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Berlin 1968 I. Bitternis - Drei Romane in einem Band
Berlin 1968 I. Bitternis - Drei Romane in einem Band
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eBook490 Seiten6 Stunden

Berlin 1968 I. Bitternis - Drei Romane in einem Band

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Über dieses E-Book

Ein gescheiterter Einbruchsversuch mit einem Toten ruft nicht nur die Polizei auf den Plan, sondern auch das BKA. Schließlich geht es bei Romann Electronics um den Hersteller von Elektronikteilen für Kampfflugzeuge der NATO. Bernd Schuster, Privatdetektiv, wird von der Firmenleitung beauftragt, herauszufinden, von wem die Einbrecher so detaillierte Kenntnisse des Gebäudes erhielten. Schon bald überstürzen sich die Ereignisse für Schuster, den zudem noch die Sorge um seine 17jährige Tochter Lucy beschäftigt. Sie ist begeisterte Mitläuferin bei den Anti-Vietnam-Demonstrationen und marschiert gern in vorderster Reihe mit...

Berlin 1968 - I: Bitternis enthält die Kriminal-Romane Judas-Lohn in Blei bezahlt, Verlier dein Leben in Berlin und Bitter und süß von Bestseller-Autor Tomos Forrest nach Motiven von Guy Brant.
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum13. Juni 2021
ISBN9783745215588
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    Buchvorschau

    Berlin 1968 I. Bitternis - Drei Romane in einem Band - Tomos Forrest

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Tomos Forrest nach Motiven von Guy Brant

    © Cover by Christian Dörge.

    Korrektorat/Lektorat: Julia Kalugjer.

    © dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Klappentext:

    Ein gescheiterter Einbruchsversuch mit einem Toten ruft nicht nur die Polizei auf den Plan, sondern auch das BKA. Schließlich geht es bei Romann Electronics um den Hersteller von Elektronikteilen für Kampfflugzeuge der NATO. Bernd Schuster, Privatdetektiv, wird von der Firmenleitung beauftragt, herauszufinden, von wem die Einbrecher so detaillierte Kenntnisse des Gebäudes erhielten. Schon bald überstürzen sich die Ereignisse für Schuster, den zudem noch die Sorge um seine 17jährige Tochter Lucy beschäftigt. Sie ist begeisterte Mitläuferin bei den Anti-Vietnam-Demonstrationen und marschiert gern in vorderster Reihe mit...

    Berlin 1968 – I: Bitternis enthält die Kriminal-Romane Judas-Lohn in Blei bezahlt, Verlier dein Leben in Berlin und Bitter und süß von Bestseller-Autor Tomos Forrest.

    1. Judas-Lohn in Blei bezahlt

    1.

    Wieder einmal warf Bernd Schuster einen unruhigen Blick auf seine Armbanduhr, während er in seinem Büro mit schnellen Schritten hin und her lief. Jetzt fiel sein Blick auf einen weißen, breitrandigen Sommerhut, unter dem die langen, blonden Locken hervorquollen. Vom Gesicht war nicht sehr viel zu erkennen, denn die große Sonnenbrille verdeckte es weitgehend.

    Aber die geblümte Bluse, einfach nur unter der Brust zusammengebunden, und das extrem kurze, dunkelblaue Miniröckchen, aus dem die langen, braun gebrannten Beine ragten, dazu die modischen Holzclocks – das war zweifelsohne seine Tochter Lucy, der er unter Tausenden sofort erkannt hätte. Auch, wenn diese Tausend alle ähnlich gekleidet waren wie Lucy. Seine Lucy!

    Fast wurde er schon wieder weich, aber dann riss er sich zusammen.

    Es ging nicht an, dass sie schon wieder unpünktlich war.

    Erst, als er sie über die Straße kommen sah, bemerkte er die Einkaufstüten in ihrer rechten Hand.

    ‚Natürlich! Einkaufsbummel, und wahrscheinlich gleich nach der großen Demonstration gegen den Krieg in Vietnam, die seit dem Februar in ungeahnter Größe unsere Stadt lahmlegen. Meine Güte, ich darf gar nicht darüber nachdenken! 12.000 waren es bei der Februar-Demo, inzwischen finden alle paar Tage neue Demonstrationszüge statt, werden von der Polizei häufig genug mit Gewalt auseinandergetrieben. Und meine Lucy immer in den vordersten Reihen. Klar, wir müssen demonstrieren, damit die Amis den Krieg in Vietnam beenden. Und meine Tochter marschiert vorweg! Aber das hört jetzt auf, mein Schätzchen! Als dein Erziehungsberechtigter...‘

    Seine Gedankengänge wurden unterbrochen, als Lucy die Ladentür aufriss und die damit verbundene Glocke anschlug. Schuster hatte sein Büro in der Kurfürstenstraße in einer Ladenzeile eröffnet. Hier war früher ein Laden mit Modellbausätzen gewesen, Bastelpackungen nannte er diese bei den Kindern und Jugendlichen so beliebten Kartons. Aber die Konkurrenz war wohl zu groß, und dieser Teil der Kurfürstenstraße gehörte nicht zu den stark frequentierten Fußgänger Bereichen, auch wenn am Ende des Häuserblocks Bauhaus eröffnet hatte und es deshalb auch ein Parkhaus gab.

    Es war eine glückliche Fügung, als er das Schild im Schaufenster entdeckte, dass den Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe ankündigte. Bernd Schuster wurde mit dem Vermieter schnell handelseinig, denn er hatte schon vor Jahren, nach der Trennung von seiner Frau, hier im vierzehnten Stock eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Lucy bezogen.

    Lucy!

    Da stand sie vor ihm, nahm die Sonnenbrille ab und schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln. Aber so leicht machte es ihr Bernd nicht.

    Demonstrativ drehte er sein Handgelenk zu ihr und deutete auf die Armbanduhr.

    »Ich weiß, Daddy!«, sagte die Siebzehnjährige lächelnd, nahm auch den großen Hut ab und ging zu dem Kühlschrank hinüber, der direkt hinter seinem Schreibtisch stand.

    »Nicht schon wieder eine Cola!«, rief er rasch aus, als sie schon mit einer dreieckigen Verpackung in der Hand zurückkehrte, den Strohhalm durch die dafür vorgesehene Öffnung stieß und sog daran.

    »Na gut, gegen Sunkist ist nichts zu sagen. Aber trotzdem muss ich...«

    Lucy hatte sich erhoben, griff die KaDeWe-Tüte und öffnete sie.

    »Ja, ich weiß, Daddy, dass ich um vier Uhr zurück sein sollte. Aber der Demozug ging nun mal bis fast vor die Haustür, und da nutzte ich rasch die Gelegenheit und bin ins Kallewuppdich, Daddy. Und ehe du etwas sagst, probiere doch bitte mal das neue Jackett über. Du kannst es sonst zurückgeben.«

    Verblüfft schwieg Bernd Schuster, denn er hatte mit allem gerechnet – nicht aber damit, dass seine Tochter ein Jackett für ihn kaufte. Rasch zog er es über und prüfte den Sitz.

    »Einwandfrei, und das Ding gefällt mir auch. Aber wieso hast du für mich Geld ausgegeben? Ich wollte doch sowieso demnächst...«

    Ein lautes Lachen seiner Tochter unterbrach ihn.

    »Ach Papa, redest du nicht schon seit letztem Weihnachten davon? Es war ein Sonderangebot, 68,-DMchen, die ich gern bar von dir hätte.«

    »Was? Wieso – ja, natürlich!«

    Schuster war verwirrt, ging aber zum Schreibtisch und nahm aus der Schublade einen Fünfziger und einen Zwanziger, die er seiner Tochter in die Hand drückte.

    »Danke, der Rest ist für ein Eis!«

    »Ui, so viel, Daddy, du bist ja heute großzügig wie Onkel Dagobert! Zwei ganze Mark, da kann ich ja gleich die Klasse noch ins Kino einladen!«

    »Soweit kommt’s noch, und jetzt zurück zu unserer Abmachung...«

    »Daddy – um einen genauen Zeitplan aufzuführen: Demo-Ende war drei Uhr und ein paar Zerquetschte. Dann ins KaDeWe, Herrenabteilung, suchen, bezahlen, nach Hause laufen. Reicht das als Entschuldigung?«

    Bernd musste schlucken. Sein Groll war vollkommen verflogen. Mehr noch, er fühlte sich fast schon schuldig, dass er sich nicht ausreichend bedankt hatte. Das konnte er nur noch wieder gutmachen, indem er das Jackett sofort anzog und seine Tochter an die Hand nahm.

    »Danke, das war wirklich toll von dir. Und jetzt schließe ich den Laden ab, und wir gehen um die Ecke zum Griechen, in Ordnung?«

    »Ui – Onkel Dagobert hat doch die Spendierhosen an! Einverstanden, aber heute ist mir mehr nach dem Spanier gegenüber. Dann los, ich habe schon Kohldampf!«

    Sie hatten mehrere Lokale in unmittelbarer Umgebung.

    Bernd Schuster ging sehr gern zu dem Griechen an der Ecke, aber die Paella beim Spanier gegenüber war auch in Ordnung. Einen Moment lang dachte er an die gut aussehende Bedienung, als er die Ladentüre abschloss.

    Sein Blick fiel auf sein Spiegelbild.

    ‚Vielleicht sollte ich mal wieder zum Frisör. Meine Haare reichen schon über den Kragenrand, und auch der Bart könnte mal wieder gestutzt werden. Aber wenn Lucy dazu nichts sagt...‘

    »Ach, übrigens Daddy – du könntest ruhig mal wieder deinen Bart etwas stutzen lassen. Oder willst du mit deiner Schlaghose, der neuen Cordjacke und deinem todschicken Nyltesthemd jetzt auf Hippie machen?«

    »Und warum nicht? Schließlich laufen eine Menge Leute in meinem Alter mit noch längeren Haaren und Bärten herum!«, antwortete er gut gelaunt.

    »Und sehen dabei aus wie unsere spießigen Lehrer!«, lachte Lucy. »Denk ruhig darüber nach Daddy, was es an der Uni heißt: Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren! Das fegt man nicht einfach mit Schlaghose und Plateausohlen weg, weißt du!«

    »Frechdachs!«, rief er lachend, zog Lucy zu sich heran und drückte sie. »Ich glaube nicht, dass du dich über einen spießigen, alten Vater ärgern musst, oder?«

    »Nein, schon gar nicht, wenn du bereits zum Frühstück Magical Mystery Tours rauf und runter dudelst!«

    Bernd lachte fröhlich.

    »Der Film läuft übrigens schon die dritte Woche. Wollen wir ihn uns nicht endlich gemeinsam ansehen?«

    Lucy zog einen Schmollmund und drehte sich vor dem Restaurant um.

    »Ach Daddy, eigentlich wollte ich doch mit Ekki ins Kino gehen!«

    Das versetzte ihm zwar einen leichten Stich, aber er ließ sich deshalb seine Laune nicht verderben.

    »Mit Ekki. Das ist doch der Typ mit der Kreidler Florett, oder?«

    Täuschte er sich oder war da ein leichter, rötlicher Hauch auf ihren Wangen?

    Jedenfalls drehte sich Lucy rasch zur Seite und rief zurück: »Ja, weißt du doch. Nun komm, der Duft hier macht mich hungrig wie einen Wolf!«

    2.

    Wilhelm Frantzen gähnte und blätterte die Zeitungsseite mit den Sportergebnissen um. Die Leistungen der Bundesliga wurden immer schlechter. Er schraubte eine Thermosflasche auf und genehmigte sich eine weitere Tasse Kaffee. Der Wachdienst im Kontrollraum war doch eine verflucht langweilige Angelegenheit.

    Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Doppelreihe der Fernsehmonitore, die verschiedene Ausschnitte des Werksgeländes zeigten. Alles war ruhig. Es war kurz nach Mitternacht.

    Bis zum nächsten Kontrollgang hatte er noch Zeit. Die Ziffern der Uhr an der Stirnseite des Kontrollraumes waren noch nicht weit genug vorgerückt.

    Frantzen legte die Beine auf den Tisch und verschob den breiten Gürtel mit dem Pistolenhalfter, bis er bequemer saß. Er schob hier schon eine ruhige Kugel. Aber mit seinen sechzig Jahren war es genau das richtige für ihn. Er wunderte sich zwar über die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen, die man bei Romann Electronics getroffen hatte, aber er interessierte sich nicht weiter dafür. Frantzen hatte keine Ahnung, was bei Romann Electronics eigentlich produziert wurde.

    Eine winzige Bewegung erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Er drehte seinen Rollstuhl herum und schob sich vor die Monitore. Er hatte sich bestimmt getäuscht, aber sicher war sicher.

    Mit der rechten Hand betätigte er den Knopf, mit dem sich die betreffende Kamera schwenken ließ. Das Bild begann über den Schirm zu wandern.

    Frantzen gab einen erschrockenen Laut von sich und hielt die Kamera an. Es gab keinen Zweifel. Die Gestalt im dunklen Overall kniete vor der Panzertür der Konstruktionsabteilung und machte sich am Schloss zu schaffen. Selbst Frantzen wusste, dass die Geheimnisse hinter dieser Tür ganz besonders zu schützen waren. Das hatte ihm der Leiter der Werkschutzabteilung oft genug eingeschärft.

    Seine Hand schwebte schon über dem zentralen Alarmknopf, aber dann überlegte er es sich anders. Er würde die Konstruktionsabteilung in zwei Minuten erreichen und den Einbrecher selbst stellen. Das würde ihm ganz bestimmt eine Belobigung einbringen. Vielleicht sogar eine Extraprämie. Denn seines Wissens war überhaupt noch niemand in dieses Werk eingedrungen, seit er hier beschäftigt war.

    Frantzen erhob sich und überprüfte seine Pistole. Die Walther PPK lag schwer in seiner Hand. Zwar hatte er ihn das letzte Mal bei einem Übungsschießen vor zwei Jahren benutzt, aber der Anblick der Waffe würde vermutlich schon reichen, um den Eindringling zu stellen.

    Frantzen schlich den langen Gang hinunter, stieg eine Treppe tiefer und blickte vorsichtig um die Ecke. Fast automatisch prüfte er zuerst die Fernsehkamera, die in ihrer schwenkbaren Halterung unter der Decke befestigt war. Sie zeigte in eine Richtung, die er von seiner Position aus nicht sehen konnte.

    Langsam schlich er weiter, bis er den gleichen Blickwinkel wie die Kamera hatte. Der Pistole wurde in seiner schweißnassen Hand immer schwerer. Er blickte auf den Rücken eines Mannes, der mit einem merkwürdig aussehenden Instrument in dem komplizierten Schloss der Panzertür herumfummelte.

    Frantzens Kehle war wie zugeschnürt. Die Waffe in seiner Faust zitterte leicht. »Machen Sie keine Bewegung!«, stieß er hervor.

    Der Mann erstarrte.

    »Drehen Sie sich langsam herum!« Frantzen wurde ruhiger. Schließlich gehorchte der Mann.

    Frantzen sah eine Strumpfmaske, unter der die Gesichtszüge des Eindringlings unkenntlich waren. Dann bemerkte er nur noch eine blitzschnelle Bewegung, eine Pistole mit einem überlangen Lauf  und die spitze Feuerlanze, die auf ihn zustach.

    Frantzen spürte einen heißen, brennenden Schmerz in der Brust, dann nichts mehr.

    Der Schütze richtete sich auf und murmelte: »Verdammter Mist!«

    3.

    Freddy, genannt »das Frettchen«, rannte um die Ecke und starrte mit seinem spitzen Gesicht auf den toten Wachmann. »War das nötig?« fragte er scharf.

    Skotty zuckte mit den Schultern und schob die Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer unter seinen Overall. »Ich hatte keine andere Wahl. Er hat mich überrascht,  und er hatte eine Pistole in der Faust. Eine Sekunde später hätte er mich über den Haufen geknallt.«

    Freddy blickte verächtlich auf den Toten. »Ein alter Mann? Er hatte keine Chance gegen dich. Aber wir haben jetzt Probleme. Denn du weißt nicht, ob er vor seinem Auftauchen noch Alarm gegeben hat.«

    »Dann lass uns hier schnellstens verschwinden, ehe die Bullen oder andere Wachen hier auftauchen.« Freddy musterte die immer noch verschlossene Panzertür. »Die ganze Mühe war also umsonst. Du hast die Tür noch nicht aufgekriegt.«

    »Das verdammte Ding ist schwieriger, als ich gedacht habe. Hier hilft nur ein Schlüssel oder eine Kiste Dynamit. Wir können doch später noch einen Versuch machen, jetzt weiß ich ja, worauf es ankommt.«

    Freddy schüttelte den Kopf. »Sie werden die Sicherheitsmaßnahmen eher verstärken, und der tote Wachmann wird ziemlich viel Staub aufwirbeln. Wir gehen auf Tauchstation.«

    »Und unser Honorar?«, fragte Skotty.

    Freddy nickte. »Unser Auftraggeber wird für unsere Bemühungen etwas springen lassen. Er hat uns nicht genügend über die Sicherungsmaßnahmen informiert. Mal sehen, was wir herausholen können.«

    Skotty hatte inzwischen seine Sachen zusammengepackt. »Ich bin fertig. Wir können abhauen.«

    Freddy warf einen letzten Blick auf den Toten. »Okay. Wir nehmen den gleichen Weg. Wenn unser Auftraggeber recht hat, gibt es um diese Zeit nur einen einzigen Wächter im Kontrollraum, und der liegt hier. Wenn die Bullen kommen sollten, hören wir sie schon von weitem. Denn sie werden sich nie angewöhnen, ihre Sirenen abzuschalten.«

    Sie lachten beide und verließen den Trakt ohne besondere Eile. Schließlich war dies nicht ihr erster nächtlicher Einbruch. Man schätzte die beiden in Fachkreisen sehr, denn sie lieferten zuverlässige Arbeit. Skotty war der Techniker, Freddy der Denker. Und außerdem benützten sie beide ihre Pistolen ohne jede Hemmung.

    Bei der zuständigen Polizeibehörde besaßen sie dicke Akten. Es hatte zahlreiche Anklagen gegeben, aber nur wenige Verurteilungen. Im Notfall konnten sie auf die besten Anwälte zurückgreifen, denn sie zahlten die höchsten Honorare.

    Allerdings mussten auch die potentiellen Auftraggeber tief in die Tasche greifen. Sie gehörten zweifelsohne zu den teuersten Fachleuten auf ihrem Gebiet. Freddy und Skotty arbeiteten grundsätzlich allein, und sie erledigten die Aufträge auf ihre Weise. Um Werbung brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. In ihrem Falle reichte die Mundpropaganda völlig.

    Diesmal hatte es nicht so richtig geklappt. Nun, sie würden den Auftrag schon noch erfüllen. Das gehörte mit zu dem Ruf, den sie verteidigen mussten. Denn auch in ihrem Fach gab es nachdrängende Konkurrenz. Jüngere und billigere Burschen, die den einen oder anderen Auftrag wegschnappten. Meist versauten sie ihn zwar, aber davon hatten Freddy und Skotty auch nichts.

    Sie verließen das Gebäude durch den Haupteingang, den sie hinter sich wieder ordnungsgemäß verschlossen. Den Nachschlüssel dafür hatte ihnen ihr Auftraggeber zur Verfügung gestellt.

    Rasch liefen sie über den kleinen Vorplatz, der während der Arbeitszeit mit parkenden Wagen vollgestellt war. Schon nach wenigen Metern hatten sie den Lichtkreis der starken Lampen verlassen, die die Fassade beleuchteten.

    Nach wenigen Sekunden erreichten sie das Tor zum Werksgelände. Es bestand aus massiven Metallstäben und besaß ein elektrisches Schloss. Aber natürlich konnte man ohne größere Mühe hinüberklettern, wenn man vorher die deutlich sichtbare Überwachungskamera ein wenig zur Seite drehte, so dass sie nur noch einen Teil des Tores zeigte.

    Andere Sicherheitsvorkehrungen gab es hier nicht, hatte man ihnen versichert, und ihr Auftraggeber machte durchaus den Eindruck, als wüsste er genau, wovon er sprach.

    Sie überkletterten das Tor an der gleichen Stelle, an der sie hereingekommen waren. Die Kamera befand sich noch an der gleichen, leicht verschobenen Stelle. Ihr Wagen war in der Nähe geparkt.

    »Denkst du auch, was ich denke?«, fragte Skotty nach wenigen Metern.

    »Ja. Keine Sirene weit und breit. Der Wächter hat keinen Alarm ausgelöst. Wir hätten weitermachen können.«

    Skotty schüttelte den Kopf. »Wir hätten zu viel Zeit gebraucht. Allein für die Panzertür noch zwanzig Minuten. Und drinnen mindestens noch einmal so lange. Das wäre zu riskant gewesen.«

    Freddy nickte. »Du hast wahrscheinlich recht. Wir werden einen weiteren Versuch starten, wenn sich alles beruhigt hat.«

    4.

    Die Panzertür zur Konstruktionsabteilung war immer noch verschlossen. Eigentlich hatte die Arbeitszeit bereits begonnen, aber die Techniker würden heute später anfangen müssen, denn vor der Tür herrschte Hochbetrieb, der sonst nicht hierhergehörte.

    Zwei Männer hoben den toten Wachmann in einen Zinksarg und brachten ihn weg. Nur die Kreidestriche zeigten, wo er gelegen hatte. Der Fotograf schoss seine letzten Aufnahmen und verzog sich dann ebenfalls. Die Beamten der Mordkommission unterhielten sich flüsternd.

    Ein etwa vierzigjähriger Mann lehnte mit blassem Gesicht und verklebten Haaren an der Wand. Er starrte auf seine Schuhspitzen und vermied ängstlich, auf die Kreideumrisse zu blicken.

    Aus der Polizeigruppe trat ein Mann auf ihn zu. »Herr Romann?«

    Der andere hob verwirrt den Kopf. »Ja, der bin ich. Karsten Romann. Ich... ich kann es noch nicht fassen.«

    »Ja. Das ist verständlich. Mein Name ist Kerner, Fabian Kerner. Ich habe ein paar Fragen an Sie.«

    »Natürlich. Kommen Sie, wir gehen in mein Büro. Ich nehme an. Sie gehören auch zur Mordkommission. Ich habe Ihren Kollegen schon alles erzählt, was ich weiß. Es ist nicht besonders viel.«

    Kerner schüttelte den Kopf. »Ich gehöre nicht zur Mordkommission. Ich bin vom BKA!«

    Romann zuckte nervös mit einem Augenlid. »BKA?«

    Kerner nickte.

    »Sehen Sie, dieser Fall hat sicher eine besondere Bedeutung, die uns über das normale Polizeiinteresse hinaus beschäftigt. Ihr Unternehmen hat auch eine gewisse Bedeutung, die eventuell mit diesem Fall in Zusammenhang steht.«

    »Ich verstehe nicht«, krächzte Romann. »Es war ein versuchter Einbruch, der nicht gelungen ist, und der Mord an dem Wächter ist doch keine Angelegenheit für das BKA.«

    Kerner änderte seinen Tonfall kaum.

    »Die Romann Electronics unterliegen in bestimmten Bereichen der höchsten Geheimhaltungsstufe. Sie wissen besser als ich, dass Ihr Unternehmen gewisse Zubehörteile für die Rüstungsindustrie liefert, die anderen Entwicklungen um Jahre voraus ist.«

    Romann erschrak und zerrte den BKA-Beamten mit sich. »Kommen Sie in mein Büro«, flüsterte er. »Ich hatte keine Ahnung, dass Sie darüber informiert sind. Ihre Kollegen von der Polizei brauchen es aber wirklich nicht zu wissen. Ich darf darüber nichts sagen.«

    Erst in seinem modern und großzügig ausgestatteten Büro ergriff Karsten Romann wieder das Wort. »Sie werden verstehen, dass ich sehr überrascht war, dass Sie Bescheid wissen. Einiges, was hier entwickelt wurde, gehört zu den geheimsten Dingen dieses Landes. Es sind elektronische Bauteile für Nato-Kampfflugzeuge. Mehr möchte ich dazu im Augenblick nicht sagen.«

    Kerner nickte. »Ich verstehe. Aber Sie begreifen sicher auch unsere Besorgnis, wenn offensichtlich jemand versucht, an diese Geheimnisse heranzukommen. Bei uns haben sämtliche Alarmglocken geklingelt.«

    »Sie glauben nicht, dass es sich um einen normalen Einbruch handeln könnte? Die Zahl der Eingeweihten ist sehr klein.«

    Zum ersten Mal lächelte Kerner. »Sie ist sicher groß genug. Nein, wir sind sicher, dass es sich um einen ganz gezielten Einbruch handelte. Glücklicherweise ohne Erfolg, aber es kann eine Wiederholung geben. Die Einbrecher sind kein Risiko eingegangen. Sie haben den Wächter, der sie überrascht hat, einfach erschossen. Ein normaler Einbrecher geht ein solches Risiko kaum ein.«

    »Sie mögen recht haben.«

    Romann zündete sich eine Zigarette an, und Kerner bemerkte, dass seine Hände zitterten.

    »Es gibt ein paar merkwürdige Dinge bei dieser Sache«, erklärte der BKA-Mann. »Die Täter sind offensichtlich mit einem Nachschlüssel in das Gebäude eingedrungen. Das Werktor haben sie überklettert, aber sie müssen genau gewusst haben, in welchem Winkel man die Kamera zur Seite drehen muss. Es ist so wenig, dass es einem Beobachter im Kontrollraum kaum auffällt, wenn er nicht besonders aufmerksam ist. Das heißt, die Täter hatten sehr genaue Kenntnisse von den Sicherheitsanlagen.«

    »Aber der Wächter hat sie offensichtlich überrascht«, warf Romann ein.

    »Ja, wahrscheinlich haben die Täter einen winzigen Fehler gemacht. Denn der Wächter, Frantzen ist, glaube ich, sein Name, war sich seiner Sache nicht ganz sicher, sonst hätte er bestimmt Alarm gegeben. Er hatte einen Verdacht und wollte sich die Stelle ansehen, an der etwas nicht zu stimmen schien. Immerhin hatte er seine Waffe gezogen, aber er hat keinen Schuss abgefeuert. Die Eindringlinge haben ihn sofort getötet.«

    Romann machte ein bekümmertes Gesicht. »Es waren mehrere, sagen Sie.«

    »So genau ist das nicht festzustellen. Ich schätze aber, dass es mindestens zwei waren, vielleicht auch drei.«

    »Trotzdem, die Panzertür haben sie nicht aufbekommen«, stellte Romann befriedigt fest.

    Kerner lächelte. »Das hätten sie schon, wenn sie mehr Zeit gehabt hätten. Aber durch das Auftauchen des Wächters wurden sie gestört. Sie konnten nicht wissen, ob Alarm ausgelöst worden ist oder nicht. Also mussten sie abhauen. Auch das ist ein Indiz dafür, dass sie genaue Kenntnis der Sicherheitseinrichtungen besessen haben. Alles spricht dafür, dass es einen Komplizen geben muss, hier im Werk.«

    Romann wurde wieder blass. »Das glaube ich nicht. Meine Leute sind alle auf Herz und Nieren überprüft. Von Ihnen, vom BKA selbst. Nein, es muss noch andere Erklärungen geben.«

    Kerner hob die Schultern.

    »Auch unsere Überprüfungen sind nicht lückenlos. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand durch die Maschen unseres Netzes schlüpft. Leider können wir nicht alle Ihre Beschäftigten noch einmal mit der Lupe prüfen. Ich muss mich auf die notwendigsten Nachforschungen beschränken, um zu verhindern, dass es einen zweiten Versuch gibt. Aber Sie müssen uns helfen.«

    »Natürlich, das will ich gerne tun.«

    »Sie sind nach Ihren Verträgen dazu auch verpflichtet«, bemerkte Kerner völlig humorlos.

    Romann zuckte leicht zusammen. »Was soll ich tun?«

    »Überprüfen Sie Ihre Leute noch einmal gründlich. Alle, die in der Lage sind, die Einbrecher in dieser Form zu unterstützen. Glauben Sie mir, man findet immer etwas. Und wenn Sie den leisesten Verdacht haben, informieren Sie mich. Den Rest übernehmen wir dann.«

    »Und wie soll ich das machen?«

    »Es gibt Leute, die von diesen Dingen etwas verstehen. Gute Privatdetektive zum Beispiel.«

    »Ich habe noch nie etwas mit Privatdetektiven zu tun gehabt«, gab Romann leicht pikiert zurück.

    Kerner grinste. »Seien Sie froh. Aber warten Sie. Mir fällt einer ein, der einen ziemlich guten Ruf für verzwickte Fälle hat. Er lebt hier in Berlin, irgendwo in der Nähe vom Zoo. Sie finden seine Adresse im Telefonbuch.«

    Kerner schrieb ein paar Worte auf einen Zettel und schob ihn über den Schreibtisch. »Er heißt Bernd Schuster.«

    Romann nahm den Zettel, als sei es ein giftiges Insekt. »Na schön, ich werde mich mit diesem Mann in Verbindung setzen.«

    »Sie können auch einen anderen nehmen. Es wäre nur ganz gut, wenn wir wissen, dass Sie unsere Arbeit ein wenig unterstützen.«

    »Das habe ich schon begriffen«, knurrte Romann. »Trotzdem bin ich der Ansicht, dass Sie mit Ihrer Meinung auf dem Holzweg sind. Wenn sich jemand für dieses Werk interessiert, können es nur ausländische Spione sein. Auf keinen Fall einer meiner Mitarbeiter.«

    Kerner gönnte sich wieder ein schwaches Lächeln. »Es gibt auch deutsche Spione, die für andere Leute arbeiten. Aber wer auch immer den Einbruch verübt hat, er hat Unterstützung bekommen. Ich will, dass wir diese undichte Stelle stopfen, sonst wird es immer wieder Versuche geben, an Ihre Geheimnisse heranzukommen.«

    5.

    Bernd Schuster schlürfte eine viel zu heiße Tasse Kaffee. Die Schlagzeilen der Zeitungen schienen immer die gleichen zu sein. Katastrophen, Kriege. Terroranschläge, Erdbeben, Mord und Totschlag. Dazu die ständigen Demos in Berlin.

    ‚Berufs-Revoluzzer!‘, nannte Schuster sie in Gedanken. ‚Da wächst uns ‘was heran, nach dem Bombenanschlag auf die Kaufhäuser in Frankfurt wird es nicht lange dauern, und diese Typen werden sich auch bei uns bemerkbar machen. Wenn nur nicht meine Lucy ständig bei diesen Demos mitlaufen würde! Meine Lucy in the sky, wie sie sich gern seit dem Beatles-Song vom letzten Jahr nennt! Ha! Lucy... war schon verrückt, ihr damals diesen Namen zu geben. Und ich habe mich gegen alle Widerstände durchgesetzt...‘

    Er seufzte und legte die Zeitung zur Seite.

    Das Telefon klingelte. Er seufzte noch einmal und hob ab. »Büro Schuster«, meldete er sich und klopfte eine Roth Händle aus der Packung, natürlich filterlos. Er liebte die kräftigen Tabaksorten und wechselte gelegentlich zur Gauloises.

    »Spreche ich mit Herrn Schuster persönlich?«, fragte die männliche Stimme am anderen Ende.

    »Ja, das tun Sie. Aber wie wäre es, wenn Sie sich erst mal vorstellen. Das ist unter Gesprächspartnern so üblich.«

    »Und Sie sind wirklich Bernd Schuster, der Privatdetektiv?«

    »Hören Sie, wenn Sie ein scherzhaft veranlagter Mensch sind, sollten Sie Ihre Witze anderswo ausprobieren. Ich habe keine Zeit, mein Telefon mit diesem Unsinn zu blockieren.«

    Die Stimme am anderen Ende wurde aufgeregt. »Warten Sie! Ich möchte Sie engagieren. Und mein Name ist Romann.«

    »Also schön, Herr Romann. Ich möchte Ihnen aber gleich sagen, dass ich für Ehescheidungen und Ähnliches nicht zuständig bin.«

    »Nein, nein! Es dreht sich um eine völlig andere Sache. Ich habe Ihren Namen vom BKA. Man sagte mir, dass Sie der richtige Mann für eine solche Aufgabe sind.«

    Bernd wurde aufmerksam. Das BKA? Er hatte gar nicht gewusst, dass man dort so viel von ihm hielt. Vielleicht wollte man ihn aber auch mit einem albernen Fall ärgern. Wie auch immer, sein Interesse war geweckt.

    Er blickte auf seinen Terminkalender. Heute stand überhaupt nichts darauf. Franziska hatte nur vermerkt, dass sie eine Zeitlang unterwegs sein würde.

    »Sie haben Glück, Herr Romann. Ich hätte im Augenblick Zeit für einen weiteren Fall. Erzählen Sie mir aber erst, worum es geht.«

    Romann senkte seine Stimme. »Das kann ich nicht am Telefon sagen. Es geht um sehr vertrauliche Dinge.«

    »Im privaten Bereich?«

    »Nein, es geht um mein Unternehmen, Romann Electronics.«

    Bernd schwieg einen Moment, um die unerwartete Information zu verarbeiten. Der Name dieser Firma klang in der Tat interessant. Er hatte ihn zwar noch nie gehört, aber das hatte nichts zu bedeuten. Neben den Giganten der Branche gab es in den Vereinigten Staaten zahlreiche mittlere und kleinere Firmen, die oftmals in der Forschung und Entwicklung in bestimmten Spezialbereichen weiter waren als die Großen. In diesem Zusammenhang gab auch die Erwähnung des BKA einen Sinn.

    »Ich werde zu Ihnen kommen«, sagte Bernd endlich. »Wo finde ich Sie?«

    Romann freute sich offenbar. Er gab einen glucksenden Laut von sich. »Mein Werk liegt in Spandau.« Dann nannte er ihm die genaue Adresse.

    Bernd notierte sich die Anschrift. »Ich bin in einer Stunde bei Ihnen.« Dann hinterließ er eine Nachricht für seine Sekretärin Franziska und fuhr in die Tiefgarage.

    6.

    Romann Electronics bedeckte ein ziemlich weitläufiges Areal, ohne dabei ein riesiges Unternehmen zu sein. Eine ganze Reihe von Gebäuden fügten sich harmonisch in eine parkähnliche Umgebung ein. Die Geschäftsleitung war offensichtlich daran interessiert, den Angestellten ein angenehmes Arbeitsklima zu vermitteln. 

    Bernd parkte seinen Wagen vor dem Hauptgebäude, in dem die Verwaltung untergebracht war. Er hatte sich am Haupttor anmelden müssen, aber sein Name war bereits bekannt und man zeigte ihm den weiteren Weg.

    Er ließ seinen Blick über das Gelände schweifen. Eines war ihm jetzt schon klar: Ein Eindringen am helllichten Tage war kein Problem. Ein fingierter Name für die Anmeldung, und man konnte auf das Gelände fahren. Es gab zwar stellenweise Fernsehkameras, aber die Überwachung schien bei weitem nicht lückenlos. Es war bestimmt ohne weiteres möglich, sich auf dem Gelände zu verstecken und sich abends einschließen zu lassen.

    Bernd hatte aus Romanns wenigen Worten entnommen, dass es gewisse Unregelmäßigkeiten in diesem Betrieb geben musste. Was lag näher als Diebstahl oder Werkspionage?

    Bernd ging zum Eingang hinüber und drückte die Tür auf. Dahinter befand sich ein kleiner Verschlag für den Pförtner. Ein älterer Mann in einer uniformähnlichen Fabiane, wie sie gelegentlich auch ein Chauffeur trug, sah ihm aufmerksam entgegen.

    »Sie sind Herr Schuster«, stellte er fest. »Warten Sie hier einen Augenblick. Sie werden abgeholt.«

    Bernd nickte und nahm auf einer Sitzgruppe Platz, die sich in einer Ecke der Empfangshalle befand. Der Pförtner telefonierte.

    Es dauerte nur wenige Minuten, bis ein außerordentlich attraktives Wesen aus dem Lift trat. Das Mädchen war Mitte Zwanzig und besaß eine Figur, nach der sich die Männer auf der Straße umdrehten. Mit einer lässigen Kopfbewegung schwang sie sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann entdeckte sie Bernd, der sich erhoben hatte, und kam auf ihn zu.

    Ihre Stimme klang leicht rauchig. »Sie sind bei Herrn Romann angemeldet. Folgen Sie mir bitte.«

    »Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.«

    Sie strafte ihn mit einem Seitenblick. Als sie in den Lift traten, drückte sie stumm auf einen Knopf und fuhren schweigend in die Chef-Etage.

    Ein bisschen zu arrogant‘, dachte Bernd. Dann stoppte der Lift.

    Der Korridor war mit einer flauschigen Teppichware ausgelegt, zu dessen Farbe die Textiltapete passte. Gedämpftes Licht sorgte für eine abgestimmte Beleuchtung. Bernd schloss daraus, dass Romann einen hervorragenden Innenarchitekten besitzen musste.

    Sie betraten ein Büro, das sich stilistisch an das Bisherige anschloss. Für Bernds Geschmack war es ein bisschen zu modern. Aber über Geschmack ließ sich bekanntlich streiten.

    Ein etwa vierzigjähriger Mann erhob sich hinter einem riesigen Schreibtisch, dessen Platte fast völlig leer war. Der Mann trug einen Tweedanzug aus teurem englischen Stoff und machte ein grämliches Gesicht.

    »Mein Name ist Karsten Romann. Ich freue mich, dass Sie so schnell kommen konnten.«

    Bernd stellte sich vor, und sie schüttelten sich die Hände. Das Mädchen verzog sich lautlos wieder, nachdem sie sich nach Getränkewünschen erkundigt hatte. Doch Bernd hatte jetzt noch den Eindruck von Verbrennungen zweiten Grades, wenn er an seinen eigenen Kaffee dachte.

    Sie ließen sich in zwei Sesseln nieder und Bernd zündete sich eine Roth Händle an. »Ich denke, es wäre am besten, wenn Sie mir ausführlich schildern, weshalb Sie meine Hilfe brauchen.«

    Romann nickte. »Gestern haben Einbrecher versucht, in die Konstruktionsabteilung einzudringen. Es gelang ihnen zwar nicht, die Panzertür zu knacken, aber sie haben einen meiner Wächter erschossen, der sie offensichtlich überrascht haben muss. Die Polizei hat natürlich sämtliche Spuren gesichert. Sie ist der Überzeugung, dass nur Profis für diesen Einbruch in Frage kommen. Nun hat sich außerdem das BKA eingeschaltet. Der Beamte, ein gewisser Fabian Kerner, nimmt an, dass die Täter Hilfe aus dem Unternehmen gehabt haben müssen. Sie besaßen vermutlich einen Nachschlüssel zu dem Hauptgebäude und kannten sich überdies bei den Sicherheitseinrichtungen gut aus. Ich glaube jedoch nicht, dass einer meiner Leute solchen Verbrechern helfen würde. Sie werden alle gut bezahlt.«

    Bernd lächelte schwach.

    »Was hat die Einbrecher an Ihrer Konstruktionsabteilung interessiert?«

    Romann wand sich unbehaglich. »Das darf ich Ihnen im Einzelnen nicht sagen. Wir stellen bestimmte Bauteile elektronischer Art für Nato-Kampfflugzeuge her. Wir entwickeln diese Teile selbst in unseren Laboren. Sie gehören zu den Modernsten, was zurzeit auf dem Markt ist, und unterliegen natürlich der höchsten Geheimhaltungsstufe.«

    »Ich verstehe. Also haben vermutlich ausländische Agenten ein Interesse an diesen Dingen. Deshalb hat sich auch das BKA eingeschaltet, das für diese Dinge zuständig ist. Da wäre zuerst zu klären, wie viele Leute informiert sind über das, was Sie produzieren.«

    Romann zuckte die Schultern.

    »Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Es müssen Tausende sein, die darüber Bescheid wissen. Vom Pentagon über unser Verteidigungsministerium bis zum Flugzeugtechniker, der mit diesen Dingen zu tun hat. Dazu kommen natürlich noch meine eigenen Leute, die aber vom BKA überprüft werden, bevor ich sie einstelle.«

    »Wie gut sind denn Ihre Geheimnisse gesichert?«, wollte Bernd wissen.

    »Ich habe eine Werkschutzabteilung, die von einem pensionierten Polizisten geleitet wird. Er hat etwa ein Dutzend Leute unter sich, die im Schichtdienst arbeiten. Einige von ihnen sind ständig bewaffnet. Sie kontrollieren die zentrale Sicherheitsanlage, die Tore und die einzelnen Gebäudeeingänge. Nachts sind sämtliche Türen verschlossen. Es handelt sich um spezielle Sicherheitsschlösser. Es gibt keine ungesicherten

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