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Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie
Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie
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eBook264 Seiten2 Stunden

Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie

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Über dieses E-Book

Dieser Ratgeber hilft Betroffenen, den Teufelskreis aus Angst und Vermeidung zu durchbrechen – er leitet zur Selbsthilfe an und gibt Tipps, an wen man sich wenden kann, wenn man sich Selbsthilfe nicht zutraut oder wenn man Unterstützung in Selbsthilfegruppen sucht. 

Panikartige Ängste sind enorm verbreitet. Die Angstzustände sind verbunden mit meist heftigen körperlichen Reaktionen wie Schwindel, Herzklopfen oder Schweißausbrüchen. Sie quälen und schränken Betroffene zusehends ein. Angstpatientinnen und -patienten bringen im Laufe der Zeit immer mehr Situationen mit ihren Angstzuständen in Verbindung und vermeiden sie. Ein Teufelskreis, der sich aber mit Hilfe verhaltenstherapeutischen Wissens und Trainings auflösen lässt. 

Der Ratgeber ist von einer erfahrenen Therapeutin verständlich und motivierend geschrieben. Fallbeispiele zeigen Möglichkeiten auf, Panikattacken besser in den Griff zu bekommen. Gut strukturiert und übersichtlich – mit vielen Beispielen; wichtige Inhalte und Tipps sind hervorgehoben. 

Aus dem Inhalt: 

Zum Verständnis von Angst – Bewältigung der Angst – Materialien zur Selbsthilfe. 

Die Autorin:

Dr. Sigrun Schmidt-Traub, Diplom-Psychologin und -Soziologin, Verhaltenstherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit über 30-jähriger ambulanter Erfahrung in eigener Praxis. Heute in der Ausbildung von angehenden Verhaltenstherapeuten als Dozentin und Supervisorin tätig. Verfasserin von zahlreichen Selbsthilfe- und Lehrbüchern zum Thema Angststörungen.

SpracheDeutsch
HerausgeberSpringer
Erscheinungsdatum15. Juni 2020
ISBN9783662611227
Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie
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    Buchvorschau

    Angst bewältigen - Sigrun Schmidt-Traub

    © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020

    S. Schmidt-TraubAngst bewältigenhttps://doi.org/10.1007/978-3-662-61122-7_1

    1. Einleitung

    Sigrun Schmidt-Traub¹  

    (1)

    Berlin, Deutschland

    Sigrun Schmidt-Traub

    Email: Schmidt-Traub@t-online.de

    Was sind Panikattacken? Kennen Sie vielleicht „Anfälle oder „Zustände wie die folgenden?

    Fallbeispiel

    Panik

    „Ein Schwall kommt von unten nach oben, ganz langsam. Mir ist, als würde das Blut aus dem Kopf weichen. Ich bekomme Atemnot, Beklemmungsgefühle, Schwindel, Kribbeln in den Händen, Herzrasen mit einem Puls von 130/140. Ich meine, mir springt das Herz heraus; ich habe so einen großen Druck auf der Brust. Die Hände zittern, ich schwitze heftig unter den Achseln. Ich habe Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren, und das schreckliche Gefühl, dass mir der Herztod droht".

    Angst vor Herztod

    Arno, 42 Jahre alt, von Beruf Servicetechniker, bekam vor 2 Jahren beim Tennisspielen den ersten Anfall „aus heiterem Himmel. Er hatte gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter sich infolge einer Thrombose am Bein (Verschluss eines Blutgefäßes durch Blutgerinnsel). Seither leidet er an spontan hochschießenden Panikzuständen und an Angst vor Herzinfarkt . Tennis spielt er nicht mehr. Aus Sorge um seine Gesundheit fühlt er häufig den Puls und misst den Blutdruck. Außerdem nimmt er Betablocker zur Beruhigung der Herz-Kreislauf-Tätigkeit. Die körperlichen Beschwerden haben sich mit der Zeit ein wenig ausgeweitet: Inzwischen klagt er noch über Kälteschauer, starke Anspannung und Herzschmerzen, die manchmal bis in den linken Arm reichen. In Gegenwart von Kollegen befürchtet er weitere „Anfälle und entwickelt dabei starken Achselschweiß. Seine Erregungszustände bezeichnet er als „Achselhöhlenangst". Weil er sich gesundheitlich bedroht fühlt, sucht er immer wieder Herzspezialisten auf, die weder im Belastungs-EKG noch im 24-h-EKG etwas Auffälliges finden. Endlich schickt ihn eine Internistin mit Verdacht auf Panikstörung zur Verhaltenstherapie.

    Fallbeispiel

    Angst vor Ersticken

    Es begann beim Autofahren mit Brennen auf der Haut, Atemnot, Unruhe, Schwindel, Herzrasen, Zittern an Händen und Beinen, Schwitzen, Hitzegefühl, Kälteschauer und Übelkeit. „Mir war, als gehörten meine Hände nicht mehr zu mir. Ich spürte Kribbeln und Taubheit am ganzen Körper. Ich konnte nichts mehr sehen und fuhr an den Straßenrand. Ich bekam nur mühsam Luft und hatte fürchterliche Angst, zu ersticken".

    Angst beim Autofahren

    Nicole, eine 21-jährige Arzthelferin, erlebte den ersten Panikanfall vor einem halben Jahr beim Autofahren: Sie sah nichts mehr und ihr blieb die Luft weg. Das erschreckte sie sehr. Der Augenarzt, den sie noch am selben Tag aufsuchte, fand keine organischen Störungen und meinte, die vorübergehenden Sehbeschwerden könnten „kreislaufbedingt" sein. Seither meidet sie das Alleinsein und fährt auch nicht mehr selber, sondern nur noch als Beifahrerin. Außerdem beobachtet sie ihre körperlichen Empfindungen mit immer größerem Argwohn.

    Fallbeispiel

    Auf dem Bahnhof fing es an: „Ich dachte, der Bahnsteig fährt weg. Es war wie ein Schub: Ich bekam eiskalte Hände und Füße, ein Krallengefühl im Nacken, Benommenheit, Schwindel, Übelkeit, Zittern und Beben. Der Bauch war nass geschwitzt. Ich musste sofort zur Toilette rennen und dachte, oh je, du bist ja schon mal umgefallen (als Kind). Ich hatte auch noch Druck auf den Ohren und starke Muskelverspannungen im Nacken".

    Angst vor Ohnmacht

    Julia, 25 Jahre, Einzelhandelskauffrau, meidet seit „diesem Schub vor 3 Jahren immer mehr Situationen aus Angst vor Ohnmacht, obwohl bei ihr eine vierwöchige gründliche Untersuchung auf der inneren Abteilung eines Allgemeinkrankenhauses keinerlei krankhaften Befund ergab. Dort wurde ihr lediglich die nichtssagende Allerweltsdiagnose „Neurasthenie (das frühere Wort für Nervenschwäche und Reizbarkeit) gegeben und eine „labile Persönlichkeit" bescheinigt, worüber sie sich sehr geärgert hat. Nach einem Jahr konnte sie nicht mehr regelmäßig arbeiten gehen, ist seit über einem Jahr krankgeschrieben und verlässt das Haus nicht mehr alleine aus Angst, zu kollabieren. Das deprimiert sie sehr.

    Fallbeispiel

    Angst, verrückt zu werden

    „Seit 4 Jahren bekomme ich täglich Schwindelanfälle mit wackeligen Beinen und Herzrasen. Es kriecht in mir hoch, ich zittere, bin unsicher, schwitze teilweise, bekomme einen trockenen Mund und ein leichtes Erstickungsgefühl, höre einen Piepton im Ohr, habe Schmerzen in der Brust und das entsetzliche Gefühl, mich nicht bewegen zu können. Dann kommt die Angst, dass ich gleich umkippe, und ich meine, mich nicht mehr beherrschen zu können. Ich glaube dann, über zu schnappen, und habe Angst, was die Leute denken. Die Angst ist mein ständiger Begleiter."

    Hanna, 48 Jahre, hat ein eigenes Damenoberbekleidungsgeschäft und meint, sie müsse immer perfekt aussehen und dürfe sich vor anderen Leuten nicht gehen lassen. Vor Ausbruch des ersten Panikanfalls auf einer Einkaufsmesse hatte sie nur Angst vor Durchfällen und Spritzen. Jetzt belauert sie sich ständig und hat mehr oder weniger Angst vor einem Panikanfall. Trotzdem schleppt sie sich mit großem Kraftaufwand zur Arbeit. Darüber hinaus meidet sie aber „fast alles – Alleinsein, Reisen, Kinos, Restaurants, Einkaufen in der City und sportliche Betätigung, obwohl sie bis zum Ausbruch der Angststörung immer eine „Sportskanone war. Sie hält sich inzwischen für leicht erregbar und stecke „voller Frust und Unsicherheit. Mehrere Ärzte haben ihr wiederholt versichert, sie sei gesund. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt meint, die Ohrgeräusche rühren „vom Kreislauf her. Hanna ist in den Wechseljahren.

    Häufige Fehlinterpretationen

    Kommen Ihnen diese Zustände bekannt vor? Befürchten Sie ebenfalls einen Herztod wie Arno oder umzukippen wie die drei Frauen? Obwohl sie alle unterschiedliche körperlich-physiologische Symptome beim Panikerleben haben, neigen sie zu eklatanten Fehlinterpretationen ihrer körperlichen Symptome und leiden unter der Befürchtung, es könnte ihnen etwas existenziell Bedrohliches zustoßen.

    Meideverhalten

    Mit den ersten Angstanfällen begann eine Panikstörung mit leichtem (wie bei Arno und Hanna) bis ausgeprägtem Vermeidungsverhalten (wie bei Nicole und Julia). Erst nach Jahren wurden ihre Beschwerden als Angststörung diagnostiziert.

    Wichtig

    Angstpatienten haben das Vertrauen in ihren Körper verloren. Sie fürchten sich vor bestimmten körperlichen Beschwerden und den damit verbundenen Folgen, die in ihrer Vorstellung katastrophale Ausmaße annehmen: Sie könnten entweder kollabieren, sterben oder verrückt werden. Seit der ersten Panikattacke wollen die meisten keinen weiteren Angstanfall riskieren. Deshalb bemühen sie sich bei Aktivitäten um Sicherheitsverhalten und vermeiden immer mehr.

    Belastende Lebensereignisse

    Der erste Angstanfall wird durch persönlich belastende Lebensereignisse ausgelöst. In den weitaus meisten Fällen hat er eine psychisch erschütternde, „traumatisierende" Wirkung. Im Laufe der Zeit verselbstständigt sich das Angsterleben und beherrscht die Person immer mehr. Sie glaubt nicht mehr daran, dass sie ihr Panikerleben und die Angstsituationen unter Kontrolle bringen kann. Mit der Einschränkung des persönlichen Freiraums nehmen Lebensqualität und Selbstwertgefühl ab. Die unbegründete Angst ist unsinnig und kräftezehrend.

    © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020

    S. Schmidt-TraubAngst bewältigenhttps://doi.org/10.1007/978-3-662-61122-7_2

    2. Zum Verständnis von Angst

    Sigrun Schmidt-Traub¹  

    (1)

    Berlin, Deutschland

    Sigrun Schmidt-Traub

    Email: Schmidt-Traub@t-online.de

    2.1 Angst ist lebensnotwendig

    2.2 Angst ohne wirkliche Gefahr

    2.2.1 Was sind Panikattacken, Panikstörung und Agoraphobie?

    2.2.2 Weitere Angststörungen

    2.1 Die drei Ebenen des Angsterlebens

    2.1 Der Teufelskreis der Angst

    2.3 Weitere Bedingungen der Angst

    2.3.1 Angeborenes ängstlich-scheues Temperament und erworbene Angstbereitschaft

    2.3.2 Gesellschaftlicher Rahmen

    2.3.3 Angeborene und erworbene körperliche Empfindlichkeiten

    2.3.4 Stress – Ein „psycho-neuro-endokrino-immunologisches" Zusammenspiel

    2.4 Zusammenfassung

    2.1 Angst ist lebensnotwendig

    Angst ist die Erwartung eines bedrohlichen Ereignisses und geht mit starker Unruhe einher. Stellen wir uns vor, wir sind nachts alleine auf dem Heimweg und meinen, die Person dicht hinter uns will uns überfallen. Im dichten Stadtverkehr schneidet uns jemand besonders waghalsig und nötigt uns, auf die Bremse zu treten. Während eines schweren Gewitters malen wir uns aus, wie das Haus vom Blitz getroffen wird und abbrennt. Jeder kennt solche Ängste. Aber nicht jeder reagiert mit derselben Angststärke. Viele bekommen schon bei der Vorstellung solcher Situationen Herzrasen, Unruhe und ein Kloßgefühl im Hals (Abschn. 4.​1).

    Angst – ein wichtiges Warnsignal

    Angst ist in wirklich brenzligen Situationen ein außerordentlich nützliches Alarmsignal. Es schärft unsere Sinne und rüstet uns für übermenschliche Leistungen. Angst gehört zu den universellen Grundgefühlen: Der Gesichtsausdruck von Angst und Ekel wird kulturübergreifend – in allen Ländern der Welt – sehr ähnlich interpretiert. Beim Ausdruck der Gefühle Wut, Traurigkeit, Freude oder Scham gibt es Studien zufolge mehr kulturspezifische Einflüsse.

    Angst – ein Nervenkitzel

    Angst in mildem Ausmaß kann höchst genüsslich und sogar förderlich sein: Ein Krimi versetzt uns in angenehme Angstspannung. Waghalsige, riskante Unternehmen wie das Bungee-Springen oder Wildwasser-Kajakfahren rufen beim einen Angst, beim anderen unbändige Lust hervor. Vereinzelt ufert das Verlangen nach Kitzel, Thrill und Adrenalinstoß sogar in suchtähnliches Verhalten aus.

    Angst als Lernmotivation

    Leichte Angst vor Versagen ist zudem eine wichtige Leistungsmotivation und sorgt für mehr Ehrgeiz, Konzentration und Anstrengung in Schule, Beruf und Sport. Angst in nicht allzu starker Ausprägung setzt Energien frei, die außergewöhnliche Leistungen ermöglichen. Ängstliche Menschen sind überwiegend bereit, ihr Bestes zu geben und arbeiten strebsamer als nicht ängstliche Personen.

    Definition

    Richtiges Handeln bei akuter Gefahr

    Bei der Alarmreaktion Angst in besonders bedrohlichen Situationen reagieren wir wachsam, konzentriert und zielsicher: Bei starker Angst werden wir blitzartig für Höchstleistung gerüstet und können optimal handeln. Sobald die Gefahr vorbei ist, bekommen wir weiche Knie.

    Jeder gesunde Mensch kann darauf vertrauen, dass er bei akuter Gefahr seinen persönlichen Kräften und Fähigkeiten entsprechend handeln kann, so, wie es die Situation erfordert. Das gilt für die Rolle als Lebensretter genauso wie für die Opferrolle während einer Vergewaltigung, für ein Blitzmanöver im Verkehr oder für das beiseite Springen vor einem herunterfallenden Gegenstand. Angst lässt den Körper in unerwarteten Gefahrensituationen schneller reagieren als der Verstand (Abschn. 4.​2). Ich bin fest davon überzeugt, dass wir bei akuter Bedrohung und Gefahr ‚instinktsicher‘ reagieren, denn ich habe dies sehr oft von Opfern gehört und auch persönlich erlebt.

    Angstpatienten halten bei echter Gefahr ihrer „realen „oder „begründeten" Angst ebenso stand wie angstfreie Personen. Eine frühere Angstpatientin von mir hatte so extreme Angst- und Ekelgefühle vor Blut, dass sie unfähig war, rohes Fleisch oder Wurst auf einer Platte anzurichten. Als ihr Mann jedoch bei einem Autounfall eine tiefe Schnittwunde am Kopf erlitt und heftig blutete, war sie in der Lage, rasch und angemessen Erste Hilfe zu leisten. Der Schrecken kam erst danach. Diese Erfahrung hatte wunderbare therapeutische Auswirkungen.

    Angst ist lebenswichtig

    Weil Angst ein lebenswichtiges biologisches, psychologisches und soziales Warnsystem ist, wäre es unvernünftig und sogar gefährlich, Angst zu unterdrücken und ein Leben ohne sie anzustreben.

    Demgegenüber sind panische und phobische Ängste übertrieben, qualvoll und beeinträchtigend. Betroffene wollen sie loswerden, denn sie gehen mit chronischem Unbehagen einher. Dennoch kann die Mehrzahl der Menschen mit Angststörungen eigentlich nicht als psychisch krank bezeichnet werden, eher als psychisch gestört, denn sie sind im Allgemeinen lebenstüchtig und nur durch übersteigertes Angsterleben in einigen Lebensbereichen belastet oder eingeschränkt.

    Obwohl die Diskriminierung von Menschen mit psychischen Problemen in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, können die meisten ängstlichen Männer und ein Teil der Frauen weder begründete noch unbegründete Angst akzeptieren. Sie wollen nicht als Angsthase oder Weichei gelten. Oft sehen sie nicht die Grenze zwischen gesunder und „kranker" Angst, fürchten sich vor Stigmatisierung und halten deshalb mit ihrer Angst hinterm Berg. Von daher wundert es nicht, dass Angststörungen – vor allem bei Männern – unterdiagnostiziert sind und zu wenig therapiert werden.

    2.2 Angst ohne wirkliche Gefahr

    2.2.1 Was sind Panikattacken, Panikstörung und Agoraphobie?

    „Pan" lässt sich auf den gleichnamigen griechischen Gott zurückführen, der mit lautstarkem und unbändigem Auftreten Menschen in Angst und Schrecken versetzt hat. Panikattacken sind plötzlich und meist unvorhersehbar auftretende, zeitlich begrenzte Zustände mit starker Furcht und Unbehagen. Im Grunde genommen ist Panik nichts anderes als eine falsche Alarmreaktion. Panikanfälle können bei ganz unterschiedlichen Angststörungen auftreten, z. B. bei Agoraphobie oder sozialer Phobie (vereinzelt auch bei heftigen Trauerreaktionen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen). Eine Phobie ist die ausgeprägte Angst vor etwas, das in Wirklichkeit ungefährlich ist. Angst ist oft beklemmend und bedrückend. Das Wort „Angst geht auf den indogermanischen Begriff „anghu zurück und bedeutet „beengend. Es ist auch mit dem lateinischen Wort „angustia verwandt, das den Begriffen „Enge, beengt Sein, Bedrängnis" entspricht.

    Wir sprechen von einem Panikanfall, sobald vier der in der folgenden Übersicht genannten 13 Symptome innerhalb von 10 min auftreten (Diagnostisches Statistisches Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft, DSM-5, 2013).

    Paniksymptome

    Herzklopfen oder Herzrasen

    Schwitzen

    Zittern oder Beben

    Gefühl der Kurzatmigkeit oder Atemnot

    Erstickungsgefühle

    Schmerzen oder Beklemmungsgefühle in der Brust

    Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden

    Taubheit oder Kribbeln

    Hitzewallungen oder Kälteschauer

    Schwindel, Unsicherheit, Benommenheit oder Angst, einer Ohnmacht nahe zu sein

    Gefühl von Unwirklichkeit oder Sich-losgelöst-Fühlen (Depersonalisation)

    Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden

    Angst zu sterben

    Fehlinterpretation von körperlichen Beschwerden

    Die meisten Panikbeschwerden sind zwar körperliche Missempfindungen. Eine Leib-Seele-, genauer, eine psycho-neuro-endokrino-immunologische Wechselwirkung ist aber dadurch gegeben, dass die körperlichen Empfindungen höchst sensibel wahrgenommen und fälschlicherweise als Anzeichen für drohende Gefahr gewertet werden (z. B. Ohnmacht oder Tod durch Herzinfarkt). Solche Gedanken und Befürchtungen sind Fehlinterpretationen der körperlichen Empfindungen, die dazu führen, dass die Angst hochschnellt (Abschn. 2.2.4).

    Die körperlichen, vor allem physiologischen Symptome der Panik (Abschn. 4.​1) gehen automatisch mit dem Angstgefühl einher (Abschn. 2.2.3). Angstsymptome kommen in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung vor, wie die Beispiele von Arno, Nicole, Julia und Hanna zeigen. Jeder hat seine persönliche Ausprägung von körperlichen Angstsymptomen. Angstpatienten sind innerlich häufiger angespannt. Z. B. klagen sie manchmal über Kopfschmerzen (Migräne, Druckkopfschmerz oder Trigemino-Kopfschmerzen, das sind meist einseitige Gesichtsnerv-Schmerzen mit Augentränen oder laufender Nase).

    Eine Panikattacke kann bis zu einer halben Stunde anhalten, selten länger; die meisten dauern 5–15 min. Länger anhaltende Angstphasen, die häufiger im Zusammenhang mit ständigem Sorgen über Krankheit, Familie, Beruf, die finanzielle Situation etc. auftreten, gibt es bei der Generalisierten Angststörung (Abschn. 2.2.2). Da sie jedoch mit weniger heftigen Symptomen einhergehen wie beim Panikerleben, werden sie gerne als Angstepisoden bezeichnet.

    Spontane und situative Panikattacken

    Der erste Panikanfall tritt bei etwa einem Drittel der betroffenen Personen an öffentlichen Orten auf, bei einem weiteren Drittel während des Auto-, Bus- oder Zugfahrens und beim letzten Drittel im häuslichen Umfeld. Angstattacken sind nicht immer vorhersehbar. Solche, die unerwartet und spontan wie

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