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Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968
Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968
Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968
eBook839 Seiten9 Stunden

Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968

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Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968

Berlin 1968 Kriminalroman - Band 26 bis 30

von Tomos Forrest & A. F. Morland



Der Umfang dieses Buchs entspricht 677 Taschenbuchseiten.



Diese Band enthält folgende Romane:

Tomos Forrest & A. F. Morland: Der Ripper von Spandau Berlin 1968 - Band 26

Tomos Forrest & A. F. Morland: Keine Gnade für Millane Berlin 1968 - Band 27

Tomos Forrest & A. F. Morland: Finger weg von gestohlener Ware! Berlin 1968 - Band 28

Tomos Forrest & A. F. Morland: Für Kunst wird auch gemordet... Berlin 1968 - Band 29

Tomos Forrest & A. F. Morland: Mordachse Berlin - Rio Berlin 1968 - Band 30



Ein brutaler Mörder treibt sein Unwesen in Berlin, besser gesagt, in Spandau. Auf bestialische Weise werden junge Frauen ermordet, die als Hostessen ganz seriös als Begleiterin bestellt werden können. Bernd Schuster gerät in die Jagd auf den Mörder eigentlich durch einen Auftrag, bei dem es um die Wiederbeschaffung von 50.000 D-Mark geht, die bei einem Büroeinbruch verschwanden. Dass dann auch noch seine Freundin und Gehilfin Franziska in Lebensgefahr gerät, war selbst für den cleveren Privatdetektiv nicht voraussehbar…
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum27. Juli 2021
ISBN9783745216905
Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968
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    Buchvorschau

    Spandau-Schlitzer - Tomos Forrest

    Spandau-Schlitzer: 5 Krimis um das Berlin des Jahres 1968

    Berlin 1968 Kriminalroman  – Band 26 bis 30

    von Tomos Forrest & A. F. Morland

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 677 Taschenbuchseiten.

    Diese Band enthält folgende Romane:

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Der Ripper von Spandau  Berlin 1968 - Band 26

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Keine Gnade für Millane  Berlin 1968 - Band 27

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Finger weg von gestohlener Ware! Berlin 1968 - Band 28

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Für Kunst wird auch gemordet...  Berlin 1968 - Band 29

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Mordachse Berlin – Rio  Berlin 1968 - Band 30

    Ein brutaler Mörder treibt sein Unwesen in Berlin, besser gesagt, in Spandau. Auf bestialische Weise werden junge Frauen ermordet, die als Hostessen ganz seriös als Begleiterin bestellt werden können. Bernd Schuster gerät in die Jagd auf den Mörder eigentlich durch einen Auftrag, bei dem es um die Wiederbeschaffung von 50.000 D-Mark geht, die bei einem Büroeinbruch verschwanden. Dass dann auch noch seine Freundin und Gehilfin Franziska in Lebensgefahr gerät, war selbst für den cleveren Privatdetektiv nicht voraussehbar...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author

    Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

    Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

    © dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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    Der Ripper von Spandau

    Berlin 1968 Kriminalroman Band 26

    von Tomos Forrest & A. F. Morland

    Ein brutaler Mörder treibt sein Unwesen in Berlin, besser gesagt, in Spandau. Auf bestialische Weise werden junge Frauen ermordet, die als Hostessen ganz seriös als Begleiterin bestellt werden können. Bernd Schuster gerät in die Jagd auf den Mörder eigentlich durch einen Auftrag, bei dem es um die Wiederbeschaffung von 50.000 D-Mark geht, die bei einem Büroeinbruch verschwanden. Dass dann auch noch seine Freundin und Gehilfin Franziska in Lebensgefahr gerät, war selbst für den cleveren Privatdetektiv nicht voraussehbar...

    1

    „Moin. Einmal Currywurst, aber nicht geschnitten!"

    Der Mann hinter der schmalen Theke im schneeweißen T-Shirt, das Schiffchen keck schräg auf dem Kopf, eine schmale Schürze vor einem ansehnlichen Bauch, sah sich den Gast verwundert an.

    „Currywurst willste, aba nich jeschnitten? Wat bis du denn für eener?", erkundigte er sich.

    „Nun, ich möchte keine Wurst, die schon so aussieht, als würde einer sie gerade essen wollen!", antwortete der andere.

    Der Gast kam einwandfrei von der Küste, soviel stand für den Wurst-Maxe fest. Aber dass er deshalb seine Curry-Wurst nicht schneiden sollte, sah der Mann nicht ein. Er blickte an dem Gast die Straße entlang und nickte den beiden von der Heilsarmee zu, die ein paar Meter weiter standen und ihre frommen Traktätchen verteilten. Jetzt nahm die Frau ihre Gitarre vom Rücken und begann, zu einer grauenvollen Melodie auch noch falsch und laut zu singen.

    „Noch mal von vorne, Männeken. Wat willste?"

    „Eine Currywurst. Nicht geschnitten. Mit der angeblich berühmten Soße dazu. Und einem Stück Weißbrot. Aber kein halbes Brötchen. Ist meine Bestellung so klar bei Ihnen angekommen?"

    Der Gast deutete auf die längliche Tafel neben der Warenausgabe.

    Mit Kreide stand dort geschrieben: ‚Hier die Original Berliner Curry-Wurst, scharf. Frisches Weißbrot, Portion 1,60 Mark.‘

    „Ich bin auf Ihr Angebot gestoßen, weil ich über die Zeile lachen musste, in der Sie echte Hamburger anbieten für das Stück 1,80 Mark, verstehen Sie? Ich komme nämlich aus Hamburg."

    „Dit erklärt nun einiges!, antwortete der Verkäufer in aller Ruhe. „Wat willste denn nu – Curry oder Hamburger?

    „Wie ich schon sagte. Currywurst ungeschnitten!"

    Jetzt bewegte sich der Wurst-Maxe, griff nach der Pappschale, füllte sie mit einer der heißen, fertigen Würste, kippte aus einem Plastikeimer mit einer kleinen Kelle schwungvoll die gewürzte Soße darüber und legte ein Stück Weißbrot an den Rand.

    Das Geld lag abgezählt auf dem Zahlteller, und der Hamburger sah sich verwundert um.

    „Besteck? Wie soll ich die Wurst essen?"

    Der Wurst-Maxe zog die Schultern hoch.

    „Keine Ahnung. Da liegt doch der Holzpieker daneben, oda? Dit is auch der Jrund, weshalb ik die Dinger schneide."

    „Was ist mit Besteck?"

    „Seh ik so aus, als hätte ich ‘nen Laden für Kneipenbedarf?"

    „Unglaublich!"

    Der Hamburger griff die Currywurst mit spitzen Fingern, merkte dabei, wie heiß sie war und ließ sie erschrocken in die Pappschale nebst Soße fallen. Das verursachte ein Aufspritzen, und wutschnaubend rieb er sich die Flecken vom Hemd.

    „Das auch noch! Meine Güte, ist es denn nicht möglich, eine Curry-Wurst so zu servieren, dass man sie auch anständig verzehren kann?"

    „Ik mach mal nen Vorschlag, Orje!, meldete sich der Verkäufer wieder. „Ik schneid’se dir in Stikke, wa?

    Der Hamburger schwieg, griff erneut zu und biss herzhaft in die Wurst.

    Jetzt verbrannte er sich die Zunge, ließ die Wurst erneut zurückfallen und hatte weitere Flecken zu verzeichnen. Den heißen Bissen im Mund schob er rasch hin und her, bevor er schluckte. Grinsend schob ihm der Wurstverkäufer eine Papierserviette zu.

    „Dabei schmeckt das Zeug noch nicht mal! Möchte nur wissen, weshalb man die Berliner Curry-Wurst so lobt, wo doch die Hamburger sie nicht nur erfunden haben, sondern auch wirklich schmackhaft herstellen können!"

    „Wat is?", horchte der Wurst-Maxe auf. Sein Gesicht zeigte deutlich die Verärgerung, aber bevor die Auseinandersetzung eskalierte, waren die beiden Heilsarmee-Leute heran.

    „Tach Justav!, sagte der uniformierte Mann, setzte die Schirmmütze ab und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Seine dunkle Sonnenbrille gab dem rundlichen Gesicht mit dem kleinen Schnauzbart unter der Nase und dem Doppelkinn ein geradezu abschreckendes Etwas. Nur sein freundliches Lächeln passte zu seinem Beruf. „Die Tagessuppe für die Frieda und mich, bitte!

    „Aber gern, Herr Leutnant!", antwortete Gustav und griff zu einem der Plastikteller, um die gewünschte Suppe aus dem großen Pott über einer Gasflamme zu löffeln. In dem Moment sah er, wie der Hamburger den Rest seiner Currywurst in den Abfallbehälter warf und dabei leise vor sich hin schimpfte.

    „Dummheit is ooch 'ne Jabe Jottes, aber man soll ihr nich missbrauchen!", rief er dem Mann hinterher, der sich jedoch nicht mehr zu ihm umdrehte.

    „Justav, lass dir doch nich ärgern!", meinte der Leutnant der Heilsarmee, und als die beiden dampfenden Teller über den Tresen gingen, griffen die beiden behutsam zu und schoben sie an die Ecke des Tresens, wo sie nun gemütlich vor sich hin löffelten.

    „Was ich immer sage, Frieda – bei diese Hitze is was Warmes genau richtich!", bemerkte der Leutnant zwischen zwei Löffeln.

    „Ja, hörte ich auch schon!", antwortete die Frau, die ihre Gitarre an einem bunten, gestrickten Gurt über die Schulter gehängt hatte.

    Beide starrten dem Hamburger nach, der sich in Richtung Schlesisches Tor entfernte, ohne auch nur einmal einen Blick zurückzuwerfen.

    „Was ist dir denn über die Leber gelaufen, Gustav?", ertönte in diesem Moment eine kräftige Männerstimme und ließ den Wurst-Maxe herumfahren.

    „Bernd Schuster! Und allein? Wo ist denn das Fräulein Assistentin?"

    „Macht Diät, Gustav. Und da ich nicht zusehen mag, wie sie sich zu Mittag Gurken und Möhren kleinraspelt, bin ich mal eben schnell zu dir herübergekommen", erwiderte der Privatdetektiv. Ganz gegen seine Gewohnheit, auch bei heißen Temperaturen stets auszusehen, wie aus dem Ei gepellt, trug der bekannte Privatdetektiv heute nur ein schlichtes T-Shirt über der Jeans und an den Füßen

    Jesuslatschen, wie sie derzeit gern von den jungen Leuten getragen wurden.

    „Zur Wurst auch ne Molle, Gustav, du hast ja hoffentlich ein paar Flaschen kaltgestellt?"

    „Aber immer, für dich sowieso, Bernd! So, da, wünsche juten Appetit!"

    Bernd nahm zuerst einen kräftigen Schluck aus der sofort beschlagenen Bierflasche, dann ließ er sich die Curry-Wurst schmecken, während auch die beiden Heilsarmisten ihre Mahlzeit beendet hatten.

    An diesem Abend hatte sich der Himmel ein graues Kleid zugelegt. Um 19 Uhr zuckten die ersten Blitze auf. Dann begann es zu donnern. Jetzt war es zweiundzwanzig Uhr, und der Regen trommelte monoton gegen das Fenster. Dieter Franzen hatte noch zu tun. Auf seinem Schreibtisch brannte die nachgemachte Tiffanylampe, deren gewölbter Deckel aus buntem Glas den Schein auch nach oben, zur Decke abgab. Banknotenbündel um Banknotenbündel legte Franzen in die unterste Schreibtischlade. Einen Safe besaß er nicht. Weder hier in seinem Büro noch bei der Bank. Dort hatte er allerdings ein Konto, das erstaunlich anwuchs.

    „Fünfzigtausend!", sagte Franzen und rieb sich mit einem erfreuten Grinsen die Hände. Welcher Dummkopf hatte den Spruch verzapft: Geld allein macht nicht glücklich? Ihm genügte es. Und es konnte ihm niemals zu viel werden.

    Draußen schlich eine Gestalt durch das Vorzimmer. Franzen hatte davon keine Ahnung. Er hatte das Schloss nicht schnappen gehört und erleichterte dem Eindringling nun seine Arbeit auch noch dadurch, dass er das Radio einschaltete. Beim Zählen hatte es ihn gestört. Doch nun wollte er wieder sanfte Musikberieselung haben.

    Die angelehnte Tür ging auf. Lautlos. Sie war von Franzen selbst gut geölt worden. Er hasste knarrende Türen. Die schwarz gekleidete Gestalt trat ein. Lautlos glitt sie an den Ahnungslosen heran. Franzen brannte sich eine Zigarette an. Der Rauch kringelte sich nach oben, wurde von einem Lufthauch erfasst, begann unruhig zu tanzen, zerfaserte.

    Der Eindringling holte einen faustgroßen Stein aus der Tasche. Franzen spürte mit einem Mal, dass er nicht allein in seinem Büro war.

    Das Rascheln von Stoff war für den Bruchteil einer Sekunde zu vernehmen. Franzen zuckte herum. Da kam der knallharte Schlag. Grunzend kippte Franzen zur Seite und fiel auf den Boden.

    2

    Walter Siebert war ein alter, bedächtiger Mann, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Ob sich nun die Erde um die Sonne drehte oder die Sonne um die Erde, es war ihm egal. Da er nachts kaum mal schlafen konnte, hatte er aus dem Unangenehmen etwas Nützliches gemacht und sich um eine Anstellung als Nachtwächter beworben. Prompt hatte man seine Bewerbung akzeptiert, und so zog er nun schon seit fünf Jahren wie sein eigener Geist durch das stille, leere Bürohaus, um in jeder Etage nach dem Rechten zu sehen.

    Mit schlurfenden Schritten zog Siebert durch den dritten Stock des Bürohauses. Dass Franzen noch da war, wusste er. Sie hatten vor einer halben Stunde miteinander telefoniert.

    Laut rauschte der Regen gegen die Fensterscheiben. Siebert fröstelte. Ein Glück, dass er jetzt nicht hinausmusste. Bis zum Morgengrauen würde es sich ausgeregnet haben. Vielleicht würde ihn sogar die Sonne wieder begrüßen, wenn er seinen Heimweg antrat. Die vergangenen Tage waren wieder außergewöhnlich warm geworden.

    Plötzlich irritierte den Nachtwächter eine Bewegung. Etwas Schwarzes huschte dort um die Ecke, wo der Korridor einen Knick machte. Siebert kniff die Augen zusammen. Hatte er wirklich was gesehen?

    Hatte er sich getäuscht? Er eilte auf den Korridorknick zu. Jetzt wäre ihm die Brille eine große Hilfe gewesen. Aber wo war sie? Vermutlich lag sie in seinem Kellerbüro, neben dem Butterbrot, gleich hinter der Thermosflasche, in der sich Tee mit Rum befand.

    Als Siebert die Gangecke erreichte, entdeckte er das schwarze Etwas noch einmal. Dieter Franzen war das nicht.

    Der wäre nicht vor ihm davongelaufen. Der wäre auf ihn zugekommen, hätte ihm auf die Schulter geklopft, hätte ihm etwas zu trinken angeboten, so war Franzen.

    „He!", krächzte Siebert ärgerlich.

    Das Schwarze blieb stehen.

    „Wer sind Sie? Was haben Sie hier zu suchen? Woher kommen Sie?"

    Siebert ging auf die Gestalt zu. Je näher er ihr kam, desto genauer sah er ihre Umrisse.

    Acht Schritte noch. Auf einmal war die Erscheinung verschwunden.

    Walter Siebert presste verwirrt die Augen zusammen, schüttelte den Kopf, guckte noch einmal, riss die Augen weit auf.

    „Das gibt’s doch nicht!", sagte er grimmig. Furchtlos ging er weiter. Die schwarze Gestalt stand in der Nische einer Tür. Soeben holte sie jenen faustgroßen Stein aus der Tasche, mit dem sie schon Franzen vom Stuhl geholt hatte.

    Siebert kam tappend an. Der Eindringling wartete mit hochgehobener Hand auf seine Chance. Drei Schritte noch. Zwei. Einer. Jetzt war der Nachtwächter da. Mit weit aufgerissenen Augen wollte er an dem Schwarzen vorbeilaufen.

    Die Person flog wie katapultiert auf ihn zu. Siebert riss die Arme zur Abwehr hoch, doch der Stein traf sein Ziel trotzdem. Wie vom Blitz gestreift ging der Nachtwächter in die Knie. Trotz seines gewaltigen Brummschädels nahm er zwei Füße wahr, die sich nun eilig fortbewegten.

    Er lag auf den Knien, stützte sich mit den Händen ab, keuchte und versuchte, den Niederschlag zu verkraften. Als er alle seine Sinne wieder beisammenhatte, war der Spuk vorbei. Dafür setzten heftige Kopfschmerzen ein. Fluchend kam Siebert wieder auf die Beine. Er lehnte sich an die Wand, schluckte, massierte seinen lädierten Schädel, versuchte klarzusehen.

    Franzen fiel ihm ein. Sofort drehte er sich herum. Mit wippenden Schritten lief er zu Franzen’ Büro.

    „Herr Franzen!, rief er. „Herr Franzen! Seine Stimme hallte gespenstisch durch das stille Gebäude. „Herr Franzen!"

    Dieter Franzen lag neben dem Schreibtischstuhl. Unter seinem Kopf glänzte eine dunkelrote Blutlache.

    „Dieses Schwein!, knurrte Siebert. „Dieses gottverfluchte Schwein! Der Nachtwächter beugte sich über den Leblosen. Schnell fühlte er nach Franzens Puls. Der Mann lebte. Siebert richtete sich auf. Sein Blick fiel auf den kleinen Wandschrank, auf dem ein rotes Kreuz klebte. Er eilte darauf zu. Als er ihn öffnete, prasselten ihm Flaschen, Schachteln, Salbentuben entgegen. Seine Finger erwischten eine Pflasterrolle, eine Schere, einen Gazestreifen. Er musste mit der Nase tief in den Schrank kriechen, um die Jodtinktur mit seinen schwachen Augen zu erkennen.

    Rasch kehrte er zu Franzen zurück. Keuchend drehte er ihn auf den Rücken. Dann begann er, sich mit ungeübter Hand um die Platzwunde zu kümmern, die der Unbekannte diesem Mann geschlagen hatte.

    Siebert war beim Aufwischen der Blutlache, als Franzen ins Bewusstsein zurückkehrte. Zuerst ächzte er, als hätte er eine schwere Bürde abgesetzt. Dann hob er die rechte Hand, wischte sich über die geschlossenen Augen, hob die Lider, ließ sie einige Male flattern.

    Plötzlich setzte er sich mit einem jähen Ruck auf. „Au!", kam es gepresst über seine blutleeren Lippen. Er verzog das Gesicht.

    „Gott sei Dank", sagte der Nachtwächter.

    Dieter Franzen wandte verwirrt den Kopf nach ihm. Siebert hatte einen blutgetränkten Fetzen in seiner Rechten, den er nun schnell vor Franzen verbarg. Er sollte angesichts seines Blutes nicht gleich noch einmal in Ohnmacht fallen.

    „Was ist passiert?", fragte Franzen benommen. Erst jetzt bemerkte er, dass er auf dem Boden saß.

    „Ja, was ist passiert?, gab Walter Siebert nickend zurück. „Sie hatten Besuch von einer schwarzen Gestalt, Herr Franzen.

    Franzen machte senkrechte Falten auf seiner Stirn. „Von einer schwarzen Gestalt?"

    „Sie wurden niedergeschlagen. Erinnern Sie sich nicht?"

    „Dunkel nur. Sehr dunkel." Franzen versuchte aufzustehen.

    „Warten Sie, ich helfe Ihnen", sagte Siebert hastig. Den blutigen Fetzen warf er in den Papierkorb. Dann wischte er seine feuchten Hände am speckigen Hosenboden ab und fasste fest zu. Mit vereinten Kräften ging es. Franzen bedankte sich seufzend. Da ihm der Kopf wehtat, tastete er nach dem Schmerzzentrum. Er fühlte den Pflasterstreifen.

    „Ich bin verletzt?"

    „Ja, Herr Franzen."

    „Schlimm?"

    „Nur ’ne Platzwunde."

    „Haben Sie sie versorgt?"

    „Ja, Herr Franzen."

    „So lange war ich weg?"

    „Besorgniserregend lange, erwiderte der Nachtwächter. „Wie fühlen Sie sich jetzt?

    „Wie durch den Wolf gedreht und hinterher von einem Esel getreten."

    „Soll ich Ihnen einen Cognac einschenken?"

    „Das ist eine gute Idee, Herr Siebert. Nehmen Sie sich auch einen."

    Wo das Getränkefach war, wusste der Nachtwächter. Er war von Franzen schon mehrmals auf einen guten Schluck eingeladen worden, wenn er draußen am Büro vorbeischlurfen wollte. Franzen arbeitete oft nachts. Siebert setzte sich ebenfalls. Sie tranken. Siebert meinte, nun müsse man die Polizei einschalten.

    „Gleich, sagte Franzen. „Erzählen Sie mir erst, was Sie gesehen haben, Herr Siebert.

    Der Nachtwächter kommentierte den Film, der vor seinem Erinnerungsauge ablief.

    „Er hat auch Sie niedergeschlagen?", fragte Franzen erstaunt.

    „Musste er. Sonst hätte ich ihm den Hals umgedreht."

    „Womit hat er zugeschlagen?"

    „Mit einem verdammt harten Gegenstand. Aber was es genau war, entzieht sich meiner Kenntnis."

    „Haben Sie sein Gesicht gesehen?", erkundigte sich Franzen aufgeregt. Er trank sein Glas leer.

    „Ein weißer Fleck, antwortete Siebert und hob bedauernd die Schultern. Er wies auf seine Augen. „Mit den Murmeln kann ich keinen Elefanten von einem Polizisten unterscheiden, wenn beide ’ne blaue Uniform tragen. Halb blind bin ich ohne Brille. Und Sie? Haben Sie sein Gesicht nicht gesehen?

    Franzen presste die Kiefer ärgerlich zusammen. „Nein, knurrte er. „Er schlich sich von hinten an. Als ich merkte, dass er hinter mir war, hatte ich keine Chance mehr ...

    „Was wollte er hier?"

    Franzen schaute sich um. Sein Geld! Er starrte in die leere Schreibtischlade. Sein Geld war weg! Die gesamten 50 000 Mark waren futsch. Zu den Kopfschmerzen gesellte sich nun auch noch ein Herzkrampf. 50 000 Mark. Einfach weg. Das war zum Heulen.

    „Ich – ich bin beraubt worden!", stöhnte Franzen erledigt. Er erhob sich, weil die Sitzfläche seines Stuhls auf einmal so heiß war wie eine Ofenplatte im Winter. Da fiel ihm auf, dass auch sein Karteischrank ungestüm durchwühlt worden war. Aber das war nicht so schlimm. Unvergleichlich schwerer wog der Verlust der 50 000 redlich verdienten Mark.

    „Jetzt rufe ich die Polizei an, Herr Franzen!", sagte der Nachtwächter entschlossen. Und Dieter Franzen hatte nichts dagegen.

    3

    Bernd Schuster brauchte zehn Minuten bis zum nicht überdachten Besucherparkplatz. Die Sonne knallte auf die Fahrzeuge und machte sie zu Backöfen.

    Als Bernd im dritten Stock aus dem Fahrstuhl stieg, kam ihm eine Frau mit sich deutlich abzeichnenden Brüsten und Wespentaille entgegen.

    „Zu Herrn Franzen?", fragte er, nur um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie duftete nach frischen Rosen. Aber als sie den Mund öffnete, bekam seine aufgeblähte Illusion schreckliche Risse.

    „Haben Sie keine Augen im Kopf, Mann? Können Sie nicht lesen? Steht doch ganz groß dort an der Tür, oder?"

    „Ist ja schon gut, schon gut", winkte Bernd ab und machte, dass er weiterkam.

    Franzen war allein in seinem Büro, das aus zwei Räumen bestand. Sein Kopf war bis zu den Brauen mit Mullverband bedeckt. Ein Krankenwagen hatte ihn noch in der Nacht ins nächste Krankenhaus gebracht.

    Da war die Platzwunde mit drei Nähten geschlossen worden. Eigentlich hätte der Hostessenvermittler zu Hause im Bett liegen sollen, aber davon wäre er wahrscheinlich verrückt geworden. Zuerst 50 000 Mark verlieren und dann auch das Büro schließen, das wäre einfach zu viel für ihn gewesen.

    Im Aschenbecher war nur noch für eine Kippe Platz. Beim nächsten Stummel würde die Pyramide zusammenfallen und sich rund um den Ascher verteilen.

    Bernd setzte sich. „Sie haben mich angerufen. Ich bin hier. Schießen Sie los. Ich höre."

    Dieter Franzen war Mitte Vierzig. Vor Jahren hatte er sich als Makler versucht, war jedoch nicht mit eigener Kraft hochgekommen, hatte alles hinter sich gelassen und sich einem anderen Erwerbszweig zugewandt. Ein Freund hatte ihm ein Nachtlokal angeboten. Mit einer bekannten Sängerin als stiller Teilhaberin hatte Franzen die Sache groß aufgezogen, als die „Stille" ihr Geld aber zu plötzlich aus dem Unternehmen herauszog, um eine eigene Schallplattenfirma zu gründen, hatte Dieter Franzen zum zweiten Mal Pleite gemacht. Erst sein Hostessenbüro hatte ihm den Erfolg gebracht, hinter dem er jahrelang hergelaufen war.

    Er war mittelgroß, sah mittelmäßig aus, trug Anzüge von der Stange. Nun trug er mit großem Eifer vor, was ihm in der vergangenen Nacht zugestoßen war.

    Bernd schüttelte den Kopf. „Einen Vorwurf kann ich Ihnen nicht ersparen, Herr Franzen!"

    „Ich weiß! Ich weiß! Ich hätte so viel Geld nicht einfach im Schreibtisch aufbewahren sollen. Aber wohin damit? Ich besitze keinen Safe."

    „Geld gehört auf die Bank."

    Der Hostessenvermittler zuckte die Achseln. „Jeder hat eben so seinen Tick. Ich weiß nicht, was Sie haben ..."

    „Ich angle gern."

    „Und ich höre gern Banknoten knistern. Ich sehe mir gern Geldbündel an, nehme sie gern mal in die Hand, und ich bezahle auch nicht gern mit einem Euro-Scheck, sondern lieber in bar, obgleich man hierzulande ja schief angesehen wird, wenn man nicht mit Scheck bezahlt."

    „Waren die fünfzigtausend Mark Ihr ganzes Geld?", erkundigte sich Bernd.

    „Ich habe noch was auf meinem Bankkonto. Fragen Sie mich deshalb, weil Sie befürchten, ich könnte Ihr Honorar nicht aufbringen?"

    „Ich versuche mir nur ein Bild von Ihnen und von Ihrem Unternehmen zu machen."

    „Das Unternehmen ist eine absolut seriöse Angelegenheit, Herr Schuster."

    „Wie viele Mädchen beschäftigen Sie?"

    „Fünfzehn bis zwanzig. Das ist ganz verschieden. Manche Mädchen sind so hübsch, dass sie mir schon nach wenigen Wochen weggeheiratet werden."

    „Binden Sie die Mädchen nicht vertraglich an Ihr Unternehmen?"

    „Wenn eine ihr Glück machen kann, will ich ihr nicht im Wege stehen."

    „In der Tat eine seriöse Ansicht, lobte Schuster. „Was sind das für Frauen, die für Sie arbeiten?

    „Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten."

    „Und wie sieht ihr Job aus?"

    „Sie leisten einsamen Herren Gesellschaft."

    „Wie weit geht das?"

    „Auf keinen Fall bis ins Bett!, sagte Dieter Franzen schnell. „Ich weiß, Hostessenbüros werden allgemein als Kuppelei-Unternehmen angesehen. Eine neue Art der Hurenvermittlung. So etwas gibt es bei mir jedoch nicht. Mein Name bürgt für ein sauberes Geschäftsgebaren, Herr Schuster. Meine Mädchen leisten ausländischen Diplomaten, Filmleuten und Größen der internationalen Hochfinanz Gesellschaft, wenn sie sich bei uns in West-Berlin langweilen.

    „Angenommen, ein Kunde möchte einem Ihrer Mädchen doch ans Höschen."

    „Ist nicht gestattet!"

    Bernd schmunzelte. „Wir sind beide Männer, Herr Franzen. Würden Sie sich darum scheren, was erlaubt ist und was nicht, wenn Ihnen ein Mädchen so gut gefällt, dass Sie ganz verrückt nach ihr sind? In der Liebe ist doch jeder Trick erlaubt, der ans Ziel führt."

    „Die Mädchen wissen, dass sie auf der Stelle entlassen werden, wenn sie so etwas tun. Dafür sind andere Unternehmen da. Nicht das meine. Wenn ein Mann so etwas sucht, dann hat er Pech bei meinen Hostessen."

    „Angenommen, eines Ihrer Mädchen möchte dasselbe wie der Kunde."

    Franzen blickte Bernd ärgerlich an. „Warum hören Sie nicht endlich auf, diese gute Sache in den Schmutz zu ziehen, Herr Schuster? Ich habe Ihnen bereits einmal erklärt, und ich tue es nunmehr mit Nachdruck ein zweites Mal: Es gibt solche und solche Hostessenvermittlungen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, seriösen Männern, die in unsere Stadt kommen, eine seriöse Begleiterin an die Seite zu stellen. Die Mädchen gehen mit den Kunden soupieren, sie besuchen mit ihnen Museen, zeigen ihnen die Sehenswürdigkeiten Berlins, aber mehr spielt sich nicht ab."

    „Gibt es Mädchen, die verheiratet sind?", fragte Bernd.

    „Verheiratet ist keine einzige. Drei sind verlobt. Mehrere so gut wie verlobt. Einige haben einen festen Freund. Die Mädchen üben hier bei mir einen Beruf aus, der nicht unehrenhafter ist als der einer Dolmetscherin bei der UNO zum Beispiel."

    „Warum sind keine verheirateten dabei?"

    „Bisher sind alle ausgeschieden, nachdem sie geheiratet hatten", antwortete Franzen.

    „Weswegen?"

    „Weil sie es nicht mehr nötig hatten, einer Arbeit nachzugehen."

    „Aber Sie würden diese Mädchen nicht abbauen, wenn sie den Wunsch hätten, zu bleiben."

    „Ich würde ihr Bleiben sogar begrüßen, sagte Franzen. „Ich komme mit meinen fünfzehn bis zwanzig Mädchen kaum durch. Die Nachfrage ist ungemein groß. Ja, ja, Herr Schuster. Auch Sauberkeit macht sich bezahlt.

    „Wurde außer den fünfzigtausend Mark noch etwas gestohlen?", wollte Bernd wissen.

    „Genügt das nicht?"

    „Doch, doch."

    „Der Karteischrank wurde durchwühlt."

    „Fehlt daraus etwas?", fragte Bernd.

    „Ich glaube nicht. Nein. Es scheint nichts zu fehlen."

    „Wie stehen Sie zu Ihren Mädchen, Herr Franzen? Welches Verhältnis haben Sie zu ihnen?"

    „Das Beste, das Sie sich denken können. Ich bin wie ein Vater zu ihnen. Sie mögen mich."

    „Alle?", forschte Bernd.

    „Alle. Wundert Sie das? Ich zahle überdurchschnittlich gut, ich respektiere die Mädchen. Ich bin für sie jederzeit da. Sie können mit allen ihren Sorgen zu mir kommen."

    „Hatte in letzter Zeit eines der Mädchen Sorgen?"

    Franzen schüttelte den Kopf, ohne nachzudenken. „Nein."

    Bernd wies auf den Schreibtisch. „Wer wusste davon, dass Sie hier drin fünfzigtausend Mark aufbewahren, Herr Franzen?"

    „Ich glaube, das war allein meinen Mädchen bekannt. Franzen stutzte. „Hoffentlich galoppieren Sie jetzt nicht in diese Richtung, Herr Schuster. Für meine Mädchen lege ich die Hand ins Feuer.

    „Okay. Keines Ihrer Mädchen hat das Geld genommen, erwiderte Bernd. „Das könnte sogar stimmen. Aber könnte der Täter nicht durch eines der Mädchen von dem Geld in Ihrem Schreibtisch erfahren haben? Ganz zufällig. Das Mädchen wollte dem Täter keinen Tipp geben. Es sprach vom Geld, ohne sich dabei etwas zu denken. Wäre doch möglich.

    Franzen wollte nicht daran glauben. Aber Bernd war von dieser Idee vorerst mal nicht abzukriegen. Irgendwo musste er schließlich seinen Hebel ansetzen. Warum also nicht hier? Franzen rauchte nervös und legte die letzte Kippe, die im Ascher noch Platz hatte, kurz darauf auf die Stummelpyramide. Bernd bat ihn, ihm vorerst einmal ein paar Namen und Adressen aufzuschreiben. Dieter Franzen drehte ein Blatt Papier in die Schreibmaschine und klopfte neun Mädchennamen samt Anschrift und Telefonnummer aus dem Gedächtnis herunter. Ganz unten knatterte Franzen auch noch mit erstaunlich flinken Fingern den Namen Walter Siebert samt Adresse aufs Papier. Dazu meinte er: „Ich nehme an, dass Sie auch mit dem Nachtwächter sprechen möchten."

    Bernd faltete das Blatt zusammen und steckte es in die Innentasche seines Jacketts. Mit Schusters Tageshonorar von 100 Mark Spesen extra war Franzen sofort einverstanden. Interessehalber erkundigte sich Bernd Schuster noch nach dem Polizeibeamten, der den Fall bearbeitete.

    „Inspektor Steffens, antwortete Franzen. „Vom Raubdezernat.

    Bernd kannte ihn nicht.

    Er versprach, bald wieder von sich hören zu lassen und fuhr zu Siebert. Die Beule des Nachtwächters war immer noch gut zu sehen. Bernd erklärte ihm seinen Auftrag und wurde dann in eine kleine, nett eingerichtete Wohnung eingelassen. Jetzt trug Siebert seine dickglasige Brille, und er hatte sich vorgenommen, sie nicht einmal mehr unter der Dusche abzunehmen. Er wies darauf.

    „Die hätte ich gestern Nacht auf der Nase sitzen haben müssen, Herr Schuster. Dann könnte ich Ihnen den Kerl so genau beschreiben, dass Sie davon ’ne Zeichnung anfertigen könnten. Aber leider – wer konnte denn ahnen – was soll’s. Sich jetzt Vorwürfe zu machen, hat wohl keinen Sinn mehr."

    „War der Täter ein Mann oder eine Frau, Herr Siebert?", erkundigte sich Bernd Schuster.

    „Ein Mann", sagte Walter Siebert sofort.

    „Wieso sind Sie so sicher?"

    „Eine Frau macht doch so etwas nicht, Herr Schuster."

    „Wir leben im Zeitalter der Emanzipation. Heute tun so etwas leider auch schon die Frauen. Versuchen Sie, sich an das Gesicht des Täters zu erinnern."

    Der Nachtwächter zuckte die Achseln. „Es war ein weißer Klecks. Tut mir leid."

    „Keine Augen? Keinen Mund?"

    „Nur ein weißer Fleck über einer schwarzen Kleidung."

    „War der Täter schlank?"

    „Das muss ich annehmen. Er war schnell wie ein Wiesel. Ein dicker Mensch kann sich nicht so rasch bewegen."

    „Womit hat er Sie niedergeschlagen?"

    „Ich hatte den Eindruck, es war ein Stein. Aber das ist wohl Blödsinn. Wer schleppt schon einen faustgroßen Stein mit sich herum ..."

    „Muss es denn unbedingt immer ein Totschläger sein, Herr Siebert?"

    „Die Unterwelt zieht ’nen handlichen Totschläger nun mal einem gewöhnlichen Stein vor, Herr Schuster."

    Bernd nickte. „Was Sie da sagen, bringt mich auf eine gute Idee."

    „Auf welche?"

    „Der Täter gehört nicht der Unterwelt an. Bernd erhob sich. „Können Sie mir sonst noch etwas über den schwarzen Mann mit dem weißen Klecksgesicht sagen, Herr Siebert?

    Der Nachtwächter dachte angestrengt nach. „Ich weiß nicht – irgendetwas hat an ihm nicht gestimmt."

    „Was?, fragte Bernd schnell. „Denken Sie nach, Siebert.

    „Es hat keinen Zweck, erwiderte der alte Mann und schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich komme einfach nicht drauf, was es gewesen ist.

    4

    Sie war für jeden Mann eine Augenweide. Groß, schlank, blond. Üppig da, wo es sein musste, ohne ein Gramm Fett auf den Rippen. Darüber hinaus hatte sie ein nettes Wesen, und sie besaß die Gabe, auf jeder Party sehr schnell zur Zentralfigur zu avancieren. Das kleine Stupsnäschen saß keck in ihrem hübschen Puppengesicht. Es war nicht viel Make-up nötig, um aus Doris Koch eine geradezu umwerfende Schönheit zu machen.

    Sie lag splitterfasernackt unter dem Strahler ihres Heimsolariums. Soeben wandte sie sich um. Jetzt kam die Vorderfront dran. Ihre vollen Brüste mit den dunklen Warzenhöfen schaukelten sanft. Zwei Minuten setzte sie sich der Höhensonnenbestrahlung aus. Dann glitt sie von der gepolsterten Liege. Sie nahm die Schutzbrille ab und legte sie weg. Veilchenblaue Augen blitzten aufgeweckt.

    Doris begab sich in das Wohnzimmer, nachdem sie sich einen weichen Frotteemantel übergeworfen hatte. Ein Schluck von dem Whisky in ihrem Glas ließ in ihrem Inneren eine vitale Revolution ausbrechen. Viele Männer hatten ihr schon die Frage gestellt: „Warum gehst du nicht zum Film, Doris?"

    Sie war beim Film gewesen, hatte sogar eine seriöse Schauspielausbildung genossen, wäre gern in die Staaten gegangen, am liebsten natürlich nach Hollywood. Aber sie hatte den Durchbruch nicht geschafft. Das hatte vermutlich daran gelegen, dass es damals eine Kollegin gegeben hatte, nach der sich alle Bühnen in West-Deutschland rissen. Ein wahres Talent und Temperament-Bündel. Und sie hatte beinahe genauso ausgesehen wie Doris Koch. Klar, dass neben ihr kein Platz mehr für Doris blieb. Die paar Rollen, die sie verkörperte, wurden beim Schneiden so stark gestutzt, dass kaum mehr was davon übrigblieb. Da die Kollegin jünger als Doris war, war nicht zu erwarten, dass es für Doris in absehbarer Zeit eine ernsthafte Chance geben würde. Man machte ihr das Angebot, den Star bei den Nacktszenen zu doubeln, weil sie die schönere Figur besaß, aber darauf verzichtete Doris Koch. Sie kehrte nach Berlin zurück, hängte den Schauspielberuf an den Nagel und begab sich in Dieter Franzens Obhut. Bis heute hatte sie das noch nicht zu bereuen gehabt. Ihre gemütliche Wohnung in der Teltower Straße in Spandau lag ruhig und war, dank ihrer Tätigkeit für Franzen, auch bezahlbar.

    Das Telefon schlug an. Doris hob ab und sagte mit samtweicher Stimme: „Ja?"

    Es kam nichts aus dem Hörer.

    „Hallo!"

    Nichts.

    „Hallo! Wer ist da?"

    Jetzt ein aufgeregtes Keuchen. Sonst nichts. Kein Wort. Doris überlief es kalt. Nervös presste sie den Hörer ans Ohr. Das Keuchen wurde lauter, ging schneller, so als wäre der Anrufer sehr erregt.

    „Hallo!"

    Ein gepresstes, heiseres Lachen. Doris Koch schauderte. Was hatte das zu bedeuten? Wer war da dran?

    „Wer sind Sie?", fragte das Mädchen beunruhigt. Noch schneller ging das Keuchen. Ein asthmatisches Pfeifen mengte sich hinein.

    „Möchten Sie nicht endlich sagen, was Sie wollen?", fragte Doris mit angespannten Nerven. Sie hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand würde ihr über den Nacken streichen. Das Keuchen war nun schon so laut, dass es Doris ängstigte. Sie wollte auflegen, aber sie war gebannt wie die Maus, die vor der Schlange sitzt und nicht wegrennt, obwohl sie weiß, dass sie gefressen wird.

    „Bitte!, rief sie mit belegter Stimme. „Was soll denn das?

    „Schlampe!", zischte der Anrufer.

    „Was sagten Sie? Wie haben Sie mich eben genannt?"

    „Schlampe!, flüsterte der Keucher. „Dreckige, billige Schlampe!

    „Wer sind Sie? Warum beschimpfen Sie mich?"

    „Du bist eine Nutte, he? Du treibst es mit jedem, was? Legst dich mit allen ins Bett und kassierst dafür auch noch, du hundsgemeines Luder. Unsere arme Welt ist voll von Kanaillen wie dir. Sie müssen weg! Weg! Weg! Alle! Wir brauchen euch nicht! Wir möchten eine saubere Welt haben! Huren wie du verpesten unser Klima! Vergasen, erstechen, erschießen, köpfen sollte man euch! Ich werde es tun, Doris Koch. Ja, ich werde es tun. Ich werde der Menschheit einen Gefallen erweisen. Ich werde die Menschheit von dir befreien! Du bist ein Alptraum für jeden anständigen Menschen, deshalb musst du sterben! Hast du verstanden, Doris Koch? Du musst sterben!"

    Dem Mädchen stockte der Atem. Eine raue Gänsehaut umspannte ihren jungen, bebenden Körper.

    „Sie sind verrückt!", schrie sie erschrocken in die Membran.

    „Oh nein, meine Liebe, kam es flüsternd aus dem Hörer. „Meine Freunde und Bekannten könnten dir bestätigen, dass ich vollkommen normal bin!

    „Und doch sind Sie wahnsinnig!"

    „Das ist nicht wahr!", keuchte der Anrufer.

    „Ihre Freunde und Bekannten wissen es nur noch nicht, dass Sie nicht mehr normal sind! Seit wann machen Sie das? Seit wann rufen Sie junge Mädchen an, hm? Woher haben Sie überhaupt meine Telefonnummer? Wer sind Sie?"

    „Ich bin ein Mensch, der es gut mit der Menschheit meint, Doris Koch. Den Bauch werde ich dir aufschlitzen, mein Täubchen. Es wird mir ein Vergnügen sein, zuzusehen, wie deine entsetzten Augen langsam brechen."

    Mit einem verzweifelten Schrei warf das Mädchen den Hörer auf die Gabel. Fröstelnd stand sie vor dem Telefon. Sie starrte den Apparat fiebernd an, nagte nervös an der Unterlippe.

    „Was ist das für ein Mensch?, fragte sie sich schaudernd. „Was ist das nur für ein teuflischer Mensch?

    Zitternd am ganzen Leib begab sie sich zur Hausbar. Sie goss Whisky in ein Glas. Der Drink konnte gar nicht groß genug sein. Hastig trank sie. Anschließend zündete sie sich eine Lord Extra an. Die Zigarette federte zwischen ihren Fingern auf und ab. Paffend rauchte sie. Und sie lief aufgewühlt hin und her.

    Wer war der Anrufer gewesen? Jemand, den sie kannte? Woher hatte er ihre Telefonnummer? Einfach aus dem Telefonbuch herausgepickt? Auf gut Glück?

    Er hatte sie beschimpft. Ihr Beruf störte ihn. Warum hatte er nicht lauter gesprochen? Warum hatte er geflüstert? Hatte er von wo angerufen, wo andere Leute hätten mithören können, wenn er lauter geredet hätte?

    So viel Angst wie an diesem Tag hatte Doris in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt. Schnell zog sie sich an. Der Frotteemantel flog auf den Haken im Badezimmer. Doris schlängelte sich in einen hauchzarten Slip. Dann hakte sie den BH fest. Ein Kleid aus roter, raschelnder Seide folgte. Die Frisur war mit einigen Bürstenstrichen in Ordnung gebracht.

    Als sie aus dem Bad trat, schlug das Telefon erneut an. Sie blieb stehen, erstarrte mitten in der Bewegung. Furchtsam schüttelte sie den Kopf. Nein, sie wollte nicht noch einmal rangehen. Einmal hatte sie die Tränen mühsam niedergekämpft. Ein zweites Mal würde ihr das nicht gelingen, das fühlte sie.

    Unaufhörlich quälte sie das Schrillen des Telefons. Sie presste die Handflächen auf ihre Ohren.

    „Nein!, schrie sie hysterisch. „Nein! Ich geh’ nicht ran! Hör auf! Hör endlich auf!

    Das Telefon zog Doris magisch an. Sie wollte den Hörer nicht mehr anfassen, doch sie stand bereits vor dem Apparat. Sie sah, wie sich ihre Hand auf den Hörer legte, erschauderte, nahm aber doch den Hörer von der Gabel. Krächzend meldete sie sich. Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt. Kleine Schweißtröpfchen standen auf ihrer gekräuselten Stirn.

    „Doris?", kam eine kräftige, sympathische Männerstimme aus dem Hörer.

    „Ja", hauchte das Mädchen erledigt.

    „Hier spricht Karsten Wegner."

    Doris atmete erleichtert auf und entspannte sich. „Hallo, Karsten. Sie sind immer noch in Berlin? Ich dachte, Sie wären bereits in Marseille."

    „Ich bin schon auf dem Flughafen. In zwanzig Minuten geht meine Maschine."

    „Guten Flug, Karsten", sagte Doris erleichtert.

    „Ich wollte nicht abfliegen, ohne mich noch mal bei Ihnen für den gestrigen Tag bedankt zu haben, Doris. Es war furchtbar nett mit Ihnen."

    Das Mädchen schloss die Augen und versuchte schwach zu lächeln.

    Der Schweiß trocknete langsam von ihrer Stirn.

    „Ich bin sicher, wir sehen einander wieder, Karsten."

    „Sagen Sie, Doris, ist etwas nicht in Ordnung mit Ihnen? Ihre Stimme klingt, als hätten Sie Kummer."

    „Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Karsten. Es ist alles bestens."

    Doris wollte Wegner nicht beunruhigen. Sie wünschte ihm noch mal einen guten Flug und legte dann auf. Drei Zigaretten später schlug die Türglocke an. Doris war mit den Nerven immer noch ganz tief unten. Sie zuckte heftig zusammen und fuhr erschrocken herum.

    Der Anrufer hatte gesagt, er würde zu ihr kommen. Heute. Morgen. Irgendwann. Stand er jetzt vor ihrer Tür? Sofort überflutete das Mädchen eine panische Angst. Sie nagte am Daumennagel, wusste nicht, ob sie an die Tür gehen oder besser so tun sollte, als wäre sie nicht zu Hause. Da klingelte es schon wieder. Es war ihr, als wäre ein Stromstoß durch sie gefahren. Auf Zehenspitzen schlich sie in die Diele. Ihr Herz hämmerte aufgeregt gegen die Rippen.

    Nervös warf sie einen Blick durch den Spion. Die Glaslinse verzerrte das Gesicht des Mannes draußen. Trotzdem sah er gut aus. Etwa eins achtzig groß. Schlank, breitschultrig, helle Augen, dunkles Haar. Doris fragte den Fremden durch die Tür, was er wolle. Er nannte ihr seinen Namen. Bernd Schuster hieß er. Er sei Privatdetektiv, sagte er. Und er zeigte ihr seinen Personalausweis, hob ihn dicht an den Türspion, als sie ihn dazu aufforderte. Sie machte es spannend, hängte die dicke Kette vor. Ließ sich den Personalausweis aushändigen, studierte ihn eingehend, ehe sie ihn zurückgab und Schuster eintreten ließ.

    „Sie müssen mich für eine hysterische Pute halten", sagte sie im Wohnzimmer verlegen.

    „Vielen Leuten wäre vieles erspart geblieben, wenn sie so vorsichtig gewesen wären wie Sie, Fräulein Koch", erwiderte Bernd. Er setzte sich in den sandfarbenen Samtsessel, auf den Doris wies.

    Sie nahm ihm gegenüber Platz und umklammerte ihre Knie mit beiden Händen. Dass mit ihr einiges nicht stimmte, erkannte Schuster auf den ersten Blick. Er kannte die Angst und was sie aus einem Menschen machte. Und dieses Mädchen da hatte vor kurzem Todesängste ausgestanden, das sah Bernd in ihren veilchenblauen Augen.

    Sein angenehmes Äußeres flößte ihr sofort Vertrauen ein. Er brauchte sie nach dem Grund ihrer Furcht nicht zu fragen. Sie begann von selbst davon zu reden, und sie schien sehr, sehr froh zu sein, gerade mit ihm darüber sprechen zu können.

    „Da...  da war vorhin ein Anruf ..., begann sie, während sie das Telefon ängstlich ansah. „Jemand hat gedroht, mich umzubringen, deshalb bin ich so durcheinander.

    Bernd bat sie, den Inhalt des Gesprächs wiederzugeben. Sie versuchte es. Und als sie fertig war, musste sie schluchzen. Er stand auf, legte ihr seine Hand auf die Schulter und redete beruhigend auf sie ein. Ihr ganzer Körper zuckte, während sie ohne Tränen weinte.

    „Kam Ihnen die Stimme irgendwie bekannt vor?", fragte Bernd, nachdem sich das Mädchen etwas gefangen hätte. Doris schüttelte den Kopf.

    „Es war ja nur ein Flüstern."

    „Aber doch deutlich genug, dass Sie jedes Wort verstehen konnten", sagte Bernd.

    „Ja. Das schon. Doch wenn jetzt nacheinander zehn meiner besten Freunde anriefen, würde das genauso klingen, Herr Schuster."

    „Vielleicht sind Sie mit ihm bekannt, und er möchte nicht, dass Sie ihn identifizieren können."

    Doris schüttelte aufgeregt den Kopf. „Keiner meiner Bekannten würde mich dermaßen erschrecken."

    „Haben Sie einen Freund, Fräulein Koch?"

    „Ich hatte einen. Bis vor einer Woche."

    „Was ist aus ihm geworden?"

    „Ich habe ihm den Laufpass gegeben."

    „Warum?", wollte Bernd wissen.

    Doris zuckte mit den Schultern. „Wir haben einfach nicht zueinander gepasst."

    „Darf ich Sie um seinen Namen bitten?"

    „Christian Delfs."

    „War er sehr enttäuscht, als Sie ihm sagten, dass es aus ist?"

    Doris wedelte mit der Hand, als hätte sie sich die Finger verbrannt.

    „Er war furchtbar wütend. Männer können es nicht vertragen, sitzengelassen zu werden. Christian war in dem Punkt ganz besonders leicht verwundbar, aber es ging einfach nicht mehr weiter mit uns. Dieses Verhältnis begann mich nervlich zu belasten. Wir stritten uns fast jeden Tag. Es musste ein Ende haben."

    Nun wies Bernd auf das Telefon. „Wäre es möglich, dass Christian der Anrufer war?"

    Doris Koch erschrak. „Diese Frage lasse ich nicht zu, Herr Schuster."

    „Sie sagten, er war wütend, als Sie ihm den Laufpass gaben."

    „Das schon. Aber deshalb droht er mir doch nicht mit dem Umbringen."

    „Zwischen Drohen und Ausführen ist ein großer Unterschied. Vielleicht wollte er Ihnen nur einen großen Schrecken einjagen. Seine Art von Rache. Ich kenne ihn nicht. Ich stelle lediglich eine Vermutung auf."

    Doris schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Schuster. Ich mag gegen Christian Delfs einiges haben, aber so etwas Gemeines traue ich ihm nicht zu."

    Für alle Fälle ließ sich Schuster die Adresse des Sitzengelassenen geben. Danach kam er auf den eigentlichen Grund seines Kommens zu sprechen: er erwähnte den Raub von der vergangenen Nacht. Doris Kochs veilchenblaue Augen vergrößerten sich.

    „Irgendwann musste das ja mal passieren, sagte sie, als Bernd fertig war. „Es ist verrückt, soviel Geld im Schreibtisch herumliegen zu lassen. Das ist ja geradezu eine Verleitung zum Diebstahl.

    „Jedermann wusste von dem Geld, nicht wahr?", sagte Bernd.

    „Natürlich. Wir alle wussten davon. Franzen hat es vor uns nicht versteckt."

    „Wer kann es sich geholt haben?"

    „Das ist eine Frage, die ich leider nicht beantworten kann."

    „Tja. Dann will ich nicht länger stören. Sollte Ihnen zu diesem Thema noch irgendetwas einfallen, rufen Sie mich an. Meine Nummer finden Sie hier auf meiner Visitenkarte. Meine Agentur befindet sich in der Kurfürstenstraße, ganz in der Nähe von Bauhaus. Wir haben eine eigene Parkspur direkt davor."

    Doris nickte. „Ich verspreche Ihnen, weiter darüber nachzudenken. Schon aus dem Grund, weil ich Dieter Franzen gut leiden kann."

    „Und sollte sich dieser Verrückte noch einmal melden, rufen Sie mich ebenfalls an, klar? Sie können mit meiner Hilfe rund um die Uhr rechnen."

    „Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Schuster. Ich hoffe, dass ich Ihre Hilfe niemals in Anspruch zu nehmen brauche."

    „Das hoffe ich auch", sagte Bernd und ging.

    5

    Valerie Sander war zweiundzwanzig, sah aus wie eine frisch gewählte Schönheitskönigin, hatte große, rehbraune Augen und langes, in weichen Wellen auf die Schultern fließendes, brünettes Haar. Sie betrachtete ihren Job bei Dieter Franzen als Sprungbrett, das sie eines Tages in eine sorglose Zukunft hineinschleudern sollte. Als Hostess kam sie mit vielen hochgestellten und prominenten Leuten zusammen. Für Valerie stand fest, dass irgendwann mal ein sympathischer Goldfisch an ihrer Angel hängenbleiben würde. Danach hatte sie ausgesorgt. Und dafür lebte und arbeitete sie heute.

    Die Vierzimmerwohnung war leger eingerichtet, der Boden aller Räume mit verschiedenfarbigen Spannteppichen ausgelegt. Und immerhin konnte sie sich die Miete in der Pichelswerderstraße in Spandau leisten.

    Es war ein Fehler von Valerie, dass sie niemals die Wohnungstür abschloss. Ob das nun Schlampigkeit, Faulheit oder Vergesslichkeit war, vermochte sie selbst nicht zu sagen. Sie tat es einfach nicht. Gerade an diesem Tag wäre es klüger gewesen, den Schlüssel zumindest einmal im Schloss herumzudrehen.

    Die Tür ging auf, während Valerie Sander vor dem Frisiertisch einen Song der Beatles trällerte. Das Mädchen war bester Laune. Eigentlich grundlos. Sie hatte solche angenehmen Anfälle eben manchmal. Ihr war zumute, als müsse sie die ganze Welt umarmen.

    Der Mann, der sich zur Wohnungstür hereinzwängte, hatte brandrotes Haar, zahlreiche Sommersprossen im Gesicht, buschige Brauen, die so hell waren, dass sie beinahe weiß wirkten. Seine Augen glänzten wie Glaskugeln. Eine starke Alkoholfahne wehte aus seinem Hals. Gierig leckte er sich immer wieder über die wulstigen Lippen.

    Er rieb sich die Hände. Ein schäbiges Grinsen verzerrte seine unansehnlichen Züge zu einer abstoßenden Fratze. Lauschend blieb er stehen. Er kniff die Augen zusammen, versuchte das Mädchen mit seinen großen Ohren zu orten. Ihr Gesang kam aus dem Schlafzimmer.

    ‚Oho! Schlafzimmer! Genau richtig!‘, dachte der Mann.

    Mit eingezogenem Kopf tappte er weiter. Die Schlafzimmertür war halb offen. Er drückte dagegen. Lautlos schwang sie zur Seite. Vor seinen vom Alkohol getrübten Augen erstreckte sich die endlose Welt einer französischen Liege. Der Mann bekam sofort unbezähmbare Anwandlungen. Er atmete schneller. Er begann zu keuchen, als wäre er soeben sehr schnell gelaufen.

    Sein gieriger Blick bohrte sich in den Rücken des Mädchens. Valerie war immer noch ahnungslos. Sie bürstete ihr volles Haar mit großer Ausdauer. Mindestens hundert Bürstenstriche jeden Tag, das war das Geheimnis ihres prachtvoll glänzenden Haares.

    Der Mann schluckte nervös. Valerie trug einen Hausmantel. Vielleicht nichts darunter. Der Gedanke daran, sie könnte unter dem honigfarbenen Mantel nackt sein, machte ihn halb verrückt. Er dachte an die weiche, warme Haut des jungen Mädchens, an das heiße, zart nachgebende Fleisch. Er dachte an ihre Schenkel und an das, was dazwischenlag. Wie von Sinnen war er mit einem Mal.

    Als er den nächsten Schritt machte, erblickte ihn Valerie Sander im Spiegel. Ihr Geträllere brach nach einem schrillen Ton ab. Ihre Augen weiteten sich. Erschrocken zuckte sie herum. Konsterniert blickte sie den Mann an.

    „Herr Kauffmann!, presste sie heiser hervor. „Mein Gott, haben Sie mich erschreckt!

    Der Rothaarige lächelte nervös. Er hob die Schultern. „Tut mir leid, Valerie. Tut mir wirklich leid. Das wollte ich nicht."

    „Sie haben schon wieder getrunken, nicht wahr?"

    „Ja, Valerie. Ja. Was hat ein einsamer Mann sonst vom Leben?"

    Valerie erhob sich. Sie war so groß wie Kauffmann. Ihr Hausmantel raschelte. Das Geräusch peitschte die Sinne des Rothaarigen noch mehr auf.

    „Sie ... Sie sind so schön, Valerie. So wunderschön!", seufzte er.

    „Ich muss Sie bitten, meine Wohnung zu verlassen, Herr Kauffmann."

    Der Rothaarige – er wohnte gleich nebenan – schüttelte flehend den Kopf.

    „Bitte schicken Sie mich nicht weg. Bitte, Valerie. Ich werde verrückt in meiner Wohnung."

    „Ich muss in einer halben Stunde weggehen."

    „Lassen Sie mich wenigstens diese dreißig Minuten hier", flehte Kauffmann.

    „Das geht nicht. Ich muss mich anziehen. Sie erwarten doch nicht von mir, dass ich Sie dabei zusehen lasse, Herr Kauffmann."

    Der Nachbar schluckte aufgewühlt. Oja, das wäre herrlich gewesen. Dieses wunderschöne Mädchen einmal nackt zu sehen, davon träumte er fast jeden Tag.

    „Seien Sie nicht so herzlos, Valerie!, ächzte er. „Schicken Sie mich nicht fort. Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten. Ich brauche jemanden, mit dem ich sprechen kann. Nur sprechen.

    „Ein andermal, Herr Kauffmann. Heute geht es wirklich nicht. Meine Zeit ist knapp bemessen."

    „Heute! Gerade heute!" sagte Kauffmann mit einem Mal so scharf, dass Valerie Sander unwillkürlich erschrak. Sein Gesicht hatte einen unübersehbar harten Ausdruck angenommen. Mit flackernden Augen kam er nun auf sie zu. Valerie versteifte sich. Vorbei war es mit dem Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen. Denn leider bestand die Welt auch aus Menschen wie Kauffmann, und ihn wollte Valerie unter gar keinen Umständen umarmen.

    „Sie sollten mich ein bisschen mögen, Valerie!, knurrte der Mann. Von seinem Atem wurde dem Mädchen beinahe übel. „Immerhin sind wir Nachbarn. Wir sollten viel mehr füreinander da sein, Valerie. Wir wohnen Tür an Tür und kennen uns trotzdem kaum ...

    Er hatte Valerie nun schon fast erreicht. Da schrie ihm das Mädchen scharf ins Gesicht: „Verlassen Sie auf der Stelle meine Wohnung, Herr Kauffmann. Sonst ..."

    Kauffmann verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Sonst?", fragte er lauernd. Valerie glaubte, auch eine gewisse Drohung aus dieser Frage herauszuhören.

    „Bitte gehen Sie!", lenkte sie ein.

    „Man darf nicht schreien mit Jonas Kauffmann, Valerie!", knurrte der Rothaarige rügend.

    „Entschuldigen Sie."

    „Ich vergebe Ihnen, weil Sie so wunderschön sind, und weil wir Nachbarn sind. Ich bin an einem guten Verhältnis mit meinen Nachbarn interessiert."

    Valeries Unruhe wuchs. „Bisher war unser Verhältnis doch ausgezeichnet."

    „Unpersönlich war es. Es sollte persönlicher werden."

    Valerie streckte das Kinn trotzig vor. „Was erwarten Sie von mir?"

    „Dass Sie ein bisschen netter zu mir sind. Sie beachten mich ja kaum."

    „Das bilden Sie sich ein. Ich grüße Sie. Ich respektiere Sie."

    „Sie können mich nicht riechen, was?"

    „Das ist eine Unterstellung ..."

    „Sie mögen mich nicht. Geben Sie’s doch zu!", zischte Jonas Kauffmann aufgeregt.

    „Das ist doch Unsinn, Herr Kauffmann. Ich mag Sie. Ich habe absolut nichts gegen Sie!"

    „Sie lügen!"

    „Ich verbiete Ihnen, mich eine Lügnerin zu nennen, Herr Kauffmann!", sagte Valerie schroff. Allmählich bekam sie sich selbst wieder in den Griff.

    „Sie haben etwas gegen mich, geben Sie’s doch zu!", bellte Kauffmann angriffslustig.

    „Was reden Sie sich denn da ein?"

    „Sie haben nichts gegen mich?"

    „Nein."

    „Beweisen Sie es!", verlangte Kauffmann.

    „Wie denn?"

    „Küssen Sie mich!"

    Valerie zuckte zusammen. „Sie sind verrückt!"

    Kauffmann nickte heftig. „Sehen Sie! Sehen Sie! Seine Augen wurden schmal. „Was wäre denn schon dabei, wenn Sie mich küssen würden? Es würde deswegen bestimmt nicht die Welt einstürzen, Valerie. Er streckte die Arme nach dem Mädchen aus. Valerie wich vor ihm zurück.

    „Gehen Sie!, keuchte sie. „Bitte gehen Sie endlich, Herr Kauffmann!

    „Nur einen Kuss. Ich will ja nur einen einzigen Kuss. Dann gehe ich. Heiliges Ehrenwort."

    „Das kommt überhaupt nicht in Frage!"

    „Was macht Ihnen denn schon ein einziger Kuss aus? Bitte, Valerie. Küssen Sie mich. Sie haben vorhin behauptet, Sie mögen mich. Beweisen Sie’s, indem Sie mich küssen!"

    Das Mädchen stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Weiter konnte sie vor Kauffmann nicht mehr zurückweichen. Er kam grinsend näher. Er wusste, dass ihm seine Beute nun sicher war. Rechts war die Wand. Links war das Bett.

    ‚Fein!‘, dachte Kauffmann aufgewühlt. ‚Fein! Ich werde sie küssen und aufs Bett werfen. Ich werde sie unter meinem Körper begraben. Die Natur wird zu ihrem Recht kommen. Und sie wird es schön finden. Vielleicht wird sie sich anfangs dagegen sträuben, aber dann wird sie es genießen.‘

    Valerie streckte die Hände abwehrend von sich. Furcht und Ekel schimmerten in ihren rehbraunen Augen.

    „Keinen Schritt weiter, Herr Kauffmann!, sagte sie, so kalt, wie sie konnte. „Wenn Sie mich jetzt nicht auf der Stelle in Ruhe lassen, schreie ich das ganze Haus zusammen!

    „Wie ein kleines Mädchen ziert sie sich!, kicherte Kauffmann. „Wie eine Jungfrau.

    „Es ist mir bitterernst mit dem, was ich gesagt habe, Herr Kauffmann!", presste Valerie aufgeregt hervor.

    „Sie sind zweiundzwanzig, Valerie. Und Sie sind gewiss schon lange keine Jungfrau mehr. Warum zieren Sie sich so sehr? Es kann Ihnen ja nichts mehr passieren!"

    „Sie unverschämter ..." Valerie holte aus und gab dem Rothaarigen eine kräftige Ohrfeige. Sein Kopf schnellte zur Seite. In seinen Augen blitzte es gefährlich. Ein bösartiges Grinsen verzog sein Gesicht. Knurrend federte er vorwärts. Er packte Valerie und riss sie kraftvoll an sich. Das Mädchen begann zu schreien. Er erstickte ihren Schrei, indem er sie gierig küsste. Seine Zunge fuhr ihr in den Mund. Der widerliche Alkoholgeschmack rief Übelkeit in ihr hervor. Verzweifelt wehrte sie sich gegen den kräftigen Mann. Er kippte sie auf das Bett, begrub sie unter sich, wie er es vorgehabt hatte. Seine Hände begannen ihren Körper aufgeregt abzutasten. Valerie riss den Kopf zur Seite und schrie wieder. Da packte Kauffmann sie am Hals.

    „Still!, zischte er aufgeregt. „Still!

    Valerie erstarrte. Sie dachte, Kauffmann würde sie nun erwürgen. Ein furchtbarer Schock lähmte sie.

    Plötzlich war Kauffmann nicht mehr auf ihr.

    Ihr Hausmantel war hochgerutscht. Die vollen Schenkel lagen frei. Bis ans Höschen hinauf war Valerie nackt. Sie begriff nicht, was passierte. Der Druck von Kauffmanns Körper war nicht mehr vorhanden. Er war nicht mehr über ihr. Es knirschte und klatschte. Jemand keuchte und grunzte. Verwirrt setzte sich Valerie auf. Sie sah Kauffmann, und sie sah noch einen Mann. Groß, kräftig, elegant. Und dieser Fremde klopfte den Rothaarigen nach allen Regeln

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