Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Eva und Adam – Adam und Eva: Das erste Paar in der Kunst
Eva und Adam – Adam und Eva: Das erste Paar in der Kunst
Eva und Adam – Adam und Eva: Das erste Paar in der Kunst
eBook304 Seiten2 Stunden

Eva und Adam – Adam und Eva: Das erste Paar in der Kunst

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Die biblischen Erzählungen von Adam und Eva haben auf vielfältige Weise Eingang in die abendländische Kulturgeschichte gefunden, besonders anschaulich in der europäischen Bildtradition. Über die Jahrhunderte prägen die Darstellungen der beiden ersten Menschen unsere Vorstellung davon, was ein Paar ausmacht, wie Frauen und Männer zu sein und wie sie auszusehen haben: Sie zeigen Geschlechterrollen als konstruierte Konventionen.
Im Laufe der Kunstgeschichte stehen die Bilder von Eva und Adam in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie dienen der Christianisierung, der Ästhetisierung, der Erotisierung, der Dämonisierung, bis sie schließlich zu Elementen des kulturellen Gedächtnisses werden, derer sich Literatur, Bildende Kunst und Werbeindustrie gleichermaßen bedienen.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum16. Sept. 2022
ISBN9783987373503
Eva und Adam – Adam und Eva: Das erste Paar in der Kunst
Vorschau lesen
Autor

Thea Caillieux

Thea Caillieux studierte Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Heidelberg und Tübingen, arbeitete als Gymnasiallehrerin und in der Leitung eines Schulzentrums. Ein weiterer Arbeitsbereich war die Lehrerfortbildung und die Arbeit für einen Schulbuchverlag mit Schwerpunkt auf der Literaturvermittlung. Veröffentlichungen: »WortSpielOrt. Ludwig Harig zum Siebzigsten« (zusammen mit E. Gramer und Th. Kopfermann); Aufsätze zu Mathilde Weber und der Frauenbewegung; Interpretationen zu Werken von Suter, Goethe, Wedekind, Seethaler.

Ähnlich wie Eva und Adam – Adam und Eva

Ähnliche E-Books

Ähnliche Artikel

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Eva und Adam – Adam und Eva

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Eva und Adam – Adam und Eva - Thea Caillieux

    1. Auf dem Weg zu Eva und Adam

    Kunstwerke betrachten bedeutet, sich den Gefühlen und Gedanken ihrer Urheber auszusetzen, die ihre Werke, eingebettet in ihr jeweiliges kulturelles Erbe, mit ihrer Individualität geschaffen haben. So sprechen uns nicht nur die Kunstwerke an, sondern auch diejenigen, die sie geschaffen haben. Wenn wir uns darauf einlassen, reagieren wir zunächst mit unseren Gefühlen (»gefällt mir« – »macht mir Angst«), dann erst mit unseren Gedanken. Besonders intensiv ist diese Begegnung, wenn Personen dargestellt sind.

    Bilder vom Menschen sind Identifikationsangebote. Im Falle der Eva-und-Adam-Bilder ist zudem die Nacktheit der Figuren wichtig, denn die Abwesenheit von Kleidung reduziert soziale Hürden. Jede und jeder kann sich identifizieren, gemeint fühlen und sich vergleichen als Frau, als Mann und als Paar.

    Im seinem 1972 veröffentlichten Essayband Sehen schreibt der Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger als Einleitung zu einer Reihe von Aktbildern:

    »Nach Bräuchen und Konventionen, die zwar heute kritisch befragt werden, aber noch keineswegs überwunden sind, unterscheidet sich die gesellschaftliche Erscheinung einer Frau – ihr Auftreten – von der eines Mannes. Das wirksame Auftreten des Mannes ist abhängig von der Verheißung der Kraft und der Macht, die er verkörpert. Je mehr und je glaubwürdiger er etwas verheißt, desto eindrucksvoller ist sein Auftreten. Der Mann kann moralische, physische, betont persönliche, gesellschaftliche oder sexuelle Macht und Kraft verheißen, auf jeden Fall aber liegt das Ziel, auf das sie sich richtet, außerhalb des Mannes. Sein Auftreten lässt darauf schließen, was er für dich oder dir zu tun imstande ist. (…)

    Im Gegensatz dazu drückt das Auftreten und damit die Erscheinung einer Frau ihre Einstellung zu sich selbst aus und macht darüber hinaus klar, was man mit ihr tun kann und was nicht. Ihr Auftreten (ihre Erscheinung) manifestiert sich in ihren Gesten, ihrer Stimme, ihren Meinungen (…).

    Wir könnten vereinfachend sagen: Männer handeln und Frauen treten auf¹. Männer sehen Frauen an. Frauen beobachten sich selbst als diejenigen, die angesehen werden.«²

    Während also der Mann Ziele außerhalb sich selbst ins Auge fasse, frage sich die Frau, wie sie beim Mann ankomme. Sie sei immer gespalten in die Handelnde einerseits und die Prüferin ihres Handelns andererseits, denn sie sei davon abhängig, wie erfolgreich sie mit dem Raum zurechtkomme, der ihr zugestanden wird. Berger untersucht seine Thesen an Aktdarstellungen aus fünf Jahrhunderten. Nicht zufällig sind Bergers erste Bildbeispiele für seine Überlegungen Bilder von Adam und Eva.

    Mit diesen Gedanken ist ein Ansatz skizziert, mit dem wir uns der Tradition der Eva-und-Adam-Bilder im europäischen Kulturraum des Christentums zuwenden werden. In einem deskriptiven, subjektiven Zugang wird zu fragen sein, ob und wie sich die Darstellungen des Mannes und die der Frau unterscheiden und wie ihr Platz in der Gesellschaft deutlich wird. Wie werden sie als Paar dargestellt? Erkennen wir uns in ihnen? Wie wird das Paradies imaginiert? Kann man im Laufe der Jahrhunderte eine Entwicklung feststellen? Sind die von Berger erwähnten »Bräuche und Konventionen« heute, 50 Jahre später, überwunden?

    Schöpfungsgeschichten

    Die literarische Grundlage der Bildschöpfungen sind die Schöpfungserzählungen in Genesis 1–4, die sich in verschiedene Stationen einteilen lassen: die Erschaffung der Welt, die Erschaffung des Menschen, die Ermahnung des Herrn an Adam, nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen, die Erschaffung Evas, der sogenannte Sündenfall, das Sich-Verbergen vor Gott, die Vertreibung aus dem Paradies und das Leben außerhalb des Paradieses, um nur die wichtigsten zu nennen. Es versteht sich von selbst, dass bei der »Übersetzung« von Text in Bild weitere Stationen dazukommen: die Benennung der Tiere, Adams Schlaf, Zuführung Evas zu Adam und viele mehr. Alle Stationen bieten Gelegenheit, Vorstellungen vom Paradies ins Bild zu setzen. In jedem Fall wird die Geschichte vom Idealzustand lebendig gehalten, ob in der Darstellung des Paradieses, der Warnung vor dem Verlust des Paradieses oder in der Klage darüber.

    Erzählt wird die Genesis-Geschichte von Adam und Eva in zwei Teilen, die keineswegs widerspruchsfrei sind und in denen die oben erwähnten Stationen unterschiedlich gemischt werden. Das erste Mal sind bereits alle Tiere und Pflanzen da, als beide Menschen geschaffen werden, das zweite Mal wird zunächst Adam geschaffen und dann erst die Pflanzen und Tiere, ganz zum Schluss Eva.

    Die eigentliche Erschaffung des Menschen wird in zwei Versionen erzählt. Die erste Version (Genesis 1–2,4) ist Teil der Erzählung von der Erschaffung der gesamten Schöpfung in sieben Tagen, die am sechsten Tag mit den Menschen abgeschlossen wird. Ganz nüchtern heißt es da, dass Gott den Menschen schuf, männlich und weiblich. Differenziert wird nach Geschlechtlichkeit, andere Unterschiede werden nicht erwähnt.

    Die zweite Version (Genesis 2,4–3,24) ist anschaulicher und ausführlicher. Zunächst wird die Erschaffung des Menschen aus Lehm und göttlichem Atem beschrieben. Nachdem bei der Erschaffung der Tiere kein Pendant für den Menschen, der erst später Adam genannt wird, zu finden war, wird die Erschaffung des Weibes, das auch erst später Eva genannt wird, aus der Seite des Menschen und aus seinem Fleisch erzählt.

    Es ist wenig verwunderlich, dass die Auslegung der Genesistexte in einer patriarchalen Welt über die Jahrhunderte hinweg in einer Frauen diskriminierenden Weise geschah. Ein Beispiel aus dem 1. Jahrhundert: Über das richtige Verhalten im Gottesdienst legt Paulus fest, dass Frauen das Haupt bedecken sollen, Männer dagegen nicht. Zur Begründung bezieht Paulus sich auf ihre Erschaffung, wie sie in der zweiten Version der Schöpfungsgeschichte erzählt wird:

    »Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen.«³

    Hätte Paulus sich auf die erste Version von der Erschaffung des Menschen bezogen – »schuf sie männlich und weiblich« –, hätte er die Gleichwertigkeit und Gemeinsamkeit von Frauen und Männern betonen können.

    Stattdessen wird die Geschichte von Eva und Adam in der zweiten Version geradezu als Begründung für gottgewollte Inferiorität der Frau gelesen. Die Argumentation läuft so: Adam sei der eigentliche Mensch, Eva die Gehilfin. Adam sei schließlich als Erster, Eva als Zweite erschaffen worden, zudem als »Hilfe« für Adam, der sie seinerseits mit Blick auf sich selbst als »Männin« benennt. Eva mache sich als Erste schuldig bei der Übertretung des Verbots, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Ja, sogar noch vor dem Sündenfall findet sich ein Grund für die männliche Vorrangstellung: Eva sei aufgrund ihrer schwächeren Natur die ideale Ansprechperson für die Schlange gewesen, weshalb sie auch da schon der Leitung Adams bedürftig gewesen sei.

    Gottes Strafspruch an Eva – »er soll dein Herr sein« – sei da nur folgerichtig. Der Philosoph Kurt Flasch fasst zusammen:

    »Unverkennbar das Interesse an Absicherung der männlichen Suprematie«.

    Das kann man vor allem in der anschaulichen zweiten Schöpfungserzählung so lesen, während die erste weniger leicht diskriminierend verstanden werden kann. Hier gibt es kein zeitliches Nacheinander und keine Unterschiede im Schöpfungsmaterial. Es heißt einfach: »Gott (…) schuf sie als Mann und Weib« oder nach neuerer Übersetzung »männlich und weiblich«.

    In letzter Zeit sind die Schöpfungsgeschichten von Theologinnen nicht als Mittel der Legitimation patriarchaler Herrschaft, sondern als Ausdruck des göttlichen Leidens am patriarchalen Alltag gelesen worden.⁵ Die Frage, ob Frauenfeindlichkeit schon im Text der Schöpfungsgeschichten angelegt ist, soll hier nicht ausführlich diskutiert werden. Es muss aber daran erinnert werden, dass die Texte, wie wir sie kennen, Übersetzungen und damit Interpretationen sind. Wie stark die hebräischen Texte durch die Übersetzungen verändert wurden, zeigt die feministische Religionswissenschaftlerin und Archäologin Carol Meyers⁶. In ihren detaillierten Vergleichsuntersuchungen der syntaktischen und semantischen Werte des hebräischen oder aramäischen Ursprungstexts mit unterschiedlichen englischen Übersetzungen hebt sie viele Bedeutungsverschiebungen hervor, die alle darauf hinauslaufen, eine Hierarchie zwischen den ersten Menschen zu etablieren. Dafür ein Beispiel: Die hebräische Entsprechung des Wortes Adam bedeutet Erde oder Lehm. Gott habe demnach zunächst ein geschlechtlich nicht differenziertes Erdwesen geschaffen. Erst mit der Erschaffung Evas sei Adam zum Mann geworden. Damit gebe es keine Nachrangigkeit von Eva. Bei den Übersetzungen ins Englische erscheint das hebräische Wort als man im Sinne von Mann, nicht Mensch, wodurch eine Bedeutungsverschiebung stattfinde.

    In der Tradition der jüdisch-christlichen Auslegung des Alten Testaments werde Eva zur Quelle von Sünde und Verführung, aber die Wörter Sünde und Sündenfall bzw. ihre hebräischen Entsprechungen kommen gar nicht vor.

    Ein besonderes Augenmerk widmet die Autorin der Weissagung Gottes an Eva in Gen. 3,16:

    »Unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.«

    Meyers stellt die Aufgabe des Kindergebärens und das Herrschen des Mannes über die Frau in den Kontext des kleinen Volkes der Israeliten, das um sein Überleben kämpfen musste und dafür genug Nachkommen brauchte. Sie weist darauf hin, dass Frauen zur Zeit der Entstehung des Genesistextes, die sie in die Anfänge der Israeliten zwischen 1200 und 1000 v. Chr. im Hochland Palästinas verortet, durch Schwangerschaften und Geburten hohen Risiken ausgesetzt waren und nur ein durchschnittliches Alter von dreißig Jahren erreichten, wogegen Männer etwa vierzig Jahre alt wurden. Damit dürften die Frauen Schwangerschaften und Geburten eher gescheut haben. Zur Überwindung dieses Widerstrebens, so Meyers, biete der Genesistext zweierlei: zum einen die emotionale Bindung der Frau an ihren Mann (»dein Verlangen soll nach deinem Mann sein«), zum anderen die Entscheidungsbefugnis des Mannes bezüglich Schwangerschaften (»Er soll dein Herr sein«). Diesen letzten Teil der Weissagung an Eva deutet die Autorin als Dominanz des Mannes ausschließlich in Fragen der Sexualität und sieht keine allgemeine »göttlich verordnete patriarchale Kontrolle von Frauen«⁷ formuliert:

    »Die Botschaft der vierten Zeile von Vers 16 [›Er soll dein Herr sein‹] erlaubt die sexuelle Dominanz von Männern zur Sicherstellung einer ausreichenden Nachkommenschaft«,

    womit Meyers im Kontext der Zeit eine förderliche Funktion erfüllt sieht.

    Dieser Versuch einer feministischen Ehrenrettung des Genesistextes darf aber durchaus infrage gestellt werden. Die den Männern erlaubte sexuelle Dominanz kann ja nur bedeuten, dass die Frauen die Macht über den eigenen Körper verlieren und dass ihnen die Fähigkeit abgesprochen wird, für sich und die Gemeinschaft richtig zu entscheiden, wohingegen diese Kompetenz den Männern zugesprochen wird. Man muss sich demnach wohl vorstellen, dass von Frauen Submission erwartet wird und dass sie zu sexuellen Kontakten gezwungen werden dürfen. Nach unseren heutigen Begriffen ist das sexuelle Gewalt. Nicht vorstellbar, dass eine Person, der mit göttlicher Genehmigung auf diese Weise Gewalt angetan werden darf, in anderen Zusammenhängen selbstbestimmt hätte handeln können. Gerade die Kontrolle der Sexualität der Frauen in einer Gesellschaft, in der die Fortpflanzung einen sehr hohen Stellenwert hat, reicht an eine allgemeine Dominanz der Männer heran.

    Der Versuch, die Reichweite der göttlichen Weissagung an Eva bezüglich der Beherrschung durch den Mann nicht unumschränkt patriarchal zu deuten, erweist sich also als wenig überzeugend. Andere Forscher sehen die Anfänge des Patriarchats sowieso schon deutlich früher als die Zeit, in der das Alte Testament entstanden ist. Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel betrachten die 12.000 Jahre alten phallischen Steinkreise von Göbekli Tepe, ca. 1000 km von Jerusalem entfernt und wie Palästina zum Gebiet des »Fruchtbaren Halbmondes« gehörend, als Ausdruck der Verfestigung von Genderrollen und sehen sie als »in Stein gemeißelt[e] Männlichkeit«⁹. Der über 2000 Jahre in Gebrauch stehende Ort belegt patriarchale Verhältnisse, die zur Zeit der Entstehung des Alten Testaments also schon lange etabliert waren. Auch das spricht für eine patriarchale Interpretation der Weissagung an Eva.

    Zurück aus dem Altertum.

    Für das Verständnis der Eva-und-Adam-Erzählungen im Laufe der Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, wie es auch hinter dem größten Teil der Bildtradition steht, ist die misogyne Interpretation der Schöpfungsgeschichten ohne Zweifel selbstverständlich. Die Geschichten dienen als Mittel zur Institutionalisierung der Ungleichheit zwischen Mann und Frau.

    In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass für die Darstellungen der Erschaffung der Menschen fast ausschließlich der zweite Schöpfungsbericht zugrunde gelegt wird. Das mag daran liegen, dass letzterer viel anschaulicher ist und möglicherweise leichter dargestellt werden kann. Aber selbst wenn die Erschaffung des Menschen im Rahmen der ersten Version mit sämtlichen sieben Schöpfungstagen dargestellt wird, weichen Künstler beim sechsten Schritt gerne auf die zweite Version der Schöpfungsgeschichte aus. Als Bild für den sechsten Schöpfungstag würde man eine Darstellung der gemeinsamen Erschaffung der Menschen – männlich und weiblich – erwarten. Stattdessen sieht man die Erschaffung Adams aus Lehm, später Evas aus Adams Seite. Ein Beispiel findet sich in dem Mosaikzyklus aus dem 12. Jahrhundert in Monreale, Palermo.¹⁰ Das Argument, dass diese zweite Erzählung anschaulicher sei und sich deshalb besser zur Darstellung eigne, mag man nicht so recht gelten lassen angesichts der Tatsache, dass andere Teile der Erzählung – »Es werde Licht! Und es ward Licht« z. B. –, die auch höchst abstrakt sind, dennoch von den Künstlern gestaltet wurden. Das legt den Gedanken nahe, dass es an dieser Stelle darum geht, der Legitimation der patriarchalen Herrschaft eine bessere Grundlage zu bieten.

    Bei ihren Überlegungen zur »menschlichen Bedingtheit« weist die politische Theoretikerin Hannah Arendt auf den besonderen Unterschied zwischen den beiden Versionen der Schöpfungsgeschichte hin. Zu leben bedeute für Menschen unter Menschen zu sein, Pluralität sei die Grundbedingung des Handelns schlechthin. Diese Grundbedingtheit des Menschseins findet sie in der biblischen Erzählung in der ersten Version der Erschaffung der Menschen formuliert, nicht aber in der zweiten:

    »Dieser im Plural erschaffene Mensch unterscheidet sich prinzipiell von jenem Adam, den Gott »aus dem Erdenkloß« machte, um ihm dann nachträglich ein Weib zuzugesellen, das »aus der Rippe« des¹¹ Menschen erschaffen, Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch war. Hier ist die Pluralität den Menschen nicht ursprünglich zu eigen, sondern ihre Vielheit ist erklärt aus Vervielfältigung.«¹²

    Bilder lesen

    Darstellungen des Eva-und-Adam-Mythos gibt es in Katakomben und auf Sarkophagen, in illuminierten Bibeln und Stundenbüchern, in Bilderfolgen, als Fresken- und Mosaikzyklen, auf Tafelbildern, Gemälden usw. Manche Darstellungen erzählen als Simultanbilder mehrere Stationen der Erzählung. Ereignisse, die sich in der Geschichte nacheinander abspielen, werden dabei gleichzeitig dargestellt, wobei eine Station als Zentrum dient und damit hervorgehoben ist. Dieses Simultanverfahren ermöglicht es den des Lesens Unkundigen, die ganze Geschichte zu »lesen«.

    Als Beispiel für ein Simultanbild sei auf die Miniatur aus dem Stundenbuch Très Riches Heures du Duc de Berry verwiesen (Abb. 2). Gelesen von links nach rechts sind vier Stationen der Sündenfall-Erzählung dargestellt: Die Schlange verführt Eva, Eva verführt Adam, Gottvater verheißt die Strafe für ihren Ungehorsam, der Erzengel drängt beide aus dem Garten.

    Nicht alle Stationen der Erzählung werden gleich häufig dargestellt. Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein häufiges Motiv, ebenso die Erschaffung Evas, also eine Darstellung nach der zweiten Version des Schöpfungsberichts. Seltener dargestellt ist, wie Adam erschaffen wird oder wie Adam und Eva sich verstecken, nachdem sie die verbotenen Früchte gegessen haben, weil sie sich ihrer Nacktheit schämen.

    Die meisten Einzelbilder widmen sich dem sogenannten Sündenfall. Die Beliebtheit gerade dieser Station mag theologisch begründet sein, setzt doch der »Sündenfall« das Heilsgeschehen überhaupt erst in Bewegung: ohne »Sündenfall« keine Erlösung durch den Gekreuzigten. Denkbar ist aber auch, dass gerne dasjenige Motiv aufgegriffen wurde, das die Darstellung nackter Menschen erlaubte. Beliebt ist eine symmetrischer Komposition von Adam und Eva mit dem Baum zwischen ihnen. Dabei ist es mehr als

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1