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Küsse von Mama
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eBook302 Seiten4 Stunden

Küsse von Mama

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Über dieses E-Book

Er ist der Hauptdarsteller in dieser unflätigen, unerhörten und unwiderstehlichen Geschichte, die sich, einem lasziven Bilderbogen gleich, wie in einem Sturmlauf literarisch entfaltet: Ludger Leo Lazar, ein in Kindertagen seelisch missbrauchter Drehbuchautor, der sich grämt, dass er viel zu wenig von jenen klugen, kreativen und geistvollen Blutstropfen seiner altjüdischen Vorfahren abbekommen hat, ist am Ende seiner Nerven und seiner Schaffenskraft.
Und er erinnert sich an die vielen zärtlichen Küsse seiner Mama, die sie ihm gab, nachdem sie ihre Freier bedient und ihren kleinen Sohn unter dem Bett der winzigen Kammer wieder hervorgeholt hatte. Er musste alles mitanhören, was sich Tag und Nacht über ihm auf der Matratze abspielte - mit all den schmutzigen Wörtern, mit all den eindeutigen Befehlen und mit all den eindeutigen Gerüchen.
Eine Psychoanalyse soll ihm Heilung bringen, und er begibt sich auf flehentliches Anraten seiner Ehefrau in die Hände von Dr. med. Dr. phil. L. Dix. Und das Schicksal von ihnen, das nimmt seinen Verlauf - mit verhängnisvollen Folgen.
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum4. Apr. 2019
ISBN9783745208740
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    Buchvorschau

    Küsse von Mama - Rainer Popp

    Küsse von Mama

    von Rainer Popp

    ––––––––

    Roman

    ––––––––

    Was würde werden

    aus uns Menschen,

    gäbe es die Literatur nicht

    und nicht die Malerei

    und nicht die Musik

    und nicht den universellen Schöpfergeist –

    uns bliebe nur der Wahnsinn.

    ––––––––

    IMPRESSUM

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © Roman by Author

    © Cover: Gemälde von Rainer Popp, Titel: Das Ende von morgen, 1983

    © Coverdesign: Lothar Joerger, Wesseling

    Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

    © dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    ––––––––

    Klappentext:

    Er ist der Hauptdarsteller in dieser unflätigen, unerhörten und unwiderstehlichen Geschichte, die sich, einem lasziven Bilderbogen gleich, wie in einem Sturmlauf literarisch entfaltet: Ludger Leo Lazar, ein in Kindertagen seelisch missbrauchter Drehbuchautor, der sich grämt, dass er viel zu wenig von jenen klugen, kreativen und geistvollen Blutstropfen seiner altjüdischen Vorfahren abbekommen hat, ist am Ende seiner Nerven und seiner Schaffenskraft.

    Und er erinnert sich an die vielen zärtlichen Küsse seiner Mama, die sie ihm gab, nachdem sie ihre Freier bedient und ihren kleinen Sohn unter dem Bett der winzigen Kammer wieder hervorgeholt hatte. Er musste alles mitanhören, was sich Tag und Nacht über ihm auf der Matratze abspielte – mit all den schmutzigen Wörtern, mit all den eindeutigen Befehlen und mit all den eindeutigen Gerüchen.

    Eine Psychoanalyse soll ihm Heilung bringen, und er begibt sich auf flehentliches Anraten seiner Ehefrau in die Hände von Dr. med. Dr. phil. L. Dix. Und das Schicksal von ihnen, das nimmt seinen Verlauf – mit verhängnisvollen Folgen.

    ***

    Der Autor

    Rainer Popp, geboren am 24. März 1946 in Staßfurt (Sachsen-Anhalt), lebt und arbeitet als Schriftsteller und Journalist in Köln.

    Zu Beginn der Sommerferien 1951 flüchtete seine Familie nach politischer Verfolgung seines Vaters durch das SED-Regime, der als Oberstudiendirektor am heimatlichen Gymnasium Deutsch, Geschichte und Geografie lehrte, aus der damaligen DDR in den freien Teil Deutschlands; zuerst nach Bad Harzburg, dann nach Goslar an den Rand des Harzes.

    Bereits im Alter von fünfzehn begann er zu schreiben; erste Veröffentlichungen seiner Gedichte folgten drei Jahre später. Als Unterprimaner trat er in den Verband Deutscher Schriftsteller (VS) ein.

    Seine beruflichen Stationen: Nach einem zweijährigen Volontariat bei der Goslarschen Zeitung ging er als Chefreporter zum Donaukurier nach Ingolstadt und danach als politischer Redakteur und Leiter des Ressorts „Zeitgeschehen" in die Düsseldorfer Zentralredaktion der Westdeutschen Zeitung. Er war Hauptstadt-Korrespondent der Nachrichtenagentur Deutscher Depeschen-Dienst (ddp) in Bonn und danach – in Doppelfunktion – Chefredakteur von RTL-Hörfunk und RTL-Fernsehen sowie Direktor des deutschen Programms von Radio Luxemburg; zugleich Begründer und Leiter des Frühstücksfernsehens von RTL.

    Darüber hinaus war er Herausgeber der vom Westdeutschen Rundfunk hergestellten und in der ARD bundesweit ausgestrahlten politisch-satirischen Sendung „Hurra Deutschland" sowie der ausführende Produzent der RTL-Nachtshow mit Thomas Koschwitz.

    Er ist Mitglied der 1990 gegen Rassismus und Antisemitismus gegründeten Charta Europa, der auch der inzwischen verstorbene tschechische Staatspräsident Vaclav Havel angehörte.

    Weitere Buchveröffentlichungen von Rainer Popp außerhalb der Edition Bärenklau:

    Im Angesicht der Lüge (Roman-Trilogie)

    Band I  Die Blendung, 320 Seiten

    Band II Das Dunkel, 318 Seiten

    Band III Eiskalter Ruhm, 324 Seiten

    Die Wörter und die Toten, Roman, 220 Seiten

    www.RainerPopp.de

    ERSTER TEIL

    Die an einem verregneten Vormittag von einem

    Kinderarzt ihres Vertrauens vorgenommene

    Verkürzung seines Vorhautzipfels ging

    auf eine unbegründete und keineswegs fundiert

    vorgetragene Vorliebe seiner Mutter zurück,

    die damit lediglich ihren eigenen Geschmack

    durchgesetzt hatte, was das Aussehen

    des männlichen Gliedes betraf.

    I. Kapitel

    Totenstille brach plötzlich in sein Gemüt herein. Und das Echo voller Krach und Pein, das toste und das schlug ihm sein seelisches Dasein aus dem Leib. Danach folgte in seinem Schädel ein Orkan mit Blitzen und mit Donner. Sekunden später hörte er ein Bellen und ein Krächzen. Es zirpte und es zischte in den Ekzemen seines Gehirns. Und sein Verstand, der stellte sich in diesen Sekunden der Nacht quer und zauberte hinter seinen geschlossenen Augen ein Bild herbei, das ihn hinabstieß in Dantes fünften Höllenkreis – in den Sumpf der zornigen Seelen.

    Seinen Geist, den fühlte er vergiftet hinter der Front seiner hohen Stirn, und sein versoffener Leib, der kam ihm vor wie zwangsernährt mit hochprozentiger Flüssignahrung. Über all die Jahre hinweg war die Gewissheit seiner literarischen Berufung ein hymnisches Loblied auf sich selbst gewesen. Jetzt aber verstummte es sogleich für immer und ewig. Er kam sich vor, als befände er sich im Strudel eines fiebrigen Albtraums – umnachtet in seinem Delirium.

    Und so spritzte der Strahl, den er sich mit dem Gefühl allergrößter Erleichterung aus seiner zum Bersten prallen Blase drückte, zuerst auf die Taste mit dem G. Dann klatschte die überwiegend aus Rotwein und schwarzem Kaffee hydrierte Schiffe, die mit hohem Druck aus dem klaffenden Fischmaul-Schlitz in der Mitte der freigeschnittenen Penis-Eichel hervorschoss, gegen das F und das D, schlenkerte im gedimmten Glühbirnen-Licht einer verchromten Deckenlampe über das L und das H zum M und platschte schräg über das K und das N hin zum T. Ein Kranz von Tropfen des Urins, der sternförmig über die Länge eines Buchdeckels wie kochendes Fett in die Höhe hüpfte, wässerte die 9 ein, die 4, die 6, die 3, die 7, die Null, das Fragezeichen, das Q, das Ä, das Ö, das L, das B, das Z und das E. Von V und J über O wanderte der Sturzbach des warmen Harngusses von E über S und G und U zu F11 und von dort in die untere rechte Ecke des Bildschirms, wohin sich die größte Menge der alkalischen Flut entleerte und plätschernd abfloss.

    Ein beträchtlicher Schwall der cognac-gelben Pisse, die an den Rändern ihrer Wellenkämme Blasen von klarsichtigem Schaum schlug, der war auf der gelackten Platte des Schreibtisches zu einer Lache zusammengelaufen und hatte einen mehrere Zentimeter hohen Stoß Manuskriptblätter eingenässt. Der Aschenbecher und die Packung Zigaretten, die hatten ebenfalls Spritzer von der herausströmenden Flut abbekommen, die sich seit dem frühen Abend im Bauch des vor sich hin summenden und mit gespitztem Mund schräg pfeifenden Mannes in der Menge eines halben Liters angesammelt hatte.

    Anschließend ahmte er die Tonleiter einer schmetternden Trompete nach. Er dachte, er schreit, aber es war nur ein Flüstern, das niemand hörte. Und nun, als er davon überzeugt war, er habe tatsächlich die Motten gekriegt, schüttelte er sich aus vor Lachen über den unerträglichen Weltschmerz, den er empfand und der, während er im finsteren Lichtkreis dieser zu Ende gehenden Nachtstunden nach dem dreitausendsten und dem fünfundneunzigsten Wort gesucht hatte, auf einmal über ihn gekommen war, der ihn überrascht, der ihn, wie der Volksmund sagt, auf dem falschen Fuß erwischt, der ihn erschrocken und verstört hatte wie das Krachen eines Gewitters aus der heiter-hellen, der hoch aufgelösten, der schwirrenden, der grünlich illuminierten Holografie des von etlichen grellen Sonnen erleuchteten Himmels. Und Angst, die er nicht zu deuten vermag, die wuchs in ihm – ganz plötzlich und ganz ungezügelt.

    Er fühlte Drangsal allumfassend, fühlte sich, als wäre er ein durchgebrannter Faden Wolle, fühlte sich auseinandergekracht als Gattung Mensch, fühlte sich verfeindet mit sich selbst, fühlte sich ausgeweidet wie ein Hausschwein, das mit aufgeschlitztem Bauch an einem Querbalken im Schuppen hängt und er spürte, dass er, der sich selbst ausgestoßen hatte und der von sich abgefallen war, sich nicht mehr in seinem alten Zustand von Versagen und Verdrängen ertragen konnte. Seine Empfindungen, die waren taub geschlagen. Schmerzen jeglicher Art hatten ihn nicht mehr tangiert. Ihm war übel, und es würgte ihn von unten herauf bis an den Rand seines Kehlkopfes. Die Kühnheit seines Charakters – vormals ein Wesensmerkmal von ihm –, die war vorerst als Antriebskraft erloschen.

    Er, der sich von nichts und von niemandem begrenzen lassen wollte, er hatte es satt, wie er sich zu glauben einredete, seine ein- und seine ausgeatmete Existenz auf einer Rolle Stacheldraht zu führen und sich, wie all die Jahre zuvor, mit Lügen, Verdrängungen und Selbsttäuschungen zu besänftigen. Er hatte genug von der Mühsal, hatte genug von seinen mehrfach am Tag wiederkehrenden Brechreizen, die in ihm hochkletterten wie Abertausende von Tausendfüßlern, wenn er sich betrachtete und wenn er das begutachtete, was er bislang aus seinem Leben gemacht und was er, seit er erwachsen war, absichtlich und unabsichtlich von einem Jahr zum anderen unterlassen hatte. Sein Dasein, das hatte sich nicht erfüllt.

    Ihm war klar geworden, dass sein Schicksal seit Beginn seiner Geburt ihm den Rücken zugewandt hatte und garstig zu ihm gewesen war. Er hätte auch glauben können, es habe ihm die Zunge herausgestreckt. Und seine Vergangenheit die war seiner Überzeugung nach all die Jahre erkrankt gewesen. Über seine Zukunft wagte er hingegen keinen Ausblick.

    Er, das war auf den ersten, auf den flüchtigen, auf den ganz schrägen, auf den aus schmalen Augenwinkeln hingeworfenen, auf den blinzelnden Blick gesehen, ein halb nobel, halb zwielichtig aussehender Kerl von robuster Statur, dem jeder, wegen seiner beeindruckenden Gestalt und wegen seiner offenen, vertrauenerweckenden Miene, die Bewachung eines Verkaufsstandes für Ferrari-Automobile anvertraut hätte. Das war ein wegen eines fortgeschrittenen Leidens von Morbus Bechterew gebeugt gehender Hüne von einer zwischen Scheitel und Sohle über den gekrümmte Körper gemessenen Länge mit dem Gardemaß von nahezu zwei Metern.

    Er, das war ein geistig verkommener, ein versoffener, ein buckeliger Intellektueller, den ein Geistesblitz mit verheerender Wirkung getroffen hatte; mitten hinein in den Krater seines vereinsamten, seines moralisch hinfälligen Wesens, das er als Verfehlung ansah, als verkorkst definierte, als heillos, als zerstört und nicht mehr umkehrbar. Ihm fehlten die Kräfte, und er entbehrte des Willens, sich planmäßig zu erneuern. Er hätte auch von sich sagen können, er sei nun ein zerschmettertes Mosaik, das er eigenhändig sich angetan hatte.

    Er, ein Lulatsch von der Statur, war nach und nach in völlige Gefühlsarmut eingepfercht, zu einer seelischen Ruine geworden – schleichend und unbemerkt von seinen eigenen Beobachtungen und seinen Empfindungen.

    Manchmal redete er sich ein, dass er gar nicht mehr vorhanden war und nicht mehr teilnahm an seiner ihm fremd gewordenen Existenz, die ihm alles, was er sich erträumt hatte, schuldig geblieben war: ein kongruenter Ausdruck seiner selbst zu werden und sich zu erkennen in seiner eigenen Evidenz.

    Manchmal wurde ihm bewusst, dass er jemand ohne Herkunft und Heimat war, dass er sich aus einer chaotischen Unordnung von Versäumnissen zusammensetzte, dass er sich nicht selbst verkörperte, sondern an der Stelle von anderen lebte. Manchmal blitzte ein Funken Hoffnung auf, er könne sich befreien aus seinen Ketten und wieder zurückfinden ins Lot seines Lebens und in die Gewissheit seiner Berufung als Autor.

    Dieser Umnachtete, der sich wie eine von Flöhen übersäte, räudige Katze fühlte, der die Ballen an den Pfoten versengt waren; dieser psychisch Erkrankte, der über kein verlässliches Gefühl mehr verfügte, mit dem er längere Zeit umgehen konnte; dieser schwer angetrunkene Glückssucher, der er einst war, der seinen in Länge und Umfang beachtlichen, seinen um einen guten Zentimeter der Vorhaut beschnittenen, seinen vom Alkohol schwer berauschten 1,9-Promille-Penis schwenkte, der an den leergepumpten und paralysierten Schwellkörpern herumzupfte, der ihn an der Wurzel zudrückte und der ihn wieder kommen ließ, der ihn in seiner Faust führte wie einen Feuerwehrschlauch und der dabei den Ziegen ähnlich kicherte, dieser knapp zweiundachtzig Kilogramm wiegende Mann war einundvierzig Jahre alt. Seine Staatsangehörigkeit von Geburt an, die ihm in der zweiten Pflegeklasse des Städtischen Krankenhauses im bayerischen Ansbach widerfuhr: bundesrepublikanisch westdeutsch mit Bonn als Hauptstadt und Regierungssitz.

    Die Religion, in deren konstitutionellem, moralischem Korsett er im Schwange von Weihrauch auf die Vornamen Leo Ludger auf Anordnung seiner Großmutter getauft wurde: römisch-katholisch im strengsten Sinne und mit Litaneien von Bibelversen doppelt vernäht. Seine Vorfahren waren – von Vaters und Großvaters Seite seiner Mama kreuz und quer im Klan versippte Halb-, Viertel- und Achteljuden – ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Höhepunkt eines gegen dieses besondere Volk bestialisch wütenden Pogroms in der Furcht um den bedrohten Erhalt ihrer Leben aus der ungarischen Provinz über die Slowakei ins preußische Kaiserreich eingewandert – glücklicherweise unter der Mitnahme von drei mit Hanfstricken verschnürten Handkoffern, in denen sie ihre Wertsachen verstaut hatten: Schmuck, Hartgeld und etliche Unzen von reinem Edelmetall. Ihren Namen Lazar, den duften sie dank eines an die Zöllner in der Höhe von einem Dutzend Goldmünzen bezahlten horrenden Bestechungsgeldes behalten. Er wurde ihnen nicht mit dem schwarzen Tintenstrich eines Federhalters getilgt, wurde beim Grenzübertritt nicht ersetzt in einer Sekunden schnellen Taufe durch Blau oder Grün, Weiß, Gelb oder Schwarz, durch Kupferguss, Süß oder durch Tannenbaum, durch Treppengeländer, Neuner, Achter, Dreier, Zwanziger, Hunderter, Zehner, Brauner, Milchbart, Rotstein, Schweißloch, Handschuh, Fensterbank, oder Finkelstein.

    Den vielen Verwandten der Lazars, die bettelarm waren und die den uniformierten Staatsbeamten kein Bakschisch zahlen konnten, denen wurden – auf abschreckende Weise – zum Beispiel diese Nachnamen in die aus Pappe gedeckelten Behelfspässe eingetragen: Bärenloch, Schweißdrüse, Hühnerkralle, Schlingel, Bandit, Übel, Zuckerberg, Bleibnichttreu, Sackbeutel, Aschenschachtel, Räuber, Wuchergroschen, Ekel oder Finsternis.

    Der aus seiner Sicht bedauerlicherweise nur geringe Anteil seines semitischen Blutes, auf das Leo stolz war wie auf die herausragende, die höchste akademische Examensnote magna cum laude, das passte, so verdünnt, wie es in ihm war, gerade mal in die Verschlusskappe einer Feldflasche. Mehr jüdischen Saft aus Intelligenz, den hatten seine Adern in der zufällig verkorksten Geburtenfolge der abgestammten Generationen zu seiner sehr großen Abbitte bedauerlicherweise nicht abbekommen; mehr hatte die Natur der Schöpfung von diesem geistreichen, diesem kostbaren, diesem genialen, diesem genetisch wertvollen, diesem roten Elixier leider nicht für ihn ausgeteilt, für diesen Juden des sechzehnten Teils. Einen Anspruch, und wenn auch nur theoretisch, ein richtiger Semit zu sein, den hatte er demnach nicht.

    Und so war die Beschneidung, die an seinem Pullermännchen im Alter von einem Jahr vorgenommen wurde, nicht religiösen Ursprungs, und sie war nicht von irgendeinem Rabbi und auch nicht von Jehova angeordnet worden. Die an einem verregneten Vormittag von einem Kinderarzt ihres Vertrauens vorgenommene Verkürzung seines Vorhautzipfels ging auf eine unbegründete und keineswegs fundiert vorgetragene Vorliebe seiner Mutter zurück, die damit lediglich ihren eigenen Geschmack durchgesetzt hatte, was das Aussehen des männlichen Gliedes betraf. Das galt aus ihrer Sicht für den schlaffen Zustand ebenso wie für den steifen. Sie hätte ihren Sohn stattdessen aber auch piercen oder tätowieren lassen, oder ihm Zöpfe flechten oder ihm ein Ballettkleidchen anziehen oder einen Ring durch die Nase stechen können.

    Ihr einziges Argument für den ambulant erfolgten chirurgischen Eingriff, der ihn die geschwungene Krone des Präputiums kostete, das brachte sie auf diese Weise wörtlich zu Gehör. „Es sieht so viel schöner aus als das Rüsselchen, und es lässt sich drum herum viel besser und gründlicher sauber putzen ... und die Flusen und die Fäden und die Krümelchen ... und das, was da sonst noch daran hängen bleibt ... wie Wolle oder Hausstaub, das kann man schneller wegmachen mit Seife und einer sorgfältigen Wasserspülung. Man sieht ja ganz deutlich, wenn man ihn rausholt aus dem Schlitz als Junge, von oben nach unten auf den ersten Blick, dass da vorne was dran ist ... an dem süßen Schwänzchen ... an dem."

    In den folgenden Jahrzehnten, in denen er seinen Penis, neben den täglichen Pipi-Geschäften, zu vielfältigen sexuellen Verrichtungen benutzt hatte, war ihm die Überraschung stets gelungen, sobald er ihn entblößt und zur nahen Ansicht oder zur stimulierenden Betastung weiblicher Fingerspitzen freigegeben hatte. All die Dutzenden von Frauen, die Augenzeugen wurden und Nutznießerinnen, so lehrte ihn seine Erfahrung, diese Damen waren stets entzückt gewesen über die blitzblanke Kuppe in der Farbe eines Lachses, die glänzte wie eine aus Elfenbein gefertigte Billardkugel und die sich auch ebenso glatt anfühlte, wenn ein Daumen oder die Spitze eines Zeigefingers sie berührte oder eine Zungenspitze sie abschleckte im Kreise.

    Das hervorragende, das freigelegte Geschlechts-Symbol des Jüdischen allerdings, das nicht zwischen den Beinen in seiner Hose baumelte, sondern das ihm als Dokument seiner Abstammung ins Gesicht gewachsen war, das zeigte sich nur noch in der abwärts gerichteten, schmalen Linienführung seiner Nasenspitze, die aussah, von der Seite angeschaut, wie ein Teil der Hälfte einer abgebrochenen Sense. Mit viel Wohlwollen betrachtet, konnte man den Grundriss des Grenzverlaufs von Judäa am Umfang seines Schädels erkennen. Der war übernatürlich groß, und hinter der Stirn, da war eine sehr beachtliche Portion allerbestes Gehirnschmalz verpackt und viel intelligente Masse eingebettet und wenig dummes arisches Stroh hinterlegt und so gut wie gar keine teutonische Rohheit deponiert, kein chauvinistischer Nationalstolz festgewachsen, kein Syndrom von Machtbesessenheit und kein Fanatismus und keine debile völkische Deutschtümelei eingepflanzt und erst recht kein wie auch immer zu bezeichnender tumber Fremdenhass.

    „Ich hätte gern viel mehr gehabt von diesem Albert Einstein, von einem wie Franz Werfel und von einem Stefan Zweig und von einem Moses Mendelssohn oder von einem Sigmund Freud, hatte er sich wiederholt in vor sich hingemurmelten Selbstgesprächen beklagt. „Denn dann, in diesem Falle, in diesem glücklichen Falle, dann wäre ich noch viel intelligenter geworden und noch begabter und noch kreativer ... und ich hätte es geschafft, mich durchzubeißen und ich hätte es gelernt, gegen alle Widerstände anzugehen und ich hätte meine vielen Talente nicht vergeudet und ich hätte mich darauf konzentriert, ein berühmter, ein anerkannter, ein literarisch wertvoller Schriftsteller zu werden. Mit noch mehr Erbgut von meine Leut’, mit noch mehr von diesen erstklassigen, von diesen geistvollen Genen, mit noch mehr rotem Saft von Semitismus in den Adern ... und ich wäre in der Genetik der Abstammung von nicht allzu viel Deutschem und sehr viel mehr Jüdischem ein literarisches Genie geworden und nicht nur ein für die aller niedersten Instinkte einer massenhaften Volksbelustigung gefälliger drittklassiger Gebrauchsautor.

    Verflucht und zugenäht und Rotz verdamm’ mich, was bin ich doch für ein Ferkel, dachte er und klimperte mit den langen, dicht gewachsenen Wimpern seiner Augenlider, als er sich angewidert besah, was die rauschenden Kaskaden seines Urins angerichtet hatten: Der war in einem breiten Strom an die Kante des Schreibtisches gelaufen und von dort auf den Boden getropft. Hätte nicht gedacht, dass es einmal so weit mit mir kommen, dass es einmal passieren würde und ich mitten in der Arbeit am Ende eines Suffs um drei Uhr morgens einen Anfall kriege und dazu noch die Motten, sagte er sich und begann, darüber verwundert zu sein.

    Offenbar hatte sein Unterbewusstsein schon vor ihm selbst damit gerechnet, dass ihn an einem unbestimmten Tag das Entsetzen vor sich selbst packen und ihn aus der Bahn schleudern würde. Er hatte sich sein Leben nicht ausgesucht; es war weder geplant, noch war daran gearbeitet worden. Es war einfach nur geschehen. Die Selbstfindung, an der er bewusst seit mehr als dreißig Jahren arbeitete, hatte nun ihre eigene Definition abgeschlossen. Und das war das Bild, das er von sich zeichnete: Ich bin ein Krüppel, ich bin ein mittelmäßiger Schreiberling, ich bin ein Säufer, ich bin ein Streuner, ich habe mich vergeudet.

    Und immer öfter dachte er über sich in diesem bildlichen Vergleich: Eigentlich gehöre ich als Einsiedler in einen Märchenwald hinter den sieben Bergen, um dort meine Defekte vor der Außenwelt zu verstecken.

    Die Verzweiflung eines Menschen, aus welchen Gründen auch immer sie von ihm Besitz ergriff, war das Einzige, was er jemals bei anderen akzeptiert und was er sich selbst als Begründung und Ausrede für Missetaten und Kurzschlusshandlungen zugebilligt hatte. Ohne Hoffnung ist sogar der Selbstmord entschuldbar, lautete seine Überzeugung.

    Er, das war der Erzeuger des Zufalls von zwei Söhnen und von zwei Töchtern aus zwei unglücklichen Ehen mit zwei Frauen, die ihm, einschließlich ihrer Herkunft aus den alemannischen Regionen Süddeutschlands, in der Rückbesinnung vorkamen wie zwei verwelkte Sträuße Astern, die über der Eingangstür zu einem Kuhstall unter einem Nagel baumelten. Maja, die erste, die er ehelichte, eine Brünette, eine Ein-Meter-Achtzig-Frau, die war ihm weggelaufen, weil er sich zu sehr um seinen Beruf gekümmert und sie links liegen gelassen hatte. Und die zweite Angetraute, Vera-Luise mit Vornamen, die war mit den Kindern aus der Wohnung gezogen, nachdem er ein Jahr lang nicht zu Hause gewesen war und sich nur einmal in einem Kurztelefonat bei ihr gemeldet hatte, in dem er ihr mitteilte, er wisse noch immer nicht, wann er zurückkehren werde.

    Einen Ehering um den Finger, den hatte er niemals getragen. „Ganz bewusst nicht und aus tiefster Überzeugung, wie er zum Besten gab, wenn er nach dem Grund gefragt wurde. „In diesem goldenen Rund, das man an der rechten Hand trägt, liegt für die meisten Verheirateten nur ein Haufen Schmerzen und ein Haufen Enttäuschungen, umschrieb er seine notorische Abneigung gegen diesen traditionellen Hochzeitsschmuck.

    Er, das war der Schönschreiber, war einst die Edelfeder in vier verschiedenen Redaktionen gewesen, war der ehemalige Reporter und Kriegsberichterstatter, der sich in Afrika und auf dem südamerikanischen Kontinent herumgetrieben und mehrmals die Seiten der Front gewechselt hatte. Er hatte vom Sitz der Vereinten Nationen in New York berichtet, über das erschreckende Elend der Wanderarbeiter auf

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