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Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A: Auslegungen für Predigt und Meditation
Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A: Auslegungen für Predigt und Meditation
Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A: Auslegungen für Predigt und Meditation
eBook303 Seiten2 Stunden

Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A: Auslegungen für Predigt und Meditation

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Über dieses E-Book

Die christliche Verkündigung hat, wie es scheint, nicht nur die Innerlichkeit verloren und stattdessen das bloße Für-wahr-Halten von Glaubenssätzen betont, sie scheint in ihrer Rede von Gott auch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten hundert Jahre vielfach außer Acht zu lassen.
Diesem geistlichen und reflexiven Dilemma begegnet die Autorin der vorliegenden Auslegungen, indem sie die Botschaft Jesu als Prozess spirituellen und menschlichen Reifens erschließt, der in eine Tiefe und Fülle von Bewusstheit, Sinn und Lebendigkeit führt, die ihresgleichen sucht. Dabei bedient sie sich einer Sprache, die, lebendig und theologisch sorgfältig, durch und durch anschlussfähig ist für das Weltverständnis und die Lebenserfahrungen von heute.
Es folgen die Bände für die Lesejahre B und C.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum17. Aug. 2022
ISBN9783791762234
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    Buchvorschau

    Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A - Anke Lechtenberg

    ADVENT

    Darum haltet auch ihr euch bereit!

    Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde,

    in der ihr es nicht erwartet.

    (Mt, 24,44)

    Habitare secum – Wohnen bei sich selbst

    Erster Adventssonntag: Mt 24,29–44

    „Wer es könnte

    die Welt

    hochwerfen

    dass der Wind

    hindurchfährt."¹

    Diese Worte der Schriftstellerin Hilde Domin verdeutlichen das Anliegen der jüdischen Apokalyptik, das in den Worten des heutigen Evangeliums anklingt. Es handelt sich um eine religiöse Strömung, die vom 6. Jahrhundert vor Christus bis in die Zeit der frühen Kirche hinein lebendig war und der es um die Erkenntnis ging, dass die Welt so hoffnungslos verfahren und verkommen ist, dass sie komplett aus den Angeln gehoben werden müsste, damit ein Neubeginn möglich würde. Der Untergang des Alten, den die Apokalyptik oft in katastrophalen Bildern schilderte, war deshalb nicht eigentlich gefürchtet, er wurde als Rettungstat Gottes vielmehr ersehnt.

    Auch die frühe Kirche kannte diese Sehnsucht und verband den Neubeginn zunächst mit der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag. Aber sie lernte im Laufe der Zeit, den Tag, an dem der Herr kommt, nicht mehr nur in die Zukunft zu vertagen, sondern ihn hier und jetzt bereits anbrechen zu sehen.

    „Seid also wachsam!" (Mt 24,42), das bedeutet in dieser Perspektive: Halte inne und nimm wahr, wieviel Gott, wieviel Wohlwollen und Güte schon in der Welt sind! Halte inne und nimm wahr, dass in der Tiefe deines Lebens bereits Größeres geschehen will als es die bloße Oberfläche von Essen, Trinken und Heiraten vermuten ließe! Halte inne und nimm wahr, dass dein ganz konkreter und banaler Alltag der Ort ist, an dem Gott nach dir sucht, an dem er dir entgegenkommt und in dir Wohnung nehmen will!

    „Seid also wachsam!, heißt deshalb auch: Werde dir deines Innenlebens bewusst. Nimm wahr, was dich bewegt und berührt, und nimm es an. Nichts musst du wegschieben oder versteckt halten. Alles darf vor dir und deinem Gott ins Licht kommen, damit sein „Wind, sein Atem es verwandeln kann. Und selbst wenn dir manche Illusionen und Selbstbilder dabei zerplatzen können wie Seifenblasen; selbst wenn es sich anfühlen mag bisweilen, als würden dir die Sterne vom Himmel fallen und die Sonne sich verfinstern – hab keine Angst! Denn über dem Leben der Wachsamen liegt die Zusage, mitgenommen zu werden in eine Beziehung. Du findest im Wohnen bei dir selbst das Wohnen Gottes auf dem Grund deiner Seele.

    „Habitare secum nannten dies die alten Wüstenväter und -mütter: Wohnen bei sich selbst unter den liebevollen Augen Gottes. Denn nicht gottlos ist unsere Welt, nicht „wert, dass sie zugrunde geht (Mephisto in Goethes Faust), sondern Ort seiner Geburt: vor mehr als 2000 Jahren in Betlehem und seitdem immer wieder, wo Menschen auf Vertrauen gegründet zur Liebe reifen. Heute bist du gerufen, seinen Advent geschehen zu lassen in dir und durch dich. Sei also wachsam.

    ¹Hilde Domin, Hier. Gedichte, Frankfurt a. M. 1995, 33.

    Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt,

    und meint nicht, ihr könntet sagen:

    Wir haben Abraham zum Vater.

    (Mt 3,8–9)

    Alles auf Anfang

    Zweiter Adventssonntag: Mt 3,1–12

    Lebensraum Wüste, Kleidung aus kratzendem Kamelhaar, als Nahrung wilde Heuschrecken und Honig: Johannes der Täufer ist eine verstörende Figur. Und doch ziehen „die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend (Mt 3,5) zu ihm hinaus. Offensichtlich trifft Johannes eine tiefe Sehnsucht in ihnen – die nämlich, mit dem Leben noch einmal von vorn beginnen zu können, klarer und wahrer von innen her: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe (Mt 3,2). Allen, bei denen diese Worte Resonanz finden, ist Johannes nahe. Er harrt aus an den Verworrenheiten ihres Gewordenseins und begleitet sie bis in den Neuanfang inmitten der Jordanfluten.

    Als aber die religiöse high society aufkreuzt, wird es kritisch. Natürlich waren die Pharisäer und Sadduzäer keine schlechten Menschen, eher im Gegenteil. Sie bemühten sich um ein besonders strenges Leben nach den Geboten Gottes. Was aber Johannes partout nicht erträgt, das ist die Selbstgerechtigkeit, mit der sie meinen, „Gott und das Leben" zu kennen und sich selbst qua abrahamitischer Herkunft auf der richtigen, der frommen Seite wähnen.

    Gott und das Leben festzulegen auf die eigene Vorstellungswelt – in dieser Gefahr stehen alle (religiösen) Menschen. Deshalb stellt sich die Frage: In welcher Gruppe stünde ich dort am Jordan? Darf Johannes mich stören, meine Denk- und Deutemuster, meinen Lebensstil, sogar meine Gottesbilder und meine Frömmigkeit infrage stellen?

    Der Philosoph Joseph Pieper bezeichnete die sogenannte „Akedia, die Trägheit im menschlichen und religiösen Reifen, als „Werde-Angst. Er meinte damit die Angst vor dem inneren Wachstum; die Angst vor der Wandlung, vor dem Loslassen des Alten und Gewohnten.

    Wandlung ist keine Randerscheinung, sie ist die innerste Mitte unseres Glaubens. Über die Eucharistie prägte der heilige Augustinus den Satz: „Empfangt, was ihr seid, Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi."

    Johannes lädt uns ein, auch mit der Werde-Angst bewusst umzugehen und sie Gott hinzuhalten. Und er steigt mit hinein in die Fluten der nicht nur schönen Selbsterkenntnis, die einen dabei bedrängen können. Denn die Größe der eigenen Berufung zu erahnen und zu erkennen, wieviel Ängstlichkeit und deshalb Ungelebtes in mir schlummert, wieviel Leben ich mir und anderen versagt habe, wieviel Liebe, wieviel Zärtlichkeit und Wohlwollen, wieviel Gott ich nicht wagte – das bringt auch Trauer mit sich.

    Das Gute ist jedoch: Genau sie kann unsere Beharrungskräfte überwinden. Denn Johannes in seiner Unbedingtheit hat ja recht: Es gibt keinen Aufschub. Wann sonst sollten wir beginnen, der tieferen Wahrheit unserer Seele zu folgen, wenn nicht jetzt?

    Bist du der, der kommen soll,

    oder sollen wir auf einen anderen warten?

    Jesus antwortete ihnen:

    Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht …

    (Mt 11,2–3)

    Heilsame Irritation

    Dritter Adventssonntag: Mt 11,2–11

    Der Theologe Johann Baptist Metz pflegte in seinen Vorlesungen mit Nachdruck zu betonen: „Das Christentums hat eine Moral, aber es ist nicht Moral. Damit kritisierte er die Tendenz, unsere Religion zum einen auf ein äußerlich „anständiges Leben zu verkürzen und zum anderen unser Über-Ich, also die verinnerlichten Ansprüche von Eltern oder Gesellschaft, mit Gott zu verwechseln.

    Johannes der Täufer verkündete den großen Richter, der nach ihm komme, der „die Schaufel in der Hand halte, der die Spreu vom Weizen trennen und die Spreu in „nie erlöschendem Feuer verbrennen werde (vgl. Mt 3,12). Krasse Bilder! Heute aber hören wir, dass er irritiert ist: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? (Mt 11,3) Offensichtlich „richtet Jesus ganz anders, als Johannes es vom Messias erwartet und verkündet hatte.

    „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet (Mt 11,5). Jesus richtet, indem er heilt. Er urteilt nicht ab, er richtet auf. „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben (9,36), fasst Matthäus das Handeln Jesu später zusammen. Dieser Messias, an dem viele Anstoß nehmen (vgl. 11,6; 13,54 ff.), räumt nicht mit harter Hand auf. Er ist mitfühlend und heilsam. Denn moralische Appelle oder der „gute Wille" erlösen nicht. Allein die Liebe hat die Macht, unser Herz zu verwandeln.

    Deshalb besteht das Christ-Sein nicht darin, sich oder andere in das strenge Korsett hoher Ideen und Ideale zu zwängen, um die eigene „Moral unter Beweis zu stellen oder „Verdienste zu sammeln fürs Jenseits. Es geht um Radikaleres: Es geht darum, sich von Gott lieben und von Jesus heilen zu lassen, um selbst ein liebender und heilsamer Mensch zu werden.

    Warum aber, wenn es so steht, sollte man daran Anstoß nehmen? Ist die Liebe, die uns bedingungslos geschenkt wird, nicht unsere tiefste Sehnsucht? Ja, das ist sie – aber auch unsere größte Herausforderung. Immer wieder verwechseln wir Gottes Liebe mit unseren menschlichen Beziehungserfahrungen; immer wieder – und oft unwillkürlicher und „schneller als wir es überhaupt bemerken – stehen wir in der Gefahr, mit Gott eine Art Geschäftsmodell zu betreiben. „Do ut des, nannten es die alten Römer: Ich gebe dir, Gott, meine Gebete, meine „Opfer, mein „anständiges Leben …, damit du mir gibst, was ich von dir erwarte.

    Diese Haltung ist gleichermaßen verführerisch wie voller Unglauben. Verführerisch, weil sie der Illusion entspringt, Gott „bestechen zu können nach unseren eigenen Vorstellungen. Voller Unglauben, weil sie der Angst entspringt, Gott „zufriedenstellen zu müssen durch die eigene religiöse Leistung. Sich von Gott lieben und von Jesus heilen zu lassen, das bedeutet stattdessen, sich dem größten Geheimnis unseres Lebens mit leeren Händen anzuvertrauen.

    Während er noch darüber nachdachte,

    siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte:

    Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht,

    Maria als deine Frau zu dir zu nehmen;

    denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.

    (Mt 1,20)

    Nach innen hören

    Vierter Adventssonntag: Mt 1,18–24

    In der Antike waren Träume als Ausdrucksform des Göttlichen hochgeschätzt. Später wurden sie diskreditiert als seelische Mechanismen zur bloßen Verarbeitung liegengebliebener Tageseindrücke. Zum Glück geht die Psychologie unserer Tage aus dieser rein funktionalen Betrachtungsweise hinaus und anerkennt unsere Träume als Seelenbewusstsein, das uns bisweilen Weiseres zu sagen hat als unser Tagesbewusstsein es vermag.

    Gott sucht Menschen, in denen er wohnen, in denen er Wirklichkeit werden darf. Von seiner bittenden, bisweilen geradezu bettelnden Sehnsucht erzählt die gesamte Bibel Israels. Deshalb besteht das Abenteuer des Christ-Seins darin, auch ein bewusstes inneres Leben zu führen.

    Josef ist im Hören nach innen ein exzellentes Vorbild. Eigentlich dachte er bereits darüber nach, sich von Maria zu trennen. Die Kränkung, die er durch ihre unverhoffte Schwangerschaft erfahren hatte, wog offensichtlich zu schwer. Dann aber träumt er – und am Ende heißt es wie selbstverständlich: „Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich" (Mt 1,24). Josef ist sich seines Innenlebens bewusst. Er nimmt die Bilder seiner Seele wahr und er nimmt sie ernst. Das ist das Erste.

    Das Zweite: Die Stimme, die im Traum zu ihm spricht, vermittelt ihm Trost („Fürchte dich nicht, Mt 1,20) und Sinn („er wird sein Volk … erlösen, Mt 1,21). Der heilige Ignatius von Loyola (1491–1556) sah darin ein wichtiges Kriterium der Unterscheidung: Was immer zu einem Mehr an tiefer Übereinstimmung mit uns selbst führt und zu einem Mehr an Sinn, Lebendigkeit und Liebe, das kommt von Gott. Alle anderen Stimmen, die aus Angst, aus inneren oder äußeren Zwängen oder aus Unzufriedenheit entspringen oder die uns dahin führen könnten, stammen nicht von Gott. Natürlich wird die Suche nach dem je Liebevolleren immer wieder kollidieren können mit unseren Plänen und Wünschen, mit unserer Lustsuche und Unlustvermeidung. Doch auch diese Spannungen gilt es unter dem liebevollen Blick Gottes wahrzunehmen und anzunehmen.

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