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Jims Roman
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eBook212 Seiten3 Stunden

Jims Roman

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Über dieses E-Book

Frankreich, ein abgeschiedenes Gebirgsdorf: Der künstlerisch veranlagte, aber sich als Zeitarbeiter verdingende Aymeric verliebt sich in Florence. Sie ist fünfzehn Jahre älter als er und nach einer Affäre hochschwanger. Kaum auf der Welt, wird der kleine Jim für Aymeric zum Lebensmittelpunkt, zur Kraftquelle des Glücks. Jahre später jedoch taucht der leibliche Vater, Christophe, auf – er hat Ehefrau und Kinder bei einem Unfall verloren.

Florence entscheidet sich für Christophe, drängt Aymeric zurück und verhindert durch geschicktes Lügen jeglichen Kontakt zu Jim. Dieser sucht Jahre später seinen einst geliebten Stiefvater auf. Aymeric muss sich entscheiden, ob er die Wahrheit über den für beide so schmerzlichen Bruch aufdecken und die Mutter entlarven will …

Pierric Bailly führt uns in die Lebenswelten des Jura, seine Dörfer und Städte, in die kaum porträtierte Realität von Zeitarbeitern, die sich nicht mehr mit der traditionellen Arbeiterklasse identifizieren. Mit seiner dem Milieu abgelauschten Sprache und emotionaler Tiefenschärfe lässt er uns die innersten Prozesse seiner Figuren miterleben und zeichnet ein ergreifendes Bild der französischen Provinz. »Ein Meisterwerk«, wie Frankreichs Presse einstimmig diesen Roman feiert.
SpracheDeutsch
HerausgeberSecession Verlag
Erscheinungsdatum7. März 2022
ISBN9783907336168
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    Buchvorschau

    Jims Roman - Pierric Bailly

    1

    Florence ist mit siebzehn von zu Hause weg, ohne ihre Ausbildung zur Optikerin an der Victor-Bérard in Morez zu beenden, Brillen gingen ihr am Arsch vorbei, das Internat ödete sie an, und in ihrer Klasse fühlte sie sich niemandem verbunden. Ihre Eltern sah sie fast gar nicht mehr, die Wochenenden verbrachte sie alle mit Martial, und es konnte vorkommen, dass die beiden mehrere Hundert Kilometer im Transporter schrubbten, um ein Konzert zu besuchen oder Kumpels in der Ardèche oder den Alpen, doch meistens setzten sie keinen Fuß vor Martials Tür und verbrachten ihre Tage mit Rauchen und Trinken, mit Ficken – sie hatte immer ficken gesagt, niemals vögeln oder Liebe machen –, mit Fernsehen auch, aber nur Filme, keine TV-Sendungen, VHS-Filme auf Martials wuchtiger Glotze, die vor seinem Bett aufgestellt war in diesem großen, abgeschiedenen Keller, dem Untergeschoss des Einfamilienhauses, ein fensterloser Raum, den weder die Eltern noch Martials kleiner Bruder je betreten durften. Die Wände waren überall mit Postern beklebt, The Doors, Pink Floyd und, lokal verwurzelt, Hubert-Félix Thiéfaine, von dem es auch ein Poster des ersten Konzerts gab, das Florence miterlebt hatte, in Besançon, im Styx. Sie hatte sich auf die Bühne setzen müssen, hinter die Musiker, an die Rückwand, so gerammelt voll war es gewesen. Martial war etwas älter als sie, und als er ihr eines Tages von der Idee erzählte, der Gegend den Rücken zu kehren und im Transporter zu wohnen, wollte sie prompt, schon tags darauf, Ernst damit machen. Und eigentlich haben sie genau das getan. Fast fünfzehn Jahre lang tourten sie kreuz und quer durch Frankreich, je nachdem, welche Baustelle gerade für Marti anstand, der seine Ausbildung immerhin abgeschlossen hatte, eine Ausbildung zum Steinmetz, was ihm Arbeit in der Instandsetzung denkmalgeschützter Orte und Bauten bescherte. Wenn sie für ein halbes Jahr mal irgendwo sesshaft wurden, liehen oder mieteten sie sich ein kleines Haus, den Rest der Zeit schliefen sie in ihrem umgebauten VW-Bus. Sie haben Hunde gehalten, und manche verloren; vor allem Flo kümmerte sich um die Köter. Sie fand Arbeit als Saisonkraft, erntete Obst oder kellnerte im Restaurant. Zweimal im Jahr rief sie ihre Eltern an, allerdings nur, um die wissen zu lassen, dass sie noch lebte. Das Telefonat dauerte höchstens fünf Minuten, sie stellte ihnen keinerlei Fragen. Sie hielt es für eine nette Geste, fand, dass nicht jeder an ihrer Stelle so aufmerksam gewesen wäre. Dabei war es Martial, der sie gedrängt hatte, sich bei ihnen zu melden, so, wie er es auch bei den Seinen tat.

    Flo war in Les Trois Cheminées aufgewachsen, einem von mehreren Weilern auf dem Hautes-Combes-Plateau im Haut-Jura. Der alte Hof ihrer Eltern befand sich direkt am Startpunkt der Langlaufpisten, sodass man im Winter, an Wochenenden mit schönem Wetter, schon mal fünfzig Autos zählen konnte, die an der Straße unterhalb des Hauses parkten. Im Sommer übernachteten die wenigen Wanderer in den umliegenden Hütten, was um einiges erträglicher war. Wenn sie mit Marti durch die Lande fuhr, verschwendete sie keinen Gedanken an ihre Gebirgskindheit, sie betrachtete sie nicht als Teil desselben Lebens, sie hatte, viel eher als den grünen Weiden und Fichtenwäldern, der Familie die kalte Schulter gezeigt. Ganz früh schon hatte sie Abstand von ihren Eltern nehmen wollen, daher auch die Berufsfachschule in Morez statt in Saint-Claude, der nächstgelegenen Stadt. Sie hatten ihr freie Wahl gelassen. Hatten vor ihrer Tochter nie die Beherrschung verloren. Sie gehörten bestimmt nicht zu denen, die sich jammernd fragen, was sie dem lieben Gott denn getan hätten, um so etwas zu verdienen. Sie hatten sie sogar ermuntert, allein klarzukommen, sich ohne sie durchzuschlagen, was Florence dann auch eins zu eins umgesetzt hatte. In all den Jahren auf Achse, wie man damals zu sagen pflegte, hielt Flo ihnen bisweilen, auch wenn sie, was die beiden verkörperten, nach wie vor verabscheute, eine gewisse Flexibilität zugute, von Offenheit zu sprechen, wäre übertrieben, doch zumindest hatten sie ihre Tochter nicht zurückgehalten, sie nicht gebremst, nein, sie hatten sie nicht daheim eingesperrt, sie nicht gezwungen, einem von der eigenen Angst vor der Welt und dem Leben abgesteckten Pfad zu folgen, und so mochten Flo sogar Anflüge von Zärtlichkeit überkommen, Gefühle für sie, die bruchstückhaft aufkamen, oder vielmehr schubweise, zum Beispiel, wenn sie sich mit Marti zoffte und mal ihren Vater, mal ihre Mutter durch sich schimpfen hörte, die beiden in ihren eigenen Reaktionen, ihren eigenen Worten wiedererkannte. Sie hatte diese ruppige Art übernommen, ließ sich wie ihre Eltern nichts gefallen, sich nicht unterbuttern. Die beiden wirkten, zumindest nach außen hin, nicht unterwürfig, sondern wie harte Hunde, wie aktive, umtriebige Leute mit einer großen Klappe, keineswegs schweigsam oder unscheinbar.

    Das Ganze ging fünfzehn Jahre, bis Flo und Marti beschlossen, sich zu trennen, weil zu viel Streit, aber auch zu viel Alkohol, zu viel Rausch, zu viel Verrücktheit auf beiden Seiten – es geschah einvernehmlich, verstand sich für beide von selbst, sie wussten, sie würden sich gegenseitig umbringen, wenn sie noch länger zusammenblieben, was kein bloßes Gerede war, nein, sie würden es wirklich tun –, und so ist Florence in den Schoß der Familie zurückgekehrt. Sie brauchte das, und zwar viel eher, als bei Freunden auf der Couch zu pennen, sie brauchte den klaren Schnitt, einen anderen Rhythmus und Rahmen und Umgang, und es tat ihr gut. Sie freute sich, ihre Eltern wiederzusehen, sie wiederzufinden, wieder einen Fuß ins Haus ihrer Kindheit zu setzen und in dieses Umfeld, vor dem sie als Jugendliche die Flucht ergriffen hatte. Wobei es weniger um Versöhnung ging, da das, was hier vorlag, ein klarer Fall von Regression war: In den ersten Tagen hatte sie sich wirklich als das kleine Mädchen erlebt, das Trost in den Armen von Mama und Papa suchte. Das mit Martial war so schlimm geworden, es war so schwer gewesen am Ende, sie war völlig ausgebrannt aus dieser Beziehung raus und brauchte jetzt nur die Wärme des trauten Heims, den umhüllenden Kokon, die beruhigende Wirkung einer Welt, in der alles begonnen hatte und in die sie nun zurückgekehrt war, und die sich eigentlich kaum verändert hatte, eine Rückkehr ohne blaues Wunder, ein Schritt, der ihr keinerlei Anstrengung abverlangte, der folgerichtig war, das Gegenteil des Lebens mit Martial. Das Gegenteil dessen, was sie mit ihm zusammen immer geliebt, wertgeschätzt hatte: das drängende Bedürfnis auszugehen, in Bewegung zu bleiben, Leute zu treffen, immer neue Leute. Das Gegenteil einer furchtlosen, waghalsigen Entscheidung, wirklich nullkommanull Prozent Abenteuer, und seltsamerweise war ihr das nicht zuwider. Bei ihren Eltern verhielt sie sich, wie sie es vielleicht nie mehr getan hatte seit ihrem neunten oder zehnten Lebensjahr, sie ließ sich knuddeln und küssen. Was ihre Eltern auch gut konnten; sie verwöhnen, sie verhätscheln. Sie waren weder gefühlskalt noch zurückhaltend, sondern mitteilsame, liebevolle Leute. Natürlich waren sie Idioten, aber eben nicht nur. Zum ersten Mal war Florence fähig, nicht bloß ihre Scheuklappenmentalität zu sehen, ihre, wie sie es stets ausdrückte, angeborene Dummheit. Gut, man vermied es, heikle Themen anzusprechen, schaltete weder Radio noch Fernseher ein, und der Vater zog sich zurück, um heimlich durch die Zeitung zu blättern; auf beiden Seiten wusste man, dass es etwas zu bewahren gab, versuchte, die Gnadenfrist möglichst auszudehnen, den besonderen Moment galt es auszukosten. Was auch ziemlich gut klappte. Florence ist fünf Monate bei ihnen geblieben, fünf streitfreie Monate, fünf friedliche Monate in diesem Dorf, das keines ist, eher eine Gemeinde, die sich aus einer Summe von Weilern zusammensetzt, wo selbst die Bürgermeisterei ein alleinstehender Bau ist.

    Nach fünf Monaten beschloss sie, aktiv zu werden, bloß entfernte sie sich diesmal nur einen Katzensprung. Sie fand einen Job als Kassiererin in Saint-Claude, wo sie eine kleine Wohnung mietete, im Zentrum, in der Rue du Pré, gegenüber vom Musikgeschäft. In den ersten Wochen überkam sie zeitweilig Panik, sie fragte sich, was sie wohl geritten hatte, sich hier einzuigeln, in dieser finsteren Stadt, dieser isolierten, dieser winzigen und leichenblassen Stadt, die sie zurückwarf auf ihre Schülerjahre, aber selbst wenn sie, wie ihr nach einigen Wochen klar wurde, zufällig auf bekannte Gesichter traf, einen Händler, einen ehemaligen Klassenkameraden, so war sie doch nicht mehr diese Schülerin, nicht mehr diese Göre, tja, die Zeit hatte vor niemandem Halt gemacht, egal was man auch sagte, und so fand sie rasch neue Orientierungspunkte, die Stadt begann für sie auf andere Art zu existieren, ihr Alltag einer berufstätigen Frau in den Dreißigern überlagerte Stück für Stück die Erinnerungen aus ihrer frühen Jugend, und letzten Endes ging es weder um die Rückkehr zu den Wurzeln noch um einen abermaligen Fortgang, sondern schlicht um ein neues Kapitel in ihrem Leben.

    Damals traf ich sie auch zum ersten Mal, auf der Arbeit, im Casino-Markt. Mit ihrem Look und den Piercings – an beiden Ohren fast ein Dutzend, eins an der Lippe und eins am Kinn – hob sie sich klar von ihren Kolleginnen ab. Sie wirkte vor allem weniger oma-, weniger damenhaft, weniger erwachsen als manche andere, die sogar jünger waren als sie. Trotz des Altersunterschieds haben wir uns gut verstanden, wir freuten uns, wenn wir uns über den Weg liefen, um fünf Minuten bei einem Kaffee zu quatschen. Unsere Gespräche waren keineswegs hochtrabend, wir unterhielten uns nur über die Arbeit, aber mir gefiel ihre Energie, ihr Elan, mir gefiel, dass sie nur so sprudelte, sich widersprach und verstrickte, ich hörte ihr gern zu. Als Kassiererin machst du deinem Unmut über die Kunden Luft, über zu langsame Kunden, unhöfliche Kunden, Kunden, die dastehen und dir von oben in den Ausschnitt glotzen oder den Moment abpassen, wo du dich auf deinem Kassenstuhl drehst, und zack, der schnelle Blick, um drei Zentimeter Schenkel zu erhaschen, die unterm Rock hervorlugen, Kunden, die aus dem Maul und unter den Achseln stinken, Kunden, die im wahrsten Sinne des Wortes genauso schmutzig sind wie ihr Geld, diese Kunden mit ihren Händen und ihren Münzen und ihren speckigen Scheinen … Den lieben langen Tag lang schenkst du ihnen dein falsches Lächeln und wünschst ihnen noch einen schönen Nachmittag, obwohl dir ihr Leben am Arsch vorbeigeht, und außerdem weißt du, dass es an deinem Monatsgehalt nix ändern wird, ob du nun höflich bist oder nicht, aber du fügst dich, gehört halt zum Job dazu. Und dann bist du manchmal gut gelaunt und würdest einen Kunden sogar, nach Aushändigung des Kassenbons, gern auf ein Gläschen einladen, den Moment noch etwas in die Länge ziehen, aber der nächste Kunde wartet schon, du hast nie Zeit, mal einen von ihnen kennenzulernen, und solltest du ihn schon kennen, kannst du nie mehr als zwei, drei banale Sätze über die Familie oder das Wetter wechseln, und selbst da bist du schon glücklich, hast das Gefühl, einen unglaublich intimen Moment mit deinem Kumpel oder deinem Nachbarn erlebt zu haben, deinem ehemaligen Mathelehrer aus der Mittelstufe, der seinen Einkaufswagen inzwischen Richtung Auto schiebt, während du wieder dazu übergehst, deine scheiß Barcodes zu scannen, piep piep piep, sieben, acht, neun Stunden am Tag, piep piep piep, nicht mal Spielraum bleibt dir, um gedanklich abzuschweifen, du musst dem Kunden den Betrag nennen, ihm eine Tüte geben und warum nicht gleich ein Autogramm dazu?, ihm manchmal sogar beim Einpacken helfen, so überfordert ist der Arme mit seinen heulenden Rotznasen und den sich auftürmenden Artikeln, woraufhin du vier Sekunden verschnaufst, und bevor du dann wieder loslegst, blickst du schnell noch auf deine Uhr, um zu prüfen, wie lang es noch hin ist, bis du endlich deine Pause hast, denn du sehnst dich nach ihr, sehnst sie jeden Tag mit derselben Ungeduld herbei, deine Kaffeepause, in der du Bekanntschaft mit dem wirklich netten kleinen Leiharbeiter schließt, dem du all den Stress deiner Schicht klagst, und wenn du dann auf deinen Posten zurückkehrst, wird dir klar, dass du nicht mal Zeit hattest, dich für ihn zu interessieren, für sein Leben, sein mickriges Studentenleben, ach, ja? Bist nur für den Sommer hier, was? Und was studierste so? Doch zu spät. Zeit ist um. Weiter geht’s. Dann vielleicht ein andermal. Ich werd versuchen, nicht so geschwätzig zu sein. Doch das war sie jedes Mal, und nein, es störte mich nicht. Ich glaube, sie beeindruckte mich. Ich fand sie einnehmend, irgendwie faszinierend. So drei-, viermal hatten wir uns in diesem Sommer unterhalten, nicht häufiger. Im folgenden Sommer wurde ich woandershin beordert, bekam neue Aufgaben, Fabrikarbeit. Und bei Casino ging ich nicht einkaufen, war nicht meine Ecke, zumal ich ja auch mein eigenes Leben hatte, mein Leben in Besançon, mein Studentenleben und dann natürlich mein Liebesleben, ich hatte Jenny. Sodass Florence rasch verblasste. In den folgenden Jahren hab ich kaum an sie gedacht, ich hatte andere Sorgen. Moment, ich muss nachrechnen … Sieben Jahre, ja, sieben. So viel Zeit ist zwischen diesem ersten Treffen und unserem Wiedersehen verstrichen.

    2

    Sieben Jahre später also. Es war nach einem Konzert im La Fraternelle. Wir hielten beide einen Plastikbecher in der Hand, sie trug einen weiten Mantel, weshalb ich nicht gleich merkte, dass sie schwanger war. Es war allerdings auch Februar, alle waren dick angezogen. Und außerdem war ich abgelenkt, nicht besonders aufmerksam, da ich mich in erster Linie fragte, ob sie über mich Bescheid wusste. Doch wie die meisten Leute, denen ich begegnete, seit ich ab und an wieder ausging, schien auch sie nicht informiert zu sein. Oder sie konnte gut schauspielern. Sie lächelte mich an, sie freute sich, mich zu sehen, und war sichtlich überrascht, dass ich mein Studium abgebrochen hatte. Damit sie mich nicht weiter über meinen Werdegang ausquetschte, stellte ich schnell die Gegenfrage: Und bei dir? Woraufhin sie den Mantel öffnete und ich ihr rundes Bäuchlein entdeckte. Sie war im sechsten Monat. Ihre erste und wahrscheinlich letzte Schwangerschaft, sie war gerade vierzig geworden. Sie lebte allein. Und die entsprechende Frage hat sie mit einem einfachen, knappen Satz abgewehrt: Es gibt keinen Vater. Ich bohrte nicht weiter nach. Bei Casino hatte sie schon vor Jahren aufgehört, war nur ein Jahr geblieben, hatte dann ihren Abschluss als Externe nachgeholt, drei Jahre Ausbildung zur Krankenschwester drangehängt und arbeitete inzwischen in der Klinik in Oyonnax. Sie wohnte noch immer in Saint-Claude, und als uns klar wurde, dass wir fast Nachbarn waren, machten wir uns gemeinsam auf den Heimweg. Sie lud mich auf einen Drink zu sich ein, und als ich wieder auf die Straße trat, war’s schon nach drei Uhr morgens. Tags darauf rief ich Romu an, um ihm alles zu erzählen.

    Dass sie fünfzehn Jahre älter war als ich, war ihm egal, aber dass sie schwanger war, konnte er nicht fassen. Alter, du hast mit ’ner Schwangeren geschlafen! Hat’s dich nicht gestört, dass sie schwanger ist? Ich mein, der Bauch, hat der dich nicht gestört? Haste ihren Bauch berührt? Haste dich getraut, die Hände draufzulegen? Und hast du’s gespürt? Das Baby mein ich. Hat’s dich gekickt? Aber ich wich ihm nur aus, weil ich nicht auf technische Details eingehen, ihm bestimmt kein genaues Bild zeichnen wollte. Ich hatte keine Lust, unsere Körper ins Spiel zu bringen, ihren nicht und erst recht nicht meinen, meinen nackten Körper, der den nackten Körper einer Frau berührt, für dessen Unförmigkeit ich nichts konnte, unsere zwei nackten, unbeholfenen Körper, und die ganzen Vorkehrungen, die es mit sich brachte, weil wir zum ersten Mal miteinander schliefen, und sie sich auch nicht frei bewegen, sich weder so hinlegen noch mich so aufnehmen konnte, wie es ihr lieb gewesen wäre. Ich antwortete Romu bloß, dass es mich nicht gestört hätte, nein, kein bisschen, dass es mir problemlos gelungen sei, ihren Bauch und das, was sich in ihm befand, zu vergessen – was glatt gelogen war, tatsächlich hatte ich mich damit sehr schwergetan. Romuald schien mich jedenfalls zu bewundern. Du hast echt die Gabe, dich in verrückte Geschichten zu verstricken. Womit er diesmal nicht unrecht hatte.

    Er spielte natürlich auf Titi und Odile an, aber auch auf Léa. Ich hatte Romu viel von Léa erzählt. Einer megahübschen jungen Frau, die sich immer heiß angezogen, aber nie gewollt hatte, dass ich sie bei Licht nackt sah. Sie hatte noch nicht einmal gewollt, dass ich sie in Unterwäsche sah, selbst an einen gemeinsamen Tag

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