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Morlands Horrorwelten: Das große Gruselroman-Paket
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eBook1.365 Seiten17 Stunden

Morlands Horrorwelten: Das große Gruselroman-Paket

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Über dieses E-Book

Morlands Horrorwelten: Das große Gruselroman-Paket
von A. F. Morland

Dieses Buch enthält folgende Romane:

A.F.Morland: Werwolfsfluch

A.F.Morland: Gorra, das Geschöpf des Teufels

A.F.Morland: Der neue Frankenstein

A.F.Morland: Yeti, der Bote des Grauens

A.F.Morland: Die blutige Spur des Werwolfs

A.F.Morland: Urwald der Dämonen

A.F.Morland: Der Totentunnel

A.F.Morland: Mord aus dem Jenseits

A.F.Morland: Der sibierische Schrecken

A.F.Morland: Das Buch der Bestien

A.F.Morland: Die mordenden Geister

A.F.Morland: Der Freak von Soho

Angel Benitez ist durch und durch böse; er hat sich der schwarzen Magie verschrieben. Seine Frau Conchita ist sein Opfer, er quält, misshandelt und demütigt sie. Nachdem er sie eines Nachts fast zu Tode gepeitscht hatte, gelingt ihr die Flucht. Bei dem Matador Paco Servantes, ihrem ehemaligen Verehrer, findet sie Schutz. Gemeinsam beschließen sie, Benitez zu töten und locken ihn zum Castell Montgri. Ein mörderischer Kampf endet mit Angel Benitez Tod - doch der schwört grausame Rache, denn wer auf dem Teufelshügel stirbt, dessen Seele verfällt dem Satan ...
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum19. Nov. 2019
ISBN9783745210842
Morlands Horrorwelten: Das große Gruselroman-Paket
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Autor

A. F. Morland

A. F. Morland schrieb zahlreiche Romane und ist der Erfinder der Serie Tony Ballard.

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    Buchvorschau

    Morlands Horrorwelten - A. F. Morland

    Morlands Horrorwelten

    Morlands Horrorwelten: Das große Gruselroman-Paket

    von A. F. Morland

    Dieses Buch enthält folgende Romane:

    A.F.Morland: Werwolfsfluch

    A.F.Morland: Gorra, das Geschöpf des Teufels

    A.F.Morland: Der neue Frankenstein

    A.F.Morland: Yeti, der Bote des Grauens

    A.F.Morland: Die blutige Spur des Werwolfs

    A.F.Morland: Urwald der Dämonen

    A.F.Morland: Der Totentunnel

    A.F.Morland: Mord aus dem Jenseits

    A.F.Morland: Der sibierische Schrecken

    A.F.Morland: Das Buch der Bestien

    A.F.Morland: Die mordenden Geister

    A.F.Morland: Der Freak von Soho

    Angel Benitez ist durch und durch böse; er hat sich der schwarzen Magie verschrieben. Seine Frau Conchita ist sein Opfer, er quält, misshandelt und demütigt sie. Nachdem er sie eines Nachts fast zu Tode gepeitscht hatte, gelingt ihr die Flucht. Bei dem Matador Paco Servantes, ihrem ehemaligen Verehrer, findet sie Schutz. Gemeinsam beschließen sie, Benitez zu töten und locken ihn zum Castell Montgri. Ein mörderischer Kampf endet mit Angel Benitez Tod – doch der schwört grausame Rache, denn wer auf dem Teufelshügel stirbt, dessen Seele verfällt dem Satan ...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author /COVER WERNER ÖCKL

    © dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

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    Bücher von Tomos Forrest

    Bücher von Stefan Hensch

    Werwolfsfluch

    Horrorroman von A. F. Morland

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

    Er wählte enge, finstere Nebenstraßen, hörte immer wieder das Heulen von Polizeisirenen. Jedes Mal, wenn irgendwo ein zuckendes Rotlicht aufflammte, schlug er einen Haken – oder er versteckte sich hinter Autos, Mülltonnen oder in Hauseinfahrten. Er handelte instinktiv, befand sich in einer Art von Blackout-Zustand, wurde von einer geheimnisvollen Kraft gelenkt, brauchte nicht zu denken, konnte es auch gar nicht. Das Böse führte ihn und ließ ihn reagieren. Angst hatte er nicht, denn ihm konnte nichts passieren. Selbst wenn ihn eine Hundertschaft von Polizisten gestellt hätte, wenn alle Cops der Stadt ihre Waffen auf ihn abgefeuert hätten, wäre er am Leben geblieben. Ihre Kugeln konnten ihm nichts anhaben. Die schwarze Kraft, die von ihm Besitz ergriffen hatte, schützte ihn vor jeder herkömmlichen Munition...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

    Roman © by Autor und Edition Bärenklau, 2015

    Cover © by Patrice Audet/Pixabay und Firuz Askin, 2015

    1

    Vollmond über den Rocky Mountains.

    In der Ferne heulte ein Wolf.

    Hört sich unheimlich an, sagte Wayne schaudernd. Mir läuft es direkt kalt über den Rücken.

    Blödsinn, erwiderte Fist und lachte leise.

    Ehrlich. Ich hab 'ne richtige Gänsehaut.

    Die Männer – auf Abenteuerurlaub in den kanadischen Rockies - lagen in ihren Daunen-Schlafsäcken im Zelt und lauschten gespannt in die Dunkelheit.

    Das furchterregende Heulen kam näher, und irgendwann flüsterte Wayne: Jetzt ist er da. Hörst du ihn? Der Wolf schleicht um unser Zelt.

    Fist öffnete den Schlafsack-Reißverschluss. Den hol' ich mir.

    Bleib lieber hier. Wayne hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.

    Ich muss sein Fell haben, zischte Fist, schnappte sich seinen Revolver und schlüpfte aus dem Zelt.

    Wayne richtete sich auf. Er hörte, wie sich die Schritte seines Jagdkameraden rasch entfernten. Seine Nervenstränge strafften sich. Er öffnete ebenfalls seinen Schlafsack und tastete nach seinem Gewehr.

    Hätte er Fist begleiten sollen? Manchmal muss man ihn vor sich selbst schützen, ging es ihm durch den Sinn. Vor seinem Wagemut. Vor seinem Übereifer. Vor seiner Unbeherrschtheit. Vor seiner Selbstüberschätzung. Das war immer schon so und hat sich bis heute nicht geändert.

    Kein Geräusch drang mehr an Waynes Ohr. Seine Unruhe begann zu wachsen. Er schälte sich aus dem Schlafsack. Seine Hand umklammerte das Gewehr.

    Der Wolf war Fist gegenüber in der Nacht im Vorteil. Es war zwar Vollmond, aber der Himmel war wolkenverhangen. Dicke Wolkenbänke zogen nacheinander über die Berggipfel, deckten die große runde bleiche Scheibe immer wieder zu und machten die Nacht rabenschwarz und undurchdringlich.

    In diesen Momenten konnte der Wolf angreifen, ohne dass Fist es merkte. Pfeilschnell konnte er ihn anspringen und ihm seine Fangzähne gnadenlos in die Kehle schlagen.

    Wayne fröstelte bei diesem schrecklichen Gedanken. Er hieß nicht wirklich Wayne. Es war sein Spitzname. So, wie Fist der Spitzname seines Freundes war.

    Sie kannten einander seit frühester Jugend. Damals hatte Wayne tagein, tagaus so sehr von John Waynes Filmen geschwärmt, dass man ihn nur noch Wayne gerufen hatte. Und Fist? Nun, der war schon als Teenager sehr jähzornig gewesen und auf alle immer gleich mit seinen Fäusten losgegangen, und damit hatte er sich den Nickname Fist erworben.

    Verfluchte Scheiße, immer muss er seinen Kopf durchsetzen, ärgerte sich Wayne. Was mach' ich denn nur, wenn der Wolf ihn kriegt?

    Widerwillig kroch er aus dem Zelt. Er nahm sein Gewehr in beide Hände, war hochgradig nervös. Es gab mit Sicherheit mehr als einen Wolf in der Gegend.

    Sie jagen mit Vorliebe im Rudel, dachte Wayne. Vielleicht sind ein paar von diesen blutgierigen Bestien ganz in meiner Nähe. Er leckte sich die Lippen und schluckte trocken. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab.

    Er überlegte, ob er Fist zurückrufen sollte. Aber würde der Dickschädel auch zurückkommen? Bestimmt nicht. Fist tat immer, was er wollte. Damit hatte Wayne sich schon lange abgefunden.

    Soeben verschwand der Vollmond wieder hinter einer breiten Wolkenbank. Wayne konnte nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen.

    Er drehte sich langsam um die eigene Achse, war entschlossen, augenblicklich zu feuern, falls er angegriffen werden sollte. Seine Hände waren kalt und feucht.

    Er atmete flach, damit ihm kein verräterisches Geräusch entging, und schalt seinen Freund im Geist einen ausgemachten Idioten.

    Plötzlich...

    Schüsse. Schreie. Kläffen. Knurren. Flüche. Und wieder Schüsse. Wayne wirbelte herum.

    Fist! Er stürmte los, stolperte nach wenigen Schritten über eine dicke Wurzel, die weit aus dem Boden ragte, wäre beinahe gestürzt, schaffte es gerade noch, auf den Beinen zu bleiben. Fist!

    Der Freund antwortete nicht. Was war passiert? Wo war Fist? Hatte der Wolf ihn gerissen und fortgeschleppt?

    Fist!, schrie Wayne wieder. Fist, wo bist du?

    Keine Reaktion.

    Das bedeutet nichts Gutes, dachte Wayne. Verdammt, ich hätte meine Handlampe mitnehmen sollen. Er stieß mit der Schulter gegen einen Baum.

    Der Aufprall war nicht nur schmerzhaft. Er raubte ihm auch das Gleichgewicht, und diesmal konnte er nicht verhindern, dass er stürzte.

    Lang schlug er hin. Er verlor sein Gewehr und hatte Erde zwischen den Zähnen. Angewidert spuckte er sie aus. Mit beiden Händen suchte er seine Waffe.

    Sobald er sie gefunden hatte, stand er auf und eilte weiter. Aber nicht mehr ganz so schnell, weil sonst die Gefahr bestanden hätte, dass er sich noch ernsthaft verletzte.

    Fist!

    Wieder nichts. Wayne fragte sich, ob er überhaupt in die richtige Richtung lief. Hier irgendwo mussten Fist und der Wolf aufeinander getroffen sein.

    Wer hatte gesiegt? Fist oder der Wolf? Da Fist nicht antwortete, sah Wayne sich gezwungen, Letzteres anzunehmen. Oder hatte Fist den Wolf angeschossen und war jetzt – blind und taub vor Jagdfieber – hinter ihm her?

    Der Vollmond kam zum Teil zum Vorschein. Wayne sah etwas auf dem Boden liegen. Verchromtes Metall. Fists Revolver. Waynes Sonnengeflecht zog sich zusammen.

    Fist! Wo war Fist?

    Wayne bückte sich und hob die Waffe auf. Es klebte Blut daran.

    Oh, mein Gott!, entfuhr es Wayne. F-i-s-t-!

    Er schob den Revolver in seinen Gürtel und suchte seinen Freund. Etwa zehn Schritte von der Stelle entfernt, wo der Revolver gelegen hatte, entdeckte er ihn schließlich. Er lag auf dem Bauch und regte sich nicht.

    Fist!, krächzte Wayne. Allmächtiger...

    Er sank neben dem Freund auf die Knie. Seine Augen suchten den Wolf, mit dem Fist sich angelegt und dabei den Kürzeren gezogen hatte.

    Das Tier war nirgendwo zu sehen. Hatte es das Weite gesucht? Lauerten noch andere Wölfe in der Dunkelheit auf ihre Chance, oder war Fist an einen Einzelgänger geraten?

    Wayne legte sein Gewehr beiseite. Aber so, dass er es gleich wieder aufnehmen konnte, wenn es sein musste. Dann berührte er Fist vorsichtig.

    Hey! Junge!

    Fist reagierte nicht. Wayne drehte ihn behutsam um. Er sah, dass sein Freund mit dem Kopf auf einen Stein gefallen war. Vermutlich hatte er dabei das Bewusstsein verloren.

    Wayne legte zwei Finger auf Fists Halsschlagader. Er spürte ein leichtes, regelmäßiges Zucken. Seine Pumpe arbeitet noch, dachte er erleichtert. Fists Hemd war zerrissen. Er blutete ziemlich stark an der rechten Schulter. Wayne bemühte sich, ihn wach zu kriegen. Er tätschelte so lange Fists Wangen, bis dieser die Augen aufschlug.

    Wo ist dieser Teufel, Wayne? Fist hatte sich abrupt aufgesetzt und blickte sich suchend um. Hast du ihn erledigt?

    Wayne schüttelte den Kopf. Ich bin froh, dass er weg ist.

    Verdammt, sind wir nicht zum Jagen und Fischen hier?

    In der Nacht schlafe ich lieber.

    Fist stand auf. Wayne wollte ihm helfen, doch er lehnte ab. Er schien nicht zu spüren, dass er verletzt war. Mann, war das ein Prachtexemplar, sagte er beeindruckt. Ein Königs-Wolf war das. Groß, kräftig, furchterregend.

    Wayne deutete auf seine Schulter. Er hat dich ganz schön zugerichtet.

    Fist winkte ab. Ach, das sieht schlimmer aus, als es ist.

    Hast du denn gar keine Schmerzen?

    Doch. Aber sie sind auszuhalten.

    Du bist ein harter Hund, sagte Wayne bewundernd. Fist hatte Schmerzen immer schon sehr viel besser weggesteckt als er.

    Fist sah sich um. Wo ist mein Revolver?

    Ich habe ihn. Wayne zog die Waffe aus seinem Gürtel und gab sie ihm.

    Sie kehrten zu ihrem Lagerplatz zurück. Im grellen Schein zweier starker Halogen-Handlampen versorgte Wayne erst mal notdürftig Fists Wunde.

    Morgen, bei Tageslicht, sehe ich mir die Verletzung genauer an, sagte er.

    Bist 'n prima Sanitäter, lobte Fist.

    Ich hätte ein schmerzstillendes Medikament dabei, sagte Wayne. Er legte alles, was er nicht mehr benötigte, in die Erste-Hilfe-Schachtel zurück.

    Ach, ein kräftiger Schluck Whisky tut es auch, erwiderte Fist. Wo ist die Pulle?

    In meinem Rucksack.

    Gib sie her.

    Fist bekam die Flasche. Er öffnete sie, setzte sie an die Lippen und schluckte so lange, bis Wayne ihm die Bottle wegnahm. Hey, was hast du vor? Willst du dich besaufen?

    Fist grinste. Ich möchte nur gut schlafen.

    Das wirst du, sagte Wayne. Und ich auch. Er trank ebenfalls und schob die Whiskyflasche wieder in seinen Rucksack. Eine halbe Stunde später schnarchten die beiden Männer mit lautem Ehrgeiz um die Wette.

    Tags darauf widmete sich Wayne wieder der Wunde seines Freundes. Sie hatte sich leicht entzündet. Wayne wusch sie mit Wundbenzin aus und bestrich sie mit Jod. Anschließend deckte er alles dick mit einer gelblichen Heilsalbe ab und verband Fists Schulter fachgerecht.

    Nach dem Frühstück schlug er vor, den Jagdurlaub abzubrechen – und so kehrten sie früher als geplant aus der Wildnis in die Zivilisation zurück.

    In die Zivilisation...

    Nach New York.

    2

    Warst du beim Arzt?, fragte Wayne zwei Tage später seinen Freund.

    Er hatte ihn in dessen Wohnung aufgesucht. Hier erlebte die Unordnung eine beachtliche Hochblüte. Wayne konnte nicht verstehen, dass man sich in einer solchen chaotischen Umgebung wohl fühlen konnte, aber er sagte nichts. Jeder Mensch soll nach seiner Fasson glücklich werden.

    Zum Doktor gehe ich nur, wenn ich krank bin, brummte Fist mit herabgezogenen Mundwinkeln.

    Du solltest diese Verletzung nicht auf die leichte Schulter nehmen, warnte Wayne.

    Das kommt auch ohne Kurpfuscher wieder in Ordnung, behauptete Fist.

    Darf wenigstens ich mir die Wunde ansehen?

    Fist zuckte mit den Achseln. Von mir aus.

    Zieh dein Hemd aus, verlangte Wayne.

    Fist gehorchte. Wayne nahm neugierig den Verband ab. Wie würde die Wunde aussehen? Hatte sie sich mehr entzündet? War die Entzündung abgeklungen?

    Wayne war überrascht, zu sehen, wie schön die Wunde schon war. Donnerwetter, das sieht ja schon recht beruhigend aus, stellte er erleichtert fest.

    Fist griente. Ich hab ein gutes Heilfleisch, wie du siehst. Er deutete auf seine Schulter. Soll ich damit einen Arzt behelligen? Der hat bestimmt Wichtigeres zu tun.

    Wayne ging mit ihm ins Bad und versorgte die Verletzung neu. Anschließend tranken die Freunde ein paar Whiskys und erinnerten sich an die gemeinsamen Tage in der Wildnis.

    Schade, dass wir den Wolf nicht gekriegt haben, bedauerte Fist. Ich hätte mir sein Fell gern hier an die Wand gehängt.

    Du hast auf ihn geschossen.

    Mehrmals.

    Hast du ihn auch getroffen?

    Das nehme ich an.

    Dann ist er inzwischen vielleicht schon krepiert, sagte Wayne.

    Fist schüttelte den Kopf. Das glaube ich nicht. Ich bin ziemlich sicher, dass er noch am Leben ist. Er sah den Freund an. Lach mich nicht aus, aber zwischen ihm und mir besteht – vielleicht durch die Wunde - eine geheimnisvolle Verbindung. Ich habe heute Nacht von ihm geträumt.

    Was hast du geträumt?, fragte Wayne mit belegter Stimme.

    Ich habe ihn gesehen.

    Hat er dich wieder angegriffen?, fragte Wayne gepresst.

    Fist schüttelte den Kopf. Er hat mich mitgenommen.

    Wayne hob die Augenbrauen. Mitgenommen? Wohin?

    Auf die Jagd.

    Kälte kroch über Waynes Rücken. Du warst mit dem Wolf jagen?

    Fist nickte. Wir haben zusammen ein Schaf gerissen und uns die Beute 'brüderlich' geteilt.

    Zum Glück war's nur ein Traum, sagte Wayne schaudernd.

    Er verabschiedete sich bald und verdrängte hartnäckig den Gedanken daran, dass sein Freund mit diesem gefährlichen Killer auf vier Pfoten in den kanadischen Wäldern verbunden sein wollte. Er sagte sich, Fist wäre verrückt.

    Und er sagte sich auch: Irgendwo hat im Grunde genommen jeder Mensch einen Zacken weg. Die meisten geben es bloß nicht zu oder wollen es nicht wahrhaben. Weitere zwei Tage später war Fists Schulter wieder wie neu. Wayne hatte noch keine Wunde schneller heilen gesehen. Er war verblüfft. Fist war um sein Heilfleisch zu beneiden.

    Der Alltag verschlang Wayne und Fist wieder mit Haut und Haaren. Der Jagdurlaub in den Rocky Mountains war nur mehr eine spannende Erinnerung.

    Fist veränderte sich kaum merklich. Er war immer schon leicht reizbar gewesen. Jähzornig. Ein kleines Pulverfass, das hin und wieder viel zu schnell explodierte.

    Doch nun verlor er schneller die Beherrschung. Es gingen ihm sehr viel mehr Dinge gegen den Strich als früher. Jede Kleinigkeit regte ihn auf.

    Doch Wayne machte sich deswegen keine Gedanken. Er wusste, wie er Fist nehmen musste, und kam auch weiterhin prima mit ihm aus.

    Fist begann die Tage zu hassen und die Nächte zu lieben. Er saß oft stundenlang auf dem Dach des Hauses, in dem er wohnte – den Blick zum Sternenhimmel gerichtet. Als würde er auf etwas warten.

    Die Dunkelheit tat ihm gut, war Balsam für seine rastlose Seele. Er konnte sich am kalten Funkeln der Sterne nicht satt sehen, und das fahle Licht des Mondes drang ihm in die Poren und machte ihn stark – und hungrig.

    Hungrig!

    Wenn er dann in seine Wohnung zurückkehrte und vor dem Kühlschrank in die Hocke ging, fand er nichts, worauf er Appetit gehabt hätte. Sonderbar. Es klopfte. Fist blickte gerade mal wieder unentschlossen in den Kühlschrank. Er schloss ihn und verließ die Küche. Er schaute auf die Uhr. Es war fast Mitternacht. Wer hatte geklopft?

    Ja?, rief er – nicht gerade sehr freundlich.

    Ich bin es – Michelle, kam es durch die Tür.

    Er öffnete. Vor ihm stand eine sexy Blondine. Ihre Frisur war leicht zerzaust. Irgend ein Kerl schien ihr Haar in Unordnung gebracht zu haben.

    Michelle Natwyck, die scharfe Nachbarin, strich mit den Händen ihr scharlachrotes Minikleid glatt. Sie hatte eine Traumfigur.

    Fist wusste das. Er kannte jedes Detail ihres ebenso begehrenswerten wie makellosen Körpers. Es war mal was zwischen ihnen gewesen.

    Ein ziemlich heftiger Flirt. Wenn es nach Michelle gegangen wäre, hätte die Sache immer noch angedauert, doch er hatte sie beendet.

    Michelle war ihm zu anstrengend gewesen, hatte zu viel von ihm gewollt. Mehr, als er zu geben bereit gewesen war. Am liebsten wäre sie jeden Tag mit ihm zusammen gewesen.

    Rund um die Uhr. Aber das war nichts für ihn. Deshalb hatte er ihr empfohlen, sich einen Mann zu suchen, der nicht, wie er, zum Single geboren war.

    Seitdem waren sie nur noch gute Freunde. Michelle konnte mit allen Problemen jederzeit zu ihm kommen, und sie hatte sich schon mehrmals bei ihm ausgeweint, wenn mal wieder eine hoffnungsvolle Beziehung in die Brüche gegangen war. Sie hatte mit Männern kein Glück, war offenbar dazu verdammt, immer wieder auf das falsche Pferd zu setzen. Er roch, dass sie getrunken hatte und sah es ihr auch an.

    Ihre Augen waren glasig, und sie leckte sich fortwährend die Lippen. Hi, sagte sie lächelnd.

    Ohne sich dessen bewusst zu sein, starrte er auf ihre Kehle.

    Ich hab dich herunterkommen gehört, sagte Michelle.

    Er sagte nichts.

    Du warst wieder auf dem Dach.

    Er schwieg.

    Was tust du eigentlich in letzter Zeit so oft dort oben?, fragte sie. Sie lachte. Betest du den Mond an?

    Was willst du?, fragte er kühl.

    Sie deutete mit dem Kopf auf ihre offene Wohnungstür. Ich hab Besuch.

    Will er nicht gehen? Soll ich ihn rausschmeißen?

    Himmel, nein. Michelle schüttelte heftig den Kopf. Ich möchte, dass er bis zum Frühstück bleibt.

    Und was kann ich dazu beitragen?

    Du könntest mir mit einer Flasche Scotch aushelfen, erklärte Michelle. Mir ist der Stoff ausgegangen. Wir sitzen auf dem Trockenen. Pete, so heißt der süße Junge, ist noch nicht so richtig auf Touren. Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Du weißt schon, was ich meine. Du würdest mir einen riesigen Gefallen tun... Sie unterbrach sich und fasste sich unwillkürlich an den Hals. Wieso siehst du mich so eigenartig an?

    Tu' ich das? Seine Stimme klang rau.

    Bist du sauer, weil ich um diese Zeit noch bei dir angeklopft habe? Ich hätte es nicht getan, wenn du vorhin nicht... Ich habe deine Schritte gehört und gedacht, es würde dir nichts ausmachen, wenn ich...

    Er ließ sie stehen, holte eine noch original verschlossene Scotch-Flasche, drückte sie ihr in die Hand und sagte: Amüsiert euch gut.

    Sie musterte ihn unsicher. Du bist doch nicht etwa...

    Was?

    Eifersüchtig?

    Gute Nacht, Michelle, sagte er und schloss die Tür.

    Der Mond nahm zu und zu und war schließlich voll. Fist fühlte sich nicht wohl. Er schien irgendwie nicht genug Platz in sich selbst zu haben, wäre am liebsten aus der Haut gefahren. Eine unbezähmbare Unrast befiel ihn.

    Sein Körper brannte wie im Fieber. Ein heftiger Schüttelfrost befiel ihn. Irgendeine Krankheit schien ihn überfallsartig heimgesucht zu haben.

    Er tigerte in seiner Wohnung mit wachsender Nervosität hin und her. Sie war ihm in dieser Nacht zu klein. Er brauchte mehr Bewegungsfreiheit.

    Er musste raus. Seine Schulter schmerzte ihn. Er ging ins Bad, zog sein Hemd aus. Die Verletzung, die ihm der Wolf zugefügt hatte und die so erstaunlich rasch verheilt war, leuchtete so rot, als würde sie glühen. Deutlich war zu sehen, wo das Raubtier seine Zähne in sein Fleisch geschlagen hatte. Fist starrte sich im Spiegel an und fragte den Mann, der ihm entgegensah und der ihm auf eine seltsame Weise fremd vorkam, mit dumpfem, kehligem Knurren: Was hat das zu bedeuten?

    3

    Ozzy Krasna war mal Rechtsanwalt gewesen. In einem anderen Leben, wie er zu sagen pflegte. Heute war er Penner. Müll. Abschaum. Nichts. Weniger als nichts.

    Wenn er nicht so gestunken hätte, hätten ihn die Leute überhaupt nicht mehr wahrgenommen. So aber rümpften sie wenigstens noch die Nase, wenn er ihnen zu nahe kam, warfen ihm einen verächtlichen Blick zu und wichen ihm, wenn möglich, großräumig aus.

    Er hatte sein Gehirn bewusst weichgesoffen, damit er sich an sein früheres Leben nicht mehr erinnern konnte. Zu viele Schicksalsschläge hatten ihn damals getroffen. Das Leben hatte ihn brutal ausgeknockt.

    Er war zu Boden gegangen und hatte es nicht mehr geschafft, aufzustehen. Nicht allein und nicht mit der Hilfe von Freunden, die ihn schon vor langer Zeit aufgegeben und sich für immer von ihm abgewendet hatten.

    Zuerst war seine schwangere Schwester an Leukämie gestorben. Dann war seine dreijährige Tochter von einem Autobus überrollt worden. Seine Frau war über diesen schweren Verlust nicht hinweggekommen und hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Und ihm hatte man einen verkrebsten Lungenflügel herausschneiden müssen.

    Das war einfach zuviel für ihn gewesen. Er hatte zur Flasche gegriffen und sie nie wieder losgelassen. Inzwischen sah er hin und wieder weiße Mäuse oder grüne Männchen, war nie nüchtern, lebte von erbettelten Almosen und Abfällen und gehörte einer Clique von Stadtstreichern an, die sich gegenseitig mit Alkohol aushalfen, weil sie allesamt wussten, wie höllisch weh es tat, wenn man aus Geldmangel gezwungen war, auf dem Trockenen zu sitzen.

    In rostigen Blechfässern brannte Feuer, dessen flackernder Schein sich im nachtschwarzen Wasser des Buttermilk Channel spiegelte. Ein kalter Wind pfiff von Governors Island herüber. Bei Windstille wäre die Nacht weit weniger kalt gewesen. Fröstelnd hüllte sich Ozzy Krasna in seinen schäbigen Mantel. Er war in der glücklichen Lage, eine Flasche Fusel ergattert zu haben und heizte sich damit kräftig ein.

    Hast du mal einen Schluck für mich, Kumpel?, fragte Butch Dancer unterwürfig. Er hatte zur Zeit nicht einmal einen Hosenknopf in der Tasche, war völlig abgebrannt.

    Hier. Krasna gab ihm die Pulle. Aber sauf nicht die ganze Flasche aus.

    Dancer beruhigte seine schneidenden Eingeweide mit einem großen, aber nicht unverschämten Schluck. Danke. Er gab die Flasche zurück.

    Krasna stellte seinen Mantelkragen auf. Scheißkalt heute.

    Und dabei ist noch lange nicht Winter, sagte Dancer.

    Im Winter werden wieder ein paar Penner erfrieren, aber wen kratzt das schon?, meinte Krasna gallig.

    Siehst du den Kerl dort?, fragte Dancer gepresst.

    Wo?

    Dancer deutete mit dem Kopf in die entsprechende Richtung. Er schleicht schon eine Weile hier herum. Ich frage mich, was der von uns will.

    Krasnas Augen suchten den Mann. Er stand im Schatten einer Haustornische, wirkte groß und kräftig. Von unterstandslosen Herumtreibern kann keiner was wollen, sagte er. Bei uns gibt es nichts zu holen.

    Vielleicht will er sich uns anschließen, meinte Dancer.

    Krasna schüttelte den Kopf. Das kann ich mir nicht vorstellen.

    Wieso nicht?

    Sieh ihn dir doch an, sagte Ozzy Krasna. Der strotzt vor Kraft und Vitalität. Wie ein gestrandeter Desperado sieht der nicht aus. Ich habe irgendwie das Gefühl, er wagt sich nicht näher, weil das Feuer ihn fernhält.

    Butch Dancer hüstelte nervös. Du meinst, er hat Angst vorm Feuer?

    Krasna nickte. So sieht es für mich aus.

    Warum sollte er sich davor fürchten?, fragte Dancer.

    Krasna zuckte mit den Achseln. Keine Ahnung. Wir können ihn ja mal fragen.

    Dancer riss die Augen auf. Du willst zu ihm hingehen?

    Warum nicht?

    Dancer schüttelte heftig den Kopf. Ohne mich. Mir ist der Bursche nicht geheuer.

    Dann sollten wir ihn verjagen.

    Womit denn?, fragte Dancer.

    Damit, sagte Krasna und riss ein armlanges, brennendes Holzstück aus dem Blechfass, neben dem sie standen. Er trank sich ordentlich Mut an, dann setzte er sich in Bewegung.

    Butch Dancer rührte sich nicht von der Stelle. Er nagte beunruhigt mit seinen gelben Zähnen an der Unterlippe. Du solltest lieber hier bleiben, Ozzy, krächzte er.

    Ach, Mann, scheiß dir doch nicht in die Hosen, gab Krasna unbekümmert zurück.

    Er entfernte sich von den Fässern. Als der Mann merkte, dass der Penner auf ihn zukam, drückte er sich tiefer in den Schatten der Haustornische.

    Das machte Krasna Mut. Er fühlte sich dem Fremden gegenüber überlegen. Es gab Leute, die waren sich ihrer Stärke überhaupt nicht bewusst und hatten vor jedermann Angst. Offenbar war der Kerl so einer.

    Ozzy Krasna blies seinen schmalen Brustkorb auf. Hey! Du!, tönte er laut und herrisch. Ein Windstoß ließ seine Fackel heftig flackern.

    Der Unbekannte reagierte nicht.

    Wer bist du?, blaffte der Penner. Was willst du? Was hast du hier zu suchen?

    Aus dem Schatten drang gedämpftes Knurren. Krasna blieb abrupt stehen. Er wagte sich nicht weiter vor. Dieses tierhafte Knurren hatte seinen Mut total zerstäubt. Seine verfilzten Nackenhärchen sträubten sich.

    Verflucht noch mal, wie kam er dazu, hier den Helden zu spielen? Warum war er nicht bei den andern geblieben? Warum hatte er nicht auf Butch Dancer gehört? Der Fremde bewegte sich. Krasna sah es nicht. Er hörte es nur, und obwohl er, wie immer, betrunken war, warnte ihn sein Instinkt vor einer großen, unbegreiflichen Gefahr. Ängstlich wich er zurück.

    Da schnellte der Mann...

    Das Wesen...

    Was auch immer es war, es flog wie vom Katapult geschleudert aus dem pechschwarzen Schatten und auf den entsetzten Penner zu. Ozzy Krasna sah eine schwarze Schnauze, sah gelb leuchtende Augen, sah einen blutroten Rachen, sah weiße Reißzähne und dunkelgraue Pranken, die auf ihn zuschossen. Brüllend vor Angst verteidigte er sich mit dem brennenden Holz. Er drosch damit panisch auf den Angreifer, der in einem gesträubten dunklen Fell zu stecken schien, ein. Das hatte nichts mit Mut zu tun. Das war nackte Verzweiflung.

    Niemand wagte ihm zu Hilfe zu eilen. Er war ganz auf sich allein gestellt. Er versuchte mehrmals, dem Monster seine Fackel in den weit aufgerissenen Rachen zu rammen, traf aber immer nur den Schädel des Ungeheuers. Funken spritzten auf. Das Feuer versengte das Fell des Wesens. Ein widerlicher Gestank stieg Krasna in die Nase.

    Ihm drohte übel zu werden. Nicht nur wegen des Gestanks. Auch aus Angst. Der unheimliche Angreifer wich zurück. Krasna schlug weiter auf den gefährlichen Feind ein. Schweiß brannte in seinen Augen.

    Er begriff, dass er nur diese eine Chance hatte. Wenn es ihm nicht gelang, das Monstrum in die Flucht zu schlagen, war er verloren.

    Dann würde es ihn zerfleischen. Unentwegt drosch er mit der Fackel auf das haarige Ungeheuer ein. So lange, bis es herumwirbelte und davon hetzte. Es sah so aus, als jagte die Bestie auf allen vieren, wie ein riesiger Hund, in die Dunkelheit und löste sich in ihr auf.

    Total entkräftet ließ Krasna das Holz fallen, das ihm das Leben gerettet hatte. Er zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub, brauchte dringend einen ganz, ganz großen Schluck. Diesmal war der Fusel für ihn Medizin.

    Er brauchte sie, um nicht zusammenzuklappen. Die Penner kamen langsam näher. Butch Dancer erreichte seinen Kumpel als erster. Grundgütiger... Ozzy, was war das?

    Das? Ozzy Krasna wischte sich mit dem Mantelärmel den Schweiß vom Gesicht. Das war ein Werwolf.

    4

    Sergeant Maguin!, rief der untersetzte, bullige, hemdsärmelige Mann. Sergeant Jewison!

    Gary Maguin drehte sich um. Captain?

    In mein Büro!, rief Captain Pertwee und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Die Tür zu seinem Büro ließ er offen.

    Wir sind schon unterwegs, Chef!, rief Tab Jewison. Er wandte sich grinsend an die beiden Kollegen, mit denen er und Maguin sich soeben im Großraum-Office des Reviers unterhalten hatten. Unser Boss kann keinen Leerlauf sehen.

    Maguin, ein junger, gut aussehender blonder Cop, zupfte Jewison am Ärmel. Lass uns gehen, Tab, sonst verderben wir ihm die gute Laune.

    Jewison, sein dunkelhaariger Partner, feixte. Wann war Stan Pertwees Laune schon mal gut? Der kann sich doch selbst nicht leiden.

    Wenn du ständig Probleme mit der Niere hättest, wärst du auch nicht von früh bis spät happy.

    Ich würde aber auf keinen Fall meine Mitarbeiter dafür büßen lassen.

    Jeder ist eben anders.

    Tab Jewison verdrehte die Augen. Mann, was bist du heute wieder tolerant. Seine Miene verfinsterte sich. Ich werde mein erstes Magengeschwür nach Captain Pertwee benennen.

    Gary Maguin setzte sich in Bewegung, und Tab Jewison folgte ihm. Sie betraten das Büro des Captain.

    Sir, sagte Maguin und nahm so etwas wie Haltung an.

    Jewison tat das nicht.

    Tür zu!, schnarrte Stan Pertwee.

    Tab Jewison wollte sie zukicken.

    Nicht mit dem Fuß!, sagte der Captain laut.

    Tab schloss die Tür mit der Hand.

    Setzen Sie sich!, brummte Captain Pertwee.

    Die jungen Cops nahmen Platz.

    Stan Pertwee lehnte sich zurück. Sein Bauch quoll über den Ledergürtel. Er trägt ihn viel zu eng, dachte Tab Jewison. Das ist nicht gesund.

    Es gibt Neuigkeiten vom 'Lawyer', berichtete der Captain.

    Lawyer, so nannten sie Ozzy Krasna, den polizeibekannten Penner, der früher einmal – vor seinem totalen Absturz in die Gosse - Rechtsanwalt gewesen war.

    Tab Jewison betrachtete seinen Vorgesetzten sinnierend. Sein Haar lichtet sich immer mehr, dachte er. Er wird bald eine Glatze haben.

    War er mal wieder bei uns in der Ausnüchterungszelle?, fragte Gary Maguin.

    Pertwee schüttelte den Kopf. Diesmal will er einen Werwolf gesehen haben.

    Einen was?, fragte Gary Maguin, als meinte er, sich verhört zu haben.

    Einen Werwolf, wiederholte der Captain.

    Tab Jewison sagte: Das sind diese Typen, die sich in Vollmondnächten...

    Ich weiß, was ein Werwolf ist, fiel Gary Maguin ihm ins Wort. Denkst du, ich war noch nie im Kino? Aber solche Monster gibt es doch nicht in Wirklichkeit.

    Der Captain hob die Schultern. Der Lawyer behauptet, von einem angegriffen worden zu sein.

    Maguin kniff ungläubig die Augen zusammen. Wie viele Promille hatte er da im Blut?

    Seine Pennerkollegen bestätigen seine Aussage, sagte Captain Pertwee.

    Maguin wandte sich an seinen Freund und Kollegen. Offenbar eine Massenpsychose.

    Stan Pertwee sah ihn an. Ich möchte, dass Sie und Tab der Sache nachgehen, sagte er.

    Gary Maguin war perplex. Sie verlangen doch nicht im Ernst von uns, dass wir einem – einem Fabelwesen, oder wie immer man diese Ausgeburt menschlicher Horror-Fantasien bezeichnen mag, nachjagen sollen, Sir.

    Ist immer noch besser als im Büro herumzustehen und sich gegenseitig von der Arbeit abzuhalten, knurrte Captain Pertwee. Irgend etwas Unbegreifliches müssen der Lawyer und seine Kumpane gesehen haben, sonst wären sie nicht alle so sehr aus dem Häuschen. Kein Rauch ohne Feuer. Er beugte sich vor. Wir sind Cops. Wir sind für alle da. Auch für die Ärmsten der Armen. Sorgt dafür, dass der Lawyer und seine Freunde wieder ruhig schlafen können.

    Ist das alles, Captain?, fragte Gary Maguin, bereit, aufzustehen.

    Stan Pertwee nickte. Das ist alles.

    Tab Jewison rieb sich die Hände. Nun, dann werden wir uns gleich mal auf den Weg machen und uns um diese wichtige Angelegenheit kümmern. Er federte hoch.

    Pertwee sah ihn grimmig an. Ihren Sarkasmus können Sie sich sparen, Sergeant Jewison.

    Yes, Sir. Der junge Cop salutierte schlampig.

    Sein Partner erhob sich ebenfalls. Sie verließen das Büro des Captain.

    Ist doch nicht zu fassen, was uns da zugemutet wird, entrüstete sich Gary Maguin auf dem Weg zum Dienstwagen.

    Tab Jewison griente. Es steht dir frei, dich zu beschweren. Allerdings musst du hierbei den Dienstweg einhalten, und der führt über Captain Stan Pertwee.

    Gary wackelte mit dem Kopf. Sehr witzig.

    Als sie wenig später durch Brooklyn fuhren, fragte Tab so beiläufig wie möglich: Wie geht es deiner Schwester?

    Du lässt die Finger von Rachel, verstanden?, schnauzte Gary ihn sofort an.

    Tab, der auf dem Beifahrersitz saß, hob lachend die Hände. Hey, ich hab doch nur gefragt, wie es ihr geht.

    Es geht ihr hervorragend.

    Das freut mich.

    Und sie hat null Bock drauf, sich mit einem windigen Cop, der hinter jeder Schürze her ist, zu verabreden, erklärte Gary Maguin schneidend.

    Sagt sie das?, fragte Tab Jewison.

    Ich sage das, stellte Gary mit Nachdruck fest. Ich bin ihr Bruder. Und mein Wort zählt. Alles klar?

    Tab nickte. Alles klar.

    Bei seiner Schwester reagierte Gary immer überempfindlich. Er fühlte sich als ihr Beschützer und hoffte, sie eines Tages mit einem Mann aus der gehobeneren Gesellschaftsschicht verheiraten zu können. Es sollte ihr gut gehen. Sie sollte niemals Sorgen haben. Ein Weiberheld wie Tab war Garys Ansicht nach nicht gut genug für sie.

    Deshalb blockte er immer gleich ab, wenn Tab sich nach Rachel erkundigte. Es gab genug andere Frauen zum Spielen für den Casanova Tab Jewison.

    Gary fuhr am Red Hook Park vorbei. Eine verwahrloste grauhaarige Frau hinkte den Bürgersteig entlang. Sie schob einen ramponierten Kinderwagen vor sich her. Ihre gesamte Habe war darauf gepackt.

    Tab bedeutete seinem Partner, das Tempo zu verringern. Hallo, schöne Frau!, rief er aus dem Fenster.

    Sie warf ihm einen feindseligen Blick zu. Leck mich!, spie sie ihm mit nur noch einem Zahn im Mund entgegen.

    Vielleicht ein andermal, gab der Sergeant gelassen zurück. Wir suchen Ozzy Krasna.

    Dann seht zu, dass ihr ihn findet, sagte die Alte unfreundlich, schlug mit dem Kinderwagen einen Haken und hinkte davon, als hätte Tab sie beleidigt.

    Er sah seinen Kollegen an und grinste. Hat sie nicht einen umwerfenden Charme?

    Soll ich ihr folgen?, fragte Gary Maguin. Möchtest du dich mit ihr verabreden? Er grinste süffisant.

    Ich setze sie vorerst auf die Warteliste, erwiderte Tab Jewison. Sie soll erst mal ein wenig schmoren.

    Gary bog in die Sullivan Street ein, fuhr diese entlang und bis zum Buttermilk Channel vor. Hier logierte die Penner-Kolonie, der der Lawyer angehörte. Die Cops stiegen aus. Der Wind hob mehligen Staub aus der Gosse und warf ihn den Polizisten ins Gesicht. Hier, auf der Straße, unter freiem Himmel leben zu müssen, war ein hartes Los.

    Gary Maguin entdeckte Butch Dancer. Der Penner saß auf dem Boden. Er war so voll, dass er nicht stehen konnte, lehnte an der Hausmauer und stierte mit glasigen Augen vor sich hin. Was mochte er sehen? Machte der Alkohol irgendwelche unerfüllbare Träume für ihn wahr?

    Hallo, Butch, sprach Gary ihn an.

    Dancer hob den Kopf. Oh, Sergeant Maguin, sagte er mit schwerer Zunge.

    Gary lächelte. Wie ich sehe, geht es dir gut.

    Ich bin ziemlich besoffen, lallte Dancer. Aber ich habe nicht die Absicht, öffentliches Ärgernis zu erregen.

    Wo ist Ozzy?, fragte Gary.

    Dancer zuckte mit den Achseln. Weiß nicht, Sergeant. Vor ein paar Minuten war er noch hier. Wir haben zusammen seine Pulle leer gemacht.

    Wohin ist er gegangen?, fragte Gary.

    Weiß nicht, Sergeant.

    Er soll ein Gespenst gesehen haben, sagte Gary.

    Dancer schüttelte den Kopf. Kein Gespenst, Sergeant. Ein Ungeheuer.

    Hast du es auch gesehen?, fragte Gary.

    Ich hab Ozzy auf den Kerl aufmerksam gemacht, sagte Butch Dancer.

    Was war es nun?, schaltete sich Tab Jewison mürrisch ein. Ein Kerl oder ein Ungeheuer?

    Weiß nicht, Sergeant, bekam auch er zu hören. Vielleicht beides.

    Wie – beides?, fragte Tab irritiert.

    Vielleicht halb Kerl, halb Ungeheuer.

    Versuch es zu beschreiben?, verlangte Tab.

    Ich fürchte, das kann ich nicht.

    Wieso nicht?, wollte Tab wissen.

    Ich war nicht so nah dran wie Ozzy.

    Also müssen wir uns mit dem Lawyer unterhalten, meinte Gary Maguin seufzend.

    Da kommt er, gab Tab Jewison zurück.

    Ozzy Krasna schwankte mit schwerer Schlagseite heran.

    Hör mal, Ozzy, was sind denn das für abstruse Horror-Meldungen, die du da in die Welt setzt?, fragte Gary.

    Daran ist absolut nichts abs-abs-abstrus, Sergeant, erwiderte Krasna. Ihm fiel das Sprechen schwer. Manche Wörter wollten ihm nicht mehr richtig über die Lippen kommen. Ich habe mit einem Monster gekämpft.

    Warst du betrunken?, fragte Gary Maguin.

    Sicher war er betrunken, warf Tab Jewison brummig ein. Wann ist er das nicht? Wenn man sein Gehirn über Jahre hinweg mit Fusel peinigt, ist es nicht verwunderlich, wenn es eines Tages nicht mehr richtig funktioniert. Willst du nicht auch schon mal eine Kreuzung zwischen Igel und Feuersalamander durch unsere Ausnüchterungszelle krabbeln gesehen haben, Ozzy?

    Sie sollten ernst nehmen, was ich sage, Sergeant Jewison, riet der Penner dem ungläubigen Cop. Er stierte ihn mit großen Augen an. Seine Lippen glänzten feucht. Ein mordgieriges Monster hat Brooklyn zu seinem Jagdrevier gemacht. Es hat versucht, mich umzubringen. Ich konnte es in die Flucht schlagen...

    Oh, ein Held, bemerkte Tab zynisch. Hollywood wird deine Geschichte verfilmen.

    Gary Maguin wollte hören, was genau passiert war. Der Lawyer erzählte es. Gary verlangte eine Beschreibung des Angreifers, gegen den sich der Penner mit seiner Fackel so wacker, und vor allem so erfolgreich, geschlagen hatte. Und da war dann von einem struppigen Fell, von scharfen Krallen, spitzen Reißzähnen, gelb leuchtenden Augen, einer schwarzen Schnauze und einer glutroten Kehle die Rede.

    Von einem Werwolf eben.

    Doch die Cops glaubten dem betrunkenen Stadtstreicher kein Wort.

    5

    Fist räumte in seiner Wohnung auf. Was war letzte Nacht geschehen? Er hatte große Gedächtnislücken. Irgend etwas war mit ihm passiert.

    Er hatte das Haus verlassen und war ziellos durch die Straßen gerannt. Getrieben von... Wovon eigentlich? Er wusste es nicht und hatte auch keine Erklärung dafür.

    Er erinnerte sich dunkel an flackerndes Feuer. Es hatte ihn einerseits angezogen, anderseits aber auch ferngehalten. Er hatte sich versteckt.

    Jemand war auf ihn zugekommen. Und dann? Was hatte sich dann ereignet? Fist wusste es nicht. Er wusste nur, dass enorm viel Wut, Hass und Aggression in ihm gewesen waren. Er ging ins Bad, zog sich aus und duschte. Anschließend sah er sich im Spiegel seine Schulter ganz genau an. Das rote Glühen war verschwunden, und die Narben taten ihm auch nicht mehr weh. Gestern hatte sein Körper wie im Fieber gebrannt. Ein heftiger Schüttelfrost hatte ihn befallen.

    Er hatte befürchtet, dass ihn irgendeine Krankheit überfallsartig heimgesucht hatte. Heute war alles wie weggeblasen. Er fühlte sich kerngesund und so stark, dass er hätte Bäume ausreißen können.

    Nachdem er sich umgezogen hatte, sichtete er die Post, die bis jetzt unbeachtet auf dem Couchtisch gelegen hatte. Werbung, Werbung, Werbung – von einem Versandhaus, von einem Reiseveranstalter, von einem Baumarkt, von einem Textil-Diskonter, von einem Supermarkt...

    Dazwischen eine Ansichtskarte. Jamaika. Palmen. Ein Sandstrand, fast so weiß wie Schnee. Das Meer glasklar und türkis. Fist drehte die Karte um.

    Ich denke sehr oft an dich – Debbie. Debbie? Wer ist Debbie?, fragte er sich. Ich kann mich beim besten Willen an keine Debbie erinnern. Oh, aber ja doch. Der heiße One-Night-Stand auf Johnny Crackers Party. Er grinste selbstgefällig. Ich scheine da sehr viel richtig gemacht zu haben, sonst würde sie nicht noch immer sehr oft an mich denken.

    Es klopfte. Fist ging zur Tür und öffnete. Draußen stand Michelle Natwyck, seine sexy Nachbarin – mit einer Flasche Scotch in der Hand. Sie sah nicht glücklich aus. Ihre Augen waren gerötet. Sie schien geweint zu haben.

    Ich schulde dir eine Flasche Scotch, sagte sie. Sie streckte die Pulle vor. Hier ist sie.

    Er nahm ihr die Flasche aus der Hand. Komm rein.

    Sie betrat seine Wohnung. Du warst gestern sauer, weil ich so spät noch bei dir geklopft habe.

    Er schüttelte den Kopf. Nein, war ich nicht.

    Doch, das warst du.

    Er stellte die Flasche weg. Ich war nicht besonders gut drauf.

    Hast du mich deshalb so eigenartig angestarrt?, fragte Michelle.

    Kann schon sein, gab er zur Antwort. Seine Stimme klang heiser. Er räusperte sich. Ist Pete, der süße Junge, damit auf Touren gekommen? Er deutete auf die Scotch-Flasche.

    Michelle nickte. Mächtig auf Touren.

    Und ist er bis zum Frühstück geblieben?

    Michelle nickte wieder. Das ist er.

    Fist zeige auf ihre Augen. Warum hast du dann geweint?

    Michelle Natwyck schlug den Blick nieder. Ich werde ihn nicht wiedersehen.

    Warum nicht?

    Er hat mir während des Frühstücks gestanden, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat, antwortete Michelle bitter. Da habe ich den Drecksack rausgeworfen und ihm nachgeschrieen, er soll sich gefälligst zu seiner Familie scheren. Sie errötete leicht. Ich glaube, ich habe ihm noch einige recht unfeine Verwünschungen hinterher gebrüllt.

    Fist nahm seine attraktive Nachbarin in die Arme. Er hat sie bestimmt verdient.

    Sie seufzte deprimiert. Ach, warum gerate ich nur immer an die falschen Männer? Kannst du mir das erklären?

    Er versuchte es. Du lebst nach einem dir vorgegebenen Verhaltensmuster. Dagegen kannst du nichts tun. Der Typ Mann, auf den du fliegst, ist eigentlich nichts für dich. Aber du wirst ihn immer wieder suchen. Die andern, die zu dir passen würden, haben nicht die geringste Chance bei dir.

    Wieso sind wir Menschen so kompliziert programmiert?

    Er drückte sie an sich, damit sie ihm nicht ins Gesicht sehen konnte, und flüsterte in ihr Ohr: Das darfst du mich nicht fragen. Diese Frage kann ich dir nicht beantworten. Dafür bin ich nicht gebildet genug.

    Sie schmiegte sich an ihn. Es tat ihr offensichtlich gut, von ihm umarmt zu werden. Gestern... Nachdem du mir mit dem Scotch ausgeholfen hattest...

    Ja?

    Da bist du noch fortgegangen, sagte Michelle.

    Nein, bin ich nicht. Seine Miene versteinerte, doch sie sah es nicht.

    Ich hab dich gehört.

    Du irrst dich, Michelle, sagte er rau. Ich habe meine Wohnung nicht verlassen. Das behauptete er, und dabei blieb er. Obwohl es nicht stimmte.

    6

    Die unglaubliche Horror-Geschichte des Penners machte keine großen Wellen. Niemand nahm die Sache ernst genug, um ihr weiter nachzugehen.

    Die lahmen Ermittlungen, von Sergeant Tab Jewison und Sergeant Gary Maguin ohne großen Ehrgeiz vorangetrieben, verliefen im Sand.

    Das Ganze geriet schon bald in Vergessenheit, und Captain Pertwee hatte einen neuen Job für Maguin und Jewison. Einen richtigen Cop-Job.

    Die Sauregurkenzeit – also die Zeit, in der die beiden jungen Officers nach Stan Pertwees Meinung nicht genug zu tun gehabt hatten – wurde damit offiziell für beendet erklärt. Wieder rief der bullige Captain seine Mitarbeiter in sein Büro. Mit sorgenumwölkter Stirn eröffnete er ihnen, kaum, dass sie sich gesetzt hatten: Eine Drogenwelle überschwemmt zur Zeit Brooklyn. Da hat jemand eine neue Quelle aufgetan. Das Zeug, das er vertreibt, ist zwar minderwertig, aber billig und findet daher reißenden Absatz. Ich möchte, dass ihr den Burschen findet, ihm das verdammte Handwerk legt und diese verfluchte Quelle zum Versiegen bringt, ehe einer an dem Dreckszeug draufgeht.

    Stan Pertwee lieferte auch gleich einen Plan mit: Tab Jewison sollte von nun an undercover arbeiten, und Gary Maguin sollte sein Verbindungsmann sein.

    Für Sergeant Jewison bedeutete das, dass er unter Umständen Kopf und Kragen würde riskieren müssen, um Erfolg zu haben. Vielleicht war es sogar ein Himmelfahrtskommando, für das Captain Pertwee ihn vorgesehen hatte, doch er nahm den Auftrag ohne mit der Wimper zu zucken an.

    Er hatte bereits mehrmals als Undercover-Cop gearbeitet und jedes Mal einen durchschlagenden Erfolg eingefahren. Deshalb zog Pertwee ihn auch immer wieder für solche heiklen Aufgaben heran. Weil niemand sie bravouröser meistern konnte.

    Als Tab heimkam, fand er einen Brief in seinem Postkasten. Von Tony Whitherspoone, einem Kulturkritiker, der ihm hin und wieder Karten zu irgendwelchen interessanten Vor-Premieren zukommen ließ.

    Diesmal waren im Umschlag zwei Karten für Turandot von Giacomo Puccini. Beste Plätze. Für heute Abend. Gute Unterhaltung – Tony!, stand auf einem beigelegten Zettel. Tab wusste, dass Puccini Rachel Maguins Lieblingskomponist war. Und Turandot ihre Lieblingsoper.

    Also rief er sie an. Er hatte Glück. Gary, ihr selbst ernannter Tugendwächter, war nicht zu Hause. Hast du Lust mit mir in die Oper zu gehen, schönes Kind?, fragte Tab.

    Was spielt man?, wollte Rachel Maguin wissen.

    Tab sagte es ihr, und sie jubelte am andern Ende des Drahtes so laut, dass er den Hörer kurz absetzen musste, damit sein Trommelfell keinen bleibenden Schaden abbekam. Rachel überschlug sich vor Begeisterung und freute sich riesig, dass Tab zuerst an sie gedacht hatte.

    Er lachte. Oh, ich denke sehr viel öfter an dich, als es deinem Bruder lieb ist.

    Er behandelt mich wie ein kleines Kind, beschwerte sich Rachel.

    Er ist dein älterer Bruder, nahm Tab ihn in Schutz.

    Aber ich bin kein Kind mehr, begehrte Rachel auf. Ich bin immerhin schon 22.

    Er lachte wieder. Ein biblisches Alter.

    Mach dich nicht über mich lustig, Tab Jewison!, rügte sie ihn streng.

    Entschuldige. Ich hole dich in zwei Stunden ab, okay?

    Okay.

    Ich würde Gary an deiner Stelle nicht verraten, mit wem ich ausgehe, empfahl er ihr.

    Er ist ohnedies nicht da, sagte Rachel. Und wenn ich nach Hause komme, ist es bereits passiert und nicht mehr rückgängig zu machen.

    Gehen wir nach der Vorstellung noch italienisch essen? Ich lade dich ein...

    Oh, Tab, du bist ein Goldschatz, rief Rachel begeistert aus.

    Das sieht Gary aber ganz anders.

    Kümmere dich nicht um Gary, sagte Rachel. Mit dem werde ich schon fertig.

    Das Kleid, das sie trug, als er sie abholte, war wunderschön und betonte auf raffinierte Weise ihre frauliche Figur. Ihr brünettes Haar war frisch gewaschen und verströmte einen betörenden Duft.

    Sie stieg zu ihm in den Wagen. Oh! Oh!, dachte Tab - auf eine angenehme Weise beunruhigt. Reiß dich zusammen, Junge, sonst passiert ein Unglück.

    Gary sah in ihm bloß einen windigen Schürzenjäger, einen unermüdlichen Weiberhelden, einen rastlosen Falter, der von einer Blüte zur andern flatterte. Er selbst sah sich jedoch anders. Er war nur deshalb so unstet, weil er noch nicht die richtige Partnerin gefunden hatte.

    Rachel Maguin wäre es vielleicht gewesen, aber Gary war ja dagegen, dass sie es mal miteinander versuchten, und Tab hatte bisher immer darauf Rücksicht genommen, weil er seinen Partner nicht vergrämen und das gute Klima, das zwischen ihnen herrschte, nicht vergiften wollte.

    Aber er würde sich nicht immer von Rachel fernhalten können, das spürte er – und so bestand permanent die latente Gefahr, dass er irgendwann einmal ihrem ungeheuer starken Zauber erlag. Was dann?

    Wie würde Gary darauf reagieren? Würde er seinem Partner die Freundschaft aufkündigen? Würde er sich weigern, auch nur einen Tag länger mit ihm zusammen zu arbeiten? Es wäre wirklich besser, die Finger von Rachel zu lassen, dachte Tab. Aber ich kann es nicht. Ich kann es einfach nicht. Sie gefällt mir einfach zu gut. Ich fühle mich zu sehr zu ihr hingezogen. Vielleicht sind wir vom Schicksal füreinander bestimmt. Dagegen dürfte sich Gary dann aber nicht stellen.

    Woran denkst du? Rachels Frage riss ihn aus seinen Gedanken.

    An Gary, antwortete er ehrlich und fuhr los.

    Sie rümpfte die Nase. Muss das sein?

    Er streifte sie mit einem wohlgefälligen Blick. Du siehst heute umwerfend aus.

    Vielen Dank. Sie freute sich sichtlich über sein Kompliment. Du aber auch.

    Er lächelte verlegen, trug einen dunkelblauen Anzug und eine dezent gemusterte Krawatte. Ich habe mich ein wenig herausgeputzt, um unserem Opernbesuch einen festlichen Rahmen zu verleihen. Wenn es auch bloß die Vor-Premiere ist.

    Die Aufführung übertraf sodann bei weitem Rachels Erwartungen. Sie hatte Puccinis Oper schon mehrere Male gesehen, aber noch nie war die Geschichte der grausamen Prinzessin, die alle Brautwerber dem Henker übergab, wenn sie die Rätsel, die sie ihnen aufgab, nicht zu lösen vermochten, perfekter inszeniert gewesen.

    Rachel schwärmte von diesem einmaligen Erlebnis ohne Ende, und es freute Tab, sie so glücklich zu sehen. Sie küsste ihn sogar dankbar und überschwänglich, ohne zu ahnen, wie extrem gefährlich das war. Welche Brisanz damit verbunden war.

    Tab kam sich nämlich vor wie ein offenes Pulverfass, und Rachel versprühte in nächster Nähe in aller Unschuld – ohne es zu wollen - Millionen von Funken. Ein einziger hätte genügt, um ihn hochgehen zu lassen...

    Sie krönten den Abend mit einer köstlichen Speisenfolge in einem kleinen italienischen Restaurant und anschließend brachte Tab seine attraktive Begleitung nach Hause.

    Danke für den einmaligen Abend, Tab, sagte Rachel selig und gab ihm einen raschen Kuss auf den Mund. Das hätte sie nicht tun dürfen. Sein Verstand hakte aus. Es war vorbei mit seiner verbissenen Beherrschung.

    Er hatte sich nicht länger unter Kontrolle, wollte sie umarmen und ihren harmlosen Kuss leidenschaftlich erwidern, aber sie stieg ganz schnell aus, und seine Hände griffen – zum Glück - ins Leere.

    Es ist besser so, dachte er, sobald er wieder klar denken konnte.

    Gute Nacht, Tab, sagte sie.

    Gute Nacht, Rachel, gab er krächzend zurück. Sein Herz klopfte laut und kräftig.

    Sie verschwand in dem Haus, in dem sie mit ihrem Bruder ein geräumiges Apartment bewohnte, und er fuhr weiter.

    7

    Es ist spät, knurrte Gary Maguin vorwurfsvoll, als seine schöne Schwester zur Tür hereinkam.

    Er saß vor dem Fernsehapparat. Der Videoclip, der soeben über die Mattscheibe flimmerte, war wohl als Test gedacht. Man schien herausfinden zu wollen, was die Sehnerven des Betrachters so alles aushielten. Oder war das blitzende und total zerhackte Machwerk von einem Geisteskranken geschnitten worden?

    Ich weiß, gab Rachel mit trotzig vorgeschobenem Kinn zurück. Sie wollte sich nicht länger von ihrem Bruder bevormunden lassen. Er hatte das lange genug getan. Es reichte.

    Gary kniff die Augen zusammen. Er stand auf und musterte sie sehr genau. Darf ich fragen, wo du warst?

    Aha, jetzt kommt ein Verhör, dachte Rachel. Er kann es einfach nicht lassen. Einmal Cop, immer Cop. In der Oper, antwortete sie ohne schlechtes Gewissen.

    Was wurde aufgeführt?

    'Turandot'.

    Hat es dir gefallen?

    Es war fantastisch.

    Und mit wem warst du da?, fragte Gary weiter.

    Mit einem sehr gut aussehenden jungen Mann, antwortete Rachel kryptisch.

    Ihr taten die Schuhe weh. Sie zog sie aus. Jetzt war sie wesentlich kleiner als ihr Bruder. Aber sie fühlte sich ihm deshalb nicht unterlegen. Nach wie vor trotzig blickte sie zu ihm auf.

    Kenne ich ihn?, wollte Gary wissen.

    Vielleicht.

    Er wurde böse. Lass das kindische Spiel, Rachel, sagte er energisch. Ich weiß, mit wem du aus warst.

    So? Mit wem denn?

    Mit Tab Jewison. Gary zeigte zum Fenster. Ich habe dich aus seinem Wagen steigen gesehen.

    Rachel zuckte mit den Achseln. Na also, sagte sie schnippisch, dann brauchen wir uns ja nicht weiter zu unterhalten. Sie drehte sich um. Gute Nacht.

    Du bleibst noch!, sagte Gary befehlsgewohnt.

    Sie sah ihn ärgerlich an. Ich bin müde. Wie du vorhin selbst festgestellt hast: Es ist spät. Ich möchte zu Bett gehen.

    Du hast Tab auf den Mund geküsst. Es hörte sich so an, als hätte sie ein Kapitalverbrechen begangen.

    Ich habe mich für den wundervollen Abend bedankt.

    Mit einem Kuss? Auf den Mund? Gary war empört.

    Liebe Güte, da ist doch nichts dabei.

    Bei Tab Jewison schon!, sagte Gary sehr laut.

    Ich kenne ihn schon so lange...

    Wie oft muss ich dir noch sagen, dass dieser Mann nichts für dich ist!, fiel er ihr scharf ins Wort.

    Er ist dein bester Freund.

    Das ist etwas anderes, behauptete Gary. Als Mann kann ich mir keinen besseren Freund vorstellen. Und als Polizist keinen besseren Partner. Aber ich weiß, wie Tab mit Frauen umgeht. Er hat keine Achtung vor ihnen.

    Das stimmt ja überhaupt nicht.

    Gary ließ den Widerspruch seiner Schwester nicht gelten. Für ihn sind Frauen nur Mittel zum Zweck, erklärte er. Er ist ein Don Juan, nicht fähig, richtig zu lieben. Ihm geht es nur darum, so viele Frauen wie möglich zu erobern, und ich möchte nicht, dass er dich genauso unglücklich macht wie all die anderen bedauernswerten Geschöpfe, die ich im Laufe der Jahre kommen und gehen gesehen habe. Herzen zu brechen ist seine größte Passion. Seine Miene verfinsterte sich. Seine Lippen wurden hart. Und es kommt noch etwas dazu, sagte er todernst. Tab Jewison ist Polizist.

    Das bist du auch.

    Gary nickte heftig. Und deshalb weiß ich, wie gefährlich unser Job ist. Keine Frau sollte sich in einen Polizisten verlieben. Er griff nach ihren Schultern. Du kannst nie sicher sein, ihn noch mal lebend wiederzusehen, wenn er aus dem Haus geht.

    Dennoch gibt es viele verheiratete Cops.

    Gary nickte wieder. Und es gibt auch viele Cop-Witwen!

    8

    Als Undercover-Cop trat Tab Jewison in einem Outfit auf, das niemanden auf die Idee kommen ließ, er wäre ein Bulle. Er trug ausgetretene Sportschuhe, verwaschene Jeans, ein weißes T-Shirt und eine braune Lederjacke mit Fransen.

    Schnüffelnd arbeitete er sich durch die kriminellen Niederungen von Brooklyn. Was Captain Pertwee – gewissermaßen als Startkapital - an Informationen für ihn gehabt hatte, war verdammt dürftig gewesen, deshalb wusste er auch noch nicht, wo er seinen Hebel ansetzen sollte.

    Er sondierte gewissenhaft und streckte nach allen Seiten so unauffällig wie möglich seine Fühler aus. Die meisten Typen, an die er sich heranmachte, waren schweigsam, vorsichtig, misstrauisch und reserviert.

    Er war ihnen fremd. Warum sollten sie Vertrauen zu ihm haben? In ihren Kreisen traute man sich manchmal nicht einmal selbst. Jeder versuchte jeden reinzulegen, auszutricksen, übers Ohr zu hauen.

    Wer da nicht höllisch aufpasste, konnte schneller unter die Räder kommen, als er Jackie Chan oder Rowan Atkinson sagen konnte.

    Tab erzählte allen, er wäre neu in der Stadt und suche einen einträglichen Job. Wenig Stress. Kurze Arbeitszeit. Aber viel Kohle.

    Die meisten lachten ihn aus und meinten, einen solchen Job hätten sie selbst gern. Aber er ließ nicht locker und fand einen Zugang zu einer Dealer-Clique, durch deren schmutzige Hände ein Teil jenes Stoffes floss, dessen Ursprung er finden sollte. Sie deckten ein großes Gebiet ab. South Brooklyn. Die Gegend um den Fort Greene Park. Parade Grounds. Holy Cross Cemetery. Brooklyn College...

    Der Typ, von dem sie ihre gefährlich minderwertige Ware bezogen, war angeblich ein Paradiesvogel namens Lou Beckinsale. Er war DJ in einem Schuppen, der sich Hot Stuff nannte. Jamie Lee Crichton war Lou Beckinsales Freundin, und an die machte Tab sich heran.

    Sie war flachbrüstig wie ein Junge, hatte eine große Klappe, und dem Vernehmen nach hatte sie noch nie ein Kleid oder einen Rock angehabt. Immer nur Hosen.

    Ihr schwarzes Haar trug sie männlich kurz, und es war allgemein bekannt, dass sie es mit der Treue noch nie besonders genau genommen hatte.

    Das ärgerte Lou Beckinsale zwar, aber er konnte sie nicht ändern. Sie war, wie sie war, und hatte nicht die Absicht, ihm zuliebe auch nur auf ein einziges Abenteuer nebenbei zu verzichten.

    Tab hoffte, ihr Interesse wecken und sie für sich gewinnen zu können, damit sie ihm so viel wie möglich über ihren Dauerfreund, den Drogen-DJ, erzählte.

    Sie selbst war seit zwei Jahren clean, hieß es. Davor hatte sie alles geschluckt, eingeworfen und gespritzt, dessen sie habhaft werden konnte.

    Tab machte ihre Bekanntschaft in einer Bar in der Coney Island Avenue. Sie war mit fünf Freunden von Lou Beckinsale da. Nach einem ersten Blickkontakt schaute sie immer öfter zu Tab herüber, und schließlich kam sie zu ihm an den Tresen, stemmte die Fäuste in die Seiten und sagte: Willst du irgendwas von mir?

    Er zuckte mit den Achseln. Weiß ich noch nicht. Kommt darauf an.

    Worauf kommt es an?, wollte sie wissen.

    Er grinste. Darauf, wie du dazu stehst.

    Ich stehe verdammt positiv dazu – wenn es sich um Sex handelt, erklärte sie sehr direkt und mit einem Augenaufschlag, der ihm unter die Haut gehen sollte.

    Jamie Lee!, rief einer der Typen, mit denen sie am Tisch gesessen hatte. Hey, Jamie Lee!

    Was ist?, fragte sie gereizt, ohne sich umzudrehen. Sie wollte jetzt nicht gestört werden.

    Wir gehen, sagte der Kerl. Er trug zwei dicke karierte Holzfällerhemden übereinander und ein nietenbesetztes Lederband um den Hals.

    Lasst euch nicht aufhalten, gab Jamie Lee glashart zurück.

    Der Bursche war enttäuscht. Kommst du nicht mit?

    Nein, antwortete Jamie Lee klipp und klar.

    Scheiße, das wird Lou aber gar nicht schmecken.

    Tja, da kann ich Lou leider nicht helfen.

    Das Quintett stiefelte aus dem Lokal.

    Du bist also Jamie Lee, stellte Tab Jewison fest.

    Sie nickte. Genau.

    Und wer ist Lou?, fragte er, obwohl er es wusste. Aber das brauchte sie ja nicht zu wissen. Er sah, dass ihr linker Nasenflügel gepierct war.

    Mein Freund, erklärte sie ungeniert. Warst du schon mal im 'Hot Stuff'?

    Er nickte. Einmal.

    Der DJ. Das ist Lou. Lou Beckinsale. Und wie heißt du?

    Kevin, antwortete der Undercover-Cop wie aus der Pistole geschossen. Kevin Cleese. Er hatte sogar Papiere zu diesem Namen.

    Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie. Jamie Lee Crichton, sagte sie. Du darfst mir einen Drink spendieren.

    Sehr gern. Was darf's denn sein?

    Bloody Mary.

    Sie bekam ihre Bloody Mary, und während sie sie trank, stellte sie ihm viele Fragen. Er beantwortete sie mit einer Menge Lügen.

    Kevin Cleese war nicht nur ein erfundener Name. An dem hing auch eine lange, erfundene Geschichte dran, die Tab Jewison so gut intus hatte, dass er sich niemals irren konnte. Selbst wenn man ihn aus tiefstem Schlaf gerissen hätte, hätte er sie lückenlos und ohne Fehler herunterratschen können, als wäre sie durch und durch wahr.

    Für ihn war es so, als würde es diesen Mann tatsächlich geben. Er war in dessen Haut geschlüpft, und sie passte ihm perfekt.

    Tab hielt sich mit seinen Fragen noch zurück. Er wollte nicht zu neugierig sein und Jamie Lee stutzig machen. Er würde nach und nach aus ihr herauskitzeln, was er wissen wollte, ohne dass sie es merkte. Er war darin sehr routiniert.

    Jamie Lee sah ihn mit einem Blick an, der alles versprach. Möchtest du mich nach Hause begleiten, Kevin?

    Okay. Er legte Geld auf den Tresen und rutschte vom Hocker.

    Ist nicht weit, sagte Jamie Lee.

    Sie verließ mit ihm die Bar, und draußen erlebten sie eine höchst unerfreuliche Überraschung: Die Freunde des DJs erwarteten sie.

    Sie wollten offenbar nicht dulden, dass das magere Luder – niemand konnte verstehen, dass Lou Beckinsale so sehr in sie verknallt war - schon wieder fremdging. Das rauflustige Quintett drängte Jamie Lee Crichton und Tab Jewison/Kevin Cleese in eine schmale, schummrige Nebenstraße.

    Verdammt, was soll das?, giftete das Girl.

    Wir wollen nicht, dass du mit dem da losziehst. Der Typ mit dem Lederhalsband zeigte auf den Undercover-Cop.

    Das ist ja wohl meine Sache, oder?, konterte das Mädchen bissig.

    Wir sind Lous Freunde.

    Okay, sagte Jamie Lee. Dann schert euch zu Lou und lasst uns in Frieden.

    Sag ihm, er soll sich verziehen, Jamie Lee.

    Sag du es mir!, verlangte Tab Jewison. Er ballte die Hände zu Fäusten, war sicher, dass er sie in Kürze würde einsetzen müssen, aber er hatte keine Angst.

    Sie waren zwar zu fünft, aber sie würden mit ihm nicht fertig werden, das wusste er. Er war kampferfahren und fühlte sich ihnen kräftemäßig überlegen.

    Halt dich da raus, Kevin, verlangte das Mädchen. Ich komme mit den Blödmännern schon klar.

    Der Bursche mit dem Lederhalsband starrte Tab feindselig an. Verpiss dich, Freundchen. Sonst machen wir Beef tatar aus dir.

    Das will ich sehen, erwiderte Tab und schob Jamie Lee mit einem schnellen Ruck hinter sich.

    Die fünf Typen stürzten sich wie ein Mann auf ihn. Sie packten ihn, umklammerten ihn, droschen auf ihn ein und setzten alles daran, ihn zu Boden zu werfen, damit sie anschließend so lange auf ihm herumtrampeln konnten, bis er sich nicht mehr rührte.

    Doch es gelang ihnen nicht, ihn zu entwurzeln. Er blieb auf seinen Beinen, befreite sich kraftvoll von ihren Griffen und schlug und trat verdammt schmerzhaft um sich - wie die bekannten fernöstlichen Akrobatik-Kämpfer in den Martial-Arts-Filmen, die spät nachts im Fernsehen liefen.

    Nachdem er zwei Gegner knochenhart niedergestreckt hatte, wichen die andern – vorsichtig geworden – langsam zurück, doch Tab setzte nach.

    Auch sie sollten ihr Fett abkriegen. Sie erkannten zu spät, dass sie ihn unterschätzt hatten. Er machte ihnen das Leben mit wilden Schlägen und schmerzhaften Tritten so lange schwer, bis sie in Panik verfielen und, mit geschwollenen Visagen, aus Mund und Nase blutend, das Weite suchten.

    Wow! Jamie Lee Crichton war schwer beeindruckt. Und sie war zum ersten Mal in ihrem Leben sprachlos. Das – das – das war – war – war... Ihr fehlten die Worte. Das war unglaublich, Kevin! Sie applaudierte begeistert. Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. Liebe Güte, du siehst gar nicht so stark aus. Ich habe befürchtet, dass sie tatsächlich Hackfleisch aus dir machen würden. Ich hab das schon einige Male erlebt. Sie sind hinterlistig, brutal und gemein. Noch nie ist jemand auf so eindrucksvolle Weise mit ihnen Schlitten gefahren. Das hätte man filmen müssen. Wow, Kevin! Wow!

    Tab lachte. Na. Na. Na. Krieg dich wieder ein. Ich wusste, wie dieser Fight ausgehen würde, sonst hätte ich mich nicht darauf eingelassen.

    Du wusstest es?

    Er grinste. Ich kann ein bisschen in die Zukunft sehen.

    Du hast dir eine ganz große Belohnung verdient, Superheld, sagte Jamie Lee überschwänglich. Sie war ab sofort ein Fan von ihm. Komm mit. Sie nahm seine Hand. Ich will dir deine Sieges-Prämie nicht vorenthalten.

    Sie zeigte ihm, wo sie wohnte – und sobald sie mit ihm allein war, zeigte sie ihm noch viel mehr.

    9

    Fist war nervös, ohne zu wissen, weshalb. Er hatte Ameisen unter der Haut. Kitzeln. Krabbeln. Jucken. Beißen... Er hoffte, sich mit einem Drink beruhigen zu können, aber schon der erste Schluck schmeckte ihm nicht. Er war für ihn so abscheulich, dass er ihn angewidert auf den Boden spucken musste. Scheiße!, stieß er wütend hervor, als er die Pfütze sah. Er holte die Küchenrolle und wischte den Whisky auf.

    Ob er Wayne anrufen sollte? Wir könnten irgend etwas unternehmen, dachte er. Oder ich könnte zu ihm fahren und wir könnten Schach oder irgend etwas anderes spielen. Ich brauche irgendeine Zerstreuung, muss mich ablenken. Er ging zum Telefon, wollte den Hörer abnehmen, tat es aber nicht. Vielleicht war Michelle zu Hause. Das war der kürzere Weg.

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