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Entmenschlicht: Sklaverei im 21. Jahrhundert
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eBook244 Seiten2 Stunden

Entmenschlicht: Sklaverei im 21. Jahrhundert

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Über dieses E-Book

Die Sklaverei wird weltweit in vielen internationalen Abkommen und nationalen Gesetzen geächtet. Das hat nichts daran geändert, dass sie weiterhin existiert. Über vierzig Millionen Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, sind moderne Sklaven, überall auf der Welt. Sie leben im Schatten, auch unter uns. Sie sind ebenso Opfer traditioneller Sklaverei wie neuer Formen von Ausbeutung und Gewalt. Die Produkte ihrer erzwungenen Arbeit finden sich in Verkaufsregalen und Computerprogrammen, sie schuften in Haushalten und Bordellen, auf Plantagen, in Nähereien, am Bildschirm, sie ziehen als Kindersoldaten in den Krieg und werden von diktatorischen Staaten in die Arbeit gezwungen.
Die Autoren, seit drei Jahrzehnten im freien Journalismus tätig, zeigen auf, wie die moderne Sklaverei unseren Alltag durchdringt und in die globalen Wertschöpfungsketten verstrickt ist. Ihre Recherchen führen uns in chinesische Arbeitslager für Uiguren, auf brasilianische Großfarmen und hinter die Fassaden vermeintlicher Familienidyllen bei uns. Sie blicken in die Vergangenheit auf der Suche nach Motiven und Erklärungen für diese anthropologische Konstante der Gewalt, erzählen von Würde und Widerstand der Ausgebeuteten, offenbaren Gleichgültigkeit und Wegsehen – und sie suchen nach Wegen aus der modernen Sklaverei.
SpracheDeutsch
HerausgeberRotpunktverlag
Erscheinungsdatum25. Mai 2022
ISBN9783858699541
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    Buchvorschau

    Entmenschlicht - Martin Arnold

    Historischer Abriss zur Sklaverei

    »Meine Mutter ist weiß, meine Großmutter ist weiß, aber ich habe Farbe«

    Sie trugen grüne Armbänder als Erkennungszeichen; die reina (Königin) und die grandes madres (großen Mütter) hatten zusätzlich ein grünes Band umgehängt. Sie trafen sich zum Essen, zum Tanz, manchmal mit ihren Liebhabern, und sie sparten Geld, um diejenigen unter sich freizukaufen, die von ihren Besitzern missbraucht und misshandelt wurden. Von einer Selbsthilfegruppe würde man heute sprechen. Im Jahr 1817 schlägt der Statthalter der Stadt Santiago de Cuba im Osten Kubas Alarm. Die Insel ist Teil des »Vizekönigreichs Neuspanien«. Diese negras esclavas francesas (von Franzosen versklavte schwarze Frauen) verbreiteten Unruhe und gefährdeten den Frieden in der Stadt. Es sei deshalb nötig, ihnen einen Schrecken einzujagen und die Vereinigung zu verbieten, schreibt er an seinen Vorgesetzten, den Gouverneur Kubas. Dieser wendet sich direkt an die Real Audiencia in Madrid, das höchste Justizorgan des spanischen Königreiches. Er verlangt eine »demütigende Bestrafung unter Berücksichtigung der Interessen ihrer Eigentümer«. Damit solle ein Exempel statuiert werden. Ob die Frauen bestraft wurden, ist nicht überliefert. Tatsächlich hatten sie nicht an den Grundfesten einer Gesellschaft gerüttelt, für die die Haltung von Versklavten berechtigt und durch den Buchstaben des Gesetzes gerechtfertigt war. Sie hatten nicht einmal explizit ihre Freiheit, für die sie zu zahlen bereit gewesen wären, sondern die Wahrung ihrer körperlichen Unversehrtheit verlangt.

    Dabei haben sie am feinen Duft der Freiheit schon einmal geschnuppert. Sie tragen in ihren Köpfen das Versprechen der Französischen Revolution von 1789, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, und das fürchten die beiden kubanischen Amtsträger am meisten. Die Frauen sind mit Tausenden anderen 1803 aus der französischen Kolonie Sainte-Domingue nach Kuba geflohen, weil dort schwere Kämpfe toben. Am 18. November 1803 verlieren die Truppen des französischen Kaisers Napoleon die Entscheidungsschlacht, am 1. Januar 1804 ist Sainte-Domingue unter dem neuen Namen Haiti unabhängig. Eine halbe Million Sklaven sind nach dreizehn Jahren Befreiungskrieg frei. Schon einmal, 1794, hatte die französische Nationalversammlung, beeindruckt vom Aufstand der Sklaven im Norden der Insel, sie zu freien Bürgerinnen und Bürgern Frankreichs erklärt. Doch Napoleon hatte diesen Beschluss 1802 rückgängig gemacht und eine Armee nach Sainte-Domingue entsandt, um die Sklaverei wieder einzuführen.

    Zum ersten Mal ist es Sklaven gelungen, das Joch ihrer Unterdrücker aus eigener Kraft abzuwerfen. Sklavenaufstände haben die Geschichte der Sklaverei seit Jahrtausenden begleitet. Stets waren sie, oft mit brutalster Gewalt, niedergeschlagen worden. Drei Jahre dauerte der Spartakusaufstand, von 73 bis 71 vor unserer Zeit. Nach blutigen Kämpfen siegten die römischen Legionäre. Fünftausend gefangene Aufständische wurden gekreuzigt.

    In der niederländischen Kolonie Suriname kämpften Söldnertruppen unter dem Genfer Louis Henri Fourgeoud in den Jahren 1772 bis 1777 gegen aufständische »Maroons«, ins Hinterland geflohene schwarze Sklaven, die eigene Gemeinwesen aufgebaut hatten. John Gabriel Stedman (1744–1797), schottischer Söldner in niederländischen Diensten, hinterlässt ein illustriertes Tagebuch über die Geschehnisse, das später veröffentlicht wird. Die Schilderungen und Zeichnungen der Gräueltaten zeigen die Brutalität einer Sklavenhaltergesellschaft, die sechzigtausend schwarze Sklaven unterdrückt. Sie zeigen aber auch die Ambivalenz des Autors, der sich als Freund der Schwarzen bezeichnet. Er verliebt sich in die fünfzehnjährige Sklavin Joanne. Sie haben einen Sohn. Stedman möchte die beiden freikaufen und mit nach Europa nehmen. Es ist nicht sicher überliefert, ob ihm der Freikauf gelungen ist. Joanne weigert sich, mitzukommen. Sie stirbt 1782. Stedman befürwortet die Sklaverei, solange es sich um Gefangene aus einem »gerechten« Krieg handle – und betet damit ein Gewohnheitsrecht nach, das seit Jahrtausenden zu hören gewesen war und unter den antiken Römern Einzug in das Völkerrecht fand. Die Sklaverei sei zudem zur wirtschaftlichen Ausbeutung der Kolonien gerechtfertigt. Gegen die Brutalität der niederländischen Sklavenhalter brauche es aber schärfere Gesetze, zu denen die Zulässigkeit der Aussagen von Sklaven vor Gericht zählen müsse. Die Niederlande sind der letzte europäische Staat, der die Sklaverei 1863 abschafft, nicht ohne die Sklaven weitere zehn Jahre zur Zwangsarbeit zu verpflichten.

    Stets haben Sklavinnen und Sklaven Formen des aktiven und passiven Widerstands entwickelt, um sich gegen die Ungeheuerlichkeit ihrer Versklavung zu wehren. Die Philosophin Iris Därmann beschreibt in ihrem Buch Undienlichkeit diesen Widerstand in den »Gewalträumen« der Sklaverei als »existenziell« für die Betroffenen. Es werde »immer mehr Scharfsinn, Fintenreichtum, List und affektive Kraft erforderlich sein, um zu widerstehen, als es nicht zu tun, vor allem aber, als Befehle zu erteilen und Gewalt auszuüben«. Dazu zählte das Sich-Dumm-Stellen gegenüber dem Sklavenhalter, die bewusste Langsamkeit bei der Arbeit, das »aus Dummheit« geschehene Zerstören von Pflügen oder wenn Kühe auf bestes Ackerland zum Weiden getrieben wurden. Als letzter Ausweg blieb, vor allem auf den Sklavenschiffen, die Selbsttötung – und die Revolution. Aufstände und Rebellionen auf Sklavenschiffen waren so häufig, dass der Historiker Michael Zeuske von der »Revolution auf hoher See« spricht.

    Die Haitianische Revolution inspirierte den Philosophen Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zu seinem Werk Phänomenologie des Geistes. Im vierten Kapitel beleuchtet er die Ungleichheit der Menschen. Danach strebten alle Menschen gleichermaßen nach Anerkennung, aus der sie ihr Selbstbewusstsein schöpften. Im Verhältnis zwischen »Herr und Knecht« sei diese gegenseitige Anerkennung, das ungetrennte »Tun des Einen als des Andern«, außer Kraft. Es werde durch ein »einseitiges und ungleiches Anerkennen« ersetzt. Es sei der Herr, der seinen Knecht nicht anerkennt – oder wenn, dann nur als willenloses Wesen – und zugleich diese Anerkennung von diesem mit Gewalt einfordere. Gerade dieser Zwang mache die Anerkennung für den Herrn wertlos und bringe ihn zugleich in die – hier moralisch verstandene – Abhängigkeit von seinem Knecht. Hegel unterscheidet das »selbständige« vom »unselbständigen« Bewusstsein. »Die Wahrheit des selbstständigen Bewusstseins ist […] das knechtische Bewusstsein.« Dieses erscheine, weil erzwungen, nur auf den ersten Blick als nicht wahr. »Aber wie die Herrschaft zeigte, dass ihr Wesen das Verkehrte dessen ist, was sie sein will, so wird auch wohl die Knechtschaft vielmehr in ihrer Vollbringung zum Gegenteile dessen werden, was sie unmittelbar ist; sie wird als in sich zurückgedrängtes Bewusstsein in sich gehen, und zur wahren Selbstständigkeit sich umkehren.« Das sei, schlussfolgerte der fortschrittsgläubige Karl Marx einige Jahrzehnte später, nicht nur die perfekte Umschreibung einer ungleichen Gesellschaft, sondern, wie die Haitianische Revolution zeige, auch der Beweis, dass ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse nicht überdauern könnten. Hegel geht nicht so weit. Er sieht die Lösung im Ausgleich, in der gegenseitigen Anerkennung – das ist die Utopie eines Staates, der die Ungleichheit beseitigt hat.

    Die »Verfügbarkeit über den Körper« sei das eigentliche Wesensmerkmal der Sklaverei, sagt Zeuske, »dass der Körper eines Menschen, Mann, Frau und Kind, durch Institutionen geschützt und berechtigt, unter Kontrolle eines Halters (deshalb Sklavenhalter) steht, der ihn mit Gewalt seiner Mobilität und Entscheidungsfreiheit beraubt«. Der Historiker Peter Kolchin bringt diese strukturelle Gewalt auf den Punkt: »Mit Gewalt erschaffen, überdauerte die Sklaverei durch die Peitsche.« Die Peitsche »markiert mit lautem Knall, dass weder Menschen noch Tiere ohne schmerzhaften Zwang für einen anderen arbeiten und ergebene Dienste tun«, so Därmann. Zu dieser endlosen Gewalt kommt der »soziale Tod«, nach dem Soziologen Orlando Patterson die »permanente, gewaltsame Beherrschung familiär entfremdeter und allgemein entehrter Personen«, zu der die »Entfremdung von den Geburtsrechten« gehört; auch die Kinder versklavter Menschen haben keinen rechtlich und gesellschaftlich anerkannten Status. Sklavinnen – sie bilden bis heute die Mehrheit der Versklavten – und Sklaven sind »Unpersonen«, sie gehören nicht zu der Gemeinschaft, in die sie hineingeboren oder, in der Mehrheit der Fälle, hineingebracht wurden. Sklaven haben keine Geschichte und keine Zukunft. Und keine Stimme.

    Das ändert sich auf der karibischen Insel Sainte-Domingue um die Wende zum 19. Jahrhundert. In den chaotischen Jahren des Befreiungskrieges gelingt es vielen Sklavinnen und Sklaven, ihre formelle Freilassung, die Manumission, zu erwirken und notariell beglaubigen zu lassen. Notare zählen in den Kolonien der sogenannten Neuen Welt zu den wichtigsten Amtspersonen. Das Eigentum ist ein hohes, geschütztes Gut. Handwechsel sind nur rechtsgültig, wenn sie notariell beglaubigt sind. Das gilt für den Sklavenhandel ebenso wie für die Freilassung. Millionen von Dokumenten haben sich über die Jahrhunderte erhalten.

    Sie haben es auch ermöglicht, die Geschichte einer Familie zu rekonstruieren, deren älteste bekannte Vorfahrin als Kind, ihr Geburtsjahr wird auf 1767 geschätzt, irgendwann in den 1780er Jahren aus dem Grenzgebiet zwischen dem heutigen Senegal und Mauretanien von afrikanischen Sklavenjägern entführt und an der Küste an französische Sklavenhändler verkauft worden ist. Ihr afrikanischer Name interessiert die Händler nicht. Erst nachdem es die Überfahrt überlebt hat, nennen sie das Kind Rosalie, negresse de nation Poulard (Rosalie, Schwarze des Poulardvolks). Im Dezember 1795 entlässt sie ihre Besitzerin Martha Guillaume in die Freiheit. Doch der britische Notar – Sainte-Domingue ist von 1793 bis 1798 von britischen Truppen besetzt – verweigert die Beglaubigung. 1803 lebt Rosalie mit Michel Étienne Henry Vincent zusammen, einem französischen Siedler. Am 10. Mai unterzeichnet er ein Dokument, in dem er erklärt, dass Rosalie und ihre vier Kinder seine Sklaven gewesen seien. »Nun sind sie frei. Ich verspreche, dass ich, falls sie sich entscheidet, bei mir zu bleiben, für ihre Dienste bezahlen werde.« Im November flieht er vor den Wirren des Befreiungskrieges mit Rosalie und ihrer jüngsten Tochter Elisabeth nach Kuba. Was aus ihren drei anderen Kindern wird, ist nicht bekannt. Doch was ist dieses Papier in der spanischen Kolonie wert? Die Manumission ihres Lebensgefährten ist nicht beurkundet, und damit ist ungewiss, ob sie auch anerkannt wird. Doch sie haben das Glück, das vielen anderen Freigelassenen verwehrt bleibt. Auf Kuba werden sie von der spanischen Kolonialverwaltung als »Freigelassene« anerkannt. Michel stirbt kurz darauf. Sechs Jahre später kehrt Rosalie ins freie Haiti zurück. Spanien und Frankreich befinden sich im Krieg, und die Anerkennung der Befreiungsurkunde macht aus der Bürgerin Rosalie, die sich auf Kuba Rosalia genannt hat, wie aus Zehntausenden anderen Franzosen eine unerwünschte Person. Sie wird ausgewiesen. Ihre Tochter Elisabeth, mit Übernamen Dieudonné (Gottesgeschenk), übergibt sie der Patin des Kindes, Marie Blanche Peillon, verwitwete Aubert. Diese zieht mit ihrem Partner, dem belgischen Zimmermann Jean Lambert Détry und der zehnjährigen Elisabeth im selben Jahr nach New Orleans.

    Die Spanier auf Kuba schielen schon länger neidisch auf die von den Franzosen ausgebeutete Nachbarinsel Haiti, wo Ende des 18. Jahrhunderts eine halbe Million aus Westafrika verschleppte Sklaven auf den Zuckerrohr-, Kaffee- und Baumwollplantagen schuften. Sainte-Domingue deckt die Hälfte des Weltzuckerbedarfs. Davon will sich Spanien ein Stück abschneiden. Die geflohenen Sklavenhalter und Großgrundbesitzer sind ebenso willkommen wie die mitgebrachten Sklaven, um dem aus der Revolution hervorgegangenen Haiti den Rang abzulaufen. So kommt es, dass auch viele der geflüchteten Freigelassenen wieder versklavt werden. Es folgen Jahrzehnte des Schreckens. 1850 ist Kuba das Weltzentrum des Zuckeranbaus, wiederum auf dem Buckel von Hunderttausenden Sklavinnen und Sklaven.

    Es ist wahrscheinlich, dass die Währung, mit der die französischen Menschenhändler die afrikanischen Menschenjäger für das Kind unbekannten Namens, das sie später Rosalie de Nation Poulard nennen, bezahlt haben, ein pièce d’Inde war, ein Ballen aus etwa vier Metern gefärbten Baumwollstoffs, der dem Gegenwert eines jungen, schwarzen Mannes im Alter von 14 bis 35 Jahren entspricht. Als captifs jeunes pièces d’Inde sans aucun défaut (gefangene, makellose junge indische Stücke) werden die Verschleppten gerne beschrieben, wenn sie als besonders wertvoll eingeschätzt werden. Die Stoffe stammen aus Indien, dem Weltzentrum der Baumwollfertigung, und sind wegen ihrer hohen Qualität bei den afrikanischen Sklavenjägern sehr begehrt. Sklavenhaltung und -handel sind in Afrika so verbreitet wie überall auf der Welt. Schwarze werden seit der Antike in den Mittelmeerraum und nach Asien verschleppt. Als portugiesische Seefahrer Mitte des 15. Jahrhunderts an der westafrikanischen Küste erste Handelsposten errichten, werden ihnen als Tauschware Sklaven angeboten. Sie schicken sie nach Portugal, wo sie verkauft werden. Die 2009 in einer historischen Müllkippe der Stadt Lagos im Süden Portugals aufgefundenen Skelette von 157 afrikanischen Verschleppten, unter ihnen 57 Kinder und Jugendliche, legen Zeugnis aus dieser Epoche ab. Lagos war in den ersten Jahrzehnten des Handels mit Sklaven aus Westafrika die europäische Drehscheibe. Zu den Profiteuren zählt auch Prinz Heinrich der Seefahrer als Auftraggeber und Organisator der portugiesischen Entdeckungsfahrten nach Afrika. Zwanzig Prozent der Erlöse fließen in seine Tasche. In unmittelbarer Nähe des Massengrabs finden sich die Gräber ordentlich bestatteter Leprakranker. Die Leichen der Afrikanerinnen und Afrikaner hatte man einfach über die Stadtmauer in die Abfallgrube geworfen. Die Analyse der Knochen zeigt die Symptome von Mangelernährung und harter körperlicher Arbeit, auch bei den Kindern.

    Nach der Entdeckung der Westafrika vorgelagerten Inseln Sao Tomé und Principe im Jahr 1471 legen die Portugiesen erste Plantagen an, auf denen die Versklavten in die Arbeit gezwungen werden. Daraus entwickelt sich nach der Entdeckung und Eroberung Amerikas nach und nach das transatlantische Dreieck: Schwarze werden über den Atlantik verschleppt, wo sie Zwangsarbeit auf Zuckerrohr-, Tabak-, Kaffee-, Reis- und Indigoplantagen leisten müssen. Die Rohware gelangt nach Europa, wo sie verarbeitet und mit großem Gewinn verkauft wird, während die Schiffe, beladen mit Tauschware, wieder nach Afrika weitersegeln, um mit dieser als Währung für neue Sklaven zu bezahlen. Im 18. Jahrhundert sind neben Spaniern und Portugiesen mehr und mehr Franzosen, Briten, Niederländer und Dänen in dieses profitable Geschäft eingestiegen. Angetrieben wird dieser Kreislauf von dem Geld privater und staatlicher Investoren aus ganz Europa. Die Städte Zürich und Bern erwerben im 18. Jahrhundert Aktien der britischen South Sea Company, die aus dem Sklavenhandel Dividenden von fünf bis zehn Prozent auf dem investierten Kapital ausschüttet. So verdient die Stadt Zürich während rund hundert Jahren Geld an der Verschleppung von 36’949 Afrikanerinnen und Afrikanern. Dänische Staatsanleihen zur Finanzierung der Sklaverei auf den Dänischen Antillen zählen zum Portfolio der halbstaatlichen Zinskommission Leu & Co.

    Diese »Willkürherrschaft« habe in den »Territorien« – gemeint sind die Kolonien – schneller zu »Wohlstand und Bedeutung geführt als in irgendeiner anderen Gesellschaftsform«, erkannte der als Vater des Kapitalismus geltende Moralphilosoph Adam Smith (1723–1790). Er erachtete die Sklaverei – im Widerspruch zu seiner Erkenntnis – als unrentabel, hielt deren Abschaffung aber für »kaum möglich«. Die Sklaverei sei »seit dem Beginn der Gesellschaft überall anzutreffen, und die Liebe zu Herrschaft und Autorität über andere Menschen wird sie wahrscheinlich unumgänglich machen.«

    Mit der rohen Gewalt der Peitsche und dem langen Arm des Geldes verschleppten Europäer 12,5 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner in die Sklaverei. 5,8 Millionen Versklavte gehen auf das Konto von Portugal und Brasilien, 3,3 Millionen wurden von Briten verschleppt, 1,4 von Franzosen, eine Million von Spaniern, 550’000 von Niederländern, 305’000 von Amerikanern und 111’000 von Dänen. Die Europäer raubten riesige Landflächen, die sie von Sklaven bewirtschaften ließen, um agrarische Rohstoffe zu gewinnen. Der Historiker Sven Becker nennt es »Kriegskapitalismus«. Die Kriegskapitalisten teilen die Welt auf, in die innere ihrer Heimatländer, mit Gesetzen, staatlichen Institutionen und Regeln, die ihr Eigentum schützen, und in die äußere der eroberten Gebiete, die geprägt ist von imperialer Herrschaft und der ungestraften Enteignung von Land und Menschen, die beide in den Besitz von privaten Kapitaleignern übergehen. Rechtlos ist auch diese äußere Welt nicht. Aber die Rechte, die die

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