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Medienkommunikation in Bewegung: Mobilisierung – Mobile Medien – Kommunikative Mobilität
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eBook500 Seiten5 Stunden

Medienkommunikation in Bewegung: Mobilisierung – Mobile Medien – Kommunikative Mobilität

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Über dieses E-Book

​​​​In heutigen Gesellschaften stehen soziale, informationelle und räumliche Mobilität und digitale Kommunikationsmedien in einem engen Zusammenhang. Medien werden dabei nicht nur immer mobiler, sondern die Menschen verwenden sie auch zunehmend zum Zwecke kommunikativer Mobilität. Die vielfältigen Dimensionen individueller wie gesellschaftlicher Mobilitäts- und Mobilisierungsprozesse werden aus einer kommunikations- und mediensoziologischen Perspektive sowohl theoretisch als auch empirisch verortet. Dabei werden die Erträge bisheriger Forschungsansätze kritisch reflektiert und ein Blick auf zukünftige Forschungsherausforderungen geworfen und damit neue Impulse für die Diskussion geliefert.
SpracheDeutsch
HerausgeberSpringer VS
Erscheinungsdatum24. Sept. 2013
ISBN9783531193755
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    Buchvorschau

    Medienkommunikation in Bewegung - Springer VS

    Teil 1

    Einleitung

    Jeffrey Wimmer und Maren Hartmann (Hrsg.)Medien – Kultur – KommunikationMedienkommunikation in BewegungMobilisierung – Mobile Medien – Kommunikative Mobilität10.1007/978-3-531-19375-5_1

    © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

    Mobilisierung, mobile Medien und kommunikative Mobilität aus kommunikations- und mediensoziologischer Perspektive

    Jeffrey Wimmer¹ und Maren Hartmann²

    (1)

    TU Ilmenau, Ilmenau, Deutschland

    (2)

    Universität der Künste (UdK), Berlin, Deutschland

    Zusammenfassung

    Spätestens seit Georg Simmel gelten Bewegung und Beweglichkeit als konstituierende Merkmale moderner Gesellschaften. „Bewegungsmaschinen" (Weibel 2004: 57) wie Zug, Auto und Flugzeug ermöglichten im Zuge der Modernisierung eine Mobilmachung aller Lebensbereiche. In heutigen Gesellschaften stehen die verschiedenen Formen sozialer, informationeller und räumlicher Mobilität in einem engen Zusammenhang.

    1 Einleitung

    Spätestens seit Georg Simmel gelten Bewegung und Beweglichkeit als konstituierende Merkmale moderner Gesellschaften. „Bewegungsmaschinen" (Weibel 2004: 57) wie Zug, Auto und Flugzeug ermöglichten im Zuge der Modernisierung eine Mobilmachung aller Lebensbereiche. In heutigen Gesellschaften stehen die verschiedenen Formen sozialer, informationeller und räumlicher Mobilität in einem engen Zusammenhang. Medientechnologien und Medieninhalte werden dabei nicht nur immer mobiler und interaktiver, sondern die Menschen verwenden Kommunikationsmedien zunehmend zum Zwecke kommunikativer Mobilität. Manche Autoren gehen so weit, von einem „mobility turn" gesellschaftlicher Zusammenhänge zu sprechen (Uny 2007): Das Soziale sei heute als etwas Mobiles zu verstehen. So würde die Geschichte der Moderne durch spezifische technische wie kulturelle Mobilisierungsschübe bestimmt. Identitätsprozesse und kulturelle Phänomene seien einerseits beweglicher, ehemals stark raum- und ortsbezogene Sozialstrukturen brächen andererseits zugleich auf und verschwänden zum Teil. John Urry (2007) differenziert in diesem Zusammenhang fünf Formen der Mobilität, die sich wechselseitig aufeinander beziehen und somit nicht trennscharf von einander abgrenzbar sind: die physische Bewegung der Menschen (z. B. Arbeitspendeln, Migration), die physische Bewegung von Objekten (z. B. die globale Containerschifffahrt), imaginative Reisen (z. B. das Schwelgen in Erinnerungen, Filmen oder Büchern), virtuelle Reisen (z. B. die Immersion in virtuellen Erlebniswelten wie Second Life) und die aktuell zunehmende kommunikative Mobilität durch die Nutzung von Kommunikationsmedien wie SMS, E-Mail etc.¹

    Ein wachsendes gesellschaftliches Interesse an Mobilität und Vernetzung - auch wenn der gegenwärtige Überfluss an beidem diese für viele wiederum vielleicht auch wertlos erscheinen lässt - geht vor allem mit der digitalen Medienentwicklung einher. Computervermittelte Kommunikation mittels E-Mail, Internet-Telefonie oder Twitter sowie andere mobile Medien bzw. Kommunikationsformen, wie zum Beispiel Mobiltelefon, MP3-Player, Handheld-Konsolen, Kindle, iPad und in naher Zukunft vermehrt auch „Cloud, „Ubiquituous oder „Wearable Computing" spielen in diesem Zusammenhang eine gewichtige Rolle. So hat sich seit dem Jahr 2010 die Anzahl der Smartphonenutzer² in Deutschland nahezu verdreifacht. Inzwischen verwendet fast ein Viertel der über 14-Jährigen ein solches Gerät, um auf das Internet zuzugreifen. Besonders unter jungen Anwendern der Altersgruppe 14–19 und 20–29 erfreuen sich Smartphones und deren Anwendungen großer Beliebtheit. Hier liegen die Nutzungsquoten bei mehr als 40 % (vgl. ARD/ZDF-Onlinestudie 2012: o.S.). So ist der „mobile Mensch von heute zum großen Teil „online - u. a. zum Kommunizieren, um sich zu informieren, um soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten, zum Arbeiten oder auch einfach um Unterhaltung und Spaß zu finden. Ein Ende dieses Trends ist gar nicht abzusehen, da - wie aktuelle Studien zeigen - eine mobile und stationäre Internetnutzung sich nicht nur ergänzen, sondern z. T. in ihrer Intensität sogar gegenseitig verstärken (vgl. van Eimeren/Frees 2012).

    Diese knapp skizzierten medialen Phänomene und kommunikativen Prozesse entfalten gesellschaftliche Relevanz, wenn sie in Zusammenhang mit den von Urry genannten (und eventuell noch weiteren) Formen von Mobilität gedacht werden. Erst in dieser analytischen Kopplung wird das soziale und kulturelle Potenzial deutlich - und auch die Ambivalenz dieser Prozesse. Nichtsdestotrotz werden aber nicht alle kommunikativen und medialen Mobilitäts- und Mobilisierungsformen in der öffentlichen Diskussion gleichermaßen beachtet - auch nicht in der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Bei einer Betrachtung von Medienkommunikation und Mobilität kann es also nicht einfach (mehr) um Mobilkommunikation im engeren Sinne des Wortes gehen (also das Mobiltelefon und andere tragbare Endgeräte). Der vorliegende Sammelband und die darin versammelten Fallstudien knüpfen daher mehr oder minder explizit an der grundlegenden Argumentation von Andreas Hepp (2006) an, der eine kontextualisierende Perspektive bei der Betrachtung mobiler Kommunikationsmedien und Medientechnologien einfordert. Mit der Forschungsperspektive der „kommunikativen Mobilität" kann der enge Zusammenhang zwischen mobilen Medien und der lokaler Mobilität ihrer Nutzer analytisch gefasst werden (Hepp 2006: 19 f.).

    Dieses Konzept fasst zwei spezifische Dimensionen, die im engen Zusammenhang stehen: das zunehmende Mobilwerden von Kommunikationsmedien einerseits und die Ausrichtung von eigentlich stationären Kommunikationsmedien und ihren Inhalten auf Menschen in Mobilität andererseits.

    Kommunikative Mobilität ist in den gegenwärtigen Prozess der Mediatisierung von Kultur und Gesellschaft eingebettet (vgl. zu diesem Konzept Krotz/Hepp 2012). Einschlägige empirische Studien dokumentieren eine hohe Nutzungsdauer und -intensität, aber auch ein hohes Maß an gewohnheitsmäßiger Nutzung der überall antreffbaren Mobilmedien, die allerdings oftmals unhinterfragt bleibt. Gerade deswegen ist - wie die aktuelle Popularität des Smartphone klar verdeutlicht - die subjektive Bindung an mobile Kommunikationsmedien und deren spezifischen Unterhaltungs- und Informationsanwendungen nicht nur für technologieaffine und/oder jungen Nutzergruppen, den so genannten Mobilitätspionieren, als überaus hoch einzuschätzen (vgl. z. B. Ofcom 2011). Ein andauerndes Verbunden und Mobil sein können Medienabhängigkeit(en) und Suchterscheinungen fördern. Idealtypisch fand eine qualitative Studie von Iren Schulz, bei der verschiedene Jugendgruppen zwei Wochen ohne Mobiltelefone auskommen mussten, heraus, dass diese bei Jugendlichen so stark in den Alltag integriert sind, dass sie sich verloren fühlen, wenn sie in bestimmten Situationen (zum Beispiel beim Warten an der Bushaltestelle) keine Kurznachrichten oder Fotos von Freunden anschauen können (vgl. Schulz 2010: 240).

    Nicht nur aufgrund des Ausmaßes ihrer Nutzungsreichweite (quantitative Aspekte), sondern auch hinsichtlich ihrer Bedeutungs- und Sinngehalte (qualitative Aspekte) prägen daher mobile Medienkommunikation und die damit einhergehende kommunikative Mobilität - so die plausible Annahme - sowohl die verschiedenen gesellschaftlichen Kontextfelder und deren konkreten sachlichen, sozialen und räumlichen Dimensionen, in denen sie eingebettet sind, als auch die verschiedenen alltagskulturellen Praktiken, denen sie entspringen (vgl. zum Konzept medialer Prägkräfte umfassend Hepp 2011). Hier klingt schon eine zentrale These an, die in einigen Beiträgen des Buches näher ausgeführt und erforscht wird: Da Mobilkommunikation die sozialen Interaktionssituationen der Mediennutzer verändert, transformiert sie auch die Erfahrungen der Menschen, individuelle Identitätsprozesse und gesellschaftliche Sozialisationsbedingungen.

    Der Erfolg von Mobilmedien ist scheinbar leicht geklärt: Mit ihrer Hilfe können die Mediennutzer subjektiv gesehen mit den vielfältigen Ansprüchen der Gegenwartsgesellschaft relativ einfach, schnell und flexibel umgehen. Zugleich aber lässt auf gesellschaftlicher Ebene diese Nutzung wiederum die Komplexität der gegenwärtigen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse und damit einhergehende Zwänge und Anforderungen, auf die die Gesellschaft und damit die Mediennutzer wieder reagieren müssen, erheblich weiter ansteigen. So führt Mobilisierung zu einer Beschleunigung der Alltagskultur. Exemplarisch kann dieses mehrdimensionale dialektische Potential der Mobilkommunikation,³an je einem Beispiel aus den Bereichen der Unterhaltungssowie der Informationsnutzung - Computerspielen und der politischen Kommunikation im Netz - knapp skizziert werden.

    Waren früher Computerspieler letztlich durch die zur Verfügung stehende stationäre Hardware in Form von PC oder Konsolen gebunden, können sie nun ortsunabhängig spielen, ob zu Hause oder unterwegs, gleich mit welchem Endgerät. Ein Spieler, der beispielsweise ein „Single-Player"-Action-Game auf seinem Gameboy spielt, kann dies in der U-Bahn, Parks oder anderen öffentlichen Räumen tun - also auch in sozialen Kontexten, die für Computerspiele unüblich sind und damit das Spiel sowohl für Spieler wie auch Umfeld anders rahmen. Mit Wireless-Funktionen ausgestattete mobile Spielgeräte lassen Online-Kontakte in der virtuellen Welt zu und ermöglichen ein soziales Spiel mit anderen Spielern. Aus sozialer Perspektive interessant wird es, wenn die mobilen Geräte auch die eigene Position rückmelden und weitere Informationen über einen Rückkanal senden können. Hierdurch entstehen vielfältige neue Optionen: Spieler können z. B. andere Spieler in der eigenen Umgebung orten, und es werden neue Formen vernetzten Spielens möglich, bei denen die Bewegung des Spielers selbst Teil des Spiels wird. All diese Angebote lassen sich im Feld der so genannten Location- based Services einordnen.

    An diesem Beispiel wird u. a. deutlich, dass Mobilität auch in einem weiteren Sinne zu verstehen ist, nämlich nicht nur bezogen auf die Mobilisierung der Endgeräte, sondern auch auf die Nutzer selbst und deren räumlich wie soziale Mobilität und damit einhergehende kommunikative Vernetzung. Die Interaktivitäts- und Konvergenzpotentiale vernetzter Unterhaltungsmedien ermöglichen hier vielerlei Formen virtueller Mobilität, die von der realweltlichen nicht mehr einwandfrei trennbar erscheinen. Allerdings betonen viele Autoren auch, dass das Verschwinden von real (körperlich) erfahrbaren Widerständen in den sich mobilisierenden virtuellen Erlebniswelten der Computerspiele wiederum die sinnliche Erfahrung, Empathie und das emotionale Engagement ihrer Nutzer grundsätzlich mindere. Eine Hauptursache könnte darin liegen, dass eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt und der persönliche soziale Austausch - verstanden als Formen der Realitätskontrolle - nicht mehr in dem Ausmaße wie früher erfolgen, obwohl die Menschen medial vernetzter sind als je zuvor. So erscheinen die öffentlichen Verkehrsmittel oftmals still und reglos, trotz der Menschenmengen, welche sich zu diesem Zeitpunkt in einer Vielzahl virtueller Öffentlichkeiten kommunikativ bewegen.

    Auch der Bereich der zivilgesellschaftlichen Kommunikation ist zunehmend kommunikativen Mobilitäts- und Mobilisierungsprozessen unterworfen. Politisches Engagement und politischer Protest erscheinen auf der einen Seite flexibler, vielfältiger und gleichzeitig komplexer in ihrer Struktur, auf der anderen Seite aber auch (massen −)medienkompatibler als je zuvor. Hierbei werden nicht nur demokratiefördernde und zivilgesellschaftliche Kommunikationsprozesse wie das promintente Beispiel „Stuttgart 21 augenscheinlich, sondern auch eine Zunahme und Ermöglichung von Kommunikationsaktivitäten populistischer und rechtskonservativer Provenienz wie beispielsweise die so genannte „Identitäre Bewegung in Deutschland. Beispiele wie die in den Medien plakativ als Twitter- bzw. Facebook-Revolutionen bezeichneten Protestereignisse im Nahen Osten verdeutlichen, dass zivilgesellschaftliche Gruppen zunehmend ihre Botschaften und Kampagnen leichter und effizienter kommunizieren, damit auch in die etablierten Print- und TV-Informationsmedien hineinwirken und dadurch scheinbar große Teile der Gesellschaft sehr schnell zumindest kurzfristig mobilisieren und zur politischen Partizipation anregen können. Es ist aber auch damit zu rechnen, dass ein größeres Aufkommen viraler Protest- und/oder Kampagnenaktivitäten - wie etwa die Kampagne KONY 2012 (vgl. Wimmer 2013) - es zukünftig erschweren wird, die notwendige öffentliche Beachtung zu finden und die Themen auch auf die mediale wie politische mediale Agenda zu bringen. Problematisch daran aus aufmerksamkeitsökonomischer Perspektive ist, dass derartiger Partizipationskommunikation mit steigendem Aufkommen auf Dauer weniger öffentliche Relevanz zugesprochen wird, als es aktuell noch der Fall ist. Letztendlich verlieren damit die Sachfragen an Wert und die Darstellungspolitik und das Aufmerksamkeitsmanagement gewinnen noch mehr an Relevanz. Gerade im Zuge der Terrorbekämpfung wird in den letzten Jahren ebenso deutlich, dass staatliche Organisationen sich verstärkt bemühen, kommunikative Mobilität und Mobilisierung zu kontrollieren und zu regulieren, und hierfür ausgeklügelte Formen des Monitoring entwickeln aber auch aktiv die verschiedenen Mobilitätsmedien mit Themen und inszenierten Ereignissen bespielen.

    Die soziale Ambivalenz der gegenwärtigen kommunikativen und medialen Mobilitäts- und Mobilisierungsprozesse und damit einhergehenden Entwicklungen lässt sich an solchen Beispielen gut erkennen. Dementsprechend breit ist auch die Auswahl der Beiträge in diesem Bd. (siehe unten). Bevor wir aber den Hintergrund des Bandes skizzieren und auch einen Überblick zu den einzelnen Beiträgen liefern, wollen wir uns zunächst grundsätzlich dem Phänomenbereich Mobilität widmen - indem wir uns den Begriff und seine mögliche Übersetzung einmal genauer ansehen.

    2 Begriffskritik

    Im Rahmen wissenschaftlicher Auseinandersetzungen kommt es immer wieder zur Frage der Übersetzung und Übertragung zentraler Begriffe (insbesondere in Hinblick auf das Englische). Dies gilt selbstverständlich für beide Richtungen: es wird von der eigenen in die fremde Sprache übersetzt und umgekehrt. Wo möglich, wird pragmatisch vorgegangen und der nächstliegende - scheinbar passende - Begriff gewählt. So auch bei dem für dieses Buch zentralen Begriff: Mobilität findet in „Mobility" eine offensichtlich gute Passung. Diese scheinbare Tauglichkeit wird im Folgenden hinterfragt bzw. überlegt, inwiefern alternative Übersetzungen (bzw. Begriffe) eventuell eine neue Form des Denkens über Mobilität ermöglichen. Dieser kurze Exkurs soll dazu dienen, das konzeptionelle Werkzeug der Sprache, welches im wissenschaftlichen Alltag oft unhinterfragt genutzt wird, zumindest kurzzeitig zu beleuchten.

    Anlass für die Frage war in diesem Fall eine Dopplung: Übersetzung ist Mobilität, denn sie beinhaltet im Prinzip immer (mindestens eine) Bewegung, d. h. die Übersetzung von „Mobilität" ist eine doppelte Bewegung. In der Übersetzungswissenschaft ging es lange Zeit um die einseitige Bewegung von a (Quelle) nach b (Ziel) und die möglichst getreue Abbildung des Einen auf dem Anderen. Die Hauptaufgabe war die möglichst korrekte Übertragung vom Ausgangs- zum Endpunkt. Einen nächsten Schritt stellten dialogische Modelle dar (wie z. B. des Literaturtheoretikers Michail Bakhtin), inzwischen aber ist man auch hier bei noch komplexeren Ansätzen angelangt. Die Dynamik der (Überset- zungs- und Übertragungs −)Bewegung hat zugenommen.

    So hat z. B. die Sprachdidaktik den Begriff der Mediation im Gegensatz zur Translation eingeführt, um deutlich zu machen, dass es einen Vermittler zwischen zwei Positionen geben muss, der/die wiederum übersetzt (eine doppelte Bindung an Ausgangs- und Zieltext). Keine direkte Übertragung also, sondern ein Dazwischen - für Kommunikations- und Medientheorien eine interessante Parallele zur Frage des Medialen bzw. des Mediums. In der Akteur-NetzwerkTheorie wird zwar von Übersetzung („Translation") gesprochen, gemeint ist in diesem Zusammenhang aber ein Forum, in dem die verschiedenen Akteure zusammenfinden. Auch hier geht es somit um eine dynamische Vermittlungsposition. Noch einmal anders gelagert sind Ansätze, die aufbauend auf Deleuze und Guattari (1992) von rhizomatischen Strukturen (und damit auch Bewegungen) ausgehen. Wenn jeder Punkt eines Rhizomes mit einem anderen verknüpft werden kann (und muss), dann fallen lineare Bewegungen weg. Stattdessen stellen sich Konnektivität und mannigfaltige Multiplizität ein. Dementsprechend bietet das Rhizom eine Karte, die wiederum auch Bewegung impliziert. Soweit zur Frage der Übersetzung als doppelter Bewegung.

    So gesehen kann die Übersetzung einmal mehr, einmal weniger mobil sein. Resultat dessen sind große oder kleine Begriffsverschiebungen und damit einhergehende Bedeutungsveränderungen. Wenn wir uns nun den Begriff der Mobilität - im Deutschen wie im Englischen - anschauen, liegt diesem zunächst etwas basales zugrunde: die Bewegung („Movement). Zugleich wird in den Debatten häufig auf die grundsätzliche Frage der Motilität („Motility) verwiesen. Motilität bezeichnet die Fähigkeit zu einer aktiven Bewegung, das Bewegungsvermögen:

    „Motility can be defined as the capacity of entities (e.g. goods, information or persons) to be mobile in social and geographic space, or as the way in which entities access and appropriate the capacity for socio-spatial mobility according to their circumstances." (Kaufmann et al. 2004: 750)⁴

    Bei der Mobilität selbst wird in den Sozialwissenschaften inhaltlich auf unterschiedliche Formen verwiesen: räumliche (physiologische und physikalische) Mobilität, Mobilität im Verkehr (z. B. Elektromobilität) und Mobilität als sozialem Phänomen bzw. soziale Mobilität. Zugleich ist auch von virtueller Mobilität die Rede. Dies ähnelt den bereits genannten Mobilitätsformen Urrys. Diese Differenzierungen umfassen aber die Mobilisierung, d. h. das Potenzial zur Anregung von Bewegung, nur bedingt. Im Englischen wird Mobilisierung („Mobil- ization) primär verwendet, um auf die Mobilmachung des Militärs zu verweisen; im Deutschen hingegen ist damit auch der Erhalt der physiologischen Bewegungsfähigkeit in Krankheitsfällen gemeint (auch „Mobilisation genannt) oder auch die psychologische Mobilisierung von Kräften. Obwohl der Mobilitätsbegriff breiter angelegt ist als Bewegung und Motilität, bleibt er gerade in Hinblick auf die Frage der Mobilisierung jeglicher Art etwas offen. In dieser Hinsicht erscheint Mobilität - so paradox dies klingen mag - statisch. Hier wäre also ein Erweiterungspotenzial.

    Eine andere Ebene der Erweiterung des Mobilitätsbegriffs ist dem eben erwähnten Potenzial zum Teil gegenläufig: anstatt sich primär auf die Veränderung zu stützen, auf das, was sich bewegt, sind es auch die weniger beweglichen Tendenzen und Strukturen, die Mobilität prägen und somit mit gedacht bzw. erfragt werden müssen. Für beide Tendenzen zusammen gibt es den Vorschlag für einen alternativen englischen Begriff: „Mobilism" (vgl. Hartmann 2013). Er ist weder geläufig noch selbsterklärend, kann aber als Neuschöpfung hilfreich sein, um den Mobilitätsbegriff um die genannten Aspekte zu erweitern.

    Bis dato fand sich der Begriff (in seinem Bezug auf mobile Medien) vor allem in zwei Quellen: a) Kenichi Fujimotos Arbeiten und b) Erik Adigards Projekten. Bei dem Sozialwissenschaftler Fujimoto findet sich der Begriff „Nagara mobilism, mit dem er das Phänomen des „concurrent mobilism while doing multiactivities beschreibt (Kyoto Laboratory for Tourism and Computing 2010). Gemeint ist damit das Phänomen, dass Mediennutzer verschiedene mediale wie nicht-mediale Aktivitäten simultan vollziehen. Die „Nagara-Dimension verweist auf die Multiplizität kommunikativer wie körperlicher Aktivitäten, während der Begriffsbestandteil „Mobilism die komplexen Kontextfelder anzeigt, in denen mobile Medienpraktiken stets eingebettet sind. Diese Rahmenbedingungen können auch als ein Ausdruck spezifischer sozio-geografischer Faktoren verstanden werden (Fujimoto 2005; siehe auch Hjorth 2009: 59–60). Damit wird auf mögliche Einschränkungen von Bewegung und Bewegungsfähigkeit verwiesen (dazu unten mehr), während der Mobilitätsbegriff vor allem auf eine Überwindung bisheriger Begrenzungen verweist.

    Bei dem Multimedia-Künstler und Kommunikationsdesigner Erik Adigard klingt das Ganze noch einmal anders (und wird noch weniger erklärt als schon bei Fujimoto). Adigard griff den Begriff Mobilism in einer Installation im Jahr 2005 auf. Im Rahmen dessen definierte er das Ganze anhand der Formel „(Mobile media + Mobilization) x Momentum bzw. erklärte Mobilism als „the shared impetus of people, communication tools, and ideas (Adigard 2006). Etwas lapidar formuliert und durchaus überzogen (die Vielzahl der persönlichen Meinung wird beispielsweise als neue Währung deklariert), so steckt doch etwas in der Idee der Mobilisierung und des zusätzlichen Momentums, welches nötig ist, um das Ganze aufrecht zu erhalten bzw. überhaupt erst in Gang zu setzen. Hier findet sich also der Verweis auf die Notwendigkeit der Mobilisierung, um Mobilität entstehen zu lassen. Somit bezeichnet in dieser Hinsicht der Begriff des Mobilism auch einen Möglichkeitsraum. Bei Fujimoto wiederum deutet sich die andere Tendenz an: die komplexe Verquickung von langfristigen und kurzfristigen Veränderungen.

    Mobilism steht somit für eine analytische Kopplung der „longue duree" (Braudel 2001) mit den relevanten gegenwärtigen Veränderungen rund um die Frage der Mobilität. Es beinhaltet zugleich die Betonung der Mobilisierung als wichtigem Treiber in diesen z. T. gegenläufigen Prozessen, die mit Mobilkommunikation und kommunikativer Mobilität einhergehen. Abgesehen von den knapp skizzierten Vorläufern der Begriffsverwendung hilft ein Blick auf den Ursprung des Wortes, um seine Passung zu erklären. Denn er stammt u. a. aus der Geotektonik und beschreibt die Annahme, dass die Erdkruste frei beweglich ist und es sowohl vertikale als auch horizontale Bewegungen unter ihr gibt. Bewegungen finden hier somit in vielen unterschiedlichen Richtungen zugleich statt.

    Im Gegensatz zur Mobilität betont Mobilism die Kopplung des Möglichkeitsraumes mit seinen potentiellen Beschränkungen: Das, was sich bewegt oder bewegt wird, ist immer auch eingeschränkt. So führt die Nutzung mobiler Medien im öffentlichen Raum neben einer größeren sozialen Konnektivität auch dazu, dass die Mediennutzer ihre unmittelbare Umwelt oftmals nur eingeschränkt wahrnehmen und sie sich somit sozial isolieren. So wird beispielsweise der örtlich abwesende Kommunikationspartner dem potentiell gut erreichbaren, örtlich präsenten vorgezogen - ein Phänomen, dass bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel gut beobachtbar ist. Auf diese grundlegende „sowohl als auch"- Argumentation verweist schon implizit Urry (2007), wenn er einerseits neben den Formen zunehmender Mobilität immer auch damit verbundene Phänomene steigender Immobilität, andererseits nicht nur eine Zunahme virtueller Mobilität, sondern auch einer realweltlichen z. B. in Form von Migration und Tourismus, mit all ihren Potenzialen wie Beschränkungen diagnostiziert. Während als auch hier Ambivalenzen zu erkennen sind, so ist die Schwerpunktsetzung der longue duree doch noch fundamentaler: es sind nicht gegenläufige Phänomenentwicklungen, sondern Fragen nach den größeren menschlichen Kontexten und ihrer Veränderung, welche hier im Vordergrund stehen. Der hier skizzierte Begriff des Mobilism kann dazu dienen, die Fähigkeit mobiler Medien im Alltag in Hinblick auf ihre Möglichkeit, aber auch Beschränkung, Menschen, Dinge und Ideen zu bewegen, kritisch zu hinterfragen. Denn jegliche Bewegung ist imaginär und realweltlich zugleich - und sie bewegt sich immer in Relation zur Affordanz der Medientechnologien und zu weiter gefassten Strömungen andererseits.

    Die Übersetzung des Ganzen ins Deutsche (unser Ausgangspunkt in dieser Debatte) ergibt den Mobilismus. Kein gängiger Begriff, aber eventuell einer, den einzuführen es sich lohnt. Ein nächster Schritt wäre, ein derartiges Konzept auf seine Kompatibilität zu aktuellen Diskursen hin zu untersuchen, die im nächsten Abschnitt knapp skizziert werden.

    3 Aktuelle Debatten

    Die Kommunikationswissenschaft hat sich in Bezug auf Mobilität lange Zeit ausschließlich dem Mobiltelefon gewidmet (und das auch nur am Rande) und weniger der Frage der Kopplung von Medien, Mobilität und Gesellschaft generell. Das lange vorherrschende Desinteresse ist vor allem der (ursprünglich) interpersonalen Natur der damit geführten Kommunikation zu verdanken, welche nicht dem Interessenschwerpunkt der öffentlichen Kommunikation entsprach (vgl. einführend auch Glotz et al. 2006: 11 f.). Im Kontext einer generellen Öffnung der (deutschsprachigen) Kommunikationswissenschaft auch in Richtung nicht-öffentlicher mediatisierter Kommunikation, einer Zunahme der Nutzung digitaler Medientechnologien und der gleichzeitigen Konvergenz der Medienangebote, sind mobile Endgeräte (und deren entsprechenden Inhalte), die sowohl interpersonale als auch öffentliche Kommunikation erlauben, inzwischen in der Mitte des Faches angekommen (wie auch an diesem Band zu sehen ist). Dennoch gibt es zur grundlegenden Frage der kommunikativen Mobilität nach wie vor eher wenig - dagegen zu den eingangs skizzierten Fallbeispielen bzw. Fragestellungen der politischen oder auch unterhaltungsspezifischen Mobilisierung und Mobilkommunikation hingegen deutlich mehr (z. B. Baringhorst 2009; von Pape 2012).

    Einen zentralen Status in Hinblick auf die Fragen von Mobilität und Medien nehmen im deutschsprachigen Raum neben der Rezeptions- und Diffusionsforschung im Bereich mobiler Medien (vgl. im Überblick Wirth et al. 2007) gegenwärtig vor allem die Arbeiten im Bereich der Mediatisierungsforschung ein, welche oft Bezug auf das Konzept der kommunikativen Mobilität oder anderer translokaler/transkultureller Kommunikationsformen nehmen (z. B. Lingenberg 2010; Hepp et al. 2011). Abgesehen davon, dass sich die Begriffsvorstellung einer kommunikative Mobilität auch bei Urry findet, existiert in der angloamerikanischen Kommunikations- und Medienwissenschaft die Verknüpfung von Medien und Mobilität bereits seit längerem. Insbesondere die Arbeiten von David Morley - dem Keynote-Speaker der Erfurter Tagung - sind hier zu nennen (z. B. Morley 2001). Neueres findet sich bei Shaun Moores (2012), dem es darum geht, die Rolle der Medien in der Konstruktion von Orten (,places’) neu zu verstehen. Mobilität versteht er als einen zentralen Teil dieses neuartig lokalisierenden Prozesses.

    In den Mainstream der Kommunikations- und Medienwissenschaft hält das Phänomen der kommunikativen Mobilität mehr oder weniger erzwungen durch die zunehmende Medienkonvergenz und die Wandlungs- und Innovationsprozesse im Rahmen digitaler (Medien −)Technologien Einzug: wenn z. B. Location- based Services in den Blick geraten, kommt notwendigerweise die Frage auf, wo sich der Mediennutzer jeweils befindet, wie die Kommunikation mit der Verortung in Zusammenhang steht und sich auch im Rahmen von Bewegung (und/oder Statik) entfaltet (siehe auch den Beitrag von Eble in diesem Bd. ). Dementsprechend erscheint z. B. die Kopplung von Forschung zum urbanen Raum und zu mobilen Medientechnologien als ein viel versprechender Bereich.

    Einen deutlichen Hinweis auf die Zentralität dieser Fragestellungen (und erste Antworten) liefert die Erstausgabe der seit diesem Jahr erscheinenden kommunikationswissenschaftlichen Fachzeitschrift „Mobile Media and Communication (Sage). Sie versammelt eine große Anzahl von Forschungsstatements ausgewiesener Forscher. Allein die Bereichsüberschriften unterstreichen auf den ersten Blick die thematische Vielfalt, aber implizit auch die inhaltliche Fokussierung auf bestimmte, scheinbar klar abgegrenzte Forschungsbereiche. Denn das Mobile ergibt immer wieder eine Rahmung, die zugleich zu einer Kohärenz der Aussagen führt: „Broader issues of mobile communication studies, „Particular groups, „Technology and its potentials und „Social stakes at play". In den einzelnen Analysen werden einige Forschungsthemen behandelt, die es bereits seit Beginn der Forschung in diesem Bereich verhandelt werden wie z. B. Jugend und Mobiltechnologien; die Frage, ob diese Technologien das Sprechen oder Schreiben verändern; den Bereich Mobiltechnologien in Entwicklungsländern und Ähnliches mehr. Aber es existieren auch Verweise auf Felder, die möglicherweise in Zukunft wichtiger werden: die bereits erwähnte Frage des ortsbasierten, aber auch Fragen der Infrastruktur, der neuen Nutzungskontexte, von Intermedialität, von neuen Möglichkeiten softwarebasierter Forschungsmethoden bzw. auch zu Entwicklungen im Bereich der Mediated Reality wie z. B. Datenbrillen. Die Frage nach der Mobilität wird hier in der Tat bereits verhandelt, ja sie ist die eigentliche Motivation für die Entstehung des Journals. So verweisen die Hrsg. darauf, dass zwar die Forschung zu Mobiltelefonen der deutlichste Vorläufer ist, dies inzwischen aber weiter gefassten Fragen zu weichen scheint (von unterschiedlichen Kommunikationsmodi des Mobiltelefons über alte Formen der Mediennutzung mit neuen Technologien, aber auch soziale Fragen, die sich aus diesen Phänomenen ergeben bzw. zunehmend verwandte Forschungsfelder wie Urbanismus, Logistik oder Tourismus).

    Ein weiterer thematischer Fokus, der in den kommenden Jahren sicherlich wachsen wird, ist die Frage der mobile(n) Methode(n) und Methodologie. Dies umfasst nicht nur Methoden, welche die jeweils neuen Mobilmedien und Formen von Mobilkommunikation besser erfassen (z. B. Maxl et al. 2009), sondern auch Methoden, welche Mobilität - und auch ein Nachdenken über Mobilität - beinhalten. Im Forschungsbereich gibt es bereits die ersten Veröffentlichungen dazu (Büscher et al. 2010; Urry/Büscher 2009). Vorläufer dieser methodologischen Entwicklungen stammen vor allem aus der Ethnologie (Hartmann 2006).

    Zugleich finden sich innovative Methoden zum Teil in kleinteiligeren Beiträgen zu Forschungsprojekten. Hier sind z. B. die Arbeiten von Larissa Hjorth sehr hilfreich in ihrer Kopplung von theoretischem Gespür und reichhaltigem empirischen Material. So zeigt sie in einer Studie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nutzung von mobilen Medien im asiatischen Raum (inklusive Australiens) und stellt dabei Bezüge zu Mobilität, Domestizierung und generell der Frage des Neuen digitaler Medien auf (Hjorth 2009). In dem von ihr mit herausgegebenen Sammelband „Studying mobile media" (Hjorth et al. 2012) wiederum steht spezifisch das iphone im Mittelpunkt des Interesses. Dies unterstreicht die Spezifizität der jeweiligen Materialität dieser Medien. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld aus der Konzentration auf die spezifische Materialität der Medien einerseits und der Bewegung hin zu einer nicht allein auf Medien zentrierten Kommunikationswissenschaft andererseits (siehe z. B. Moores 2012).

    4 Mobilkommunikation und -medien als Forschungsthemen: Die Beiträge dieses Buchs

    Die von der Fachgruppe „Soziologie der Medienkommunikation der DGPuK und dem Fachgebiet „Virtuelle Welten und Digitale Spiele der TU Ilmenau organisierte Tagung zum Thema „Medienkommunikation in Bewegung: Mobilisierung - Mobile Medien - Kommunikative Mobilität fand vom zweiten bis dritten Dezember 2011 im Augustinerkloster in Erfurt statt. Diese Veranstaltung war damit der zweite Teil einer Tagungstrilogie der Fachgruppe, die den gesellschaftlichen Umgang mit Kommunikationsmedien fokussierte: (mit) Medien „entwickeln, „bewegen und „arbeiten. Der erste Workshop 2010 zielte auf die Erforschung aktueller Prozesse der Medienentwicklung, den Abschluss bildete eine Tagung zu Medien im Kontext von Arbeit, welche im Herbst 2012 in Lüneburg stattfand. Ziel des breit angelegten Workshops in Erfurt war es, die vielfältigen Dimensionen individueller wie gesellschaftlicher Mobilitäts- und Mobilisierungsprozesse im Kontext von Medienkommunikation aus einer kommunikations- und mediensoziologischen Perspektive zu diskutieren.

    Zentral in der Tagung und somit auch in diesem Band sind die Schwerpunkte zum theoretischen Verständnis sowohl von Mobilmedien und kommunikativer Mobilität (Teil 1 des Buches) als auch der engen Koppelung von Raum und Öffentlichkeit im Rahmen von Mobilkommunikation (Teil 2). In dem vorwiegend empirischen Bandabschnitt finden sich einerseits Analysen des Wandels sozialer Beziehungen (Teil 3), aber auch die vorab nicht geplanten Schwerpunkte zu gegenwärtigen Wandlungsprozessen im Bereich alltäglicher Mediennutzung und -aneignung (Teil 4) und im Bereich der Medienentwicklung und Medienwirtschaft (Teil 5) im Kontext mobiler Kommunikation.

    Die theoretischen Zugänge eröffnen ein breites, zum Teil widersprüchliches Forschungsfeld. Zu Beginn verdeutlicht Joachim Höflich, dass jegliche Nutzung mobiler Medien als eine aktive Praxis zu verstehen ist („Doing Mobility), die von sich bewegenden Menschen in öffentlichen (wie privaten) Räumen vollzogen wird. Diese Medienpraktiken sind aber nicht als autark zu verstehen, sondern werden stets von den Räumen kontextualisiert, in denen sich die Mediennutzer aufhalten. Höflich zeigt am Beispiel der Mobiltelefonie auf, wie mobile Mediennutzer diese Kontexte z. T. für sich ausblenden können und damit subjektive oder kommunikativ geteilte „Zwischenräume konstruieren, die beispielsweise über Aktivitätsmuster nachvollziehbar werden. Der Fokus von Matthias Bergliegt hingegen auf der theoretischen Verknüpfung von Technologie-, Mobilitätsund Gesellschaftswandel. Auf den Ansätzen der Individualisierungs-, Mediatisie-rungs- und Mobilitätsforschung aufbauend entwirft er einen integrativen Theorierahmen, um die alltägliche kommunikative Mobilität der Mediennutzer nachvollziehen zu können.

    Dem engen Zusammenhang von Mobilmedien, Öffentlichkeit und Raumbezügen, der z. B. aktuell in der politischen Kommunikationsforschung bei Protestanalysen zu Tage tritt, wird im nächsten Abschnitt aus unterschiedlicher theoretischer Perspektive begegnet. Im Rückgriff auf sozialkonstruktivistische und pragmatische Öffentlichkeitsansätze entwickelt Swantje Lingenberg einen Analyseansatz, der dazu beiträgt, die Konstituierung politischer Öffentlichkeit in den kommunikativen und medienbasierten Alltagspraktiken der Bürger, die sich in mobilisiert-mediatisierten Lebenswelten bewegen, nachvollziehbar zu machen. Anhand von zwei Fallbeispielen macht sie dabei die komplexe, individuell recht unterschiedlich ausfallende transnationale Entgrenzung subjektiver Öffentlichkeitsanbindungen (public connection) deutlich. Cornelia Wallner und Marian Adolf rekonstruieren in einem ersten Schritt historisch die enge Koppelung von Öffentlichkeits- und Raumvorstellungen und deren Institutionalisierung. In einem zweiten Schritt kommen sie darauf aufbauend zur Schlussfolgerung, dass die im Zuge des gegenwärtigen Wandels sich ändernden sozialen wie räumlichen Bezüge öffentlicher Kommunikation neue Koppelungen zur Folgen haben, und damit auch neue öffentlichkeitstheoretische wie empirische Fragestellungen aufwerfen, die abschließend skizziert werden. Eine beinahe schon klassisch anmutende (und gleich bleibend wichtige) Frage beschäftigt Maike Janssen und Wiebke Möhring. Sie fragen nach der individuellen Bedeutung des geographischen Raumes im Zeitalter mobiler Kommunikationsmedien. Mit Hilfe einer explorativen Befragung von neun Mobiltelefon-Nutzern gehen sie dem Einfluss der Nutzung verschiedener Gerätegenerationen auf das individuelle Raumverständnis auf den Grund. Die Ergebnisse lassen sie ein Mobilitäts-Paradox schlussfolgern, da zumindest in ihrer Fallstudie durch die Mobilkommunikation soziale wie räumliche Bezüge verfestigt werden.

    Die unterschiedlichen Facetten des mit ansteigender Mobilkommunikation einhergehenden Wandels von sozialen Beziehungen und Vergemeinschaftung werden in drei empirischen Fallstudien verdeutlicht. Joachim R. Höflich, Julia Roll und Juliane Kirchner zeigen mit Hilfe eines qualitativen Experiments recht drastisch, wie sich durch die Nutzung eines Mobiltelefons die soziale Aufmerksamkeit eines Mediennutzers reduziert. Aufgrund des von ihnen in einem Feldexperiment replizierten „Blindheit durch Unaufmerksamkeit"-Phänomens können sie weiterführende Forschungsaufgaben im Bereich mobiler Mediennutzer ausdifferenzieren. Auf der Gegenwartsdiagnose des Soziologen Richard Sennett kritisch aufbauend diskutiert Thomas Döbler sowohl theoretisch als auch empirisch, inwieweit sich durch Mobilkommunikation das Verständnis sozialer Beziehungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ändert. Einen zentralen Befund sieht er in dem sich stark verändernden subjektiven Zeitverständnis der so genannten Mobilitätspioniere. Dieser lässt ihn Konsequenzen für die Stabilität und Intensität von sozialen Beziehungen befürchten. Juliane Kirchner befasst sich in ihrer explorativen Befragung von dreizehn Studierenden und jungen Berufseinsteigern, inwieweit die mobile Nutzung von Social Network Sites (SNS ) die jeweiligen (Fern −)Beziehungen beeinflusst. Obwohl es sich zeigt, dass die Befragten ihre lokal abwesenden Partner im Alltag medial stark ,begleiten’, wird dabei die Wichtigkeit von SNS etwas überraschend von den Befragten als eher gering eingeschätzt. Kirchner erklärt den Befund dadurch, dass im Rahmen einer Paarbeziehung Medien mit einer größeren sozialen Präsenz präferiert werden.

    Im nächsten Abschnitt zeigen sehr unterschiedliche Beiträge differenziert auf, wie sehr und wie wenig zugleich sich Mediennutzungsweisen dank der mobilen Medien (und den

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