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6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020
6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020
6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020
eBook757 Seiten10 Stunden

6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020

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Über dieses E-Book

Dieser Band enthält folgende Western:

John F. Beck: Dr Railroad-Bluff

Alfred Bekker: Das heiße Spiel von Dorothy

Jasper P. Morgan: Grainger, der Lord und das Teufelsweib

Heinz Squarra: Nur ein paar Unzen Gold

John F. Beck: Kopfgeld für El Indio

John F. Beck: Pistolero-Erbe

Es sieht sehr schlecht aus für El Indio, der fünf Jahre unschuldig im Gefängnis saß wegen eines Bankraubes, den er nicht begangen hat. Nach der Entlassung kehrt er zurück in seine Heimatstadt. Dabei erschießt er in Notwehr seinen Widersacher. Nun ist er wieder ein Gejagter und der korrupte Bankdirektor setzt alles daran, damit die Wahrheit nicht herauskommt.
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum24. März 2020
ISBN9783745212044
6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020
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Autor

Alfred Bekker

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.

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    Buchvorschau

    6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020 - Alfred Bekker

    Alfred Bekker, John F. Beck, Jasper P. Morgan, Heinz Squarra

    6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020

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    Inhaltsverzeichnis

    6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020

    Copyright

    Der Railroad-Bluff

    Das heiße Spiel von Dorothy

    Grainger, der Lord und das Teufelsweib

    Nur ein paar Unzen Gold

    Kopfgeld für El Indio

    Pistolero-Erbe

    6 Super Western Sammelband 6011 Der Colt sitzt locker - März 2020

    Alfred Bekker, John F. Beck, Jasper P. Morgan, Heinz Squarra

    Dieser Band enthält folgende Western:

    John F. Beck: Dr Railroad-Bluff

    Alfred Bekker: Das heiße Spiel von Dorothy

    Jasper P. Morgan: Grainger, der Lord und das Teufelsweib

    Heinz Squarra: Nur ein paar Unzen Gold

    John F. Beck: Kopfgeld für El Indio

    John F. Beck: Pistolero-Erbe

    Es sieht sehr schlecht aus für El Indio, der fünf Jahre unschuldig im Gefängnis saß wegen eines Bankraubes, den er nicht begangen hat. Nach der Entlassung kehrt er zurück in seine Heimatstadt. Dabei erschießt er in Notwehr seinen Widersacher. Nun ist er wieder ein Gejagter und der korrupte Bankdirektor setzt alles daran, damit die Wahrheit nicht herauskommt.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

    © dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Folge auf Twitter:

    https://twitter.com/BekkerAlfred

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    Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

    Der Railroad-Bluff

    Western von John F. Beck

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

    Greg Jayson war einst Mitglied der Drury-Bande. Als der Bandenboss ihn wieder anwerben will, weigert er sich. Die Kopfgeldjäger um Phil Raskin verfolgen Drury, und Jaysons Frau wird durch eine verirrte Kugel getötet. Das macht Greg zu einem unerbittlichen Verfolger der Mörder seiner großen Liebe.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author

    © dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

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    postmaster@alfredbekker.de

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    https://cassiopeia.press

    Alles rund um Belletristik!

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    1

    Sechs Pferde standen vor dem Ranchhaus. Ihr Fell war staubig, die Nüstern schaumverklebt. Gewehrkolben ragten aus den Scabbards. Greg Jayson zügelte seinen Braunen im Schatten neben dem Stall. Seine Rechte umspannte den Revolverknauf. Die Blätter der alten Sykomore raschelten, das Windrad knarrte. Die Sonne stand tief im Westen. Kein Rauch stieg aus dem Kamin.

    Greg kam aus dem Owl Canyon. Er hatte den ganzen Tag Kälber gebrändet. Seine Frau Clancy hatte sich daran gewöhnt, allein auf der Ranch zu sein. Es kam selten vor, dass das junge Paar Besuch erhielt, schon gar nicht zur Roundup-Zeit. Plötzlich drang Poltern und dröhnendes Lachen aus dem Haus. Scherben klirrten. Ein Schrei gellte. Clancy!

    Dann flog die Tür auf, Gregs Frau stürzte heraus.

    Ihr blondes, sonst im Nacken verknotetes Haar stand zerzaust um das erhitzte Gesicht. Einen Moment hielt sie sich am Vordachpfosten fest. Ein breitschultriger Mann tauchte in der Tür hinter ihr auf. Er hielt einen Fetzen von Clancys Bluse in der Faust.

    »Hiergeblieben, Hübsche!«

    Clancy floh über die Vorbaustufen. Sie wollte zu den Pferden. Lachend flankte der Breitschultrige über das Geländer und erwischte sie am Arm. Clancy stieß abermals einen Schrei aus. Der Mann riss sie an sich.

    Da bemerkte er den Reiter.

    Greg preschte mit erhobenem Remington auf ihn zu, konnte aber nicht schießen, da er sonst Clancy gefährdet hätte.

    Fluchend stieß der Breitschultrige die Frau zu Boden. Seine Hand fuhr zum Colt. Da war der Reiter heran.

    Greg warf sich auf ihn. Der Hieb mit dem Remington verfehlte den Mann jedoch. Greg rollte durch den Sand, federte hoch, und da erkannte er den Mann.

    »Bates!«

    Der Breitschultrige kniete. Sein Sechsschüsser steckte noch halb im Leder Stoppelbart umrahmte das fleischige Gesicht. Er starrte den Smallrancher böse an.

    Greg war achtundzwanzig, ein schlanker, kräftiger, dunkelhaariger Mann, dem das Leben nichts geschenkt hatte. Das Knacken mehrerer Revolverhähne bannte ihn. Schritte malmten.

    »Kanone weg, Amigo!«, befahl eine raue Stimme.

    Im selben Augenblick wusste Greg, dass eine düstere Vergangenheit ihn eingeholt hatte. Der Revolver kam ihm auf einmal bleischwer vor. Müde halfterte er ihn. Der Breitschultrige stemmte sich hoch. Seine kleinen, hellen Augen glitzerten.

    »All right, Jayson, dann wollen wir mal sehen, wie viel du verträgst.«

    »Wenn du ihn anrührst, Bates, leg ich dich um.« Das war wieder die raue Stimme. Sie gehörte einem knapp mittelgroßen,gedrungenen Mann. Er war um die Fünfzig. Sein bärtiges Gesicht war verlebt. Narben und Falten durchzogen es. Der Stetson hing an der Windschnur auf dem Rücken. Das eisengraue Haar glich einer Bürste. Grinsend schob er den Colt ins Holster.

    »Hallo, Greg! Da staunst du, eh? Ich bin‘s wirklich.«

    »Hallo, Sam!«

    Greg half Clancy auf die Beine, die die staubbedeckten, abgerissenen Gestalten ängstlich musterte. Außer Sam Drury und Jim Bates standen noch drei Männer, die nun ihre Schießeisen sinken ließen, auf dem Ranchhof. Einer hielt das Ende eines Seils, mit dem die Hände eines hageren, lederhäutigen Mannes gefesselt waren. Ein Fünfzack blinkte an der Lederweste des Gefangenen.

    Die junge Frau klammerte sich an Greg.

    »Wer sind diese Männer?«

    »Alte Freunde von Greg. Tut mir leid, Ma‘am, wenn Bates Sie erschreckt hat.« Drury steckte eine dicke Brasil zwischen die Zähne. »Junge, ich freu mich, dich wiederzusehen. Hatte keine Ahnung, dass du inzwischen verheiratet bist. Wie lange schon?«

    »Ein halbes Jahr.«

    Drury kniff ein Auge zu. »Weiß sie Bescheid?«

    »Clancy weiß, dass ich früher in deiner Bande ritt und dafür zwei Jahre gesiebte Luft atmete. Was wollt ihr?«

    »Reden wir später drüber. Wir sind eben erst angekommen. Ich bin durstig und müde und möchte endlich wieder mal die Beine unter ‘nem Tisch ausstrecken. Bates, Leach, bringt die Gäule in den Corral! Strode, Hogan, nehmt den Marshal mit ins Haus! Greg, du kennst Wheeler ja.« Der Anführer der wilden Horde lachte. »Es war Don Wheeler, damals noch Deputy vom alten Feuerspucker Hancock, der dir zu den zwei Jahren hinter Gittern verhalf, stimmt‘s?«

    »Das ist lange her.«

    Drury überging die Einschränkung. »Wir haben Wheeler drüben am Whitestone Creek geschnappt. Er klebte seit dem Tag auf meiner Fährte, wo ich aus dem Zuchthaus entlassen wurde. Weiß der Teufel, woher er wusste, dass ich meine alte Crew wieder zusammenhole.«

    »Ich kenn‘ dich eben, Drury«, bemerkte der Gefangene ruhig. »Wenn damals die Beweise ausgereicht hätten, wärst du nicht in den Steinbrüchen, sondern am Galgen gelandet.«

    »Pech für dich, Marshal.« Zorn blitzte in Sam Drurys Augen, aber er lachte. »Gehen wir rein, Greg.«

    Greg, der einen Arm um Clancy gelegt hatte, rührte sich nicht.

    »Sam, du hast nicht richtig aufgepasst. Du wüsstest sonst, dass ich nichts mehr mit euch zu schaffen haben möchte.«

    »Was sind denn das für Töne? Hast du vergessen … Ach so, ich verstehe! Junge, du kennst doch Bates. Nimm den Zwischenfall nicht ernst. Soll auch nicht wieder vorkommen. Mein Wort drauf, Amigo!«

    Greg schüttelte den Kopf.

    »Reitet! Clancy und ich wollen unseren Frieden. Außerdem rate ich dir, Wheeler freizulassen, solange sonst niemand zu Schaden kam.«

    »Junge, was ist bloß mit dir?« Drury musterte ihn prüfend. »Ich erkenne dich ja nicht wieder.«

    »Ich bin keine achtzehn mehr, Sam. Der Heißsporn von damals, für den die Postkutschenüberfälle und Rinderdiebstähle ein tolles Abenteuer waren, ist für immer im Jail geblieben.«

    »Fehlt bloß noch, dass du dich bei Wheeler bedankst.« Drury nahm die Zigarre aus dem Mund und spuckte aus. »Mann, wenn du erst erfährst, was ich vorhabe und wie viel für jeden von uns dabei rausspringt …«

    »Die vergangenen zehn Jahre sollten dir eigentlich ‘ne Lehre sein, Sam.«

    Sekundenlang schien es, als wollte Drury sich auf den Smallrancher stürzen. Die Narben und Falten in seinem Gesicht zuckten.

    »Du weißt nicht, wovon du sprichst, Junge. Zehn Jahre in den Steinbrüchen, das ist schlimmer als der Tod. Das sind zehn Jahre, in denen du Tag für Tag die Hölle erlebst, bis du entweder zerbrichst, den Verstand verlierst oder selbst zu einem von diesen verdammten Felsen wirst, die du mit der Spitzhacke bearbeitest. Nein, du kannst es dir nicht vorstellen. Ich war mit Burschen zusammen, die nach zwölf Monaten Amok liefen, damit sie ‘ne Kugel kassierten. Ich hab baumstarke Männer erlebt, die in der Hälfte der Zeit, die ich dort verbrachte, zu Wracks wurden und krepierten. Andere wurden auf der Flucht erschossen. Ich hab‘s selbst mal versucht und schleppe seitdem ‘ne Bleibohne mit mir ‘rum.«

    Der Bandenboss paffte heftig.

    »Was mich am Leben erhielt, war der Wunsch, eines Tages zurückzukehren und den Bastarden, die mich in jenes Höllenloch steckten, alles heimzuzahlen. Jede Nacht schmiedete ich Pläne. Und jetzt, wo bald ganz Colorado vor mir zittern wird, faselst du von Frieden. Mir wird übel davon!«

    »Du kannst nicht auf mich zählen, Sam.«

    »Du hast ‘ne hübsche Frau, Amigo. Sie hat was Besseres verdient, als auf ‘ner Drei-Kühe-Ranch in den Kenosha Hills zu verblühen. Außerdem vergisst du, dass ich dir damals, als Raskin und seine Kopfgeldjäger hinter uns her waren, das Leben rettete.«

    »Ich hab‘s nicht vergessen.«

    Drury schob die Daumen hinter den Revolvergurt und grinste.

    »Dann weißt du ja, dass du uns zumindest ein Nachtquartier schuldest. Wir warten auf Jesse Lorman, der mit Bürden, McKenzie und noch ein paar anderen aus Leadville rüberkommt. Ich hab ihm deine Ranch als Treffpunkt genannt. Morgen früh verschwinden wir wieder. Vielleicht überlegst du‘s dir und reitest mit.«

    2

    Kojotengeheul kam aus den nächtlichen Hügeln. Die Petroleumlampe beleuchtete Drurys bärtiges Gesicht. Er schob die Pokerkarten zusammen und lehnte sich zurück.

    »Wie wär‘s mit ‘ner warmen Mahlzeit, Mistress Jayson? Ich kann mich fast nicht mehr erinnern, wie ein Steak mit Bratkartoffeln schmeckt.«

    Der Aschekegel von seiner Brasil fiel auf den Fußboden. Die Tischplatte war mit leeren Gläsern, Schnapslachen und Zigarettenkippen bedeckt. Die Banditen grinsten. Bates, der auf einer Kiste neben dem Gefangenen saß, schnitzte an einem Holzstück. Er belauerte die junge Frau.

    Clancy wollte aufstehen. Greg hielt sie fest. Sie saßen auf der Bank an der fensterlosen Schmalseite.

    »Es sind noch Bohnen von gestern da. Ihr braucht sie nur aufs Feuer zu stellen. Brot liegt im Kasten. Erwartet nicht, dass Clancy euch bedient.«

    »Du bist nicht sehr gastfreundlich, Greg.«

    »Ich such mir gewöhnlich die Gäste auch selbst aus.«

    Bates drehte den massigen Schädel. »Wird Zeit, dass ich ihm sein Maul stopfe, Sam.«

    »Ich sag‘s dir schon, wenn‘s soweit ist. Außerdem würdest du, wenn mich nicht alles täuscht, den Kürzeren ziehen. Zehn Jahre sind zwar ‘ne lange Zeit, aber ich wette, Greg ist noch genauso fix mit der Kanone und den Fäusten.«

    »Lassen Sie Greg endlich in Ruhe!«, rief Clancy, ein Zittern in der Stimme. Drury betrachtete die glühende Zigarrenspitze.

    »Hat Greg Ihnen nicht erzählt, Ma‘am, dass ich wie ein Vater zu ihm war? Ich will auch jetzt nur sein Bestes.«

    »Hör auf, Sam! Gleich kommen mir die Tränen.«

    Drury grinste.

    »Zwanzigtausend Bucks sind allemal für dich drin, Amigo. Na, da bleibt dir die Spucke weg, was? Mein Plan wird ein Jahrhundert-Ding!«

    »Was hast du vor?«

    »Das erfährst du, wenn du mitmachst. Du könntest uns nützlich sein. Dein Alter war Lokführer und hat dich, bevor er bei dem Zugunglück ums Leben kam, oft mitgenommen. Hast mal geprahlt, du wüsstest, wie man ‘ne Lok bedient.«

    »Damals war ich achtzehn.«

    »So was vergisst einer nicht.«

    »Hast du‘s auf ‘nen Geldtransport der Denver and Rio Grande Railroad abgesehen?«

    »Wart‘s ab.«

    »Alles, was dabei rauskommt, wird ‘ne Hanfkrawatte sein, die der Henker dir anpasst, Drury«, mischte sich Don Wheeler ein. Er war an den Stützpfosten in der Mitte des trüb erhellten Raums gefesselt. Bates schlug ihn ins Gesicht.

    »Du redest nur, wenn man dich was fragt! Kapiert?«

    Der Marshal schwieg. Seine Nase blutete. Der breitschultrige Bandit hielt ihm das Bowiemesser an den Hals.

    »Ich will wissen, ob du mich verstanden hast!«

    Seine Kumpane grinsten. Leach war draußen. Er passte auf, dass sie keinen ungebetenen Besuch erhielten.

    Clancy sprang auf. Rote Flecken brannten auf ihren Wangen.

    »Mein Gott, was seid ihr bloß für Menschen?«

    »Freunde von Greg«, wiederholte der Bandenboss kalt. Seine Rechte verschwand unter der Tischkante.

    »Lass die Kanone stecken, Greg. Bates könnte durchdrehen. Das war schlimm für den Marshal.«

    »Warum, zum Teufel, schleppen wir den Sternträger überhaupt mit?«, murrte Bates, das Messer an Wheelers Hals. Drury seufzte.

    »Hombre, du hast deinen Kopf auch bloß zum Hut aufsetzen. Ein waschechter US-Marshal fällt einem als Trumpfkarte nicht alle Tage zu. Steck das Messer weg. Ich will keinen Streit mit Greg!«

    »Ich mach trotzdem nicht mit.«

    »Du verpasst die Chance deines Lebens …«

    Drury lauschte. Die Pferde im Corral wieherten und stampften. Die Kojoten waren verstummt, der Wind war abgeklungen. Dunkelheit umgab die kleine Ranch. Vereinzelte Sterne funkelten zwischen den Wolkenbänken. Die Berge im Westen ragten wie eine schwarze Mauer auf.

    Ein neuerliches Wiehern drang ins Haus. Da packte Drury die Winchester, die neben ihn an der Balkenwand lehnte.

    »Bates, sieh nach, was los ist! Ich reiß Leach die Ohren ab, wenn er pennt.«

    Bates steckte das Bowieknife in die Lederscheide am Gürtel, nahm ebenfalls das Gewehr und stapfte zur Tür. Gleichzeitig drehte Drury den Lampendocht zurück. Wahrscheinlich rettete er Bates damit das Leben.

    Die Schüsse vom Rand der Hügel, die bis an den Corral und die Nebengebäude heranreichten, zertrümmerten die Fenster und fetzten fingerlange Späne vom Türrahmen. Eine Kugel ritzte Bates am Hals, eine zupfte an seiner schenkellangen Jacke. Fluchend prallte der Bandit zurück.

    »Runter, du Narr!«, brüllte Drury. Er fegte mit der Winchester die Lampe vom Tisch und sprang zur Wand. Zum Glück entzündete sich das auslaufende Petroleum nicht.

    Bates ließ sich fallen und kroch zum nächsten Fenster. Hogan stieß mit dem Gewehr die Tür zu, und Strode schoss auf das aus der Nacht zuckende Mündungsfeuer.

    »Sie haben Leach erwischt!«

    Ein Kugelhagel beutelte das Gebäude. Splitter umwirbelten den Pfosten, an den Wheeler gefesselt war. Clancy klammerte sich an Greg.

    »Bindet mich los!«, verlangte der Marshal.

    Die Gewehre der Banditen krachten. Drury schwang die qualmende Waffe herum.

    »Greg, du kennst mich. Sag deiner Frau, dass ich schieße, wenn sie dem Sternträger hilft.«

    »Geh zum Teufel, Sam!«

    Wieder fielen Schüsse. Dann rief eine mitleidlose Stimme: »He, Drury, du hättest in den Steinbrüchen bleiben sollen. Diesmal beißt ihr alle ins Gras.«

    »Mann, das gibt‘s nicht! Es ist Phil Raskin!«, stieß Hogan hervor. Der Mond, der zwischen den Wolken hervortrat, leuchtete durch die zerschossenen Fenster. Erschrocken sahen die Banditen einander an. Drury hatte noch die Brasil zwischen den Zähnen.

    »Ich dachte, den hätte längst der Teufel geholt.«

    »Da hast du falsch gedacht«, meldete sich Wheeler. »Nachdem du Raskins Familie ermordet und seine Ranch zerstört hast …«

    »Dafür gibt‘s keine Beweise.«

    »Sicher, sonst hätte der Richter dich gleich unter den Galgen geschickt. Raskin ist überzeugt, dass du‘s warst. Er fand in kein geordnetes Leben mehr zurück, blieb Kopfgeldjäger, wurde Boss einer gefürchteten Meute. An der mexikanischen Grenze ist er als Banditenschreck bekannt, der es selbst mit dem Gesetz nicht so genau nimmt. Zehn Jahre hat er drauf gewartet, dass du deine in alle Richtungen verstreute Mannschaft wieder zusammenrufst.«

    »Wie du, Marshal.« Drurys Augen funkelten gefährlich. »Es würde mich interessieren, wie Raskin erfuhr, dass mein Entlassungstermin vier Wochen vorverlegt wurde.«

    »Das musst du ihn fragen.«

    »Raskin!«, rief Drury. Er fluchte, als mehrere, Kugeln durchs Fenster pfiffen. Die Töpfe und Pfannen am Kamin schepperten. Den Schüssen nach waren es mindestens zehn Mann, die Gregs Ranch umstellt hatten. Aufgeregt liefen die Pferde von einer Corralseite zur anderen.

    »Wir haben US-Marshal Wheeler!«, schrie Drury. »Wenn ihr nicht verschwindet, legen wir ihn um.«

    Die Antwort war ein erneuter Bleihagel. Die Balkenwände bebten. Wütend schossen die Banditen zurück. Ein ohrenbetäubendes Krachen füllte das Haus.

    Plötzlich lief Clancy zu Wheeler. Sie hielt ein Küchenmesser, mit dem sie ihn losschneiden wollte.

    Da zuckte sie zusammen, schwankte und ließ das Messer fallen. Greg konnte sie gerade noch auffangen.

    3

    Der Mond leuchtete das von Kugeleinschlägen zernarbte Ranchhaus aus. Schweiß glänzte auf den Gesichtern der Männer. Die Dielen waren mit Scherben und leeren Patronenhülsen übersät.

    Zusammengesunken kniete Greg Jayson neben seiner toten Frau. Er hielt ihre rechte Hand. Clancys Lider waren geschlossen. Ihr schmales Gesicht wirkte entspannt. Es sah aus, als schliefe sie.

    Seit einer Weile war nur das Stampfen und Schnauben der Pferde im Corral zu hören. Aber alle im Haus wussten, dass Raskin und seine Kopfgeldjäger auf der Lauer lagen.

    Bates zählte seine Patronen.

    »Neun Schuss, dann ist Feierabend! Zum Teufel mit allen Kopfgeldjägern! Wie steht‘s mit eurer Munition, Amigos?« Hogan besaß noch elf Patronen, Strode acht. Bates knurrte: »Verdammt, wo Jesse bloß solange bleibt! Wenn die Kerle angreifen, sind wir erledigt. Sam, wir müssen zu den Pferden!«

    »Genauso gut kannst du dir ‘ne Kugel in den Kopf schießen, Mann!«

    »Lasst mich frei, dann sorge ich dafür, dass Raskin mit seinen Leuten abzieht«, schlug Wheeler vor.

    Drury sah ihn misstrauisch an.

    »Steckst du also doch mit Raskin unter einer Decke? Rechne dir nichts aus! Wenn wir zur Hölle fahren, begleitest du uns!«

    Wheeler presste die Lippen zusammen. Der Pfosten, an dem er saß, war eine Handbreit über seinem Kopf bis zur Decke hinauf von Gewehrkugeln zerschrammt. Der Marshal hatte es aufgegeben, an den Fesseln zu zerren. Seine Handgelenke waren wund gescheuert. Das Messer lag außer Reichweite.

    Drury lud die Winchester durch. Eine Wolke schob sich vor den Mond. Fahle Dunkelheit senkte sich auf die Ranchgebäude. Plötzlich gellte ein Schrei von den Hügeln. Hufe trommelten, Schüsse fielen.

    Drury hob den Kopf wie ein witterndes Raubtier. Nur Greg zeigte keine Reaktion. Er kniete da, als hätte die Umgebung zu existieren aufgehört. Am Hofrand blitzten Gewehre und Colts. Männer schrien, Pferde wieherten.

    »Jesse«, keuchte Bates.

    Drury hob die Hand, als er zur Tür wollte.

    »Warte! Raskin ist ein mit allen Wassern gewaschener Bastard. Es könnte ein Trick sein.«

    Sie horchten gespannt. Raskin schrie irgendwelche Befehle, die in dem Stakkato der Revolver und Gewehrschüsse untergingen.

    »Amigos, worauf wartet ihr?«, schallte es von der Remise. Bates schwang sein Gewehr.

    »Yaahuu! Mach sie fertig, Jesse, alter Kumpel! Mach sie fertig!«

    Hufschlag brauste am Rand der Hügel entlang. Der Lärm entfernte sich.

    »All right, verschwinden wir!«, entschied Drury. »Nehmt Wheeler mit.«

    Bates stürmte auf die Veranda. Strode und Hogan banden den Gefangenen los. Kein Schuss wurde mehr auf das Ranchhaus abgefeuert. Aber jenseits der Hügelkuppen, die sich schwarz und düster vor dem Nachthimmel abhoben, krachte es immer noch. Strode und Hogan schleppten den Marshal zum Corral. Bates sah nach, wo Drury blieb. Der bärtige Anführer berührte Gregs Schulter.

    »Junge, du kannst nichts mehr ändern. Irgendwann zahlen wir‘s Raskin heim. Komm jetzt!«

    Greg hob den Kopf. Sein Gesicht war aschfahl, von dunklen Linien durchzogen.

    »Du und deine Männer, Sam, ihr seid genauso für Clancys Tod verantwortlich wie Raskin und seine Killer.«

    »Red keinen Blödsinn, verdammt noch mal!«

    Drury trat zurück, als der zwanzig Jahre Jüngere sich erhob und den Revolvergriff umklammerte. Bates hob das Gewehr.

    »Zur Seite, Sam! Ich leg ihn um!«

    »Nein, zum Teufel!«

    Doch Bates‘ hasserfüllte Stimme wirkte auf Greg wie ein Peitschenhieb.

    Er drehte sich, sein Remington schwang hoch.

    Bates wollte abdrücken. Da schlug Drury den Smallrancher mit der Winchester nieder.

    4

    Jesse Lorman, Drurys Adjutant, war ein sehniger, falkenäugiger Sattelpirat, der zwei schwerkalibrige Sechsschüsser auf den Oberschenkeln trug. Er begrüßte Drury mit einem Lachen und kräftigem Händedruck.

    »Schätze, ich hab mir ‘nen Orden verdient, Sam. Wo steckt Leach?«

    »Wo wir alle mal landen«, antwortete Drury achselzuckend. Prüfend musterte er die Reiter hinter Lorman. Es waren verwegene Kerle, alle mit Gewehren, Revolvern und Messern bestückt. Drei oder vier waren früher schon mit Drury geritten. Er konnte sich darauf verlassen, dass auch die restlichen ausgesucht harte Brocken waren. Patronengurte kreuzten sich über ihren Oberkörpern. Sie waren wie für einen Feldzug ausgerüstet. Eine Remuda Pack- und Reservepferde gehörte dazu.

    »Sieh mal an, noch ein alter Bekannter«, dehnte Lorman, als sein Blick auf Don Wheeler fiel. Da preschte ein Reiter über die inzwischen wieder vom Mond beglänzten Kämme.

    »Sie kommen!«

    Die Verfolger tauchten in einer Hügelkerbe auf. Ein dunkler, waffenstarrender Pulk von Reitern, die sofort das Feuer eröffneten. Mündungsblitze beleuchteten die über die Pferdehälse gebeugten, von Ponchos und Mänteln umflatterten Gestalten. Eine Kugel streifte Drurys Pferd. Wiehernd stieg es.

    »Fort!«, brüllte er. Die Bande stob auseinander.

    Lorman, Bates und noch ein paar der Neuen schossen auf die Angreifer. Blei pfiff, Pulverdampf brodelte.

    Plötzlich stieß Wheeler einen dumpfen Schrei aus und sank nach vorn. Bevor Strode, an dessen Sattel Wheelers Pferd festgebunden war, ihn festhalten konnte, kippte der Marshal seitlich herab. Hufe stampften vorbei. Die Schüsse der Kopfgeldjäger trieben die Bande in die Flucht.

    Gleich darauf näherte sich Hufgetrappel dem im Gras Liegenden. Sattelleder knarrte, Gebissketten klirrten. Ein Mann schimpfte.

    »Verdammt, sie haben Ersatzpferde. Die holen wir nicht mehr ein.«

    Raskin blieb gelassen.

    »Wenn wir sie heute nicht kriegen, dann ein andermal. Eher fließt der Mississippi stromauf, als dass mir dieser Dreckskerl Drury durch die Lappen geht. Well, wir reiten erst mal nach Colorado Springs.«

    Der Hufschlag verlangsamte sich.

    »Da liegt einer!«, rief der Kerl, der anfangs gemurrt hatte. Gewehrschlösser knackten. Die Pferde standen. Dann kamen sporenklirrende Schritte auf den Marshal zu, der zusammengekrümmt auf der Seite lag. Riemen umspannten seine Handgelenke. Der Schatten des Kopfgeldjägers fiel auf ihn.

    »Verdammt, das ist Wheeler!«

    »Mist!« Der Mann, der abgestiegen war, beugte sich über den scheinbar Toten.

    »Lass ihn liegen!«, befahl Raskin. »Es wird so aussehen, als hätten Drurys Leute ihn erschossen, als er zu fliehen versuchte.«

    »Auch ‘ne Grabrede, nur ein bisschen zu früh.«

    Der »Tote« kniete plötzlich, den Colt des verdattert neben ihm stehenden Mannes in den ausgestreckten gefesselten Händen. Die Waffe schimmerte bläulich. Die Mündung wies auf Raskin.

    Ein hartes Grinsen spannte das Ledergesicht des Marshals. Die Reiter bewegten sich nicht. Ihr Anführer war ein breitschultriger, sichelbärtiger Mann mit schmalen, stechenden Augen, groben Wangenknochen und hartem Mund. Er glich einem Nachfahren von Dschingis Khan. Ein Goldring funkelte an seinem linken Ohr. Er trug einen Prinz-Albert-Rock, Weste, Röhrenhose, alles pechschwarz. Von gleicher Farbe waren die Stiefel und der flachkronige Hut. Der weiße Hemdkragen stach deutlich davon ab. Raskins Pferd war ein Schimmelhengst. Die Hände ruhten auf dem Sattelhorn.

    »Feiner Trick, Marshal.«

    Wheeler stand auf. Im Mondlicht besaßen seine Augen einen stählernen Glanz.

    »Wie viele Morde hast du auf diese Weise schon anderen in die Stiefel geschoben?«

    »Was willst du, Marshal? Wir sind hinter der Drury-Bande her. Du kannst uns ohne Zeugen nichts anhängen.«

    »Du vergisst Jayson.«

    »Ein lausiger Bandit, der über kurz oder lang in einer Reihe mit seinen ehemaligen Kumpanen baumeln wird.«

    »Ihr habt seine Frau erschossen.«

    »Verdammt!«, entfuhr es dem Kerl, dessen Schießeisen Don Wheeler hielt. Raskin lenkte den Schimmel so dicht vor den Marshal, dass er ihm den Blick auf die übrigen Reiter versperrte.

    »Wir sind Banditenjäger. Das Gesetz steht genauso hinter uns wie hinter dir. Ich hatte keine Ahnung, dass Jayson verheiratet ist. Er bot Drury und seinen Halunken Unterschlupf. Also bestand kein Grund, ihn zu schonen …«

    »Es gibt da einiges, was du nicht weißt, Raskin«, unterbrach Wheeler kalt. »Zum Beispiel wurde Jayson von seinen ehemaligen Kumpanen nicht gefragt, ob sie ihm willkommen waren. Dazu hat Drury seine Strafe verbüßt. Wenn du ihn hundertmal für den Mörder deiner Angehörigen hältst, so gibt dir das noch nicht das Recht …«

    »Übertreib‘s nicht, Marshal! Immerhin bist du selbst hinter Sam Drury her!«

    »Um ‘rauszufinden, was er plant.«

    »Ich werde ihn, ob‘s dir passt oder nicht, zur Hölle schicken, sobald ich ihn vor die Knarre bekomme. Und für alle, die zu ihm halten, Mann oder Frau, ist ebenfalls schon die Kugel gegossen. Kein Mensch wird je erfahren, was auf Jaysons Ranch geschah, sollte dir, hm, was zustoßen.«

    Ein Grinsen flackerte wieder auf Wheelers Gesicht.

    »Wenn du auf die Kerle hoffst, die da hinten an ihren Schießeisen rumfummeln – vergiss sie. Wenn hier geschossen wird, bist du der erste, der auf die Nase fällt.«

    Die Bewegungen erstarben. Nur die Pferde prusteten, und von weit her kam wieder Kojotengeheul. Der Schwarzgekleidete bog den Kopf zur Seite und spuckte aus.

    »Sonst noch was?«

    »Allerdings. Ich brauch ein Pferd.«

    Der Kopfgeldjägerboss blickte mit verkniffener Miene auf Wheelers Waffe.

    »Gib ihm den Falben, Cliff. Du kannst bei Tom aufsteigen.«

    »Vielen Dank, Raskin, aber ich leih mir lieber deinen Schimmel. Du willst sicher auch, dass ich Drury einhole, also steig ab.«

    5

    Im Morgengrauen sattelte Greg den Braunen. Das Corralgatter stand offen. Die übrigen Pferde mit dem Brandzeichen der Jayson-Ranch tummelten sich irgendwo in den Hügeln. Dämmerung umgab den frischen Erdhügel unter der knorrigen Sykomore. Ein schlichtes Holzkreuz steckte darin. Clancys Grab.

    Greg band den Wallach am Corralzaun fest und kehrte ins Haus zurück. Er bewegte sich wie in Trance. Seine Augen schienen alles und zugleich nichts zu sehen. Er zündete eine Petroleumlampe an, die den Kugelhagel unbeschädigt überstanden hatte. Wo Clancy gestorben war, bedeckte ein Blutfleck die Bretter. An den Wänden lagen Patronenhülsen.

    Der junge Smallrancher presste die Lippen zusammen. Das Dröhnen der Schüsse hallte wider in seinen Ohren.

    Alles kam ihm fremd und unwirklich vor. Er öffnete eine Schublade, nahm Clancys Bild heraus und schob es in die Innentasche der Cordjacke.

    Dann holte er die Winchester aus dem Gewehrrechen. Eine Schachtel mit der dazugehörigen Munition befand sich bereits in den Ledertaschen am Sattel des Braunen.

    Seine Lippen bewegten sich. Seine Stimme klang wie brechendes Glas.

    »Ich werde sie jagen, Clancy.«

    6

    Der Sonderzug mit dem Gouverneur verließ Denver um Punkt sieben Uhr. Die massige Baldwin-Lok blies funkensprühende Rauchwolken in die Luft. Eine Militärkapelle spielte, bis der Zug nur mehr ein Punkt auf den glitzernden Gleisen war.

    Zwei Wochen nach seinem Amtsantritt wollte Floyd William Bancroft die Städte entlang der von der Denver and Rio Grande Railroad Company fertiggestellten Bahnlinie besuchen.

    Bancroft reiste in einem Pullman-Waggon, einem rollenden Luxussalon, der zugleich sein Office war und außerdem ein prunkvolles Schlafabteil enthielt. Der Wagen war mit Fähnchen und Girlanden geschmückt. Im Waggon davor waren die Sicherheitsbeamten, die Angestellten und das Zugpersonal untergebracht. Hinter dem Pullman war der Pferdewaggon angekoppelt. Den Abschluss bildete der Waggon mit einer Abteilung Kavalleristen, die dem Kommando eines schneidigen Captain unterstanden.

    Die erste Station mit einem geplanten zweistündigen Aufenthalt war Castle Rock. Bis zur Ankunft blieb genug Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Der Gouverneur war ein großer, breitschultriger Mann mit zimtfarbener Löwenmähne. Drei Sicherheitsbeamte, der Sekretär und Bancrofts Diener befanden sich mit ihm im Waggon. Auf halber Strecke nach Castle Rock verlangsamte der Zug die Fahrt. Der Gouverneur war beim Nachtrunk, einem Scotch, angelangt.

    »Sehen Sie nach, was es gibt, Hancock.«

    Einer der Leibwächter kurbelte das Fenster herab und beugte sich hinaus. Die Gleise durchschnitten eine nach Osten bis zum Horizont ausgedehnte Grasebene. Im Westen erhoben sich die gewaltigen Steinhäupter der Rocky Mountains. Eine halbe Meile vor dem Zug verdeckte eine Herde von etwa zweihundert Rindern den Schienenstrang. Die Baldwin 440 rollte mit halber Fahrt auf sie zu. Die Dampfpfeife schrillte. Peitschen schwingende Reiter versuchten die Rinder von der Bahnstraße zu treiben.

    »Cowboys, Sir.« Der Leibwächter trug wie seine Kollegen einen eleganten Nadelstreifenanzug. Seine Waffe, ein 38er Smith and Wesson, steckte im Schulterholster. Der Gouverneur winkte dem livrierten Diener, das Glas nachzufüllen.

    »Interessant. Ich werde mir die Leute ansehen.«

    Mehrere Reiter preschten rufend und Hüte schwenkend von der Herde herüber. Ihre Staubmäntel und Halstücher flatterten.

    Hancock runzelte die Stirn, als er die Gewehre an ihren hochbordigen Sätteln sah. Cowboys waren normalerweise mit den weniger sperrigen und schneller zu handhabenden Colts bewaffnet.

    »Sir, mit Verlaub, ich halte es für besser, wenn Sie dem Fenster nicht zu nahe kommen.«

    »Sie sind zu misstrauisch, Hancock.« Der Gouverneur befolgte den Rat trotzdem. Drei, vier Reiter jagten winkend neben dem Zug her. Ein sehniger, falkenäugiger Bursche schob sich auf gleiche Höhe mit dem Pullman-Waggon. Er schwenkte ein seidig schimmerndes Pumafell.

    »Ein Geschenk von den Cowboys der Bar-T-Ranch für den Gouverneur!«, schrie der Mann durch das Rattern der Räder. Der Leibwächter blickte Bancroft an, der nickte.

    »Geben Sie her!« Der Sehnige befand sich jetzt dicht neben dem Fenster. Sein Pferd hatte sich dem Zugtempo angepasst. Bancrofts Leibwächter griff nach dem Fell.

    Es verdeckte den Sechsschüsser in Jesse Lormans Faust. Die Kugel traf Hancock mitten in die Stirn.

    Während die Männer im Waggon noch fassungslos auf den Toten starrten, zog Drurys Adjutant eine an zwei Eisenhaken befestigte Strickleiter unter dem Mantel hervor. Schon hing sie am offenen Waggonfenster.

    Mittlerweile rollte der Zug so langsam, dass Lorman sich problemlos vom Pferd auf die Leiter schwingen konnte.

    Die beiden noch übrigen Sicherheitsbeamten brachten zwar ihre Revolver heraus, doch Lormans auf Bancroft gerichteter Colt ließ sie erstarren. Der sehnige Bandit hielt sich mit einer Hand am Fensterrahmen fest.

    »Kanonen weg, sonst stirbt der Gouverneur!«

    Bancrofts Diener ließ vor Schreck das Tablett mit dem Frühstücksgeschirr fallen. Dann landeten auch die Revolver auf dem Teppich. Bancroft hielt sich an der an der Decke montierten Griffstange fest.

    »Das … das ist doch …«

    »Ein Überfall, wenn Sie gestatten, Sir«, höhnte Jesse Lorman. Der Zug fuhr langsam in die Herde. Muhend wichen die Rinder zur Seite. Das Peitschenknallen war verstummt. Einige der angeblichen Cowboys enterten die Lok. Schwerkalibrige Colts bedrohten den Maschinisten und Heizer.

    Die Soldaten im Schlusswaggon wurden von einer dumpf krachenden Explosion zwischen die Bänke geschleudert. Scherben klirrten. Als der Rauch sich verzog, stand der Waggon. Der übrige Zug entfernte sich.

    Der Captain und seine Männer drängten sich auf der vorderen Plattform. Ihre auf die neben dem Zug reitenden Banditen abgefeuerten Schüsse blieben wirkungslos. Die Flut der Rinder schloss sich wieder hinter den Waggons. Das Ganze hatte nur wenige Minuten gedauert.

    »Tür auf!«, befahl Lorman, als Bancrofts Begleiter nicht auf das energische Klopfzeichen reagierten. »Ein bisschen fix, sonst geht mein Kracher los!«

    »Tut, was er verlangt!«, befahl der Gouverneur.

    Ein Leibwächter öffnete. Sam Drury stiefelte herein, eine dicke Brasil zwischen den Zähnen. Er hielt den Colt. Mehrere Banditen schoben sich an ihm vorbei und verteilten sich an den Waggonwänden.

    »Hallo, Bancroft. Erkennst du mich noch?«

    »Drury!«

    Floyd William Bancroft war kein Feigling, doch nun wich alle Farbe aus seinem Gesicht. Er hatte als Richter Drury vor zehn Jahren in die Steinbrüche geschickt.

    7

    Nieselregen hüllte die Häuser von Colorado Springs in bleifarbenen Dunst. Die Dächer glänzten, die Straße war aufgeweicht, hinter den Fenstern brannten Petroleumlampen. Ein struppiger Köter kläffte den einsamen Reiter an, der aus den Kenosha Hills kam.

    Greg Jayson spürte die Nässe nicht. Er hatte seit dem vergangenen Abend nichts gegessen und getrunken. Trotzdem waren seine Sinne hellwach. Das Pferd war müde, aber Greg hätte der Spur der Kopfgeldjäger noch viele Meilen folgen können. Sie verlor sich auf der Main Street in einem Gewirr von Radfurchen und Hufabdrücken. Die neugebaute Bahnstrecke durchschnitt das Häuserlabyrinth. Ein Güterzug rollte nach Süden. Klagend hallte der Pfiff der Lok durch die feuchte Dämmerung des Spätnachmittags.

    Gregs Ziel war der Elkhorn Saloon. Er stellte das Pferd unters Vordach, gab dem an der Bretterwand lungernden Penner einen halben Dollar, damit er es trocken rieb und stand kurz darauf an der Theke. Obwohl noch verhältnismäßig früh, war der Raum brechend voll. Es waren zumeist Minenarbeiter, deren Schicht erst in zwei Stunden begann, dazu einige Weidereiter, Frachtfahrer und Stadtbewohner. Schwaden von Tabaksqualm wogten über den dicht umlagerten Tischen. Gläser klirrten, Würfel klapperten, Karten klatschten. Der Boden war wegen des Straßenschmutzes, den die Gäste hereintrugen, mit Sägemehl bestreut.

    Ein fremder Besucher fiel nicht auf. Der bullige Keeper hatte alle Hände voll zu tun, ebenso die beiden Girls, die an den Tischen bedienten. Greg bestellte einen Whisky. Sein Gesichtsausdruck veranlasste den Barmann zu einem forschenden Blick. Im Spiegel über dem Flaschenregal sah Greg sich selbst wie einen Fremden, hager, unrasiert, mit tiefen Falten im Mundwinkel.

    Der Whisky wirkte auf nüchternen Magen doppelt. Greg bezahlte noch einen. Er schlenderte mit dem Drink zu einem der Stützpfeiler, von wo er den verqualmten Raum besser überschauen konnte. Er kannte Raskins Männer nicht, war aber überzeugt, dass sie sich noch in der Town befanden, möglicherweise im Saloon. Eine seltsame Ruhe erfüllte ihn, so, als besäße er die Gewissheit, dass ihm keine Kugel, kein Messer, kein Strick etwas anhaben konnten.

    »Greg!« Eine der beiden Bedienungen blieb mit dem Tablett voll Flaschen und Gläsern vor ihm stehen. »Himmel, bist du‘s wirklich, Greg?«

    Sie war mittelgroß, vollbusig und versuchte mit reichlich Puder und Schminke wie damals auszusehen, als Sam Drury sie zu seiner Geliebten gemacht hatte. Sie und Greg waren gleichaltrig. Er fand sie nach wie vor hübsch. Ihr rotblondes Haar war hochgesteckt. Eine falsche Perlenkette hing in den tiefen Busenausschnitt. Der Rock war ein Fähnchen, zu dem sie Netzstrümpfe mit Rüschenbändern und hochhackige Schuhe trug.

    »Hallo, Joyce.« Kein Lächeln erhellte Gregs Miene. Sie war so in Eile, dass sie es nicht bemerkte.

    »Ich hab schon gehört, dass Sam draußen ist. Warte hier. Ich komm gleich wieder.«

    Greg blickte ihr nach. Plötzlich wusste er, weshalb Raskin und seine Schießer nach Colorado Springs geritten waren.

    Joyce Fielding wartete auf Drury, ohne zu ahnen, dass die Kopfgeldjäger sie als Köder benutzten.

    Zwei Männer fielen Greg auf. Während alle anderen Joyce mit Zurufen, Lachen oder einem Klaps auf die pralle Kehrseite bedachten, belauerten die beiden sie wie Wölfe. Einer saß nur zwei Tische von Greg entfernt. Der andere stützte sich, Zigarillo im Mundwinkel, das Glas in der Hand, aufs Treppengeländer. Beide trugen Cowboykluft. Ihre bärtigen Gesichter waren verkniffen. Die Revolver hingen tiefer als das bei gewöhnlichen Weidereitern der Fall war.

    Joyce kam mit wiegenden Hüften zu Greg zurück. Sie merkte noch immer nicht, wie es um ihn stand. Ihre blauen Augen leuchteten.

    »Ich hab nicht viel Zeit. Maxwell wird sonst sauer. Du glaubst nicht, wie ich mich freue. Hat Sam dich geschickt?«

    »Ich gehöre nicht mehr zu seiner Crew.«

    Die Frau stutzte. Ihr Blick wurde prüfend.

    »Was ist, Greg? Du machst ein Gesicht, als hättest du seit Tagen nur Kakteen gefrühstückt …«

    »Pass auf, da sind zwei Burschen …«

    Der Mann am Tisch erhob sich. Er wollte zum Ausgang, nachdem für ihn und den Zigarilloraucher feststand, wer der Mann in der nassen Cordjacke war, mit dem Drurys Ex-Geliebte sprach.

    Greg gab Joyce das Whiskyglas und stellte sich dem Mann in den Weg. Es war ein knochiger Bursche. Stechende Augen musterten Greg.

    »Was willst du?«

    »Du bist einer von Raskins Reitern, stimmt‘s?«

    »Was geht dich das an?«

    »Ihr Dreckskerle habt meine Frau erschossen.«

    Der Lärm im Saloon ebbte ab. Eine leere Flasche rollte über den Boden. Ein Betrunkener lallte. Joyce erbleichte.

    Der Kopfgeldjäger wich einige Schritte zurück. Seine Rechte hing über dem kerbenbedeckten Revolverknauf.

    »Keine Ahnung, wovon du spricht.«

    »Ich bin Greg Jayson, dessen Ranch ihr überfallen habt. Wo steckt Phil Raskin?«

    Der Mann fluchte, duckte sich, sein Revolver flog hoch.

    Greg bewies, dass er tatsächlich noch so schnell wie vor zehn Jahren war. Ein Naturtalent mit dem Sechsschüsser, wie Drury einmal behauptet hatte. Der Donnerknall ließ die Fenster klirren. Der Kopfgeldjäger stürzte zwischen die Tische.

    Sofort schwang Greg die Waffe in Richtung Treppe. Pulverdampf vernebelte das Geländer. Ein Feuerstrahl stach heraus. Greg spürte den Luftzug des Projektils. Sein Remington antwortete. Der Zigarilloraucher ließ den Colt fallen, krümmte sich und polterte kopfüber die Stufen herb.

    Greg verharrte breitbeinig. Alle starrten ihn an. Der Keeper schwitzte. Niemand rührte sich. Die Pferde vor dem Saloon wieherten. Langsam sank Gregs Revolver herab. Er wollte sich Joyce zuwenden.

    Da knallte auf der Galerie eine Tür. Der Schatten eines Mannes fiel an die Wand über der Treppe. Eine überkippende Stimme schrie: »Er gehört zur Drury-Bande! Lasst ihn nicht entkommen!«

    Ein Gewehrlauf blinkte. Greg reagierte mit einem raschen Schuss. Die Männer an den Tischen fuhren hoch. Flüche schallten, Stühle polterten. Der Keeper hob die abgesägte Schrotflinte über die Theke, konnte aber in dem Gedränge damit nichts ausrichten.

    »Auf ihn!«, gellte es.

    Greg hielt sich nicht mit Erklärungen auf. Er schlug einen Minenarbeiter, der ihm den Remington entreißen wollte, mit dem Stahllauf nieder. Die Angreifer prallten zurück, als er einen Schuss über ihre Köpfe abgab. Der Mann auf der Galerie traf eine Petroleumlampe. Scherben und brennendes Öl spritzten über die Tische.

    Greg rammte einen Betrunkenen, erreichte die Tür und zerschoss aus der Drehung die nächste Lampe. Dann war er auf dem Vorbau und flankte über das Geländer in den Sattel. Der Braune wieherte.

    Die Verfolger behinderten sich gegenseitig. Der Fetzen eines verzweifelten Rufs erreichte Greg – Joyce.

    Hastig löste Greg die Zügel. Das Pferd gehorchte seinem Schenkeldruck. Da flammte es zwischen den gegenüberliegenden Häusern. Greg erkannte die Umrisse eines breitschultrigen Mannes, der einen flachkronigen Hut und einen Prinz-Albert-Rock trug. Ein Goldring funkelte am linken Ohr.

    »Raskin!«

    Greg feuerte. Einen Augenblick war er nahe dran, den Wallach über die schlammige Straße zu treiben. Da klappten die Flügel der Saloontür auf. Männer mit schussbereiten Revolvern stürzten ins Freie. Gleichzeitig tauchten hinter Raskin weitere Gestalten auf.

    Greg duckte sich. Kugeln pfiffen um ihn. Er floh westwärts aus der Stadt. Sein Ziel waren die Kenosha Hills.

    8

    Bei Tagesanbruch waren es nur mehr sechs Mann, die Greg verfolgten. Greg sah sie als düstere Scherenschnitte auf den Kämmen hinter sich.

    Raskin führte sie an. Die anderen waren nach Colorado Springs zurückgekehrt. Der Himmel war wolkenverhangen. Am östlichen Horizont zeichnete sich ein Streifen goldfarbener Helligkeit ab.

    Greg ritt nach Nordwesten, fort aus der Gegend um den Owl Canyon, wo seine kleine Ranch lag. Die bewaldeten Flanken des Pikes Peak ragten weit vor ihm auf.

    Greg strebte in das Gebiet der Canyons und Fichtenwälder. Die Hügel um ihn waren baum- und strauchlos. Ein graugrünes erstarrtes Wellenmeer, das keine Deckung bot, wenn die Kopfgeldjäger ihn einholten. Es regnete zwar nicht mehr, aber die aufgeweichte Erde hielt jeden Hufabdruck. Allmählich wurde es heller. Die Reiter auf Gregs Fährte hielten gleichen Abstand. Eine halbe Meile, schätzte Greg.

    Von einem grasbewachsenen Höhenrücken aus entdeckte er im Osten das glitzernde Schienenband. Drury fiel ihm ein. Doch er fand keine Zeit, über die möglichen Pläne des ehemaligen Sattelpartners nachzudenken. Der Braune begann zu lahmen.

    Greg schaffte noch eine Meile, dann stieg Greg ab. Die linke Vorderfessel war geschwollen. Das Pferd wieherte kläglich, wagte nicht, den Huf aufzusetzen. Eine Sehne war entweder gezerrt oder gerissen.

    »Du bringst mich ganz schön in Schwierigkeiten«, murmelte Greg.

    Die grasbestandenen Kämme verwehrten ihm die Sicht auf die Verfolger. Greg befreite den Braunen von Sattel und Zaumzeug. Mehr konnte er nicht für ihn tun. Mit der Winchester stieg er den Hügel hinauf, an dem seine Spur vorbeilief. Er legte sich ins Gras und wartete. Die Erinnerung an Clancys Tod erfüllte ihn mit derselben kalten Entschlossenheit, die ihn nach Colorado Springs getrieben hatte.

    Die Reiter tauchten in einer hundert Yard entfernten Hügelkerbe auf, voran, der sichelbärtige Anführer. Jeder hielt ein Gewehr.

    Greg zog den Winchesterkolben in die Schulter, brauchte nur abzudrücken. Aber er hatte noch nie aus dem Hinterhalt auf einen Gegner geschossen. Er konnte das auch jetzt nicht.

    Raskin hielt plötzlich. Zwei seiner Begleiter überholten ihn, dann setzte das Hufgetrappel aus. Sie sprachen. Einer schwang sich vom Pferd und untersuchte die Trittsiegel von Gregs Wallach. Gregs Schuss durchlöcherte seinen Stetson.

    Erschrocken fuhr der Mann herum. Sein Karabiner flog hoch. Greg zielte auf Phil Raskin, aber in dem Moment, als er abdrückte, warf der Boss der Kopfgeldjäger das Pferd nach rechts. Gregs Kugel traf den Mann hinter Raskin in die Schulter.

    »Er liegt dort auf dem Hügel!«, schrie der Fährtensucher. Die krachenden Gewehre hüllten die Reiter in Pulverrauch. Die Pferde wieherten. Greg feuerte aufs Geratewohl. Statt anzugreifen, wie er erwartete, preschten die Gegner in die Hügelkerbe zurück.

    Greg repetierte, ließ einige Sekunden verstreichen und erhob sich dann. Vereinzelte Lichtbündel stachen durch die Wolkendecke. Die Hügelkuppen glänzten. Der Gebirgswall westlich davon blieb im Wolkenschatten. Nichts rührte sich. Kein Hufgetrappel erreichte Greg.

    »Raskin!«

    Sein Ruf verhallte ohne Antwort. Kein Schuss fiel. Aber sie waren da; sie belauerten ihn: Jäger, die sich darauf verließen, dass ihnen die Beute nicht mehr entkam.

    Gregs Finger blieb am Abzug, bis die

    Kuppe hinter ihm lag. Der Braune hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Greg löste die Wasserflasche von dem im Gras liegenden Sattel und wandte sich nach Osten zur Bahnstrecke.

    Es war nicht mehr als der Versuch eines letzten Aufbegehrens. Alles, was Greg hoffte, war, dass er wenigstens Raskin vor die Winchester bekam, bevor sie ihn erwischten. Noch blieben die Reiter unsichtbar. Der Wallach schickte ihm ein schmerzliches Wiehern nach. Nasses Gras klatschte gegen Gregs Stiefel.

    Als er nach zwanzig Schritten stehenblieb, hörte er das Pochen von Hufen hinter den Kämmen. Es begleitete ihn. Trotzdem hielt er stur die Richtung. Die Kopfgeldjäger wussten inzwischen, dass sie es mit einem gefährlichen Kämpfer zu tun hatten. Vielleicht wollten sie ihn auch zermürben, damit er ihnen lebend in die Hände fiel.

    Eine Stunde folgte Greg den Windungen der Hügeltäler. Streifen von blauem Himmel leuchteten über ihm. Vogelstimmen jubilierten.

    Plötzlich waren sie da. Zwei Mann vor ihm, je zwei an den Flanken. Sie standen hinter den Pferden. Nur die Hutkronen und Karabinerläufe waren zu sehen.

    Die Entfernung betrug halbe Gewehrschussweite. Greg befand sich in einer deckungslosen Senke, ein deutliches Ziel für die schimmernden Waffen.

    »Schätze, das war‘s, Jayson!«

    Raskins Stimme kam von links. Er war der Besitzer des Braunen mit der Stirnblesse und den weißen Strümpfen. »Gib auf. Wenn du uns verrätst, was Drury vorhat, bekommst du eine Chance. Andernfalls stirbst du.«

    9

    Die Blaskapelle stand in Reih und Glied unter dem Bahnhofsvordach. Die Musiker trugen schwarze Zylinder, rote Fräcke und blaue Hosen mit weißen Seitenstreifen. Als der Zug einrollte, begann der ziegenbärtige Kapellmeister den Taktstock zu schwingen. Die Bläser schmetterten, bis ihre Köpfe wie überreife Tomaten aussahen.

    Mit feierlicher Miene wartete der Bürgermeister neben dem blumengeschmückten Rednerpult. Die Honoratioren hinter ihm trugen ihre Sonntagsanzüge. Die Frauen hatten die besten Kleider angelegt. Ein blond bezopftes Mädchen hielt einen farbenprächtigen Blumenstrauß. Das Stationsgebäude war wie die übrigen Häuser mit rot-weiß-blauen Fähnchen und Girlanden verziert.

    »Castle Rock grüßt den neuen Gouverneur«, verkündete ein riesiges Transparent. Das Kreischen der Zugbremsen spornte die Bläser zur Höchstleistung an. Der Town Mayor tupfte mit einem weißen Tuch die Schweißtropfen von der Stirn und verfluchte dabei den Schneider, der ihm den Stehkragen zu eng angemessen hatte. Dampf zischte um die Lok. Aus dem Kessel quoll dunkler Rauch.

    Ein bärtiger, gedrungener Mann betrat die vordere Plattform des Pullman-Waggons. Eine dicke Zigarre steckte zwischen seinen Zähnen. Lässig schob er die schenkellange Jacke hinter den Kolben des tief geschnallten 45ers. Die Stiefel waren schmutzig.

    Grinsend betrachtete er die Versammlung. Dann stieg er gemächlich die Trittleiter herab und schlenderte, die Daumen hinter dem patronengespickten Gurt, auf das Empfangskomitee zu. Noch mehr Männer mit breitrandigen Hüten, knalligen Halstüchern und tief gehalfterten Schießeisen verließen den Zug. Einige trugen lange Staubmäntel. Ein Grinsen flackerte auf den unrasierten Gesichtern.

    Der Bürgermeister von Castle Rock nestelte aufgeregt am Kragen. Unruhe entstand. Eine Trompete kam aus dem Takt, das Horn jaulte. Der Kapellmeister fuchtelte wild.

    »Das ist Sam Drury!«, gellte es plötzlich.

    Da brach die Musik ab. Die Menge erstarrte. Dann drohte Panik auszubrechen. Füße trampelten, Schreie gellten. Die Frau des Bürgermeisters fiel in Ohnmacht. Einer von Drurys Hartgesottenen zerschoss das Fenster der Telegrafenstation.

    »Hiergeblieben!«

    Das Gewoge erstarb. Schreckerfüllte Gesichter wandten sich den Banditen zu.

    Ein stoppelbärtiger Hüne hielt Maschinist und Heizer in Schach.

    Drury paffte genüsslich, dann nahm er die Brasil aus dem Mund.

    »Keine Dummheiten, Leute! Wenn ihr nicht wollt, dass Bancroft was passiert, dann geht jetzt nach Hause und haltet euer Geld und euren Schmuck zur Abholung bereit.«

    Hinter dem mittleren Fenster des Pullman-Waggons tauchte ein breitschultriger Mann in grauem Nadelstreifenanzug auf. Die Bewohner von Castle Rock erkannten den Gouverneur nach den Bildern in der Zeitung. Sein markantes Gesicht verschwamm zwar hinter der spiegelnden Scheibe, aber die beiden Gewehrläufe waren nicht zu übersehen.

    »Das ist … das kann …«, stotterte der Town Mayor.

    Drury rauchte. Ein stämmiger, grauhaariger Mann mit einem Stern an der Anzugjacke und einem Revolver in der Faust bahnte sich einen Weg durch die ratlose Menge.

    »Drury, damit kommen Sie nicht durch. Im Namen des Gesetzes: Ich verhafte Sie!«

    »Da wird Bancroft sich aber freuen.« Drury grinste. Der Bürgermeister stürzte aufgeregt zu dem grimmig blickenden Town Marshal.

    »Jones, um Himmels willen, die Kerle werden den Gouverneur töten! Seien Sie vernünftig!«

    »Bancroft wird dir ‘nen Orden spendieren, Dicker«, lobte der Bandenboss. »Vorausgesetzt, dass alles nach Plan läuft und er am Leben bleibt.« Drury blickte den Sternträger an. Betont langsam zog er den Colt. »Kanone weg!«

    Widerstrebend ließ der Stämmige die Waffe fallen.

    »Haben Ihnen die Jahre im Steinbruch nicht gereicht, Drury? «

    Drurys Colt krachte. Der Gesetzeshüter drückte eine Hand auf die blutende rechte Schulter und sank auf die Knie.

    »Ich möchte nicht mehr an die verdammten Steinbrüche erinnert werden!«, grollte Drury. »Von niemand! Ist das klar?«

    Der Bürgermeister schluckte. »Was wollen Sie?«

    »Geld, Freund! Alles Geld entlang der Bahnlinie bis hinunter nach New Mexico, und dazu ‘ne Menge Spaß! Sorg dafür, dass die Burschen im Telegraph Office die Strecke für uns freihalten, sonst gibt‘s Zunder. Der Zug des Gouverneurs hat zwei Stunden Aufenthalt!«

    10

    Zwei Banditen blieben bei Bancroft im Zug. Der Hüne sorgte dafür, dass Lokführer und Heizer die Maschine nicht verließen und sie unter Dampf hielten. Sam Drury marschierte mit dem Rest der Bande durch die menschenleere Stadt. Sein erster Besuch galt der Bank. Das Sternenbanner hing zur Feier des Tages über dem Eingang. Die vergitterten, einbruchssicheren Fenster waren mit Girlanden drapiert.

    »Geschlossen« stand auf dem Schild an der Tür.

    Aber der Direktor höchstpersönlich öffnete den Einlass begehrenden Banditen. Er war mit bei dem Empfang auf dem Bahnhof gewesen und brauchte keine zusätzliche Aufforderung, den mit einem Zahlenschloss gesicherten Tresor zu öffnen. Bates hatte einen Leinensack mitgebracht. Die Banditen kassierten zweiundzwanzigtausend Dollar. Danach sah Drury auf die Uhr.

    »Noch eine Stunde und vierzig Minuten, Männer. Treibt‘s nicht zu toll. Wer nicht pünktlich ist, bleibt zurück!«

    Lärmend schwärmte die Meute aus. Während Drury sich im Saloon bewirten ließ, plünderten seine Männer die Ladenkassen. Sie nahmen auch sonst alles mit, was ihnen wertvoll erschien. Dann kamen die privaten Haushalte dran. Wer nicht rasch genug die Geldbörse leerte, bekam die Fäuste der Banditen zu spüren.

    Kolbenhiebe sprengten verriegelte Türen. Schüsse zertrümmerten Fenster und Geschirr. Frauen schrien, Kinder weinten. In den Häusern entlang der Main Street herrschten Terror und Gewalt. Eine junge Frau flüchtete vor zwei Verfolgern über die Fahrbahn. Die johlenden Kerle holten sie auf einem Hinterhof ein und schleppten sie in eine Scheune.

    Drury war beim vierten Whisky angelangt, und der Salooner servierte ihm dazu kalten Braten und Schwarzbrot, als im Haus gegenüber mehrere Revolverschüsse dröhnten.

    Ein blutüberströmter Mann taumelte heraus. Er hielt noch das Küchenmesser, mit dem er sich gegen die Plünderer gewehrt hatte. Ein weiterer Schuss schleuderte ihn vom Gehsteig. Schluchzend warf die Frau des Ermordeten sich vor ihn auf die Knie. Drury ließ sich bei seiner Mahlzeit nicht stören.

    Ein paar Häuser weiter kletterte ein anderer Stadtbewohner auf die am Mietstalldach lehnende Leiter. Keuchend brachte er ein schweres, auf ein Eisengestell montiertes Büffelgewehr hinter der Fassade zur Straße in Stellung. Verbissen visierte er einen der Banditen an, die um den Toten und die Frau herumstanden. Da spürte er eine Bewegung.

    Sein Kopf ruckte. Der kalte Stahl eines Revolvers berührte ihn,

    »Es wäre Bancrofts Todesurteil, wenn Sie abdrücken!«, raunte eine Stimme. Der Mann mit dem Büffelgewehr blickte in ein lederhäutiges Gesicht. »Die Hundesöhne haben meinen Bruder erschossen!«

    »Sie werden auch den Gouverneur töten – und Sie.«

    Mehrere Sekunden verstrichen, bis der Mietstallbesitzer die Waffe losließ.

    »Wer sind Sie?«

    »US-Marshal Don Wheeler. Die Schurken dürfen nicht erfahren, dass ich hier bin. Ich brauch Ihre besten Pferde, Mister, damit ich vor der Bande Colorado Springs erreiche.«

    11

    Das Seil mit der Todesschlinge baumelte von einem der Telegrafenmasten, die in Abständen entlang der Bahnstraße aufragten.

    Raskin blieb im Sattel. Ein zottelhaariger Kopfgeldjäger hielt das Pferd für den Gefangenen. Einer passte auf die übrigen Tiere auf. Greg stand zwischen zwei grobschlächtigen Gesellen, die Raskins Befehl abwarteten. Die Augen des Anführers glänzten wie schwarze Basaltsplitter im sichelbärtigen Mongolengesicht. Der Ohrring funkelte.

    »Du bleibst also dabei, dass du Drurys Pläne nicht kennst?«

    »Es ist so.«

    »Wie du willst, Jayson. Ich hab nicht die Absicht, mich mit dir ‘rumzuärgern. Hinauf mit ihm!«

    Greg stemmte sich ein.

    »Du bist nicht besser als die Männer, die du jagst, Raskin. Eines Tages wirst du dafür zahlen.«

    »Alles, was ich bedauere, ist, dass es keine Kopfprämie für dich gibt. – Mike, Russ, worauf wartet ihr?«

    Greg versuchte sich loszureißen. Ein Faustschlag traf ihn. Dann hievten sie ihn aufs Pferd. Die Schlinge hing knapp vor seinem schweißüberströmten Gesicht. Es war still. Die Sonne schien. Nur mehr vereinzelte Wolken schwebten über den Bergen im Westen. Der Schienenstrang schlängelte sich durch die Ausläufer der Kenosha Hills. Colorado Springs lag im Süden, Castle Rock im Norden. Weit entfernt stieg der Rauch einer einsamen Siedlerhütte in den blauen Himmel.

    »Du hast in Colorado Springs zwei von meinen Leuten umgelegt. Notwehr oder nicht, darauf kommt‘s nicht an.«

    »Geh zum Teufel!«

    »Du wirst vor mir da sein.« Phil Raskin lenkte sein Pferd neben den Gefangenen. Als er ihm das Seil über den Kopf streifen wollte, traf ein Schuss den Telegrafenpfahl. Der Falbe, auf dem Greg saß, tänzelte erschreckt. Raskin griff zum Colt.

    »Das würde ich bleiben lassen!«, erklang es vom nächsten Hügel..

    »Wheeler!«, keuchte der Zottelhaarige.

    Der Marshal saß auf einem schweißbedeckten Schecken. Zwei weitere Pferde, die besten aus dem Mietstall in Castle Rock, waren an seinem Sattel fest geleint. Das Abzeichen an Wheelers Lederweste glänzte. Er zielte mit einem Gewehr auf die Kopfgeldjäger. Seiner hageren Gestalt war der Gewalttritt nicht anzumerken.

    »Gib Jayson frei!«

    »Misch dich nicht ein, Marshal.«

    »Glaubst du, ich seh ‘nem Mord zu, Raskin?«

    »Der Bastard hat in Colorado Springs zwei meiner Reiter erschossen. Er bekommt, was er verdient.«

    »Dafür ist der Richter zuständig.«

    »Wie bei Drury, der mit zehn Jahren davonkam, obwohl er mehrere Morde auf dem Gewissen hatte.«

    »Die Beweise fehlten.«

    »Eben. Das war mit ein Grund, weshalb ich mich damals entschloss, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Ich hab das Land seitdem garantiert von mehr Schuften befreit als du. Also verzieh dich! Du kannst nichts für Jayson tun.«

    »Ich kann dich aus dem Sattel pusten, du lynchwütiger Narr, wenn du Jayson nicht reiten lässt«, erwiderte der Marshal heftig. »Vor zehn Jahren magst du aus Schmerz und Verzweiflung über den Tod deiner Familie zum Banditenjäger geworden sein. Jetzt bist du bloß ein Killer, der von Kopfprämien lebt. Als solchen werde ich dich behandeln.«

    Kein Muskel bewegte sich in Don Wheelers Ledergesicht. Mit jeder Minute schmolz sein Vorsprung vor der Drury-Bande. Der Zottelhaarige hatte den Falben losgelassen.

    »Nimm die Zügel, Jayson! Komm her!«

    Gregs

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