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Die Zitadelle (Spiegelwelt Buch #2): LitRPG-Serie
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eBook405 Seiten5 Stunden

Die Zitadelle (Spiegelwelt Buch #2): LitRPG-Serie

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Über dieses E-Book

Bist du ein Krieger, den es nach ruhmreichen Heldentaten dürstet? Dann brauchen wir dich! Für die Mauern der Zitadelle von Maragar werden stets Helden benötigt!

Oder bist du ein Zauberer, der danach strebt, vergessenes Wissen zu entdecken? Ein Besuch in unserer historischen Bibliothek enthüllt dir eine Fülle an großen Geheimnissen!

Oder bist du ein Online-Spieler, der auf Spannung aus ist? Dann mach schnell! Die Zitadelle von Maragar bietet zahllose Abenteuer – wähle dir ganz nach Belieben eines aus!

Online tapfere Taten vollbringen ist allerdings das Letzte, was Oleg im Kopf hat. Auch für arkanes Wissen interessiert er sich nicht. Und überhaupt stand er Abenteuern stets misstrauisch gegenüber. Die Spiegelwelt ist kein Ort für jemanden wie ihn. Trotzdem ist und bleibt er hier – auf Verlangen der Reflex-Bank, die ihm einen Kredit für die Krankenhauskosten für seine Tochter gewährt hat. Was der einzige Grund dafür ist, dass er sich den Verteidigern der Zitadelle von Maragar angeschlossen hat.
SpracheDeutsch
HerausgeberMagic Dome Books
Erscheinungsdatum24. Mai 2022
ISBN9788076191204
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    Buchvorschau

    Die Zitadelle (Spiegelwelt Buch #2) - Alexey Osadchuk

    Kapitel 1

    „DU HAST DICH also entschieden? Überraschenderweise nahm Weigner die Nachricht von meinem Umzug recht gelassen hin. „Da hast du dir aber was ausgesucht, das sage ich dir.

    Ich zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Du weißt genau, dass ich nicht anders kann."

    „Allerdings. Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber das hier ist nicht einfach nur ein Spiel. Wir haben alle mit unseren eigenen Problemen zu kämpfen – und haben unsere eigenen Ziele."

    „Ich kann dir gar nicht sagen, wie ungern ich weggehe."

    Das war die Wahrheit. Ich hasste Veränderungen. Die letzten neun Tage hatte ich so etwas wie Großstadtleben genießen können. Ich hatte ein paar anständige Leute kennengelernt. Zugegebenermaßen hatte ich auch ein paar nutzbringende Beziehungen zu den NPCs der Stadt geknüpft. Aber wie Weigner richtig bemerkt hatte, war das hier nicht einfach nur ein Spiel. Es mochte so aussehen, als würde ich spielen, aber tatsächlich war das mein Leben, egal, wie virtuell es sein mochte.

    „Ich habe dich gerade erst kennengelernt, aber ich glaube, ich werde dich vermissen. In seiner Stimme schwang Bedauern mit. „Doryl auch ... Gerade haben wir über dich getratscht, hehe.

    Ich lächelte. „Ebenso."

    „Es gibt hier nicht so viele Leute, mit denen man einfach zusammensitzen und reden kann. Alle haben es immer eilig. Klar, es ist ein Spiel, und sie haben ein Vermögen für ihre Konten bezahlt. Na ja, was soll‘s. Es hat keinen Zweck, zu emotional zu werden. Kommen wir zum Geschäft."

    Ich war ihm dankbar, dass er keine unerwünschten Fragen stellte. Ich war sicher, dass er sich den wahren Grund für meinen Umzug denken konnte. Spieler meines Kalibers mieteten nicht einfach eine Wohnung in Mellenville, nur, um dann an einen der gefährlichsten Orte der Spiegelwelt weiterzuziehen. Das wusste er besser als jeder andere.

    „Du wirst dich also weiter für Lady Mel schinden?", erkundigte Weigner sich.

    „Genau. Ich bin völlig zufrieden bei ihr. Das weißt du."

    Er lachte leise. „Ich frage nur fürs Protokoll. Muss sein. Für so eine Entwicklung haben wir verschiedene Szenarien anzubieten: Zum Beispiel, wenn ein Spieler sich so hochgelevelt hat, dass wir ihm keine passenden Minen mehr bieten können."

    Ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbieten, um mich nicht zu verraten. Die Sache war die: Ich hatte beschlossen, mein Meister-Level zu verschweigen. Mit Smaragden konnte man gut verdienen und so etwas wie Stabilität erreichen – das hieß, wenn man außer Acht ließ, dass man zu einem Umzug gezwungen war. Wozu sollte ich zu einer neuen Ressource wechseln? Die mochte vielleicht mehr einbringen, aber sie würde mein Problem nicht lösen. Ich hatte so ein komisches Gefühl, dass sie meine Situation vielleicht sogar verschlimmern würde.

    Meine derzeitige Priorität war es, einen Kredit zu bekommen. Andererseits, wenn ich so darüber nachdachte ... Vielleicht konnte ich auch viel gewinnen, wenn ich meine Identität preisgab. Ich könnte einem mächtigen Clan wie den Steel Shirts beitreten. Ihre Standorte waren gut geschützt. Sie boten Raids an ressourcenreichen Instanzen an. Aber wie sicher war ich, dass ich von ihren Reichtümern profitieren konnte, wenn überhaupt? Nein, ich war nicht gierig oder so was, ich vertraute nur niemandem mehr. Wie sicher war ich, dass sie etwas von meinem Problem wissen oder gar meinen Standpunkt einnehmen wollten? Höchstwahrscheinlich würden sie einfach meine schwache Position ausnutzen wollen. Zuerst würden sie mich ködern, und dann konnte ich mich von meiner Freiheit verabschieden. Oh, nein, danke vielmals.

    „Ich verstehe, dass das bei dir noch nicht der Fall ist, fuhr Weigner fort, ohne sich meines inneren Kampfes bewusst zu sein. „Aber hör auf meinen Rat. Du musst anfangen, all deine Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Bei deinem Durchhaltevermögen wäre ich nicht überrascht, wenn du es innerhalb der nächsten sechs oder sieben Monate zum Meister schaffst. Und das ist, wie du dir sicher vorstellen kannst, eine ganz andere Nummer. Er hob belehrend den Finger.

    Ich lächelte und bemühte mich, normal zu wirken. „Danke für den Tipp. Der Trick ist es, sich dabei kein Bein auszureißen."

    Er grinste. „Nicht kneifen! Wenn du deine Karten richtig ausspielst, überlebst du uns alle. Wo war ich? Ach ja, also, es gibt verschiedene potenzielle Szenarien. Das Beste für dich wäre, glaube ich, ein regulärer Transfer. Du hast den Vertrag auf Probe unterschrieben, oder? Die zweiwöchige Probezeit ist noch nicht vorbei. Jetzt hör zu. Lady Mel besitzt in der Nähe der Zitadelle von Maragar einige Smaragdminen. Wie wäre es, wenn wir dich einfach dorthin transferieren? Theoretisch musst du dich nicht einmal bei deren Bossen melden. Geh einfach direkt zur Mine und schürfe nach Herzenslust nach Edelsteinen. Trotzdem wäre es wohl eine gute Idee, im Büro vorbeizuschauen und hallo zu sagen."

    Das war ein weiterer Beweis dafür, dass meine Befürchtungen berechtigt waren. Selbst dieser Mann, der beinahe mein Freund war, versuchte, Kapital aus mir zu schlagen.

    Wenn die Wahrheit bekannt wäre, hätte ich ihm nicht böse sein können. Er wollte keinen Erfahrenen Gräber verlieren. Dass er mich eingestellt hatte, musste ihm einige Boni bringen. Andererseits, warum auch nicht? Auch ich konnte von unserer Zusammenarbeit profitieren. Wir verstanden uns gut. Er konnte dafür sorgen, dass mein zweiwöchiger Vertrag auf Probe in einen unbefristeten umgewandelt werden würde. Wozu hätte ich unsere Beziehung abbrechen sollen? Wer wusste schon, ob dieser Umzug nicht schiefgehen würde?

    „Ausgezeichnet, sagte ich. „Das ist noch besser, als ich gehofft hatte. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke ... Ein neuer Ort ... Neue Leute ...

    Er strahlte. „Genau! Du denkst in den richtigen Bahnen!"

    Eine Stunde später verließ ich sein Büro und machte mich zum Portal auf. Alle Formalitäten waren erledigt. Wir hatten einen Transfervertrag unterzeichnet. Jetzt musste ich nur noch ein paar Sachen erledigen, dann konnte ich zu meinem neuen Ziel aufbrechen. Besonders, weil ich gemäß der Quest-Bedingungen keine Miete zahlen musste.

    Ich vermutete, dass die Kaserne der Zitadelle von Maragar nicht gerade der gemütlichste Ort der Spiegelwelt war. Ha! Ich war mir ziemlich sicher, dass ich jeden Abend, wenn ich heimkam, voller Nostalgie an Ronalds Schlafanzug und Bademantel denken würde. Von ihm hatte ich mich bereits in der Herberge zum Müden Reisenden verabschiedet. Jetzt musste ich nur noch bei Mila vorbeischauen und mich nach der Gesundheit des kleinen Tommy erkundigen. Klar, sie waren NPCs, aber ich hatte den Jungen trotzdem ins Herz geschlossen. Er erinnerte mich an meine eigene kleine Tochter, meine Christina.

    Es war also beschlossene Sache. Ich würde bei ihnen vorbeischauen, aber zuerst musste ich noch mit meinem anderen Auftraggeber sprechen.

    Das Büro von Nikanor, dem Anwalt, begrüßte mich mit der vertrauten stickigen Stille. Spinnweben umhüllten den Kronleuchter, Staub bedeckte die Gemälde, die Luft war zum Schneiden ... Nikanor hasste es, die Fenster zu öffnen, wenn er arbeitete. Sein Diener musste das Büro heimlich lüften.

    Keine Ahnung, wie die Spielentwickler es geschafft hatten, die gesamte Bandbreite an widerwärtigen Ausdünstungen zu kreieren, die den Raum füllten. Er stank nach Alter, modrigem Papier und – keine Ahnung, warum – nach fauligen Äpfeln. Meine Fantasie musste mir da einen Streich spielen. Dieser Ort erinnerte mich an etwas ... etwas aus meiner Vergangenheit. Offenbar assoziierte ich Nikanors Zimmer mit etwas, das ich von früher aus meinem wirklichen Leben kannte.

    Der alte Rechtsanwalt saß an seinem Schreibtisch, und seine Feder kratzte über ein vergilbtes Blatt Papier, begleitet von einem kreischenden Geräusch und gelegentlichem Husten. Seine eingefallenen Lippen bewegten sich lautlos und formten die Worte mit, die auf dem Papier erschienen. Die schmierige, alte Robe, die er trug, war von einer schwer definierbaren, dunklen Farbe. Vervollständigt wurde das Bild durch einen Dreitagebart, der seine schlaffen Wangen bedeckte, und ungewaschenen Haarsträhnen, die ihm um den kahl werdenden Kopf hingen.

    „Weißt du, Olgerd, sagte er, ohne den Kopf von seiner Arbeit zu heben, „du tust da etwas sehr Gutes. Und es ist doppelt gut, dass du zur Zitadelle gehst. Ich habe einen kleinen Auftrag für dich.

    Teufel noch eins! Wie hatte er das herausgefunden? Weigner war der Einzige, der von meiner Quest wusste, und er hatte noch keinen Zugang zu Mellenville. Und überhaupt, was hätte er von dem Alten wollen können? Nicht gut. Selbst Doryl, der Zwerg, wusste es noch nicht. Nicht, dass es ihm etwas ausgemacht hätte: Doryl verstand, dass es gewisse Dinge gab, die ich für mich behalten musste.

    Einen Augenblick später beantwortete Nikanor meine unausgesprochene Frage. „Als ich vom Rathaus die Nachricht erhielt, dass du dich für die Zitadelle von Maragar angemeldet hast, wusste ich sofort, das es ein Zeichen des Himmels ist."

    Träumerisch schloss er die Augen und tippte mit seinen dürren, tintenfleckigen Fingern auf den Tisch. Er war nervös, das merkte ich. Seine gespielte Gleichgültigkeit war verpufft. Ein Hauch von Röte färbte seine blassgrauen Wangen.

    Ich hatte einen guten Grund, warum ich ihn aufgesucht hatte. Da ich mich verpflichtet hatte, ein „Verteidiger der Zitadelle von Maragar" zu werden, musste ich meine monatliche Reputationsquest abbrechen – ganz zu schweigen von all den anderen Reputations-Miniquests. Ein Teil von mir war überglücklich, den erbärmlichen, alten Mann zum letzten Mal zu sehen, der so missmutig, nörgelig und ständig unzufrieden mit seinem langweiligen virtuellen Leben war. Andererseits tat es mir um den Verlust von fast 800 Rep doch ziemlich leid. Besonders, weil ich für ihn bereits so viel Rennerei bei sinnlosen, zeitraubenden Aufgaben auf mich genommen hatte.

    Es wäre so viel leichter gewesen, diese Quest einfach komplett zu vergessen. Trotzdem hatte mich irgendetwas dazu gebracht, ein letztes Mal in seinem Büro vorbeizuschauen. Natürlich war er nur ein lebloses Stück Computercode, aber meine bisherige Erfahrung in der Spiegelwelt hatte mich gelehrt, dass nichts ohne Grund geschah.

    Okay. Jetzt musste ich herausfinden, was der Geizkragen von mir wollte.

    „Ich will, dass du mir gut zuhörst. Der alte Mann sprach leise und deutete auf mich. „Kannst du dich nicht setzen? Mein Nacken ist schon ganz steif davon, dass ich ständig zu dir hochblicken muss.

    Das war mein Boss. Missmutig und gereizt wie immer. Der gebieterischen Bewegung seiner knochigen, zittrigen Hand gehorchend setzte ich mich auf den Stuhl, den er für mich vorgesehen hatte, und beugte mich vor. Was für ein machiavellistisches Szenario war das hier?

    „Ich bin ganz Ohr, mein Herr."

    Noch nie im Leben hatte ich Nikanor „Herr" genannt. Zugegebenermaßen tat ich das mit Absicht, in der schwachen Hoffnung, ihm ein paar zusätzliche Rep-Punkte abzutrotzen. Mittlerweile wusste ich schon, was NPCs dank der Spielentwickler von einem erwarteten: Man sollte seine Rolle genau nach Vorgaben spielen.

    Der alte Anwalt schien meine Geste zu schätzen zu wissen. Er schob sogar stolz die Unterlippe vor. „Ich muss dir etwas sagen, Olgerd. Ich hatte in meinem Leben viele Boten. Wirklich viele. Die meisten waren dumm, faul und blöde. Ich habe auch viele Unverschämte erlebt. Die kann man alle in der Pfeife rauchen, wenn du weißt, was ich meine. Er hustete. „Aber jemanden wie dich hatte ich noch nie. Jemanden, der tüchtig ist, verschwiegen und, am wichtigsten, vertrauenswürdig.

    Ich konnte mir einen Blick auf meinen mit einem bunten Bändchen geschmückten Ärmel nicht verkneifen. Offenbar wirkte es. Könnte aber auch ein Zufall sein. „Ihr seid zu gütig, mein Herr."

    „Nun gut. Wie gesagt, ich habe in jenem Teil der Welt etwas zu erledigen. Glaubst du, du kriegst das hin?"

    Eine Systemnachricht erschien in meinem Gesichtsfeld:

    Sie haben eine Quest erhalten: Die Interessen des alten Nikanor

    Sie müssen alle juristischen und gerichtlichen Neuigkeiten an dem als „Zitadelle von Maragar" bekannten Ort und aus dessen Umgebung sammeln und täglich berichten.

    Belohnung: Unbekannt

    Akzeptieren: Ja/Nein

    Während ich die Nachricht überflog, fuhr der alte Mann fort: „Du musst gar nicht viel tun. Ich brauche nur ein Paar Augen und Ohren vor Ort. Ich denke darüber nach, mein Geschäft zu erweitern. Wenn alles gut läuft, könntest du ebenfalls einen Platz darin finden. Was meinst du?"

    „Ich weiß nicht recht. Ich gehe dorthin, um in der Armee zu dienen. Ich glaube nicht, dass ich Zeit dazu haben werde", bluffte ich schamlos.

    Der zahnlose Mund des alten Anwalts krümmte sich zu einem wissenden Lächeln. Er mochte ein NPC sein, aber er lebte nicht hinterm Mond. „Mach dir keine Sorgen wegen deiner Belohnung. Ich kann mich dankbar zeigen."

    Wie zur Bestätigung erschien eine neue Systemnachricht:

    Wenn Sie zustimmen, Nikanor zu helfen, behalten Sie automatisch Ihre Belohnung für die Erledigung Ihrer monatlichen Reputationsquest.

    So sah das also aus? Es hatte sich also doch gelohnt, herzukommen. Mehr als gelohnt!

    „Worum ich dich ersuche, ist nicht weiter schwer, flüsterte er. „Da du nicht einfach herkommen und mir Bericht erstatten kannst, bleibt dir nur, die Zeitungen durchzusehen und dir in diesem kleinen Büchlein Notizen zu machen. Er schob mir ein zerfleddertes, altes Notizbuch zu. „Besonders interessieren mich Erbschafts- und Scheidungsfälle. Aber das weißt du ja schon."

    Ich warf einen Blick auf das Notizbuch.

    Name: Nikanors altes Büchlein

    Art: Questgegenstand

    Wirklich nichts Besonderes. Wahrscheinlich waren alle seine „geheimen Quests keinen Pfifferling wert. Ich konnte mir nur ausmalen, wie viele Spieler schon gezwungen gewesen waren, den Offenbarungen des alten Anwalts zu lauschen. Einzigartige Quest, ja, klar doch! Laut Dimitri kehrten solche Quests alle zyklisch immer wieder. Sie wiederholten sich nicht sehr oft, aber sie wiederholten sich eben doch. Nikanor musste sie schon zahlreichen Leuten vor mir anvertraut haben. Doch die Absicht der Spielentwickler dahinter war recht eindeutig. Zum einen wollten sie damit Authentizität herstellen – und wie ich ja schon selbst erlebt hatte, erfüllten diese „Spiegelseelen ihren Zweck. Diese Welt war so authentisch wie es nur ging.

    Zum anderen fielen Reputationsquests in die Kategorie der sogenannten sozialen Quests. Und letzten Endes wollte ich die geheimen Absichten der Entwickler nicht hinterfragen.

    Und zum Dritten ... ja, wahrscheinlich war es lohnenswert. Natürlich nicht für mich. Aber wie sollte ich seine Aussage verstehen, dass ich ihm „über alles Bericht erstatten" sollte? Oberflächlich betrachtet klang das recht einfach. Ich musste nur jeden Tag etwas Zeit damit verbringen, die örtlichen Käseblätter zu studieren und die Ergebnisse in Nikanors Notizbuch einzutragen. Kinderleicht. Trotzdem war die Aufgabe nicht ohne versteckte Gefahren. Keine zu großen oder zu viele, aber dennoch. Wahrscheinlich würde ich jeden Tag mindestens ein Dutzend Zeitungen kaufen müssen, was mich einiges Gold kosten würde. Dazu noch Schreibmaterial. In der Spiegelwelt hing alles mit allem zusammen. Jemand musste einen Alchemisten spielen, der die Tinte herstellte, und die Federn wurden durch einen örtlichen Bauern wie meinen alten Freund Zachary an den Schreibwarenhändler geliefert. Am Markttag hatte Zachary alle möglichen Arten von Waren auf seinem Wagen gehabt. So lief das hier.

    „Einverstanden." Ich streckte dem alten Mann meine Hand hin.

    Nachdem ich alle Aufgaben akzeptiert und mich verabschiedet hatte, eilte ich endlich nach draußen an die frische Luft. Das Letzte, was ich noch zu tun hatte, war ein Besuch bei Mila, dann konnte ich weiter zu meinem neuen Einsatz.

    Auf dem Weg schaute ich in der Bäckerei vorbei und kaufte ein paar Süßigkeiten für Tommy. Hoffentlich ging es ihm mittlerweile wesentlich besser.

    Ronalds Frau Rita öffnete mir die Tür. Sie strahlte und bat mich herein.

    „Hier. Ich reichte ihr die rosa Papiertüte mit den Sahnetörtchen. „Sie sind ganz frisch.

    Tommy kam wie eine Rakete aus dem Wohnzimmer geschossen und bettelte seine Tante um seinen Anteil an.

    „Du isst zuerst dein Abendessen, verkündete Rita pädagogisch wertvoll, „dann kannst du deine Süßigkeit haben.

    „Immer sagen die das", seufzte der Junge, während er der rosa Tüte, die seine Tante in die Küche trug, mit sehnsüchtigen Blicken folgte.

    „Meister Olgerd!" Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr ich herum.

    Mit einem fröhlichen Lächeln kam Mila die Treppe herunter. Dieselben kupferroten Locken, dieselben lustigen Sommersprossen auf ihrer süßen Stupsnase. Sie trug ein blaues Sommerkleid und dazu ein kleines, durchsichtiges, türkises Halstuch. „Ich freue mich so, Euch zu sehen!"

    „Hallo. Ich lächelte. „Ich habe beschlossen, nach Eurem Kranken zu sehen – nur dass er gar nicht mehr krank ist!

    Die Frau strahlte. „Bitte, kommt ins Wohnzimmer! Möchtet Ihr Kaffee?"

    „Da sage ich nicht nein. Ich bin den ganzen Tag wie ein kopfloses Huhn herumgewuselt. Zu viel zu tun."

    „Ausgezeichnet!"

    Die zwei Frauen hatten den Tisch im Handumdrehen gedeckt. Ein paar Minuten später schlürften wir schon unseren Kaffee. Keine Ahnung, was sie riechen konnten – sofern sie überhaupt etwas rochen. Das war ohnehin nicht so wichtig. Ich nahm einen weiteren Schluck, und endlich fiel mir ein, woher ich das Aroma kannte – vielmehr der Ort, an dem ich es das erste Mal gerochen hatte.

    Das war Anfang Mai gewesen, als Sveta und ich gerade frisch verheiratet gewesen waren und eine Reise ans Mittelmeer unternommen hatten. Dort hatten wir immer auf der Terrasse eines Cafés gesessen, Kaffee getrunken und die einheimischen Kinder beobachtet, wie sie am Strand herumtollten.

    Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich zuerst nicht hörte, was Rita zu mir sagte. „Meister Olgerd! Mein Herr! Ist alles in Ordnung?"

    Ich rieb mir den Nasenrücken. „Schon gut, murmelte ich. „Entschuldigung. Ich habe nur in Erinnerungen geschwelgt. Habt Ihr etwas gesagt?

    Sie nickte. „Ich sagte, wir haben Euch erwartet."

    „Ach, wirklich?, fragte ich überrascht, dann schlug ich mir gegen die Stirn, als ich verstand. „Hat Ronald Euch gesagt, dass ich weggehe?

    „Ja, sagte Mila. „Darum haben wir auf Euch gewartet. Wir waren sicher, dass Ihr nicht gehen würdet, ohne Euch zu verabschieden.

    Ich sah ihr an, dass sie mich etwas fragen wollte. Etwas sehr Wichtiges.

    „Lasst mich raten, meinte ich. „Ihr wollt, dass ich etwas für Euch tue, richtig?

    Röte stieg Mila ins Gesicht.

    „Es ist so, antwortete Rita für sie, „Sie meint, dass Ihr schon genug von ihren ständigen Bitten der letzten Tage habt.

    „Überhaupt nicht. Ich winkte ab. „Das war doch gar nichts. Und überhaupt: Wahrscheinlich schulde ich Euch genauso viel. Ohne Eure Empfehlung hätte ich vielleicht eine Ewigkeit gebraucht, eine anständige Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Man könnte sagen, dass Ihr und Tommy die ersten Freunde wart, die ich in dieser Stadt gefunden habe.

    „Genau, sagte Rita. „Das habe ich ihr auch gesagt. Und für gute Freunde ist einem nichts zu schwer, nicht wahr?

    Eine Nachricht erschien vor meinen Augen. Ich wäre beinahe aufgesprungen. Zum Glück bemerkten die beiden Frauen es nicht.

    Herzlichen Glückwunsch! Zwei oder mehr Einheimische betrachten Sie als ihren Freund.

    Belohnung: +300 zu Ihrer Reputation mit Mellenville.

    Schnell sah ich mir meine Werte an. Beinahe 500, ausgezeichnet.

    „Ihr habt vollkommen recht, entgegnete ich mit einem Lächeln. „Ihr könnt auf mich zählen. Ich bin ganz Ohr.

    Ermutigend legte Rita der anderen Frau eine Hand auf die Schulter.

    „Seht Ihr, Mila rang nach den richtigen Worten, „worum ich Euch bitten möchte, ist etwas ... riskant. Sogar gefährlich.

    Ich erstarrte. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis, das stimmte, aber unnötige Risiken konnte ich eher nicht gebrauchen. Besonders, da ich sowieso schon so viel zu tun hatte.

    „Bevor ich Euch erzähle, worum es geht, müsst Ihr mir versprechen, dass Ihr ablehnen werdet, falls Ihr es als zu gefährlich anseht. Wenn Ihr ablehnt, wird das keinen Einfluss auf Eure Beziehung zu unserer Familie haben, das versichere ich Euch. Uns ist völlig klar, dass Ihr kein Krieger oder Kampfzauberer seid. Ihr seid ein gewöhnlicher, friedlicher Bewohner Mellenvilles."

    Ich nickte. Was konnte ich schon sagen? Sie hatte völlig recht.

    Mila lächelte. „Danke, dass Ihr ehrlich zu mir seid. Jetzt kann ich frei sprechen. Es ist so: Ronald hat uns gesagt, wohin Ihr gehen wollt."

    „Das hat er allerdings, stimmte Rita zu. „Die Zitadelle von Maragar ist nicht der beste Ort für Leute wie Euch, lieber Olgerd.

    Ich hob die Schultern, wie um zu sagen: Ich frage und ich zage nicht.

    „Und dafür bewundern wir Euch. Ihr seid ein würdiges Vorbild für alle Bewohner Mellenvilles!"

    Fast erwartete ich eine neue Systemnachricht, aber nein, es sah so aus, als wäre die Anzahl ihrer Gratispunkte doch begrenzt.

    Also schwieg ich bescheiden. Wenn ihr nur wüsstet, meine Lieben, wie allzu gern ich eure Quest abgelehnt hätte.

    „Ich will nicht um den heißen Brei herumreden, sagte Mila. „Ihr seid sicher in Eile. Es ist so ... Ich möchte Euch bitten, meinem Ehemann diesen Brief zu bringen.

    Ich warf einen Blick auf den Gegenstand, den sie mir hinhielt, und verschluckte mich fast, als ich den Namen des Empfängers auf dem Umschlag sah.

    Name: Brief von Mila

    Art: Questgegenstand

    Zu liefern an: die Zitadelle von Maragar

    Empfänger: Captain Gard

    Kapitel 2

    CAPTAIN GARD! Ein Zufall? Durchaus möglich. Ein weiterer Streich meines geheimnisvollen Gönners, des Programmierers? Eher unwahrscheinlich. Wer auch immer er war, so einflussreich war Andrej „Pierrot" Petrow dann sicher doch nicht. Mellenville war einige Nummern zu groß für ihn.

    Aber was war es dann? Konnte es sein, dass mein Vertrauenswert endlich zum Tragen kam? Das war eine gangbare Theorie. Warum auch nicht? Ich wäre der Erste, der zugeben würde, dass nichts davon besonders plausibel klang. Andererseits hätte jeder an meiner Stelle sein können. Ich sage es ganz deutlich: Wäre damals an meinem ersten Tag in Mellenville am Brunnen ein Spieler gewesen, dessen Vertrauenslevel einen Punkt höher gelegen hätte als meines, hätte Tommy ihn und nicht mich um Hilfe gebeten.

    Andererseits, was war, wenn ich falsch lag? Das war ebenfalls eine Möglichkeit. Jedenfalls hatte ich viel, worüber ich nachdenken musste.

    Es sah aus, als wäre mir eine dieser mehrstufigen Reputationsquests in die Hände gefallen, die Dimitri in so bilderreichen Details beschrieben hatte. Wenn ich bei meiner Theorie der „Nicht-Zufälligkeit" blieb, bot sich mir tatsächlich ein sehr interessantes Bild. Was passiert war, konnte man als eine Art Kettenreaktion betrachten. Zuerst hatte ich Tommy getroffen. Durch ihn hatte ich seine Mutter und seinen Onkel Ronald kennengelernt. Als Nächstes hatte das System eine auf mich zugeschnittene Langzeit-Quest generiert – was schon ein bisschen weit hergeholt war. Viele Dinge wären sofort klarer geworden, hätte ich Mila nur früher nach dem Namen von Tommys Vater gefragt.

    Also war der Mann mit der Narbe auf dem Bild Captain Gard. Anders ausgedrückt: Mein zukünftiger Kommandant war Milas Ehemann und Tommys Vater. Ich hielt es für wenig wahrscheinlich, dass es noch einen weiteren Captain Gard im Spiel gab. Hatte Mila mir nicht erzählt, dass ihr Mann an der Grenze diente? Damals hatte ich ihren Worten keine Beachtung geschenkt. Na ja, wieder was gelernt. Das hieß, falls ich mich nicht irrte.

    Tatsächlich bekam ich den Eindruck, dass der Status eines NPCs in der Stadt direkten Einfluss auf die Höhe der Belohnung für eine Quest hatte. Kein Wunder, dass die Spieler sich um die Häuser des Bürgermeisters und des Anführers der Stadtwache scharten. Ich konnte sie verstehen: Sie wollten alles, und zwar sofort. Aber in der Regel hielt diese Sorte Spieler in Mellenville nicht lange durch. Schon bald zeigten sie den Reputationsquests den Mittelfinger und zogen an Orte weiter, wo es mehr Mobs gab, um dort ihr Können zu beweisen. Mit solchen Leuten hatte ich nichts zu tun.

    Ich hoffte nur, dass Captain Gard in diesem Spiel eine mächtige Figur war.

    Ich musste noch eine weitere halbe Stunde in Ronalds Haus bleiben. Sobald Mila von meiner Mission erfahren hatte, schrieb sie sofort einen weiteren Brief, in dem sie mich ihrem Mann als Freund der Familie empfahl. Die Dinge schienen sich zu entwickeln. Und nicht nur das, sie entwickelten sich eindeutig positiv! Ein gut zahlender Spieler mochte meine mickrigen Reputations-Heldentaten für wertlose Zeitverschwendung und meinen bevorstehenden Ausflug an die Grenze für die reinste Senilitätsübung halten. Mir war das egal. Ich gab einen Dreck darauf, was irgendwer über mich dachte. Wie Weigner richtig bemerkt hatte, hatte jeder Spiegelwelt-Spieler seine oder ihre eigenen Ziele.

    Ich ging der Stadt Lebewohl sagen. Besonders gefiel mir die Blumenallee, die direkt zur Portal-Station führte. Ich hätte eine Abkürzung über die Handwerkergasse nehmen können – meine bevorzugte Route zu Zeiten, in denen ich Aufträge zu erfüllen hatte. Aber nicht heute. Heute wollte ich mir Zeit lassen und die wunderschönen Blumenarrangements bewundern, die die Floristen der Stadt täglich erneuerten.

    Vor vielen Jahren war ich einmal geschäftlich in Peking gewesen. Dort hatte man mich in einem kleinen, sauberen Hotel untergebracht. Meine Fenster hatten auf einen Platz gezeigt. An den Namen erinnere ich mich nicht – weder an den des Platzes noch an den des Hotels. Überhaupt hatte ich überraschend viel von dieser Reise vergessen. Alles um mich herum war so schnell geschehen. Außerdem war es kein langer Aufenthalt gewesen – höchstens zwei oder drei Tage.

    Das eine, woran ich mich erinnerte, war das Aufwachen – oder eher an den Blick aus dem Fenster jeden Morgen. Ein riesiges Blumenbeet hatte den gesamten Platz eingenommen. Peking war vollgestopft mit Pflanzen. Im Oktober war die Stadt voller Blumen und Grünpflanzen. Und dieses spezielle Blumenbeet – mein Blumenbeet – hatte jeden Morgen sein Muster und sein Farbschema geändert. Am Tag meiner Ankunft hatte ich die blauen Blüten bewundert. Am nächsten Morgen hatte ich erwartet, von meinem Fenster aus auf das blaugrüne Feld zu blicken – nur, um von einem rotgelben Blumendrachen begrüßt zu werden. Mit offenem Mund war ich am Fenster erstarrt. Später hatte ich erfahren, dass ein spezielles Team nachts in einem Van seine Runden durch die Stadt drehte und die Muster mancher Blumenbeete der Stadt änderte.

    Die Blumenallee mit ihren blühenden, türkisen Bögen, bunten Statuen von Fabeltieren in extravaganten Posen, ihren schneeweißen Springbrunnen und hellen, zu fantastischen Formen geschnittenen Büschen war in dieser Hinsicht ganz ähnlich. Ausgerechnet heute wäre es mir sehr wichtig gewesen, dass auch meine Mädchen ihre Pracht sehen könnten. Zum ersten Mal in der langen Zeit, die ich in der Spiegelwelt verbracht hatte, schwor ich mir feierlich, dass ich dies alles eines Tages Christina und Sveta zeigen würde.

    In der Portal-Station empfing mich die gewohnte Geräuschkulisse. Tatsächlich illustrierte dieser Ort das jeweilige Spielerlebnis der Spieler wie kein anderer. Newbies fielen auf wie bunte Hunde – das war immer so. Und das lag nicht nur an ihren gelben Namens-Tags, man merkte es noch viel eher an ihrem Verhalten. Zum Beispiel die beiden Alven-Mädchen, die soeben aus dem Portal getreten waren. Ihnen fielen schier die Augen aus dem Kopf und sie drehten ihre Köpfe scheinbar um 360 Grad. Trotz ihrer relativ hohen Level grinsten die Mädchen von einem Ohr zum anderen und verhielten sich wie Schulmädchen vom Dorf auf ihrem ersten Ausflug in die Großstadt. Ha! Ich war erst neun Tage hier, fühlte mich aber bereits wie ein Einheimischer.

    Vor dem Ticket-Terminal hielt ich inne.

    Grüße, Olgerd!

    Dies ist Portal-Terminal Nr. 4578.

    Möchten Sie ein Ticket kaufen?

    Okay, meinetwegen.

    Bitte wählen Sie Ihr Ziel aus.

    Gestern Nacht hatte ich jede Menge Zeit gehabt, mir diese scheinbar unschuldige Anfrage näher anzusehen. Das spärliche Infoportal der Spiegelwelt hatte mir zahlreiche Optionen angeboten. Um zur Zitadelle von Maragar zu gelangen, waren zwei Transfers nötig. Oder eher drei – aber der Letzte war, wenn ich es richtig verstanden hatte, nichts, worauf man sich freuen konnte.

    Mein zukünftiger Einsatzort lag ganz am Rand der Lande des Lichts. Was wahrscheinlich der Grund war, warum die Spielentwickler beschlossen hatten, keinen direkten Portal-Sprung zur Zitadelle von Maragar einzurichten. Warum sollten sie auch, wenn sie den Spielern so mehr Gold aus den virtuellen Taschen ziehen konnten?

    Es gab mehrere mögliche Reiserouten, die sich letztendlich nicht sehr stark voneinander unterschieden. Die ersten beiden Sprünge konnte ich durchführen, ohne auch nur die Portal-Stationen zu verlassen. Diese Auswahl machte keinen Unterschied, sie kosteten

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