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Adlerkralle: Ein Menominee-Junge und sein Wolf

Adlerkralle: Ein Menominee-Junge und sein Wolf

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Adlerkralle: Ein Menominee-Junge und sein Wolf

Länge:
136 Seiten
1 Stunde
Freigegeben:
1. Juni 2022
ISBN:
9783948878320
Format:
Buch

Beschreibung

Adlerkralle ist ein Indianerjunge vom Volk der Menominee und lebt mitten im Wald an den Großen Seen. Zusammen mit seinen Freunden geht er zur Jagd und zum Fischfang und findet dabei einen kleinen Wolf. Adlerkralle beschließt, den Wolf aufzuziehen und muss feststellen, dass das ganz schön anstrengend ist. Zudem ärgert ihn ein größerer Junge, sodass er einen Streich ausheckt, um diesem Angst einzujagen. Aber das ist keine gute Idee …
Eine spannende Geschichte über das Leben eines Waldland-Indianerjungen.
Freigegeben:
1. Juni 2022
ISBN:
9783948878320
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Adlerkralle - Kerstin Groeper

Die Menominee

Keniu-neskas, was so viel wie Adlerkralle bedeutet, saß auf den glatten Felsen des Manomäh Sipiah, des Menominee-Flusses, und ließ die Füße ins Wasser baumeln. Es war früh am Morgen und er wartete ungeduldig auf seine Freunde. Sie waren solche Langschläfer! Die Sonnenstrahlen blinzelten zwischen den Zweigen der Fichten hindurch und blendeten ihn, als er in Richtung der Wigwams schaute, die verteilt zwischen den Bäumen standen. Wo blieben seine Freunde nur? Sollte er zurücklaufen und sie leise wecken? Hah, es wäre lustig, sich an die Wigwams heranzuschleichen und die Laute irgendeines Tieres nachzuahmen, um seine Freunde aus dem Schlaf zu reißen.

Er gluckste in sich hinein. Er konnte das Heulen des Wolfs täuschend echt nachahmen! Andererseits würde das auch alle anderen im Wigwam aufwecken und er wollte lieber nicht in die Arme eines erzürnten Vaters oder großen Bruders laufen. Vielleicht lieber den Ruf eines harmlosen Vogels? Er würde den Morgenruf des Rotkehlchens nachmachen. Das war ungefährlich. Andererseits würden seine Freunde diesen Ruf vielleicht überhören, weil ohnehin alle Vögel bereits ihre Lieder sangen. Das Gezwitscher in den Bäumen am Ufer war ohrenbetäubend. Es war der Beginn des Sommers und viele Vögel hatten bereits gebrütet und bevölkerten nun mit ihren Jungen die oberen Zweige der Bäume. Fröstelnd zog Adlerkralle die Füße aus dem Wasser und umschlang die Beine mit seinen Armen. Sein Kinn ruhte auf den Knien, als er zähneklappernd auf den Steinen hockte und darauf wartete, dass die Sonne höher stieg und ihn wärmte. Fast bereute er, dass er keinen wärmenden Umhang mitgenommen hatte, aber er wollte mit seinen Freunden hier die Felsen herunterrutschen und nicht am Ufer sitzen, um zu frieren. Wo blieben sie nur?

Endlich regte sich im Dorf etwas und er hob erwartungsvoll den Kopf. In der Ferne erblickte er endlich Wapi Muähsaw, den Weißen Wolf. Er war soeben aus dem Wigwam geschlüpft und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Hoh! Wie ein kleines Mädchen! Adlerkralle kicherte respektlos und machte eine ausholende Bewegung mit seinem Arm. Komm endlich her, sollte das heißen. Verschlafen setzte sich Weißer-Wolf in Bewegung und trabte langsam auf ihn zu. Ging das nicht schneller?

Adlerkralle ließ sich schwungvoll den Felsen hinabgleiten und rutschte durch das kalte Wasser. Die Strömung riss ihn ein Stück mit, sodass er über weitere glatte Felsen rutschte und schließlich unterhalb der kleinen Stromschnellen in tieferes Wasser plumpste. Er tauchte unter und kam schnaufend wieder an die Wasseroberfläche. Was für ein Spaß! Vergessen war die Kälte des Morgens. Weißer-Wolf war ihm gefolgt und tauchte nun ebenfalls lachend neben ihm auf. Er wirkte auf einmal gar nicht mehr müde.

Adlerkralle richtete sich etwas auf, stützte sich auf die Schultern seines Freundes und tauchte ihn erneut unter. Der fackelte nicht lange, sondern mit einem Satz stieß er sich vom Grund des Flusses hoch und stürzte sich ebenfalls auf seinen Freund. Das Gelächter der beiden Kinder, die sich im Wasser balgten, weckte den Rest des Dorfes.

Völlig verschlafen erschien nun Awässeh-neponim, Stehender-Bär, und stellte sich mit seinem vorgestreckten runden Bauch an den Rand des Ufers. Seine Haare waren noch strubbelig vom Schlaf und er rieb sich müde die Augen. Die beiden Freunde nahmen darauf keine Rücksicht, sondern spritzten ihn mutwillig nass.

„Hey!, rief Stehender-Bär unwillig. „Lasst mich erst einmal wach werden!

„Komm ins Wasser, dann wirst du wach!, forderte Adlerkralle übermütig. „Das Wasser ist gar nicht kalt.

Das war eine glatte Lüge, denn ihr Volk lebte weit im Norden der Schildkröteninsel, wie die Indianer Nordamerika nannten, und selbst in dem kurzen Sommer wurden die Seen kaum warm. Das Wasser von den Flüssen ohnehin nicht. Aber verglichen mit dem eisigen Wasser des Winters war es vielleicht jetzt wärmer, als die Kinder es gewohnt waren, die ja auch im Winter zum Waschen an den Fluss kamen.

„Hoh!, wehrte Stehender-Bär die Aufforderung ab. „Ich setze mich erst einmal dort oben in die Sonne. Er deutete auf die Felsen, auf denen die anderen beiden Jungen sich hatten hinabtreiben lassen.

„Wir kommen mit, bot Adlerkralle an. „Dann rutschen wir nochmal gemeinsam hinunter. Das macht Spaß.

„Aber passt auf, dass ihr nicht zu weit in die Strömung geratet!", warnte Stehender-Bär umsichtig. Felsenrutschen machte zwar Spaß, war aber auch gefährlich.

„Hoh! Wir sind doch keine Babys!", schlug Weißer-Wolf die Warnung in die Wind.

Lachend rannten die drei Jungen etwas flussaufwärts und stürzten sich dort wieder in die kalten Fluten. Dieses Mal war auch Stehender-Bär sofort mit dabei. Der kurze Lauf hatte ihn munter gemacht. Kreischend und jubelnd rutschten die Jungen die wasserumspülten Felsen hinunter und setzten sich dann am Ufer in die Sonne, um sich zu trocknen. Ihre Zähne klapperten aufeinander, als sie überlegten, was sie den Tag über tun sollten. Weißer-Wolf schlug vor, mit ihren Bögen auf die Jagd zu gehen. Es gab jede Menge Wild in den Wäldern und frische Beute war immer gern gesehen. Noch zählten die Jungen erst neun Winter, aber Vögel und Kleinwild konnten sie bereits jagen. Manchmal erwischten sie einen Hasen oder ein Eichhörnchen.

Adlerkralle grinste voller Vorfreude. „Ja, vielleicht erwischen wir einen Truthahn! Das Fleisch ist so lecker!"

Stehender-Bär legte verschmitzt den Kopf zur Seite und zwinkerte seine Freunde an. „Warum holen wir nicht unsere Speere und bleiben am Fluss? Wir könnten Störe fangen und zwischendurch baden. Heute wird es heiß!" Er deutete mit seinen Lippen zum wolkenlosen Himmel, an dem die Sonne immer höher kletterte.

„Puh!, stöhnte Adlerkralle besorgt. „Die Störe sind riesig. Wenn wir einen erwischen, der zu groß ist, dann könnte er uns wie Meqsekenäpik, die gefährliche Schlange der Unterwelt, unter Wasser ziehen.

„Hoh! Stehender-Bär schüttelte abwehrend den Kopf. „Wir sehen doch, wie groß so ein Fisch ist. Wenn es ein großer ist, der vorbeischwimmt, stechen wir mit unseren Speeren nicht zu. Das ist doch klar.

Adlerkralle machte eine leichte Bewegung mit der Hand und stimmte zu. „Also gut. Gehen wir Fische fangen. Die können unsere Mütter dann gleich zubereiten. Wir haben frischen Ahornsaft, mit dem wir das Fleisch süßen können."

Die Jungen kicherten erfreut. Ja, erst vor kurzem waren sie aus dem Sommerlager zurückgekehrt, wo sie einige Tage verbracht hatten, um den Ahornsaft der Bäume zu ernten. Die Eltern hatten ihn in Gefäßen aus Birkenrinde gesammelt, indem sie die Rinde der Ahornbäume angeritzt und den auslaufenden Saft mit einem Röhrchen in den Topf geleitet hatten. Der Saft wurde mit heißen Steinen, die man in das Gefäß warf, erhitzt und damit verdickt. In den nächsten Tagen würde der Stamm wieder ins Sommerlager ziehen, um dort die ersten Beeren zu sammeln und zur Jagd zu gehen. Sie waren nur ins Dorf zurückgekehrt, um nach den Gärten zu sehen, die zwischen den Bäumen angelegt waren. Auf ihnen wuchsen Mais, Kürbis und Bohnen. Man nannte dieses Gemüse auch die „drei Schwestern", denn sie unterstützten sich im Wachsen: Die Bohnen rankten sich am hohen Mais hoch, während die Blätter des Kürbis Schatten spendeten und den Boden feucht hielten. Jede Familie hatte ihren eigenen Garten, den sie bewirtschaftete. Im Herbst wurde die Ernte dann in Vorratsgruben verstaut, die in der Nähe der Gärten angelegt wurden.

Ihr Volk waren die Menominee, die hier schon seit zwölftausend Jahren im Einklang mit der Natur siedelten. Mäc-awätok, der Schöpfer allen Lebens, wachte über sie, seit der große weiße Bär aus seiner Höhle emporgestiegen war und sich in einen Menschen verwandelt hatte. Er war ihr Ahnherr gewesen. Von ihm stammten sie ab. Und um nicht allein zu sein, hatte der Ahnherr auch den Adler, den Wolf, den Elch und den Kranich gebeten, sich ebenfalls in Menschen zu verwandeln und seine Geschwister zu sein. Diese waren die ersten Menominee gewesen und aus ihnen waren die Clans entstanden, zu denen jede Familie gehörte. Wobei der Bär stets den Häuptling stellte und der Kriegshäuptling aus dem Adler-Clan gewählt wurde. Das war wichtig, denn die Menominee glauben, dass die Kraft ihrer Clan-Tiere auf die Menschen übertragen wird. Der Mut und die Angriffslust des Adlers war in Kriegszeiten eine gute Sache, während die Bedächtigkeit des Bären langfristig für das Überleben des Volkes wichtiger war.

Keniu-neskas bedeutete zwar „Adlerkralle", aber tatsächlich gehörte der Junge

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