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Marvel | Legenden von Asgard – Das Schwert des Surtur

Marvel | Legenden von Asgard – Das Schwert des Surtur

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Marvel | Legenden von Asgard – Das Schwert des Surtur

Länge:
371 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
20. Jan. 2022
ISBN:
9783966586078
Format:
Buch

Beschreibung

Ein epischer Fantasyroman über einen von Odins größten Helden. Tyr, Gott des Krieges und älterer Bruder von Thor, geht auf eine Reise, um sich seinen Platz an Odins Seite zu sichern. Unterstützt vom jungen Bjorn Wolfbane und der betörenden Lorelai, macht sich das Trio auf, um ein Stück vom Schwert des Feuerriesen Surtur zu stehlen, mit dem dieser eines Tages Ragnarök heraufbeschwören und Asgard zerstören wird. Doch das feurige Muspelheim ist voller Vulkantrolle, Lavakraken und Surturs Brut mörderischer Krieger. Tyr muss all dem trotzen, denn sonst wird er die Apokalypse auslösen und sein Name auf ewig verflucht sein.
Herausgeber:
Freigegeben:
20. Jan. 2022
ISBN:
9783966586078
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Marvel | Legenden von Asgard – Das Schwert des Surtur - C.L. Werner

EINS

Das Licht Tausender Fackeln ließ die goldenen Wände von Odins Halle wie die Sonne erstrahlen und trotzte dem Einbruch der Nacht über dem Reich Asgard. Gelächter und Jubel hallte von der Gewölbedecke hoch über den Köpfen der Feiernden wider. Köstlicher Bratenduft des sich immer wieder regenerierenden Ebers Sährimnir erfüllte die Halle, während aus der Küche Teller um Teller voll des saftigen Fleischs serviert wurde. Und aus den Vorratskellern trugen Diener unaufhörlich Fässer, damit den Feiernden der Met nicht ausgehen würde.

Hunderte Asen waren an den Dutzenden langen Tafeln in der Halle versammelt. Nicht nur jene, die in der großen Stadt selbst lebten, sondern auch getreue Anhänger aus den entlegensten Regionen des Landes hatten sich für die Feier versammelt. Die wüstengeküssten Skornheimer und die mürrischen Gymirsgardianer saßen neben Jägern aus Gundersheim und Mystikern aus Ringsfjord. Ein kräftiger Krieger aus dem Königreich Harokin tauschte mit einem weißbärtigen Kapitän aus dem drachenverseuchten Nastrond Geschichten aus.

In jeden entlegenen Winkel des Reiches war Odins Dekret gesendet worden und aus jedem Winkel waren sie gekommen, um Asgards mächtigstem Krieger Tribut zu zollen.

Der Blick aus Tyrs blauen Augen wanderte streng über die Feiernden. Jedes Lachen, jedes Lächeln sorgte mehr dafür, dass er sich fehl am Platze fühlte. Ihm war nicht nach solchen Frivolitäten und nach dem Anlass für sie noch viel weniger. Hätte ihn sein Vater nicht herbeordert, hätte er sich so weit wie möglich von dieser Feier ferngehalten. Aber den Allvater ignorierte man nicht, selbst wenn man selbst der Gott des Krieges war.

Auf einem erhöhten Podest an einem Ende der Halle stand Odins Tisch. Tyrs Vater wirkte immer noch wie ein Mann in den besten Jahren, trotz des schneeweißen Barts, der ihm bis fast zur Taille reichte. Sein verbliebenes Auge funkelte voller Fröhlichkeit und mit der Energie eines viel jüngeren Asen. Das andere, das Odin geopfert hatte, um größere Weisheit als jeder andere Ase zu erringen, war mit einer goldenen Augenklappe bedeckt, die wie ein Stück glimmende Kohle glühte. Tyr fand, die Opferung seines Auges, um das Volk von Asgard besser führen und sie vor Schaden bewahren zu können, war nur ein Grund unter vielen, warum seinem Vater die Rolle des Herrschers zustand. Auch wenn es Zeiten wie diese gab, in denen ihm Odins Befehle zuwider waren, hatte er zu viel Respekt vor ihm, um seiner Autorität zu trotzen. Solche Launenhaftigkeit überließ er lieber seinem Halbbruder Loki.

Auf der mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Rückenlehne von Odins Stuhl saßen seine Spione, die Raben Hugin und Munin. Ihre klugen Augen verfolgten die Feier und bekamen selbst das kleinste Detail mit, um es dem Allvater später ins Ohr zu flüstern, nachdem die Feiernden gegangen waren. Gelegentlich bot Odin einem der beiden Vögel ein Stückchen Fleisch an und dieser unterbrach kurz seine Aufmerksamkeit, während er es gierig verschlang, doch er kam nie auf die Idee, beide zur gleichen Zeit abzulenken. Oft spürte Tyr den scharfsinnigen Blick der Raben auf sich und fragte sich, was sie seinem Vater später erzählen würden.

Unter dem Tisch lagen zwei Tiere, die Tyr noch viel mehr verabscheute als die spionierenden Raben. Die Wölfe Freki und Geri kauten auf Eberknochen herum und schleckten Blut aus silbernen Schüsseln zu Füßen ihres Herrn. Diese riesigen, wilden und stolzen Kreaturen waren Odins loyalste Beschützer, die ihn auf seinen Reisen durch die Neun Welten begleiteten. In der Prophezeiung von Ragnarök wurde vorhergesagt, dass Freki und Geri bei dem Versuch sterben würden, Odin vor dem Großen Wolf Fenris zu verteidigen.

Der Gedanke an Fenris ließ Tyr sein Trinkhorn mit Met in das goldene Gestell absetzen, das eigens diesem Zweck diente. Dann umklammerte er seine linke Hand. Oder zumindest die Metallabdeckung, die sie ersetzte. Wieder betrachtete er die Feiernden um sich herum, doch ihr Frohsinn und Gelächter klangen bitter in seinen Ohren. Einst hatten sie den Gott des Krieges dafür gefeiert, dass er Asgard vor der Gefahr gerettet hatte, die sie alle zu verschlingen gedroht hatte. Der Große Wolf, dieses monströse Kind Lokis, war so mächtig geworden, dass sich kein Gott mehr gegen ihn hatte durchsetzen können. In seiner Wildheit hätte Fenris das ganze Reich in Schutt und Asche legen können und jeden Tag hatte ihn sein gieriger Appetit mehr dazu getrieben. Jede Art Kette war ausprobiert worden, um die Bestie zu fesseln, doch selbst jene aus Uru, dem magischen Metall Asgards, konnten sie nicht zurückhalten. Es wurde für den Großen Wolf eine Art Spiel, die Götter versuchen zu lassen, ihn zu fesseln, eine Demonstration seiner wachsenden Macht. Und er wusste, sie würde dafür sorgen, dass ihn alle fürchteten.

Schließlich hatte Odin die Zwerge damit beauftragt, einen unzerreißbaren magischen Faden namens Gleipnir anzufertigen. Der schlaue Fenris hatte jedoch die List gewittert, als er die scheinbar fragile Leine sah, und nur zugestimmt, sich damit fesseln zu lassen, wenn die Götter schworen, ihn wieder freizulassen, sollte es ihm selbst nicht gelingen. Um sicherzugehen, dass sie ihr Versprechen hielten, hatte der Große Wolf verlangt, dass einer von ihnen eine Hand in sein Maul legte.

Tyr wusste nicht, ob es das Vorbild seines Vaters war, das ihm als Inspiration gedient hatte, doch in jenem Moment, als der Mut der Götter ins Wanken geriet, war er es gewesen, der vorgetreten war und die Herausforderung des Großen Wolfs angenommen hatte. Gleipnir war es wie vorgesehen gelungen, die Bestie zu fesseln, und als sie sich nicht befreien konnte, war ihr Kiefer zugeschnappt. Sofort war Tyrs Hand verschwunden, heruntergeschluckt vom hintergangenen Fenris. Doch Asgard war erlöst von der Bedrohung durch das Monster. Zumindest bis zum Beginn Ragnaröks, denn die Prophezeiung besagte, dass dann selbst Gleipnirs Magie nicht mehr in der Lage sein würde, den Großen Wolf zurückzuhalten.

Tyr hob den Blick wieder zu Odins Tisch. Zur Linken des Allvaters saß seine Königin, die Wanin Frigga. Während Odin lachend und prahlend am wüsten Gelage teilnahm, strahlte Tyrs Mutter königliche Distanziertheit und Selbstbeherrschung aus. Ähnlich wie die Raben beobachtete sie alles, ohne sich jedoch selbst den Frivolitäten anzuschließen. Die anderen mochten feiern, doch sie hielt sich sowohl beim Essen als auch beim Met zurück, der um sie herum in Strömen floss. Immer wieder wanderte ihr Blick zum strahlenden Balder, ihrem Lieblingssohn und gleichzeitig Mittelpunkt ihrer mütterlichen Sorge. Tyr verstand seine Mutter gut, denn auch sein Tod war vorhergesagt worden, und dies lastete schwer auf Frigga.

Zur Rechten Odins saß der Held, zu dessen Ehren dieses Fest abgehalten wurde. Mit einem Stirnrunzeln betrachtete Tyr Asgards gefeierten Krieger, seinen jüngeren Halbbruder Thor. Der Gott des Donners kam äußerlich eher nach seiner Mutter als nach seinem Vater, denn er hatte nur wenig mit Tyr gemein. Tyrs Haare waren schwarz, während Thors Haupt goldblond war. Im Gegensatz zu Thors überschwänglicher Ausgelassenheit wirkten Tyrs Züge hart und streng. Nur in ihren Augen war die Verwandtschaft zu erkennen, denn diese hatten bei beiden das gleiche stechende Blau.

Der mächtige Hammer Mjölnir ruhte auf dem Tisch neben Thors Teller und neben der Waffe lag die Trophäe, die der Anlass dieses Fests war. Ein großer grauer Eisblock, der sich selbst in der Wärme der Halle zu schmelzen weigerte. Als er zu dem wunderlichen Gegenstand aufblickte, hörte Tyr die dröhnende Stimme seines Vaters über das Gelage ertönen.

»Asen! Asen und Wanen und Freunde aus der Ferne!« Odin erhob sich und prostete der Menge zu. Dann legte er Thor eine Hand auf die Schulter. »Seht ihn euch an, meinen Sohn, auf den ich sehr stolz bin. Ganz allein hat er die gefrorene Ödnis Niflheims überwunden, um dem König der Eisriesen in seinem eigenen Palast die Stirn zu bieten!« Er deutete auf den weißlichen Brocken auf dem Tisch. »Seht nur, ein Büschel von Ymirs Bart!«

Lauter Jubel dröhnte durch die Halle wie Thors Donnerblitze. Krieger erhoben sich und schlugen rhythmisch Waffen gegen Schilde. Viele stampften mit den Füßen auf, bis die Wände von den Vibrationen zu erzittern begannen. Immer und immer wieder wurde ein Name gerufen: »Thor! Thor! Thor!«

Odin zog seinen Sohn auf die Beine. »Heute feiern wir die Niederlage Ymirs. Morgen wirst du mir vielleicht sogar Surturs Schwert bringen, um es neben den Bart des Eisriesens zu legen!«

Thor klopfte seinem Vater auf den Rücken, während die beiden Götter wieder Platz nahmen.

Tyr hob sein Trinkhorn und prostete seinem jüngeren Bruder zu, doch mehr auch nicht. Die Menge war auch ohne seine Teilnahme schon stürmisch genug. Natürlich war Thor eine kühne Heldentat gelungen, aber zu welchem Zweck und mit welcher Absicht? Hatte er sein Leben aufs Spiel gesetzt, um Asgard zu beschützen, oder war es um der Bewunderung willen gewesen, in der er sich nun sonnte? Thors Taten waren heldenhaft, keine Frage, und doch kamen sie Tyr häufig waghalsig und wenig durchdacht vor. Er wusste, dass ein heutiger Triumph einer morgigen Niederlage vorausgehen konnte, doch er fragte sich, ob sein Bruder die gleiche Vorsicht walten ließ, wenn er in seine Abenteuer gegen die Riesen zog.

»Du wirkst beunruhigt.« Die Stimme, die diese Worte gesprochen hatte, war kaum mehr als ein Flüstern und doch konnte Tyr sie trotz des Tumults in der Halle klar und deutlich hören. Er wusste, dass sie dafür mit Magie durchdrungen sein musste. Darüber hinaus erkannte er den Sprecher, noch bevor er sich umdrehte.

»Loki«, sprach Tyr den Mann an, der plötzlich neben ihm saß. Er konnte nicht sehen, was aus der rothaarigen Walküre geworden war, die sich zuvor auf diesem Platz befunden hatte, doch nun saß dort die schmale Gestalt seines dunkelhaarigen Bruders in einem grünen Gewand mit goldenem Mantel. Vielleicht hatte es sich nur um eine von Lokis Verkleidungen gehandelt, denn der schelmische Gott liebte es, seine Gestalt zu verändern. Tyr fragte sich oft, ob es genau diese Magie war, die Lokis Nachkommen verdarb und dazu führte, dass er Monster wie Fenris und die Weltenschlange Jörmungandr zeugte. »Wie mutig von dir, dich nach dem Ärger, den du mit den Steintrollen vom Zaun gebrochen hast, in der Halle deines Vaters zu zeigen.«

Lokis markanter Mund verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln und seine grünen Augen funkelten amüsiert. Tyr war immer wieder fasziniert davon, wie reptilienartig diese Augen wirkten. Vielleicht war es doch nicht so seltsam, dass er Jörmungandr gezeugt hatte. »Es gibt doch immer Ärger mit den Steintrollen. Ich habe ihrer Boshaftigkeit nur ein Ziel gegeben und sie dorthin gelockt, wo ihnen Brunnhilde und die Tapferen Drei entgegentreten konnten. Die Trolle werden nun eine Weile Ruhe geben und es wurde kein Schaden angerichtet. Odin wird das schon bald einsehen.« Er seufzte und zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte, bis dahin bin ich hier nur geduldet.« Er deutete auf das eisige Stück von Ymirs Bart auf Odins Tisch. »Es sind die Heldentaten unseres Bruders, die dafür verantwortlich sind, dass mich selbst Odins momentane Unzufriedenheit mit mir nicht fernzuhalten vermag. Kannst du dir den Mut vorstellen, den diese Aufgabe gekostet haben muss?«

Tyr ließ einen großen Schluck Met seine Kehle hinabrinnen. Mit dem linken Arm wischte er sich über den Mund. »Es war eine mutige Tat«, stimmte er Loki zu. Ihm gefiel Thors Leichtsinn nicht, doch seinen Mut würde er niemals infrage stellen. Jede Unterhaltung mit Loki war mit Unterstellungen gespickt, in denen man sich verfangen konnte wie in einem Dornengebüsch. Einige Asen fanden sein trickreiches Auftreten amüsant, doch Tyr gehörte nicht zu ihnen.

»Natürlich bewundere ich, was unser Bruder getan hat«, beeilte sich Loki versöhnlich zu sagen. »Kein Feigling wagt sich nach Niflheim.« In dieser Bemerkung schwang eine gute Menge Stolz mit, denn Loki selbst war schon oft in verschiedenen Verkleidungen in das Reich der Frostriesen gereist. »Es ist wahrhaftig eine gefährliche Sache, Ymir herauszufordern.«

Wieder erschien dieses reptilienhafte Funkeln in Lokis Augen, als er innehielt und Tyr einen Moment lang anstarrte. »Und doch sage ich erneut, dass du in keiner besonders feierlichen Stimmung zu sein scheinst. Und ich frage mich, warum das wohl so ist.« Er tippte ihm gegen die Brust. »Ich gebe zu, dass es Zeiten gab, in denen ich mit unserem Bruder in Streit lag, doch ich kann mich trotzdem für ihn freuen, wenn er einen großen Sieg errungen hat. Ganz Asgard kann ruhig schlafen, in dem Wissen, dass der König der Eisriesen besiegt wurde und nun erst einmal seine Stärke zurückgewinnen muss.«

»Es ist ein großer Sieg«, sagte Tyr, doch trotz seiner Vorsicht wusste er, dass Loki die Verbitterung in seiner Stimme wahrgenommen hatte.

»Asgard wird sich an diesen Tag erinnern.« Loki nickte. »Ja, denn Asgard vergisst seine Helden nicht.«

»Genauso wenig wie seine Schurken«, entgegnete Tyr. Lokis Seitenhieb hatte ihn wie ein Speer getroffen und sich geradewegs ins Zentrum seiner düsteren Stimmung gebohrt. Neid. So kleinlich und unangebracht das Gefühl auch sein mochte, war Tyr dennoch davon erfüllt. Es hatte Lokis ärgerliche Worte gebraucht, um sich darüber klarzuwerden, doch er war in der Tat neidisch auf Thors Ruhm. Er fühlte sich von dieser Bewunderung für seinen Bruder in den Schatten gestellt.

»Ich habe nur versucht, Verständnis aufzubringen«, protestierte Loki, erhob sich und verschwand in der Menge. Das zufriedene Lächeln in seinem Gesicht verlieh seinen Worten jedoch eine ganz andere Bedeutung. Tyr war sicher, dass Loki genau diese Wirkung beabsichtigt hatte. Das Problem bestand darin, dass Tyr gegen diese unbewusste Missgunst machtlos war, obwohl er genau wusste, wie Loki sie geschürt hatte.

Erneut hob Tyr den Blick zu Odins Tisch. Eine Reihe von Asen ging daran vorbei, um einen genaueren Blick auf den Eisbart zu werfen und sich bei Thor für seinen Sieg über Ymir zu bedanken. Je länger Tyr der Prozession zusah, desto größer wurde sein Missmut. Schließlich brachte ihn seine Wut dazu, sich zu erheben, zum Podest zu gehen und sich an den anderen Asen vorbeizuschieben. Er betrachtete Ymirs Bart und spürte, wie dessen unheimliche Kälte die Wärme der Halle vertrieb. Selbst dieses kleine Stück des Riesen strahlte eine unheilvolle Macht aus. Es machte das Ausmaß von Thors Triumph unbestreitbar und Tyrs Neid nur noch schlimmer.

»Eine schöne Trophäe, nicht wahr, Bruder?«, prahlte Thor freudestrahlend.

Tyr runzelte die Stirn. »Es schmeckt ein wenig nach Hochmut, den ganzen Weg nach Niflheim zu reisen, nur um Barbier zu spielen.«

Die beißende Erwiderung erstaunte die Umstehenden. Vom Podest aus breitete sich eine Welle des Schweigens in der Halle aus. Das Gelächter erstarb, während Anspannung die Luft erfüllte. Jeder begann, dieser Unterhaltung zwischen Odins Söhnen zu lauschen.

Thor versuchte, Tyrs Bemerkung als Scherz abzutun, obwohl er in den Augen seines Halbbruders die Kränkung erkennen konnte. »Wenn der Bart aus Eis besteht, ist ein Hammer besser als eine Schere«, tönte er und klopfte auf Mjölnir.

Doch in Tyrs gegenwärtiger Stimmung hatte Thors Fröhlichkeit keine Wirkung auf ihn. »Eine Waffe ist niemals ein Spielzeug«, rügte er den Gott des Donners.

Ein gequälter Ausdruck blitzte in Thors Gesicht auf, dann lief es vor Wut rot an. »Weil wir Brüder sind, vergebe ich dir dein Reden«, warnte Thor.

»Weil wir Brüder sind, rede ich mit dir, wie du es verdienst«, entgegnete Tyr und warf Thor einen ebenso finsteren Blick zu wie dieser ihm.

»Genug!« brüllte Odin so wütend, dass die Wölfe unter dem Tisch hervorkamen und die Raben aufflogen. Er musterte seine beiden Söhne, doch es war Tyr, auf den sich sein wütendes Auge richtete. »Du wirst dich für deine Unhöflichkeit entschuldigen«, verkündete er.

Trotz stieg in Tyrs Herz auf. Er wich vor dem Zorn seines Vaters nicht zurück. »Aber jemand muss meinen Bruder doch an seine Pflichten erinnern.« Er drehte sich zur Menge um und hob die Stimme. »An seine Verantwortung gegenüber Asgard. Waghalsige Abenteuer bringen jene in Gefahr, die er zu beschützen geschworen hat.« Er deutete auf Mjölnir. »Was, wenn Ymir gewonnen hätte und dir dein Hammer genommen worden wäre?«

»Nur der Würdige kann ihn schwingen«, erwiderte Thor mit Stolz in der Stimme.

»Genau das meine ich«, beharrte Tyr. »Wenn dich die Eisriesen besiegt hätten, wäre eine mächtige Waffe in Asgards Arsenal verloren gewesen. Dies hätte die Verteidigung des Reichs geschwächt.«

»Niflheim hat seit Langem geplant, Asgard zu überfallen«, rief Odin Tyr ins Gedächtnis. »Doch nun wird Ymir lange brauchen, um sich von dieser Niederlage zu erholen.«

Tyr schüttelte den Kopf. »Niflheims Pläne wurden lediglich verzögert. Hätten wir die Eisriesen im Kampf vereint besiegt, hätten wir sie dazu bringen können, ihre Pläne ganz aufzugeben. Ihnen gezeigt, wie aberwitzig es ist, sich gegen uns aufzulehnen.« Er wandte sich an Thor: »Stattdessen wurde Ymir eine weitere Kränkung zugefügt, über die er grübeln kann, während er seine Rache plant.«

»Du wagst es, den Wert der Errungenschaften deines Bruders anzuzweifeln?« Odins Stimme war zu einem wütenden Knurren geworden.

Tyr schlug mit seinem Stumpf auf den Eisbrocken. Die Abdeckung aus Uru ließ Stücke von Ymirs Bart in alle Richtungen fliegen.

»Eine Errungenschaft ohne Opfer führt zu Arroganz.« Er hob seinen linken Arm, sodass alle in der Halle ihn sehen konnten. »Der Große Wolf ist immer noch in Varinheim gefesselt und sein Schatten fällt endlich nicht mehr über Asgard.«

»Doch er fällt über dich«, entgegnete Thor. »Du hältst an den Siegen der Vergangenheit fest und kannst dich nicht zu neuen aufraffen. Darum sind dir meine Taten zuwider, weil du selbst nämlich den Mut verloren hast, neue Triumphe für dich zu beanspruchen!«

Tyr ballte seine Faust, bereit, über den Tisch zu springen und seinen Bruder dazu zu zwingen, seine Worte zurückzunehmen. Thor war sichtlich bereit, seine Herausforderung anzunehmen, doch Odins Arm senkte sich zwischen sie und schob den Jüngeren vom Älteren fort.

»Musst du Tyrs ungerechten Worte mit deinen eigenen begegnen?«, fragte Odin Thor. »Es war sein Opfer, das es uns ermöglicht hat, Fenris zu unterwerfen …«

»Und was hat er in letzter Zeit für Asgard getan?«, konterte Thor gereizt. Fast sofort darauf zeigte sich Zerknirschung in seinem Gesicht. Tyr wusste, dass sein Bruder die wütenden Worte zurückgenommen hätte, wenn ihm das möglich gewesen wäre. Aber es war zu spät. Reumütig oder nicht, der Hieb war ausgeführt und hatte ihm das Herz durchbohrt.

»Ich werde ganz Asgard meinen Wert ins Gedächtnis rufen«, sagte Tyr. Er drehte seinem Vater und Bruder den Rücken zu und verließ das Podest. Einer der Wölfe sprang ihm in den Weg, doch ausnahmsweise hütete sich das Tier, die Zähne zu fletschen. Ein einziger Blick genügte, um es dazu zu bringen, den Schwanz einzuziehen.

Die Asen wichen Tyrs Zorn so schnell aus, wie der Wolf es getan hatte. Vor ihm tat sich ein Pfad in der Menge auf, während er Odins Halle verließ. Nur eine Stimme rief ihm nach, die eines jungen Jägers aus Varinheim namens Bjorn Wolfsbane. Tyr ignorierte Bjorns Versuch, ihn zum Bleiben zu bewegen, und ging weiter.

In seinem Herzen schwelte neue Entschlossenheit. Sein kleiner Bruder mochte Tyr den Rang von Asgards größtem Helden streitig gemacht haben, doch er würde Thor seinen Mut ins Gedächtnis rufen. Und er würde Odin zeigen, dass der Gott des Krieges immer noch zu großen Taten fähig war.

ZWEI

Die große Stadt lag viele Meilen hinter Tyr, als er den Grünfest erreichte, den stillen Wald auf der Ebene von Ida. Oft schon hatte ihn sein Weg auf der Suche nach Ruhe hierhergeführt, doch heute lasteten seine brütenden Gedanken so schwer auf ihm, dass ihn selbst hier alles zu stören schien. Weder der frische Duft der Kiefern noch das fröhliche Zwitschern der Vögel konnten ihn aufheitern. Alles kam ihm vor wie eine Einmischung in seine Probleme statt einer Zuflucht vor ihnen.

Er sah sich zwischen den Bäumen um. Sein Blick fiel auf ein Reh, das hinter einem Busch stand und bereit war, beim kleinsten Anzeichen von Aggression das Weite zu suchen. Er sah einen Dachs, der Erde aus seinem Bau schob und die Nase zuckend in die Höhe streckte, als er seinen Geruch witterte. Ein Aufblitzen von Farbe und er erhaschte einen Blick auf einen Fuchs, der in einem umgestürzten hohlen Stamm verschwand. Genau dies, dachte Tyr, war der Grund, warum es ihm so leichtfiel, Thor seinen stetig wachsenden Ruhm zu missgönnen. Sein Bruder war tapfer und ehrenhaft, doch er dachte zu wenig darüber nach, was ihm anvertraut worden war, wenn er auf seine kühnen Abenteuer ging. Asgard bestand nicht nur aus seinem Volk, sondern auch den Wäldern und Flüssen, den Bergen und Wiesen, den Bäumen und Tieren. Das alles gehörte zu Odins Reich und daher lag es in seiner Pflicht, es zu verteidigen. Tyr sorgte sich, dass sich Thor zu sehr darauf konzentrierte, was er durch seine Streifzüge durch die Neun Welten gewinnen konnte, und nicht genug darauf, was sie verlieren könnten.

Das Geräusch schneller Schritte riss Tyr aus seinen Gedanken. Er drehte sich um und sah jemanden, der durch den Wald auf ihn zu eilte. Der Mann war einen Kopf kleiner als der Gott, stämmig gebaut und mit breiten Schultern. Beim Laufen zeichneten sich seine Muskeln unter seiner Lederhose und dem Wams ab. Seine hellblonden Haare waren zu einem langen Zopf geflochten, genau wie der Bart, in den zusätzlich noch die scharfen Reißzähne der großen Wölfe aus Varinsheims Wäldern eingearbeitet waren. Das schwarze Fell eines dieser riesigen Raubtiere bildete den Umhang, den er trug, und der präparierte Kopf diente ihm gleichzeitig als Kapuze und Helm. Von seinem Gürtel hingen zwei Wurfäxte und auf dem Rücken trug er eine große doppelköpfige Streitaxt.

»Ich folge deiner Spur schon seit Stunden«, sagte der Mann und blieb keuchend vor ihm stehen.

Tyr lächelte und schüttelte den Kopf. »So schwierig kann mein Pfad doch nicht zu verfolgen gewesen sein, dass er die Ausdauer eines Bjorn Wolfsbane strapazieren würde.« Rügend wackelte er vor dem Jäger mit einem Finger. »Du hast wohl eher in Odins Halle zu sehr dem Met gefrönt und dadurch deine Kondition geschwächt.«

Bjorn lachte. »Wenn das stimmen sollte, bedeutet es, dass ich alt werde. Dann wirst du vielleicht endlich aufhören, mich einen Welpen zu nennen.«

»Genau das würde ein Welpe sagen«, stellte Tyr fest. Er betrachtete den Jäger einen Moment lang. »Dein Bart ist länger geworden, doch ich sehe immer noch den Jungen vor mir, der in die Stadt kam und mich anbettelte, ihn in meinen Dienst zu nehmen. Denjenigen, der geschworen hat, den Griff seiner Axt mit Haaren aus dem Schwanz des Großen Wolfs zu umwickeln.«

»Und du hast gesagt, eines Tages würdest du mich nach Varinheim bringen und mir zeigen, wo die Bestie angekettet ist.«

Die Erwiderung ließ das Lächeln verschwinden, das sich für einen kurzen Moment auf Tyrs Gesicht geschlichen hatte. »Sei nicht so eifrig, Monster aufzustöbern. Früher oder später neigen sie dazu, von sich aus zu dir zu kommen.«

Bjorn schwieg einen Moment. Als er wieder sprach, war es über das Thema, wegen dem er Tyr gefolgt war. »Dein plötzlicher Aufbruch hat Odin und Frey verärgert. Sie sagen, es sei eine schwere Beleidigung gegenüber deinem Bruder, die nicht so schnell vergessen sein wird. Frigga sprach sich für dich aus und erinnerte den Allvater daran, dass deine Worte vielleicht schlecht gewählt waren, die Empfindung dahinter jedoch aufrichtig.«

So viel hatte Tyr schon vermutet. Odin war weise, doch er hatte auch ein hitziges Gemüt, das seine Weisheit oftmals übertrumpfte. Wäre er geblieben, hätte es die Situation nur schlimmer gemacht und alle Beteiligten wären noch wütender geworden. Dass ihn seine Mutter verteidigt hatte, überraschte ihn genauso wenig wie die Tatsache, dass sich der Wane Frey und viele der anderen Götter auf Odins Seite stellten. Dennoch entlockte ihm die Neugier eine Frage. »Hat noch jemand anders für mich gesprochen?«

Bjorn nickte. »Ja. Dein Bruder.«

»Welcher?«, fragte Tyr. »Balder? Hermod? Vidar?« Er glaubte nicht, dass es sich um Loki handelte, denn inzwischen war ihm klargeworden, dass er es gewesen war, der Tyr zu der Provokation an Odins Tisch angestachelt hatte. Sollte Loki die Sache weiterverfolgen, konnte das nur bedeuten, dass er einen größeren Plan hatte.

»Nein. Es war Thor, der versucht hat, den Zorn eures Vaters zu besänftigen«, sagte Bjorn. Die Überraschung, die Tyr empfand, musste ihm anzusehen gewesen sein, denn schnell fügte der Jäger hinzu: »Er hat Odin daran erinnert, was du für Asgard getan hast und dass du dir das Recht verdienst hast, so zu reden, wie du es getan hast.«

Tyr runzelte die Stirn und wandte sich ab. Diese Anständigkeit von Thor nach ihrem hitzigen Streit sorgte nur dafür, dass sich Tyr nun noch schlechter fühlte, als er es ohnehin schon tat. Nicht nur dafür, den Sieg seines Bruders schlechtgeredet zu haben, sondern auch, weil es das erste Mal war, dass er sich gefragt hatte, ob es nicht vielleicht richtig war, dass der Gott des Donners den Gott des Krieges als Asgards größten Helden

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