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Pulverdampf aus der Revolvermündung: Super Western Bibliothek 15 Romane und eine Kurzgeschichte

Pulverdampf aus der Revolvermündung: Super Western Bibliothek 15 Romane und eine Kurzgeschichte

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Pulverdampf aus der Revolvermündung: Super Western Bibliothek 15 Romane und eine Kurzgeschichte

Länge:
1.847 Seiten
24 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
24. Okt. 2021
ISBN:
9783745220223
Format:
Buch

Beschreibung

Von Alfred Bekker, Pete Hackett, Horst Friedrichs, W.W.Shols, Glenn P. Webster

Dieses Buch enthält folgende Western:

Horst Friedrichs: Flucht aus dem Höllenfort

W.W.Shols: Rancher-Rache

Alfred Bekker: Der Spieler

Pete Hackett: Pulverdampf am Bow Creek

Glenn P. Webster: Hogan und die skrupellose Bande

Glenn P. Webster: Späte Rache für Calamity Jane

Alfred Bekker: Entscheidung am Salt Lake

Bill Garrett: Morrison greift an

Glenn Stirling: Red River Joe

Glenn Stirling: Wo die Feuer ewig lodern

Heinz Squarra: Die Hölle von El Carrizo

Heinz Squarra: Fünf auf dem Weg zur Hölle

Horst Friedrichs: Carringo und die Kugel für Tabor

John F. Beck: Der Squawman-Scout

John F. Beck: Whisky-Calloway

Alfred Bekker: Das harte Dutzend

Für die Menschen in Deadwood, Dakota begann dieser Tag wie jeder andere. Auf der Main Street herrschte schon am frühen Morgen rege Betriebsamkeit. Der General Store hatte geöffnet. Einige Prospektoren aus den nahe gelegenen Black Hills tätigten Einkäufe. Im Hinterhof eines Fleischerladens bellten Schüsse auf. Ein Schwein quiekte schrill im Todeskampf.

Ein neuer Wagenzug mit Goldsuchern traf ein. Der Strom der Menschen, die in den Hügeln ihr Glück suchen wollten, riss nicht ab. Die Sonnenstrahlen überfluteten die Main Street und trockneten die letzten Schlammlachen, die von einem Gewitterregen übrig geblieben waren. Ein ganz gewöhnlicher Tag in Deadwood. Es war dieser 2. August des Jahres 1876, an dem alles begann ...
Herausgeber:
Freigegeben:
24. Okt. 2021
ISBN:
9783745220223
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

Pulverdampf aus der Revolvermündung - Alfred Bekker

Pulverdampf aus der Revolvermündung: Super Western Bibliothek 15 Romane und eine Kurzgeschichte

Alfred Bekker, Pete Hackett,John F. Beck, Bill Garrett, Glenn P. Webster, W.W.Shols, Horst Friedrichs, Glenn Stirling, Heinz Squarra

Von Alfred Bekker, Pete Hackett, Horst Friedrichs, W.W.Shols, Glenn P. Webster

Dieses Buch enthält folgende Western:

Horst Friedrichs: Flucht aus dem Höllenfort

W.W.Shols: Rancher-Rache

Alfred Bekker: Der Spieler

Pete Hackett: Pulverdampf am Bow Creek

Glenn P. Webster: Hogan und die skrupellose Bande

Glenn P. Webster: Späte Rache für Calamity Jane

Alfred Bekker: Entscheidung am Salt Lake

Bill Garrett: Morrison greift an

Glenn Stirling: Red River Joe

Glenn Stirling: Wo die Feuer ewig lodern

Heinz Squarra: Die Hölle von El Carrizo

Heinz Squarra: Fünf auf dem Weg zur Hölle

Horst Friedrichs: Carringo und die Kugel für Tabor

John F. Beck: Der Squawman-Scout

John F. Beck: Whisky-Calloway

Alfred Bekker: Das harte Dutzend

Für die Menschen in Deadwood, Dakota begann dieser Tag wie jeder andere. Auf der Main Street herrschte schon am frühen Morgen rege Betriebsamkeit. Der General Store hatte geöffnet. Einige Prospektoren aus den nahe gelegenen Black Hills tätigten Einkäufe. Im Hinterhof eines Fleischerladens bellten Schüsse auf. Ein Schwein quiekte schrill im Todeskampf.

Ein neuer Wagenzug mit Goldsuchern traf ein. Der Strom der Menschen, die in den Hügeln ihr Glück suchen wollten, riss nicht ab. Die Sonnenstrahlen überfluteten die Main Street und trockneten die letzten Schlammlachen, die von einem Gewitterregen übrig geblieben waren. Ein ganz gewöhnlicher Tag in Deadwood. Es war dieser 2. August des Jahres 1876, an dem alles begann ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

Flucht aus dem Höllenfort

Western von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Man schreibt das Jahr 1877: Bei dem Angriff einer Kavallerie-Kompanie werden alle Krieger der Nez Perces Indianer, die sich auf der Flucht befinden, getötet. Die überlebenden Frauen, Kinder und Alten werden gefangen genommen, um sie in ein Reservat zu sperren. Der Kommandant des Transports ist ein Sadist, dem es Spaß macht, die Gefangenen zu quälen und die Frauen zu vergewaltigen. Bevor er der jungen Indianerin White Feather Gewalt antun kann, gelingt ihr die Flucht. Unterwegs trifft sie auf den Cowboy Frank Harrison, dem sie nach und nach Vertrauen schenkt. Gemeinsam reiten sie nach Fort Maginnis, um dem Regimentskommandeur von dem Unrecht, das den Nez Perces angetan wird, zu berichten - sie ahnen allerdings nicht, dass dieser Mann noch grausamer ist ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Eine Gruppe von Ahornbäumen warf den Schatten ihres Laubdaches auf die Anhöhe. Nahezu ungehindert reichte der Blick in alle Richtungen. Von Süden her kroch ein Buschgürtel den Hang herauf wie ein massiges, filzig grünes Reptil. Die Baumgruppe glich einer Barriere, die dem Wildwuchs Einhalt gebot.

Saftiges Grasland senkte sich ins nordwestlich angrenzende Tal. Dort hatten die Nez Perces ihre Tipis aufgeschlagen. Doch es war kein gewöhnliches Dorf, nur ein eilig errichtetes Lager auf der Flucht. Die Kochfeuer brannten rauchlos, und es herrschte Stille. Weder Kinderlärmen noch die hellen Stimmen heiterer Frauen drangen zu den Wachtposten auf den Hügeln.

Das Paar, nackt im hohen weichen Gras zwischen den Ahornbäumen, fühlte sich unbeobachtet.

Bold Eagle - Kühner Adler war ein hoch gewachsener, muskulös gebauter junger Krieger. Er war schön wie ein Gott, der schönste von allen Männern im kampffähigen Alter. Zugleich war er auch der Klügste. Niemand konnte es mit ihm aufnehmen. Jedem anderen war er in jeder Beziehung überlegen, und deshalb würde er einmal ein großer Häuptling werden.

So sah es White Feather, die Weiße Feder, denn sie liebte Bold Eagle über alle Maßen. Außerdem war sie ihm als Squaw versprochen, was ein zusätzliches großes Glück bedeutete. Denn es war keineswegs selbstverständlich, dass die Eltern Rücksicht darauf nahmen, wem ihre Tochter ihr Herz geschenkt hatte.

White Feather war überzeugt, dass der Große Geist seine Hand im Spiel haben musste. Anders konnte sie sich die Vollkommenheit ihres Glücks nicht erklären. Bold Eagle erwiderte ihre Gefühle, ja er war regelrecht verrückt nach ihr. Das sagte er jedes Mal, wenn sie sich trafen. Und sie konnten es dann beide nicht erwarten, sich gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen.

Schon wenn er mit seiner ganzen Kraft und Härte und zugleich doch so behutsam in sie eindrang, jauchzte White Feather vor Lust. Und wenn sie ihn dann tief in sich spürte, wünschte sie sich, dass dieser Moment niemals enden würde.

So war es auch diesmal.

Für Bold Eagle und White Feather versank die Welt, die sie umgab, im Rausch ihrer Gefühle.

Und es drohte keine Gefahr. Bold Eagle hatte noch einmal gründlich nach allen Seiten gespäht, bevor er sich mit der Härte seiner Erektion zwischen White Feathers gespreizte Beine sinken ließ. Nirgendwo war auch nur ein Zipfel Uniformblau zu sehen gewesen. Die Verfolger schienen die Fährte der Fliehenden noch immer nicht aufgenommen zu haben.

Dennoch blieben der Krieger und seine künftige Squaw vorsichtig. Sie hielten sich gegenseitig den Mund zu, um zu unterdrücken, was die Reise zum Gipfel der Wollust ihnen bescherte. Wohlige Laute waren es sonst, von lustvollem Stöhnen und Keuchen begleitet. Diesmal hörte es sich an, als würden sie versuchen, sich gegenseitig zu erdrosseln. Ihr sonst üblicher Schrei klang wie von einem Stapel Büffelfelle gedämpft.

Stumm und ermattet, doch immer noch eng umschlungen sanken sie auf die Seite.

White Feather unterdrückte ein Kichern, als sie wieder zu Atem gekommen war. »Es wird uns doch keiner gehört haben?«

»Bestimmt nicht«, erwiderte Bold Eagle zuversichtlich. »Trotzdem musst du zurück ins Camp. Die Anweisung für mich lautet, Wache zu halten. Davon, dass ich es einem liebeshungrigen kleinen Nez Perces Mädchen besorgen soll, hat niemand etwas gesagt.«

White Feather lachte und bog ihren gertenschlanken Körper von ihm zurück. Verspielt boxte sie mit ihrer kleinen Faust auf die eisenharten Muskeln seiner Oberarme.

»Du frecher Kerl!«, schimpfte sie schalkhaft. »Was nimmst du dir nur heraus!« Ihre schwarzen Augen funkelten temperamentvoll. Jettschwarzes Haar umrahmte das bronzefarbene Ebenmaß ihres Gesichts und fiel ihr mit seidigem Schimmern bis auf die Schultern.

So, wie sie in seinen Armen lag, spürte Bold Eagle den Druck ihrer straffen Brüste. Ihre aufgerichteten Brustwarzen bohrten sich in seine Haut.

Er lächelte nachsichtig.

»Ich würde dich die ganze Nacht hier behalten. Das würde ich wirklich tun, White Feather. Aber wir müssen vernünftig sein. Von meiner Wachsamkeit hängt das Leben der Menschen da unten ab.«

»Was bist du doch für ein edler Bursche.«

White Feathers Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Denn sie war es nicht, die diese Antwort gegeben hatte.

Die Stimme gehörte einem Mann. Er sprach das Idiom der Nez Perces mit dem unbeholfenen Akzent der Weißen.

Bold Eagle erstarrte. Seine Muskeln spannten sich zu Strängen wie von Federstahl. In den Augen seiner Gefährtin las er, dass der Fremde unmittelbar hinter ihm sein musste.

Bold Eagle nutzte die Schrecksekunde, um sich auf White Feathers Augen zu konzentrieren. In ihrem Glanz erkannte er das zweifache Spiegelbild des Mannes.

Ein Kavallerist. In der rechten Hand hielt er einen Revolver, in der linken einen Säbel.

Bold Eagle wusste, dass ihm bestenfalls die Dauer eines Atemzugs blieb - ihm und White Feather.

Blitzartig stieß er sie von sich weg, warf sich gleichzeitig herum, auf den Soldaten zu.

White Feather schrie auf, als sie durch das Gras geschleudert wurde.

Der Soldat stieß einen Fluch aus. Und feuerte. Der Schuss krachte dumpf unter dem Laubdach der Ahornbäume. Die Kugel fuhr genau dort in den Boden, wo Bold Eagle und White Feather eben noch gelegen hatten.

Der Mann in der blauen Uniform schaffte es nicht, ein zweites Mal abzudrücken. Denn Bold Eagle sprang ihn an wie ein Berglöwe, so geschickt und so schnell.

Doch im selben Moment brach um sie herum die Hölle los.

2

»Feuer!«, peitschte eine Stimme von irgendwoher.

Noch bevor der Befehl verklungen war, krachten Schüsse. Mit einem einzigen gewaltigen Schlag entluden sich die Waffen der Angreifer. Hunderte mussten es sein.

Revolver, Karabiner und Gatling Guns hämmerten los, dass es wie Donner ins Tal der Nez Perces hinab rollte. Menschen schrien, Pferde wieherten schrill. Barsch gebrüllte Kommandos der Angreifer konkurrierten mit dem wilden, entschlossenen Geheul der Krieger.

Sie machten sich gegenseitig Mut damit. Dabei wussten sie alle, dass es nicht mehr war als der Mut der Verzweiflung.

In den Indianerkriegen hatten beide Seiten voneinander gelernt. So wie sich die roten Krieger auf die militärische Taktik ihrer Feinde eingestellt hatten, waren diese mittlerweile Meister im unbemerkten Anpirschen. Hier, in den Hügeln von Montana, hatten sie es soeben wieder unter Beweis gestellt.

Die Todesangst lähmte White Feather. Sie lag im Gras und war nicht imstande, sich zu rühren. Durch das weiche Grün der Halme konnte sie sehen, was sich in ihrer Nähe abspielte.

Bold Eagle hatte dem Soldaten den Revolver aus der Hand geschlagen. Beide Männer waren zu Boden gestürzt, und nun entrang der muskulöse Krieger seinem Gegner den Säbel. Als Waffe für den Nahkampf taugte die armlange und handtellerbreite Klinge nicht.

Ein Hieb auf den Unterarm des Kavalleristen genügte, und der Griff der tödlichen Blankwaffe entglitt seiner Hand. Bold Eagle schlug noch zweimal zu, und er traf den Weißen hart genug. Der Mann streckte sich und rührte sich nicht mehr.

Bold Eagle sprang auf, packte den Säbel mit beiden Händen am Griff - bereit zuzustoßen.

Eine Bewegung entstand im Gebüsch. Zweige teilten sich. Nichts davon war im Tosen des Kampflärms zu hören.

White Feather wollte schreien, wollte den geliebten Mann warnen. Aber nicht einmal die Stimmbänder gehorchten ihr.

Der zweite Kavallerist feuerte, noch während er aus dem Buschwerk hochkam.

Der Schuss aus seinem Revolver klang dünn und unbedeutend vor dem Hintergrund des Gefechtsdonners. Doch dieser Eindruck täuschte, und White Feather wusste es im selben Moment.

Sie glaubte selbst getroffen zu werden, so sehr zerriss der Schmerz ihr Innerstes.

Schon der erste Einschlag brachte Bold Eagle ins Wanken. Der Säbel fiel ihm aus den Händen.

Der Soldat im Gebüsch jagte noch zwei Kugeln aus dem langen Lauf seines Cavalry Colts, um ganz sicher zu gehen. Wie von unsichtbaren Fäusten durchgeschüttelt sank der Krieger zu Boden.

White Feather sah das Blut aus seinen tödlichen Wunden strömen. Erst jetzt drang der Schrei tief aus ihrer Kehle. Ihr war, als würde mit der Liebe ihres Lebens auch ihr eigenes Leben zu Ende gehen. Sie spürte wahrhaftig den Schmerz, den auch Bold Eagle im Augenblick seines Sterbens gespürt haben musste.

Das Grauen ließ ihren Überlebenswillen erwachen, obwohl es nicht mehr als ein Instinkt war. Die Lähmung fiel von ihr ab.

Doch ihr Schrei hatte sie verraten, und das hohe Gras war kein vollständiger Sichtschutz.

Der Kavallerist stürmte aus dem Gebüsch hervor und war bei ihr, noch bevor sie richtig auf die Beine gekommen war.

Er fällte sie mit einem Fausthieb.

White Feather empfand eine seltsame Art von Dankbarkeit, als ihr schwarz vor Augen wurde. So würde sie wenigstens bei ihrem Geliebten ausharren.

Gewiss würde sie sterben. Aber die Art und Weise ihres Todes bedeutete nichts. Nur eines war wichtig: Dass sie Bold Eagle auf seinem Weg in die Ewigen Jagdgründe begleiten und für immer bei ihm bleiben durfte.

Doch die Bewusstlosigkeit der schönen jungen Indianerin war nur von kurzer Dauer.

Als sie erwachte, umarmte sie einen Baumstamm.

Sie begriff nicht sofort, was das bedeutete.

Im nächsten Moment stürzte die ganze ungeheure Wucht des Geschehens auf sie ein.

Ihre Hände waren auf der anderen Seite des Baums gefesselt, ihre rechte Wange wurde dadurch an die lederartige Rinde gepresst. Sie war noch immer nackt, was den Kerlen hinter ihr wahrscheinlich sehr gelegen kam. Der, den Bold Eagle besiegt hatte, musste wieder zu sich gekommen sein. Denn es waren zwei Männer, von denen White Feather vergewaltigt wurde. Ihr schossen Tränen in die Augen. Und wieder schrie sie ihren Schmerz hinaus, als ihr bewusst wurde, dass ihr die Gnade des Todes noch nicht gegönnt werden würde.

Aber auch das Geschehen im Tal der Nez Perces blieb ihr nicht erspart. Auf grausame Weise lief es vor ihren Augen ab.

An die zweihundert Soldaten waren es, die von allen Seiten vorrückten, über die Hügelkuppen hinweg. Im Schutz des Buschgürtels waren sie vorgedrungen, hatten die Wachtposten überrumpelt und niedergemacht.

Weniger als fünfzig Nez Perces Krieger waren es, die sich auf ihre Pferde schwangen und sich den Angreifern todesmutig entgegen warfen. Jene, für die die Krieger ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben kämpften, zählten mehr als zweihundert: Frauen, Kinder und alte Leute.

Die Krieger hatten von vornherein keine Chance. Bis auf den letzten Mann starben sie im Kugelhagel der Übermacht.

Als Schüsse und Todesschreie endlich versiegten, war die Tortur für White Feather noch nicht vorüber. Die keuchenden, schwitzenden Kerle machten sich unaufhörlich an ihr zu schaffen. Sie wurde immun gegen körperliche Schmerzen. Das Weinen der Kinder und die Klagelaute der Frauen aus den Tipis im Tal zu hören bereitete ihrer Seele furchtbare Qualen.

3

An jedem Tag des Transports glühte die Sonne erbarmungslos auf das weite Land herab. Auf den Plains von Montana gab es so gut wie keinen Schutz vor der Hitze, und in den stickigen Planwagen rangen die Alten und Kranken röchelnd nach Atem.

In den Nächten dann zitterten sie vor Kälte. Denn sobald die Sonne untergegangen war, kühlte sich die Luft stark ab. Es waren die Vorboten des Herbstes. Die Alten wussten, dass eine Hungersnot auf sie wartete. Sie hatten keine Vorräte für den Winter anlegen können. In der Reservation würden sie auf die Gnade ihrer Bezwinger angewiesen sein.

White Feather gehörte zu der Gruppe junger Frauen, die neben den Wagen herlaufen mussten.

Um ihre Eltern und Großeltern durften sie sich nicht kümmern. Jeglicher Kontakt war ihnen untersagt. So blieb es beim Austausch von Blicken, mit denen man sich gegenseitig Mut zu machen versuchte.

Indessen hatten sich die meisten der jungen Frauen ihrem Schicksal ergeben. Geschunden und entkräftet, wie sie waren, schliefen sie bei jeder Rast auf der Stelle ein. Doch nach viel zu kurzer Zeit wurden sie wieder hochgescheucht. Stöße von Gewehrkolben und Fußtritte trieben sie an.

Doch die Überlebenden der Nez Perces würden ihren Stolz nicht brechen lassen, nicht einmal auf diesem entwürdigenden Marsch in die Gefangenschaft. Denn genau das war es, was auf sie wartete. Mochten die Bleichgesichter es zehnmal hochtrabend als »Reservation« bezeichnen, es änderte nichts daran, dass den Nez Perces die Freiheit genommen wurde - wie so vielen anderen Indianerstämmen auch.

White Feather und ihre Leidensgenossinnen trotteten neben den mahlenden und knirschenden Wagenrädern dahin, schluckten den Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten, und zogen vor Angst den Kopf ein, wenn das knarrende Sattelleder und das klirrende Geschirr der Kavalleristen näher kam.

Doch so lange der Transport rollte, handelte es sich nur um Drohgebärden. Die Bewacher mussten zeigen, dass sie da waren und dass ihnen nichts entging. Abwechselnd ritten sie näher heran, um ihre Macht zu demonstrieren. Ihr raues Gebrüll sollte die Frauen einschüchtern und bei den Offizieren Eindruck machen.

White Feather und die anderen ließen es über sich ergehen. Es war das Kleinste aller Übel und nichts gegen das, was den Frauen in den Mittagspausen und vor allem während der Abend und Nachtruhe angetan wurde.

Es gab niemanden, der ihnen hätte helfen können.

White Feather dachte an Bold Eagle und all die anderen toten Krieger. Sie hatten die Flüchtlingsschar sicher nach Norden bringen wollen, zunächst ins Reservations-Gebiet der Blackfeet und von dort aus weiter nach Kanada. Es war ihnen nicht gelungen. Ihre Körper waren auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben, den Geiern überlassen. Doch ihre Seelen würden in den Ewigen Jagdgründen ruhmreiche Plätze einnehmen.

Seit Monaten waren die Nez Perces nun schon auf der Flucht, anfangs noch mit dem großen Chief Joseph.

1876, das zurückliegende Jahr, war noch von großen Siegen über die weißen Eindringlinge bestimmt gewesen. Crooks Niederlage am Rosebud und Custer Untergang am Little Bighorn River steckte der Armeeführung noch mächtig in den Knochen.

Doch das Jahr 1877 stand unter weniger günstigen Vorzeichen. Was vielen ihrer roten Brüder gelungen war, hatten die Nez Perces vergeblich versucht. Sie hatten Kanada nicht erreicht. In Montanas westlichem Nachbarstaat Idaho hatten sie sich nach verzweifelten Kämpfen der US-Kavallerie ergeben müssen.

Nur wenige kleinere Gruppen hatten die Flucht fortsetzen können. Mittlerweile aber waren die meisten »geschnappt« worden. So nannten es die Soldaten hohnlachend in ihren Gesprächen.

Die Gefangenen wurden nun dorthin gebracht, wo sie nach Meinung der Kavalleristen hingehörten - ins südliche Reservatsgebiet von Montana. Es gehörte den Crow, einem Indianerstamm, der stets gute Beziehungen zum Weißen Mann gepflegt hatte. Mit den Crow hatten die Eroberer keine Schwierigkeiten. Bei ihnen konnte man vorübergehend auch jene unterbringen, die als aufsässig galten, weil sie für ihre Freiheit gekämpft hatten.

White Feather und ihre Gefährtinnen trauerten um die Männer, die ihnen genommen worden waren. Und es war eine düstere Ahnung von der Zukunft, die sich in diese Trauer mischte.

Ihr Volk war dem Untergang geweiht.

Viele der Kinder und der alten Leute waren schon jetzt entkräftet und krank. Sie würden den Winter nicht überleben, wenn nicht ein Wunder geschah. Und den jungen Frauen waren die Männer genommen worden. Die Söhne, von denen sie geträumt hatten, würde es nun niemals geben - so, wie es auch die Zukunft der Nez Perces nicht mehr gab.

4

Vor drei Tagen hatten sie den Teton River durchfurtet. Sie wussten nicht, wie viele Tagesmärsche noch vor ihnen lagen. Auch die einfachen Soldaten hatten keine Ahnung. White Feather hatte längst festgestellt, dass es sich um einfältige Burschen handelte, tumbe Befehlsempfänger allesamt.

Nur die Offiziere schienen Bescheid zu wissen. Offenbar war es so üblich. Die unteren Ränge erfuhren nur das, was sie zum Ausführen der Befehle unbedingt wissen mussten.

An diesem Abend, noch während der Dämmerung wurde das Nachtlager am Ufer eines Creeks aufgeschlagen, einer willkommenen Tränke für die Pferde.

Die uniformierten Kutscher fuhren die Planwagen zu einem Kreis zusammen, ähnlich jenen Wagenburgen, mit denen sich die ersten weißen Siedler beim Vordringen ins Indianerland geschützt hatten.

Doch hier, auf dem Transport der Nez Perces, diente das Innere des Kreises als Aufenthaltsbereich für die Gefangenen. Schwerbewaffnete Doppelposten sorgten dafür, dass die alten Leute und die jüngeren Frauen auch hier keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten.

Wer ohne ausdrückliche Erlaubnis außerhalb der Wagen auftauchte, musste damit rechnen, auf der Stelle erschossen zu werden.

White Feather hatte für das alles nur die eine Erklärung: Die Bleichgesichter hatten selbst vor Greisen, Frauen und Kindern noch Angst.

Rings um die Wagenburg schlugen die einfachen Soldaten ihre kleinen Zweimannzelte auf. Einige von ihnen waren wie üblich dafür abkommandiert, die drei größeren Offizierszelte zu errichten.

Der Kommandant des Transports, First Lieutenant James Nicholas, war ein hagerer, düster aussehender Mann mit dichtem schwarzen Vollbart. Die Hände auf den Rücken gelegt, stolzierte er durch das Lager und nutzte das versiegende Tageslicht zur üblichen Inspektion. Mit hoch erhobenem Kopf machte er zudem noch einen überaus blasierten Eindruck.

Zwei Leibwächter folgten ihm mit respektvollem Abstand, einfache Soldaten, die er selbst zu seinem persönlichen Schutz abkommandiert hatte.

Weitere Soldaten waren damit beschäftigt, Holzpflöcke in die Erde zu schlagen und Seile zu spannen. Auf diese Weise entstanden Gassen für die Kontrollgänge der Wachen. Gleichzeitig wurden die Nez Perces in drei Gruppen eingeteilt: alte Frauen und Männer, Frauen mit Kindern und Frauen ohne Kinder.

First Lieutenant Nicholas beobachtete das Geschehen weder interessiert noch wohlwollend. An seiner Miene ließ sich einfach keine Regung ablesen. Alles was sich um ihn herum abspielte, schien für ihn die größte Selbstverständlichkeit zu sein. Dennoch konnte er innerlich nicht völlig unbeteiligt sein. Was geschah, musste zumindest eine gewisse Bedeutung für ihn haben.

White Feather konnte sich einfach nicht vorstellen, dass einen Mann von Rang das Schicksal wehrloser und geschundener Menschen völlig kalt ließ.

Außerhalb des Forts hatte er überdies die seltene Gelegenheit, als ranghöchster Offizier zu glänzen. Das nutzte er weidlich aus. So beanspruchte er eines der drei Offizierszelte ganz für sich allein.

Unter den Soldaten wurde gemunkelt, dass Nicholas dort im Zelt jede Nacht seinen Harem beherbergte.

White Feather und ihre Leidensgefährtinnen wussten, dass dieses Gerächt der Wahrheit entsprach.

First Lieutenant Nicholas ließ sich nicht dazu herab, eine Frau zu vergewaltigen. Dazu war er einfach zu vornehm und zu fein. Nein, in seiner Sprache, und erst recht in seinem dienstlichen Jargon klang das so trocken und nüchtern, als würde es sich um eine Passage aus einem Gesetzestext des Großen Häuptlings in Washington handeln.

Weibliche Gefangene werden täglich nach Einbruch der Dunkelheit zu persönlichen Ordonnanzdiensten für den Transportkommandanten abgestellt. Die erforderliche Auswahl erfolgt durch den Kommandanten selbst.

»Er hat ein Problem«, sagte Little Bird, eine dralle und glutäugige Schönheit. »Im Grunde ist er ein armes Schwein.«

»Ja?«, erwiderte White Feather mit mäßigem Interesse. »Wirklich?« Sie hatte das Glück gehabt, noch nicht als »Ordonnanz« für den finsteren Hochmütigen ausgewählt worden zu sein. Little Bird dagegen hatte bereits zwei Nächte im Kommandantenzelt verbracht. Dafür hatte sie sich sogar freiwillig gemeldet.

Kleiner Vogel hatte schon in normalen Zeiten als allzu freizügig und frivol gegolten. Deshalb hatte sie auch von keinem der Krieger im heiratsfähigen Alter ein Eheversprechen erhalten. Stattdessen hatte sie sich älteren verwitweten Männern in den Tipis hingegeben, und sie hatte minderjährige Jungen verführt.

Die beiden jungen Frauen saßen auf einer Proviantkiste, mit dem Rücken an die Speichen eines Wagenrades gelehnt. Wie die anderen, die in Gruppen beieinander hockten, drehten sie sich von Zeit zu Zeit verstohlen um und sahen, wie die Soldaten die Pferde für die Nacht versorgten und auf einem Platz am Ufer des Creeks Feuerholz aufschichteten.

Dort würde es in der Dunkelheit wieder hoch hergehen. Whisky würde in Strömen fließen, raues Gelächter würde zur Wagenburg herüberwehen, und immer wenn es die betrunkenen Kerle danach gelüstete, würden sie sich gewaltsam eine Frau holen und über sie herfallen.

»Ja, er hat wirklich ein Problem«, rief Little Bird sich in Erinnerung. Sie wedelte mit der Hand vor White Feathers geistesabwesenden Augen.

White Feather kehrte in die Gegenwart zurück.

»Hat er dir anvertraut, was ihn bedrückt?«, erkundigte sie sich. »Sieht er deswegen so unnahbar aus, weil er dieses Problem hat?«

»Kann schon sein«, antwortete Little Bird. »Willst du wissen, was es ist?«

»Ja.« White Feather unterdrückte ein Gähnen. Seit dem Tod von Bold Eagle war ihr Interesse an den Dingen erloschen. Es gab nur noch wenig, was für sie wichtig war. Wieder bei ihren Eltern sein zu dürfen, ja, das zählte schon. Auch wenn es im Reservat sein würde, so würde sie doch wenigstens ihrem Vater und ihrer Mutter helfen können, den Winter zu überstehen.

Zurzeit konnten sie nur gelegentliche Blicke oder ein Winken austauschen. Dabei hätte White Feather sich so sehnlich gewünscht, dass ihre Eltern sie in ihrer Trauer um Bold Eagle trösteten.

»Er hat einen kleinen Schwanz«, sagte Little Bird.

»Was?« White Feather schrak auf. »Wer?«

»Na, der da.« Little Bird deutete mit einer Kopfbewegung auf den First Lieutenant.

»Und es macht ihm zu schaffen?«

»Und wie!« Little Bird machte ein fachmännisches Gesicht. »Deshalb braucht er jede Nacht drei von uns. Damit will er sich irgendwas beweisen. Vielleicht, dass er besser ist als einer mit einem dicken Knüppel. Und natürlich dürfen wir nicht über sein bleiches Dingelchen lachen. Denk daran, wenn er dich aussuchen sollte. Mach dich bloß nicht über ihn lustig.«

White Feather spürte, wie ihr eine Gänsehaut den Rücken herauf kroch. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, dass das Lagerfeuer brannte. Das Tageslicht schwand, es würde bald völlig dunkel sein. Vom Feuer brachen die ersten Soldaten auf, zu den Wagen hin, die Oberkörper noch nackt von der Arbeit mit den Pferden und dem Feuerholz.

Diese Kerle wollten die Ersten sein, konnten es nicht abwarten.

White Feather wandte sich wieder ihrer Freundin zu.

»An mir wird er keine Freude haben«, sagte sie energisch.

Little Bird schüttelte mitleidig den Kopf. »Du wirst ihn nicht daran hindern können. Er nimmt sich, was er haben will.« Sie deutete auf eine der jungen Frauen, die nur wenige Schritte von ihnen entfernt stand. »Dark Cloud hat’s versucht. Sie wollte sich nicht ausziehen, und die Beine breit machen wollte sie schon gar nicht. Da ließ er sie ausziehen und festbinden, die Beine weit auseinander.«

White Feather wollte etwas erwidern, doch plötzlich entstand Tumult im Lager der gefangenen Nez Perces.

5

Die kleinen Kinder schrien zuerst, dann die Mütter, die sie im abgegrenzten Teil der Wagenburg hüteten.

Schrille Schreie der Angst und der Verzweiflung waren es, und die meisten der Augenzeugen begriffen nicht sofort, was geschah. Denn im Bereich der Mütter und Kinder herrschte ein derartiges Gewühl, dass ein rascher Überblick unmöglich war.

Fast alle waren erschrocken, starrten auf das Geschehen im Halbdunkel. Auch First Lieutenant Nicholas schien ausgesprochen konsterniert zu sein.

Barsche Männerstimmen mischten sich in die Schreie.

White Feather sprang auf, um besser sehen zu können. Little Bird hielt sie am Handgelenk fest.

»Geh nicht hin!«, rief die glutäugige Indianerin. »Misch dich bloß nicht ein!«

Doch White Feather riss sich los. Sie witterte buchstäblich, dass der Verdruss dort drüben im Lager der Frauen und Kinder durch eine Ungeheuerlichkeit hervorgerufen wurde.

Ohne zu zögern lief sie an ihren Leidensgenossinnen vorbei bis an die Seilabsperrung. Der First Lieutenant und seine Leibwächter waren rechts von ihr, in der Gasse.

»Los, komm schon!«, grunzte eine Männerstimme aus dem Gewühl. »Zier dich nicht, Schlampe. Du kannst doch froh sein, wenn's dir mal ein richtiger Kerl besorgt.«

White Feather sah jetzt zwei Kerle mit nacktem Oberkörper. Schweiß und Staub hatten wirre Bahnen auf ihre bleiche Haut gezeichnet.

Sie hatten die Frau bei den Händen gepackt, zerrten sie von ihren Kindern weg. Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, nicht älter als zwei und vier Jahre, versuchten vergeblich, sich an den Beinen ihrer Mutter festzuklammern. Die Kinder weinten herzerweichend, doch die Soldaten hatten nur Hohnlachen dafür übrig.

Die Squaw schrie und sträubte sich, doch sie hatte keine Chance. Niemand wagte es, ihr zu Hilfe zu kommen. Die anderen Frauen waren zurückgewichen, hatten sich schützend vor ihre Kinder gestellt.

White Feather konnte es nicht mehr mit ansehen. »Kommandant!«, schrie sie voller Empörung. »So tun Sie doch etwas!« Niemand beachtete sie.

Denn im selben Moment geschah das Unfassbare.

Ein Wutschrei ertönte aus dem Lager der alten Frauen und Männer.

White Feather stockte der Atem.

Spotted Wolf, ein großer und immer noch kräftiger Mann mit silbergrauem Haar bahnte sich einen Weg durch die angstvolle Schar seiner Altersgenossen. Und ohne zu zögern sprang er über das Absperrungsseil. Zornig und mit hoch erhobenen Fäusten stürmte er auf die Soldaten zu.

»Lasst die Squaw los!«, herrschte er sie an. »Lasst sie sofort los!«

Und er packte den einen an der Schulter. Ein grobschlächtiger blonder Kerl war es. Spotted Wolf riss ihn herum und fällte ihn mit einem einzigen Fausthieb.

Der andere verharrte verdutzt. Er war dunkelhaarig und untersetzt. Das Handgelenk der Squaw hielt er mit der Linken. Ohne sie loszulassen drehte er sich um, blinzelte ungläubig und sperrte den Mund auf.

Der First Lieutenant, seine Leibwächter und die Wachsoldaten rührten sich nicht. Keiner von ihnen dachte daran, einzugreifen.

Die Frau schrie vor Entsetzen. Im eisenharten Griff des Soldaten war sie gezwungen, das furchtbare Geschehen aus nächster Nähe anzusehen.

Der Soldat zog den Colt im selben Moment, in dem der grauhaarige Indianer ihn ansprang.

Ein angstvolles Raunen ging durch die Reihen der Nez Perces.

Es erstarb mit dem Krachen des Schusses.

Im Sprung prallte Spotted Wolf gegen die ungeheure Wucht der Kugel. Mündungsfeuer und Pulverrauch hüllten ihn ein, als er zu Boden schlug.

Wutentbrannt jagte ihm der Soldat zwei weitere Kugeln in den schon leblosen Körper. Die Frau im Eisengriff seiner Hand zuckte jedes Mal zusammen, zitterte am ganzen Körper und wagte doch nicht mehr, ihre Angst hinaus zu schreien.

Die Wachsoldaten und die Leibwächter des Kommandanten legten ihre Karabiner auf die Gefangenen an, die allesamt wie gelähmt dastanden.

White Feather fühlte ohnmächtigen Zorn in sich aufwallen. Grimmig ballte sie die Fäuste, stieg über das Seil und ging auf den First Lieutenant zu.

Der grobschlächtige Soldat war wieder zu sich gekommen. Zusammen mit seinem Kumpan zerrte er die Squaw aus der Wagenburg, und niemand hinderte ihn daran.

»Mörder!«, schrie White Feather. »Ihr verfluchten Mörder!«

Die Leibwächter schwenkten ihr die Karabiner entgegen. »Keinen Schritt weiter!«, bellte einer.

Der Kommandant wandte ihr den Rücken zu, es schien unter seine Würde zu liegen, sich zu ihr umzudrehen.

White Feather blieb stehen. Und sie sprach zu dem Nacken des arroganten Offiziers hin.

»Was seid ihr nur für erbärmliche Feiglinge, euch an wehrlosen Frauen und alten Leuten zu vergreifen! Warum schlachtet ihr uns nicht gleich ab? Darin seid ihr doch geübt!«

White Feather wollte die Massaker erwähnen, in denen Frauen, Kinder und Greise von Kavalleristen grausam getötet worden waren. Noch in Jahrhunderten würden die Geschichtsbücher von diesen Gräueltaten künden. White Feather wollte es hinaus schreien.

Doch nun drehte sich der First Lieutenant zu ihr um. Ein niederträchtiges, gemeines Grinsen lag in seinen Mundwinkeln. Er erwiderte nichts, musterte sie nur von Kopf bis Fuß. Das Grinsen schwand aus seinen Mundwinkeln, stattdessen spiegelten sie nun wider, wie überaus beeindruckt er war. Mit gnädiger Miene taxierte er die schöne Indianerin noch einmal, dann wandte er sich dem Leibwächter zu seiner Rechten zu.

»Geeignet für den Ordonnanzdienst«, entschied der First Lieutenant knarrend. »Ab in mein Zelt damit!«

White Feather fand keine Worte vor Empörung. Sie rang nach Atem, bekam keine Silbe mehr heraus. Im selben Augenblick wurde sie auch schon von den Soldaten gepackt und weggeschleift. Ihr Versuch, sich zu sträuben, wirkte lächerlich angesichts der Bärenkräfte der Männer.

So ergab sie sich in ihr Schicksal.

Sie tat es mit Tränen in den Augen. Denn hinter ihr, in der Wagenburg, setzte das Wehklagen der Frauen ein, die um den tapferen alten Spotted Wolf trauerten.

6

Die Soldaten ließen White Feather allein in dem Zelt zurück - nackt, gefesselt, auf einem Schemel hockend. Dunkelheit umhüllte sie wie ein Trost; ohne Licht fühlte sie sich in ihrer Nacktheit weniger entblößt und erniedrigt.

Links und rechts von dem Schemel hatten die Schergen des Kommandanten Pflöcke in den Boden gerammt. Daran hatten sie White Feathers Handgelenke festgeschnürt, ungefähr in Bauchnabelhöhe. So glich ihre Körperhaltung der einer Königin auf dem Thron, obwohl ihre wirkliche Lage das genaue Gegenteil davon war.

Die Zeit im Dunkeln schien sich zu dehnen. Doch die Gefangene wusste, dass dieses Gefühl trog. Was ihr wie eine Ewigkeit vorkam, bestand in Wirklichkeit nur aus Minuten, die sonst wie im Fluge vergangen wären - wie jene Momente des Glücks, in denen sie mit Bold Eagle zusammen gewesen war.

Um sich nicht in immer qualvollere Gedanken zu verlieren, konzentrierte sie sich auf die Geräusche, die von draußen zu hören waren. Der Lärm am Lagerfeuer nahm rasch zu. Die Männer grölten, sangen Sauflieder. Die großen Holzscheite brannten prasselnd und krachend. Nicht selten war jenes Klatschen zu hören, das White Feather bereits kannte.

Es waren die Handflächen der weißen Schinder. Sie fanden besonderen Gefallen daran, sie ihren Opfern auf die nackten Hinterbacken sausen zu lassen.

White Feathers Leidensgefährtinnen blieben stumm. Sie schrien nicht, denn sie gönnten ihren Peinigern nicht auch noch diesen Triumph.

Auch in den Nachbarzelten ging es hoch her. Die Offizierskollegen des Kommandanten hatten sich ebenfalls bei den Gefangenen bedient.

Aus der Wagenburg wehten Fetzen der Trauergesänge herüber. Die alten Frauen ließen es sich nicht verbieten. Sie wären dafür in den Tod gegangen, das wusste White Feather.

Offenbar schreckte First Lieutenant Nicholas doch davor zurück, Wehrlose niedermetzeln zu lassen. Zu oft war das schon geschehen, und jene bedruckten Papierblätter, die die Bleichgesichter »Zeitung« nannten, hatten darüber anklagend und voller Vorwürfe berichtet.

Bold Eagle hatte ihr davon erzählt. Unter den jungen Männern der verschiedenen Stämme hatte es sich herumgesprochen, dass viele der Zeitungsschreiber Freunde der Indianer waren. Es gab solche Freunde auch unter den Politikern und in anderen weißen Bevölkerungsschichten. Es handelte sich um Menschen, die erkannten, welches Unrecht den Ureinwohnern Amerikas angetan worden war. Und es geschah noch immer.

White Feather schloss die Augen in ohnmächtigem Zorn. Vielleicht stimmte es nicht, was Bold Eagle gehört hatte. Möglicherweise war es Wunschdenken, was da geredet wurde. Oder ein Irrtum. Und das wiederum bedeutete, dass es die weißen Freunde der Indianer gar nicht gab. Ja, so musste es sein. Denn wenn es sie geben würde, würden sie nicht zulassen, was den Nez Perces geschah.

Schritte näherten sich. Schwere Soldatenstiefel, begleitet von leichtfüßigen Mokassins.

7

White Feather staunte nicht schlecht, als sie Little Bird unverhofft wieder zu Gesicht bekam.

Im Schein einer Kerosinlampe wurde die glutäugige Schönheit gemeinsam mit einer weiteren jungen Nez Perce hereingestoßen.

Blue Dove, Blaue Taube, war sehr schlank, beinahe zierlich gebaut. Ihre zarten Gesichtszüge spiegelten Angst wider. Little Bird dagegen lächelte und zwinkerte White Feather heimlich zu. Beiden Frauen hatte man die Hände auf den Rücken gebunden.

Gehorsam verharrten sie neben White Feather. Nicht einmal Little Bird wagte es, den Mund aufzumachen.

Einer der beiden Leibwächter, ein schnauzbärtiger Klotz von einem Kerl, hängte die Kerosinlampe an den mittleren Zeltpfosten. Der andere, bullig und mit einem teigigen Gesicht, baute sich vor der zurückgeschlagenen Eingangsplane auf.

Little Bird und Blue Dove trugen noch ihre Mokassins und die Kleider aus weichem Antilopenleder. Um zu wissen, dass es dabei nicht lange bleiben würde, brauchte man kein Schamane zu sein.

White Feather hatte den Gedanken kaum zu Ende gebracht, da zog der Schnauzbärtige ein Messer und befreite ihre Gefährtinnen von den Fesseln.

»Ausziehen!«, befahl er mit drohender Bassstimme. »Und zwar alles.« Er fuchtelte mit dem Messer, sodass die Klinge im Lampenschein blitzte. »Und macht bloß keine Dummheiten, wenn ihr noch ein bisschen weiterleben wollt. Wir machen euch kalt, wenn der First Lieutenant auch nur ‘Piep’ sagt. Vergesst das bloß nicht!«

Die beiden Frauen gehorchten.

Innerhalb von Augenblicken standen sie nackt vor dem Soldaten. White Feather bemerkte, wie die Augen des Mannes gierig zu glitzern begannen. Doch er beherrschte sich. Die Angst vor seinem Vorgesetzten war stärker als sein Verlangen. Außerdem wusste er, dass er sich später an den Nez Perce Frauen schadlos halten konnte - später, wenn der Kommandant auf seinem Feldbett schnarchte.

Der Schnauzbärtige steckte das Messer ein und wandte sich nach vorn. Er nahm die Kerosinlampe mit und baute sich neben dem anderen Leibwächter vor dem Zelteingang auf.

»Warum bin ich noch gefesselt?«, flüsterte White Feather an ihre Gefährtinnen gewandt.

»Mit dir hat er was Besonderes vor«, antwortete Little Bird ebenso leise. »Du bist das erste Mal hier.«

»Oh nein!«, hauchte White Feather.

»Mach dir keine Sorgen. Erst mal wird er sich an Blue Dove und mir abreagieren.«

»Little Bird!«, wisperte White Feather eindringlich. »Ich muss hier raus! Ich muss fliehen. Verstehst du? Die Weißen müssen wissen, was mit uns geschieht. Wenn ihnen niemand die Wahrheit sagt, werden sie es nie erfahren.«

Little Bird war sehr ernst, als sie antwortete: »Ich weiß, was du meinst. Und du hast Recht. Du bist die Einzige von uns, die entschlossen genug ist, eine solche Aufgabe zu bewältigen.«

»Wirst du mir helfen?«, fragte White Feather flehentlich.

Little Bird nickte nur. Ein harter Glanz lag auf einmal in ihren Augen, die sonst so voller Glut und Leidenschaft waren.

White Feather verspürte Zuversicht. Bei allem Leid jemanden zu haben, der einem zur Seite stand, war wie ein kostbarer Besitz.

Die Kerosinlampe steht jetzt auf dem Boden im Zelteingang, zwischen den staubigen Stiefeln der Leibwächter. Der Lichtkreis der Lampe fiel nur bis in die Mitte des Zelts und erhellte jenen Teil, der mit einer starken Plane ausgelegt war. Dort, rechter Hand, stand auch das Feldbett. Die Decken darauf waren zusammengerollt und genauestem ausgerichtet.

Auch die drei Transportkisten des First Lieutenants auf der anderen Seite des Zelts standen säuberlich in Reih und Glied. Ein ordentlicher Mensch schien er zu sein, dieser finstere Kerl. Doch das machte ihn in White Feathers Augen um keinen Deut sympathischer.

Sie hörte seine Schritte schon von weitem, trotz des Lärms beim Lagerfeuer. Der Erdboden schien unter seinen Stiefeln zu vibrieren.

»Überlass alles mir«, zischte Little Bird. »Sei still, sag kein Wort - was auch geschieht.«

White Feather zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Sie nickte hastig, entschlossen.

Der First Lieutenant trat ein, murmelte etwas zu den Leibwächtern, und sie warfen die Planenecken des Eingangs zu. Die Kerosinlampe blieb draußen. Vor der dadurch erhellten Zeltwand glich der hagere Offizier einem mit scharfen Umrisslinien gezeichneten Schatten.

Nur das Weiße seiner Augen stand deutlich erkennbar in diesem Schatten, als er die nackten Indianerinnen betrachtete. Besonders lange haftete sein Blick auf White Feather.

Dann nahm er den Hut ab und hängte ihn an einen Haken am vorderen Pfosten. Dadurch war sein Kopf sekundenlang im Profil zu sehen. Der Vollbart war eins mit dem Kinn, sah aus wie dessen Verlängerung.

Im Zelt war es nun wieder fast völlig dunkel. First Lieutenant Nicholas scheute das Licht. So viel stand fest.

Wie Little Bird angekündigt hatte, begann er sein abendliches Vergnügen mit ihr und Blue Dove. Er murmelte knappe Anweisungen und legte sich mit dem Rücken auf die Bodenplane.

Little Bird und Blue Dove wussten, was sie zu tun hatten. Sie knieten beiderseits neben ihm nieder und nestelten an seinem Koppel und an seinem Hosengürtel. Was sie auf diese Weise freilegten, vermochte White Feather nicht zu erkennen. Da war nichts, was sich im Halbdunkel mit schimmernder Blässe emporgereckt hätte.

Nichtsdestoweniger beugte sich Blue Dove über das Bisschen, das dort vorhanden sein musste, um sich damit zu befassen.

Kniend und mit gespreizten Beinen rutschte Little Bird unterdessen nach oben, über das Bartgesicht, aus dem sich die Zunge blassrot und voller Gier empor reckte.

In stetigem Rhythmus, mit langsamer Steigerung, führten die beiden Indianerinnen jene Dienste aus, die der hagere Offizier ihnen schon zuvor abverlangt hatte. Eine Weile blieb er stumm unter ihren angestrengten Bemühungen, während Little Bird unermüdlich über seinem Gesicht ritt und mit lautem Stöhnen vortäuschte, von seiner Zunge in Wallung gebracht zu werden.

Die Taktik verfehlte ihre Wirkung nicht. Auch der First Lieutenant fing an, Laute der Lust von sich zu geben. Wie spielerisch ergriff Little Bird seine Hände und hob sie zu ihren Brüsten. Nicholas bäumte sich unter ihr auf, doch das war ein Werk von Blue Dove, die unentwegt an seiner schmächtigen Erektion arbeitete.

Little Bird lachte und bog die Hände des schwer erregten Mannes zurück, bis auf die Bodenplane, hoch über seinem Kopf. Einen Moment lang tat sie, als wolle sie ihre Brüste auf sein Gesicht absenken.

Doch mit behendem Schwung setzte sie sich auf sein Gesicht.

Zufrieden spürte sie, wie seine Nase in sie eindrang. Gleichzeitig wurde sein Mund zwischen dem Bartgestrüpp vollständig versiegelt. Er würgte und gurgelte, und der jähe Luftmangel veranlasste ihn, sich aufzubäumen wie unter Krämpfen.

Doch Blue Dove hatte sich bereits auf die untere Hälfte seines Körpers geworfen, und Little Bird stemmte sich währenddessen mit den Knien auf seine Oberarme.

First Lieutenant Nicholas gab verzweifelte Laute von sich. Er hörte sich an wie ein grunzendes Schwein - eines, das bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fressen, die größte Wonne erlebte.

So schätzten es jedenfalls die Leibwächter ein, denn sie rührten sich nicht vom Fleck. Vielleicht lag es auch an dem Lärm beim Lagerfeuer, dass sie die erstickten Laute ihres Kommandanten falsch beurteilten.

Deshalb brauch ten Little Bird und Blue Dove nur abzuwarten, bis der geile Kerl unter ihnen noch einmal schnaufte und dann erschlaffte. Lautlos stiegen die Frauen von ihm herab.

Little Bird vergewisserte sich, dass er noch atmete. Wäre er erstickt, wäre ihnen nur eins geblieben - mit White Feather zusammen zu fliehen. Doch damit hätten sie den Überlebenden ihres Volks keinen Dienst erwiesen. Die Repressalien wären nur noch größer geworden. Eine einzelne Fliehende dagegen würde leichter zu verkraften sein. Darüber würde sich der First Lieutenant wahrscheinlich nicht so sehr aufregen.

Rasch und geschickt lösten Little Bird und Blue Dove die Knoten v on White Feathers Fesseln.

»Ich danke euch«, flüsterte sie und rieb sich die kribbelnden Handgelenke.

»Beeil dich«, entgegnete Little Bird ebenso leise. »Diese Richtung!« Sie deutete auf die Rückwand des Zelts.

White Feather ließ sich nicht zweimal dazu auf fordern. Es fiel ihr schwer, die Tränen zu unterdrücken, als sie die Freundinnen zum Abschied umarmte.

Eilends streifte sie ihr Lederkleid über und schlüpfte in die Mokassins.

Lautlos und ohne Zeit zu verlieren kroch sie über den sandigen Grasboden im hinteren Teil des Zelts, hob die Plane ein Stück an und schlüpfte hinaus.

Es war immer noch warm. Lachen und Grölen der Männer am Feuer standen wie eine dröhnende Glocke über dem Camp und erstickten jeden anderen Laut.

Little Bird und Blue Dove wussten, dass ihre Gefährtin es leicht haben würde. Gleich hinter den Offizierszelten begann das freie Land. Die Wachen kamen hier nur in größeren Abständen vorbei. Ihr Hauptaugenmerk galt den Gefangenen in der Wagenburg.

Die Dunkelheit schützte White Feather, als sie durch das Steppengras kroch. Ihr biegsamer Körper und ihre Geschicklichkeit waren ein großer Vorteil. Selbst wenn Verfolger mit Sturmlaternen sich auf ihre Fährte hefteten, würden sie keine Bewegung im Gras entdecken.

Denn White Feather glitt so behutsam voran, dass die Oberfläche des Grases unverändert und geschlossen blieb wie das Wasser eines Sees in sanftem Wellengang.

Die Fliehende gewann rasch Abstand.

Sie schlug einen weiten Bogen um das Lager. Diesseits des Creeks, das hatte sie tagsüber festgestellt, war das Land flach und weit, ohne eine nennenswerte Versteckmöglichkeit. Auf der anderen Seite aber begann das Hügelland mit anfangs spärlicher, doch bald zunehmender Vegetation.

Weit oberhalb des Camps verharrte White Feather am Ufer des Bachlaufs.

Der Lärm der Soldaten war hier nur noch schwach zu hören. Dennoch ließ die junge Nez Perce Vorsicht walten. Die Posten würden nicht grölend und trampelnd durch die Landschaft streifen. Die Bleichgesichter hatten gelernt, sich lautlos und unauffällig anzuschleichen.

Diese Tatsache hatte White Feather in allzu schmerzlicher Erinnerung.

Erst als sie überzeugt war, dass niemand sie beobachtete, verließ die das schützende Ufergras. Geduckt, die Mokassins in den Händen, watete sie durch den Creek. Unbehelligt erreichte sie die andere Seite. Ihr Herz hämmerte, als sie in eine Buschgruppe vordrang.

Sie gönnte sich nur eine kurze Verschnaufpause. Zwar konnte sie keine verdächtigen Geräusche hören, doch das musste nichts heißen. Deshalb lief sie weiter, in das dunkle Hügelland hinein.

Sie würde ihre Flucht die ganze Nacht hindurch fortsetzen. Erst im Morgengrauen würde sie sich ein Versteck suchen.

8

»Es tut mir Leid!«, stöhnte Little Bird. »Sie haben uns so gewaltig in Fahrt gebracht, Kommandant - es war zu viel. Ich bin einfach über Ihnen zusammengeklappt.«

»Genau so war es bei mir«, sagte Blue Dove rasch. »Mir ist richtig schwarz vor Augen geworden, und dann sah ich auf einmal nichts mehr.«

»Ihr verdammten Miststücke!«, schnaubte Nicholas. Er stapfte auf und ab wie ein gefangener Grizzly. »Erzählt mir nichts! Ihr habt ihr die Flucht ermöglicht !« Anklagend zeigte er auf die losen Stricke neben den Pflöcken.

Er hatte die Kerosinlampe hereinbringen lassen und die Leibwächter sofort wieder hinausgeschickt. Es genügte, wenn sie sich zusammenreimten, was passiert war. Sie sollten nicht auch noch die Einzelheiten seiner Schande vor Augen sehen.

»Das waren wir nicht«, sagte Little Bird ernsthaft, indem sie gleichfalls auf White Feathers Fesseln wies. »Wir können es beschwören. Sie muss sich selbst befreit haben.«

»Ach!«, fauchte der First Lieutenant. »Wie denn das?«

»Sie ist sehr geschickt mit den Fingern, Sir.« Little Bird konnte sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: »Aber das werden Sie ja nun leider nicht mehr erleben.« Als sein Kopf herumruckte und sie seinen wütenden Blick spürte, beeilte sie sich weiterzusprechen: »Blue Dove und ich hätten uns doch nicht die Mühe gemacht, die Knoten zu lösen. Wir hätten Ihr Messer genommen und die Stricke zerschnitten.«

Die Wut in Nicholas’ Augen schwand.

»Hm«, brummte er, »da ist was dran.« Er zog die Brauen zusammen. »Aber ich traue euch nicht. Verdammt, ich traue euch nicht.« Er griff in sein Bartgestrüpp und rieb sich das Kinn.

»Wir würden niemals gegen Sie handeln«, sagte Little Bird gurrend. Mit wiegenden Hüften schob sie sich auf ihn zu und schmiegte sich an ihn. »Wir haben doch viel zu viel Respekt vor Ihnen. Und welche Chance hätten wir denn?«

»Gar keine«, knurrte er geschmeichelt.

»Eben«, sagte Little Bird lockend. Mit der rechten Hand kraulte sie seinen Nacken, und mit der linken näherte sie sich dem noch offenen Teil seiner Hose. »Der Kleine ist ja noch gar nicht zu seinem Recht gekommen«, raunte sie mit gespieltem Mitleid. »Da gibt's aber einiges nachzuholen, nicht wahr?«

Blue Dove wagte sich nun ebenfalls heran und unterstützte ihre Gefährtin dabei, den Bedauernswerten hervorzuholen und zu verwöhnen.

First Lieutenant Nicholas grunzte vor Behagen.

»Soll das Miststück doch abhauen«, brummte er wegwerfend. »In der Wildnis wird sie sowieso nicht überleben.«

Während dieser Feststellung gelang ihm eine Erektion, die angesichts seiner Größenverhältnisse durchaus bemerkenswert war. So ließ er es geschehen, dass die beiden Indianerinnen ihn zu Boden zogen und ungestüm über ihn herfielen.

Augenblicke später hörten die Leibwächter ihren Vorgesetzten röhren wie einen Stier. Sie wechselten einen Blick, grinsten und verkniffen sich eine Bemerkung.

Und sie waren froh, sich nicht die Nacht mit einer Verfolgung der Entflohenen um die Ohren schlagen zu müssen. Ihr Kommandant hatte längst wieder nur das Eine im Sinn.

9

Nebel lag in den Senken und machte das Land zu einem weißgrauen Teppich, aus dem die Hügelkuppen als grünes Punktemuster emporragten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen, und der von neuem wolkenlose Himmel hatte die Farbe eines stumpfen Blaugrau.

Wind frischte auf und machte den Morgen kühl.

Fröstelnd erhob sich Frank Harrison von seinem Nachtlager am Rand einer Baumgruppe. Er trat ins Freie und schlug sich die Arme um den Oberkörper. Ihm wurde kaum wärmer, aber er verzichtete dennoch darauf, ein Feuer zu machen.

Er hatte nicht vor, weitere Zeit zu verschwenden. Seine Suche nach versprengten Rindern war ein Misserfolg auf der ganzen Linie gewesen. Bis zum Abend wollte er zurück auf der Ranch sein. Die Filmore-Ranch, auf deren Lohnliste er stand, war einen knappen Tagesritt entfernt.

Frank sehnte sich nach einem pfannengroßen Steak mit Speck, Bohnen und gerösteten Kartoffeln. Er freute sich auf ein erfrischendes Bier in der abendliche Runde mit den Jungs. Anschließend würde er in seine gemütliche Koje im Bunkhouse fallen und schlafen wie ein Toter.

Er sah sich noch einmal um. Außer den Gräsern und Zweigen, mit denen der Wind spielte, rührte sich nirgendwo etwas. Kein Rind mit dem F-Brandzeichen ließ sich blicken, geschweige denn eine Menschenseele.

Frank Harrison holte den Braunen aus dem kleinen Waldstück. Hobo war ein dreijähriger Wallach, ein kraftvolles und ausdauerndes Quarterhorse. Frank sattelte seinen vierbeinigen Gefährten mit der gewohnten Ruhe und Umsicht. Dann rollte er die Decke zusammen und zurrte sie mittels der Lederriemen hinter dem Sattel fest.

Er versorgte Hobo aus dem Hafersack und spendierte ihm einen Brotkanten dazu. Frank begnügte sich selbst mit einem Stück Hartbrot und bediente erst sein Pferd und dann sich selbst aus der Wasserflasche. Am nächsten Creek, den sie erreichten, würden sie sich den Bauch mit quellfrischem Wasser vollschlagen.

Frank schwang sich in den Sattel. Wenn er in der Stadt war und die Mainstreet entlang ritt, folgten ihm die Blicke der Ladys. Die der jüngeren, weil sie scharf auf ihn waren, und die der älteren, weil sie sich einen wie ihn als Schwiegersohn wünschten. Wobei Frank festgestellt hatte, dass es einige ältere Ladys gab, deren Wünsche durchaus mit denen der jüngeren konkurrierten.

Er musste also ein ansehnlicher Bursche sein. Mit seinem dichten braunen Haar, den dunklen Augen und dem markant geschnittenen Gesicht machte er jedenfalls Eindruck auf die weibliche Welt. Dazu trugen auch seine hochgewachsene Statur, die breiten Schultern und die muskulösen Arme bei.

Franks heller Stetson war fleckig und abgegriffen von der Arbeit mit den Rindern. Über dem grünen Hemd trug er eine braune Lederweste; die Denimhosen waren so verwaschen und abgenutzt wie der Hut. Im Holster, am Patronengurt, ruhte ein langläufiger Sechsschüsser. Ein 45er Colt. Die Winchester im Scabbard hatte das gleiche Kaliber. Eine verdammt praktische Sache, die gleiche Munition für beide Waffen verwenden zu können.

Und ein Mann brauchte seinen Sechsschüsser und seinen Karabiner in diesem Land, zumal, wenn er allein unterwegs war. Zu viele böse Überraschungen konnten in der Weite Montanas lauern - Viehdiebe ebenso wie Banditen, die sich darauf spezialisiert hatten, Postkutschen oder einsame Reiter auszurauben.

Auch von den Indianern drohte bisweilen noch Gefahr. Das hatte jedoch die Armee zu verantworten, die mit rücksichtsloser Härte gegen den roten Mann vorging. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Soldaten auch Frauen und Kinder niedergemetzelt hatten. Niemals würde sich auf diese Weise das sogenannte Indianerproblem lösen lassen.

Je unnachgiebiger die Armee gegen die verschiedenen Stämme vorging und sie in die Reservate zu treiben versuchte, desto verzweifelter und entschlossener lehnten sich einzelne Todesmutige dagegen auf. So gab es immer mehr kleine Gruppen von Kriegern, die den Kavalleristen entkommen waren, und nun mordend und brandschatzend durchs Land zogen.

Frank Harrison und seine Freunde auf der Filmore konnten den Hass der Indianer verstehen. Und wie sollten sie einen Unterschied machen zwischen guten und bösen Weißen, wenn auch diese alle Indsmen über einen Kamm schoren?

Hobo reagierte auf den vertrauten leichten Schenkeldruck seines Reiters und trabte los.

Frank Harrison ritt den grasbewachsenen Hang hinunter. Auf halber Höhe zog sich eine Buschzone über eine Bodenwelle. Unterhalb dieses grünen Buckels befand sich eine Wagenstraße, die nach Westen führte und gleichzeitig die beste Möglichkeit bot, den nahen Long Canyon zu überqueren.

Die Brücke ersparte einen Umweg von mehreren Meilen.

Frank lenkte seinen Braunen auf einen Pfad zu, der in dem Buschgürtel verschwand. Zweige kratzten über seine Stiefel und schrammten über Hobos Flanken. Der weiche Boden erstickte den Hufschlag fast völlig.

Plötzlich mischte sich ein Rascheln in die Geräusche von Pferd und Reiter.

Reflexartig zügelte Frank Harrison den Braunen.

Wie von selbst fuhr seine Rechte zum Kolben des Colts. Er horchte, während Hobo still und bewegungslos stand.

Das Rascheln setzte sich fort.

Und im nächsten Moment schälte sich eine Gestalt aus dem nur brusthohen Buschwerk, keine zwanzig Yards entfernt.

Die Gestalt floh. Wie von Furien getrieben warf sie sich in das Gebüsch, das an ihr zerrte und sie peitschte.

Eine Frau!

Franks Armmuskeln entspannten sich. Er ließ den Colt im Holster. Ungläubig beobachtete er, was sich abspielte.

Das schulterlange Haar der Fliehenden wehte hoch. Es schimmerte wie schwarze Seide, obwohl die Sonne noch nicht schien.

»Hallo!«, rief Frank. »Miss! Keine Angst! Ich tue Ihnen doch nichts!«

Doch der Klang seiner Stimme bewirkte das Gegenteil des Beabsichtigten.

Die Indianerin zuckte zusammen, stieß einen Angstschrei aus und rannte noch schneller. Im Handumdrehen erreichte sie das Ende des Buschgürtels und stürmte durch das Gras des Hanges.

Kopfschüttelnd schnalzte Frank mit der Zunge, und Hobo setzte sich wieder in Bewegung.

»Miss!«, versuchte er es erneut. »Laufen Sie doch nicht weg! Du lieber Himmel, ich tue Ihnen wirklich nichts. Wenn Sie Hilfe brauchen ...«

Aber das konnte sie wohl schon nicht mehr hören, denn sie hatte bereits die Wagenstraße erreicht. Gehetzt blickte sie nach beiden Seiten und entschied sich dann für die westliche Richtung.

Wieder rannte sie wie von Sinnen.

Im Grunde spielte es keine Rolle, in welche Richtung sie floh. Nirgendwo gab es ein Versteck, nichts, wo man sicher gewesen wäre. Die Route war bewusst mit so viel freiem Gelände zu beiden Seiten angelegt worden, dass Postkutschen und Frachtwagen nicht aus dem Hinterhalt überfallen werden konnten.

Frank Harrison zügelte seinen Braunen erneut, diesmal kurz vor der aufgewühlte Trasse aus Räderfurchen und Hufspuren.

Er überlegte, was er tun sollte.

Einerseits widerstrebte es ihm, der Indianerin zu folgen. Es tat ihm in der Seele weh, sie in solcher Panik davonlaufen zu sehen. Denn wie es aussah, war er es gewesen, der diese Panik bei ihr ausgelöst hatte.

Andererseits schien er nicht der Erste zu sein, vor dem sie weggelaufen war. Allein und hilflos wie sie war, hatte sie kaum eine Chance, in der Wildnis zu überleben. Wenn sie in die falschen Hände fiel, war ihr Leben keinen Penny mehr wert.

Deshalb musste er ihr helfen.

Alright.

Aber wie sollte er ihr begreiflich machen, dass er eben dies vorhatte - helfen? Allem Anschein nach hielt sie ihn ja für den verkommensten Hundesohn, der im freien Westen herumlief.

Es nützte nichts.

Zu ihrem eigenen Schutz musste er sie einfangen.

Ein paar Minuten Angst würde er ihr noch zumuten müssen, und dann konnte er ihr klarmachen, dass sie von ihm nichts zu befürchten hatte. Vorausgesetzt, sie verstand seine Sprache. Und vorausgesetzt, sie erstach ihn nicht mit einem Dolch, den sie womöglich unter ihrem Kleid versteckt hatte.

Seufzend trieb er Hobo wieder voran.

Die Indianerin war erstaunlich schnell. Im Handumdrehen verschwand sie hinter der nächsten Wegbiegung. Die Hügel wichen zurück, und das Gelände flachte ab.

Frank wusste, dass das bedauernswerte Girl gleich in noch größere Panik geraten würde. Denn der Long Canyon war nah. Um ihn zu überqueren, musste sie die Brücke benutzen, und danach, auf der anderen Seite, würde sie sehr bald merken, dass sie nicht von der Bildfläche verschwinden konnte.

Er erreichte die Biegung und veranlasste den Braunen, schneller zu werden. Augenblicke später, als er die Kurve hinter sich gebracht hatte, stockte ihm der Atem.

Die Indianerin hatte die Brücke erreicht.

Sie keuchte, hielt sich den Leib und krümmte sich. Sie wandte sich halb um, während sie ihr Tempo verlangsamte. Kaum erblickte sie den Verfolger, verzerrte sich ihr Gesicht in neuer Angst.

Sie stürzte nach vorn, war jetzt auf der Mitte der Brücke. Einen Atemzug lang schien es, als würde sie weiter fliehen.

Doch plötzlich warf sie sich nach rechts, auf das Geländer zu.

Es war eine hölzerne Brücke. Das Geländer bestand aus den gleichen schweren Bohlen wieder Unterbau. Wer schwindelfrei war, konnte oben drauf spazieren gehen. Doch das hatte die indianische Lady garantiert nicht vor.

Ohne zu zögern kletterte sie auf die knapp brusthohe Seitenkonstruktion und schwang sich hinüber.

»Nein!«, brüllte Frank. »Tun Sie das nicht! Zurück, verdammt noch mal!«

Gleichzeitig hieb er dem Braunen die Stiefelabsätze in die Flanke. Hobo preschte los. Seine Kraftentfaltung war so gewaltig, dass es jeden ungeübten Reiter aus dem Sattel geworfen. Doch Frank Harrison wusste, was für einen Muskelberg er unter dem Hintern hatte.

Und nie war er für die Schnelligkeit seines Braunen dankbarer gewesen als in dieser Minute.

Die Indianerin war nur noch einen halben Schritt vom sicheren Tod entfernt.

Den Rücken an die Balken gepresst, stand sie auf dem schmalen Ende der Planken, auf der Außenseite des Geländers.

Abermals zuckte sie zusammen, als sie den dumpfen Huf schlag auf den Brückenbohlen hörte.

Starr vor Entsetzen blickte sie in die Tiefe.

Erst jetzt schien sie zu begreifen, dass sie den Sprung in den Fluss dort unten nicht überleben würde.

Frank Harrison zügelte sein Pferd, war im Bruchteil einer Sekunde aus dem Sattel und rannte los.

»Nicht springen!«, schrie er. »Ich tue Ihnen nichts. Nicht ...«

Jede weitere Warnung blieb ihm im Hals stecken.

Denn sie beugte sich vor.

Stumm und entschlossen neigte sie den Oberkörper allen Ernstes über den Abgrund.

Dreihundert Yards Tiefe gähnten ihr entgegen.

Und schienen sie nicht zu schrecken.

Jetzt war es Frank, den das Entsetzen packte.

Drei Schritte hatte er noch, und seine Kehle war wie zugeschnürt. Er spannte die Beinmuskeln im Laufen, holte alles an Kraft heraus.

Die Indianerin ließ sich fallen.

Er sprang.

Mit Todesverachtung katapultierte er sich auf den Abgrund zu, die Hände ausgestreckt.

Hart krachte er auf den Oberbalken des Geländers. Mit dem Bauch schlug er auf die Holzkante. Sein Oberkörper wurde nach vorn geschleudert, und sein Hut segelte davon. Mit beiden Händen griff er in wilder Verzweiflung zu.

Er erwischte ihren rechten Arm.

Sie schrie.

Gellend hallte das Echo aus der Tiefe des Canyons zurück.

Die glatte Haut ihres Arms rutschte durch seine Handflächen, von ihrem Körpergewicht gezogen, obwohl sie leicht war wie eine Feder.

Franks Linke glitt von ihr ab, doch seine Rechte fand endlich Halt an ihrem Handgelenk.

Ihm sträubten sich die Nackenhaare, als sein Blick die Lage erfasste.

Die Indianerin strampelte mit den Beinen.

»Loslassen!«, schrie sie. »Lassen Sie mich sofort los!«

Die Tatsache, dass Sie Englisch sprach, vermochte Frank nicht zu beruhigen. Nicht in diesem Moment.

Denn die Tiefe ließ ihn erschauern. Der Fluss glich einem Rinnsal dort unten, und die wenigen Büsche in der Felsenlandschaft hatten die Größe von Stecknadelköpfen.

»Bitte hören Sie auf, sich zu bewegen«, sagte Frank sanft. Er bemühte sich, nicht vor Anstrengung zu keuchen. »Sie werden es nicht überleben, wenn Sie abstürzen.«

Etwas im Klang seiner Stimme veranlasste sie, den Kopf in den Nacken zu legen und zu ihm aufzublicken.

»Lieber sterbe ich«, sagte sie mühsam und ächzend, »als noch einmal einer weißen Bestie in die Hände zu fallen.«

Frank begriff. Sie musste Grauenvolles durchgemacht haben. Anders war ihre panische Angst nicht zu erklären.

»Ich verstehe«, sagte er so ruhig wie er konnte. »Sie haben keinen Grund, mir zu vertrauen. Sie kennen mich nicht, und ich könnte ein Wolf im Schafspelz sein. Aber ich würde Ihnen gern beweisen, dass ich es nicht bin.«

»Das können Sie nicht«, wimmerte sie. »Lassen Sie mich endlich los!«

Er schüttelte den Kopf. »Ich ziehe Sie hoch, bis Sie wieder am Geländer stehen können. Dann trete ich ein paar Schritte zur Seite, und Sie hören sich an, was ich zu sagen habe. Wenn Sie dann immer noch in den Tod springen wollen, werde ich Sie nicht daran hindern.«

»Was soll das?«, keuchte die Indianerin. »Wollen Sie mich zum Narren halten?«

«»Nein«, erwiderte er ernsthaft. »Ich will Sie davon überzeugen, dass wir Bleichgesichter nicht allesamt solche Bastarde sind, wie Sie sie wahrscheinlich kennengelernt haben.«

Er las den Wandel in ihrem Gesicht. Aber sie zögerte.

Frank spürte, wie die Anstrengung zunahm. Die Adern an seinem Hals schwollen an, und das Blut stieg ihm in den Kopf.

»Lange kann ich Sie nicht mehr halten«, presste er zwischen den Zähnen hervor. »Ich werde Sie jetzt hochziehen. Einverstanden?«

Sie widersprach nicht.

Aufatmend mobilisierte er seine Kraftreserven, zog, fasste mit der freien Hand nach und schaffte es, sie so weit hochzubringen, dass sie ihn unterstützen konnte. Und sie tat es, indem sie ihrerseits mit der freien Hand nach der Außenkante der Planken griff.

Der Rest verlief mühelos.

Die Indianerin winkelte die Beine an, als ihr Retter sie hoch genug gehoben hatte. Und dann, mit einem leisen Schrei der Erleichterung, kroch sie durch die Verstrebungen des Geländers.

Ermattet ließ sie sich auf die Planken fallen.

Erst jetzt sah Frank, dass ihr Kleid eingerissen war. Beim Sturz musste es sich an vorstehendem Holz verfangen haben. Ihre Brüste waren entblößt, ihre Haut straff und von makelloser bronzener Bräune. Sie genierte sich nicht, aber vielleicht war sie auch zu erschöpft, ihre Blöße zu bedecken.

Frank traute sich nicht, ihr das Kleid notdürftig zu schließen. Er wollte ihr gerade gewonnenes Vertrauen nicht durch ein Missverständnis zerstören.

Deshalb trat er von ihr weg, wie er es versprochen hatte. Er tätschelte Hobos Hals und warf die Zügel über den Handlauf des Geländers. Der Braune schnaubte leise, wie verstehend, als wollte auch er die Indianerin nicht erschrecken.

Frank setzte sich auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an einen der senkrechten Geländerbalken. Er kramte in seinen Hosentaschen und stellte erfreut fest, dass er den Tabak und das Papier nicht verloren hatte. Mit geschickten Fingern drehte er sich eine Zigarette, klemmte sie zwischen die Zähne und riss ein Streichholz an.

Es war heller geworden. In wenigen Minuten würde die Sonne aufgehen. Das wurde Frank erst jetzt bewusst, als er dem Zigarettenrauch nachblickte, wie er sich in der Morgenluft auflöste.

Er rauchte schweigend. Nur von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Frau, die lieber hatte sterben wollen, als einem Weißen in die Hände zu fallen.

Sie war jung und schön, außergewöhnlich schön.

Eine quälende Vorstellung dessen, was Männer mit ihr angestellt haben mochten, nistete sich in seinen Gedanken ein. Er zwang sich, sie nicht dauernd anzustarren. Allein dadurch fühlte er sich schuldbewusst, in einer Art geistiger Komplizenschaft mit jenen, die über sie hergefallen waren.

Waren sie?

Doch, so musste es gewesen sein. Er nickte sich selbst zu, seine Mutmaßung bekräftigend.

Er drückte den Zigarettenrest aus und blieb, wo er war. Die Indianerin sollte selbst darüber entscheiden, ob sie seine Hilfe wollte. Er würde sie nicht beeinflussen. Wenn sie weiterhin Angst vor ihm hatte, würde er sich in den Sattel schwingen und davon reiten. Ohne

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