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Mutter Natur und ihre Kinder
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eBook244 Seiten3 Stunden

Mutter Natur und ihre Kinder

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Über dieses E-Book

Ist es noch möglich, die immer schneller voranschreitende, von Menschenhand verursachte Umweltzerstörung aufzuhalten? Gibt es Hoffnung auf ein friedliches und glückliches (Über-) Leben für alle?
Jana Berger erzählt die Geschichte von Mutter Natur und ihren Kindern, einer Familie besonderer Naturwesen, die mit unvorstellbaren magischen Kräften ausgestattet die Wunder und Einmaligkeit der Natur beschützen und am Leben erhalten. Mit der zunehmenden Vernichtung der Natur werden jedoch ihre einst unbesiegbaren Kräfte immer weiter geschwächt, bis schließlich die Existenz der gesamten Familie kurz vor ihrer Auslöschung steht.
Deshalb bricht Alesandro, der Letztgeborene, nach Jahren der Abschottung zu einer abenteuerlichen Reise in die Welt der Menschen auf und an der Seite seiner großen Liebe Alina beginnt ein unermüdlicher Kampf für den Erhalt der Natur, mitsamt all ihrer Lebewesen, bis letztendlich sein eigenes Leben in Gefahr ist…

Jana Berger wurde 1965 in Annaberg-Buchholz in Sachsen geboren. Zunächst besuchte sie die POS (Polytechnische Oberschule) in ihrem Heimatort Schlettau. Den Abiturabschluss erlangte sie in der EOS (Erweiterte Oberschule) Annaberg-Buchholz. In Erfurt und Dresden absolvierte sie ein Hochschulstudium als Diplomlehrerin in der Fächerkombination Deutsch und Kunsterziehung. Inzwischen ist sie seit über 32 Jahren als Lehrerin im Bernhard-von-Cotta-Gymnasium in Brand-Erbisdorf tätig. Auch außerhalb des Unterrichts betätigt sie sich gern kreativ, engagiert sich sozial und für den Umweltschutz. So lieferte sie Illustrationen für mehrere Bücher des Autors Joachim Schuster zur Dresdener Stadtgeschichte. Außerdem bekundete der Förderverein Schloss Schlettau Interesse an ihrer Geschichte „Meine Großeltern und ich“, sodass mit seiner Unterstützung das gleichnamige Buch erschien.
SpracheDeutsch
HerausgeberEuropa Edizioni
Erscheinungsdatum30. Apr. 2022
ISBN9791220126403
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    Buchvorschau

    Mutter Natur und ihre Kinder - Jana Berger

    Die Natur entfaltet sich

    Der Wind strich über die Erde und drang tief in ihr Innerstes ein. Dennoch gab es nichts auf ihrer Oberfläche, was er hätte zerzausen können. Doch mit ihm regte sich Leben unter der Gesteinskruste. 

    Der Boden brach auf und ihm entspross ein zartgrünes einzelnes Blatt. Noch war es klein. Doch bald strebte es höher und höher. Wurzeln breiteten sich unterhalb und oberhalb des Bodens aus. Bald beließ es diese wunderbare Pflanze nicht bei einem einzelnen Blatt. Sie entwickelte einen kräftigen Stamm. Das Erstaunlichste war jedoch, dass oben die sich verzweigenden Äste eine zarte Blüte umschlossen. Ein Hauch von Rosa überzog sie.  Doch hätte man darauf warten wollen, dass sie sich öffnet, so hätte man vergebens gewartet. Denn nun vollzog sich eine Wandlung, die wohl das Allererstaunlichste in die Wege leitete. Die Knospe formte sich zu einem Gesicht aus. Augen, so klar wie ein Kristallsee, öffneten sich. Der Mund schien zarten Rosenblättern nachempfunden zu sein. Die sie umschließenden Äste begrünten sich derart, dass sie einer Flut von langem, grün schimmernden Haar glichen. Der Stamm unterhalb der ehemaligen Knospe brach auf und heraus streckten sich zwei zarte Arme. Der Schorf der Rinde fiel ab und das wundersame Wesen wurde mehr und mehr von pulsierendem Leben erfüllt. 

    Bedächtig zog die Erschaffene, die man schon nicht mehr als Pflanze bezeichnen konnte, die Wurzeln aus dem Boden und wie von Zauberhand wurden sie dirigiert und verflochten sich derart ineinander, dass ein kunstfertig verflochtenes Kleid daraus entstand. Mutter Natur war geboren. 

    Hätte es Zeugen ihrer Geburt gegeben, so hätten jene berichten können, dass sie sich als Inbegriff der Natur streckte, als ob sie danach lechzt, sich mit weiteren Naturkräften zu vereinigen. Doch noch strich um sie nur der Wind, der mit unverminderter Kraft seine Arbeit fortsetzte. 

    Als habe er jedoch ihre Gedanken erraten, entfachte er plötzlich einen heftigen Sturm. Angesichts dieser entfesselten Elemente blieb Mutter Natur gelassen. Gespannt beobachtete sie, wie der Sturm Gestalt annahm. Es war die Gestalt eines Mannes, dessen ganzer Körper wie von Bronze überstrahlt war. In seinen Augen schien ein immerwährendes Feuer zu lodern. Seine schwarzen, zerzausten Haare umflatterten seinen Kopf. Mit der Selbstverständlichkeit seines wilden Naturells nahm er sie, während sie nur darauf zu warten schien. Kaum dass sie sich vereinigten, wirbelten sie herum und im wilden Tanz versenkten sie neue Keimlinge in die Erde. 

    Die Geburt der Kinder vollzog sich auf ähnliche Weise wie die der Eltern, nur dass sie augenblicklich ihrem künftigen Aufgabenbereich angeglichen wurden, sodass das Wasserkind fortwährend von einem Strudel quirlenden Wassers umflossen wurde. 

    Kaum waren die Kinder geboren, da wurden sie auch schon in die Welt entsandt. So sorgten die Wasserkinder dafür, dass sich ein riesiger Wasserschwall über die Erde ergoss. Fauna, die ganz in Blüten eingehüllt war, übertrug ihre Schönheit und Vielfalt auf die Landschaft. Die Geschwister Fauna und Faunus nahmen sich der Tiere an. Aus Klein wurde Groß. Waren es zunächst winzige Pflänzchen und kleines Getier, die die Erde bevölkerten, so nahmen sie nach einiger Zeit unvorstellbare Dimensionen an. 

    Doch auch sie folgten dem Willen von Mutter Natur,

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    nicht mehr zu nehmen, als sie bereit war zu geben.

    Der Mensch greift ein

    Dies änderte sich, als die Menschen die Erde betraten. Schon bald stellte Mutter Natur fest, sie bekamen nie genug. Sie bildeten sich etwas darauf ein, mehr zu denken als all die anderen Tiere. Doch bedachten sie am wenigsten die Folgen ihres Tuns. 

    Zunächst war es ihre Gier nach Holz und Lebensraum, die einst blühende Landschaften in öde Mondlandschaften verwandelte. Mutter Natur legte ihre Stirn in Falten und verlangte von ihrem Mann: „Du musst einschreiten, bevor es zu spät ist. Doch dieser entgegnete: „Ich bin ein freier Geist und lass mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe. Doch lass mich mal machen, und hier zeigte es sich zum ersten Mal ganz deutlich, dass er seine eigentliche Aufgabe in einem zerstörerischen Werk sah. Dies gefiel Mutter Natur nicht, sodass sie ihn zur Rede stellte: „In früheren Zeiten schrieb ich dein Vernichtungswerk deinem überschäumenden Temperament zu. Doch nun treibst du es zu arg. Aber ihr Mann antwortete mit einer Ernsthaftigkeit, die sie ihm nie zugetraut hätte: „Entstehen und Zugrundegehen lassen sich nicht voneinander lösen. Kaum, dass ein neues Leben in die Welt gesetzt wurde, bewegt es sich seinem Ende zu. Wo eine Pflanze verrottet, liefert sie den Dung für neue Pflanzen. Wo ein ausbrechender Vulkan alles Leben unter sich begräbt, wird ein fruchtbarer Boden für neues Leben bereitet. Wo ein Tier verendet, ernährt es andere Tiere. Ist es nicht so? Mutter Natur, die für sich in Anspruch nehmen konnte, über nahezu unerschöpfliches Wissen zu verfügen, jedoch das grausame Gesetz nicht wahrhaben wollte, musste zugeben: „Ja, du hast recht", und so fuhr

    ihr Mann fort, zunehmender Unvernunft der Menschen mit zunehmender Gewalttätigkeit zu begegnen. 

    Kaum dass die Menschen es aufgegeben hatten, in kleineren Gruppen auf der Suche nach Nahrung umherzustreifen und es vorzogen, dicht an dicht mit ihren Haustieren in engen dörflichen Behausungen zu hocken, suchte er sie mit Krankheiten heim. Noch schlimmer kam es, als sich die Menschen in Städte zwängten. Dächer berührten einander fast. Ekelerregendes ergoss sich auf Straßen und in Flüsse. Da konnte der Zerstörer nicht anders. Er überfiel die Menschheit mit Seuchen, die dafür sorgten, dass ganze Dörfer und halbe Städte ausradiert wurden. Doch dieses Mal war es seine Frau, die vernünftige Worte sprach: „Was soll das bringen, wenn jene, die verblieben sind, sich mit umso größerer Begierde in Wälder hineinfressen und die Erde aushöhlen?  Ihre Schmelzöfen verschlingen Holz wie eine siebenköpfige Raupe, noch bevor Neues ausreichend nachwachsen kann.  Das, was seine Frau ihm erzählte, war nicht wirklich neu für den Mann. Doch was sie nun vorschlug, damit hatte er sich noch nicht befasst: „Wir sahen unsere Aufgabe darin, die gesamte Welt zu bewahren und zu erneuern. Doch die Menschen haben uns in eine Situation gebracht, wo wir selbst an unseren eigenen Erhalt denken müssen, wenn die Welt und mit ihr unsere Kinder weiter bestehen sollen. Bislang durchstreiften wir die Welt und fühlten uns überall heimisch. Doch kahle, unfruchtbare Flächen, denen wir entfliehen, vergrößern sich. Die Frage wird sein: Wann ist der Zeitpunkt erreicht, wo uns die Menschen den letzten lebenswerten Raum entrissen haben?

    Die Erschaffung von Rückzugsgebieten

    Ihr Mann und ihre Kinder, die Mutter Erde extra zu sich gerufen hatte, als stünde etwas Außerordentliches bevor, schwiegen betroffen. Sie deutete deren Schweigen auf ihre Weise: „Seht ihr, es muss gehandelt werden." Keiner wagte, die Stille zu durchbrechen. Denn jedem war bewusst, Mutter Natur hatte schon vorausgedacht, so wie sie stets vorausdachte und sie hatte ihre Entscheidung längst getroffen. Gebieterisch hob sie nun Arme und Hände und beschwor die Natur, ihnen beizustehen und Schutz zu bieten. 

    Dies tat sie, indem in einem Rhododendronwald die Sträucher derart emporwuchsen und Äste sich ineinander durchdrangen, dass für einen Menschen kein Durchkommen mehr möglich war. Die grüne mit Blüten bestückte Mauer öffnete sich nur jenen, die befugt waren. Das Innere glich einem grünen Dom, der von einer Kuppel aus gleisendem Licht umschlossen wurde. Säulenartige Palmen ragten empor, die von bunten, gefiederten Singvögeln umkreist wurden. Aus Tautropfen gewebte Wandbehänge, welche wie Brillanten funkelten, bedeckten die Wände und vervollkommneten das Bild einer prächtigen Naturentfaltung. 

    Je nachdem, in welchen Teil der Erde es die Kinder verschlagen hatte, stellten sie fest: „Wir wollen etwas Ähnliches schaffen, ob ganz oben im hohen Norden einen Eiskristallpalast oder im fernen Osten einen mit Lotosblüten geschmückten Bambushain. 

    Sogleich entwarf auch das Kind der südlichen Hemisphäre seinen Plan von einem Tempel inmitten des tropischen Regenwaldes. Doch anders als jene der MayaKulturen waren es die Luftwurzeln selbst, die sich als

    Baumeister entfalteten. Zu ihnen gesellten sich exotische Blüten, die ein wahres Feuerwerk an Farben entzündeten.  Mittendrin tranken metallisch funkelnde Kolibris begierig Nektar aus Blüten. Das Kind der südlichen Hemisphäre erwies sich als würdiger Nachfahre von Mutter Natur, indem es sich das Prinzip des Bewahrens zu eigen machte und einen Regenmantel um seine Schöpfung legte. 

    Die Eltern blickten mit Stolz auf ihre Kinder und das von ihnen Geschaffene. Doch wie lang würde es dauern, bis abermals die unersättlichen Hände der Menschen danach greifen würden? War es nicht erst in jüngster Zeit geschehen, dass jene, die sich als Weiße bezeichneten, über jene, die sie als Rothäute bezeichneten, wie Heuschreckenschwärme herfielen, um sich deren Reichtümer anzueignen, die im Boden schlummerten? Das Goldfieber, das jene Männer erfasst hatte, loderte zerstörerisch in ihnen.  Zerstörerisches Fieber, welches jegliches Mitgefühl sich selbst und anderen gegenüber niederbrannte, hatte sie erfasst. 

    Wen es verwundern sollte, dass jene nach dem Töten der Ureinwohner auch den Selbsterhaltungstrieb in sich selbst abtöteten, dem sei gesagt: Kaum dass sie ihren Opfern das Land entrissen hatten, rissen sie die Erde auf, wühlten sich in das Innerste und versenkten sich sowie schwankende Leitern in die klaffenden Wundlöcher der Erde.

    Abertausende lieferten sich unwirtlichen und unwürdigen Bedingungen aus, um sich schließlich in Alkohol zu ertränken. Doch das wirklich Schlimme war, dass nicht allein die Verursacher untergingen, sondern sie rissen auch Unbeteiligte oder gar Naturverbundene mit sich in den Abgrund hinab. 

    So kam es, dass Mutter Natur mit ihrem Mann das Schmerzlichste durchleben mussten, was Eltern überhaupt widerfahren kann - den Tod ihrer eigenen Kinder. Wem sich hier nun ein Widerspruch auftut, weil die Eltern offenbar im Gegensatz zu ihren Kindern von den Eingriffen der Menschen verschont blieben, dem will ich Folgendes erklären: Als Mutter Natur, die Erhalterin, und ihr Mann, der Zerstörer, ins Leben gerufen wurden, strotzte die Erde noch vor Kraft und übertrug diese auf die beiden Naturgewalten. Tatsächlich würden diese erst aufhören zu existieren, wenn die Erde endgültig zerstört wäre.

    Schwächung der Natur

    Doch insbesondere durch das Zutun der Menschen wurden die Kräfte der Erde immer mehr aufgebraucht und mit ihnen auch die Kräfte ihrer Kinder. Am schlimmsten erging es jenem Sohn, der ins 19. Jahrhundert hineingeboren wurde. Schon bei seiner Geburt schauderte es den Eltern. Denn obwohl sie nie mit Nikotin in Berührung gekommen waren, bot das Kind den beklagenswerten Anblick eines Raucherzwerges. Mickerig und schrumpelig wimmerte es in seiner Wiege.  Der Vater wandte sich ab, weil das Kind so gar nicht den Vorstellungen eines kraftstrotzenden Naturgeistes entsprach, wie er einer war. Er schaffte es einfach nicht, ein liebendes Gefühl zu diesem kümmerlichen Wesen zu entwickeln. Dies konnte die Mutter ihm nicht verzeihen, denn es schnitt ihr tief ins Herz, dass er das dahinsiechende Kind keines Blickes würdigte und ihr sein Beistand fehlte, als das Kind noch im Kindesalter vergreiste. Das blasse Gesichtchen wurde frühzeitig von Falten durchfurcht. Die wässrigen Augen vergossen fortwährend Tränen und die hauchdünne Pergamenthaut, die sich über den knöchernen Körper spannte, schien bei nächster Gelegenheit zu reißen. An seinem Körper pappten unlösbar klebrige Rußflocken, die den mehr und mehr werdenden Schornsteinen - von den Menschen als Zeichen des Fortschritts gefeiert - entsprangen und von nüchternen Beobachtern jener Zeit als negative Begleiterscheinung der voranschreitenden Industrialisierung gesehen wurden. 

    Schließlich erlosch das letzte Fünkchen Leben, das noch in dem Naturkind glomm. Schweigend trugen die Eltern ihr Kind zu Grabe und schweigend trennten sich ihre

    Wege.  Zwar regten sich in dem Vater Schuldgefühle. Doch setzte er sich dagegen zur Wehr. Denn er wollte jenes Gefühl nicht zulassen, da er sich viel zu sehr von den Herausforderungen jener Zeit in Anspruch genommen fühlte. 

    Nicht genug damit, dass Industrieanlagen wie Pilze aus der Erde wuchsen, arme Menschen völlig ausgelaugt durchs Leben hetzten, sie in hässliche und ungesunde Behausungen gepfercht wurden - der Tod grassierte insbesondere unter den Arbeiterkindern. Er war ein Mann, den so leicht nichts erschüttern könnte. Doch beim Anblick von spindeldünnen Ärmchen und Beinen sowie ausgehöhlten Augen fühlte er sich an seinen Sohn erinnert, den er erst kürzlich aufgeben musste.

    Er sah, wie die Kinder in Schmutz gebettet waren und die Arbeit in lärmenden Fabriken ihnen das letzte Lebensmark aussaugte. Er konnte nicht anders. Er musste den Tod hinzurufen. Im Bündnis mit ihm holte er die Kinder zu sich. Er gab sie der Natur zurück, wo sie als Luftgeister auf paradiesischen Wiesen herumtollen konnten, sowie es ihnen zu Lebzeiten nie möglich war. Aber als ob es des Elends, das die Industrialisierung hervorgebracht hatte, nicht genug gewesen wäre, häuften sich zusätzlich kriegerische Auseinandersetzungen. 

    Zwar wurden Kriege seit Bestehen der Menschheit geführt, doch mit jedem neuen Krieg führten die Menschen auch verstärkt Krieg gegen die Natur. Sie begannen damit, Giftgas einzusetzen, das in Schutzgräben kroch. Atomstrahlen brannten sich ins Gestein. Ölfelder loderten im Golfgebiet. Sein gelegentliches Eingreifen änderte grundsätzlich nichts. Zwar stellten die Menschen den Einsatz von Giftgas ein, nachdem er dem Wind eine andere Richtung gegeben hatte, weil man gewärtig sein

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    musste, dass sich die chemische Waffe gegen sie selbst richtete. An ihre Stelle traten jedoch bald andere teuflische Waffen. 

    Obwohl die Kriege viele Menschen verfrüht aus ihrem Leben herausrissen, dauerte es nicht lang, und sie überschwemmten erneut die Erde mit dem Anspruch, noch mehr zu besitzen, was zur Folge hatte, dass sie noch mehr Abgase in die Luft bliesen, dass sie noch mehr Müll produzierten, dass sie noch mehr Bodenschätze ausbeuteten und dass sie noch mehr das Massenartensterben vorantrieben.

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    Den Jüngsten bekommen sie nicht

    Als Mutter Natur dies alles wahrnahm, reifte in ihr ein Entschluss, der ihrer Verzweiflung entsprungen war: Ihr nächstes Kind würde sie nicht wieder wegen der Torheit der Menschheit hergeben. Dies war keineswegs nur ein Gedankenspiel. Sie erwartete tatsächlich ein Kind, von dem der Vater nichts wusste. Denn als das Kind in ihr heranreifte, brauten sich bereits Gewitterwolken über ihrer Beziehung zusammen. 

    Schon geraume Zeit bildeten Erhalterin und Zerstörer keine Einheit mehr. Denn die Menschen zerstörten deutlich schneller die Natur, als dies früher der Fall war. Dass Verrotten von Bäumen war ein natürlicher Vorgang. Dass eine Tierart, wie die Saurier, durch andere Tierarten ersetzt wurde, war ein natürlicher Vorgang. Dass Orkanstürme Baumriesen in tropischen Regenwäldern fällten, war ein natürlicher Vorgang. Mutter Natur hatte es so eingerichtet, dass die Wälder sich durch schnell nachwachsendes Holz selbst wieder erneuern konnten. Doch Orkanstürme hatte sie für kältere Regionen nicht vorgesehen und so kam es, dass in anderen Teilen der Welt die Bäume gestresst und geschwächt waren, weil ihnen Regen fehlte und sie sich deshalb nicht mehr gegen Schädlinge zur Wehr setzen konnten. 

    Der Zerstörer wütete deshalb erbittert und blindlings gegen sich und die Menschheit, weil sie ihm gar keine Gelegenheit mehr gab, regulierend in die Naturprozesse einzugreifen. Die Menschen maßten sich an, die Natur selbst ins Gleichgewicht zu bringen. Jedoch mit jedem Eingreifen der Menschen verschlimmerte sich die Situation.  So schleppten sie in jedes Gebiet, das von ihnen erobert

    wurde, nicht nur Krankheiten, sondern auch Tiere und Pflanzen ein, die dort nicht heimisch waren. Dies hatte zur Folge, dass heimische Tiere und Pflanzen von den Neuankömmlingen erstickt, gefressen oder verdrängt wurden. Kraftstrotzend, wie der Zerstörer war, verärgerte ihn seine eigene Unfähigkeit, den Menschen nicht Einhalt gebieten zu können. Wohin mit der überschüssigen Kraft, die er früher sinnvoll einsetzen konnte?  Er fühlte sich nicht mehr gebraucht. Entsprechend reagierte er sich an Wäldern ab, die ihm inzwischen ohnehin missfielen. „Weg mit dem Schaden!", brauste er zornig. Inseln, auf denen Ackerbau nicht mehr möglich war, weil durch den Anstieg des Meeresspiegels Salzwasser ins Grundwasser gelangte, entschied er zu überfluten: Dann können sie auch gleich absaufen. Über den verbrannten Boden in Wüstengebieten schickte er Wirbelstürme, die den Sand in andere Erdteile trugen, wobei er grimmig dachte: Vielleicht bekommen die Menschen dann endlich mit, dass etwas im Ablauf von Naturerscheinungen nicht mehr stimmt. Dabei war sein Eingreifen in früheren Zeiten bedeutend besser gewesen als das unüberlegte der Menschen. 

    Seine Frau war nicht fähig, ihm Trost zu spenden. Denn sie hätte selbst des Trostes bedurft, da es ihre Kräfte überstieg, einen vollkommenen Erhalt der Natur zu gewährleisten angesichts des fortschreitenden Zerstörungswerks durch die Menschen. So wurde ohne sein Wissen sein Sohn geboren, der als Gegenbild des vorigen Sohns in die Welt kam. Sie hatte ihm den klangvollen Namen Alesandro gegeben, weil es ihr Wunsch war, dass die Natur die Hände schützend über ihm hielte, wenn er in die Freiheit entlassen werden würde und dass er andere beschütze. 

    Malia und Timophy

    Dann kam aber alles anders. Die Ereignisse überschlugen sich. Eine Katastrophe folgte der nächsten. Zunächst erreichte sie die Nachricht, dass ihre Tochter Malia, die in Afrika die Natur beschirmte, den Kampf gegen die Trockenheit verloren hatte. Den Tieren Afrikas bot sie Schutz vor Wilderern. Sie sammelte in kalten Nächten Nachttau ein und benetzte am Morgen damit die Pflanzen. Der Boden nahm dankbar jene Feuchtigkeit auf und beschenkte die Natur mit einer Blumenpracht, wie man sie der Wüste nie zugetraut hätte. Doch durch das Einschreiten der

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