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Muschel, Meer und Mut: Mit einer Angststörung auf dem Jakobsweg
Muschel, Meer und Mut: Mit einer Angststörung auf dem Jakobsweg
Muschel, Meer und Mut: Mit einer Angststörung auf dem Jakobsweg
eBook194 Seiten2 Stunden

Muschel, Meer und Mut: Mit einer Angststörung auf dem Jakobsweg

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Über dieses E-Book

Marina leidet seit 20 Jahren an einer Angststörung. Der Gedanke, irgendwann einmal alleine zu
verreisen, war lange Zeit nicht vorstellbar. Doch dann hört sie den Ruf des Jakobswegs und seine Stimme wird immer lauter. Marina beschließt, sich ihrer größten Angst zu stellen.
In ihrem Buch schreibt die junge Frau über ihre Höhen und Tiefe auf dem Weg, über zahlreiche einzigartige Begegnungen und Erfahrungen auf dem Camino, die sich wie einzelne Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügen.
SpracheDeutsch
HerausgeberEchter Verlag
Erscheinungsdatum1. Sept. 2022
ISBN9783429065751
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    Buchvorschau

    Muschel, Meer und Mut - Marina Bauer

    I.Gehen wir es an!

    Die Angststörung

    Mit 18 Jahren hatte ich das erste Mal eine Panikattacke. Seither spielen Ängste und Panikreaktionen in meinem Leben mal mehr und mal weniger eine große Rolle. Die schlechten Episoden sind geprägt von der typischen begleitenden Symptomatik einer Angststörung wie Herzrasen, Appetitlosigkeit und Unruhe. Wenn es mich sehr schlimm trifft, sind es auch stark ausgeprägte Emotionen, die mit Todesangst beschrieben werden können. Einen solchen Tiefpunkt erlebte ich in meinen 20ern, als ich noch überhaupt nicht verstehen konnte, was mit mir los war. Ich wusste damals nicht einmal, dass es so ein Gefühl überhaupt gibt. Zudem habe ich mich damals wenigen Menschen anvertraut, sodass ich immer weiter in den Teufelskreis der Angst hineinrutschte, bis ich endlich unter anderem auch therapeutische Hilfe in Anspruch nahm. Bis dahin hatte ich einen langen Leidensweg hinter mir, der zeitweise ebenfalls von Isolation und der Einnahme von Medikamenten geprägt war. Ich hatte eine lange Phase, in der ich meine Wohnung so gut wie gar nicht verlassen konnte und in der mir alltägliche Dinge wie beispielsweise das Einkaufen oder die Fahrt mit der Bahn unendlich schwergefallen sind oder gar nicht möglich waren. Während meines Studiums lernte ich viele Menschen kennen, die Pläne für Reisen oder Auslandssemester machten. Sie stürzten sich in ein Leben und in ein Abenteuer, das für mich weit weg erschien. Meine Angststörung hinderte mich in meinem Leben an Vielem. Eine lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass viele Erfahrungen in meinem Leben an mir vorbeizogen, dass ich nicht die Unternehmungen und Sachen machen kann, die andere machen – wie eben auch das Reisen und die Welt zu erkunden. Dabei spürte ich auf der anderen Seite deutlich, dass diese Sehnsucht tief in mir verankert ist. Sie keimte in jungen Jahren immer wieder auf. Jedoch bremsten mich meine Ängste diesbezüglich aus. Ich wusste schon früh, dass der einzige Weg aus dieser Spirale war, meine Angstkomfortzone zu verlassen. Jedoch fühlte ich mich lange Zeit unfähig, diesen Schritt zu gehen.

    Aufgrund meiner starken Angstgefühle und Panikattacken war ich eine sehr lange Zeit kaum in der Lage, meine Wohnung zu verlassen. Das Einkaufen war eine Qual und das Besuchen von Vorlesungen an der Uni wurde oftmals zur Tortur. In dieser Zeit igelte ich mich regelrecht ein. Erst als ich den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, an dem ich unter anderem auch kurzzeitig auf Medikamente zurückgriff, wurde mir mehr und mehr deutlich, dass ich etwas ändern musste. Ich habe mir in diesem Lebensabschnitt selbst am allerwenigsten etwas zugetraut und mein Selbstwertgefühl ging gegen null. Verständlich, wenn man bedenkt, dass ich mir eine ganze Weile noch nicht einmal zutraute, zur nächsten Straßenecke zu laufen. Dass ich überhaupt jemals alleine in der großen weiten Welt unterwegs sein würde, das war folglich lange Zeit nicht denkbar. Darüber hinaus verreiste ich, wenn überhaupt, nur gemeinsam mit meinen jeweiligen Partnern. Das Alleine-unterwegs-Zu-Sein war somit lange Zeit nur eine Stimme in meinem Herzen, aber es lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

    Obwohl die Lösung von Anfang an auf der Hand lag, war ich trotzdem nicht imstande, der Angst ins Gesicht zu sehen. Das änderte sich allmählich, als ich beschloss, mich ihr zu stellen und mich aus meiner vermeintlichen Komfortzone herauszuwagen, die ich mir über die Jahre geschaffen hatte. Ich erfüllte mir einen Herzenswunsch und holte mir einen Hund, Keeper, der mein Freund, Beschützer und Wegbegleiter wurde. Ich lernte mit ihm, wieder meine täglichen Strecken zu erweitern, wohlwissend, dass er an meiner Seite war. Er half mir, wieder alleine zu sein und mir meine Lebensbereiche zurückzuerobern. Die Bewegung an der frischen Luft und die positiven Erfahrungen, die ich dabei sammelte, ließen mich mutiger werden. Auch wenn ich Rückschritte machte und Rückfälle hatte, so spürte ich, dass das Laufen ein möglicher Weg war, mich wieder besser zu fühlen und der Angst die Macht zu nehmen, die sie über mich hatte. Mit diesem Entwicklungsprozess fühlte ich zugleich eine Art Wut in mir – auf meine Ängste und meine fehlende Freiheit, die damit einherging. Dies setzte eine enorme Kraft in mir frei, die ich bis dahin noch nie auf diese Art gespürt hatte. Es war die Vorstellung von einem selbstbestimmten Leben ohne meine Ängste, die mich vorantrieb.

    Über die Jahre traute ich mir kleinere „Reisen immer mehr zu. In meiner Welt bedeutete dies, Freunde zu besuchen, die weiter entfernt wohnten, oder an einer Studienexkursion teilnehmen zu können. Diesen Geschmack der Freiheit wollte ich nie mehr verlieren. Ich wollte an ihr festhalten und weiter an mir arbeiten. Meine Angst sollte mich nie wieder „begrenzen. Das ist bis heute ein Versprechen an mich selbst.

    Den Jakobsweg in einem fremden Land, tausende Kilometer weg von der Heimat und meiner sicheren Komfortzone zu laufen, stand natürlich noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Meine Bedenken vorab waren dementsprechend riesig. Ich war und bin nun mal (noch) keine Solo-Backpack-Travellerin, die ohne mit der Wimper zu zucken einen Spontantrip nach Thailand bucht und dort jedem Abenteuer offen gegenübersteht. Aber das muss ich auch nicht sein. Das Wichtigste war mir, dass ich diese Herausforderung annahm und für mich alleine anging. Denn ich fühlte, dass ich so weit war: Es war der tiefe Wunsch, meine Freiheit und das Leben (wieder) zu genießen und für mich zurückzugewinnen.

    In meine Entscheidung, sich mit oder trotz einer Angststörung auf den Weg zu begeben, fließen folglich unzählige Komponenten ein. Ein Leben mit der Angst kann man schwer mit dem Leben anderer mit ihren Ängsten vergleichen. Es gibt jedoch stets gemeinsame Nenner, die den Kern aller Angstbetroffenen in einer gemeinsamen Basis vereint: Die Angst davor, keinen Weg aus der Angstspirale zu finden und nicht mehr imstande zu sein, das Leben führen zu können, das sich jeder für sich wünscht.

    Das Leben mit einer Angststörung ist ein Weg, den jeder für sich gehen muss. Und ebenso unterschiedlich wie die Angstgefühle sind auch die Möglichkeiten, wenn es darum geht, die eigenen Wege aus der Angst zu finden. Der eiserne Wille ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen. Jeder für sich wird spüren, wenn man so weit ist, diese Etappe auf seinem ganz eigenen Weg zu gehen. Der Camino war mein Weg.

    Erste (gedankliche) Reisevorbereitungen

    Eine Reiseliste zu erstellen, ist nicht immer leicht. Insbesondere wenn es sich nicht um eine Pauschalreise handelt, bei der man einfach alles mehr oder weniger unüberlegt in den Koffer schmeißen kann. Es geht beim Jakobsweg um eine Reise, bei der man sich materiell minimalistisch begrenzt. Als selbstorganisierte Pilgerin geht es beim Packen üblicherweise um das Praktische und die Frage, was ich wirklich brauche. Schließlich muss ich sehr viele Kilometer tagtäglich mit meinem Rucksack auf dem Rücken zurücklegen. Und hier fängt das Dilemma im Leben mit einer Angststörung an. Ich plane gerne, noch besser ist es, wenn ich weiß, was passiert oder wo ich morgen schlafe. Ich behalte gerne die Kontrolle und dazu gehört es, dass ich dazu tendiere, lieber zu viel als zu wenig einzupacken.

    Daher kann ich euch leider keine präferierte Packliste für den Jakobsweg zusammenstellen, denn ich bin ein sehr schlechtes Beispiel, was das Packen angeht. Ich habe zum Beispiel bereits nach dem ersten Tag ein Paket nach Hause gesendet, da ich viel zu viele Klamotten eingepackt hatte. Ich habe alles ignoriert, was in den empfohlenen Packlisten aufgeführt wird, und sicherheitshalber eine Sache obendrauf gesetzt – anstelle von zwei Paar Hosen nahm ich drei mit, anstelle von drei Shirts waren es vier; anstelle von einem Paar Schuhe kamen meine Turnschuhe dazu, um die ich am Ende aber froh war. Zum einen dachte ich mir, dass Klamotten nicht so viel wiegen können (haha) und zum anderen wollte ich einfach sichergehen. Ich fühlte mich damit wohler. Diese Sicherheitsgedanken sind bei mir stark an meine Ängste gekoppelt.

    Abseits der materiellen Dinge beschäftigte ich mich sehr lange mit meiner gedanklichen Packliste. Was es mir unglaublich schwer machte, war nämlich nicht die Frage nach dem physischen Gepäck, sondern nach der psychischen Last, die sich bereits in meinem Kopf aufbaute. Das waren zunächst Fragen, mit denen sich wohl die meisten Menschen vor einer Reise beschäftigen, wie beispielsweise die Frage nach der Verständigung und der Sprache im Land. Reicht mein Englisch? Wie ist das Gesundheitssystem? Folglich traf ich erstmal ganz „normale" Vorbereitungen.

    Mit meiner Angststörung beachtete ich ein paar Dinge zusätzlich anders. In Bezug auf eine Alleinreise auf dem Jakobsweg kamen unzählige andere Fragen in meinen Kopf. Wie plane ich meine Etappen? Schaffe ich die geplanten Distanzen über einen längeren Zeitraum – auch mental? Was ist, wenn ich keinen Schlafplatz finde und auf einer Parkbank schlafen muss? Wie verhalte ich mich, wenn ich unterwegs eine Panikattacke bekomme und niemand bei mir ist? Was mache ich, wenn ich die gelben Pfeile nicht finde und mich verlaufe? Schaffe ich es, mich zu orientieren oder verlaufe ich mich schon am Flughafen? Apropos Flughafen. Was ist, wenn ich im Flugzeug, in einem engen Raum voller Menschen, eine Panikattacke bekomme?

    All diese Fragen und noch einige mehr gingen mir als Angstmensch durch den Kopf. Es ist die Angst vor der Angst, dem Ungewissen. Für meine Reise versuchte ich die Angst zu einem bestimmten Grad, bis zu dem ich mich wohlfühlte, miteinzubeziehen. Schließlich hatte ich keine Angststörung mehr, nur weil ich diese Reise plante. Ich konnte meine Ängste demzufolge auch nicht einfach ignorieren und zu Hause lassen.

    Im Grunde ging es für mich darum, die Balance zu finden. Ich wollte mir einen halbwegs sicheren Rahmen geben, um loszugehen. Dazu gehörte es für mich, diese angsteinflößenden Szenarien gedanklich durchzuspielen. Auch wenn es schwer war, versuchte ich diesem Teil im Vorfeld nicht allzu großes Gewicht zukommen zu lassen. Meine Ängste haben mich schon viel zu oft daran gehindert, zu tun, was ich gerne machen wollte. Ich war bereit, das Loslassen zu lernen – von dem Gewicht der Angst und all meinen mir auferlegten Sicherheiten. Daher war da ein Gedanke, an dem ich letztendlich stärker festhielt als an meinen Sorgen: Was ist, wenn all dies nicht passiert? Was ist, wenn es gut wird?

    Von den Gedanken in die Praxis

    „Wenn du nichts veränderst, wird sich auch nichts verändern"

    Sparky Anderson,

    US-amerikanischer Baseballspieler

    Selbstverständlich ist es immer ein himmelweiter Unterschied, etwas nur gedanklich durchzuspielen und dann in die Tat umzusetzen. Der Camino hatte mich eigentlich schon lange zuvor gerufen. Es war bereits über ein Jahr vergangen, in dem das Covid-19-Virus das Leben von uns allen auf den Kopf stellte. Im Frühjahr 2020, als das Virus ausbrach, saß ich fast schon auf meinem gepackten Rucksack. Damals wollte ich den Camino Francés laufen und musste meine Pläne, wie viele andere, nur einige Tage vor dem Start über den Haufen werfen. Bis sich die Möglichkeit einer Umsetzung wieder ergab, verging sehr, sehr viel Zeit. Zudem musste ich die Pläne für die Dauer meines Caminos noch einmal anpassen, denn ich war zwischenzeitlich in einem neuen Arbeitsverhältnis, sodass es sich für mich leider nicht ergab, diese Variante des Weges zu gehen. Ich entschied mich ziemlich kurzfristig für den Camino Portugues, dessen Routen von Porto bis Santiago de Compostela verlaufen. Immerhin hatte ich für die geplanten 260 Kilometer knapp drei Wochen Zeit, wobei ich in der Planungsphase noch davon ausging, ebenfalls den Weg zum Kap Finisterre, dem Ende der westlichen Welt, dranhängen zu können.

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