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Springfluttod. Ostfrieslandkrimi
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eBook226 Seiten3 Stunden

Springfluttod. Ostfrieslandkrimi

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Über dieses E-Book

Monate nach seinem Verschwinden wirft eine Sturmflut die Leiche eines Mannes an den Strand von Wangerooge. Kurz darauf stürzt ein Fallschirmspringer über Langeoog ab. Zwei tragische Unfälle, so scheint es zunächst, wäre da nicht der Umstand, dass beide miteinander befreundet waren... Beinahe zufällig geraten Hauptkommissar Stefan Grote und seine Kollegin Stine Lessing in einen verzwickten Fall, der ihnen viele Rätsel aufgibt. Noch immer tappen sie im Dunkeln, als ein weiterer Mann verschwindet. Von diesem Augenblick an läuft die Uhr gegen sie. Die beiden Ermittler geraten unter Zeitdruck und müssen um das Leben dieses Mannes kämpfen, doch der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus und führt sie in die Irre...

SpracheDeutsch
HerausgeberKlarant
Erscheinungsdatum8. Juni 2021
ISBN9783965863798
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    Buchvorschau

    Springfluttod. Ostfrieslandkrimi - Hans-Rainer Riekers

    Frühlingssturm

    Vermutlich hatte die Frühlingssonne Schuld daran, dass die Menschen auf Wangerooge gehofft hatten, die Zeit der Herbst- und Winterstürme sei endlich überstanden. Schon Mitte März legte sie sich mächtig ins Zeug und ließ die ersten Kurgäste an windgeschützten Stellen vom Sommer träumen. Doch dann, am Ende des Monats, schlug das Wetter überraschend wieder um. Zuerst wurde es mit den aufziehenden Wolken nur kühler, aber der Regen ließ nicht lange auf sich warten und hatte den Sturm im Gepäck. Dieser Frühlingssturm brachte die Nordsee zum Kochen und jagte tagelang von Nordwest die Wellen gegen den Strand. Schon am zweiten Tag rissen sie die Reste des ohnehin schon ramponierten Kurstrands endgültig mit sich fort.

    Als sich das Wetter endlich wieder beruhigte, stand Bürgermeister Fander frustriert an der Strandpromenade und blickte auf das, was die unberechenbare Nordsee der Insel gelassen hatte. Da wo im Sommer die Kinder von der unteren Strandpromenade mit Vergnügen in den einen halben Meter tiefer liegenden warmen Sand springen konnten, ging es jetzt fast drei Meter steil bergab. Noch im Herbst hatten dort hunderte Strandkörbe auf einem sanft abfallenden Strand gestanden, nun schlugen die Wellen direkt gegen die im Sommer vom Sand bedeckte und deshalb fast unsichtbare Mauer der Promenade.

    Es war ein ewiger Kampf mit der See, den die Insulaner nicht gewinnen konnten. In jedem Frühjahr musste mit viel Mühe neuer Sand vom Ostende der Insel zum Hauptstrand herangeschafft werden, um den Saisonstart zu Ostern zu einem Erfolg werden zu lassen. Diesmal war das eine besondere Herausforderung, denn so hoch wie in diesem Winter war der Sandverlust seit Jahren nicht mehr gewesen. Dabei war das noch die kleinere Sorge des Bürgermeisters.

    Fander schaute gen Osten und ließ seinen Blick über die Dünen schweifen. Schon von hier aus war zu erkennen, dass sie an einigen Stellen schwer angeschlagen waren, denn die Flut hatte wie mit mächtigen Pranken tiefe Löcher hineingerissen. Mehrere Meter weit war die See in die schützenden Dünen eingebrochen. Sie hatte eine steile Abbruchkante hinterlassen, die jederzeit abrutschen und die Strandwanderer gefährden konnte, die sich nun von Woche zu Woche in steigender Zahl auf den Weg nach Wangerooge begaben. Es musste schnell etwas passieren, bevor ein Unglück geschah.

    Deshalb machten sich schon am nächsten Morgen auf Geheiß des Bürgermeisters zwei Arbeiter der Kurverwaltung mit einem geländegängigen Pritschenwagen auf den Weg. Während am Oststrand die Bagger überschüssigen Sand auf die Lastwagen verluden, um den Kurstrand neu entstehen zu lassen, hatte Fander die beiden Männer losgeschickt, um eine Inspektion der Dünen vorzunehmen. Gerd Gerdjes war genau der richtige Mann für diesen Auftrag. Er war auf der Insel aufgewachsen und kannte sich aus, besonders am Strand. Karsten Folk, sein Kollege, hätte gerne neben ihm im beheizten Fahrerhaus gesessen, denn der Wind war immer noch frisch, doch Gerdjes hatte ihm einen anderen Platz zugewiesen: »Nee, heute bist du an der Reihe, du bleibst auf der Pritsche. Einsteigen lohnt nicht, du musst eh immer wieder raus! Es liegt genug Dreck rum, der eingesammelt werden muss.«

    So machten sie es schon seit Jahren im täglichen Wechsel, einer musste die »Drecksarbeit« machen, so wie sie es nannten, der andere durfte im Auto sitzen. Karsten war sauer, dass der unangenehme Job, das angespülte Strandgut aufzuladen, gerade heute an ihm hängen blieb, denn Gerdjes hatte natürlich recht. Direkt nach dem Sturm war wieder einmal besonders viel zu tun.

    Der Geländewagen wühlte sich immer nur meterweise am Dünenrand entlang, denn alle paar Augenblicke mussten angeschwemmte Europaletten, Fischkisten oder Plastikteile eingesammelt werden. Ab und an fanden sich auch Kunststoffnetze, die oft nur mit einem Zipfel herausragten und sich beharrlich weigerten, den Sand zu verlassen. Mal waren es feinmaschige Fischernetze, mal grobe Netze, mit denen die Decksladung großer Seeschiffe gesichert wurde. Das waren die Momente, in denen Gerdjes unwillig das warme Auto verlassen musste, um gemeinsam mit Karsten die Netze auszugraben. Da das zu einer echten Schufterei ausartete und sie dann auch noch einen toten Seehund, an dem schon die Möwen gepickt hatten, auf die Ladefläche wuchten mussten, verschlechterte sich seine Laune immer mehr.

    Nach zwei Stunden gelangten sie endlich in den Bereich der schweren Dünenabbrüche. Gerdjes stieg aus und stieß einen Pfiff aus.

    »Donnerwetter, da hat der ›Blanke Hans‹ aber zugelangt.« Beeindruckt schätzte er die Höhe des Abbruchs: »Das sind locker sechs bis acht Meter, oder was meinst du?«

    Karsten nickte: »Mindestens, vielleicht sogar zehn Meter.«

    Gerd Gerdjes zog sein Handy aus der Tasche und machte einige Fotos. Mehr gab es im Moment nicht zu tun. »Da brauchen wir mit unseren bescheidenen Mitteln gar nicht erst anfangen zu arbeiten. Hier muss schweres Gerät ran, Bagger oder Planierraupen. Zieh noch eben das Fischernetz dort drüben raus, und dann fahren wir zurück. Mach ein bisschen plötzlich, umso eher darfst du zu mir in die Wärme.«

    Er wies auf das blaue Fischernetz, das vom Sturm angeschwemmt und später zum Teil von den einstürzenden Dünen verschüttet worden war. Nur ein Stück davon war sichtbar geblieben und ragte aus dem Sand. Karsten machte sich verbissen ans Werk und zerrte daran herum, doch so sehr er sich auch abmühte, das Netz gab nicht nach. Gerd Gerdjes wurde ungeduldig und hupte mehrfach, damit ließ sich das Problem jedoch nicht lösen. Allmählich wurde es Karsten Folk zu bunt: »Vielleicht kommst du mal mit einer Schaufel her und hilfst mir? So wird das heute nichts mehr!« Dann schimpfte er leise vor sich hin: »Der feine Herr sitzt im Auto, und ich schufte und friere mir hier den Hintern ab!«

    Irgendwann musste Gerd Gerdjes akzeptieren, dass er doch noch einmal hinaus in die Kälte musste. Fluchend griff er sich die Schaufel und begann wortlos einen großen Teil des Netzes freizulegen. Dann warf er die Schaufel zur Seite.

    «So, jetzt gemeinsam mit einem Ruck!« Sie griffen beide in die Maschen und zogen so lange an dem Fischernetz, bis es sich endlich unwillig aus dem Sand zu lösen begann. Es erwies sich als erheblich größer, als sie erwartet hatten. Deshalb waren die beiden schnaufenden Männer froh, als ihnen das letzte Stück mit einem Ruck entgegenkam. Sie wollten bereits ihren Fund zusammenraffen, um ihn auf das Auto zu laden, dann jedoch hielten sie überrascht inne. Da war ganz am Ende etwas in dem Netz verfangen, das sie zuerst gar nicht gesehen hatten. Es erschien wie ein von den blauen Kunststoffschlingen umwickelter, massiger Körper. Er war mit Sand überzogen und schwer zu erkennen. Auf den ersten Blick konnte man annehmen, dass es sich um den aufgedunsenen Kadaver einer von Helgoland angeschwemmten großen Kegelrobbe handelte, doch dann erkannten sie, dass sich die Leiche eines Menschen in dem Netz verfangen hatte.

    Karsten wich erschrocken einige Meter zurück, wandte sich ab und starrte betroffen auf das Meer. Das, was das herrenlose Fischernetz auf seinem Weg durch die stürmische Nordsee eingefangen hatte, war die erste Wasserleiche, die er zu sehen bekam. Den Anblick wollte er sich lieber ersparen. Gerd Gerdjes dagegen hatte so etwas schon mehrfach aushalten müssen. Seit über dreißig Jahren war er am Strand im Einsatz und hatte lernen müssen, dass die See von Zeit zu Zeit ihre Opfer an das Land warf. Einige der über Bord gegangenen Matrosen holten sich die Fische, diesen hier nicht. Ungerührt löste er das Netz, bis die Leiche frei vor ihm lag. Dann drehte er sie auf den Rücken. Nasser Sand verbarg ihr Gesicht, deshalb ging er zur Ladefläche und holte einen der zuvor eingesammelten Fischkästen, in dem noch etwas Meerwasser hin- und herschwappte.

    Gerd Gerdjes war nicht zimperlich, und außerdem wollte er genau sehen, was für einen Fang sie gemacht hatten. Neugierig goss er das Wasser über den Kopf der Leiche. Nachdem der Sand fortgespült war, lag das bleiche, wächserne Gesicht eines Mannes vor ihm. Die Augen waren geschlossen, und irgendwelche Verletzungen konnte er nicht erkennen. Das Gesicht erinnerte ihn an eine weiße Marmorfigur, wie er sie einmal in einer Kunstausstellung gesehen hatte. Die Verwesung war noch nicht weit vorangeschritten, stattdessen hatte sich ein fettiger Wachsfilm auf der Haut gebildet. Das war ein Zeichen dafür, dass die Leiche längere Zeit unter Wasser gelegen hatte.

    »Du kannst ruhig herkommen, Karsten, so schlimm ist der Anblick nun auch wieder nicht. Ich hatte vor drei Jahren mal eine Leiche, die in die Schiffsschraube gekommen war. Die hättest du mal sehen sollen!«

    Karsten schüttelte nur den Kopf und setzte sich in das Auto. Gerdjes dagegen amüsierte sich über den in seinen Augen mimosenhaften Kollegen, kramte sein Handy hervor und rief die Inselpolizei an.

    Nur ein Unglücksfall

    Als Kriminaloberkommissar Harm Petersen, von allen nur »Skipper« genannt, sein Büro im Polizeikommissariat Emden betrat, gab er sich noch wortkarger, als er es ohnehin schon war. Seine Laune war nicht die allerbeste. Der Morgen hatte ihn im Emder Außenhafen auf seiner imposanten Segeljacht »Antje D.«, die ihm als inoffizieller Wohnsitz diente, mit einem prachtvollen Sonnenaufgang begrüßt. Dazu wehte ein leichter Wind aus Südwest und zu gerne hätte er sich spontan einen Tag Urlaub genommen, um mal eben einen Törn nach Helgoland zu machen, doch das war nicht möglich. Gestern Abend, kurz vor Feierabend, hatte sein Chef ihm eine Akte auf seinen Schreibtisch geworfen. Da er wusste, dass Skipper kein Freund großer Worte war, hatte er im Hinausgehen nur kurz gesagt: »Wasserleiche auf Wangerooge, Vermisstenfall. Die Akte geistert seit Wochen zwischen den Dienststellen hin und her. Der Mann liegt schon unter der Erde. Jemand muss nun endlich den Abschlussbericht fertigen. Mit Wasser kennst du dich schließlich gut aus!« Dann war er mit einem saloppen »Tschüss« schon wieder verschwunden, bevor Skipper protestieren konnte. Für Vermisstensachen war er eigentlich nicht zuständig, doch nach einem ersten Blick in die Akte sah er, dass der Fall inzwischen nicht mehr als Vermisstensache, sondern als »Verdacht eines Unglücksfalls mit Todesfolge« eingestuft worden war. Das beinhaltete automatisch, dass auch die Frage nach der Verantwortlichkeit gestellt und beantwortet werden musste. Darum würde er sich am nächsten Tag kümmern müssen, ob er nun wollte oder nicht. Und ja, mit Wasser kannte er sich wirklich aus, es musste nur salzig sein. Also fügte er sich an diesem Morgen in sein Schicksal, schleuderte seinen verblichenen alten Troyer, den er über alles liebte, mit einem wohlgezielten Wurf an den Garderobenhaken und vertiefte sich seufzend in die Akte.

    Die auf Wangerooge angespülte Leiche hatte schon nach kurzen Ermittlungen durch die Kollegen von der Vermisstenstelle einen Namen bekommen. Jens Raßke hieß der Mann, Rechtsanwalt für Schifffahrtsrecht aus Wilhelmshaven. Seine Familie hatte ihn bereits im Oktober des letzten Jahres vermisst gemeldet, und niemand hatte wohl noch damit gerechnet, dass sein Leichnam jemals auftauchen würde. Doch dann hatten die beiden Arbeiter ihn in den Dünen von Wangerooge gefunden.

    Skipper blätterte in dem Bericht des Pathologen herum. Etwas Auffälliges konnte er dabei nicht entdecken. Die Leiche wies keine Verletzungen auf. Ihr erstaunlich guter Zustand ließ sich damit erklären, dass der Körper des Mannes sich in einem Fischernetz verfangen hatte und auf den sauerstoffarmen Grund der Nordsee gesunken war. Dort wurde er von Sand und Schlick überdeckt und konserviert, bevor der Frühjahrssturm ihn vor Wangerooge an Land warf. Die nachfolgenden Dünenabbrüche bedeckten den Körper sofort wieder mit feuchtem Sand und damit kam abermals keine Luft an ihn heran. So konnte der Verwesungsprozess sein zerstörerisches Werk nicht aufnehmen.

    Bei der Beantwortung der Frage, ob Jens Raßke zum Todeszeitpunkt alkoholisiert war, hatte sich der Pathologe bedeckt gehalten, denn das ließ sich nicht mehr eindeutig feststellen. Zumindest konnte er diagnostizieren, dass der Mann zu Lebzeiten kein Trinker war. Am Ende seines Befundes stand zu lesen: »Todesursache: Ertrinken«.

    Skipper zuckte mit den Schultern. Was er bisher gelesen hatte, klang logisch und ergab keinen Hinweis auf ein Verbrechen. Er vertiefte sich nun in die Vermisstenmeldung, die von der Ehefrau im Oktober aufgegeben worden war. Auch hier war nichts zu entdecken, was sein Misstrauen erregte. Raßke hatte sich am letzten Oktoberwochenende mit Freunden auf Spiekeroog treffen wollen, um gemeinsam mit ihnen den letzten Segeltörn des Jahres zu unternehmen. Er war einen Tag vor den anderen angereist und hatte die Charterjacht übernommen. Der Vermieter bestätigte in einer späteren Vernehmung, dass die Jacht ordnungsgemäß übergeben worden sei. Danach habe er gemeinsam mit Raßke das ein oder andere Glas Grog getrunken und gegen 20 Uhr den Rückweg in den Ort angetreten. Raßke sei bei seinem Abschied gehobener Stimmung gewesen, aber nicht stark angetrunken. Der Jachtvermieter war somit der Letzte, der ihn lebend gesehen hatte. Als Raßkes Mitsegler am nächsten Morgen auf Spiekeroog eintrafen, fanden sie die Jacht verlassen vor. Die Tür der Kajüte stand offen, von ihrem Freund gab es keine Spur.

    Skipper griff nun zu einer Fotomappe, die im Herbst vom Inselpolizisten angefertigt worden war. Besonders große Mühe hatte der sich dabei nicht gemacht. Es waren nur wenige Aufnahmen, und sie waren von mäßiger Qualität. Auf einem der Fotos waren 2 Groggläser zu sehen, die auf dem Kajütentisch standen, direkt daneben eine fast leere Rumflasche. Er schaute genau hin, die Marke kannte er. Das war kein billiger Rum-Verschnitt, sondern echter kubanischer Rum mit 45 Vol. % Alkohol. Skipper nickte anerkennend und dachte sich seinen Teil. Eigentlich war ein solch edler Tropfen viel zu schade, um ihn für Grog zu missbrauchen. »Wenn die beiden diese Flasche tatsächlich gemeinsam geleert haben, dann herrschte an Bord nicht nur gehobene Stimmung. Nee, dann hatten beide richtig einen im Tee!«

    Er blätterte weiter von Seite zu Seite durch die Mappe und fand plötzlich ein Foto, welches sein besonderes Interesse erregte. Eine der Relingstützen am Heck der Jacht war minimal nach außen geneigt. Skipper wusste von seiner eigenen Jacht, dass man einen erheblichen Druck ausüben musste, um eine solche Stütze zu verbiegen. So etwas passierte nicht dadurch, dass sich jemand lediglich am Relingseil festhielt. Anders sah es hingegen aus, wenn jemand mit seinem vollen Körpergewicht dagegen fiel.

    Er stand nachdenklich auf, bereitete sich einen Tee und vertiefte sich anschließend erneut in die Akte. Dann murmelte er vor sich hin: »Und wenn er an dem Abend tatsächlich nicht nur bester Laune, sondern doch stark angetrunken war? Was, wenn er allein weitergetrunken hat, sich in seinem Zustand den Gang zur engen Bordtoilette ersparen wollte und sich entschloss, einfach in der Dunkelheit über Bord zu pinkeln?«

    Skipper musste grienen, so ganz fremd war ihm das nicht, was er vor seinem inneren Auge sah, doch dann wurde er wieder ernst. Das Relingseil war in einer Höhe von 70 Zentimetern gespannt. Da konnte man schon bei einer kleinen unerwarteten Bewegung des Bootes das Gleichgewicht verlieren, zumal, wenn man zu tief ins Glas geschaut hatte. Skipper kannte den Hafen von Spiekeroog gut, oft genug hatte er selbst dort mit seiner »Antje D.« am Steg gelegen. Und er wusste auch, dass Ende Oktober nur noch wenige Boote im Hafen lagen, es dort ziemlich dunkel war und die Wassertemperatur der Nordsee bei ungefähr acht Grad lag. Wieder sprach er zu sich selbst, ohne es zu bemerken: »Wer das Gleichgewicht verliert, angetüdert gegen die Reling kippt, ins kalte Wasser fällt und dann die Orientierung verliert, der kann schnell in Panik geraten. Das war’s dann.«

    Er schloss die Akte, wandte sich seinem Computer zu und rief die Hoch- und Niedrigwasserzeiten des vergangenen Jahres für Spiekeroog auf. Die Strömungsverhältnisse an der Küste kannte er wie kein Zweiter. Wenn Jens Raßke tatsächlich über Bord gefallen und im Hafen von Spiekeroog ertrunken war, dann musste das ablaufende Hochwasser der Nacht ihn unweigerlich aus dem Hafen gesaugt haben. Die starke Strömung, die sich in dem Seegatt zwischen Spiekeroog und Langeoog bildete, würde seinen Leichnam dann binnen Stunden auf die Nordsee hinausgezogen haben.

    Skipper schaltete den Computer aus, reckte sich und schaute wehmütig aus dem Fenster. Was hätte es für ein schöner Tag auf See werden können. Stattdessen musste er nach dem Mittag wohl oder übel den Abschlussbericht für den Fall Jens Raßke zu Papier bringen. Das Ergebnis stand für ihn inzwischen fest: Unglücksfall, Tod durch Ertrinken, kein Fremdverschulden erkennbar.

    Absprung

    Die Osterferien fielen in diesem Jahr erst in die zweite Hälfte des April und gaben der Nordsee somit Gelegenheit, die Kälte des Winters endgültig abzulegen. Ein makellos blauer Himmel überspannte Langeoog und ließ den

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