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Tourism NOW: Industrie und Tourismus: Zwischen Fabrikruinen, Markenwelten und Kreativquartieren
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eBook805 Seiten3 Stunden

Tourism NOW: Industrie und Tourismus: Zwischen Fabrikruinen, Markenwelten und Kreativquartieren

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Über dieses E-Book

Vom Industrierelikt zum Tourismusmagnet
Es müssen nicht immer Berge oder Strände sein. Auch Industrielandschaften, Zechen oder Fabrikhallen haben touristisches Potenzial, wie Albrecht Steinecke in diesem Band zum Industrietourismus zeigt.
Dabei geht er auf die Merkmale und Besonderheiten dieses jungen Tourismussegments ein und skizziert im Detail dessen Bedeutung, etwa für strukturschwache Regionen. Zudem zeigt er Erfolgsfaktoren, Marketingstrategien und Zukunftsperspektiven auf.
Eine spannende Lektüre für Destinationsmanager:innen und für Verantwortliche in historischen Industriedenkmälern. Für Studierende und Lehrende an Tourismushochschulen bietet das Buch viele Impulse.
SpracheDeutsch
HerausgeberUVK Verlag
Erscheinungsdatum13. Juni 2022
ISBN9783739805832
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    Buchvorschau

    Tourism NOW - Albrecht Steinecke

    Vorwort

    „Du bist keine Schönheit

    Vor Arbeit ganz grau

    Du liebst dich ohne Schminke

    Bist ’ne ehrliche Haut

    Leider total verbaut

    Aber grade das macht dich aus […]

    Du Blume im Revier."

    Herbert Grönemeyer „Bochum" (1984)

    Hässlich, düster und verschandelt – auf den ersten Blick entsprechen Industriestädte nicht den gängigen Vorstellungen von einem Traumreiseziel, das seinen Gästen einen unbeschwerten Aufenthalt in einer schönen Umgebung bietet. Ihr herber Charme und die offene Art ihrer Bewohner scheinen sich erst bei genauerem Hinschauen zu erschließen – und solche Eigenschaften sind touristisch auch nur schwer zu vermarkten.

    Dieses spröde Flair ist für Städte und Regionen ein großes Handicap, wenn sie sich erfolgreich auf dem Tourismusmarkt positionieren wollen. Dort agieren bereits zahlreiche Anbieter, die über eine attraktive Produktpalette verfügen und die Erwartungen ihrer anspruchsvollen Kunden erfüllen. Kein Wunder also, dass die „Blume im Revier" und andere Industriestädte lange Zeit im Schatten von eleganten Seebädern, pittoresken Bergdörfern und pulsierenden Kulturmetropolen standen – und allenfalls Destinationen eines beruflich bedingten Reiseverkehrs waren.

    Angesichts dieser harten Konkurrenz und ungünstigen Voraussetzungen ist es umso erstaunlicher, dass sich einige altindustrielle Räume – wie Phönix aus der Asche – in den vergangenen vier Jahrzehnten zu populären Reise- und Ausflugszielen entwickeln konnten (der Begriff „altindustriell" bezieht sich auf früh industrialisierte Räume, die innerhalb des Industrialisierungsprozesses eine Pionierrolle eingenommen haben). Ihre Renaissance verdanken sie vor allem dem Erhalt und der touristischen Erschließung spektakulärer Industrierelikte.

    Von Orten der Arbeit und Produktion zu Stätten der Erholung und des Konsums – dieser Transformationsprozess ist jedoch nicht durch eine spontane Neugier und ein leidenschaftliches Begehren der Nachfrager ausgelöst worden. Vielmehr bedurfte es enormer Anstrengungen von Denkmalpflegern, Politikern und internationalen Organisationen, um das industriegeschichtliche Erbe zu bewahren und das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken.

    Inzwischen haben immer mehr Industrieregionen das ökonomische Potenzial des Tourismus erkannt und ein breites Spektrum zeitgemäßer Angebote entwickelt. Es reicht von Industriemuseen und Grubenfahrten über Rundgänge und Themenrouten bis hin zu Vorführungen und Events. Damit sprechen sie vor allem ein Reisepublikum an, das auf der Suche nach neuen Erlebnissen jenseits der ausgetretenen Touristenpfade ist.

    Informative und erlebnisreiche Zeitreisen in die Geschichte der Industriellen Revolution sind allerdings nur ein Marktsegment des Industrietourismus. Der Begriff umfasst zudem die touristische Nutzung der gegenwärtigen Industriekultur, denn neben öffentlichen Einrichtungen treten auch zahlreiche produzierende Unternehmen als Akteure auf dem Freizeit- und Reisemarkt auf. Im Rahmen ihrer Kommunikationspolitik nutzen sie öffentliche Werksführungen, eigene Firmenmuseen und aufwändig gestaltete Markenwelten (Brand Lands), um die Besucher zu informieren, ihre Produkte emotional aufzuladen und die Markenloyalität der Konsumenten zu steigern.

    Parallel zur Entwicklung des Industrietourismus hat sich die Tourismuswissenschaft mit diesem Phänomen beschäftigt. Ziel des vorliegenden Bandes ist es, den aktuellen Stand der Forschung verständlich und anschaulich darzustellen – u.a. auch durch zahlreiche Beispiele aus der touristischen Praxis. Im Mittelpunkt steht dabei die Beantwortung folgender Fragen:

    Was waren die treibenden Kräfte bei der Entwicklung des Industrietourismus?

    Welche Besonderheiten weist dieses Marktsegment auf?

    Was sind typische Merkmale, Motive und Verhaltensweisen von Industrietouristen?

    Wie sind die vielfältigen Aspekte der historischen und gegenwärtigen Industriekultur bislang touristisch in Wert gesetzt worden?

    Welche Bedeutung hat der Industrietourismus in Deutschland und anderen Ländern?

    Welche wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen werden durch die industrietouristische Nachfrage ausgelöst?

    Welche Perspektiven bestehen für dieses Marktsegment und welche Ansprüche werden die Kunden in Zukunft haben?

    Als Grundlage dient dabei der breite Fundus an wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema, die seit den 1980er-Jahren auf nationaler und internationaler Ebene erarbeitet worden sind. Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass sie vor Beginn der Coronapandemie (2020) entstanden sind. Deren Auswirkungen auf die künftige Entwicklung des Industrietourismus sind gegenwärtig schwer abzuschätzen: Kurzfristig haben die industrietouristischen Attraktionen – wie alle Unternehmen der Reisebranche – einen erheblichen Rückgang der Gästezahlen verzeichnet; mittelfristig wird jedoch wieder ein Anstieg der Nachfrage erwartet.

    Da in den Bundesländern bzw. Staaten unterschiedliche Aktivitäts- und Mobilitätseinschränkungen bestanden, ist es zu einer Verzerrung des Wettbewerbs gekommen (u.a. zwischen Outdoor- und Indoor-Einrichtungen). Die aktuellen Daten bilden also die atypische Krisensituation ab; sie können nicht als Basis generalisierender Aussagen benutzt werden. Aus Gründen der Validität und Vergleichbarkeit beziehen sich die quantitativen Angaben zu Besucherzahlen, regionalwirtschaftlichen Effekten etc. deshalb jeweils auf die Jahre vor Beginn der Coronapandemie.

    Bei den Arbeiten an diesem Buch bin ich auf vielfältige Weise unterstützt worden; dafür möchte ich mich bei allen Beteiligten herzlich bedanken:

    Dipl.-Geogr. Axel Biermann (Geschäftsführer der Ruhr Tourismus GmbH, Oberhausen) hat sich die Zeit genommen, in einem Interview über seine langjährigen Erfahrungen im Destinationsmanagement einer altindustriellen Region zu berichten.

    Prof. Dr. Angela Schwarz und Dr. Daniela Mysliwietz-Fleiß (Universität Siegen – Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte) sowie Prof. Dr. Marcus Herntrei, MBA und Yuliya Tsvilik, M. A. (Technische Hochschule Deggendorf – Fakultät European Campus Rottal-Inn) haben mir den Zugang zu wichtigen Literaturquellen ermöglicht.

    Tim, mein Sohn, hat die heikle Aufgabe übernommen, das Manuskript zu korrigieren und konstruktiv zu kommentieren.

    Dipl.-Ökonom Rainer Berger (UVK Verlag, München) war erneut ein kreativer, kompetenter und zuverlässiger Ratgeber.

    Mein besonderer Dank gilt jedoch meiner Frau Renate, die sich auch bei der Arbeit an diesem Band – wie bei meiner wissenschaftlichen Tätigkeit in den vergangenen 40 Jahren – als eine liebevolle und sachkundige, kritische und aufmunternde Gesprächspartnerin erwiesen hat.

    Überlingen, im Frühjahr 2022

    Albrecht Steinecke

    Genderhinweis

    Aus Gründen der Lesbarkeit verzichtet der Autor auf verkürzte Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinneren und verwendet in der Regel das generische Maskulinum. Damit folgt er der Empfehlung des „Rats für deutsche Rechtschreibung" vom 26.03.2021.

    1 Tourismus und Industrie – eine Liebe auf den zweiten Blick?

    „Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen:

    Wat ’ne geile Gegend!, das muss man wollen."

    Goosen 2010

    1| Ist das ein Denkmal oder kann das weg? Als der Gasometer in Oberhausen im Jahr 1988 stillgelegt wurde, sorgte diese Frage in der Stadt für leidenschaftliche Diskussionen. Durch das Engagement von Bürgern, Denkmalpflegern und Politikern konnte der Abriss des einst größten Gasbehälters in Europa verhindert werden. Seit der Umwandlung in eine Ausstellungshalle (mit einer Aussichtsplattform in 117 Meter Höhe) hat er sich zu einem bekannten Veranstaltungsort und einem markanten Wahrzeichen der Stadt entwickelt.

    Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters – diese Tatsache gilt nicht nur für Menschen und Objekte, sondern auch für Landschaften. Bei der Wahrnehmung und der Bewertung von Natur- und Kulturräumen wie Gebirgen, Küstenregionen etc. handelt es sich nicht um anthropologische Konstanten; vielmehr haben sie sich im Verlauf der vergangenen 200 Jahre grundlegend verändert. Von den Bewohnern wurden die Alpen z.B. zunächst als unheimlich und gefährlich empfunden und für die wenigen Reisenden waren sie eher bedrohliche Transiträume als attraktive Reiseziele.

    Es bedurfte einer völlig andersartigen Sichtweise, um sie zu den vielbesuchten Destinationen werden zu lassen, die sie gegenwärtig sind. Der neue touristische Blick auf die Berge und auch das Meer wurde wesentlich durch Maler und Literaten geprägt, die deren elementare Kraft und ungebändigte Wildheit romantisch verklärten bzw. dramatisch überhöhten – es sei nur an die Gemälde von Caspar David Friedrich und William Turner oder die Gedichte von Lord Byron und Albrecht von Haller erinnert.

    Diese künstlerische Idealisierung löste seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zunächst bei europäischen Adeligen und Besitzbürgern ein großes Interesse an entlegenen Bergdörfern und verschlafenen Fischersiedlungen aus. Mit ihrem Reiseverhalten fungierten sie als gesellschaftliche Trendsetter für die wachsende Mittelschicht der Beamten, Angestellten etc.

    In der Folge erwies sich die Industrielle Revolution als entscheidender Steuerungsfaktor für die Expansion des Tourismus und die Ausdehnung der Reiseperipherie. Speziell der Bau von Eisenbahnstrecken ermöglichte es nun einem massenhaften Reisepublikum, schnell, bequem und preisgünstig nach Brighton, Margate und Blackpool oder Davos, St. Moritz und Zermatt zu gelangen.

    Während viele periphere und ländliche Regionen von diesem Boom profitieren konnten, führten die Industriestädte lange Zeit ein touristisches Schattendasein. Sie verfügten nicht über die Attraktivität weitläufiger Residenzstädte, gepflegter Kurorte oder mondäner Seebäder; vielmehr wurde ihr Stadtbild durch rasch errichtete industrielle Funktionsbauten geprägt. Sie waren keine Orte des Müßiggangs und des Konsums, sondern der Arbeit und Produktion.

    Sofern die urbane Bevölkerung über die entsprechende Freizeit und die finanziellen Mittel verfügte, versuchte sie, dem alltäglichen Umfeld mit seinen rauchenden Schornsteinen, überbevölkerten Wohnquartieren und mangelhaften hygienischen Bedingungen an den Wochenenden bzw. während des Jahresurlaubs zu entfliehen. An dieser Situation änderte sich lange Zeit nichts: Bis in die 1980er-Jahre waren die Industrieregionen in Europa und den USA keine Zielgebiete, sondern vor allem touristische Quellmärkte (abgesehen von einem Geschäfts- und Dienstreiseverkehr).

    Um den ästhetischen Reiz, die architektonische Qualität und auch die touristische Attraktivität von Fördergerüsten, Stahlwerken und Maschinenhallen zu erkennen, waren – wie beim Gebirge und dem Meer – erneut ein grundlegender Perspektivwechsel und eine positive Umdeutung erforderlich.

    1.1 Die neue Wertschätzung der Industriekultur: Pioniere – Pressure-​Groups – Förderer

    Die Initiative ging in diesem Fall nicht – wie im 18. Jahrhundert – von Malern und Schriftstellern aus, sondern von weitsichtigen Persönlichkeiten, diversen gesellschaftlichen Interessengruppen sowie mehreren internationalen und staatlichen Organisationen.

    Zunächst waren es Fotografen, die das öffentliche Interesse an der Industriekultur weckten. Zu den Vorreitern der deutschen Industriefotografie gehören u.a. Bernd und Hilla Becher. Seit den 1970er-Jahren bereisten sie mehrere europäische Industrieregionen, um dort Hochöfen, Gasbehälter, Wassertürme etc. in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu dokumentieren. Da viele dieser Gebäude vom Abriss bedroht waren, wurden die beiden zu wichtigen Chronisten des ausgehenden Industriezeitalters. In dieser Tradition stehen gegenwärtig auch die zeitgenössischen Fotografen, die ihre Arbeiten auf kuratierten Internetplattformen wie „Pixelprojekt_Ruhrgebiet oder „PixxelCult publizieren (vgl. Liedtke 2015, S.31).

    Darüber hinaus setzten sich auch Architekten, Denkmalschützer, Historiker und Archäologen für die Bewahrung des industriekulturellen Erbes ein. Berühmte Architekten wie Fritz Schupp und Martin Kremmer hatten bereits in den 1930er-Jahren auf den besonderen architektonischen Wert von Industriebauten hingewiesen.

    „Wir müssen erkennen, dass die Industrie mit ihren gewaltigen Bauten nicht mehr nur ein störendes Glied in unserem Stadtbild und in der Landschaft ist, sondern ein Symbol der Arbeit, ein Denkmal der Stadt, das jeder Bürger mit wenigstens ebenso großem Stolz dem Fremden zeigen soll wie seine öffentlichen Gebäude."

    Fritz Schupp/Martin Kremmer (Architekten zahlreicher Industriebauten) (1931)

    (vgl. Buschmann 2013, S.1)

    Ein allgemeiner öffentlicher Bewusstseinswandel fand in Deutschland allerdings sehr viel später statt (vgl. Schwarz 2008a, S.52–54; Föhl 2014, S.200–201; Meier/Steiner 2018, S.22–23):

    In der Deutschen Demokratischen Republik wurden bereits in den 1950er-Jahren erste Inventarisierungen des industriellen und technischen Erbes durchgeführt, das – entsprechend der staatlichen Ideologie – als Beweis für die zivilisatorischen Leistungen der werktätigen Bevölkerung galt.

    In der Bundesrepublik Deutschland reichen die Anfänge der Industriedenkmalpflege bis in die 1970er-Jahre zurück. Zu den ersten Maßnahmen gehörte das „Nordrhein-Westfalen-Programm 1975", in dem die Landesregierung öffentliche Zuschüsse für den Erhalt industriegeschichtlicher und technischer Anlagen zur Verfügung stellte. Außerdem wurden mehrere stillgelegte Einrichtungen in Industriemuseen umwandelt und in den Denkmalämtern neue Stellen für fachlich qualifizierte Mitarbeiter geschaffen.

    2| Eine Kathedrale der Arbeit – die spektakuläre Maschinenhalle der Zeche Zollern II/IV in Dortmund ist 1902/03 nach Plänen des Architekten Bruno Möhring errichtet worden. Aufgrund einer Petition von Künstlern, Kunsthistorikern und Architekten an den NRW-Ministerpräsidenten wurde das Jugendstilgebäude im Jahr 1969 als erstes Industriedenkmal Westfalens unter Denkmalschutz gestellt.

    Darüber hinaus engagierten sich zunehmend auch Einwohner für den Erhalt industriegeschichtlicher Gebäude bzw. Anlagen (vgl. Berger/Golombek/Wicke 2015, S.28; Claßen 2021; Scheytt 2021):

    Nach langen Auseinandersetzungen gelang es z.B. einer Bürgerinitiative in Oberhausen, den geplanten Abriss der Siedlung Eisenheim in den 1970er-Jahren zu verhindern. Die anderthalb- und zweigeschossigen Häuser waren bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts für Hüttenarbeiter und Bergleute errichtet worden; damit gilt die Siedlung als älteste Arbeiter- und Zechenkolonie des Ruhrgebiets.

    Durch eine ähnliche Aktion konnte auch der Gebäudekomplex der Zeche Carl in Altenessen gerettet werden, der seitdem als soziokulturelles Kultur- und Kommunikationszentrum genutzt wird.

    Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab es in Deutschland ca. 800 Initiativ-Gruppen für Industriedenkmalpflege – davon allein in Nordrhein-Westfalen ca. 350.

    Denkmal – kulturelles Erbe – Heritage: grundlegende Begriffe für unterschiedliche Erinnerungskonzepte

    Fotografen, Politiker, Denkmalpfleger, Einwohner und (mit einem Zeitverzug) auch Destinationsmanager – jede dieser Interessengruppen engagiert sich aus spezifischen Motiven für den Erhalt von Industrierelikten. Die jeweiligen Ziele kommen auch in der Verwendung unterschiedlicher Begriffe zum Ausdruck (vgl. Prietzel 2009, S.55–56; Meier/Steiner 2018):

    Bei Denkmälern handelt es sich um Gebäude und Objekte, die aus wissenschaftlicher, gesellschaftlicher bzw. politischer Sicht als wichtige Zeugnisse der kulturellen Vergangenheit bewertet werden. Ihre Errichtung bzw. ihr Erhalt dienen dazu, die Betrachter an bedeutende Ereignisse bzw. Persönlichkeiten zu erinnern und das Identitäts-, Heimats- und Geschichtsbewusstsein zu stärken. Denkmäler gehören zu den elementaren Bestandteilen einer öffentlichen Gedenkkultur, die durch den jeweiligen Zeitgeist bestimmt wird (der z.B. bei den Kriegerdenkmälern des Ersten und Zweiten Weltkriegs besonders deutlich wird).

    Der Begriff des industriekulturellen Erbes beinhaltet hingegen nicht nur die Würdigung positiver historischer Geschehnisse – z.B. beeindruckender technischer Innovationen oder herausragender Leistungen von Unternehmern und Arbeitern. Vielmehr umfasst er auch die Reflexion über die Schattenseiten der Industriegeschichte – z.B. die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in der Frühphase der Industriellen Revolution oder die Zwangsarbeit in diktatorischen Herrschaftssystemen.

    Unter dem Terminus des Heritage werden zumeist kulturtouristische Projekte subsumiert, die überwiegend kommerzielle Verwertungsinteressen verfolgen. In ihnen findet eine gegenwartsorientierte Auswahl historischer Ereignisse statt, bei der die sperrigen und „dunklen Dimensionen der Industrialisierung weitgehend ausgeblendet werden. Stattdessen wird die Vergangenheit in einer unterhaltsamen und leicht konsumierbaren Weise vermittelt – z.B. durch Reenactments in historischen Erlebniswelten oder animative „Mitmachaktionen in Museen.

    Angesichts der unterschiedlichen und teilweise divergierenden Interessen kommt es zwischen den Akteuren immer wieder zu Konflikten über den angemessenen Umgang mit Industrierelikten – speziell zwischen Touristikern, die für eine Erschließung plädieren, und Denkmalpflegern, die sich für den sachgerechten Erhalt der Objekte einsetzen (bei Vorträgen hat der Autor z.B. mehrfach erlebt, dass Denkmalpfleger in den anschließenden Diskussionen erklärten, sie seien überhaupt nicht an einer touristischen Nutzung „ihres" Denkmals interessiert).

    Als konfliktträchtig erweist sich auch das Verhältnis zwischen Denkmalpflegern und lokalen Initiativen, die sich speziell für die Instandsetzung historischer Maschinen und Lokomotiven einsetzen. Sie legen häufig größeren Wert auf eine spektakuläre Inbetriebnahme als auf eine historisch korrekte Rekonstruktion (vgl. Cossons 2008, S.19).

    Trotz des zivilgesellschaftlichen und politischen Engagements zur Bewahrung des industriekulturellen Erbes spielten Industrierelikte und -regionen weiterhin noch keine wichtige Rolle im Tourismus. Offensichtlich bedurfte es zusätzlicher Impulse, um eine breite Öffentlichkeit auf deren kulturellen Wert und ungewöhnliche Attraktivität aufmerksam zu machen.

    Als Gunstfaktor für spätere Entwicklung des Industrietourismus hat sich dabei die Aufnahme historischer Industrieeinrichtungen in die UNESCO-Welterbeliste erwiesen. In dieser Liste waren zunächst (zumindest in Europa) nur Kathedralen, Burgen, Schlösser, historische Stadtquartiere und archäologische Stätten vertreten – also Objekte, die unter traditionellen kunst- und architekturhistorischen Kriterien als besonders wertvoll galten. Mit den Salzbergwerken in Wieliczka und Bochnia (Polen) wurden im Jahr 1978 erstmals auch Industrierelikte entsprechend gewürdigt (vgl. Chybiorz/Piwowar 2017, S.7).

    Seitdem sind weltweit ca. 50 Objekte der Industrie und Technik in die Liste aufgenommen worden; dazu zählen u.a. stillgelegte Industriebetriebe, historische Infrastruktureinrichtungen (Kanäle, Brücken, Schiffshebewerke etc.), umfangreiche Industriekomplexe, Industriedörfer bzw. -städte sowie weitläufige Industriekulturlandschaften. Angesichts einer Gesamtzahl von mehr als 1.100 Einträgen spielen diese Relikte allerdings immer noch eine geringe Rolle im breiten Spektrum der Welterbestätten (vgl. Röhr 2015, S.9; Höhmann 2016, S.19).

    Deutsche Industrie- und Technikobjekte auf der UNESCO-Welterbeliste

    – die Leuchttürme des industriekulturellen Erbes

    Rammelsberg – Museum & Besucherbergwerk, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft (1992; Erweiterung 2010)

    Völklinger Hütte, Völklingen (1994)

    Industriekomplex Zeche Zollverein, Essen (2001)

    Fagus-Werk, Alfeld (2011)

    Hamburger Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus (2015)

    Augsburger Wassermanagement-System (2019)

    Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří (2019; Deutschland/Tschechien)

    Die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste stellt für historische Industrieeinrichtungen den kulturellen und zugleich touristischen Ritterschlag dar. Sie gelten nun – quasioffiziell – als global bedeutende „Meisterwerke der menschlichen Schöpferkraft" und stehen damit auf einer Ebene mit namhaften Kulturstätten wie der Akropolis, der Chinesischen Mauer oder den Pyramiden von Gizeh (vgl. Kesternich 2020, S.28).

    Obwohl mit der Auszeichnung primär ihr kultureller Wert gewürdigt wird, nutzen die Welterbestätten den Titel auch als touristisches Gütezeichen, mit dem sie sich – speziell auf dem internationalen Markt – als einzigartige Besucherattraktionen vermarkten. Allerdings sind empirische Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass das begehrte Label kaum zu einer Steigerung der Nachfrage beiträgt (max. +3 Prozent). Allenfalls die weniger bekannten Welterbestätten können in stärkerem Maße davon profitieren (vgl. PwC 2007, S.82; Quack/Wachowiak 2013, S.291–292; Voit 2017, S.101–102).

    Während die UNESCO vor allem für die symbolische Nobilitation der Industriekultur sorgte, trat in den 1990er-Jahren die Europäische Union als weiterer Akteur auf, indem sie Mittel zur Anschub- bzw. Kofinanzierung industrietouristischer Projekte zur Verfügung stellte. Durch die Rückbesinnung auf das gemeinsame industriekulturelle Erbe sollten das Identitätsbewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Europäer gestärkt werden. Außerdem ging es um eine Unterstützung altindustrieller Regionen, die erhebliche wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme zu bewältigen hatten.

    3| Von einer boomenden Bergbaustadt zu einem populären Touristenort – durch den Abbau und die Verarbeitung von Kupfererz erlebte das norwegische Røros bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine wirtschaftliche Blüte. Seit der Stilllegung der letzten Grube im Jahr 1977 hat sie sich mit ihren grasbedeckten Arbeiterhäusern und bunt bemalten Holzgebäuden zu einem beliebten Reiseziel entwickelt. Sie wurde bereits im Jahr 1980 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen und ist eine Station der „Europäischen Route der Industriekultur (ERIH)".

    Im Mittelpunkt der kultur- bzw. wirtschaftspolitischen Fördermaßnahmen stand dabei die transnationale Verknüpfung von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Partnern aus mehreren Ländern in Form von Netzwerken, Themenrouten, Arbeitsgemeinschaften etc. Inhaltliche Schwerpunkte waren museumsdidaktische Themen, die Kombination von Denkmal- und Sozialgeschichte sowie die Gestaltung des touristischen Angebots (vgl. Wilhelm 2003; Soyez 2006, S.76).

    Trotz ihres innovativen Charakters und ihrer Subvention durch die Europäische Union mussten viele Initiativen ihre Arbeit jedoch am Ende des Förderzeitraums wieder einstellen. Eine Ausnahme ist die „Europäische Route der Industriekultur (ERIH)". Sie geht auf eine Initiative von Institutionen aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden im Jahr 1999 zurück und ist bis zum Jahr 2008 im Rahmen diverser INTERREG-Programme finanziell unterstützt worden. Die Route gilt als Modell einer erfolgreichen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit; im Jahr 2019 wurde sie als Kulturroute des „Europarates" zertifiziert (vgl. ERIH 2017) (→ 4.2).

    Die Europäische Union hat die Förderung entsprechender industrietouristischer Initiativen bis in die jüngere Zeit fortgesetzt – speziell im Rahmen der LEADER-, INTERREG-, EFRE- und ERDF-Programme; dazu zählen u.a.:

    das Projekt „SHIFT-X. Employing cultural heritage as promoter in the economic and social transition of old-industrial regions" (2012–2014), in dem ein Wissens- und Erfahrungstransfer von Einrichtungen in Österreich, Deutschland und Belgien mit Partnern

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