich zu uns.

»Richard Atkins wurde erschossen, als er seine Wohnung verließ«, erklärte der AD. »Beim Police Department rechnet man den Mord dem organisierten Verbrechen zu. Man hat die Sache an uns abgegeben.«

»Ist die Rede von Richard Atkins, dem Mafioso, der sich unserem Zugriff bisher erfolgreich entzogen hat?«, fragte ich ahnungsvoll.

»Sie treffen mit Ihrer Vermutung den Nagel auf den Kopf, Jesse«, erwiderte der Chef.

Ich zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum. »Deutet das auf einen beginnenden Krieg in der Unterwelt hin?«, fragte ich nach einer kurzen Zeit der Nachdenklichkeit.

»Es ist nicht auszuschließen, Gentlemen«, antwortete Mr. McKee.

»Wir müssen es jedenfalls ins Kalkül ziehen«, murmelte ich.

»Wann geschah der Mord?«, fragte Milo.

»Vorgestern, morgens gegen neun Uhr. Der Mörder schoss aus einem vorbeifahrenden Auto. Er muss vor dem Haus des Opfers gewartet haben. Atkins verließ jeden Morgen kurz vor neun Uhr seine Wohnung, um ins Fitnessstudio zu fahren. Der Killer muss seine Gewohnheiten gekannt haben.«

»Also am siebenundzwanzigsten«, sagte ich. »Gibt es sonst noch irgendwelche Hinweise.«

»Nein. Niemand sah oder hörte etwas. Der Täter muss einen Schalldämpfer benutzt haben. Die Achtundfünfzigste ist morgens immer ziemlich belebt. Einige Leute sahen Atkins zusammenbrechen. Die meisten dachten zunächst an einen Schwächeanfall oder etwas in der Art.«

»Liegen die gerichtsmedizinischen Ergebnisse schon vor?«, fragte ich.

Der Chef erhob sich, ging zu seinem Schreibtisch und holte einen dünnen Schnellhefter, den er mir überreichte. »Das ist die Akte. Ich lege den Fall in Ihre Hände. Schnappen Sie sich den Killer und seinen Auftraggeber und verhindern Sie einen blutigen Krieg in der Unterwelt.«

»Wir tun unser Bestes«, versprach ich.

Wir kehrten in unser Büro zurück und begannen, die Unterlagen zu studieren. Die Kugel hatte Atkins ins Herz getroffen. Es handelte sich um ein Geschoss vom Kaliber .45 ACP. Die Befragung der Menschen, die Atkins zusammenbrechen sahen, hatte nicht den geringsten Hinweis ergeben.

Atkins war verheiratet und hatte einen Sohn, der sechsundzwanzig Jahre alt war und in der 65th Street wohnte.

Ich nahm den Telefonhörer vom Apparat und tippte eine Nummer. Dreimal ertönte das Freizeichen, dann ertönte es: »Easton, Detective Bureau, Police Department.«

»Hallo, Harry.«

Detective Lieutenant Harry Easton war Leiter der Mordkommission Manhattan. Sein Spitzname war Cleary, weil er sich immer damit brüstete, dass seine Leute so ziemlich jeden Mord in ihrem Zuständigkeitsbereich aufklärten.

»Ah, Jesse. Lange nichts von dir gehört.«

»Es gab keinen Grund.«

»Den scheint es heute zu geben. Und ich kann mir auch denken, was dich veranlasst, mich anzurufen. Es ist die Sache Atkins, nicht wahr?«

»Sehr richtig. Ihr habt uns den Fall aufs Auge gedrückt.«

»Wir sind dankbar für jede Sache, die uns abgenommen wird«, versetzte Easton.

»Na schön, Harry. Ich habe eure Protokolle gelesen. Gibt es vielleicht sonst noch etwas, was ihr nicht vermerkt habt?«

»Du kennst sicher Atkins‘ Ruf«, sagte Cleary. »Natürlich haben wir nicht vermerkt, dass er wahrscheinlich ein skrupelloser Gangster war. Für diese Behauptung fehlt uns der Beweis. Atkins hatte einflussreiche Freunde, Leute, die in Wirtschaft und Politik Führungspositionen einnehmen. Er zeigte sich ausgesprochen sozial und spendete für entsprechende Zwecke hohe Summen. An einer solchen Fassade zu kratzen kann den Kopf kosten.«

Harry Easton lachte nach diesen Worten bitter auf.

»Ihr habt euer Ohr doch ständig am Pulsschlag des Verbrechens, Harry. Gibt es Hinweise, dass sich jemand auf Atkins‘ Thron schwingen möchte?«

»Wir vermuten es. Es ist nicht auszuschließen, dass Atkins von der Konkurrenz ausgeschaltet wurde. Sicher aber hat ein Mann wie er unabhängig davon eine Menge Feinde. Wir haben nicht den Hauch einer Ahnung. Aber die Vermutung, dass es sich um eine Auseinandersetzung in der Unterwelt handelt, lässt sich nicht wegdenken.«

»Habt ihr mit seiner Gattin und seinem Sohn gesprochen?«

»Nein. Die Frau hat einen Schock erlitten und war nicht vernehmungsfähig. Von einer Vernehmung des Sohnes versprachen wir uns kein Ergebnis. Er soll eine führende Position in der Drogenmafia einnehmen, und es ist wohl so, dass sich seine Bereitschaft, mit uns zu kooperieren, ausgesprochen in Grenzen halten dürfte.«

»Wir werden mit ihm ein Gespräch führen«, versicherte ich. Dann bedankte ich mich bei Cleary, verabschiedete mich und legte auf.

Milo, der dank des aktivierten Lautsprechers alles hören konnte, knurrte: »Magere Ausbeute.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wir haben eine Leiche. Ansonsten stehen wir ganz am Anfang. Beginnen wir mit unserer Arbeit. Ich schlage vor, wir versuchen zunächst mal mit Mrs. Atkins zu sprechen, und dann beschäftigen wir uns mit Dennis Atkins, dem Kronprinzen. Er wird jetzt ja wohl an die Stelle seines Vaters treten.«

Aus den Unterlagen hatte ich entnehmen können, dass sich Cortney Atkins im New York Hospital befand. Ich rief dort an. Ein Arzt erklärte mir, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befinde und vernehmungsfähig sei. »Ich will jedoch nicht, dass Sie Mrs. Atkins über Gebühr in Anspruch nehmen«, gab der Doc zu verstehen. »Sie bedarf nach wie vor der Ruhe.«

»Es sind nur ein paar Routinefragen«, versetzte ich.

»Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich der Befragung bewohne?«

»Nicht das Geringste.«

Wir fuhren sofort los.

2

Die Frau lag bleich in den Kissen. Unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Sogar die Lippen waren fahl. Die blond gefärbten Haare verstärkten ihre Blässe.

Sie lag allein in dem Zimmer. Der Arzt, der uns begleitete, hatte sich uns als Dr. Jack Benson vorgestellt. »Guten Tag, Mrs. Atkins«, grüßte ich. »Wie geht es Ihnen?«

»Sie sind von der Polizei, nicht wahr?«, fragte sie mit klangloser Stimme. Müde schaute sie mich an.

»FBI«, erwiderte ich. »Man hat die Ermittlungen an uns abgegeben. Fühlen Sie sich in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten?«

Unruhig wischten die Hände über die Bettdecke. Leises Rascheln war zu vernehmen. Die Mundwinkel der Frau zuckten. »Fragen Sie.«

»Hatte Ihr Mann Feinde?«

»Ich habe keine Ahnung. Er hat nie mit mir darüber gesprochen.«

»Wurde er bedroht?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ihr Mann betrieb mehrere Reinigungsbetriebe«, sagte ich.

»Das ist richtig.«

»Sprach er vielleicht mal von Konkurrenz?«

»Nein.«

»War er in den letzten Tagen vor seinem Tod anders als sonst? Ich meine, hatte sich sein Wesen verändert?«

»Er war wie immer.«

»Ihnen ist also nichts aufgefallen?«

»Nein. Mein Mann wollte wie jeden Tag um neun Uhr ins Fitnessstudio fahren. Um acht Uhr sind wir aufgestanden. Wir haben gefrühstückt, er hat die Times gelesen. Es war wie jeden Tag. Nach dem Training wollte mein Mann die Betriebe abfahren, um nach dem Rechten zu sehen. Um fünfzehn Uhr wollte er zurück sein.«

Die Frau schloss die Augen.

»Ich denke, das genügt«, gab der Arzt zu verstehen.

Wir verließen das Krankenzimmer, draußen verabschiedeten wir uns von dem Arzt. Als wir auf dem Weg zur 65th waren, sagte Milo: »Schätzungsweise hat Atkins seine Frau aus seinen dubiosen Geschäften herausgehalten. Sicher kümmerte sie sich auch gar nicht darum.«

»Das vermute ich auch. Die Reinigungsbetriebe hat er eingerichtet, um illegal erworbenes Geld zu waschen. Man sagt Atkins eine Reihe von Verbrechen nach; Drogenhandel, illegale Prostitution, Schutzgelderpressung. Er soll bei einigen Morden die Finger im Spiel gehabt haben.«

»Alles nur Spekulationen. Bewiesen ist ihm nie etwas worden. Er spielte den Wohltäter und Samariter. Und viele namhafte Persönlichkeiten ließen sich von ihm Sand in die Augen streuen.« Milo seufzte. »Aber der Krug geht solang zum Brunnen, bis er bricht. Jetzt hat es den King selbst erwischt.«

»Und wir stehen vor der Frage, wer ihn erwischt hat«, knurrte ich.

Das Gespräch schlief ein. Im Auto war es warm. Die Temperaturen draußen lagen um den Gefrierpunkt. Der Himmel über Manhattan war grau, soweit das Auge reichte. Die Gehsteige waren mit Menschen bevölkert. Der Verkehr war wieder einmal katastrophal. Im Endeffekt aber war es vom Krankenhaus bis zur 65th nur ein Katzensprung. Wir erreichten unser Ziel, fanden das Gebäude Nummer 287, und ich parkte den Sportwagen.

Dennis Atkins bewohnte das Penthouse in einem Hochhaus. Die Wohnlage und die Art seiner Wohnung ließen einen Schluss auf sein Einkommen zu. Der Aufzug trug uns in die siebenundzwanzigste Etage. Milo läutete an der Wohnungstür.

»Wer ist draußen?«, drang es aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage.

»Die Special Agents Trevellian und Tucker vom FBI New York. Wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten, Mister Atkins.«

Es knackte, als Atkins den Hörer der Sprechanlage einhängte, im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet. Uns präsentierte sich ein dunkelhaariger Mann Mitte der zwanzig. »Sie kommen sicher wegen der Sache mit meinem Vater.«

»So ist es. Dürfen wir eintreten?«

»Kommen Sie herein.« Dennis Atkins gab die Tür frei und vollführte eine einladende Handbewegung.

Wir betraten die Wohnung. Sie war teuer eingerichtet; Designermöbel. Viel Glas und Chrom. An den Wänden hingen Bilder moderner Künstler; sicher keine Kunstdrucke.

»Bitte, Gentlemen, nehmen Sie Platz«, lud uns Dennis Atkins zum Sitzen ein. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

Ich lehnte dankend ab. Wir setzten uns. Auch Atkins nahm Platz. Fragend schaute er von einem zum anderen.

»Eine tragische Sache, das mit meinem Vater«, sagte er schließlich. »Wer ihm – vor allem aber uns, meiner Mutter und mir – das angetan haben mag? Es ist ein herber Verlust. In jeder Beziehung. Dad wird an allen Ecken und Enden fehlen.«

»Wir haben bereits mit Ihrer Mutter gesprochen«, erklärte ich.

»Sie trifft der Verlust ganz besonders. War sie überhaupt vernehmungsfähig?«

»Es waren nur ein paar Fragen, die wir ihr stellten. Ein Arzt war dabei.«

»Dann ist es gut. Ich denke, Sie wollen auch mich befragen.«

»Richtig. Hatte Ihr Vater Feinde?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Ich formulierte die nächste Frage ...

3

Am späten Nachmittag sprachen wir mit einem Burschen namens Dirk van Heflin. Dirk war ein kleiner Ganove, der uns ab und zu einen Hinweis aus der Unterwelt lieferte. Der Bursche war etwa eins-fünfundsechzig groß und hatte die Physiognomie einer Ratte. Im Grund seines Herzens aber war Dirk kein übler Kerl.

Wir trafen uns bei Flynn‘s, einem Irish Pub in der Perry Street. Es gab um diese Zeit kaum Gäste hier. Leise Musik lief; Irish Folk. Dirk trank ein Guinness. Milo und ich hatten uns Wasser bestellt. Noch waren wir im Dienst. Außerdem stand der Sportwagen vor der Tür. Für mich persönlich galt die null Komma null Promillegrenze, wenn ich Auto fuhr.

Wir sprachen über den Mord an Atkins. Soeben sagte Dirk: »Entweder der junge Atkins selbst hat ihn weggeräumt, weil er endlich an die Spitze wollte, oder es war Glenn Mitchell.«

»Wer ist Mitchell?«, fragte ich interessiert.

»Ein Barbesitzer. Er wohnt irgendwo in Clinton. Besitzt mehrere Etablissements in Manhattan.« Dirk schnalzte mit der Zunge. »In seinen Läden soll ziemlich was geboten sein. Die Rede ist von Prostitution. Es sollen aber auch Drogen gedealt werden. Man munkelt, dass sich Mitchell ein Gebiet unter den Nagel reißen möchte. Warum nicht das Revier, in dem Atkins das Sagen hatte?«

»Atkins hatte doch sicher auch einen Vertreter«, sagte ich.

»Der zweite Mann war Carsten Seller. Dennis nahm so etwas wie die Rolle des Kronprinzen ein.«

»Kann nicht auch Seller plötzlich auf die Idee gekommen sein, die erste Geige spielen zu wollen?«, fragte Milo.

»Glaube ich nicht«, erwiderte Dirk kopfschüttelnd. »Er soll Rich Atkins treu ergeben sein. Es gibt solche Leute. Sie geben sich mit der Rolle der Nummer zwei zufrieden. Dazu gehört Seller.«

»Welches Gebiet kontrollierte Atkins?«, erkundigte ich mich.

»Das zwischen sechzigster und sechsundneunzigster Straße. In Spanish Harlem und East Harlem hat Tyler Manson das Sagen. Zwischen Atkins und ihm soll es so etwas wie ein Gentlemans Agreement gegeben haben, dass sie sich gegenseitig nicht in die Quere kommen.«

»Liegen Bars von Mitchell in dem Gebiet?«

»Nein.«

»Ich dachte nur«, verdeutlichte ich. »Gegebenenfalls hätte Mitchell vielleicht Schutzgeld an Atkins gezahlt.«

Wir sprachen noch eine Weile mit dem V-Mann, dann bezahlten wir, wobei ich Dirks Rechnung mit übernahm, und dann begaben wir uns ins Field Office. Carsten Seller war registriert. Er war zweiundvierzig Jahre alt und wohnte in der 73rd Street – Ost natürlich. Da war ja schließlich auch sein Arbeitsplatz.

»Knöpfen wir ihn uns heute noch vor?«, fragte Milo nach einem Blick auf die Uhr. Es war 18.40 Uhr.

»Warum nicht?«

»Es liegt immerhin im Bereich des Möglichen, dass du mal pünktlich Feierabend machen möchtest.«

»Hast du dir irgendetwas vorgenommen?«

»Wenn du mich so fragst ...« Milo verdrehte die Augen.

*

Die Wohnung lag in der vierten Etage eines Wohn- und Geschäftshauses. Rechtsanwälte, Ärzte und die Verwaltungen einiger Firmen waren hier etabliert. Es gab einen Doorman. Wir erklärten ihm, dass wir zu Seller wollten. »Soll ich Sie anmelden?«, fragte er.

»Keine schlechte Idee«, erwiderte ich. »Sagen Sie Mister Seller, dass ihn die Agents Trevellian und Tucker vom FBI sprechen möchten.«

Während der Doorman telefonierte, gingen wir schon zum Aufzug. Es gab zwei Fahrstühle. Einer befand sich im Erdgeschoss. Die Tür stand offen, und wir betraten die Kabine. Ich drückte den Knopf mit der Nummer vier. Der Lift trug uns nach oben. Kurz darauf läutete ich an Sellers Wohnungstür. Er öffnete. Fragend schaute er uns abwechselnd an. Ich wies mich aus, dann sagte ich: »Im Zusammenhang mit der Ermordung Ihres Bosses haben wir einige Fragen an Sie. Können wir uns in der Wohnung unterhalten?«

»Treten Sie näher.«

Im Wohnzimmer saß eine Frau Mitte der dreißig auf der Couch und musterte uns. Sie hielt ein Journal in der Hand. Außerdem lief der Fernsehapparat. Seller stellte uns die Frau als seine Gattin vor, dann forderte er uns auf, Platz zu nehmen. Er schaltete den Fernseher aus und ließ sich ebenfalls nieder. »Was sind das für Fragen?«

»Sie waren Atkins‘ Vertreter«, sagte ich rundheraus.

Seine Brauen schoben sich zusammen. Über seiner Nasenwurzel bildeten sich zwei senkrechte Falten. »Ich war sein Buchhalter, ich nahm die Stelle eines Prokuristen ein. Ich hatte Generalvollmacht ...«

»Wovon sprechen Sie?«, unterbrach ich ihn.

»Von den Unternehmen. Wovon sprechen Sie?«, kam sogleich die Gegenfrage.

»Von Drogen, Prostitution und Schutzgelderpressung.«

Sellers Miene verschloss sich. Er presste die Lippen zusammen, sodass Sie nur noch einen dünnen, blutleeren Strich in seinem Gesicht bildeten. Sekunden des lastenden Schweigens verrannen. Dann stieß Seller hervor: »Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.«

»Natürlich nicht. Wer wird nun die Nachfolge im Geschäft mit dem Verbrechen antreten? Sie, Seller, oder der junge Atkins?«

»Ich muss mir das nicht anhören!«, presste Seller hervor. »Nicht in meiner Wohnung. Also ...«

Ich winkte ab. »Machen wir uns nichts vor, Seller. Sie wissen, wovon die Rede ist. Es geht uns aber nicht darum, Ihnen oder Atkins irgendetwas am Zeug zu flicken. Es geht um die Aufklärung eines Mordes – des Mordes an Richard Atkins.«

Seller setzte sich wieder. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer hinter dem Mord stecken könnte.«

»Es gibt drei Verdächtige«, sagte ich.

»So.«

»Ja. Da ist zum einen der junge Atkins, der es möglicherweise nicht erwarten konnte, die Stelle seines Vaters einzunehmen. Da ist zum anderen ein Mann namens Glenn Mitchell, der Atkins möglicherweise aus dem Geschäft schoss, um der große Mann zwischen sechzigster und sechsundneunzigster Straße zu werden. Da sind des Weiteren Sie, Seller. Vielleicht haben Sie Ambitionen, sich auf Atkins‘ Thron zu schwingen.«

Wieder verfinsterte sich Sellers Gesicht. »Jetzt reicht es!«, blaffte er. »Ich fordere Sie auf, sofort meine Wohnung zu verlassen. Sie unterstellen mir ...«

Ich erhob mich. »Die Wahrheit scheint Ihnen nicht zu gefallen, Seller. Aber wir haben uns umgehört. Es ist definitiv. Atkins war ein Gangster und Sie waren seine rechte Hand. Und nun stehen Sie im Verdacht, Ihren Boss ermordet zu haben. Wo waren sie am siebenundzwanzigsten Januar gegen neun Uhr vormittags?«

»Um neun Uhr sitze ich wochentags an meinem Arbeitsplatz in der Grand Street und mache meinen Job. Die Reinigungsunternehmen beschäftigen insgesamt über zweihundert Mitarbeiter. Da ich die Betriebe leite, gibt es einiges zu tun.«

Während er sprach, ging Seller zur Tür, öffnete sie und schaute mich herausfordernd an.

Milos Gestalt wuchs aus dem Sessel in die Höhe.

Ich setzte mich in Bewegung. Als ich Seller erreichte, blieb ich stehen und sagte: »Ich wollte von vorneherein keinen Zweifel aufkommen lassen, dass wir Bescheid wissen, Seller. Aber wie gesagt: Es geht um die Aufklärung des Mordes an Richard Atkins. Ich lade Sie hiermit offiziell für morgen Vormittag zehn Uhr ins Field Office vor. Sollten Sie der Vorladung nicht Folge leisten, kann ich Sie vorführen lassen.«

In seinem Gesicht arbeitete es krampfhaft. Er knirschte mit den Zähnen. Plötzlich stieß er hervor: »Ich habe mit Atkins‘ Ermordung nichts zu tun. Meiner Meinung nach war es Mitchell. Einige Dealer des Barbesitzers erschienen in den vergangenen Wochen östlich des Central Parks, um ihre Drogen an den Mann zu bringen. Es tauchten auch Kerle auf, die versuchten, einige Barbesitzer zu nötigen, an sie Schutzgeld zu zahlen. Ein paar der Burschen vertrieben wir. Den einen oder anderen von ihnen nahmen wir vorher in die Mangel. Sie erzählten, dass sie für Glenn Mitchell arbeiten und dass der Barbesitzer in das Gebiet zwischen sechzigster und sechsundneunzigster Straße drängt.«

»Na also, geht doch«, knurrte Milo.

»Es ist das Gebiet, das Atkins für sich beanspruchte, nicht wahr?«

»Sie werden verstehen, dass ich keine weitere Aussage machen will.«

»Klar«, versetzte Milo. »Sie müssen sich nicht selbst belasten. Wird Dennis Atkins an die Stelle seines Vaters treten?«

»Er wird die Betriebe übernehmen«, erwiderte Seller zweideutig.

»Und Sie bleiben sein Prokurist, wie?«, fragte ich.

»Es ist eine Lebensstellung«, antwortete Seller.

»Kann Ihr Alibi für den siebenundzwanzigsten jemand bestätigen?«

»Natürlich. Die Angestellten in der Zentrale.«

4

Es war der 30. Januar. Gegen 23 Uhr verließen Dennis Atkins und seine Begleiterin, eine hübsche junge Frau um die zwanzig, den Red Dragon in China Town. Der Name der Frau war Leila Hastings. Sie hängte sich bei dem Burschen ein.

»Was machen wir nun mit dem angebrochenen Abend?«, fragte Atkins gut gelaunt. Der gewaltsame Tod seines Vaters schien ihn nicht sehr zu belasten.

»Ich weiß eine nette Bar«, erklärte Leila. »Wenn du Lust hast, können wir ihr noch einen Besuch abstatten.«

»Wir können auch zu mir fahren«, versetzte Atkins. »Ich habe alles zu Hause, was man für hervorragende Drinks benötigt. Was hältst du davon?«

Sie lachte hell auf. »Du willst mich mit einem Drink ködern?«

»Ganz recht. Komm. Wir schaffen es sicher, den Abend und die Nacht zu unserer Zufriedenheit zu gestalten.«

Wieder lachte Leila auf.

Sie fuhren in die 65th Street. Atkins steuerte den Wagen, einen gelben Camaro, in die Tiefgarage. Die Schranke öffnete er mit einer Plastikkarte. Er parkte den Wagen auf dem von ihm gemieteten Stellplatz. Sie stiegen aus.

In dem Moment, als Atkins per Fernbedienung die Autotüren schloss, bog um den Aufzugschacht ein Mann herum. Er hatte sich eine Sturmhaube über das Gesicht gezogen. Leila entrang sich ein erschreckter Aufschrei. Der Maskierte hob den Arm. Seine Hand umklammerte den Griff einer Pistole. Ohne ein Wort zu sagen, schoss er. Die Detonation peitschte, eine handlange Mündungsflamme stieß aus dem Lauf. Atkins spürte den fürchterlichen Einschlag in der Brust, jähe Finsternis schlug über ihm zusammen, er sackte in sich zusammen und war, als er am Boden aufschlug, tot.

Leila war wie erstarrt.

Der Mörder wirbelte herum und rannte davon. Die Gummisohlen seiner Sportschuhe quietschten.

Als er verschwunden war, fiel auch von der jungen Frau der Bann ab. So hautnah war sie nie vorher im Leben mit der brutalen Gewalt konfrontiert worden. Sie presste die rechte Hand auf den Mund und starrte mit dem Ausdruck des grenzenlosen Entsetzens auf die reglose Gestalt. Dann stieg etwas in ihrer Brust hoch, ein Laut brach aus ihrer Kehle, und schließlich begann sie hysterisch zu schreien.

5

Es war Harry Easton, der uns am Morgen von dem Mord in Kenntnis setzte. Wir erfuhren den Namen und die Anschrift der Augenzeugin und machten uns sofort auf den Weg. Die junge Frau, die uns die Tür öffnete, war bleich. Man sah ihr an, dass sie in der Nacht kein Auge zugemacht hatte.

»Miss Leila Hastings?«

Sie nickte. Ich schaute ihr in die Augen und konnte darin eine Reihe von Gefühlen entdecken; Schrecken, Angst, Entsetzen, Fassungslosigkeit, Erschütterung, Trauer ...

Es war eine ganze Gefühlswelt.

Sie nickte. Ich stellte uns vor. Wir gingen in die Wohnung und setzten uns. Leila senkte das Gesicht und legte die Hände in den Schoß. »Ich kann das noch immer nicht begreifen«, murmelte sie mit tonloser Stimme.

Ich konnte mir denken, wie ihr zumute war und verspürte Mitleid. Aber ich hatte auch einen Job zu verrichten. Darum schob ich persönliche Gefühle zur Seite und sagte: »Sie sind unsere einzige Augenzeugin des Verbrechens. Schildern Sie bitte, wie es abgelaufen ist.«

Sie erzählte mit klangloser, monotoner Stimme. Immer wieder versagte sie ihr, wenn sie die Erinnerung überwältigte. Schließlich endete sie mit den Worten: »Ich kam gar nicht richtig zum Denken, da floh der Mörder schon in Richtung Ausgang. Als ich mich fasste, war er fort. Ich begann dann zu schreien. Plötzlich war ein Mann da ...«

Sie schluchzte und schlug die Hände vor die Augen. Ihre Schultern zuckten.

Ich wartete, bis sie den Aufruhr ihrer Empfindungen wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte. Als ich sie ansprach, ließ sie die Hände sinken: »Können Sie den Killer beschreiben?«

»Ich – ich sah nur seine Augen. Sie waren blau. Seine Größe schätze ich auf eins-achtzig. Er trug dunkle Kleidung und Sportschuhe.«

»Sagte er irgendetwas?« fragte Milo.

»Kein Wort. Alles lief ab wie – wie in einem Stummfilm.«

Mehr konnte sie uns nicht sagen.

Als wir im Sportwagen saßen, fragte ich: »Was hältst du von der Idee, zu Carsten Seller zu fahren?«

»Ja, wir sollten ihm einige Fragen stellen. Er ist auf der Liste der Verdächtigen um einen Platz nach vorne gerückt.«

Milo rief bei Seller an, die Ehefrau erklärte, dass ihr Mann auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz in der Grand Street war. Wir trafen den Mann in seinem Büro an. Er saß hinter dem Schreibtisch und fixierte uns missmutig. Seine linke Braue hatte sich gehoben, was seinem Gesicht einen hochmütigen Ausdruck verlieh.

»Ist es noch nicht bis zu Ihnen durchgedrungen«, fragte ich nach kurzer Begrüßung.

»Cortney Atkins hat mich noch in der Nacht informieren lassen. Sie ist völlig zusammengebrochen. Eine schreckliche Sache.«

»Wo waren Sie gegen Mitternacht, Mister Seller?«, fragte ich.

Er kniff die Augen ein wenig zusammen. »Brauche ich ein Alibi?«

»Es könnte sicher nicht schaden, wenn Sie eines vorweisen könnten.«

Er lachte klirrend auf. »Natürlich, ich stehe ja auch im Verdacht, Rich zu seinen Ahnen geschickt zu haben.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Ich war zu Hause und habe geschlafen. Meine Frau kann es bezeugen. Sind Sie jetzt enttäuscht?«

Ich lächelte. »Die Position, die Sie einnehmen, ermöglicht es Ihnen, jemanden mit der Erledigung einer Sache zu beauftragen. In Ihrer Organisation gibt es sicher doch einen Mann fürs Grobe.«

Seller schürzte die Lippen. »Mit Ihnen geht die Fantasie durch, Trevellian. Aber ich werde wohl meinen Anwalt einschalten. Er wird Ihnen adäquate Antworten auf Ihre Unterstellungen geben.«

»Okay«, winkte ich ab. »Vergessen wir‘s. Beantworten Sie mir eine Frage, Seller. Gibt es von Mitchells Seite konkrete Aussagen, wonach er die Hände nach Atkins‘ Revier ausstrecken möchte. Hat er vielleicht sogar Ihnen ein Angebot unterbreitet?«

»Ich führe die Reinigungsbetriebe. Ihre Frage kann ich nicht beantworten. Was sollte Mitchell mir für ein Angebot unterbreiten? Erbin des Unternehmens wird Cortney Atkins sein. Ohne meine Hilfe ist sie nicht in der Lage, das Unternehmen am Leben zu erhalten. Ich fühle mich verpflichtet, für sie die Geschäfte zu führen.«

»Völlig uneigennützig, nehme ich an«, mischte sich Milo ein und erntete dafür einen bösen Blick.

»Ich verdiene nicht schlecht bei Atkins«, versetzte Seller. »Im Übrigen wird sich an der Art meiner Tätigkeit nichts ändern. Nur werde ich nicht mehr Rich Atkins zur Rechenschaft verpflichtet sein, sondern Cortney.«

»Von der Liste der Verdächtigen mussten wir Dennis Atkins streichen«, erklärte ich. »Auf ihr stehen nur noch zwei Namen.«

»Was meine Person anbetrifft, bewegen Sie sich auf einer falschen Fährte, Special Agents. Aber das werden Sie sicher irgendwann feststellen.«

»Wie kommen wir an Mitchell heran?«, fragte Milo, als ich uns in Richtung Federal Plaza chauffierte.

»Wir bräuchten einen Grund, um ihn vorübergehend festzunehmen. Dann hätten wir vierundzwanzig Stunden Zeit, um ihn in die Mangel zu nehmen.«

»Wenn wir ihn wegen einer x-beliebigen Sache vorübergehend in Haft nehmen, haben wir kein Recht, ihn nach Mordfällen zu befragen, die mit seiner Festnahme in keinem Zusammenhang stehen. Einen auf diese Weise erbrachten Beweis würde das Gericht nicht anerkennen.«

»Aber wir wüssten Bescheid und könnten uns danach richten. Ich meine, man könnte dann versuchen, die erforderlichen – legalen – Beweise auf vorgeschriebenem Weg zu erreichen.«

»Das ist zu vage«, kommentierte Milo meinen Vorschlag. »Außerdem glaube ich nicht, dass wir aus Mitchell auch nur das Geringste herauskitzeln würden. Wenn er der Kerl ist, für den wir ihn halten, dann ist er abgebrüht und kalt wie eine Hundeschnauze.«

Ich konnte mich den Argumenten meines Freundes nicht verschließen.

Zurück in unserem Büro erfuhren wir, dass Dennis Atkins mit einer Kugel vom Kaliber .45 ACP getötet worden war. Der Kollege von der SRD erklärte mir, dass man uns in Kenntnis setzen würde, sobald das Geschoss ballistisch ausgewertet sein würde. Ich vermutete, dass Dennis Atkins mit derselben Waffe getötet worden war wie sein Vater.

Ich hielt mit meiner Vermutung nicht hinter dem Berg.

»Leider steht auf den Kugeln nicht der Name des Mörders«, knurrte Milo. »Und solange wir den nicht kennen, werden wir auch im Dunkeln tappen, was den Auftraggeber der Morde betrifft.«

Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen.

6

Gegen 21 Uhr klingelte mein Telefon. Frisch geduscht hatte ich mir einen bequemen Trainingsanzug angezogen. Mein Fernseher lief. Ich hatte mir eine Dose Cola Light geöffnet.

Als das Telefon zum zweiten Mal läutete, erhob ich mich und nahm es aus der Ladestation, hob es an mein Ohr und nannte meinen Namen.

Es war Dirk van Heflin, der sagte: »Ich befinde mich in der Gruft. Da ist vor einer halben Stunde ein Kerl aufgetaucht, der meiner Meinung nach Drogen verkaufen will. Ich sehe ihn zum ersten Mal. Darum nehme ich an, dass er von der West Side kommt.«

»In Ordnung, Dirk«, sagte ich. »Jetzt musst du mir nur noch sagen, was die Gruft für ein Laden ist.«

»Wir nennen die Kneipe so. Tatsächlich heißt sie Tombstone und liegt in der siebenundsiebzigsten Straße.«

»Gut. Du nimmst an, der Dealer wurde von Mitchell geschickt?«

»Ja. Davon bin ich überzeugt.«

Ich zog mich um, klemmte mir das Holster mit der SIG an den Gürtel, schlüpfte in meine Jacke, schaltete den Fernseher aus und verließ meine Wohnung. Um auf die East Side zu gelangen durchquerte ich den Central Park. Auf der Transverse Road begegneten mir kaum andere Fahrzeuge.

Bei dem Lokal handelte es sich um einen düsteren Laden. Die Gesichter der Gäste waren nur helle Kleckse in dem diffusen Licht. Nur die Theke war hell erleuchtet. Und dort entdeckte ich Dirk. Wie ein Affe hockte er auf dem Barhocker, vor ihm stand ein Bier.

Ich ging zu ihm hin. »Hallo, Dirk.«

Der Bursche blinzelte. »Bist du geflogen?«

Ich lächelte. »Siehst du an mir Flügel?«

Dirk winkte ab. Er wies mit dem Kinn in eine bestimmte Richtung. »Das ist der Kerl. Er hat zweimal mit verschiedenen Leuten den Gastraum verlassen. Wahrscheinlich hat er die Ware in seinem Auto.«

Bei dem Mann handelte es sich um einen etwa fünfundzwanzigjährigen Burschen mit Bürstenhaarschnitt, der mit einem ausgewaschenen Jeansanzug bekleidet war.

»Was hast du über den Mord an Dennis Atkins gehört, Dirk?«, fragte ich. Ich sprach gerade so laut, dass mich nur van Heflin verstehen konnte.

Er verzog den Mund. »Mitchell macht Nägel mit Köpfen.«

»Man rechnet den Mord also ihm zu.«

»Wem sonst? Der Kerl dort am Tisch arbeitet für ihn. Davon bin ich überzeugt. Sie wollen Atkins‘ Gebiet unterwandern. Seller ist nicht der Mann, der das Zepter hier an sich reißen kann. Ich wette mit dir, Trevellian, dass Mitchell in spätestens vier Wochen das gesamte Gebiet von Atkins übernommen hat.«

Der Keeper kam, und ich bestellte mir ein Wasser. Unauffällig beobachtete ich den Burschen am Tisch, von dem Dirk annahm, dass es sich um einen von Mitchells Dealern handelte.

Zwei junge Männer betraten die Bar. Sie kamen zur Theke und sprachen leise mit dem Keeper. Der erwiderte etwas und wies mit einer knappen Geste zu dem Tisch mit dem vermeintlichen Dealer. Die beiden wandten sich ab und gingen hin. Einer stemmte sich mit beiden Armen auf die Tischplatte und beugte sich weit nach vorn. Ich sah, dass sich seine Lippen bewegten. Schließlich erhob sich der Bursche im Jeansanzug. Die drei gingen hinaus.

»Er scheint sich sehr sicher zu fühlen«, raunte ich Dirk zu.

Der V-Mann nickte. »Der Keeper weiß Bescheid. Er schickte ihm auch die beiden anderen.«

Ich rutschte vom Barhocker und verließ den Gastraum. Draußen atmete ich tief durch. Die drei Kerle standen etwa fünfzig Yard entfernt bei einem Chevy. Der Kofferraum war geöffnet. Einige Minuten verstrichen, dann wurde der Kofferraumdeckel zugeknallt. Die beiden Kerle, von denen ich überzeugt war, dass sie Drogen gekauft hatten, entfernten sich. Der Dealer näherte sich mir. Als er an mir vorbeiging, stieß ich hervor: »Wie viel verlangst du für die Portion Kokain?«

Er riss ihn regelrecht herum. »Wie kommst du darauf ...«

Ich zückte meine ID-Card. »Was ich gesehen habe reicht, um sich mit deinem Wagen zu befassen«, sagte ich. »Also gehen ...«

Der Kerl warf sich gegen mich – und es gelang ihm, mich zu überraschen. Ich taumelte zur Seite und hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren. Er hatte sich herumgeworfen und ergriff die Flucht. Ich ließ meine ID-Card in der Tasche verschwinden und nahm die Verfolgung auf. »Bleib stehen!«, forderte ich den Burschen auf.

Er dachte nicht daran. Seine Beine wirbelten. Er rannte wie ein Wiesel. Ich fragte mich, wie lange er dieses Tempo durchhalten konnte.

Der Abstand zwischen ihm und mir veränderte sich nicht. Er hatte zehn Schritte Vorsprung. Zwei Männer kamen uns entgegen. Der Bursche schlug einen Haken, rannte zwischen zwei parkenden Fahrzeugen hindurch auf die Straße und hetzte an der Reihe der parkenden Autos entlang.

Ich wich den beiden Männern aus.

Plötzlich ging der Kerl, dem ich folgte, hinter einem parkenden Fahrzeug in Deckung. Da ich nicht ausschließen konnte, dass er eine Waffe bei sich hatte, ging auch ich auf Tauchstation und zog die SIG.

»Ergib dich!«, forderte ich den Burschen auf.

Ich vernahm eine murmelnde Stimme und war mir sicher, dass der Kerl telefonierte. Geduckt schlich ich an den stehenden Fahrzeugen entlang. Die Stimme wurde deutlicher. Hinter dem nächsten Wagen, einem Toyota, lauerte er. Ich verspürte Anspannung. Jeder meiner Sinne war aktiviert.

Plötzlich schnellte er hoch und setzte seine Flucht fort. Er hatte wohl ein wenig verschnauft. Die Distanz zwischen uns betrug allenfalls drei Yards. Ich legte einen Zahn zu. Der Bursche warf einen Blick über die Schulter. Dreißig, vierzig Yard hetzten wir dahin. Mein Atem ging schneller. Meine Hoffnung bestand darin, dem Burschen konditionell überlegen zu sein. Tatsächlich wurde er langsamer. Und dann hatte ich ihn beim Kragen. Er keuchte und krümmte sich. Ich legte ihm Handschellen an. Dann dirigierte ich ihn zum »Tombstone zurück«. Während wir uns dem Lokal näherten, forderte ich beim Police Department Verstärkung an. Man sicherte mir zu, eine Streife zu schicken.

»Wie ist Ihr Name?«, fragte ich, als wir den Sportwagen erreichten. Der Bursche musste sich auf den Beifahrersitz setzen.

»Matt Benbow.«

»Gut, Benbow. Wir warten jetzt, bis einige Kollegen eingetroffen sind. Um deinen Wagen werden sich die Beamten der Narcotic Squad kümmern. Sie werden mich ins Field Office begleiten, wo ich Ihnen einige Fragen stellen werde.«

»Sie kriegen von mir keine Antwort.«

»Abwarten.«

Es dauerte keine zehn Minuten, dann rollte ein Patrol Car der City Police heran. Zwei Cops stiegen aus. Ich klärte sie mit wenigen Worten auf. Einer der beiden kehrte zum Fahrzeug zurück und nahm das Mikro des Funkgerätes.

Ich brachte Benbow ins Bundesgebäude und führte sofort eine Vernehmung mit ihm durch. Er saß an dem zerkratzen Tisch in der Mitte des Vernehmungsraumes, weißes Neonlicht fiel auf ihn. Ich hatte ihm gegenüber Platz genommen. »Sie sind neu auf der East Side«, erklärte ich.

Trotzig erwiderte er meinen Blick, sagte aber nichts.

»In wessen Auftrag verkaufen Sie die Drogen?«

Der Bursche bog die Mundwinkel nach unten. »Geben Sie sich keine Mühe, G-man. Ich werde schweigen wie ein Grab.«

»Das wäre dumm von Ihnen.«

»Sparen Sie sich Ihre Worte.«

»Also gut«, sagte ich. »Machen wir es kurz. Sie arbeiten für Glenn Mitchell. Hat er Sie selbst mit den Drogen versorgt, oder bediente er sich eines Erfüllungsgehilfen?«

Der Bursche starrte mich erschreckt an. »Woher wissen Sie ...«

»Tja, wir vom FBI schlafen ebenso wenig wie ihr Kerle, die dafür sorgen, dass wir kaum noch einen Feierabend kennen. Sie geben also zu, für Mitchell zu arbeiten.«

»Nachdem Sie es sowieso wissen.«

»Wer versorgt Sie mit Drogen?«

»Es ist Saddler. Hank Saddler.«

»Wo wohnt Saddler?«

»Wir treffen uns täglich im Haifisch. Das ist eine Kneipe am Hafen. Dort rechnen wir auch mit Saddler ab.«

»Und Saddler agiert im Namen von Mitchell«, konstatierte ich.

»Wir vermuten es. Es ist nicht lange her, seit er uns in diesen Teil Manhattans schickt. Man munkelt, dass Mitchell dieses Gebiet übernehmen möchte. Was dran ist an dem Gerücht, weiß ich nicht so genau. Fakt ist, dass wir seit kurzer Zeit hier im Osten Geschäfte abwickeln.«

»Hat niemand versucht, euch zu hindern?«

»Wer sollte uns hindern? Die Kerle, die hier aktiv waren, sind führerlos. Die beiden Atkins‘ wurden liquidiert.«

»Es gibt noch Seller.«

»Wer ist Seller?«, fragte Benbow verächtlich. »Wenn Mitchell einmal scharf Luft holt, hängt ihm Seller quer vor der Nase. Seller ist ein Buchhalter.«

»Sie scheinen sich Gedanken gemacht zu haben. Außerdem scheinen Sie sich besser in den Verhältnissen auszukennen, als Sie zunächst verlauten ließen.«

»Ich bin nur ein kleiner Dealer«, versetzte Benbow. »Aber wir unterhalten uns natürlich untereinander. Auch wenn die beiden Atkins‘ ausgeschaltet sind, ist es nicht ungefährlich, in ihre Domäne einzudringen. Es gibt Unwägbarkeiten und gewiss eine Reihe von Leuten, die sich an die Stelle von Rich Atkins schwingen möchten.«

»Werden auch Namen gehandelt?«

»Damit kann ich leider nicht dienen. Ein heißer Anwärter auf den Thron ist Tyler Manson, der Spanish und East Harlem beherrscht. Dieser Bursche darf sicher nicht auf die leichte Schulter genommen werden.«

»Soll es zwischen ihm und Atkins nicht so eine Art Waffenstillstand gegeben haben?«

»Das ist richtig. Aber Atkins ist tot.«

»Wann finden die Treffen mit Saddler im Haifisch statt?«, fragte ich.

»Täglich zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags.«

»Wie sieht Saddler aus?«

»Eins-fünfundsiebzig groß, untersetzt, blonde Haare, die streng nach hinten gekämmt sind. Er hat eine Narbe am Kinn.«

»Wie hoch ist der Wert der Drogen, die Sie in Ihrem Chevy befördern?«, fragte ich.

»Mehrere tausend Dollar.«

»Von wem bezieht Mitchell den Stoff?«

»Fragen Sie mich was Leichteres.«

»Mit wem haben Sie telefoniert, als ich Sie verfolgte?«

»Mit Saddler.«

Ich ließ Benbow arretieren, dann fuhr ich nach Hause.

7

Ernest Stevenson trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse. Zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand hielt er eine brennende Zigarette. Das war sein Frühstück. Kaffee und Nikotin. Im Aschenbecher lagen bereits drei Kippen. Er machte einen Zug, inhalierte den Rauch und sagte: »Sieht kalt aus draußen. Bin neugierig, wie lange die Kältewelle noch andauert.«

»Du solltest nicht versuchen, das Thema zu wechseln«, sagte Gil Myers, Stevensons Lebensgefährtin. »Du bleibst in letzter Zeit an den Abenden immer öfter und immer länger weg. Ich glaube dir deine geschäftlichen Verpflichtungen nicht mehr. Also, wo warst du gestern? Du bist erst nach Mitternacht nach Hause gekommen. Und an dir haftete Parfümgeruch.«

Stevenson erhob sich. Er war ein Mann von achtundzwanzig Jahren mit dunkelblonden Haaren und einem breitflächigen Gesicht. Er seufzte. »Du spinnst dir was zusammen, Gil. Wirklich. Wir hatten eine Besprechung. Als wir zusammenzogen, musste dir klar sein, dass du mich mit meinem Job teilen musst. Mein Vater verlangt hundertprozentigen Einsatz. Und er hat mir in der letzten Zeit eine Reihe von Aufgaben übertragen, die mich voll und ganz fordern.«

»Warum holt dein Vater nicht Dexter Cohan aus Albuquerque zurück? Ihr könntet euch die Aufgaben hier teilen.«

»Denkst du, ich wage die Beschlüsse Dads anzuzweifeln? Er ist nach wie vor der Boss. Aber ich«, Stevenson tippte sich mit dem Daumen seiner Rechten gegen die Brust, »werde das Imperium, das er aufgebaut hat, erben. Meine Schwester wird großzügig abgefunden – Chef von Stevensons Building and Construction aber werde ich sein.«

»Dein Vater ist siebenundfünfzig. Seine Lebenserwartung liegt bei über achtzig Jahren. Zu seinen Lebzeiten übergibt er niemals. Du wirst alt und grau sein, wenn du dich eines Tages an seinen Platz setzen darfst. Und solange bist du der Sklave deines Vaters. Er verlangt von dir Dinge wie Einsatzbereitschaft, Motivation und Loyalität, wie er sie von seinen Angestellten niemals verlangen würde.«

»Das ist der Preis«, murmelte Ernest Stevenson und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus.

Ein Schatten schien über Gil Myers‘ gleichmäßiges Gesicht zu huschen. »Ich glaube dir kein Wort. Die Arbeit ist bei dir doch nur ein Vorwand. Sag es mir: Hast du eine andere?«

»Du spinnst doch!«, knurrte er mit verschlossenen Zügen, holte seine Jacke von der Garderobe und schlüpfte hinein. »Wir sehen uns heute Abend.« Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund, dann wandte er sich zur Tür und verließ die Wohnung.

Um seinen Kreislauf etwas anzutörnen nahm Ernest Stevenson die Treppe. Stockwerk um Stockwerk lief er hinunter in die Tiefgarage. Unten angekommen ging er zum Stellplatz seines Cadillacs. Per Fernbedienung öffnete Stevenson die Türen. Die Lichter blinkten, als der Sensor ansprach. Jetzt sah Stevenson, dass in dem Wagen, der neben dem Cadillac parkte, ein Mann saß. Dieser Mann öffnete jetzt die Tür des Fords und stieg aus. Aus den Augenwinkeln sah Stevenson, dass er eine Maske trug. Sein Kopf ruckte herum, Überraschung spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Da nahm er die Pistole über dem Autodach wahr. Ein kaltes Auge starrte ihn über die Zieleinrichtung an. Eine feurige Lohe stieß aus der Mündung. Es gab lediglich ein Geräusch, wie wenn man mit einer zusammengelegten Zeitung auf einen Tisch schlägt.

Es war der letzte Eindruck in Ernest Stevensons Leben. Er fiel gegen den Cadillac und rutschte daran zu Boden.

Der Mörder setzte sich in den Ford, stieß rückwärts aus der Parklücke und fuhr zur Ausfahrtrampe. Die Schranke war geschlossen. Er drückte den Knopf am Lesegerät, der Portier meldete sich. »Würden Sie mir die Schranke wieder öffnen, Sir?«

»Gute Fahrt«, sagte der Portier, im nächsten Moment schwang die Schranke hoch. Der Killer gab Gas.

8

An diesem Morgen erfuhren wir, dass die Kugeln, die Richard und Dennis Atkins töteten, aus ein und derselben Waffe stammten. Wir hatten es – wie ich schon vermutet hatte – mit demselben Mörder zu tun.

»Ob Seller dahintersteckt?«, sinnierte Milo.

»Ich glaube nicht daran«, antwortete ich. »Meiner Meinung nach ist Mitchell unser Mann. Wir sollten uns mal diesen Hank Saddler kaufen.«

Natürlich hatten wir die Datenbank bemüht. Saddler war registriert. Es hatte eine ganze Reihe von Anklagen gegen ihn gegeben, unter anderem wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Nötigung. Er hatte insgesamt sechs Jahre in Rikers Island verbracht. Saddler war zweiundvierzig Jahre alt und wohnte in West 95th Street.

Wir fuhren auf dem Broadway nach Norden. In der 95th fand ich einen Parkplatz und rangierte den Sportwagen hinein. Saddler wohnte in der fünfzehnten Etage eines Hochhauses. Lautlos und in Rekordgeschwindigkeit fuhren wir mit dem Lift nach oben. Milo läutete an der Tür des Apartments. Der Mann, der öffnete, war Saddler. Ich erklärte ihm, dass er wegen Drogenhandels verhaftet sei. Als er die Tür zuschlagen wollte, warf ich mich dagegen. Sie flog auf und ich machte einen großen Schritt in den Raum. Mit einem Griff hatte ich Saddler, der herumgewirbelt war und fliehen wollte, am Hemdkragen und riss ihn zurück. Er verlor das Gleichgewicht und setzte sich auf den Hosenboden.

Wir fackelten nicht lange. Schließlich lag Saddler mit gefesselten Händen auf dem Bauch. »Ich will meinen Anwalt anrufen!«, tönte er.

Wir zerrten ihn auf die Beine. »Natürlich«, sagte Milo. »Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Und Sie kriegen auch Gelegenheit, einen zu konsultieren. Vorher aber werden wir uns ein wenig unterhalten.«

»Ohne Anwalt rede ich mit euch nicht.«

»Sie können Ihren Hals nicht retten, Saddler«, knurrte Milo. »Ob nun ein Anwalt Ihre Interessen vertritt oder nicht. Benbow hat geredet. Wir wissen, dass Sie ihn mit Drogen versorgt haben. Und wir werden noch ein paar weitere Kerle befragen, die uns Ihren Namen nennen werden. Wollen Sie nicht aufgeben?«

»Ihr könnt mich mal – beide!«, schnaubte Saddler.

Wir brachten ihn ins Field Office. Dort nahmen wir ihn sofort in die Mangel. »Sie arbeiten für Glenn Mitchell«, stellte ich fest.

Saddler schwieg.

»Mitchell verkaufte bisher die Drogen in seinen Lokalen«, fuhr ich fort. »Nun schickt er seine Leute auf die East Side. Führt er etwas Besonderes im Schilde?«

Die Antwort war Schweigen. Saddlers Gesicht hatte sich verkniffen. Er hatte die Lippen zusammengepresst. Mir kam er in diesen Momenten vor wie ein stures Kind, das irgendeine Schandtat nicht eingestehen wollte.

»Na schön«, sagte ich. »Vielleicht finden Sie doch noch Ihre Sprache zurück. Sie erhalten die Drogen, die Sie an die Straßenverkäufer weitergeben, von Mitchell, nicht wahr?«

»Wenn Sie nicht reden, wird es an Ihnen hängenbleiben«, drohte Milo.

»Ihr könnt mich nicht einschüchtern.«

»Darum geht es nicht.«

Ich ergriff wieder das Wort. »Richard Atkins und sein Sohn Dennis wurden ermordet. Wir nehmen an, dass Mitchell dahinter steckt. Und Sie als Mitchells engster Vertrauter sind sicherlich eingeweiht.«

»Sie sind auf dem Holzweg.«

»Wie bezeichnen Sie Ihren Job, den Sie für Mitchell ausüben?«

»Ich bin Geschäftsführer.«

»Sehen Sie doch ein, dass Sie verloren haben, Saddler«, sagte ich eindringlich. »Sie können nur noch versuchen, das Beste für sich herauszuholen, das heißt, ein Geständnis abzulegen.«

»Darauf wartet ihr lange.«

»Nun, dann werden Sie alles, was folgt, sich selber zuzuschreiben haben.«

Wir ließen Saddler abführen.

»Um Sie werden sich unsere Vernehmungsspezialisten kümmern«, rief ich ihm hinterher. »Sie werden Ihnen die Würmer aus der Nase ziehen.«

»Sie werden bei mir auf Granit beißen!«, blaffte Saddler über die Schulter.

*

Zurück in unserem Büro sagte ich: »Wenn Saddler schweigt, kriegen wir auch gegen Mitchell nichts in die Hand. Der Schurke war vorsichtig und ist dem Fußvolk gegenüber nie in Erscheinung getreten. Und in Saddler hat er einen treu ergebenen Mann gefunden, der ihn deckt, egal was geschieht.«

»Was nun?«, fragte Milo. »Wir haben zwei Leichen und zwei Verdächtige. Seller kann der Mörder sein, wir nehmen aber an, dass es Mitchell ist. Vieles deutet darauf hin. Allerdings haben wir keinen Hebel, an dem wir ansetzen können. Um es auf einen Nenner zu bringen, Partner: Wir treten auf der Stelle.«

»Reden wir noch einmal mit Mrs. Atkins.«

Nachdem wir eine Stunde später im Krankenhaus einer der Schwestern unser Anliegen vorgetragen hatten, erklärte sie uns, dass die Entscheidung darüber, ob wir mit der Patientin sprechen dürften, Dr. Benson treffen müsste. Sie nahm ihr Handy und tippte eine Nummer, dann sagte Sie: »Bei mir sind die beiden Agents vom FBI. Sie möchten mit Mrs. Atkins sprechen. Können Sie kommen, Dr. Benson? – Danke.« Sie senkte die Hand mit dem Mobiltelefon. »Er kommt sofort.«

Ich schaute Milo an, und er verdrehte die Augen.

»Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes hat einen weiteren Schock bei der Patientin ausgelöst«, erklärte die Schwester. »Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch. Jetzt ist sie völlig apathisch.«

Es dauerte höchstens drei Minuten, dann erschien der Arzt. Er war nicht gerade erbaut über unseren Besuch. Nachdem er jedem von uns die Hand geschüttelt hatte, sagte er: »Die Sache mit ihrem Sohn hat Mrs. Atkins den Rest gegeben. Ihr Zustand war vorübergehend lebensbedrohlich. Jetzt hat sich ihr Kreislauf wieder einigermaßen stabilisiert. Sie können sich denken, dass ich nicht gerade begeistert darüber bin, dass Sie mit Ihren Fragen unseren Heilungserfolg in Frage stellen. Sind Ihre Fragen denn so wichtig, dass Sie nicht ein paar Tage warten können, um sie zu stellen?«

»Wir sollen die Morde an ihrem Mann und ihrem Sohn aufklären«, erwiderte ich. »Es sind nur ein paar Fragen, den Prokuristen des Unternehmens betreffend. Wir wollen Mrs. Atkins ganz bestimmt nicht aufregen.«

»Ich gebe Ihnen fünf Minuten, Special Agents«, willigte der Arzt schließlich ein. »Gegebenenfalls brechen Sie das Gespräch auf meine Anordnung hin sofort ab.«

Wir gingen in das Krankenzimmer.

Die Frau war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Augen lagen in dunklen Höhlen, das Gesicht war eingefallen, die Haut sah aus, als wäre sie durchsichtig. Sie schien, seit wir sie das letzte Mal gesehen hatten, um Jahre gealtert zu sein. Blicklos starrte sie zur Decke hinauf. Die Hände hatte sie ineinander verschränkt. Sie vermittelte den Eindruck, zu beten.

Der Arzt trat an das Bett heran. »Mrs. Atkins.«

Ihre Augen bewegten sich. Sie schaute wie eine Erwachende.

»Die beiden Gentlemen vom FBI sind noch einmal gekommen. Sind Sie in der Lage, ihnen einige Fragen zu beantworten?«

Sie richtete den Blick auf uns. »Haben Sie den Mörder meines Mannes und meines Sohnes überführt?«, fragte sie mit lahmer Stimme.

»Noch nicht«, erwiderte ich. »Bei der Suche nach ihm bauen wir auf Ihre Hilfe, Mrs. Atkins.«

»Wie sollte ich Ihnen helfen können?«

»Indem Sie unsere Fragen beantworten.«

»Fragen Sie.«

»Welche Stellung im Betrieb wird künftig Carsten Seller einnehmen?«

»Ich – ich hoffe, es bleibt alles so, wie es ist.« Die Lippen der Frau bebten. Das Sprechen schien sie anzustrengen. »Seller ist ein kompetenter Mann, der bisher schon die Betriebe zu unserer größten Zufriedenheit leitete.«

»Ist Seller mit irgendwelchen Forderungen an Sie herangetreten?«

»Er – er hat mich einmal besucht und mir versichert, dass er weiterhin als Betriebsleiter tätig sein und mich in jeder Beziehung unterstützen wird. Ich schenke ihm hundertprozentiges Vertrauen. Mit einer höheren Gehaltsforderung – das meinten Sie doch – ist er nicht an mich herangetreten.«

»Seller könnte Vorteile aus dem Tod Ihres Mannes und Ihres Sohnes ziehen«, erklärte ich.

Mrs. Atkins schaute mich irritiert an. »Welche Vorteile?«

Mir brannten einige Dinge auf den Lippen, die ich gerne von mir gegeben hätte. Ich wollte sie fragen, ob sie tatsächlich nicht wusste, womit ihr Mann seinen Reichtum angehäuft hatte, ob sie denn keine Ahnung hatte, dass die Reinigungsbetriebe nur der Tarnung und Geldwäsche gedient hatten, dass ihr Mann zwischen 60th und 96th auf der East Side von Manhattan der ungekrönte King gewesen war und dass ihr Sohn eines Tages sein Erbe als Gangsterboss angetreten hätte.

Sie hatte sicher ein Leben in Saus und Braus geführt. Geld spielte keine Rolle. Hatte sie nicht gewusst, dass es sich bei dem Geld, das sie mit vollen Händen ausgab, um die Früchte skrupellosen Verbrechens handelte?

Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich ging sehr viel mehr davon aus, dass sie genauestens Bescheid wusste und ebenso skrupellos war wie ihr Mann.

Ich hielt mich jedoch zurück. Der Arzt hätte mich sofort gebremst. Und seiner ärztlichen Autorität hatte ich nichts entgegenzusetzen.

Ohne meine Antwort auf ihre Frage abzuwarten stieß sie hervor: »Sie unterstellen Seller doch nicht, dass er mich jemals betrügen würde? Was sollen diese Fragen überhaupt? Haben Sie etwa Carsten im Verdacht, meinen Mann und meinen Sohn ermordet zu haben?«

»Wir müssen jeder Spur nachgehen«, sagte ich.

»Für Seller lege ich die Hand ins Feuer«, erregte sich die Frau.

Ich wechselte das Thema. »Die Staatsanwaltschaft hat die Leiche Ihres Mannes zur Beerdigung freigegeben. Wer wird sich um das Begräbnis kümmern?«

Sie griff sich an den Kopf. »Ich werde dazu nicht in der Lage sein. Aber ich denke, Carsten nimmt es in die Hand. Ja, wer sonst? Ich – ich muss sofort mit ihm telefonieren.«

Sie wirkte plötzlich überhaupt nicht mehr apathisch.

»Sind Sie fertig?«, fragte der Arzt.

»Hast du noch eine Frage?«, erkundigte ich mich bei Milo.

Er schüttelte den Kopf.

Ich sagte: »Es sind noch eine Reihe von Fragen offen. Aber wir werden sie wohl erst stellen, wenn Mrs. Atkins wieder hundertprozentig auf dem Damm ist. Wir wollen Ihnen nicht ins Handwerk pfuschen, Doc.«

Er grinste säuerlich. »Vielen Dank für Ihr Verständnis, Gentlemen.«

Wir verabschiedeten uns.

»Wir hätten sie fragen sollen, ob ihr Mann ihr gegenüber je den Namen Mitchell erwähnt hat«, sagte Milo, als ich den Sportwagen wieder nach Süden steuerte.

»Was hätte uns die Antwort auf diese Frage gebracht?«

»Für den Fall, dass sie bejaht hätte, wüssten wir, dass Atkins vielleicht um die Gefahr wusste, die ihm drohte.«

»Dieses Wissen würde uns auch nicht weiterbringen«, murmelte ich.

9

Mitchell hatte eine Wohnung in der 55th Street. Clinton war ein ausgesprochen mondäner Wohnbezirk. Wer sich hier eine Wohnung leisten konnte, musste über sehr viel Geld verfügen. Milo läutete. Eine Frau, die eine weiße Schürze umgebunden hatte, öffnete. »Sie wünschen?«

»Wir möchten zu Mister Mitchell. Mein Name ist Trevellian. Ich bin Special Agent beim FBI. Das ist mein Kollege Tucker.«

»Einen Moment, ich sage Mister Mitchell Bescheid.«

Die Angestellte drückte die Tür ins Schloss. Es dauerte aber keine zwanzig Sekunden, dann öffnete sie wieder und bat uns in die Wohnung. Mitchell war ein Mann um die vierzig, mit dunklen Haaren und dunklen Augen, die in tiefen Höhlen lagen und uns lauernd beobachteten. Sein Mund war schmal, in seinen Mundwinkeln hatte sich ein Zug festgesetzt, den ich als brutal bezeichnen würde. Er saß in einem schweren Sessel und hatte die Beine übereinander geschlagen. Auf der Couch saß eine Lady mit rot gefärbten Haaren, höchstens fünfundzwanzig und sehr rassig. Sie hatte grüne Augen, die einen besonderen Kontrast zu den roten Haaren darstellten.

Wir hatten uns entschlossen, Mitchell diesen Besuch abzustatten, um uns ein Bild von ihm zu machen und zu wissen, mit wem wir es gegebenenfalls zu tun bekamen.

Mir gefiel der Bursche nicht. Ihm haftete etwas an, das mich berührte, das ich nicht genau bezeichnen konnte, das aber ein gewisses Maß an Abneigung in mir erzeugte.

»Was will das FBI von mir?«

»Ist es Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit entgangen, dass wir Ihren Geschäftsführer verhaftet haben?«

»Ich habe davon gehört. Was werfen Sie Hank vor? Er ist ein integrer Mann, der sich noch nie etwas zuschulden kommen ließ.«

Um ein Haar hätte ich aufgelacht.

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Milos Backenknochen mahlten.

»Matt Benbow behauptet das Gegenteil«, erklärte ich.

Mitchell legte die Stirn in Falten. »Wer ist Benbow?«

»Er hat uns erzählt, für Sie zu arbeiten.«

»Nun, für mich arbeiten eine Reihe von Leuten. Sie müssen wissen, ich besitze einige Betriebe. Aber nehmen Sie doch Platz Gentlemen.«

Wir suchten uns Plätze und ließen uns nieder.

»Benbow hat erklärt, von Saddler mit Drogen versorgt worden zu sein, die er auf der Straße verkaufte.«

»Und was sagt Saddler dazu?« Das Gesicht des Gangsters verriet eine gewisse Anspannung, als er diese Frage stellte.

»Saddler schweigt.«

Ich glaubte wahrzunehmen, dass Mitchell aufatmete. Entspannt lehnte er sich zurück. »Ich weiß nicht, was dran ist an Benbows Aussage. Aber wenn Saddler wirklich mit Rauschgift handelte, dann muss er bestraft werden. Auf diesem Gebiet vertrete ich eine knüppelharte Meinung. Drogen sind das Schlimmste, was man unserer Gesellschaft antun kann.«

Es klang wie Hohn in meinen Ohren.

»Wir vermuten, dass Saddler auch nur ein Handlanger ist«, sagte ich.

Mitchells Brauen schoben sich zusammen wie zwei schwarze Raupen. »Ich verstehe nicht.«

»Wir klären Sie gerne auf«, versetzte ich. »Es geht um zwei Morde – um die Morde an Richard Atkins und seinem Sohn Dennis. Atkins kontrollierte im Osten das Gebiet zwischen sechzigster und sechsundneunzigster Straße; ich spreche von Drogengeschäften, Schutzgelderpressung und illegaler Prostitution. Von Benbow haben wir erfahren, dass die Straßenverkäufer von Saddler seit Neuestem in den Osten geschickt werden. Nun nehmen wir an, dass die beiden Atkins‘ jemandem im Wege standen – jemandem, der sich Ihr Revier unter den Nagel reißen möchte.«

»Wenn ich Sie richtig verstehe, dann vermuten Sie, dass Saddler bei den beiden Morden die Hände im Spiel hat«, resümierte Mitchell.

»Ja, das ist unsere Vermutung. Und da wir annehmen, dass Saddler auch nur ein Befehlsempfänger ist, gehen wir davon aus, dass der Mann, der hinter Saddler steht, die Morde angeordnet hat.«

Ein fast belustigtes Glitzern zeigte sich in Mitchells Augen. »Jetzt sehe ich klar, Gentlemen. Sie sind der Meinung, dass dieser Mann ich sein könnte.«

»Man munkelt so manches in Manhattans Unterwelt«, erwiderte ich. »Ja, man sagt, dass Sie in Atkins‘ Revier drängen. Wir haben mit einem Insider gesprochen, einem Mann, der weiß, wovon der redet.«

Mitchell schob die Unterlippe vor. »Sie nehmen wohl kein Blatt vor den Mund.«

»Wir sind für klare Verhältnisse.«

»Hat Ihnen Ihre offene Art noch keine Probleme beschert?«

»Keine Probleme, die wir nicht gemeistert hätten.«

Mitchell lachte auf. »Na schön«, sagte er dann, wieder ernst werdend. »Ich versichere Ihnen, dass ich mit der Ermordung der beiden Atkins‘ nichts zu tun habe.«

»Aber es sind Ihre Leute, die Atkins‘ Revier langsam aber sicher unterwandern. Wir haben von Benbow ein paar Namen bekommen und werden uns diese Burschen vorknöpfen.«

»Ich habe mit Saddlers Machenschaften nichts zu tun. Glauben Sie‘s mir ruhig. Das Vermögen, das ich besitze, ist ehrlich erworben.«

»Dem gibt es wohl nichts mehr hinzuzufügen«, sagte ich und erhob mich. »Um Saddler werden sich unsere Vernehmungsspezialisten kümmern. Sie sind psychologisch geschult und haben eine Reihe von Tricks in petto, um die Zunge eines Mannes zu lösen.«

»Ich habe nichts zu befürchten«, sagte Mitchell lächelnd. Seine Überheblichkeit brachte mein Blut in Wallung.

10

Am folgenden Morgen rief mich Harry Easton von der Mordkommission an. »Gestern früh geschah in der sechsundfünfzigsten Straße ein Mord«, sagte Cleary. »Das Opfer heißt Ernest Stevenson. Er ist der Sohn von James Stevenson, dem Baulöwen.«

Mir war der Name ein Begriff. Stevensons Building and Construction war ein Imperium, das über die gesamten Staaten verteilt war. Stevenson genoss in den Staaten ein ähnliches Ansehen wie Donald Trump.

»Um mir das mitzuteilen rufst du mich doch nicht an, Harry«, sagte ich. »Oder gibt es einen Grund, der den Fall in die Zuständigkeit des FBI verweist?«

»Ja, Jesse, den gibt es«, antwortete Harry gedehnt. »Wir haben das Geschoss analysieren lassen. Es stimmt mit den Geschossen überein, die Richard Atkins und seinen Sohn töteten.«

Es dauerte kurze Zeit, bis ich die Eröffnung verarbeitet hatte. »Wo ist hier der Zusammenhang?«, entrang es sich mir.

»Das herauszufinden dürfte euer Job sein, Jesse«, erklärte der Detective Lieutenant. »Ich schicke dir die Protokolle. Der Mord geschah in der Tiefgarage des Gebäudes, in dem Stevenson wohnte. Mit Gil Myers, Stevensons Lebensgefährtin, haben wir uns bereits unterhalten. Sie konnte zur Aufklärung der Sache nicht das Geringste beitragen.«

Nachdem ich aufgelegt hatte, wechselte ich mit Milo einen Blick. »Wir müssen die Morde an den beiden Atkins‘ vielleicht in einem völlig anderen Licht betrachten«, murmelte ich. »Ernest Stevenson wurde gewiss nicht ermordet, weil Mitchell auf Atkins‘ Gebiet scharf ist.«

»Die Morde können unabhängig voneinander vom selben Killer ausgeführt worden sein«, gab Milo zu bedenken.

»An einen derartigen Zufall glaube ich nicht.« Ich holte die Homepage der Baufirma auf den Bildschirm. »Die Firma hat ihren Sitz in Queens.«

Wir verloren keine Zeit. Im Betrieb erfuhren wir, dass James Stevenson nicht anwesend war. Aber davon, dass wir ihn in der Firma antreffen würden, waren wir auch gar nicht ausgegangen. Schließlich war vor gut vierundzwanzig Stunden sein Sohn erschossen worden. Seine Wohnung lag in Queens, 72nd Road, gleich beim Forest Park. Die Villa war auf einem riesigen Grundstück errichtet. Bäume und Büsche standen in dem parkähnlichen Garten derart dicht, dass man von der Straße aus das Gebäude kaum sehen konnte. Das breite, schmiedeeiserne Tor mit den vergoldeten Spitzen war geschlossen. Auch die Pforte daneben ließ sich nicht öffnen. In die wuchtige Säule war jedoch eine Gegensprechanlage eingebaut. Ich klingelte. Gleich darauf ertönte es: »Wer ist draußen?«

Ich gab die entsprechende Antwort. Der Türöffner summte, und ich konnte die Tür aufdrücken. Ich schaute mich um, denn ich nahm an, dass der Eingangsbereich videoüberwacht war, konnte aber keine Kamera entdecken. Auf einem Plattenweg, der parallel zur Garagenzufahrt verlief, schritten wir zum Haus. Der freie Platz davor war als Rondell gestaltet. In der Mitte befand sich ein großes, rundes Blumenbeet mit einem Springbrunnen in der Mitte. Ein schwerer Mercedes und ein Lexus standen da. An das Haus war eine Doppelgarage angebaut. Die Tore waren geschlossen.

Der Mann, der uns unter der Haustür erwartete, war mit einem schwarzen Anzug und einem weißen Hemd bekleidet. »Mister Stevenson erwartet Sie, Gentlemen«, schnarrte er und machte eine einladende Handbewegung. Wir betraten die Halle der Villa. Sie war groß und mit rustikal wirkenden Möbeln bestückt. Es gab einen offenen Kamin, in dem ein Feuer flackerte. Neben dem Kamin stand ein grauhaariger Mann, der eine schwarze Hose und ein hellblaues Hemd trug. Um den Hals hatte er sich eine schwarze Krawatte gebunden. Er war Ende der fünfzig. Sein Gesicht war von ungesund bleicher Farbe. Er verströmte eine nicht zu übersehende Autorität.

In einem der Sessel saß eine Frau Anfang der fünfzig. Sie vermittelte trotz des fortgeschrittenen Alters noch ein hohes Maß an Attraktivität und war ausgesprochen gepflegt.

»Mister Stevenson?«, fragte ich.

Der Mann nickte. »Ja. Das ist meine Frau Susan. Sie kommen sicher wegen des Mordes an meinem Sohn. Wieso hat das FBI die Ermittlungen übernommen?«

Die Stimme des Unternehmers klang präzise und autoritär. Sie war von jenem Klang, wie ihn nur die Stimme eines Mannes haben konnte, der es gewöhnt ist, Befehle zu erteilen, anzutreiben, zu fordern, anzuordnen, zu überwachen, zu loben und zu tadeln.

»Alles deutete darauf hin, dass Ihr Sohn von einem Killer getötet wurde, der bereits zwei Morde auf dem Gewissen hat«, erwiderte ich. »Da wir in diesen beiden Mordfällen ermitteln, haben wir auch die Angelegenheit mit Ihrem Sohn an uns gezogen.«

»Wer wurde noch ermordet?«

»Richard und Dennis Atkins. Richard Atkins besaß eine Kette von Reinigungsbetrieben in New York.«

»Haben Sie schon eine Spur zu dem Mörder?«, fragte Stevenson.

»Wir hatten einen Verdacht. Dieser Verdacht wurde allerdings mit dem Mord an Ihrem Sohn erschüttert.«

»Wen verdächtigen Sie?«

»Sie werden verstehen, dass wir keine Namen nennen wollen. Ihr Sohn war sicher in Ihrem Unternehmen tätig.«

»Natürlich. Er sollte alles erben. Er leitete die Geschicke des Unternehmens im Osten.«

»War Ernest Ihr einziger Sohn?«

»Ja. Wir haben noch eine Tochter. Ihr Name ist Kimberley. Sie ist mit Dexter Cohan verheiratet, den ich im mittleren Westen eingesetzt habe. Er lebt in Albuquerque.«

»Zusammen mit Ihrer Tochter, nehme ich an.«

»Nein. Kim hat New York nicht verlassen.« Stevenson winkte ab. »Aber das ist eine andere Sache.«

»Wurde Ihr Sohn bedroht?«

»Ganz sicher nicht. Das hätte er mir gesagt.«

»Wurden Sie bedroht, Mister Stevenson?«

»Nein. Wenn Sie an die Konkurrenz denken, muss ich Sie enttäuschen. Stevensons Building and Construction ist konkurrenzlos. Außerdem befindet sich die Firma fest in Stevenson-Hand. Sollte ich nicht mehr sein ...«

Stevenson brach ab. Ihm wurde wohl in diesem Moment so richtig bewusst, dass sein Erbe getötet worden war. Er atmete stoßweise durch die Nase. »Im Zweifelsfalle könnte der Mann meiner Tochter das Unternehmen übernehmen.

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