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Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021
Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021
Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021
eBook459 Seiten6 Stunden

Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021

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Über dieses E-Book

Dieser Band enthält folgende Romane:

Anna Martach: Kunterbuntes unterm Grimsteig

A.F.Morland: Lebe unseren Taum, Geliebte

A.F.Morland: Dr. Härtlings schwerste Stunde

A.F.Morland: Das Kind der neuen Chirurgin

Endlich ist es soweit. Dr. Claudia Voss und ihr Mann Fred sind überglücklich, denn Claudia hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht. Doch das Glück währt nicht lange. Claudia verliert ihren geliebten Mann. Ihre Schwiegermutter steht ihr hilfreich zur Seite und kümmert sich sehr liebevoll um den kleinen Flori. Zu Claudias großen Kummer kommt auch noch die Sorge um ihre Schwester Helga, die dem Schlankheitswahn verfallen ist …
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum22. Juli 2021
ISBN9783745216806
Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021
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    Buchvorschau

    Ein bunter Blumenstrauß - Anna Martach

    A.F.Morland, Anna Martach

    Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021

    UUID: 40b00859-1a19-4f5f-b9af-5814dadd4c8c

    Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://writeapp.io) erstellt.

    Inhaltsverzeichnis

    Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021

    Copyright

    Kunterbuntes unterm Grimsteig

    Lebe unseren Traum, Geliebte

    Dr. Härtlings schwerste Stunde

    Das Kind der neuen Chirurgin

    Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021

    Anna Martach, A.F.Morland

    Dieser Band enthält folgende Romane:

    Anna Martach: Kunterbuntes unterm Grimsteig

    A.F.Morland: Lebe unseren Taum, Geliebte

    A.F.Morland: Dr. Härtlings schwerste Stunde

    A.F.Morland: Das Kind der neuen Chirurgin

    Endlich ist es soweit. Dr. Claudia Voss und ihr Mann Fred sind überglücklich, denn Claudia hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht. Doch das Glück währt nicht lange. Claudia verliert ihren geliebten Mann. Ihre Schwiegermutter steht ihr hilfreich zur Seite und kümmert sich sehr liebevoll um den kleinen Flori. Zu Claudias großen Kummer kommt auch noch die Sorge um ihre Schwester Helga, die dem Schlankheitswahn verfallen ist …

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author

    © dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

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    Kunterbuntes unterm Grimsteig

    Alpendoktor Daniel Ingold

    von Anna Martach

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

    Die Nachricht verbreitet sich in Hindelfingen wie ein Lauffeuer: Am Grimsteig will eine Gruppe von Studenten ein Experiment ausführen, um das Leben in früheren Zeiten nachzuempfinden. Doch schon zu Beginn ergeben sich in der Gruppe einige Probleme, und die Meinungen der Anwohner zu dem Projekt gehen weit auseinander.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    1

    „Hast schon gehört?" Vreni Kollmannberger kam mit allen Anzeichen von Aufregung in die Poststelle, wo ihre Freundin Trudi gerade etwas lustlos damit beschäftigt war, irgendwelche Listen auszufüllen. Diese Frage war für Vreni typisch. Was sie zu verbreiten hatte, war in der Regel so neu und unbekannt, dass es außer ihr noch niemand gehört hatte.

    Trudi, eine einfache Frau mittleren Alters, schaute interessiert auf.

    „Hat der Doktor sich endlich entschlossen, die Bernie zu heiraten?"

    „Ach, Schmarrn, ich glaub‘ fast, die beiden wollen uns alle an der Nase herumführen. Die sollten doch schon längst verheiratet sein. Glaubt denn unsere Frau Tierärztin, sie könnt‘ was Besseres bekommen als den Doktor? Nein, in diesem Punkt gibt‘s nix Neues. Aber stell dir vor, auf dem Waldstück drunten an der Theine, wo auch unsere Waldbühne ist ..." Sie machte eine Pause und holte Luft, während Trudi mit weit geöffneten Augen an ihren Lippen hing.

    „Ja, nun sag doch endlich, was gibt‘s da drunten? Tust ja grad so, als wär‘s ein Staatsgeheimnis", forderte sie ungeduldig.

    „Na, pass auf, ich hatt‘s direkt vom Dernbacher Franzl, dem Wirt vom Kreuzkrug. Da drunten an der Theine macht eine Gruppe von Studenten ein Experiment – leben wie im Altertum, oder so ähnlich. Die wollen ein paar Hütten bauen, die dann später stehenbleiben sollen, wenn sie haltbar genug sind. Naja, und ernähren wollen sie sich von dem, was es so gibt. Vom Dornhuber Wolfgang haben sie wohl die Erlaubnis, dass sie auf dem Kornfeld was von Hand ernten dürfen. Und wenn man‘s so bedenkt, Obst gibt‘s im Augenblick an den Bäumen, Pilze wachsen auch schon auf der Wiese und im Wald. Aber ob das geht? Auf jeden Fall ..."

    „... ist das eine depperte Idee, verkündete Trudi eine eigene Meinung, was sie nur selten tat. „Erst mal mogeln die ja wohl. Wenn‘s recht so leben wollten, hätten‘s anfangen müssen im Frühjahr, um das Korn und was auch immer selbst anzubauen und zu pflegen. Außerdem liegt das Lager, oder wie immer man das nennen will, viel zu nah am Ort. Was denken die sich denn dabei, ist ja wohl ein ziemlicher Schmarrn.

    Vreni schaute ihre Freundin verblüfft an. Seit wann besaß die denn eine eigene Meinung und verbreitete die auch noch so deutlich?

    „Meinst also net, dass wir alle noch was daraus lernen könnten? Ich denk‘, wenn man feststellen kann, wie das damals alles gelaufen ist ..."

    „Ach, Quatsch. Zum zweiten Mal an diesem Tag unterbrach Trudi ihre Freundin, was schon mehr als bemerkenswert war. „Schau dir doch nur mal die Geschichte an. Wie haben die Leut‘ denn damals gelebt? Eine einzige Plackerei war das, von früh bis spät. Krankheiten gab‘s zuhauf, und die Menschen waren dumm und ungebildet, weil‘s gar keine Möglichkeit besaßen, was zu lernen oder auch mal was anderes zu tun. Vor allem für die Frauen war‘s doch schlichtweg eine Hölle. Ein Kind nach dem anderen gebären, Arbeit ohne Ende, keine Hilfsmittel, wie wir sie heut‘ haben. Nein, ich halt‘s net für eine gute Idee.

    „Sag mal, hast was?, erkundigte sich Vreni und legte der anderen Frau scheinbar besorgt die Hand auf die Stirn. „Soll ich den Doktor rufen?

    „Ach, geh, lass mich aus." Trudi machte eine abwehrende Bewegung, und Vreni lächelte plötzlich verständnisvoll.

    „Hast dich mal wieder mit dem Berti gehabt? Was hat er denn nun wieder zu lamentieren?"

    Trudi stieß mit einem Ruck die Luft aus den Lungen.

    „Wenn ich das nur wüsst‘. Er jammert über alles, dabei hat er doch eine gute Arbeit, und außerdem einen reizenden Chef. Daheim kann ich ihm nix recht machen, mal sind die Semmeln zu hart, oder er findet ein Staubkorn auf dem Schrank, die Kinder sind ihm zu laut oder zu leise – Himmel, manchmal wünscht‘ ich, wir wären net verheiratet, auch wenn er dann wieder ganz ungeheuer lieb sein kann. Aber weißt, da lob‘ ich mir doch ein Mannsbild wie unseren Doktor. Der tät‘ bestimmt net an allen herummäkeln."

    „Ach, der hat bestimmt auch seine Macken, da mach‘ dir mal nix vor. Und eigentlich hängst ja auch sehr an deinem Berti. Wirst halt damit leben müssen, dass er manchmal mit sich und der Welt unzufrieden ist."

    „Naja, man wird sich doch wohl noch was wünschen dürfen, oder net?, seufzte Trudi. „Und ich wünsch‘ mir halt manchmal, dass ich ein Mannsbild an meiner Seite hätt‘ wie den Daniel Ingold, auch wenn ich meinen Berti net so einfach hergeben tät‘. Aber lassen wir das. Jetzt erzähl‘ mir mehr von diesen Studenten. Wie kommen die nur auf eine so narrische Idee? Und noch dazu ausgerechnet hier in Hindelfingen?

    Vreni fühlte sich in ihrem Element. Jetzt konnte sie endlich loslegen.

    2

    Der Mann, der offensichtlich das Objekt einiger Träume war, saß gerade in seinem Sprechzimmer und erklärte einer älteren reizenden Dame, dass sie mit der Psoriasis, der gemeinen Schuppenflechte, keine größeren Probleme haben würde, dass sie aber auf ihr angegriffenes Herz zu achten hätte.

    Agatha Müller sah diese Notwendigkeit aber nicht so recht ein, was vielleicht daran lag, dass die Schuppenflechte sich deutlich sichtbar an den Ellenbogen und hinter den Ohren breit machte, während sie ihr Herz natürlich nicht sehen konnte und auch kaum Beschwerden daran verspürte.

    Agatha war in mancher Hinsicht bemerkenswert. Die alte Dame würde in ein paar Tagen ihren neunzigsten Geburtstag feiern. Sie bewohnte und bewirtschaftete noch immer allein ein kleines Haus, arbeitete recht fleißig im Garten und verwöhnte mittlerweile vierzehn Ur-Ur-Enkel. Eine stolze Leistung, wie nicht nur Daniel fand. Doch im mancher Beziehung konnte sie ausgesprochen dickköpfig sein, was der Doktor mal unter vier Augen der Bernie gegenüber als Altersstarrsinn bezeichnet hatte. Trotzdem fand er Agatha liebenswert, wenn auch manchmal etwas schwierig.

    „Und wie krieg‘ ich das Zeugs nun wieder weg?", forschte sie nun wohl schon zum vierten Mal. Daniel seufzte auf und begann noch einmal von vorn.

    „Hier hab ich Ihnen eine leichte Hydrocortison-Salbe aufgeschrieben, mehr braucht‘s bei diesen einfachen Symptomen noch net. Die tragen S‘ ein- bis zweimal täglich auf, da wo die Schuppen sich zeigen. Dann bleibt die Haut zwar noch ein bisserl gerötet, aber nach und nach wird‘s besser werden, und auch der Juckreiz wird nachlassen. Haben S‘ denn jetzt verstanden, was ich gesagt hab über Ihr Herz?"

    Verschmitzt lächelnd schaute die alte Frau ihn an. „Da übertreiben S‘ doch wohl ein bisserl, Herr Doktor. Was sollt‘ mir das denn bringen, wenn ich tu, was S‘ da vorschlagen? Net aufregen, weniger arbeiten – mein ganzes Leben lang hab ich gearbeitet. Was glauben S‘ denn wohl, was passieren tät‘, würd‘ ich mich jetzt auf die faule Haut legen? Nein, nein, damit brauchen S‘ mir erst gar net zu kommen."

    „So geht‘s aber net, widersprach Daniel. „Wenn S‘ net ein bisserl mehr auf sich Acht geben, dann können S‘ net alt werden. Im gleichen Moment, da er die Worte ausgesprochen hatte, sah er ein, welchen Unsinn er gerade geredet hatte.

    „Alt bin ich schon, Herr Doktor, lachte die Frau. „Aber wollen S‘ mir tatsächlich auf meine alten Tage jeden Spaß verderben? So geht‘s nun aber wirklich net. Ich weiß net, wie viel Zeit der Herrgott mir noch schenkt. Aber das wenige werd‘ ich nutzen, um zu leben, jeden Tag aufs Neue. Also kommen S‘ mir net mit einem kranken Herzen. Das einzige, was mich stört, sind diese Schuppen.

    Daniel hatte der resoluten Rede lächelnd zugehört. Er konnte sich recht gut vorstellen, wie Agatha im Verlauf ihres Lebens alle Schwierigkeiten gemeistert hatte. Mit Mut, Freundlichkeit, und wo‘s nötig war, auch mit Strenge, hatte sie alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Sicher war es ein langer Lernprozess gewesen und oftmals schwierig. Aber die Lebensweisheit, über die Agatha verfügte, war nicht mit Gold aufzuwiegen. Da machte es nicht viel aus, dass sie manchmal ein bisschen dickköpfig war. Daniel kannte die alte Dame seit seinem ersten Tag in Hindelfingen und wusste sie mittlerweile zu nehmen. Also übte er sich in Geduld.

    „Das tät‘ net lang dauern, bis die Schuppen zurückgehen. Und bei Ihnen ist die Psoriasis ja net stark ausgeprägt. Da tät‘s schon Menschen geben, die das überall am ganzen Körper haben, und da weiß man dann auch eine andere Therapie einzusetzen. Nur ist bis heut‘ noch niemandem so recht bekannt, wodurch das ausgelöst wird, und wie man das dauerhaft heilen kann. Also kann ich Ihnen nur raten ..."

    „Ach, Schmarrn, so was hat‘s alle Zeiten lang gegeben, und früher hat auch kein Doktor gewusst, was zu tun war. Da bin ich ja schon froh, dass es jetzt besser werden kann. Wir werden sehen. Und mein Herz lassen S‘ mal meine Sorge sein. Dem tät‘s in den nächsten Tagen wieder besser gehen. Einer meiner Enkel wird hier bei dem Experiment unten an der Theine dabei sein, und ich freu‘ mich drauf."

    „Was denn für einen Experiment?", fragte Daniel verblüfft.

    „Ach, hat die Vreni das noch net überall herumerzählt? Oder haben S‘ das vielleicht überhört?" Sie berichtete von dem Plan, für einige Zeit das Leben in der Vergangenheit nachzustellen.

    „Und da wollen die jungen Leut‘ schon mal nachfragen, wenn‘s net weiter wissen."

    „Dann passen S‘ nur gut auf sich auf. Net, das S‘ täglich da hinunterlaufen. Ich wollt schon noch ein bisserl länger was haben von meiner ältesten und liebsten Patientin", mahnte der Arzt.

    „Ja, was hör‘ ich denn da, Schmeicheleien? Sie sind ja ein ganz Durchtriebener. Nein, solche Worte heben S‘ sich besser für Ihre Bernie auf. – Wann, haben S‘ gesagt, ist Verlobung? Mein Gedächtnis lässt doch langsam nach."

    Daniel lachte herzhaft auf. Das Gedächtnis von Agatha Müller war vermutlich um Längen besser als das der meisten anderen Leute hier am Ort. Und eine Verlobung stand nun mal nicht an, was aber nicht so sehr an ihm lag. Darüber brauchte er jetzt aber kein Wort zu verlieren, sämtliche Tatsachen aus seiner Beziehung zur Bernie waren eigentlich gut bekannt.

    Agatha tätschelte ihm gutmütig den Arm und stand auf.

    „Das wird schon was werden, Herr Doktor, die Bernie ist ein kluges Madl, die wird so ein fesches Mannsbild net einfach davonlaufen lassen." Sie ging hinaus, und Daniel dachte an die bildhübsche Tierärztin, Bernhardine Brunnsteiner. Ob er wohl heute einen neuen Versuch machen sollte, sie um ihre Hand zu bitten? Er liebte die Frau von Herzen, und auch sie empfand nicht anders für ihn, wie er sehr wohl wusste. Nun, er sollte auf jeden Fall durch Minchen oder Maria, seine getreuen Arzthelferinnen, einen Blumenstrauß besorgen lassen. Mehr als wieder einmal um Zeit zu bitten würde Bernie wohl nicht tun.

    3

    „Was denn, hier draußen sollen wir leben?" Karin, eine der Studentinnen, die ab heute ein neues Leben führen sollten, verzog entgeistert das Gesicht. Für einen modernen Menschen, der an die Annehmlichkeiten der Zivilisation gewöhnt war, musste es sie wie ein reiner Anachronismus anmuten. Dabei waren die Modalitäten doch eigentlich vorher schon geklärt worden, und alle Teilnehmer waren freiwillig hier – immerhin gab es gute Noten beim Professor dafür.

    Sie standen hier auf einer Wiese, rechts, vielleicht fünfzig Meter entfernt, floss die Theine, in unmittelbarer Nähe begann der Wald, und hinter ihnen, vielleicht hundert Meter weit weg, gab es größere Felsen, die schon zum Grimsteig gehörten. Ein großer Stapel Holz, relativ ebenmäßige Stämme, lagen auf einem Haufen, eine Palette, abgedeckt mit einer Plane, enthielt das notwendige Zubehör, um kochen, waschen und arbeiten zu können – aber das war auch schon alles.

    Die hier anwesende Gruppe von zwölf Leuten würde allein mit der Arbeit der eigenen Hände alles aufbauen müssen, was notwendig war. Natürlich hatte ein jeder vorher gewusst, um was es ging. Allerdings schien nicht jedem so ganz klar gewesen zu sein, dass dieses Experiment tatsächlich eine Abkehr von der übrigen Welt bedeutete. Davon zeugte auch die Tatsache, dass sich in fast jedem persönlichen Gepäckstück elektronische Geräte befanden, die hier draußen ohne Strom natürlich nicht lange funktionieren würden.

    Burkhard Filbinger, der diesen Versuch ins Leben gerufen hatte, lächelte insgeheim. Da hatte er vorher noch so viel reden können, begriffen hatten die Kommilitonen das Ganze offenbar noch nicht richtig.

    Er deutete jetzt großzügig auf die Höhlen, die sich hier am Fuß des Grimsteigs befanden.

    „Ich erkläre euch die Sache am besten noch einmal, begann er, und augenblicklich richtete sich die Aufmerksamkeit der anderen auf ihn. „Wir werden hier anfangen eine Siedlung zu gründen, wie es unsere Vorväter getan haben. Mag sein, dass es die ersten Tage sehr schwierig werden wird. Hier auf der Palette ist alles, was wir benötigen sollten, aber nix, was uns aus dem täglichen Leben allzu vertraut wäre. Werkzeug ist wichtig, damit werden wir zwei Hütten bauen, in denen jeweils sechs von uns leben können. Wenn‘s uns gefällt, dürfen es auch mehr Hütten werden. Wer sich zutraut, sich mit Axt und Hammer net gleich selbst umzubringen, darf sich schon mal freiwillig melden.

    Leises Gelächter klang auf.

    „Bis die Hütten stehen, was machen wir da? Wo sollen wir essen, wo schlafen? Und wo sind die Wasserleitungen, damit wir ein Bad anlegen können. Außerdem brauchen wir Strom, wo gibt es den?" Ein junger Mann aus der Gruppe hatte diese Fragen gestellt und schaute sich etwas ratlos um.

    Klaus Müller, der Enkel der alten Agatha, stand neben ihm und stieß ihn freundschaftlich an.

    „Da hast wohl was verpasst im Semester, glaub‘ ich. Strom und Wasser tät‘s net geben, da drüben ist die Theine, wennst schon jetzt ein Bad brauchst. Unsere Madln müssen halt lernen, die ersten Tage über dem offenen Lagerfeuer zu kochen, später im Haus müssen wir einen Ofen konstruieren. Und wennst wirklich klug bist, kannst dir ja Gedanken über eine Wasserleitung vom Fluss hierher zu den Häusern machen. Meine Oma ist schon so alt, dass sie in ihrer Jugend noch so gelebt hat. Wenn‘s gar net anders geht, wird sie uns gern helfen."

    Die Gesichter einiger waren bei seinen Worten lang und länger geworden.

    „Das ist net dein Ernst", stieß eines der Madln hervor.

    „Ja, sagt mal, was habt ihr euch eigentlich vorgestellt? Ihr alle habt doch lang genug gelernt, wie das Leben damals gewesen ist. Kommt also jetzt net her und erklärt, es müsst‘ anders gewesen sein."

    Die Freundin von Burkhard Filbinger, Dorothea Gassner, schaute sich mit einem spöttischen Gesichtsausdruck um. „Also bitte, Herrschaften, ich erwarte jetzt ein bisserl Freude und Enthusiasmus. Es wär‘ doch wohl gelacht, wenn wir das net schaffen würden. Und ich denk‘, wir werden net nur eine Menge Spaß an der Sache haben, wir werden auch einiges lernen, was uns später im Leben zugutekommt."

    Die Begeisterung hielt sich auch weiterhin in Grenzen, einige von ihnen hatten tatsächlich gedacht, man würde die Abende und Nächte in einem Hotel oder einer Jugendherberge verbringen und nur tagsüber quasi ein Spiel spielen. Jetzt wurden sie mit dem Ernst des täglichen Lebens konfrontiert, und sie waren ziemlich verschreckt. Aber andererseits wollte sich auch keiner eine Blöße geben, so kam niemand auf die Idee, gleich wieder abzureisen.

    „Wenn die Madln die Hausarbeit machen, und die meisten anderen von uns die Hütten bauen – wer besorgt dann die Nahrung? Ich mein, da gäb‘s ja mehr, als nur ein paar Äpfel zu pflücken oder was auch immer. Ich denk da gerade an ein schönes Stückerl Fleisch."

    „Meinst am End‘ gar, wir sollten auch noch Tierhaltung einführen, damit ein Stückerl Fleisch auf dem Tisch ist? Dann müsst‘ allerdings auch jemand die Tiere schlachten und ausnehmen." Burkhard schien alles recht genau überlegt zu haben, aber hätte er das nicht, wäre niemals von seinem Professor das Einverständnis gekommen. Von dem hatten sie auch noch einen Besuch zu erwarten, doch zunächst sollten die jungen Leute allein klarkommen.

    „Ich glaub‘ net, dass wir‘s einfach zusätzlich machen sollten, fuhr der junge Mann fort. „Da wär‘s sicher klüger, wenn wir durch Tauschhandel was bekommen könnten. Lasst euch aber noch eines gesagt sein – kein Geld. Wir haben hier schließlich nix verdient. Und wir müssen froh und dankbar sein, dass man uns gestattet, Obst von den Bäumen zu pflücken, Korn auf den Feldern und auch anderes Gemüse zu ernten. Allerdings nur für den Eigenbedarf. Ich will hoffen, dass das einem jeden klar ist. Wer sich jetzt noch berufen fühlt, einen Feldhasen zu fangen, den werd‘ ich sicher net dran hindern. Derjenige wird dem Vieh aber wohl nachlaufen müssen, alles andere wär‘ Wilderei. Haben wir uns verstanden? Gut, dann können wir ja wohl anfangen.

    Zögernd und sogar etwas lustlos begannen die Mannsleut‘ auszupacken. Dorothea scharte die Madln um sich, gemeinsam würden sie zunächst beim Dornhuber einen Besuch abstatten, um sich vorzustellen und gleich einiges mitzunehmen. Schließlich musste man gleich heut‘ damit anfangen zwölf Leute zu bekochen. Ab morgen ließ sich bestimmt eine andere Einteilung finden.

    4

    Die erste Aufregung um das „depperte Projekt an der Theine" hatte sich gelegt. Allerdings hatten plötzlich erstaunlich viele Leute drunten am Fluss etwas zu tun oder wollten einen Spaziergang machen, der genau in diese Richtung führte. Und jeder, der neugierig den unebenen Weg entlangkam, reckte den Hals, um nur ja nichts von dem zu verpassen, was sich dort auf der Wiese abspielte. Wie es kommen musste, mangelte es nicht an Kommentaren hilfreicher oder hämischer Art, und manches Mal mussten die jungen Männer, die eifrig mit Holz und Werkzeug beschäftigt waren, an sich halten, um nicht passend herauszugeben oder gar auf eine unmissverständliche Aufforderung zur Rauferei einzugehen. Gerade die Burschen aus dem Ort taten sich groß darin, die Studenten zu provozieren. Das war nicht besonders freundlich, aber noch hatte sich niemand gefunden, der diesem Schabernack ein Ende bereiten konnte, vielleicht auch deswegen, weil es noch niemandem aufgefallen war.

    Die erste Mahlzeit hatte sich als Katastrophe erwiesen. Die Madln hatten es nicht fertiggebracht auf dem offenen Feuer eine Suppe zu kochen, und so hatten sich alle mit mehr oder weniger knurrendem Magen in ihre Schlafsäcke gerollt. Kaum jemand hatte in der ersten Nacht gut geschlafen, gerädert und verspannt von der ungewohnten Haltung auf dem Boden waren sie am Morgen aufgestanden und hatten mehr oder weniger lautstark über die Tatsache geschimpft, dass es hier keine heiße Dusche und erst recht keinen heißen Kaffee gab.

    Wenig später geschah dann aber das kleine Wunder; Agatha kam zu Fuß hinaus, und sie machte Burkhard in wenigen Worten deutlich klar, dass auch die Menschen der vergangenen Zeiten durchaus das Recht hatten, die Hilfe älterer und erfahrener Leute anzunehmen. Woher sonst hätten sie schließlich wissen sollen, was zu tun war. Die freundliche und sympathische Art der alten Dame nahm den jungen Frauen die Befangenheit; besonders diejenigen, die sich gerade bei der Hausarbeit nicht besonders sicher fühlten, wurden hier nicht ausgelacht oder gescholten.

    „Schaut her, wie man‘s früher gemacht hatte. Es ist kein Vergleich zu dem, was heut‘ passiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter die Wäsche bis hier zur Theine geschleppt hat, um sie mit Bürste und Schmierseife und Soda zu waschen. Und erst das Kochen auf dem Herd. Dirndln, ich sag euch, wenn der Wind falsch gestanden hat, dann qualmte jeder Herd, und nix hat richtig geschmeckt. Mein Vater pflegte dann immer zu sagen, die Schornsteine tragen Trauer. Aber trotzdem war meine Mutter eine zufriedene und glückliche Frau, vielleicht lag‘s daran, dass sie ihre Arbeit gern getan hat, und deswegen war sie auch gut."

    „Sie machen aber auch ganz den Eindruck, als wären S‘ glücklich", wandte Dorothea ein.

    „Ja, bin ich. Wer so ein langes Leben hinter sich hat, der hat auch fast alles erlebt, was es geben kann. Aber ich hab mein bescheidenes Auskommen, eine große Familie, und ich bin noch immer in der Lage, mich selbst zu versorgen, was ich auch als Geschenk vom Herrgott ansehen muss."

    Erstaunt hatten die jungen Frauen zugehört. Für sie wirkte es unüblich, dass jemand mit derart geringen Ansprüchen tatsächlich zufrieden sein konnte.

    Der reiche Erfahrungsschatz der alten Dame tat ein Übriges, um die Frauen zu verblüffen. Das Essen, was sie unter der Anleitung von Agatha zustande brachten, war denn auch so schmackhaft, dass alle glaubten, noch nie so gut gegessen zu haben.

    Ganz anders lief es bei den Mannsbildern. Burkhard hatte natürlich auf die Bauanleitungen und Pläne aus dem Museum zurückgreifen können, und in der Theorie sah das alles auch recht logisch und sogar einfach aus. Doch selbst ihm war vorher nicht ganz klar gewesen, welch ein Gewicht Holz besaß, so dass die Männer mehr als einmal vor fast unlösbaren Problemen standen. Mit Sicherheit wurden auch hier große Fehler gemacht, doch es ging langsam voran. Den Zeitplan konnte man allerdings schon nicht mehr einhalten, diese Tatsache zeichnete sich schon nach dem ersten Tag ab.

    Beim gemeinsamen Mittagessen tauschten die Gruppen dann ihre Erfahrungen aus.

    „Da habt ihr es dann aber gut getroffen, im Gegensatz zu uns, beschwerte sich einer der Männer. „Es kann ja wohl net gut angehen, dass ihr Hilfe habt und euch alles beigebracht wird, während wir in halsbrecherischer Weise unsere Hütten bauen müssen.

    „Nun beschwer dich mal net, wir schaffen das schon, versuchte Burkhard die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. „Die Madln bekommen einen Kochkurs, und wir haben doch wenigstens eine Anleitung, mit der wir was anfangen können.

    „Aber wohl kaum Hütten bauen", entfuhr es Dorothea.

    Burkhard warf ihr einen bösen Blick zu.

    „Ich glaub‘ net, dass du das vergleichen solltest. Schließlich tun wir die richtig harte Arbeit."

    „Ach, glaubst am End gar, wir drehen Däumchen?, fuhr sie empört auf. „Da haben wir‘s ja wieder mal, dass kaum ein Mannsbild in der Lage ist, die Arbeit der Frauen tatsächlich zu würdigen. Dann geh doch mal hin und wasch‘ die Wäsche im kalten Wasser. Lauf in den Wald, such Kräuter, Beeren und Pilze, damit du auch was zu beißen hast bei deiner schweren Arbeit. Und was der Dinge sonst noch mehr sind.

    Er machte einen Rückzieher. „Ich glaub‘ dir‘s ja, dass auch das alles wichtig und net weniger schwer ist. Und wir führen das Experiment ja auch grad deswegen durch, weil wir einen Einblick haben wollen in die Arbeit der alten Zeiten. Wir sollten daraus lernen, auf beiden Seiten."

    Sie nickte besänftigt, nahm sich aber vor, ihrem Freund bei nächster Gelegenheit zu zeigen, was eine Frau zu tun hatte, während ein Mannsbild gerade mal mit Axt und Hammer, mit Sichel, Dengel und Sense umgehen musste.

    Dazu sollte es jedoch nicht so bald kommen. Kaum waren die Männer wieder bei der Arbeit, passierte das Unglück.

    Einer der anderen ließ einen Hammer aus der Hand genau auf den Arm von Burkhard fallen. Da man hier mit großen Gewichten und Geräten hantierte, handelte es sich natürlich auch nicht um einen kleinen Hammer.

    Augenblicklich zeigte sich eine heftig blutende Wunde, und der ganze Arm wurde taub.

    Durch den provisorischen Verband aus Leintüchern sickerte das Blut schon durch, als Burkhard in Begleitung von Agatha in der Praxis von Daniel Ingold ankam. Die alte Dame, die darauf bestanden hatte, den Verletzten zu begleiten, damit die anderen weiterarbeiten konnten, rief Minchen einen kurzen Gruß zu, dann deutete sie auf ihren Begleiter.

    „Da pressiert es, könnt ihr ihn rasch zum Doktor geben? Den hat‘s arg erwischt."

    „Ja, freilich, ein Momenterl tät‘s trotzdem dauern, erklärte Minchen mitleidig. „Der Doktor behandelt gerade einen anderen Patienten, und in dem zweiten Sprechzimmer ist auch ein eiliger Fall. Aber ich werd‘ zusehen, dass es ganz rasch geht. In der Zeit können wir ja schon mal die Karteikarte anlegen.

    Agatha lächelte zufrieden und ging heim. Sie hatte sich für diesen Tag mehr als genug angestrengt und war jetzt rechtschaffen erschöpft. Ob der Doktor wohl doch ein klein bisserl recht hatte mit seiner Warnung im Bezug auf ihr Herz? Ach nein, wohl kaum, sie war nun mal eine alte Frau, da konnte sie eben nicht mehr so viel tun wie die jungen Hüpfer.

    In der Praxis nahm Maria die Personalien auf und füllte dann auch den Unfallbericht aus. Da es sich bei dem Experiment um eine genehmigte Studienveranstaltung handelte, gab es besondere Vorschriften und Berichte.

    Mitfühlend schaute die junge Arzthelferin auf den verletzten Mann. Er war bleich, kämpfte aber tapfer gegen die Schmerzen und das Gefühl, jeden Moment zusammenbrechen zu müssen. Mit festem Griff hielt er sich am Tresen der Rezeption fest, und die Knöchel der gesunden Hand wurden weiß, so stark war sein Griff. Die Antworten auf die Fragen von Maria klangen gepresst. Offensichtlich konnte er sich nicht mehr lange auf den Füßen halten.

    „Nun gehen S‘ und setzen sich noch einen Moment hin, bat die junge Frau sanft. „Es dauert jetzt net mehr lang, aber der andere Patient ist genauso arm dran wie Sie.

    Burkhard nickte angespannt und wandte sich dem Wartezimmer zu, doch er stolperte mehr als er ging. Eine junge Frau sprang hilfsbereit auf und stützte ihn. Er bekam nur einen kurzen Eindruck von leuchtend blauen Augen und haselnussbraunen Haaren, eine sanfte Stimme sprach behutsam auf ihn ein, und endlich konnte er sich setzen.

    „Du meine Güte, was haben S‘ denn gemacht?", fragte die freundliche Stimme. Eine Hand griff nach der seinen, und diese Berührung war wohltuend. Burkhard versuchte ein Lächeln, spürte aber selbst, dass es kläglich misslang.

    „Ein Arbeitsunfall, wenn man so will", erklärte er unglücklich.

    „Das muss aber eine gefährliche Arbeit sein, wenn man anschließend so ausschaut."

    „Ach, lachen S‘ ruhig, wer mit solchen Kameraden gestraft ist, braucht keine Feinde mehr."

    Die freundliche Stimme lachte hell auf, sie gehörte der feschen Anna Abraham. Die hübsche junge Frau war die Tochter des Bezirksförsters Egidius Abraham. Sie selbst hatte sich entschieden in den Polizeidienst zu treten und war auch schon angenommen worden. Zum Einstellungsverfahren gehörte aber auch eine ausführliche medizinische Untersuchung, die Daniel Ingold vornehmen sollte. Ihm vertraute Anna mehr als dem Dienstarzt, und schließlich war es ihr auch freigestellt, von welchem Doktor sie sich untersuchen ließ. So hatte es der Zufall gewollt, dass Anna dem verletzten Mann ein wenig helfen konnte. Eines wusste sie recht genau, es war wichtig, dass Menschen mit Verletzungen und Schock möglichst bei Besinnung blieben. Gleichzeitig brauchten sie eine emotionale Betreuung, also genau das, was auch Agatha schon gemacht hatte, indem sie Burkhard hierher begleitete. Und dass der junge Mann unter Schock stand, war kaum zu übersehen, da mochte er sich doch so sehr bemühen, sich zu beherrschen und das Ganze zu überspielen.

    Anna sorgte dafür, dass er redete und so abgelenkt wurde von seinem Unfall. Außerdem fand sie das ganze Experiment hochinteressant, gerade auch, weil sie hier im ländlichen Bereich aufgewachsen war, wo noch viele alte Traditionen und Gewerke aus dem Handwerk gepflegt wurden. So hatte sie schon früh Zugang gefunden zu den Arbeiten, die vor drei- oder vierhundert Jahren ausgeübt wurden. Nie hätte sie sich allerdings vorstellen können, selbst in dieser Richtung etwas zu unternehmen, aber sie fand es faszinierend, dass sich Leute bereitgefunden hatten, einen solchen Versuch zu wagen.

    So kam es, dass die beiden jungen Leute ins Gespräch vertieft waren, als Minchen hereinkam und den Verletzten ins Sprechzimmer bat. Burkhard warf Anna noch einen dankbaren Blick zu und wunderte sich dann über sich selbst. Seit er Dorothea kennengelernt hatte, war es ihm nicht eingefallen ein anderes Madl auch nur anzuschauen. In letzter Zeit hatte es jedoch immer wieder Streit zwischen ihnen gegeben. Das lag zum Teil daran, dass die Frau in ihren Ansichten über das Experiment und seine Auswertungen anders dachte als er. Burkhard sah in dem Versuch die Möglichkeit einer Rekonstruktion, aus dem sich für das Leben in der heutigen Zeit noch Rückschlüsse ziehen ließen. Dorothea würde am liebsten einen Zeitsprung in die Vergangenheit machen und dort die ganze Gesellschaft mit den Strukturen umwandeln. Sie war nicht bereit einzusehen, dass allein schon aus der Überlieferungen und Erziehung der Menschen der damaligen Zeit kein anderes Handeln möglich war. Die meisten Veränderungen waren langsam und schleichend vor sich begangen, auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft hatte sich nicht schlagartig geändert.

    Das wollte Dorothea nicht gerne einsehen, und sie hatte endlose Diskussionen mit Burkhard und den anderen geführt, die natürlich kein Ergebnis gebracht hatten. Im Verlauf dieser letzten Wochen hatte der junge Mann erkannt, dass seine Gefühle für Dorothea nicht so tief und intensiv waren, wie er zuvor angenommen hatte. Ganz ernsthaft hatte sich plötzlich die Frage gestellt, ob das seine Vorstellung einer lebenslangen Beziehung war – in ständigem Wettstreit mit der Frau an seiner Seite zu stehen, nicht im partnerschaftlichen Verhältnis, sondern im Gegeneinander, weil sie ständig der Ansicht war, alles mindestens ebenso gut zu beherrschen wie der Mann.

    Warum nur? Es war doch viel klüger gemeinsam etwas aufzubauen und die Fähigkeiten des

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