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Über dieses E-Book

Eine Frau ist auf der Suche nach ihrem verschollenen Bruder, der vielleicht gefoltert, eingesperrt oder gar getötet wurde. Sie ist in Begleitung ihres Liebhabers, der zugleich ihr männliches Spiegelbild ist. Stets auf der Suche nach sich selbst, immer in Bewegung, führen sie ihre ganz verschiedenen und doch ineinander verflochtenen Existenzen, stürzen sich auf nutzlose Hoffnungen, zögern aufzugeben, fürchten sich vor dem Ende.
Ann Quins erfindungsreiche Verwendung von Wörtern besitzt eine fast musikalische Qualität, die in Verbindung mit der außergewöhnlichen Intensität ihres Erzählstils einen Roman hervorgebracht hat, der so bestechend wie schön ist. Zwischen erzählenden Teilen und Tagebuch wechselnd ist Quins dritter Roman zugleich erotisch und doch furchteinflößend, ja gilt gar als ihr betörendstes, poetischstes und geheimnisvollstes Werk. Ihre literarische Freiheit bahnte einen Weg, dem Autor:innen wie Eimear McBride, Chris Kraus und Anna Burns noch heute folgen.
SpracheDeutsch
HerausgeberMÄRZ Verlag
Erscheinungsdatum24. Aug. 2022
ISBN9783755050070
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    Buchvorschau

    Passagen - Ann Quin

    NICHT dass ich die Möglichkeit aufgegeben hätte, dass mein Bruder tot ist. Wir haben diskutiert, was möglich ist, was nicht. Sie sagen, dass es noch jede Chance gibt. Überhaupt keine Chance. Über tausend Verschleppte in dieser Gegend, vielleicht mehr. So ziehen wir also weiter. Dorthin. Weg von hier. Fordern einen andern auf, an seine Stelle zu treten, wie ich ihn ins Profil rücke. Umrisse, die meiner Fantasie entsprechen. Zimmer mit oder ohne Verbindungstüren. Er passt auf, wenn sie nicht da ist. Ein perverser Schutz, von dem er weiß, dass sie ihn braucht. Über seine Lage

    macht er Notizen. Für ein Buch. Tagebuch. Bericht in irgendeinem Hotel. Ich frage nicht mehr. Teile von ihm will ich kennen, von andern erzählt er mir. Reisen, die er früher hierher gemacht hat. Das Meer. Früchte. Trockene Flussbetten. Betten, in denen geschlafen, nicht geschlafen wurde. Zurück von Inseln. Betoninseln. Kahl. Bebaut. Sonne vor Regen. Gewalt dieser Gedanken Tag um Tag. Stößt Finger auf Insekten bei Nacht. Ihre Spuren an weißen Wänden. Ihr Kopf, der sich im Nachmittagsschlaf herumrollt. Im halbdunklen Zimmer hörte er Musik. Ich lauschte auf Geräusche, wartete auf die, die nie kamen. Ich sah nicht auf. Ihre Körper drehten sich, sie obenauf. Beine, Arme, bewegten sich mit der Musik über ihm. Auf dem Boden, dem Bett. Sie machten ein Zelt aus dem Laken. Licht auf Hautflächen. So nahe Bewegungen, wenn ich meine Hand ins Freie streckte

    hörte ich Zikaden, Wind, der in die Bäume stößt. Geräusch eines Ozeans in dem langgezogenen Zimmer. Ich öffnete die Läden.

    Die Stadt zusammengeduckt über dem Meer. Schmale Schatten von Zypressen. Sie stand über ihm, er drückte sie herunter auf die Knie. Ich zog die Vorhänge zu. Ich konnte nichts sehen, sah aber, was als nächstes geschehen würde. Ich war durstig. Rauchschweres Wasser, Hitze, ein bitterer Geschmack. Die Härte des Glases, in dem sie sich selber sah. Das Sum Sum Summen eines Moskitos um eine Kerze. Wachs formte grüne Flüsse. Erstarrt. Ich versuchte ihn vom Boden aufzuheben. Gelächter. Später als mein eigenes erkannt. Das Meer eine schwache weiße Linie. Ein Verlangen

    nach Regen. In der Sonne getrocknete Oliven keine Eindrücke mehr. Vom Staub geweißte Trauben. Sand, in Wasser getaucht. Er zog Seetang um das Bett, als mein Haar, mein Hals nicht mehr Teil des Seetangs waren. Sonne hinter Felsen. Schattensäulen von Feigenbäumen, wo ich schlief. Erwacht hing ich über dem Bett. Im nächsten Zimmer entdeckte ich ihr Lächeln, es schien größer, als das Gesicht es halten konnte. Sie hielt seinen Kopf. Er in Gebetshaltung, im Begriff emporzuschießen. Er bewegte sich zwischen Spiegeln, durchmaß die zwei Zimmer. Erschien nackt auf dem Balkon. Ah, da bist du ja, ich hab schon überlegt, wo du geblieben sein könntest. Er wandte sich murmelnd ab. Unerträgliche Hitze, wenn’s nur nicht so trocken wäre, wenn’s nur regnen wollte. Er gestikulierte, als ob er die Wolken öffnen wollte. In Hälften aufschlitzen. Er stellte die Klimaanlage stärker ein.

    Wir tranken kleine Tassen mit schwarzem Kaffee, dick, süß. Und schlürften Halwa. Brot aus dem Ofen in einem anderen Teil des Hauses. Er stieg eine Wendeltreppe hinab. Sie blickte in den runden Spiegel. Spiegelwände. Kreise aus Wasser, Bäumen, Gesichtern, entrückt im vorübergleitenden Licht. Er rieb einen länglichen Stein. Eine Feige öffnete sich langsam. Dünne Lippen. Zusammengezogene Augen auf den tieferen Schichten. Aufblitzende Momente, gelb, blau, orange. Himmel, so blau, bestürzt die Augen. Im Liegen sah ich die See nicht mehr. Das Land eine Wüste. Möwen, nasses Papier, kreischten. Sie suchte nach ihrem Bruder vor Marmor-, Eisengeländern, Eingangshallen, Hotels. Ich erinnere mich an ein Museum, wo ich auf seine Unterschrift stieß, die vielleicht überhaupt nicht da war.

    Vom Strand herauf hielten wir uns an den Händen, rannten quer durch die Dünen. Die niedrigeren Dünen, in denen wir lagen. Umgeben von hohem Gras, gewelltem Sand. Risse, von Meeren von Sand verschlungen. Der Strand langgezogen, schmal. Löcher, Flecken, Zeichen, wo andere begraben gewesen waren. Unter Wasser umkreisten wir Fische, einander. Schatten wuchsen, glitten vorüber, flachten sich ab. Machten Muster, aus denen sie sich herauslehnte. Unsere Schatten glitten über Sandhügel. Wir aßen Trauben, die wir ins Meer getaucht hatten, ihrer Süße Salz hinzugefügt. Wir holten sie aus ihrer Schale. Wespen ließen sich auf den Resten nieder. Schwärme von kleinen weißen Fischen am Rand des Wassers entfesselt. Seine Hände schöpften. Netzwerk der Finger über dem Meer. Wellen rollten zurück von Orten, die sie ausgehöhlt hatten. Hände fühlten die Trockenheit unter Schichten von Sand. Ein Hügel

    im Dunkeln. Volleres Glockengeläut von Schafen und Ziegen, als wir näherkamen. Stadtlichter, herabgefallenes Nest von Leuchtkäfern, zwischen den Hügeln. Gruppen von Musikanten vor den Cafés. Männer spielten Würfel. Wir waren Fremde. Wir wurden akzeptiert, übersehen. Neugier zu Beginn. Sie kehrten zurück zu ihren Kugeln, Würfeln, Getränken. Männer tanzten mit Männern. Frauen beobachteten sie, suchten das zu verleugnen. Immer noch friedhofdurchwandernde Priester gingen lächelnd vorbei, erhoben die Hände, sammelten noch mehr Staub auf ihren Gewändern und Bärten. Ältere Männer fuhren fort zu spielen, sprachen von der politischen Lage, vom Fischen, vom Geld, dem Krieg. Von Ländern, die sie gesehen, nicht gesehen hatten, von denen sie hofften, dass ihre Söhne sie sehen würden. Manchmal sprachen sie in einem Dialekt, den wir nicht verstanden. Wir wurden missverstanden.

    Man informierte uns im Tausch gegen Geld, Kleidung, Zigaretten, Getränke. Man informierte uns falsch. Er hat jetzt eingesehen, dass wir keine Wahl haben, darum bewegen wir uns vom Hotel zum Taxi, vom Taxi zum Zug. Vom Speisewagen zum Schlafwagen.

    Halb herabgelassene Jalousien. Tupfenschwarz, ein Viertel weiß. Wasserflecken entlang der Küste. Regen wandert, entwirft seinen eigenen Schatten. Winde ziehen sich auf Gipfeln zusammen, an den Steilhängen der Berge. Von der See zerschnittene, schnelle Wolkenzüge. Über weite, tiefer gewordene Täler, wo die Flüsse ständig ihre Lage verändern. Die Sockel der Berge zurückweichend gegen den Flusslauf. Lichter, Signale von Städten, Dörfern, Orten, die ich nur aus Karten, aus Broschüren kenne. Lange leere Bahnhöfe. Sich kreuzende Gleise. Ein Mann ging daran entlang, schwang ein rotes Licht. Das Schweigen, wenn der Zug hält. Auf eine lange Wand geworfener Schatten. Er muss am Fenster gestanden haben. Ich schob die Türen auf. Er war nicht da. Der Zug setzte sich in Bewegung, hielt, zischte, zitterte. Gestalten wie Pferde

    drängten sich zusammen, hoben die Köpfe. Das Wiehern wurde schwächer. Klang von Hufen auf trockener Erde. Marmor und Kalkstein. Eine Bewegung, als sähe ich sie nicht, vielleicht blind von Staub. Ich dachte, ich hörte seine Stimme aus einem anderen Abteil. Sie stand unter der Tür. Er sah nicht auf. Er benutzte eine neue Feder. Falten um seinen Mund, seine Augen. Falten in den Hosen. Die Hand tastete nach dem Tisch. Er fiel vornüber. Die Whiskyflasche leer. Tag um Tag glitten die Nächte vorbei, überrollt. Fenster zu. Wie spät ist es denn? Er drehte ihr Handgelenk um. Deine Uhr ist stehengeblieben, muss stehengeblieben sein. Hände zogen die Jalousien hoch, runter. Drücken an den Fensterläden, zwischen ihnen eine Leiste hoch. Finger im Haar, Rückgrat, Kratzer markieren die Konturen von Rippen. Notizpapier, bedeckt mit unleserlicher Schrift. Er arbeitet eine Route aus, eine Erklärung, einen Bericht. Er bedeckte das Papier mit der Hand, knüllt es zusammen, aus dem Fenster geworfen, unter den Zug. Er zog langsam an der Zigarre, Augen halb geschlossen. Die Hände ruhten zwischen den Beinen, Kopf zurückgelehnt, Finger vorgespreizt, bewegt, als ob sie irgendeinen Dialog unterstrichen.

    Wir gingen etwas trinken. Ein anderer Teil des Zuges. Ein fetter Priester einer Nonne gegenüber. Sein Kruzifix pendelt gegen Haar, Bart, Brust, Haar. Die Nonne erhob sich in Streifen blauen Lichts. Wir saßen an der Bar, vermieden es, in den gegenüberliegenden Spiegel zu sehen. Er blickte gelegentlich zur Seite. Ein nasser Kreis auf poliertem Holz – sie machte viele Kreise daraus. Sein Kopf machte flinke Wendungen. Sie wusste, es war unmöglich. Sie blieb. Ihr Drink wurde zu warmem Wasser. Seine Knöchel rot, dunkle Haare glitten zwischen ihnen hindurch. Ich fühlte ihr Gewicht. Die schwereren Teile der Fensterrahmen, Räder, Metall. Ich beugte mich weiter vor. Sein Kopf schlug auf seine Arme. Aus Bäumen kam ihr Lachen, ging wieder. Der Korridor drehte sich von mir weg. Türen gingen rasselnd auf, schlossen sich. Schlossen dunklere Schatten ein. Vorüberziehendes Band von Vögeln. Im Staub, plötzlicher Aufruhr von Flügeln, aus Zweigen heraus.

    Er lag auf trockenen Blättern, einen Strang gelbes Gras im Mund. Ein großes, verlassenes Nest, ihre Hand zog die Fasern nach, die raue Oberfläche von Gras und kleinen Zweigen. Er stand auf, stellte sich auf die Zehenspitzen, Brust herausgestreckt, Kopf zurückgeworfen, vorwärts. Frauen gingen vorbei, Wasserkrüge auf den Köpfen. Er kannte den Ort, hatte sie dahin gebracht. Er sprach von anderen Orten, von Frauen, die er gekannt hatte, die er kennenlernen wollte. Ich lachte, tanzte um ihn herum. Er tanzt nie. Seine Hände ertasten die Länge des Tisches. Dessen Härte. Weichheit. Die Knie darunter gingen zusammen, trennten sich. Die Ringe an ihren Fingern rauf und runter. Erdrunzeln entlang. Das Weiß seiner Augen, ehe er sie ganz schloss. Die Form seiner Mundwinkel formt seine Augenwinkel. Augenbrauen. Gedankenspuren. Träume

    zwischen hohen Gebäuden. Dröhnen des Verkehrs. Er horchte auf das Drehen des Schlüssels. Schritte auf Teppichböden. Dialog. Was man sagen konnte, was man vorausahnte, was nicht zu sagen war. Anklagen. Ihr Lächeln entschuldigend. Er spendete seinen Hohepriesterblick aus seiner Zen-Stellung in der Mitte des Betts. Unterwerfung unter das Bild. Unter Abreisen, die er vielleicht vom Hotel aus sieht, durch die Schlitze der Läden. Wie sie ihren Begleiter für diese Nacht küsst. Vielleicht ein bisschen Neugier. Doppelbett, in dem niemand schlief. Das

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