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Schlüsselwerke der Systemtheorie

Schlüsselwerke der Systemtheorie

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Schlüsselwerke der Systemtheorie

Länge:
1.045 Seiten
11 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Nov. 2020
ISBN:
9783658306335
Format:
Buch

Beschreibung

Die Systemtheorie ist ein Versuch, Beschreibungen für Phänomene zu finden, die weder so einfach sind, dass sie kausal, noch so zufällig, dass sie statistisch beschrieben werden können. In der Systemtheorie geht es um Phänomene der Selbstorganisation und um die Frage, wie der Beobachter mit einer Begrifflichkeit ausgestattet werden kann, die es ihm erlaubt, zu begreifen, dass er mit seinen Beschreibungen ein Teil der Welt ist und nicht in einem unbestimmten Außerhalb agiert.


Herausgeber:
Freigegeben:
23. Nov. 2020
ISBN:
9783658306335
Format:
Buch

Über den Autor


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Schlüsselwerke der Systemtheorie - Springer VS

Hrsg.

Dirk Baecker

Schlüsselwerke der Systemtheorie

3. Aufl. 2021

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Logo of the publisher

Hrsg.

Dirk Baecker

Universität Witten/Herdecke, Witten, Deutschland

ISBN 978-3-658-30632-8e-ISBN 978-3-658-30633-5

https://doi.org/10.1007/978-3-658-30633-5

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://​dnb.​d-nb.​de abrufbar.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2005, 2016, 2021

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Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral.

Planung/Lektorat: Cori Antonia Mackrodt

Springer VS ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein Teil von Springer Nature.

Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany

Vorwort zur dritten Auflage

Der Anlass zu dieser dritten Auflage der Schlüsselwerke der Systemtheorie ist die Korrektur eines Druckfehlers, auf den mich Malte Jessen aufmerksam gemacht hat. Ausgerechnet in die Übersetzung des „law of calling" in Louis H. Kauffmans Beitrag über George Spencer-Browns Laws of Form hatte sich ein „nicht" zu viel hineingeschmuggelt. Der Wert einer nochmaligen Nennung ist nicht nicht der Wert der Nennung, sondern er ist der Wert der Nennung. Inwieweit dies tatsächlich gilt oder auch möglicherweise nicht gilt, kann man auch an der Systemtheorie und ihren Schlüsselwerken studieren. Mit jeder erneuten Nennung der Systemtheorie ändert sich ihr Wert, da der Kontext ein anderer ist, in dem sie aufgerufen wird, eine Erinnerung an ihre sich laufend ergänzende Geschichte mitläuft und die Erwartungen sich ändern, die sich an sie richten. Andererseits jedoch handelt es sich noch immer um die Systemtheorie, deren Ausgangspunkt einer Unterscheidung von System und Umwelt nicht zur Disposition steht. Insofern ändert sich der Wert ihrer Nennung nicht.

Im „law of calling steckt daher eins der Hauptprobleme, mit denen sich die Systemtheorie beschäftigt. Wie kann sich ein System als dieses System erhalten, wenn es sich von Ereignis zu Ereignis mit einer Umwelt auseinandersetzt, die sich laufend ändert? Welchen Status hat eine Identität, die auf einer Nicht-Identität beruht? Man kann es sich einfach machen und immer dann von „Identität sprechen, wenn Kontinuität aus Diskontinuität gewonnen wird. Eine Identität wäre dann eine Generalisierungsleistung, die durch die spezifische Differenz der Situationen, über die sie sich hinwegsetzt, nicht widerlegt, sondern herausgefordert und bestätigt wird. Man hat das Problem dann jedoch nur mithilfe einer Definition gelöst und hätte die eigentliche Arbeit, diese Generalisierungsleistung im Gegenstand aufzuzeigen, noch vor sich.

Aber genau das ist der wissenschaftliche Status einer Theorie. Man wirft begriffliche Probleme auf, um im Gegenstand nach deren Lösung zu suchen. Genau so versteht die Systemtheorie ihre empirische Arbeit.

Ich habe diese dritte Auflage genutzt, um die für die zweite Auflage gefundene Gliederung zum einen zu bestätigen und zum anderen zu ergänzen. Der eine oder andere Titel ist hinzugekommen, weil er nach dem Erscheinen der zweiten Auflage erschienen ist. Das gilt für Fritz B. Simons Buch über Formen (2018), das als maximaler Test auf die Frage verstanden werden kann, welche Identitäten sich in den grundlegenden Aussagen der Systemtheorie festlegen lassen. Und es gilt für James Lovelocks Buch über das Novacene (2019), in dem die Identitätsfrage wiederum anders gelöst wird, nämlich mithilfe eines Verweises auf den Superorganismus Erde, genannt Gaia, für den sich die Reproduktionsfrage schon deswegen nicht stellt, weil er bereits 4 Mrd. Jahre alt ist. Stattdessen stellt sich die Frage, ob das Universum in jener Menschheit, in der es bisher zum Bewusstsein seiner selbst gekommen ist, bereits zu einem hinreichenden Bewusstsein gekommen ist. Möglicherweise bewährt sich die Erde als dynamisches System erst darin, dass sie eine künstliche Intelligenz hervorbringt, die in der Lage ist, den wegen seiner zu großen Nähe zur Sonne überhitzten und sich mit menschlicher Hilfe immer mehr überhitzenden Planeten auch weiterhin hinreichend zu kühlen.

Darüber hinaus habe ich die Gelegenheit genutzt, einige Lücken in den bisherigen Abschnitten zu füllen (Allen Newell und Herbert A. Simon, Human Problem Solving), wichtige soziologische beziehungsweise sozialwissenschaftliche Texte zu ergänzen (George P. Richardson, Feedback Thought in Social Science and Systems Theory; Kenneth D. Bailey, Sociology and the New Systems Theory; Stephan Fuchs, Against Essentialism; Helmut Willke, Symbolische Systeme; und Richard Jung, Experience and Action) und einen neuen Abschnitt zu den Künsten und zu den Literaturwissenschaften aufzunehmen (Niels Werber, Literatur als System; Matthias Prangl und Henk de Berg, Kommunikation und Differenz; Natalie Binczek, Im Medium der Schrift; Harry Lehmann, Flüchtige Wahrheit der Kunst; und Bruce Clarke, Neocybernetics and Narrative). Nach wie vor gilt das Prinzip, die jeweiligen Schlüsselwerke zu würdigen, aber auch die Forschungsperspektiven der jeweiligen Kommentatoren zu ihrem Recht kommen zu lassen. Nach wie vor handelt es sich um Schlüsselwerke nicht nur der Systemtheorie, sondern mehr noch für bestimmte Autoren, die nach wie vor in der Systemtheorie grundlegende Ansätze und offene Fragen sehen.

Der gemeinsame Nenner dieser Ergänzungen ist ein Interesse an Formalisierung. Newell und Simons Versuch der Programmierung eines General Problem Solver auf der Grundlage von Überlegungen zur künstlichen Intelligenz in den 1970er Jahren hat in der Systemtheorie seither keine Nachfolge gefunden. Aber keines der Schlüsselwerke ist frei von Versuchen, Grundgedanken („Identitäten oder auch „Invarianzen) festzuhalten, die sich in der Analyse von Systemen aller Art bewähren. Mit Richardson wäre das der Gedanke der Rückkopplung, mit Bailey die Konzepte der Negentropie und Autopoiesis, mit Stephan Fuchs die Rekursivität der Selbstbeobachtung, mit Willke die in Prozessen der Symbolisierung festgehaltene Differenz lebender, psychischer und sozialer Systeme und mit Jung das Prinzip einer maximal möglichen Reduktion von Uneigentlichkeit. So auch das künstlerische und literaturwissenschaftliche Interesse an der Systemtheorie. Hier geht es durchaus nicht nur darum, der Systemtheorie den Einwand einer Nichtmodellierbarkeit hermeneutischer Prozesse des Verstehens entgegenzusetzen. Sondern es geht ganz im Gegenteil um Prozesse der Bewährung, Gestaltung und Veränderung von Identitäten unter nicht nur widrigen, sondern kreativ-produktiven Bedingungen. Wenn Niklas Luhmann in einer seiner radikalsten Formulierungen schreibt, dass Kommunikation keine Inhalte, sondern Differenzen kommuniziert (zum Beispiel die Differenz zwischen Form und Medium, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 195, aber das gilt auch für die Differenzen von Kommunikation und Bewusstsein, Variation und Selektion, Komplexität und Selbstbeschreibung oder auch analogen und digitalen Anschlüssen), dann ist dies für Fragen nach den Spezifika ästhetischer Wahrnehmung zwar möglicherweise besonders einleuchtend, aber für Fragen der Reproduktion von Funktionssystemen oder organisierten Systemen nicht minder gültig. Insofern schult sich im Umgang mit den Künsten eine Wahrnehmung, die auch andernorts ihren Platz hat – und nicht etwa die Künste gegenüber anderen Systemen der Gesellschaft privilegiert.

Das gemeinsame Interesse an einer über ein differentielles Verständnis von Identitäten laufenden Formalisierung ist jedoch genau das, ein Interesse. Es findet in der Mathematik rekursiver Funktionen von Heinz von Foerster, in der Kybernetik der Polykontexturalität von Gotthard Günther und im Indikationenkalkül von George Spencer-Brown zwar weiterhin anregende Anhaltspunkte, aber auch nicht mehr als das. Die Zeiten, in denen Ludwig von Bertalanffy sich die Systemtheorie als ein System von Differentialgleichungen vorstellen konnte, sind vorbei. Fortschritte im Maschinenlernen verdanken sich dem Einsatz raffinierter statistischer Methoden, wenn nicht sogar dem expliziten Verzicht auf systemtheoretische Modelle, wie man es etwa an der Systembiologie studieren kann. Die Entwicklung der Systemtheorie verharrt an der Schwelle zur Modellierung von Selbstreferenz.

Nicht zuletzt ist darauf hinzuweisen, dass es zu den vornehmsten Eigenschaften der Systemtheorie gehört, auch und gerade in ihrer Arbeit an den Grundbegriffen Raum für Ausbruchsversuche zu haben, so als sei kein System vollständig, wenn es nicht seine eigene Negation, seine eigene Unvollständigkeit enthält. Im Formbegriff von George Spencer-Brown wird das explizit, doch es kennzeichnet so frühe Auseinandersetzungen wie jene von Ludwig von Bertalanffy, der, wie Gerard de Zeeuw in seinem komplett neu gefassten Beitrag zeigt, den Begriff des Systems nur für die zweitbeste möglicher Lösungen im Umgang mit dem viel grundsätzlicheren Problem der Modellierung strategischen Handelns gesehen hat, wie so späte Auseinandersetzungen wie jene von Stephan Fuchs, der, wie Maren Lehmann in ihrem Beitrag zeigt, den Begriff der Kultur gegen jenen der Gesellschaft ausspielt und dem Systembegriff nur eine Chance gibt, wenn es ihm gelingt, sich auch anhand von Phänomenen durchzusetzen, die möglicherweise eher mit dem Netzwerkbegriff abgebildet werden können.

Dirk Baecker

Vorwort zur zweiten Auflage

Zehn Jahre sind seit der ersten Auflage der vorliegenden Kommentare zu Schlüsselwerken der Systemtheorie vergangen. Für den langen Atem der Systemtheorie ist dies keine nennenswerte Zeit. Und doch stellt sich die Systemtheorie in den Varianten, in denen sie hier verhandelt wird, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in meinen Augen anders dar als vor zehn Jahren. Nach wie vor konzentriert sich die Diskussion auf den deutschsprachigen Raum. Und nach wie vor sind es vor allem die Anwendungsfelder der Soziologie, der Managementlehre und der Therapie und Beratung, in denen die meisten Aktivitäten zu verzeichnen sind. Bahnbrechende neue Systemmodelle sind nicht zu verzeichnen.

Und doch schälen sich einige Schwerpunkte der Arbeit an und mit der Systemtheorie deutlicher und, wenn ich das so sagen darf, unaufgeregter heraus als noch vor zehn Jahren. Das gilt zum einen für die bereits von Niklas Luhmann formulierte Vermutung, dass die Systemtheorie dank ihrer Rezeption der Laws of Form von George Spencer-Brown eine noch allgemeinere Analyseebene erreicht, auf der die System/Umwelt-Unterscheidung nur ein Fall jener „nur einseitig verwendbaren Zweiseitenformen" ist, für die es auch andere Fälle gibt, etwa die Unterscheidungen von Zeichen und Bezeichnetem oder von Ding und Medium (Luhmann 2002, S. 76). Luhmanns Buch Die Gesellschaft der Gesellschaft, dem Lars Qvortrup in der vorliegenden Auflage einen Kommentar widmet, ist dafür das nach wie vor wegweisende Beispiel. Die Systemtheorie kann nur gewinnen, wenn sie „Komplexität als Formprinzip" (Helmut Willke, in diesem Band) ernst nimmt und mit anderen Strängen der Komplexitätsforschung sowie anderen Formen von Differenztheorien in Verbindung setzt.

Zum anderen hat nicht zuletzt die nach wie vor intensive Auseinandersetzung der Managementlehre und Organisationswissenschaft mit der Systemtheorie (siehe nur Wimmer/Meissner/Wolf 2009) dazu geführt, dass zumindest die hier vertretenen Versionen der Systemtheorie eher noch vorsichtiger in ihrem Anspruch geworden sind, Systeme modellieren und simulieren zu können. Die Systemtheorie ist immer noch genug Kybernetik, um nach wie vor davon fasziniert zu sein, Systeme auch bauen und auch zum Laufen bringen zu können. Und sie ist genug Kybernetik zweiter Ordnung, um sich immer wieder auf die Position zurückzunehmen, dass den untersuchten Systemen ihre Selbstorganisation und Autopoiesis wesentlich besser gelingt, als es je ein Beobachter wird nachzeichnen können. Man will die Systeme rechnen sehen, wenn man ein Systemtheoretiker ist. Und doch ist die gegenwärtige Stimmung der Systemtheorie eher dadurch gekennzeichnet, dass man den eigenen Rechnungen, nicht zuletzt jenen im Medium des Texts, auf die Spur kommen möchte, um sie als Paradigma formulieren zu können, das es erlaubt, Systeme nicht zu modellieren und zu simulieren, sondern zu ihnen und in ihnen hinreichend komplexe Beobachterpositionen aufbauen zu können.

Nach wie vor ist es die konstituierende Paradoxie der Systemtheorie in den hier vorliegenden Fassungen, die Selbstreferenz des Gegenstands zu postulieren. Aber auch hier ist man vorsichtiger geworden. Das Axiom Luhmanns, dessen „Überlegungen" in Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie davon ausgingen, „dass es Systeme gibt (1984, S. 30) und dass zu diesen nicht nur soziale, sondern auch selbstreferentiell soziale Systeme gehören, wird in der empirischen Arbeit der soziologischen Systemtheorie nach wie vor verfolgt, doch treten daneben andere Versionen der Selbstreferenz, die nicht darauf warten, irgendwann im Gegenstand auf den Beobachter zu stoßen, der diesen Gegenstand untersucht (so die Empfehlung Luhmanns ebd., S. 30 f.), sondern den Beobachter von Anfang an nicht aus dem Blick lassen. „The self is the whole space including the mark and the observer. But the mark points, in the first place, to its own location, and in this process becomes a locus of reference. The mark refers to itself. The whole refers to itself through the mark, schreibt Louis H. Kauffman (1987, S. 53). Es sind daher auch hier, wie in der Managementlehre, die Markierungen, die der Beobachter selber setzt, an denen alle weiteren Beobachtungen ansetzen.

Was also ist der Gegenstand einer Systemtheorie, die die Selbstreferenz als Referenz des Ganzen anhand einer Markierung auf sich selbst zu denken und dann auch zu beobachten sucht? Vielleicht lohnt es sich hier, nicht paradox, sondern dialektisch weiterzudenken. Wesentliche Anregungen dazu verdanken sich interessanterweise nicht der russischen (oder soll man sagen: sowjetischen?) Rezeption der Systemtheorie (siehe den Kommentar von Günter Ropohl in diesem Band zur Systems Theory von Igor V. Blauberg, Vadim N. Sadovsky und Erik G. Yudin), sondern den Arbeiten zu einer mehrwertigen Logik von Gotthard Günther, die von einer unter dem kollektiven Pseudonym „Kurt Klagenfurt publizierenden Gruppe von Wissenschaftlern aufgenommen worden sind. Selbstreferenz, so schlägt Günther unter dem Titel „Subjektivität vor, ist formal-logisch nichts anderes als die Rejektion beliebiger Wertalternativen (Günther 1976, S. 230), die in dem Moment, in dem sie sich reproduzieren will, nichts anderes als ein neues System, eine neue Kontextur, werden kann. Das aber heißt, dass Selbstreferenz zum Grundbegriff einer Differenz und damit Verteiltheit von Systemen wird, die in sich logisch zweiwertig, jedoch unter sich nur logisch mehrwertig formuliert werden können. Das führt zur Logik einer Polykontexturalität und zur Modellierung heterarchischer Bezüge in und zwischen Systemen. Ein System ist dann in der Tat nicht mehr als positives Subjekt, sondern nur noch als „negative Objektivität" zu verstehen, wie es Theodor W. Adorno (1973, S. 31) vorgeschlagen hat. Das Selbst der Selbstreferenz ist die Voraussetzung und das Resultat einer Bezugnahme auf etwas im Kontext der Ablehnung von etwas anderem. Nicht mehr und nicht weniger; Husserls Intention, Günthers Subjektivität.

In diesem Sinne bemüht sich die vorliegende 2. Auflage der Schlüsselwerke der Systemtheorie um eine weitere Schließung auf höherem Niveau, nämlich um eine Öffnung gegenüber der Mathematik (siehe den Beitrag von Louis H. Kauffman zur mengentheoretischen Formalisierung der Systemtheorie durch Mihajlo D. Mesarovic und Yasuhiko Takahara und den Beitrag von Klaus Mainzer zu Entwicklungen von Ideen zur Dynamik komplexer Systeme im Anschluss an Jay W. Forrester), den Kognitionswissenschaften (siehe Maren Lehmann und Athanasios Karafillidis zu zwei Büchern von Francisco J. Varela) und der Managementlehre (siehe die Beiträge von Werner Ulrich, Stefan Hetzler, Markus Schwaninger, Rudi Wimmer und Frank Stowell zu Schlüsselwerken von C. West Churchman, Stafford Beer, Hans Ulrich, Fredmund Malik und Peter Checkland). Letztere, um dies zu wiederholen, ist weit davon entfernt, eine bloße „Anwendung" systemtheoretischer Einsichten zu sein. Vielmehr führt sie diese Einsichten laufend an die Grenze ihrer eigenen Möglichkeiten und ist damit ein unverzichtbares Moment der Erprobung und Bestätigung des Systembegriffs als eines Reflexionsbegriffs im Sinne Kants. Der Gegenstand der Systemtheorie ist eine Heterarchie verteilter und vermittelter Operationen in und zwischen Systemen. Jeder Begriff der Systemtheorie ist eine Reflexion im Medium der Sprache, des Denkens und der Beobachtung auf eine prälogische und mathematisch anspruchsvolle Ebene der Vernetzung selbstreferentieller Operationen.

Der Fokus auf dem Problembegriff der Selbstreferenz, dem auch diese zweite Auflage der Schlüsselwerke der Systemtheorie treu bleibt, bedeutet damit erneut, dass zahlreiche Varianten einer eher ingenieurwissenschaftlichen und elektrotechnischen Systemtheorie ebenso ausgeblendet bleiben wie Ansätze zu systemtheoretischen Modellierungen und Simulationen. Diese Ausblendung ist zum einen ein Eingeständnis des Umstands der Sprachlosigkeit zwischen Varianten der Systemtheorie, die in einem unterschiedlichen Ausmaß auf die Selbstreferenz der Beobachtung reflektieren, und zum anderen Absicht: die Absicht einer Rejektion, die eine künftige Transjunktion zwischen diesen Varianten nicht etwa ausschließt, sondern einschließt.

Ebenso bleiben zahlreiche Schlüsselwerte ausgeblendet, die man in eher therapeutischen Arbeiten mit der Systemtheorie finden könnte. Auch das ist Absicht. Paul Watzlawicks, Janet H. Beavins und Don D. Jacksons (1969, S. 66 f.) Hinweis darauf, dass Analogiekommunikation (im Gegensatz zur Digitalkommunikation) Kommunikation im Medium von Widersprüchen ist, hat zwar das Systemverständnis von Therapeuten nachhaltig prägen können, wartet jedoch in der allgemeinen und soziologischen Systemtheorie (von der ingenieurwissenschaftlichen zu schweigen) nach wie vor auf eine angemessene Konzeptionalisierung (siehe jedoch die Beiträge von Fritz B. Simon, Urs Stäheli und Jean Clam in diesem Band).

Die vorliegende zweite Auflage der Schlüsselwerke der Systemtheorie bemüht sich somit darum, einige, aber längst nicht alle Lücken zu schließen, die die erste Auflage aufwies. Vielleicht jedoch gelingt es dieser zweiten Auflage, die Lücken auffälliger und somit für weiterführende Anschlüsse attraktiv zu machen. Demselben Zweck dient der Versuch, die strikt chronologische Ordnung der Beiträge in der ersten Auflage um eine eher systematische Ordnung zu ergänzen. Die Wurzeln der Systemtheorie in der Kybernetik, die Herausforderung durch den Begriff der Kommunikation, die wegweisenden Ideen der Selbstorganisation und Autopoiesis, die Arbeit an den mathematischen und logischen Grundlagen der Systemtheorie und die beiden wichtigsten Anwendungsfelder im Management (und Design) und in der Soziologie (und Politikwissenschaft) sind nun deutlich voneinander unterschieden und können somit in ihrem Bezug aufeinander besser studiert werden.

Für die Anregung zu dieser zweiten Auflage der Schlüsselwerke der Systemtheorie danke ich Dr. Cori Antonia Mackrodt im Lektorat von VS Springer und für eine Liste zahlreicher Druckfehler in der ersten Auflage Rudi Sander. Gewidmet ist dieser Band all denen, die sich von den hier versammelten Kommentaren dazu anregen lassen, ihr eigenes Systemmodell zu formulieren.

Literatur

Adorno, Theodor W. (1976): Negative Dialektik. Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Günther, Gotthard (1976): Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik: Unter besonderer Berücksichtigung der Logik Hegels, in: ders., Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Bd. 1, Hamburg: Meiner, S. 189–247.

Kauffman, Louis H. (1987): Self-Reference and Recursive Forms, in: Journal of Social and Biological Structures: Studies in Human Sociobiology 10, Heft 1, S. 53–72.

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Luhmann, Niklas (2002): Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg: Carl Auer.

Watzlawick, Paul, Janet H. Beavin und Don D. Jackson (1969): Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien, Bern: Huber.

Wimmer, Rudolf, Jens O. Meissner, Patricia Wolf (Hrsg.) (2009): Praktische Organisationswissenschaft: Lehrbuch für Studium und Beruf, 2. überarb. und erw. Aufl., 2014.

Dirk Baecker

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

Dirk Baecker

Kybernetik

Automaten 13

Rudolf Stichweh

Die Umwelt als Element des Systems 23

Dirk Baecker

Lernen ist Interaktion 31

Ranulph Glanville

Gehirnmaschinen 49

Dirk Rustemeyer

Strategies Beyond Systems 59

Gerard de Zeeuw

Eine kybernetische Systemtheorie 77

Wolfram Lutterer

Ganzheit und Teile – Paradoxie oder Dialektik?​ 87

Günter Ropohl

Die Beobachtung der Kybernetik 95

Elena Esposito

Selbstbeobachtun​g 107

Bernard Scott

Kommunikation

Im Netzwerk der Kommunikation 129

Fritz B. Simon

Kommunikation als Selektion 147

Dirk Baecker

Auf der Spur der Double Binds 157

Urs Stäheli

Das Selbst als Phantasma 171

Werner Vogd

Kopplungen und ihre Folgen 181

Torsten Groth

Selbstorganisation und Autopoiesis

Die Einheit als Unterschied 193

Giancarlo Corsi

Die In-formation der Autopoiesis 201

Christina Weiss

Komplexität durch Rauschen 211

Jacques Miermont

Das Prinzip der Autopoiesis 223

Wolfgang Krohn und Holk Cruse

Kognition, heterodox 233

Maren Lehmann

Unmittelbares Handeln und die Sensomotorik der Situation 241

Athanasios Karafillidis

Lynn Margulis, Autopoietic Gaia, and the Novacene 269

Bruce Clarke

Mathematik und Logik

Die Mathematik und andere Kurzsprachen 279

Loet Leydesdorff

Das Prinzip der Unterscheidung 289

Louis H. Kauffman

Menschliche Problemlöser und programmierte Computer:​ zwei Spezies der derselben Gattung?​ 307

Fritz B. Simon

Dynamics in Terms of Differential Equations and Recursions 321

Louis H. Kauffman

Mit dem Weltgeist rechnen 323

David Köpf

Complex Systems, Nonlinear Dynamics, and Local Activity Principle 339

Klaus Mainzer

Management und Design

Bausteine zu einer Designwissenscha​ft 357

Norbert Bolz

Forschende Systeme 371

Werner Ulrich

Bauplan für komplexe Organisationen 379

Sebastian Hetzler

Komplexität verlangt Übung 397

Rudolf Wimmer

Soft, not Vague 411

Frank Stowell

Das größere Ganze 441

Markus Schwaninger

Literatur und Künste

Startschuss einer systemtheoretisc​hen Literaturwissens​chaft 455

Christine Magerski

Die Leidener Schule der literaturwissens​chaftlichen Systemtheorie 465

Natalie Binczek

Schrift als Supplement von Kommunikation – und umgekehrt 475

Claus-Michael Ort

Die Entdeckung der Humanmedien 489

Michael Hutter

A Mellow Synthesis 497

Henry Sussman

Soziologie (und Politikwissenschaft)

Handlung ist System 517

Stephan Fuchs

Die Intelligenzfunkt​ion der Politik 521

Mathias Albert und Jochen Walter

Die Zentralität des Paradoxen 533

Jean Clam

Komplexität als Formprinzip 545

Helmut Willke

Telescopes and Microscopes 565

Stan Rifkin

Doppelte Synthese 573

Helmut Willke

The Meaning of Society 581

Lars Qvortrup

Observing Cultures 599

Maren Lehmann

Creatio ex nihilo 609

Dirk Baecker

Erfahrung und Unbestimmtheit 615

Dirk Baecker

Herausgeber- und Autorenverzeichnis

Über die Herausgeber

Dirk Baecker,

Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Arbeitsschwerpunkte: allgemeine Soziologie, soziologische Theorie, Kulturtheorie, Organisationsforschung und Managementlehre. Jüngere Veröffentlichungen: Kulturkalkül (2014), Wozu Theorie? Aufsätze (2016), Produktkalkül (2017), 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt (2018), Intelligenz, künstlich und komplex (2019).

Autorenverzeichnis

Mathias Albert

Bielefeld, Deutschland

mathias.albert@uni-bielefeld.de

Dirk Baecker

Dresden, Deutschland

dirk.baecker@uni.wh.de

Natalie Binczek

Köln, Deutschland

natalie.binczek@rub.de

Norbert Bolz

Berlin, Deutschland

norbert.bolz@tu-berlin.de

Jean Clam

Paris, Frankreich

mail@jean-clam.org

Bruce Clarke

Lubbock, TX, USA

brunoclarke@gmail.com

Giancarlo Corsi

Reggio Emilia, Italien

giancarlo.corsi@unimore.it

Holk Cruse

Bielefeld, Deutschland

holk.cruse@uni-bielefeld.de

Gerard de Zeeuw

Lincoln, UK

dezeeuw.gerard@gmail.com

Elena Esposito

Bielefeld, Deutschland

elena.esposito@uni-bielefeld.de

Stephan Fuchs

Charlottesville, VA, USA

stephanf4r@gmail.com

Ranulph Glanville

London, Großbritannien

Torsten Groth

Münster, Deutschland

groth@simon-weber.de

Sebastian Hetzler

Bensheim, Deutschland

SebastianHetzler@fico.com

Michael Hutter

Berlin, Deutschland

mhutter@wzb.eu

Athanasios Karafillidis

Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg, Deutschland

atha@karafillidis.com

Louis H. Kauffman

Chicago, IL, Vereinigte Staaten von Amerika

kauffman@uic.edu

Wolfgang Krohn

Bielefeld, Deutschland

wolfgang.krohn@uni-bielefeld.de

David Köpf

München, Deutschland

david.koepf@googlemail.com

Maren Lehmann

Friedrichshafen, Deutschland

maren.lehmann@zu.de

Loet Leydesdorff

Amsterdam, Niederlande

loet@leydesdorff.net

Wolfram Lutterer

Luzern, Schweiz

wolfram.lutterer@gmx.de

Christine Magerski

Zagreb, Kroatien

cmagerski@ffzg.hr

Klaus Mainzer

Munich, Germany

mainzer@tum.de

Jacques Miermont

Paris, Frankreich

Claus-Michael Ort

Kiel, Deutschland

cort@litwiss-ndl.uni-kiel.de

Lars Qvortrup

Copenhagen, Dänemark

lq@edu.au.dk

Stan Rifkin

Reston, VA, USA

sr@Master-Systems.com

Günter Ropohl

Karlsruhe, Deutschland

ropohl@t-online.de

Dirk Rustemeyer

Trier, Deutschland

rustemey@uni-trier.de

Markus Schwaninger

St. Gallen, Schweiz

Markus.Schwaninger@unisg.ch

Bernard Scott

Lincolnshire, Großbritannien

bernces1@gmail.com

Fritz B. Simon

Berlin, Deutschland

fbsimon@t-online.de

Rudolf Stichweh

Bonn, Deutschland

stichweh@uni-bonn.de

Urs Stäheli

Hamburg, Deutschland

Urs.Staeheli@uni-hamburg.de

Frank Stowell

Portsmouth, UK

frank.stowell@port.ac.uk

Henry Sussman

New York, USA

henry.sussman@gmail.com

Werner Ulrich

Bern, Schweiz

wulrich@gmx.ch

Werner Vogd

Witten, Deutschland

Werner.Vogd@uni-wh.de

Jochen Walter

Bielefeld, Deutschland

Christina Weiss

Darmstadt, Deutschland

christinaweiss@gmx.net

Helmut Willke

Pulheim, Deutschland

helmut.willke@arcor.de

Rudolf Wimmer

Wien, Österreich

Rudolf.Wimmer@osb-i.com

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2021

D. Baecker (Hrsg.)Schlüsselwerke der Systemtheoriehttps://doi.org/10.1007/978-3-658-30633-5_1

Einleitung

Dirk Baecker¹  

(1)

Dresden, Deutschland

Dirk Baecker

Email: dirk.baecker@uni-wh.de

Dirk Baecker,

Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Arbeitsschwerpunkte: allgemeine Soziologie, soziologische Theorie, Kulturtheorie, Organisationsforschung und Managementlehre. Jüngere Veröffentlichungen: Kulturkalkül (2014), Wozu Theorie? Aufsätze (2016), Produktkalkül (2017), 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt (2018), Intelligenz, künstlich und komplex (2019) Wozu Wirtschaft? (2020).

Zuweilen hat man den Eindruck, dass sich die Systemtheorie im deutschsprachigen Wissenschaftsraum nach wie vor eines gewissen Zuspruchs erfreut, außerhalb dieses Raumes jedoch zunehmend in Vergessenheit gerät. Einen Systemtheoretiker kann das nicht wirklich erschüttern, weil er um die von Peter Fuchs in seinem Buch Die Metapher des Systems (2001) wieder nachgewiesene jahrhundertealte Untergründigkeit systemtheoretischen Denkens weiß. Seit Hippokrates versucht man, die Produktion und Variation von Ordnung in Pflanzen, Tieren, Göttern und Menschen als eine Form der Auseinandersetzung mit einer Umwelt zu lesen, die ihrerseits nicht determiniert, welche Ordnung möglich ist, sondern Probleme stellt, die vom „Organismus", wie man dann bald sagen wird, immer wieder neu, prekär und vorläufig zu lösen sind.

Mit dieser Denkfigur hat sich die Systemtheorie oder das, was man ihr zurechnen kann, jedoch von Anfang an zwischen alle Stühle gesetzt. Weder ist sie bereit, das rationalisierende Programm einer Wissenschaft zu unterschreiben, die bald nur noch Fragestellungen gelten lässt, die ein Phänomen auf seine Ursachen und Wirkungen hin beschreiben, noch teilt sie die Vorlieben der Magie, die mit Göttern und Geistern verkehrt, ohne sich um die Beschreibung von Mechanismen zu kümmern, die diesem Verkehr zugrunde liegen. Trotzdem ist sie Wissenschaft, rationalisierende Unterscheidung von Problemstellung und Problemlösung, und Magie zugleich, nämlich eine Praxis, die davon ausgeht, dass man nicht wissen kann, was man wissen müsste, wenn man sich auf sie, die Praxis, einlässt. Damit ist die Systemtheorie Wissenschaft genau dort, wo diese erkenntnistheoretisch über sich aufgeklärt ist, aber nicht dort, wo diese behauptet, über einen privilegierten Zugang zum Wissen zu verfügen, der anderen verschlossen ist. Die Systemtheorie eignet sich nicht dazu, anderen das Wort zu verbieten. Im Gegenteil, sie ist auf nichts neugieriger als auf das Wort der anderen.

Alfred North Whitehead hat in seinen Vorlesungen über Process and Reality (1929) die europäische Philosophie seit Platon als eine „Philosophie des Organismus beschrieben, die sich um die Frage dreht, wie das, was der Organismus nicht ist (seine „Umwelt, wie man allerdings erst seit dem 19. Jahrhundert sagt), an dem teilhat, was er ist. Seit Platon wurde diese Frage in der Terminologie des Aktuellen und des Potentiellen gestellt. Die Systemtheorie oder das, was man ihr zurechnen kann, hat der Versuchung, an dieser Stelle Götter, Geister und andere Transzendenzen (Natur, Schicksal, Geschichte, Fortschritt, Dekadenz) ins Spiel zu bringen, immer widerstanden. Sie fragt stattdessen danach, wie sich das, was etwas ist, von dem abgrenzen lässt, was es nicht ist, und fragt danach, wie Grenzen funktionieren können müssen, wenn sie auf diese Art und Weise undurchlässig und durchlässig zugleich sein müssen, um es einem Organismus zu ermöglichen, sich zu reproduzieren, ohne sich in seiner Umwelt zu verlieren. Für sie gibt es kein Drittes, auf das man sich berufen könnte, damit getrennt bleibt, was getrennt ist. Der Organismus muss für sich selber sorgen. Aber er kann das nur, indem er sich auf eine Welt verlässt, von der er nichts wissen kann.

Für die Systemtheorie steckt die ganze Magie im Organismus selber. Sie verwandelt die Welt und ihren Beobachter in eine Black Box, nur um keine Chance auszulassen, den Mechanismen dieses Organismus auf die Spur zu kommen. Die Welt der Ursachen, Kräfte und Wirkungen gilt ihr demgegenüber als ein bloßes Schattenreich, auf das sich beschränkt, wer vom Wunder nichts ahnt und nichts wissen will. Sie spricht von Systemen, Umwelten, Rückkopplungen, Selbstreferenzen, Tautologien und Paradoxien, nur um die Anzahl der Denkfiguren zu erhöhen, in denen sich jene Ereignisse verfangen, auf die es ankommt, wenn man wissen will, was man nicht wissen kann, nämlich wie sich immer wieder erneuert, was unsere Welt ausmacht. Ihr gilt die Magie, daran erinnerte Heinz von Foerster immer wieder (siehe nur von Foerster 1999), als der radikale Versuch, immer wieder den Rückschluss auf den Magier zu erzwingen und so über beide etwas zu lernen, über die Welt, die er verändert, und über die Techniken, die er dazu verwendet. Das muss den rationalen Wissenschaftler stören, dem es als Ehrensache gilt, sich herauszuhalten und die Welt von sich aus zum Sprechen zu bringen, als hätte nicht auch Immanuel Kant darauf hingewiesen, dass die Natur nur die Fragen beantwortet, die wir ihr stellen. Deswegen taucht die Systemtheorie nur ab und an auf, und zieht es meist bald schon wieder vor sich zurückzuziehen. Sie beobachtet den Punkt der Differenz zwischen Beobachter und Welt, und das hält man nicht lange durch.

Der vorliegende Band hat es mit dem Glücksfall zu tun, dass zwischen den 40er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieser Typ von Systemtheorie außerordentlich fruchtbar wurde. Es erschien eine ganze Reihe von „Schlüsselwerken", in denen man für einen Moment den Eindruck haben konnte, dass die Systemtheorie zum theoretischen und methodischen Zentrum eines neuen Typs von Wissenschaft werden konnte, die vom ungeahnten Erfolg der Neurophysiologie ebenso profitierte wie vom Schock des 2. Weltkriegs, vom Auftauchen des Computers und vom geistigen Klima der 1960er Jahre. Das ist inzwischen wieder vorbei, die Systemtheorie hat die Konkurrenz um Lehrstühle, Forschungsmittel und Verlagsprogramme gegen die Kognitionswissenschaften, an deren Grundlegung sie mitgearbeitet hatte, weitgehend verloren, aber noch sind ihre Spuren nicht alle getilgt.

Wie kam es zu dieser immerhin vierzigjährigen Erfolgsgeschichte, die in ihren wesentlichen Konzepten und Ideen eine Vorgeschichte hat, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, bis in die Forschungen des französischen Physiologen und Arztes Claude Bernard („milieu interne) und des deutschen Physiologen Johannes Peter Müller („Gesetz von der spezifischen Energie der Sinnessubstanzen), zurückreicht? Sicherlich spielen weltanschauliche Motive eine große Rolle. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, darüber berichtet Klaus Müller in seiner Allgemeinen Systemtheorie (1996), bot das systemtheoretische Denken in der Auseinandersetzung mit der Biologie inklusive Charles Darwins Evolutionstheorie eine willkommene Möglichkeit, dem aus der Kontrolle geratenen Rationalisierungsprozess der Moderne etwas entgegenzusetzen. Und in den 30er und 40er Jahren desselben Jahrhunderts war die Systemtheorie die einzige Theorie, die sowohl mit den neuen Technologien der Informationsverarbeitung (neue Rechenkapazitäten) als auch mit der Katastrophe des politischen Totalitarismus (Eigendynamik sozialer Systeme) umgehen zu können schien. Beides zusammen, inklusive eines mit seinem Sieg über den Faschismus für einen Moment hoffähig gewordenen Sozialismus (als optimistisches, an Vernunftreligionen anknüpfendes Programm der Gestaltung von Gesellschaft), begünstigte den Erfolg systemtheoretischer Forschungsprogramme, die in den Jahren zwischen 1940 und 1970 eine faszinierende Idee nach der nächsten hervorbrachten. Aber als Edgar Morin und Niklas Luhmann begannen, diese Ideen auch in den Sozialwissenschaften fruchtbar zu machen, um so nicht zuletzt das Werk von Talcott Parsons fortzuführen, war es schon fast wieder vorbei. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es weltweit eine riesige Szene „systemischer" Therapie und Beratung und an einigen Universitäten kleine Zirkel unverdrossener Systemtheoretiker, doch spielt die Systemtheorie wissenschaftlich kaum noch eine Rolle. Biologische und soziologische Forschungsergebnisse, die im Rahmen systemtheoretischer Arbeiten gewonnen worden sind, werden aus ihrem theoretischen Rahmen herausgelöst und in andere Forschungsprogramme aufgenommen, soweit man glaubt, sie brauchen zu können. Die Erkenntnistheorie wird vergessen, der Versuch der Formulierung einer allgemeinen Systemtheorie, die mit den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften Schritt hält und sich aus diesen immer wieder aufs Neue nährt, mit wenigen Ausnahmen, die typischerweise in der Mathematik liegen (Kunihiko Kaneko in Japan, Louis H. Kauffman in den USA), aufgegeben. Es wird still um die Systemtheorie.

Die vorliegende Sammlung von Kommentaren zu einigen Schlüsselwerken der Systemtheorie kann und will diese Situation nicht korrigieren. Eine solche Korrektur ist nicht Sache von Publikationen. Der Wind müsste sich drehen, und davon ist gegenwärtig nichts zu spüren. Im Moment kann ein Buch wie das vorliegende nur eine archivarische Rolle spielen. Es versammelt einige Werke, die zwischen 1948 und 1988 zu den kanonischen Werken der Systemtheorie zählten. Und es versammelt Autoren mit ihren Kommentaren zu diesen Werken, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben und mit ihrer eigenen systemtheoretischen Arbeit das evolutionäre Potential der Wissenschaft bereichern. Studiert man diese Schlüsseltexte und die Kommentare zu ihnen, so fallen einige Kernfragen und Grundideen auf, die immer wieder eine Rolle spielen, wenn systemtheoretisches Denken formuliert wird. Wir greifen diese Kernfragen und Grundideen hier für das Archiv noch einmal der Reihe nach und unvollständig auf:

Hierbei handelt es sich erstens um die Idee der Kommunikation: Wie wäre es, so fragen Systemtheoretiker, wenn wir dem Begriff der Kommunikation einen ähnlichen Grundlagenstatus einräumen wie dem Begriff der Kausalität und dementsprechend davon ausgehen, dass Phänomene aller Art nicht nur als Relation von Ursache und Wirkung bestimmt, sondern auch als Relation von Unbestimmtheit und Bestimmtheit beschrieben werden können, so wie eine Kommunikation sagt, was sie sagt, und dabei offen lässt, was anschließend gesagt wird?

Es handelt sich zweitens um die Idee, dass Natur und Gesellschaft mehr miteinander gemeinsam haben, als sogar der Begriff des Geistes sich hat träumen lassen: Wie wäre es, so fragen Systemtheoretiker, wenn wir beginnen würden, uns eine Sozialtheorie der Physik, Chemie, Biologie, vielleicht sogar Mathematik vorzustellen und gleichzeitig an einer Naturwissenschaft des Bewusstseins und der Gesellschaft arbeiten würden? Francisco J. Varela war auf dieser Spur am weitesten gekommen, bevor er sich, aber vielleicht gehörte das dazu, auf seine Gespräche mit dem Dalai Lama einließ und bevor er viel zu früh starb. Auf dieser Spur jedenfalls setzt die Systemtheorie die größten Kränkungen des Menschen frei, insofern sie nicht daran denkt, den Subjektstatus, den die Philosophie dem (transzendental verankerten) Bewusstsein des Menschen reserviert, anderen Objekten: Tieren, Pflanzen, Maschinen und Aschenbechern, vorzuenthalten.

Es handelt sich drittens um die Idee der Differenz, die von Gregory Bateson und dann von George Spencer-Brown, und mit deutlichem Anklang an buddhistische Ideen, als Zusammenhang des Unterschiedenen formuliert wird: Wie wäre es, so fragen Systemtheoretiker, wenn wir beginnen würden, womit wir praktisch immer schon begonnen haben, nämlich jeden Einschluss zugleich als Ausschluss und damit als Wiedereinschluss des Ausgeschlossenen zu denken? Ist das nicht eine Denkfigur, die sich dabei bewähren könnte, die Arbeit eines Immunsystems, die Dynamik einer Ehe oder die Architektur einer Theorie besser zu verstehen, als wenn man von der Bauklötzchenwelt mit sich identischer und dann nur noch zu addierender und miteinander zu integrierender Elemente ausgeht? Sollte man nicht, um unsere Welt zu verstehen und zu beschreiben, eher von einer Logik der Kontamination und Infektion, von einer Logik des Parasitären, Vernetzten und Verschränkten ausgehen als von einer Logik einer sauberen linearen und kategorialen Ordnung?

Viertens handelt es sich um den insbesondere von Heinz von Foerster ausgearbeiteten, aber auch für andere Systemtheoretiker paradigmatischen Versuch, ein Denken in Kategorien der Ontologie, der Seinskunde, durch ein Denken in Kategorien der Ontogenetik, des Entstehens von Seiendem, zu ergänzen, wenn nicht zu ersetzen. Das führt zurück auf Optionen, die von Aristoteles bis Hegel und darüber hinaus im abendländischen Denken angelegt sind, gleichzeitig jedoch Kontakt aufnehmen mit asiatischen Philosophien ebenso wie mit einem letztlich demokratischen Denken, das weltweit eher auf die Öffnung von Entwicklungsoptionen als auf den Abschluss einer so und nicht anders vorzunehmenden Beschreibung zielt. Wie wäre es, so fragen Systemtheoretiker, wenn wir beginnen würden, jedes Phänomen weniger im Hinblick auf seinen Ursprung und sein Wesen festzunageln als vielmehr im Hinblick auf die offene Frage zu begleiten, wie es bleibt, was es ist, indem es wird, was es noch nicht ist?

Fünftens handelt es sich um die Einführung einer Figur, für die wiederum niemand verantwortlicher zu machen ist als Heinz von Foerster, nämlich die Figur des Beobachters, von der die bisherige Wissenschaft kaum sprach, obwohl es ohne diese Figur nie eine Wissenschaft gegeben hätte. Humberto R. Maturana hat diese Figur in die Form eines Theorems gebracht: „Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt." Und von Foerster hat ergänzt: „Alles was gesagt wird, wird zu einem Beobachter gesagt." Interessanterweise wird diese Figur in demselben Moment entdeckt und entwickelt, in dem das Problem der Komplexität unabweisbar wird: Es gibt Sachverhalte, so beschreibt dies Warren Weaver in seinem Aufsatz „Science and Complexity" (1948), die sich weder einer kausalen noch einer statistischen Beschreibung fügen, weil sie weder aus einer sehr kleinen Zahl (drei bis vier) von Variablen noch aus einer Vielzahl homogener Elemente, sondern aus einer größeren Zahl heterogener Elemente bestehen. In diesem Fall entdeckt sich der Beobachter als überfordert und führt die Idee der Selbstorganisation ein, die einen Ausgangspunkt dafür liefert, der Art und Weise auf die Spur zu kommen, wie sich das Phänomen unter Umständen selbst versteht, auch wenn es der Beobachter nicht versteht. Im selben Moment,in dem der Beobachter sich entdeckt und sich seine Grenzen und blinden Flecken eingesteht, wird Beobachtung zum Gegenstandsbegriff, mig denselben Einschränkungen. Beobachtung wird zum Komplement einer komplexen, sich selbst organisierenden Welt. Für sie gilt ebenfalls, was sie über die Welt entdeckt: sie ist komplex, das heißt außerstande, sich selbst zu durchschauen, und organisiert auf dieser Grundlage sich selbst.

Sechstens handelt es sich um die Idee der Temporalisierung, an der Niklas Luhmann gearbeitet hat und die zum einen eine Konsequenz aus vielen anderen systemtheoretischen Ideen, insbesondere der Idee der Komplexität ist, zum anderen jedoch Überlegungen aufgreift, die von Aristoteles über Hegel und Husserl bis zu Heidegger die Philosophie beschäftigt haben, nämlich die Frage einer möglichen Austauschbarkeit der Grundkategorie des Seins durch die Grundkategorie der Zeit. Bereits W. Ross Ashby hat in seinem für fast alles andere grundlegenden Aufsatz „Requisite Variety and Its Implications for the Control of Complex Systems" (1958) gezeigt, dass komplexe Systeme durch einen Beobachter nur zu kontrollieren sind, wenn dieser nicht versucht, das System zu verstehen, sondern sich auf einen laufenden Vergleich erwarteter mit tatsächlichen Zuständen konzentriert und auf Abweichungen mit Korrekturen seiner Erwartungen (inklusive ihrer normativen Festschreibung) reagiert. Ashby nennt das „Kontrolle". Kontrolle wird hier zur Arbeit am eigenen Gedächtnis. Luhmann zieht daraus die Konsequenz, dass Beobachtern angesichts komplexer Systeme nichts anderes übrig bleibt, als sich vorübergehend an vorübergehende Lagen anzupassen.

Das jedoch setzt voraus, die Systeme dieser Welt und ihre Beobachter als verzeitlichte Systeme und Beobachter zu denken, die sich auf Ereignisse stützen, während sie sich aus Ereignissen reproduzieren. Das hat, wie man aus der Musik weiß, den doppelten Vorteil, dass sich einerseits hochgradig komplexe Ereignisarchitekturen vorstellen lassen, die andererseits immer wieder auf ein, gerade jetzt stattfindendes Ereignis angewiesen sind, aus dem heraus sie sich vorstellen lassen. Die Schrift einer sich rekursiv und iterativ verändernden Welt, von der Jacques Derrida spricht, nimmt eine Temporalisierung in Anspruch, ohne die es weder eine Sprache gäbe noch der Andere erreichbar wäre. Die Zeit, von der Luhmann spricht, ist keine Zeit, die immer schon (ewig) gegeben ist und uns mit ihrer Flüchtigkeit die Chance sowohl gibt als auch wieder entzieht, den Dingen auf die Spur zu kommen, sondern sie ist eine Zeit, die von unseren organischen, psychischen und sozialen Operationen erst als das hervorgebracht wird, was es uns erlaubt, miteinander in Beziehung zu setzen, was keinen anderen Zusammenhang hat als den, dass es gleichzeitig passiert.

Siebtens handelt es sich um eine Idee der Kritik, die so nicht mehr formuliert werden kann, weil der Systemtheoretiker gegenüber einem modernen Kritikverständnis skeptisch ist, das es dem Kritiker erlaubt, sich besser zu fühlen, und immer so tut, als gäbe es einen Adressaten der Kritik, der für die kritisierten Missstände verantwortlich ist und sie auch noch abstellen kann, wenn man ihn nur ordentlich zur Verantwortung zieht. Das erscheint dem Systemtheoretiker naiv. Für ihn ist eher das Kritikverständnis Immanuel Kants maßgebend, das Kritik als die anspruchsvolle, Theorie und Methode erfordernde Fähigkeit begriff, sich selbst, dem eigenen Verstand, der eigenen Vernunft, der eigenen Praxis, auf die Spur zu kommen. Wie wäre es, so fragen Systemtheoretiker, wenn wir unser Tun und Handeln, unser Lesen und Schreiben, unser Schauen und Hören, unseren Tanz und unseren Schlaf als Formen der Reflexion begreifen würden, in denen wir uns mit uns bekannt machen und uns ausweichen, die Augen vor uns verschließen zugleich? Wie wäre es, so fragen Systemtheoretiker, wenn wir aus allen anderen Ideen der Systemtheorie die Konsequenz ziehen würden, dass Systeme ein „Medium der Aufklärung" (Luhmann 1970, S. 76) sind, in dem wir herausfinden, dass wir uns nur auf die Spur kommen können, indem wir ernst nehmen, dass wir über die Umwelt, mit der wir uns auseinandersetzen, nichts wissen? Kritik ist dann die Wiederhineinspiegelung der Differenz von System und Umwelt in das System, das sich dadurch in genau dem Maße zum unbegreifbaren Phänomen wird, in dem es tagtäglich wieder neu zu (re-)produzieren ist (und das „re" ist hier nur eine Rückversicherung, die Rekursionen ins Spiel bringt, die es auszuhalten erlauben, dass die Zukunft unbekannt ist)?

Achtens schließlich handelt es sich um die Idee der Kognition, die in der Systemtheorie zu einem Begriff wird, der es erlaubt, den abstrakten Ausgangspunkt der Beobachtung von Operationen der Unterscheidung (wie ihn niemand radikaler formuliert hat als George Spencer-Brown) in unterschiedlichen Phänomenbereichen zu erproben. Bis heute ist umstritten, was der Systemtheorie hier gelungen ist und was nicht. Interessanterweise behauptet sich der Kognitionsbegriff noch am ehesten dort, wo er wie weiland in Friedrich Nietzsches Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" (1873) die systemtheoretisch eigentlich zu trennenden Bereiche überspringt, das heißt Leistungen behauptet, die jeweils die Differenz des organischen und des psychischen oder des psychischen und des sozialen Systems in Anspruch nehmen. Gerhard Roth (2001) und Wolf Singer (2002) zum Beispiel betreiben Kognitionsforschung, indem sie neurophysiologische Leistungen für die Beschreibung psychischer oder gar sozialer Ereignisse in Anspruch nehmen, ohne die Möglichkeit zu testen, Psychisches aus Psychischem oder Soziales aus Sozialem heraus zu erklären. Kognitionsforschung kommt offensichtlich nicht darum herum, systemtheoretische Prämissen umso mehr zu lockern, je ernster sie genommen werden. Es ist das alte Rätsel des Organismus. Man entdeckt Verbindungen und hält diese zurecht für konstitutiv, wo es doch zugleich darum ginge, das Konstituierte, etwa ein Bewusstsein oder eine Kommunikation, auch in ihrem Eigensinn, in ihrer Selbstreferenz, in ihrer Rekursivität und Reflexivität ernst zu nehmen.

An dieser Stelle deutet sich an, warum es um die Systemtheorie ausgerechnet dort still geworden ist, wo sie einst ihre wichtigsten Forschungsfelder hatte. Das Paradigma gerät dort an seine Grenzen, wo es dazu zwingt, Unterschiede operativ so genau zu beobachten, dass auffällt, dass die Grenzen, die von Unterscheidungen gezogen werden, zwei Seiten haben Das „Draußen ist ein Ergebnis von Operationen, die „drinnen stattfinden, auch wenn diese Information anschließend gelöscht werden muss, um das „Draußen ernst nehmen zu können. Denn zugleich gäbe es kein „Drinnen, wenn es kein „Draußen" gäbe. Dieser Gedanke der Koproduktion von Systemund Umwelt ist für jede genauere Untersuchung des Zusammenhangs von Fühlen, Denken und Handeln höchst instruktiv, vor dem Hintergrund eines ontologischen Denkens aber auch höchst irritierend. Hier liegen neue Forschungsperspektiven der Kognitionswissenschaften, von denen viele von der Forschergruppe unter der Leitung von Heinz von Foerster am Biological Computer Laboratory der University of Illinois, Urbana, zwischen 1956 und 1972 schon einmal aufgegriffen worden sind und die wir heute wiederentdecken sollten, um uns davor zu hüten, allzu schnell zugunsten des Gehirns oder der Sprache oder der Gesellschaft zu asymmetrisieren, was nur gemeinsam den Knoten schnürt, in dem wir stecken.

Wenn im vorliegenden Band die Schlüsselwerke der Systemtheorie vorgestellt werden, so handelt es sich dabei um eine selektive und sicherlich auch idiosynkratische Auswahl. Andere Herausgeber hätten eine andere Auswahl getroffen. Das beginnt schon damit, dass es die Systemtheorie nicht gibt, sondern nur viele Systemtheorien, die in der Mathematik, in der Informatik, in der Biologie oder in der Soziologie nicht nur in ihren Anwendungen, sondern auch in ihrer Grundbegrifflichkeit und in ihrer Theoriearchitektur sehr unterschiedlich akzentuiert und formuliert werden. Davon kann man sich rasch überzeugen, wenn man etwa die beiden Bücher Einführung in die Systemtheorie von Niklas Luhmann (2002) und Einführung in die Systemtheorie: Signale und Systeme in der Elektrotechnik und Informationstechnik von Bernd Girod, Rudolf Rabenstein und Alexander Stenger (2002) miteinander vergleicht.

Im vorliegenden Band geht es um eine Systemtheorie, die darin konsequent ist, dass sie zwischen erkenntnistheoretischen Überlegungen, das heißt der Arbeit an der Theorie, auf der einen Seite, und Beschreibungen komplexer Systeme, das heißt der Arbeit an der Sache, unterscheiden und hin und her wechseln kann zugleich. Das ist zugleich der einzige Grund, warum es legitim ist, dass wir uns hier auf Bücher beschränkt haben, obwohl die Systemtheorie vor allem von Artikeln in einschlägigen und weniger einschlägigen Zeitschriften geprägt worden ist. Denn Bücher zeigen, dass es eine der großen Stärken der Systemtheorie ist, an sich selbst zu arbeiten, während sie zugleich an der Sache, und das heißt hier: an unterschiedlichen Sachen, arbeitet. Wieners Automaten, Ashbys Gehirne, Simons Design, von Foersters Beobachter, Maturanas Organismen, Deutschs Regierung, Varelas Immunsysteme, Luhmanns Gesellschaft oder Glanvilles Objekte sind eben nicht bloß Gegenstände der Systemtheorie, sondern zugleich ihre Autoren, die den jeweiligen Schreiber, wie es bei J.M. Coetzee (2003, S. 199) heißt, zu ihrem Sekretär machen, zum Sekretär des Unsichtbaren. Die vorliegende Auswahl konzentriert sich deswegen auf Bücher, die möglichst präzise ihre eigenen theoretischen Grundlagen herausstellen. Das führt dazu, dass die Theorie selbstreferentieller, autopoietischer Systeme und die Kybernetik zweiter Ordnung im Mittelpunkt stehen, weil andere Systemtheorien die Theorie nicht weiterentwickeln, um sie auf ihre Gegenstände anzuwenden, sondern einschränken. Einschränkungen jedoch führen nicht zu Schlüsselwerken. Um Schlüsselwerke handelt es sich bei allen Büchern, die hier vorgestellt werden, da ausgehend von jedem einzelnen von ihnen eine Systemtheorie entworfen werden kann, die mit allen anderen punktuell inkompatibel ist.

Ich danke allen Kommentatoren, die sich für diesen Band bereitgefunden haben, eines der Schlüsselwerke zu kommentieren. Jeden einzelnen habe ich gebeten, sowohl herauszustellen, inwiefern ihr Schlüsselwerk einen Unterschied in einer Systemtheorie macht, die dennoch als gemeinsamer Rahmen verstanden wird, als auch anzudeuten, welche eigenen Forschungsperspektiven sie mit den entsprechenden Anregungen verbinden. Ich überlasse es dem Leser, zu beurteilen, welch ein Gesamtbild der Systemtheorie daraus entsteht, und lade nur dazu ein, jeden theoretischen Ansatz, der hier verhandelt wird, auf die ihm zugrunde liegende und aus ihm möglicherweise resultierende Praxis hin zu beobachten, und dabei nicht aus den Augen zu verlieren, dass die Systemtheorie in ihren besten Momenten ebenso Wissenschaft ist wie Magie, ebenso sehr Lehre wie Forschung und ebenso sehr Dogma wie Kunst.

Literatur

Ashby, W. Ross (1958): Requisite Variety and Its Implications for the Control of Complex Systems, in: Cybernetica 1, Heft 2, S. 83–99.

Coetzee, J. M. (2003): Elizabeth Costello: Eight Lessons, London: Vintage.

Fuchs, Peter (2001): Die Metapher des Systems: Studien zur allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse, Weilerswist: Velbrück.

Girod, Bernd, Rudolf Rabenstein und Alexander Stenger (2002): Einführung in die Systemtheorie: Signale und Systeme in der Elektrotechnik und Informationstechnik, 2., korr. u. aktual. Aufl., Stuttgart: Teubner.

Luhmann, Niklas (1970): Soziologische Aufklärung, in: ders., Soziologische Aufklärung 1: Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 66–91.

Luhmann, Niklas (2002): Einführung in die Systemtheorie, hrsg. von Dirk Baecker, Heidelberg: Carl Auer.

Müller, Klaus (1996): Allgemeine Systemtheorie: Geschichte, Methodologie und sozialwissenschaftliche Heuristik eines Wissenschaftsprogramms, Opladen: Westdeutscher Verlag.Crossref

Nietzsche, Friedrich (1873): Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Werke III, hrsg. von Karl Schlechta, 6., durchges. Aufl., Frankfurt am Main: Ullstein, S. 309–322.

Roth, Gerhard (2001): Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Singer, Wolf (2002): Der Beobachter im Gehirn: Essays zur Hirnforschung, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

von Foerster, Heinz (1999): Über Bewusstsein, Gedächtnis, Sprache, Magie und andere unbegreifliche Alltäglichkeiten, auf: ders., 2 x 2 = grün, 2 CDs, hrsg. von Klaus Sander, CD 2, Köln: supposé Verlag.

Weaver, Warren (1948): Science and Complexity, in: American Scientist 36, Heft 4, S. 536–544.

Whitehead, Alfred North (1929): Process and Reality: An Essay in Cosmology, korr. Aufl., hrsg. von David Ray Griffin und Donald W. Sherburne, New York: Free Press, 1979.

Teil IKybernetik

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D. Baecker (Hrsg.)Schlüsselwerke der Systemtheoriehttps://doi.org/10.1007/978-3-658-30633-5_2

Automaten

Über Norbert Wiener, Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine (1948)

Rudolf Stichweh¹  

(1)

Bonn, Deutschland

Rudolf Stichweh

Email: stichweh@uni-bonn.de

Rudolf Stichweh,

Dahrendorf Professor für ‚Theorie der modernen Gesellschaft‘ und Direktor des ‚Forum Internationale Wissenschaft‘, Universität Bonn; Ständiger Gastprofessor Universität Luzern; Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Arbeitsschwerpunkte: Systemtheorie und soziologische Theorie, Theorie der Weltgesellschaft, Politische Soziologie, insb. vergleichendes Studium demokratischer und autoritärer politischer Systeme, Soziologie des Fremden, Soziologie der Wissenschaft und der Universitäten, Soziokulturelle Evolution. Veröffentlichungen: Die Weltgesellschaft (2000), Der Fremde: Studien zu Soziologie und Sozialgeschichte (2010), Wissenschaft, Universität, Professionen (2. Aufl. 2013), Inklusion und Exklusion: Studien zur Gesellschaftstheorie (2. Aufl. 2015).

Die im Jahr 2001 erschienene International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences weist auf ihren 16.695 Seiten keinen Artikel über Norbert Wiener auf und – fast noch erstaunlicher – auch einen Artikel über die Kybernetik wird man dort vergeblich suchen (es gibt den Artikel „Cyborg, aber keinen Artikel „Cybernetics; in Band 21 schließlich findet man „Sociocybernetics", ein Artikel, der sich auf die Second-order Cybernetics der Jahre nach 1970 beschränkt: Geyer 2001). Das deutet darauf hin, wie sehr das Buch und die Forschungstradition, die hier der Gegenstand unserer Beobachtung sind, bereits historisch geworden sind, oder, so könnte man den Befund zugespitzt auch lesen, wie sehr sie nicht einmal Teil jener Geschichte sind, die eine repräsentative Enzyklopädie der Sozialwissenschaften glaubt vergegenwärtigen zu müssen.

Die Lektüre des Buches von Norbert Wiener bestätigt dieses implizite Urteil nicht. Wieners Buch ist weder eine programmatische noch eine systematische Darstellung der Kybernetik, von der er eingangs sagt, er wolle sie als eine existierende Wissenschaft vorstellen, nicht als etwas, das erst in einer Zukunft entsteht. Das Buch ist eher eine lose organisierte Sammlung von Abhandlungen zu Themen, die in Wieners Forschungsagenda eine Rolle gespielt haben. Man lernt Kybernetik also auch nicht als eine Theorie kennen, die in einer bestimmten Zahl von Lehrsätzen ausgeführt werden könnte. Kybernetik erscheint vielmehr als etwas, das operativ beobachtet werden kann, als Weise des Umgangs mit bestimmten Forschungszusammenhängen.

Einige der Leitbegriffe und Leitthemen aus Wieners Buch werde ich im Folgenden kurz vorstellen und diskutieren. Dies ist ein Versuch, die Hinsichten herauszuarbeiten, in denen mir das Buch Norbert Wieners auch heute noch als Text faszinierend und in manchen Hinsichten erneut anschlussfähig zu sein scheint. Ich benutze die auch gegenwärtig im Handel erhältliche erweiterte Ausgabe von 1961, die seit 1965 als Paperback verfügbar ist.

Ein erstes Leitthema betrifft den Zusammenhang und die Vergleichbarkeit von Mensch und Maschine. Der Begriff des Menschen meint hier immer biologische Systeme oder Organismen und die Sinneswahrnehmungen und intellektuellen Leistungen, deren sie fähig sind. Maschinen oder mechano-elektrische Systeme, wie sie Wiener auch nennt, werden unter dem Gesichtspunkt beobachtet, welche dieser biologischen Leistungen sie zu übernehmen imstande sind und wie sie ein möglicherweise ähnliches Resultat auf ganz verschiedenen Wegen verwirklichen können. So wird auf die viel kleinere Größenordnung verwiesen, die lebende Systeme im Vergleich zu mechanischen Realisierungen zu erreichen imstande sind (S. 134). Und es wird im Gegenzug betont, dass die Nutzung elektrischer Techniken künstlichen gegenüber organischen Systemen einen erheblichen Schnelligkeitsvorteil verschafft. Prothesen sind eines der Phänomene an der Grenzfläche von organischen und mechanischen Systemen, die Wiener immer wieder erörtert. Künstliche Ersatzorgane für amputierte Glieder oder akustische Hilfen, die gedruckte Texte für Blinde akustisch verfügbar machen, sind Systeme, die davon abhängen, dass sie die Leistungen organischer Systeme – z. B. die Vielfalt von Sinneswahrnehmungen – zu rekonstruieren imstande sind. Zugleich zeigt sich in der Prominenz dieser Anwendungen in dem Buch von 1948 ein enormer Stimmungswechsel gegenüber Norbert Wieners Arbeitssituation wenige Jahre zuvor. Während Wiener in den Kriegsjahren intensiv an einem sogenannten AA-Prädiktor (antiaircraft predictor) gearbeitet hatte, der für Luftabwehrraketen den antizipierten Flugweg der von ihnen zu treffenden Flugzeuge ausrechnen sollte (siehe dazu ausführlich, aber meinem Eindruck nach zu reduktiv, Galison 2001), wird das Buch von 1948 durch einen antimilitärischen Gestus bestimmt, der offensichtlich auf die Erfahrung der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki reagiert. Zur sozialen Situierung der neuen Wissenschaft der Kybernetik heißt es zum Beispiel: „We can only hand it over into the world that exists about us, and this is the world of Belsen and Hiroshima (S. 28). Wiener empfiehlt jetzt ausdrücklich, sich auf Anwendungen in Physiologie und Psychologie zu konzentrieren, die von Krieg und Exploitation des Menschen gleich weit entfernt sind (S. 28 f.). Peter Galison versucht die Kybernetik in seinem Aufsatz „Die Ontologie des Feindes (Galison 2001) gewissermaßen auf die militärischen Arbeiten der ersten Hälfte der vierziger Jahre zurückzuführen und vernachlässigt dabei das völlig andere Sozialklima der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, in denen die kybernetische Bewegung sich zum Beispiel in der Form der Macy-Konferenzen eigentlich erst als Gruppenzusammenhang formiert (siehe dazu gut Heims 1991).

Die wichtigste unter den Anwendungen an der Grenzfläche von Mensch (richtiger ist eigentlich Tier, wie es auch der Titel des Buches sagt) und Maschine ist natürlich der Computer. Nervenzellen und Netzwerke von Nervenzellen eignen sich als Paradigma für die strukturelle Organisation eines Computers (S. 4, S. 116 ff.). Wiener legt großes Gewicht auf die Hypothese von McCulloch und Pitts, die in einem Papier von 1943 postuliert haben, dass Nervenzellen nach einem alles-oder-nichts-Prinzip funktionieren (McCulloch/Pitts 1943). Nervenzellen kennen danach nur zwei Aktivitätszustände. Sie befinden sich entweder in einem Zustand der Ruhe oder alternativ in dem Zustand, in dem sie einen Impuls aussenden (firing). Eine solche streng binäre Strukturierung an jedem einzelnen Verzweigungspunkt erscheint als die einfachste Form, ein Netzwerk für die Durchführung langer Ketten numerischer Operationen zu nutzen. Auf diese Weise kann das Vorkommen von Fehlern minimiert werden. Weiterhin müssen um der Geschwindigkeit willen die Verschaltungen elektrisch funktionieren, und es ist schließlich wichtig, dass in einer langen Kette von Operationen nie die Intervention eines Menschen erforderlich wird, dass dieser vielmehr nur für Input und Output zuständig ist. Das ist ein interessantes, gleichsam deduktiv entwickeltes Modell eines Computers, das aus der Analogie zu Nervensystemen heraus skizziert wird.

Der abschließende Punkt in der Analyse des Computers betrifft den Speicher, den Norbert Wiener ein Gedächtnis (memory) nennt. Immer wieder betont er die Eigenschaften eines solchen Speichers: er muss schnell aufzeichnen, schnell gelesen werden können und auch schnell wieder gelöscht werden. Dagegen profiliert sich die Eigentümlichkeit des menschlichen Gedächtnisses, das sich dadurch auszeichnet, dass es niemals vollständig gelöscht werden kann. Vielleicht der wichtigste und auch interessanteste Punkt aber ist die These, dass ein Gedächtnis so funktionieren muss, dass die Elemente des Systems, die bei Speichervorgängen verändert werden, zu jenen Elementen gehören sollen, die das laufende Operieren des Systems beeinflussen. Gedächtnis wird also nicht als eine Art Archiv verstanden, auf das man nur in den seltenen Fällen zugreift, in denen einem die retrospektive Klärung eines vergangenen Geschehens wichtig erscheint. Es wird vielmehr als ein operativ unablässig angesprochener Hintergrund allen operativen Geschehens aufgefasst und erweist sich insofern in diesem Verständnis als ein anderer Begriff für das, was andere Wissenschaftler die Struktur eines Systems nennen. Nur ist dies eben eine Struktur, mit Blick auf die die Akte des Einlagerns in das Gedächtnis, der Zugriff auf die vorhandenen Abspeicherungen und schließlich die Vorgänge der Löschung deutlicher vor Augen treten als dies üblicherweise in einer Analyse der Fall ist, die sich als Strukturanalyse versteht. Diese Auffassung von Gedächtnis verbindet sich mit dem methodologischen Selbstverständnis von Wiener, der das eigene Vorgehen gern unter den Titel des Behaviorismus subsumiert hat, aber mit Behaviorismus eine Zugangsweise meinte, die das zukünftige Verhalten eines Organismus nicht auf der Basis seiner Struktur zu erforschen versucht, vielmehr früheres Verhalten als Grundlage des Studiums benutzt (vgl. auch Galison 2001, S. 449). Damit wird die Forschung über Gedächtnis für jede Wissenschaft von Systemen zentral, weil sie die Frage betrifft, wie früheres Verhalten in einem Gedächtnis so gespeichert wird, dass es in einer jeweiligen Gegenwart als die entscheidende Verhaltensdeterminante fungieren kann.

Die Frage des Gedächtnisses verknüpft sich mit der Theorie der Zeit. Ein System, das gedächtnisgesteuert operiert, konstituiert auf diese Weise eine irreversible Zeit, die nur in eine Richtung gelesen werden kann. Damit unterscheidet es sich von der Newtonischen Situation der vollständigen Reversibilität der Zeit, die uns Wiener wiederholt vor Augen führt und die er an einer Stelle mit Blick auf das astronomische Modell in die schöne Formel kleidet: „The music of the spheres is a palindrome …" (S. 31). Dies ist aber nur der historische Ausgangspunkt, den Wiener wählt. An einer Reihe von Disziplinen und an einer Pluralität von Systemen führt er in der Folge vor, dass die Newtonischen Prämissen einer Zeit, die indifferent gegenüber der Richtung ist, in die sie gelesen wird, für diese Disziplinen und Systeme nicht zutrifft. Wiener beginnt mit einem Vergleich von Astronomie und Meteorologie als Disziplinen mit konträren epistemologischen Prämissen (S. 30 ff.) und fügt danach zwischen diesen Extremen liegende Beispiele hinzu, wie beispielsweise die strukturelle Kopplung, die die Erde und ihren Mond auf der Basis der Gezeiten miteinander verbindet und die in die Bewegung beider Himmelskörper irreversible Veränderungen ihrer Bahnen einschreibt (S. 35 f.). Evolution und Entropie (Thermodynamik) erweisen sich dann als die beiden Theorien der Mitte des 19. Jahrhunderts, die erstmals verständlich machen, warum die meisten Systeme, mit denen Wissenschaft zu tun hat, nicht-Newtonische Systeme sind.

Zu diesen nicht-Newtonischen Systemen zählen selbstverständlich auch Systeme der Kommunikation. Norbert Wiener hat wiederholt das Gedankenexperiment durchgespielt, wie sich zwei intelligente Beobachter zueinander verhalten würden, die sich in der Zeit in entgegengesetzten Richtungen bewegen (S. 34 f.). Zu Recht notiert er, dass die von einem dieser Beobachter ausgesendeten Signale den zweiten Beobachter erst erreichen, wenn dieser die logischen Schlussfolgerungen, die der erste Beobachter aus seinen Äußerungen zieht, schon kennt. Der zweite Beobachter würde diese Schlussfolgerungen als Antezedenzbedingungen des beobachteten kommunikativen Signals identifizieren und würde deshalb den ganzen Vorgang als einen natürlichen Verlauf deuten, der im Augenblick der kommunikativen Äußerung plötzlich und unerwartet abbricht. Nichts würde den zweiten Beobachter auf die Idee hinführen, dass der Verursacher des von ihm beobachteten Geschehens intelligent ist und Gleiches gilt für die Deutung, die der erste Beobachter dem Vorgang gibt. Also ist Kommunikation unter diesen Voraussetzungen unmöglich und im Umkehrschluss folgt zwingend: „Within any world with which we can communicate, the direction of time is uniform" (S. 35). Einwenden könnte man hier nur, dass wir nicht mit einer Welt kommunizieren, dass vielmehr die Uniformität der Zeit eine Welt konstituiert, in der wir und alle anderen verankert sind, die an Kommunikation partizipieren.

Eine zweite wichtige Frage betrifft die Materialität von Information und Kommunikation. Wiener beharrt hier auf einer prinzipiellen Unterscheidung von Materie/Energie einerseits und Information andererseits: „Information is information, not matter or energy. No materialism which does not admit this can survive at the present day" (S. 132). Dies ist eine hierarchische, asymmetrische Unterscheidung, in der der Begriff der Materie zweifach vorkommt und zwar zunächst als jener übergreifende Begriff der Materie, der etwas meint, das sich in zweiter Instanz selbst von Information als seinem Gegenbegriff unterscheidet. Diese Leitunterscheidung von Energie/Materie und Information wendet Wiener so, dass er Systeme vorsieht, die sich durch hohe Energie, aber geringen Informationsgehalt auszeichnen und diesen Typus von Systemen einer zweiten Entität gegenüberstellt (messages), für die es kaum Energie braucht, die aber sehr viel Information enthalten (siehe Wiener 1948a, S. 207 f.). Messages in diesem Sinn eignen sich, um hochenergetische Systeme zu steuern. Talcott Parsons (1968) brauchte diesen Gedanken kaum noch zu verändern, um auf dieser Basis seine kybernetische Hierarchie zu definieren, die er schließlich mit der funktionalen Klassifikation von Subsystemen des Gesellschaftssystems fusionierte und auf diese Weise ganze Sozialsysteme postulierte, die entweder informationsreich oder energiereich sind und die untereinander in Beziehungen der Steuerung mittels Information (control) oder der Ermöglichung durch Ressourcenzuführung (z. B. Energie) stehen.

Information und Kommunikation sind die beiden Leitbegriffe, die Wiener der Theorie des Sozialsystems zugrunde legt. Vielleicht ist dies die Hinsicht, in der er unseren gegenwärtigen theoretischen Interessen am nächsten kommt. Information wird zunächst in jenem Verständnis eingeführt, das Wiener mit R. A. Fisher und Claude Shannon teilt und für das er zusammen mit diesen beiden die Urheberschaft beansprucht: Die Übermittlung von Information ist nur als die Übermittlung von Alternativen möglich (S. 10). Dort, wo es nur eine einzige Möglichkeit gibt, wäre es klüger, die Mitteilung des erneuten Eintritts dieser einzigen Möglichkeit zu unterlassen, weil diese Mitteilung keinerlei Informationsgehalt besitzt. Die Einheit der Information ist eine einzelne Entscheidung, die zwischen zwei gleichwahrscheinlichen Alternativen wählt. Mit dieser einfachen Bestimmung ist der Weg für die quantitative Behandlung von Informationen bereitet.

Der Begriff der Kommunikation wird von Wiener nicht explizit von dem der Information unterschieden. Offensichtlich ist von Kommunikation immer dort die Rede, wo wir nicht einzelne Akte des Informationstransfers beobachten, es sich vielmehr um ein System der Kommunikation handelt (S. 24). Alle Sozialsysteme sind in diesem Sinne Systeme der Kommunikation und umgekehrt bestehen Sozialsysteme nur aus Kommunikation und aus nichts anderem. Wiener schließt in diesen Kommunikationsbegriff auch die Beobachtung der Emotionen und der Interessen des anderen ein, die auch dort schon möglich ist, wo kein sprachliches Medium der Verständigung verfügbar ist, die aber auch in Abwesenheit eines solchen sprachlichen Mediums die Koordination von Verhalten ermöglicht (S. 39). Aber es ist zugleich deutlich, dass der Begriff der Kommunikation in keiner Weise auf technisch ermöglichte Kommunikation eingeschränkt ist, vielmehr alles einschließt, was in einem Sozialsystem geschieht.

Dieser Begriff der Kommunikation dehumanisiert – ähnlich wie später bei Luhmann – das, was man sich unter einem Sozialsystem vorstellt und zwar in einem zweifachen Sinn. Da der Begriff der Kommunikation unabhängig von dem des Menschen definiert wird, ist es selbstverständlich denkbar, dass auch anderen Spezies als Menschen die Fähigkeit zur Kommunikation zugeschrieben wird: „(…) the social sciences are the study of the means of communication between man and man or, more generally, in a community of any sort of being" (Wiener 1948a, S. 202). Und zweitens geht alles, was nicht zu kommunikativen Aktivitäten führt, die das Verhalten eines anderen verändern, nicht in den Informationspool einer Spezies ein und bleibt deshalb privat und sozial irrelevant (S. 157). Wiener erläutert dies am Beispiel des Konzepts der Identität, das im Fall des Menschen etwas bezeichnet, das kommunikativ konstituiert und reproduziert wird („which belong(s) … to the social stock in trade"; so Wiener 1948a, S. 217), während im Fall der Ameise ungeachtet des aufwendigen Informationsaustauschs in dieser Spezies eine eventuell vorhandene Identität der einzelnen Ameise in keiner Weise in das Sozialsystem eintreten könnte.

Systeme der Kommunikation sind Monaden (S. 41) – an dieser Stelle kommt der erhebliche Einfluss ins Spiel, den der wissenschaftliche Universalismus eines Gottfried Wilhelm Leibniz auf Wiener gehabt hat – und als solche sind sie zugleich Automaten (S. 42 f.), die im Unterschied zu den Automaten im dominanten wissenschaftlichen Paradigma des 19. Jahrhunderts, die über Energiefluss und Stoffwechsel mit ihrer Umwelt verbunden waren, durch andere Kopplungsformen ausgezeichnet sind. Für diese Automaten des 20. Jahrhunderts läuft die Kopplung über Impressionen, eingehende und ausgehende Botschaften und die Performanz von Handlungen, und dies ist der Grund, warum Wiener von einem Zeitalter der Kommunikation und der Kontrolle spricht und diese beiden Leitbegriffe in den Titel seines Buches rückt.

Welche Formen der Beobachtung sieht die kybernetische Auffassung Wieners vor? Eines der zentralen Konzepte Wieners seit der ersten Hälfte der vierziger Jahre war das der Zweckgerichtetheit (vgl. zu den folgenden Überlegungen Galison 2001, S. 451 ff.). Zweckgerichtetheit entsteht auf der Basis früheren Verhaltens des Organismus, das den Organismus auf bestimmte Zielverfolgungen festgelegt hat. Gedächtnis ist diejenige Form, die man auch als Form der Selbstbeobachtung auffassen kann, die die früheren Verhaltenserfahrungen in die Aktivitäten des Organismus immer neu eingibt. An dieser Stelle kann man auch den Begriff des feed back einführen. Zweckgerichtetes Verhalten kann in der Form stattfinden, dass es während des Ablaufs der zielgerichteten Handlung Rückkopplungen ausschließt. Es kann aber auch so organisiert sein, dass die Handlungen bewusst Informationen sammeln, um sich im Handlungsverlauf noch mit deren Unterstützung korrigieren zu können (S. 6 f.). Damit ist feedback eine Form

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