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Blond
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eBook1.287 Seiten18 Stunden

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Über dieses E-Book

Ein eindrucksvolles Porträt der größten Hollywood-Legende des zwanzigsten Jahrhunderts: Marilyn Monroe

1926 wird Norma Jeane Baker in Los Angeles geboren. Ihre Kindheit ist von Einsamkeit und Sehnsucht geprägt. Als junge Frau hat sie bereits verinnerlicht, dass es für sie nur einen Weg gibt, sich ihres Selbstwertes zu versichern: über das Begehren der Männer. Ab da beginnt die Verwandlung zur Kunstfigur Marilyn Monroe. Einfühlsam und sprachgewaltig erzählt Joyce Carol Oates in ihrem Roman von der größten Hollywood-Legende des zwanzigsten Jahrhunderts, von ihrem Schmerz, ihrer Strahlkraft, ihren Träumen und ihrem tragischen Ende.

»Blond‹ ist ein moderner Klassiker.« Belletristik-couch.de, 30.03.2021

»Absolut packend und ehrlich.« Martina Sievers, Für Sie, 12.05.2021

“Ein erzählerisch wildester Ritt.” Thea Dorn, Das literarische Quartett ZDF, 14.05.2021

“Ein ganz beeindruckendes Werk, wie ein Punkkonzert. ” Eva Menasse, Das literarische Quartett ZDF, 14.05.2021

“Brutal, entlarvend.” Eva Menasse, Das literarische Quartett ZDF, 14.05.2021

» […] historisch wie aktuell bestürzende[s] wahrhaftige[s] Buch«Wolfgang Schütz,Augsburger Allgemeine, 01.06.2021

SpracheDeutsch
HerausgeberEcco Verlag
Erscheinungsdatum23. März 2021
ISBN9783753050041
Blond
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Autor

Joyce Carol Oates

Joyce Carol Oates wurde 1938 in Lockport, New York geboren. Sie zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihre zahlreichen Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Award. 2019 erhielt sie den Jerusalem Prize. Joyce Carol Oates lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.

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    Buchvorschau

    Blond - Joyce Carol Oates

    Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel

    Blonde bei Ecco Press, New York.

    Blond ist ein Roman. Zwar lassen sich zu etlichen Romanfiguren reale Entsprechungen finden, aber die Charaktere und Ereignisse, von denen im vorliegenden Buch berichtet wird, sind Schöpfungen der Autorin.

    Blond ist daher unbedingt als Roman zu lesen und keinesfalls als Biografie von Marilyn Monroe.

    Die Gedichtübertragungen stammen von Thomas Eichhorn, Leipzig.

    eccoverlag.de

    © 2001 Joyce Carol Oates

    Überarbeitete Neuausgabe

    © 2021 für die deutschsprachige Ausgabe

    Ecco Verlag

    in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

    Covergestaltung: Anzinger und Rasp, München

    Coverabbildung: Ini Neumann

    E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

    ISBN E-Book 9783753050041

    Widmung

    Für Eleanor Bergstein und für Michael Goldman

    Vorbemerkung

    Blond ist ein literarisch verdichtetes »Leben« und die Anverwandlung trotz des Buchumfanges synekdochisch. Anstelle der zahlreichen Pflegefamilien etwa, in denen das Kind Norma Jeane zu verschiedenen Zeiten untergebracht war, kommt nur eine, fiktive, vor; anstelle der zahlreichen Liebhaber, gesundheitlichen Beschwerden und Krisen, Schwangerschaftsabbrüche, Selbstmordversuche und Leinwandauftritte kommen nur einige wenige von symbolischem Gehalt vor. Die wahre Marilyn Monroe hat tatsächlich eine Art Journal geführt, und es finden sich darin von ihr verfasste Gedichte oder Gedicht-Fragmente. Von diesen wurden lediglich zwei Zeilen im Schlusskapitel (Helft! Helft!) verwendet, die übrigen Gedichte sind Schöpfungen der Autorin. Eine Reihe von Bemerkungen im Kapitel »Marilyn Monroes Gesammelte Werke« entstammen Interviews, die übrigen sind erfunden; die Zeilen am Ende des Kapitels sind die Schlussworte von Charles Darwins Über die Entstehung der Arten. Biografische Informationen sollte der Leser nicht im vorliegenden Buch suchen, das sich keinesfalls als Lebenszeugnis versteht, sondern in einschlägigen Biografien. (Von diesen hat die Autorin selbst herangezogen The Life and Death of Marilyn Monroe von Fred Guiles aus dem Jahr 1985; Marilyn Monroe. Die Wahrheit über ihr Leben und Sterben von Anthony Summers aus dem Jahr 1986 und Marilyn Monroe: A Life of the Actress von Carl E. Rollyson Jr. aus dem Jahr 1986. Sehr persönliche Darstellungen des Mythos Marilyn Monroe haben Graham McCann mit Marilyn Monroe [1987] und Norman Mailer mit Marilyn Monroe. Eine Biographie [deutsch 1992] vorgelegt.) Von zahlreichen zur amerikanischen Politik und Zeitgeschichte konsultierten Büchern, insbesondere den vierziger und fünfziger Jahren in Hollywood, sei hier vor allem Naming Names von Victor Navasky empfohlen. Zitate zur Schauspielkunst entstammen zum Teil existierenden Werken wie The Thinking Body von Mabel Todd; Werkgeheimnisse der Schauspielkunst von Michael Tschechow und Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst sowie Mein Leben in der Kunst von Konstantin Stanislawski, zum Teil werden sie fiktiven Werken wie dem Lehrbuch des Schauspielers und Leben des Schauspielers oder Paradoxon der Schauspielkunst zugeschrieben. Das Buch des amerikanischen Patrioten ist ebenfalls ein fiktiver Titel. Es wird zweimal eine Passage aus H. G. Wells Zeitmaschine angeführt, und zwar einmal im Kapitel »Kolibri« und einmal in »Sie alle gingen in das Reich des Lichtes ein«. Ferner finden sich hier und da Strophen und Zeilen aus Gedichten von Emily Dickinson, und zwar in »Das Bad«, »Die Waise« und in »An der Zeit zu heiraten«. In dem Kapitel »Rumpelstilzchens Tod« wird aus Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung zitiert, im Kapitel »Der Scharfschütze« aus Freuds Das Unbehagen in der Kultur. In »Roslyn 1961« finden sich Sentenzen aus Blaise Pascals Gedanken.

    Auszüge aus dem vorliegenden Roman sind, in leicht abweichender Fassung, zuvor in Playboy, Conjunctions, Yale Review, Ellery Queen Mystery Magazine, Michigan Quarterly Review und TriQuarterly erschienen. Den Herausgebern dieser Publikationen sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt.

    Dank gebührt auch Daniel Halpern, Jane Shapiro und C. K. Williams.

    Zitate

    Gerät man bei vollständiger Dunkelheit in einen Lichtkreis, fühlt man sich sofort von allem isoliert … Der Zustand heißt in unserer Sprache »öffentliche Einsamkeit« … Während der Vorstellung, unter den Blicken einer tausendköpfigen Menge, können Sie sich immer in Ihre Einsamkeit zurückziehen wie die Schnecke in ihr Gehäuse … Sie können immer den kleinen Kreis der Aufmerksamkeit mit sich herumtragen, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im täglichen Leben.

    Konstantin Stanislawski

    Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst

    Die Bühne ist gleichsam das Allerheiligste … dort ist der Schauspieler vor dem Tode sicher.

    Michael Goldman

    The Actor’s Freedom

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.

    Jean-Paul Sartre

    Prolog

    3. August 1962

    Per Boten

    Da kam er, der Tod, flog im schwindenden Sepialicht über den Boulevard.

    Da kam er, der Tod, auf seinem robusten Lieferantenfahrrad, wie ein Katapultflieger, eine Zeichentrickfigur.

    Da kam der unbeirrbare Tod. Der nicht aufzuhaltende Tod. Der Eillieferungs-Tod. Der wild in die Pedale tretende Tod. Der Tod mit dem *PER BOTEN – VORSICHT ZERBRECHLICH* zuzustellenden Päckchen im stabilen Drahtkorb auf dem Gepäckträger.

    Da kam der Tod, wischte mit seinem schlichten Dienstrad gekonnt durch den Verkehr an der Kreuzung Wilshire und La Brea, wo sich wegen einer Baustelle zwei Fahrbahnen Richtung Westen zu einer verengten.

    Ein Teufelskerl, der Tod! Der den hupenden Spießern eine lange Nase drehte.

    Der Tod, der laut lachte. Du kannst mich mal! Und du. Der Tod, der wie Bugs Bunny an den glänzenden, glitzernden Karosserien sündhaft teurer neuer Straßenkreuzer vorbeiflog.

    Da kam der Tod, unbeeindruckt von der stickigen, schmutzstarrenden Luft von Los Angeles. Der warmen radioaktiven Luft von Südkalifornien, der Heimat des Todes.

    Ja, ich habe den Tod gesehen. Ich hatte in der Nacht vom Tod geträumt. Wie schon in vielen Nächten. Ich fürchtete mich nicht.

    Da kam der Tod, ganz geschäftsmäßig. Da kam der Tod, über den rostfleckigen Lenker seines klobigen, aber soliden Fahrrads gekrümmt. Da kam der Tod, mit einem T-Shirt von der Cal Tech und sauberen, aber ungebügelten khakifarbenen Shorts, die nackten Füße in Tennisschuhen. Der Tod mit seinen kräftigen Waden, dunkel behaarten Beinen. Der rundgebuckelten, knöcheligen Wirbelsäule. Den pubertären Pickeln und Pusteln im Gesicht. Der adrenalinselige Tod mit einem leichten Schwindel von den sonnenblitzenden Krummsäbeln der vielen Windschutzscheiben und Chromleisten.

    Und wieder markiert zorniges Hupen seine waghalsige Fahrt. Der Tod mit dem stacheligen Bürstenschnitt. Kaugummikauend.

    Der Tod ganz routinemäßig, fünf Tage die Woche, dazu sonnabends und sonntags – bei entsprechendem Zuschlag. Hollywood Messenger Service. Vom Tod persönlich überbrachte Lieferungen.

    Da kam also der Tod ganz unerwartet nach Brentwood! Flog durch die schmalen, im brütenden August nahezu verlassenen Straßen der Villengegend. Radelte stramm an den rührend, weil vergeblich gepflegten »Anwesen« von Brentwood vorbei. Geschäftsmäßig. Alta Vista, Campo, Jacumba, Brideman, Los Olivos. Zum Fifth Helena Drive, einer Sackgasse. Palmen, Bougainvilleen, rote Kletterrosen. Der Geruch nach faulenden Blüten. Der Geruch nach verbranntem Rasen. Umfriedete Gärten, Glyzinien. Im Bogen herumgeführte Auffahrten. Gewissenhaft gegen die Sonne verschlossene Fenster.

    Der Tod mit einem Geschenk ohne Absender für

    »MM« BEWOHNERIN

    12 305 FIFTH HELENA DRIVE

    BRENTWOOD KALIFORNIEN USA

    »ERDE«

    Auf dem Fifth Helena Drive angelangt, radelte der Tod langsamer. Suchte mit zusammengekniffenen Augen nach den Hausnummern. Der Tod hatte das Päckchen mit der ungewöhnlichen Anschrift nicht weiter beachtet. Die ungewöhnliche Verpackung: zuckerstangengestreiftes Glanzpapier, das aussah, als wäre es schon mal benutzt worden. Die mit durchsichtigem Klebefilm auf der Schachtel befestigte Fertigschleife.

    Das Päckchen war etwa schuhkartongroß und sehr leicht, vielleicht leer? Mit Seidenpapier ausgestopft?

    Nein. Wenn man schüttelte, merkte man schon, dass etwas darin war. Etwas Weiches, Stoff möglicherweise.

    Da kam also am frühen Abend des 3. August 1962 der Tod und klingelte an der Haustür der Nummer 12 305 Fifth Helena Drive. Wischte sich mit der Baseballmütze den Schweiß von der Stirn. Kaute ungeduldig sein Kaugummi. Hörte drinnen keine Schritte. Und kann das verdammte Ding nicht vor der Tür liegen lassen, er braucht eine Unterschrift. Hörte nur das Brummen eines am Fenster montierten Klimagerätes. Oder Radios? In dem flachen, im »Hacienda«-Stil erbauten Haus. Mauern aus Steinplatten, die den Adobes der Pueblos nachempfunden sind, leuchtend orangerote Dachziegel, hinter allen Fenstern herabgelassene Jalousien und über allem eine Art Grauschleier. Eng und klein wie ein Puppenhaus, für Brentwood wirklich nichts Besonderes. Der Tod klingelte noch mal, lange. Und diesmal wurde ihm geöffnet.

    Aus der Hand des Todes nahm ich das Geschenk entgegen. Was, wusste ich – glaube ich. Und von wem. Als ich Name und Anschrift las, musste ich lachen, und ich unterschrieb ohne Zögern.

    Das Kind

    1932 – 1938

    Der Kuss

    Dieser Film, den ich schon mein Leben lang sehe, nur nie ganz. Dieser Film ist mein Leben, könnte sie fast sagen.

    Das erste Mal nahm ihre Mutter sie mit, da war sie zwei oder drei. Ihre früheste Erinnerung, und so aufregend! Grauman’s Egyptian Theatre am Hollywood Boulevard. Jahre, bevor sie auch nur das Geringste von der Film-Story verstand, doch sie folgte wie gebannt der Bewegung, dem endlosen Fluten flirrender Bewegung auf der gewaltigen Leinwand über ihrem Kopf. Lange bevor sie imstande war zu denken: Hier entfaltet sich ein ganzes Universum von Projektionen ungezählter und unnennbarer Lebensformen. Wie oft sollte es sie im Laufe ihrer verlorenen Kindheit und als junges Mädchen voll Sehnsucht zu diesem Film zurückziehen, und immer sollte sie ihn augenblicklich wiedererkennen, trotz des Variantenreichtums seiner Titel und der vielen Darsteller. Gab es doch immer die Goldene Prinzessin. Immer den Dunklen Prinzen. Die Wechselfälle des Lebens führten sie zusammen und rissen sie auseinander, führten sie erneut zusammen und rissen sie abermals auseinander, bis sie zu guter Letzt, wenn sich der Film seinem Ende näherte und die Filmmusik anschwoll, doch noch zusammengeführt wurden, um sich in die Arme zu sinken.

    Obwohl damit nicht immer alles gut war. Das ließ sich vorher nie sagen. Denn manchmal kniete der eine am Sterbebett des anderen und der Kuss war Vorbote des Todes. Und selbst wenn er (oder sie) den Tod der großen Liebe überlebte, war klar, dass das Leben allen Sinn verloren hatte.

    Denn außerhalb der Film-Story gibt es keinen Sinn im Leben. Und außerhalb des dunklen Kinosaals gibt es keine Film-Story. Nur, wie ärgerlich, nie das Ende des Films zu sehen!

    Immer ging irgendetwas schief: Es entstand Unruhe im Saal und das Licht ging an, es gab Feueralarm (aber kein Feuer? Oder doch Feuer; einmal hätte sie schwören können, dass sie Rauch roch), und alle mussten raus, oder sie selbst hatte eine Verabredung und musste früher gehen, oder sie schlief im Kinosessel ein, verpasste den Schluss und schrak benommen hoch, wenn das Licht anging und die Fremden rings herum sich von ihren Plätzen erhoben.

    Vorbei? Schon vorbei? Wie kann es vorbei sein?

    Noch als erwachsene Frau zog es sie immer wieder in diesen Film. Schlüpfte sie in entlegenen Winkeln der Stadt oder gänzlich fremden Städten in Kinosäle. Es kam vor, dass sie sich, weil sie keinen Schlaf fand, eine Karte für die Spätvorstellung kaufte. Es kam vor, dass sie sich eine Karte für die Matineevorstellung kaufte. Nicht, dass sie ihrem eigenen Leben entfliehen wollte (auch wenn dieses Leben ihr selbst unbegreiflich wurde, wie es das Erwachsenenleben wird für jene, die es leben), vielmehr setzte sie sich innerhalb dieses Lebens in Klammern, hielt die Zeit an, wie vielleicht ein Kind die Zeiger einer Uhr anhält – mit Gewalt. Betrat den dunklen Kinosaal (der möglicherweise nach altem Popcorn roch, dem Haarwasser von Fremden, nach Desinfektionsmittel) und blickte erwartungsvoll und fiebernd wie ein Backfisch zur Leinwand hoch, wo wieder einmal, noch mal! noch mal!, die bildschöne blonde Frau erscheint, die ewig jung bleibt, Fleisch und Blut wie jede andere Frau und doch anmutig, wie es keine andere Frau sonst sein kann, von einer Leuchtkraft, die nicht nur die Augen strahlen lässt, sondern die ganze Haut. Denn meine Haut ist meine Seele. Es gibt keine Seele außer dieser einen. Ihr seht vor euch die Verheißung irdischer Freuden. Sie, die in den Kinosaal schlüpft und einen Sitzplatz dicht vor der Leinwand wählt, lässt sich ganz von diesem Film hinreißen, der zugleich fremd und vertraut ist wie ein wiederkehrender Traum, an den man sich nur dunkel erinnert. Die Kostüme der Schauspieler, die Frisuren, ja selbst Gesichter und Stimmen der Leute im Film verändern sich mit den Jahren und erinnern sie, zwar nicht deutlich, aber in Bruchstücken, an die eigenen verlorenen Gefühle, die Einsamkeit ihrer Kindheit, die auch die flimmernde Leinwand nur vorübergehend zu lindern vermochte. Ein Leben in einer anderen Welt. Wo? Es kam der Tag, die Stunde, da sie erkannte, dass die Goldene Prinzessin, die so schön ist, weil sie so schön ist und weil sie die Goldene Prinzessin ist, dazu verdammt sein muss, den Beweis ihrer eigenen Existenz in den Augen der anderen zu suchen. Denn wir sind nicht das, was man von uns sagt, wenn man es uns nicht sagt. Oder?

    Erwachsenes Unbehagen und wachsender Schrecken.

    Die Film-Story ist verwickelt und verwirrend, dabei aber vertraut oder fast vertraut. Vielleicht ist sie nachlässig zusammengeschnitten. Vielleicht soll sie uns blenden. Vielleicht gibt es Rückblenden in der Filmgegenwart. Oder Vorblenden! Großaufnahmen der Goldenen Prinzessin wirken fast zu intim. Wir möchten draußen bleiben, nicht in andere hineingezogen werden. Wenn ich doch sagen könnte: Da! Das bin ich! Die Frau, das da auf der Leinwand, bin ich. Aber sie kann nicht zu Ende sehen. Nie hat sie die letzte Szene gesehen, nie den Abspann. Und das, obwohl sie doch weiß, dass darin, jenseits vom letzten Filmkuss, der Schlüssel zum Verständnis des Filmrätsels liegt. Ähnlich wie sich in den Organen des menschlichen Körpers bei der Autopsie der Schlüssel zum Rätsel des Lebens findet.

    Doch die Zeit wird kommen, vielleicht noch heute Abend, da sie sich, etwas atemlos, in einem trostlosen Viertel der Stadt in der zweiten Reihe eines alten Filmtheaters in einen schäbigen, schmuddeligen Plüschsessel sinken lässt, wo sich der Boden unter ihren Füßen wölbt wie die Erdkugel und an den Sohlen ihrer teuren Schuhe klebt; und es sind nur ein paar versprengte Zuschauer da, einsame Gestalten zumeist, und sie ist erleichtert, denn in ihrer Verkleidung (Sonnenbrille, todschicke Perücke, Trenchcoat) wird sie niemand erkennen, und von ihren Bekannten weiß niemand, dass sie hier ist, und würde niemand sie hier vermuten. Diesmal bleibe ich bis zum Ende dabei. Diesmal bestimmt! Warum? Sie kann es nicht sagen. Und eigentlich wird sie längst woanders erwartet, seit Stunden, vielleicht hätte sie abgeholt und zum Flughafen gebracht werden sollen, es sei denn, sie hat sich um Tage, um Wochen verspätet, denn als Erwachsene rebelliert sie gegen die Zeit. Was ist die Zeit schließlich anderes als das, was andere von uns erwarten? Diesem Spiel können wir uns verweigern. Auch die Goldene Prinzessin, fällt ihr auf, hat Probleme mit der Zeit. Mit der Film-Story. Andere geben einem Einsatzzeichen. Was aber, wenn kein Einsatzzeichen kommt? In diesem Film ist die Goldene Prinzessin nicht mehr die eben erblühte junge Schönheit, obwohl sie selbstverständlich nach wie vor bildschön ist; lichtschimmernd und milchig weiß entsteigt sie auf der Leinwand an einer windigen Straßenecke einem Taxi, sie hat sich verkleidet, trägt Sonnenbrille, eine perfekt sitzende braune Perücke und einen eng gegürteten Trenchcoat; in einer langen Fahrt begleitet die Kamera sie, als sie nun ins Kino schlüpft, sich eine Karte kauft, den dunklen Saal betritt und sich in der zweiten Reihe niederlässt. Weil sie die Goldene Prinzessin ist, sehen andere Kinobesucher flüchtig zu ihr hin, doch niemand erkennt sie, vielleicht ist sie eine Allerweltsfrau, bildschön natürlich, aber niemand, den man kennt. Der Film hat begonnen. Sie setzt die Sonnenbrille ab und ist gleich hingerissen. Die Nähe zur Leinwand zwingt sie, den Kopf in den Nacken zu legen, und sie schaut mit bangem kindlichem Staunen hoch. Wie Spiegelungen im Wasser spielt das Filmlicht auf ihrem Gesicht. Sie ist so versunken, dass sie den Dunklen Prinzen nicht bemerkt, der ihr in den Saal gefolgt ist; das Auge der Kamera ruht lauernd auf ihm, der minutenlang hinter dem schäbigen Samtvorhang eines Nebenausgangs verharrt. Ein Schatten liegt auf dem markanten Gesicht. Seine Haltung verrät große Dringlichkeit. Er trägt einen dunklen Anzug, keine Krawatte, er hat sich den Filzhut tief ins Gesicht gedrückt. Dann gibt die Filmmusik das Einsatzzeichen, er tritt rasch vor und beugt sich über sie, die Frau allein in der zweiten Reihe. Er raunt ihr etwas zu, und sie fährt überrascht herum. Ihr Staunen wirkt echt, obwohl sie das Drehbuch ja kennen muss, bis hierhin jedenfalls, und noch ein Stück weiter.

    Mein Herz!

    Du Liebe meines Lebens.

    Im schimmernden Widerschein der monumentalen Leinwand sind die Gesichter von den erhabenen, den großen Gefühlen vergangener Epochen ergriffen. Als müssten nun sie, zwar geringer und sterblich, die Szene spielen. Sie werden sie spielen. Er schiebt ihr die Hand in den Nacken, um ihren Kopf zu stützen. Um sein Besitzrecht anzumelden. Sie zu besitzen. Sie heimzuführen. Wie stark seine Finger sind, wie eisig; seltsam, das glasige Glitzern seiner Augen, nah wie nie zuvor.

    Und wieder seufzt sie und hebt ihr makelloses Gesicht dem Kuss des Dunklen Prinzen entgegen.

    Das Bad

    Ob wir es mit einem geborenen Schauspieler zu tun haben, zeigt sich bereits in frühester Kindheit, denn in diesem zarten Alter wird die Welt noch als geheimnisvoll, als Mysterium erfahren. Und alle Schauspielkunst entspringt der Fähigkeit, angesichts des Geheimnisvollen zu improvisieren.

    T. Navarro

    Das Paradoxon der Schauspielkunst

    1

    »Siehst du? Der Mann dort ist dein Vater.«

    Es kam der Tag, Norma Jeanes sechster Geburtstag, der erste Tag des Juni 1932, ein verzauberter Morgen in Venice Beach, Kalifornien: gleißend grellweiß außer Atem. Eine frische, kühlende Brise wehte vom Pazifischen Ozean her, prickelnd und von nur einem Hauch soliger Fäule und dem üblichen Geruch nach Strandgut begleitet. Und dieser selbe Wind, so schien es, trug Mutter herbei. Hohlwangige Mutter mit den sattroten Lippen und den gezupften, nachgezogenen Brauen, die Norma Jeane aus dem großelterlichen Apartment, dem heruntergekommenen Wohnblock mit dem verwitterten Putz am Venice Boulevard, holen kam – »Norma Jeane, komm!«. Und was lief Norma Jeane, lief zu Mutter! Das kleine Patschhändchen in Mutters schmaler Hand, so wunderbar fremd vom schwarzen Tüllhandschuh umschlossen. Denn Grandma hatte raue Altfrauenhände, und Grandmas Geruch war ein Altfrauengeruch, während Mutter so gut roch, dass einen schwindelte, wie prickelnde zuckrige Zitrone auf der Zunge. »Norma Jeane, Herzchen, komm.« Mutter war »Gladys«, und »Gladys« war die wahre Mutter des Kindes. Wenn ihr danach war. Wenn sie die Kraft hatte. Wenn es die Anforderungen der Produktionsgesellschaft erlaubten. Denn Gladys’ Leben spielte in »drei Dimensionen an der Schwelle zur vierten«, es war eben nicht mit anderer Leute Leben zu vergleichen, nicht »flach wie ein Parcheesi-Brett«. Grandma Dellas aufgeplusterte Missbilligung strafte Mutter mit Verachtung, im Triumph entführte sie Norma Jeane aus dem nach Zwiebeln, Seifenlauge, Hühneraugentinktur und Grandpas Pfeifentabak riechenden Apartment im dritten Stock, überging schlicht die vor Entrüstung schrille Stimme der alten Frau, eine Radiokomikerstimme – »Gladys, wo hast du diesmal wieder den Wagen her! Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede, Mädchen: Hast du Drogen genommen? Oder getrunken?« – »Wann bringst du mir meine Enkelin wieder?« – »Verdammt, warte doch, bis ich die Schuhe anhabe, ich komme mit runter! Gladys!« Doch ungerührt trillerte Mutter in glockenhellem Sopran: »Qué será, será.« Und schon flogen Mutter und Tochter gackernd wie ungezogene Ausreißer die Treppe hinunter, als wäre diese ein Berghang, außer Atem und Hand in Hand, hinaus, hinaus! auf den Venice Boulevard und geradewegs hin zum jedes Mal aufregenden, weil nie vorhersehbaren Gladys-Wagen; da wartete er am Randstein: an diesem grell gleißenden Morgen des ersten Juni 1932 stand Norma Jeane andächtig vor einem buckligen Nash in der Farbe von dreckigem Spülwasser, dessen Beifahrerfenster wie ein Spinnennetz gesplittert und mit Klebeband geflickt war. Aber was für ein herrlicher Wagen, und wie jung und wie munter Gladys doch war, denn sie, die Norma Jeane selten berührte, hob das Kind nun mit beiden behandschuhten Händen auf den Beifahrersitz – »Hoppla, Herzchen!« –, so, als hebe sie es in die Gondel des Riesenrads am Santa Monica Pier, damit es mit vor Staunen aufgerissenen Augen in den Himmel entschwebte. Schlug die Autotür fest zu. Vergewisserte sich, dass sie geschlossen war. (Denn es gab eine alte Angst der Mutter um die Tochter, davor, dass bei solchen Fluchten eine Tür aufflog, so wie im Stummfilm eine Falltür auffliegt, und dann wäre es um die Tochter geschehen!) Stieg auf der Fahrerseite in den Wagen wie Lindbergh in das Cockpit der Spirit of St. Louis. Ließ den Motor aufheulen, schob den Gang rein und fädelte sich in dem Moment in den Verkehr ein, da die arme dicke Grandma Della mit hektischen Flecken im Gesicht in ihrem verschossenen Baumwollmorgenmantel, den fleischfarbenen Stützstrümpfen und ihren Altfrauenschuhen verzweifelt fuchtelnd herausplatzte auf die offene Veranda des Apartmentblocks wie Charlie Chaplin als kleiner Tramp.

    »Halt! Warte doch! Du Wahnsinnige! Drogensüchtige! Ich verbiete es! Ich rufe die Polizei!«

    Aber es gab kein Halten mehr, nein, nein. Es gab kaum Zeit, Luft zu holen!

    »Achte nicht auf deine Großmutter, Herzchen. Sie ist Stummfilm, und wir haben Ton.«

    Denn Gladys, die wahre Mutter des Kindes, dachte nicht daran, sich an diesem besonderen Tag um den Genuss der Mutterliebe bringen zu lassen.

    Heute, wo sie endlich »die Kraft hatte«, und ein paar Dollar übrig, war Gladys gekommen, um ihre Norma Jeane an deren sechstem Geburtstag (wirklich schon der sechste? O Gott, deprimierend) zu holen, wie sie es hoch und heilig versprochen hatte. »Bei Wind und Wetter, gesund oder krank, bis dass uns der Tod scheide, ich schwör’s.« Wenn sie in dieser Stimmung war, würde nicht einmal ein Rumoren der San-Andreas-Verwerfung Gladys zurückhalten. »Du gehörst mir. Du gleichst mir. Dich nimmt mir keiner weg, Norma Jeane, wie meine anderen Töchter.«

    Diese schrecklichen siegesgewissen Worte hörte Norma Jeane nicht, hörte sie nicht, nein, gar nicht, vom rauschenden Fahrtwind verweht.

    Dieser Tag, dieser Geburtstag würde der erste sein, an den sich Norma Jeane deutlich erinnerte. Dieser wunderbare Tag mit Gladys, die manchmal Mutter war, oder Mutter, die manchmal Gladys war. Eine zierliche vogelflattrige Frau mit lauerndem Blick und von ihr selbst so bezeichnetem »Habichtlächeln«, mit Ellbogen, die sich dir in die Rippen bohrten, wenn du ihnen zu nahe kamst. Der der schimmernde Rauch wie Elefantenstoßzähne aus den Nasenlöchern wuchs, sodass du dich nicht trautest, ihr überhaupt einen Namen zu geben, schon gar nicht »Mama« oder »Mommy« – diese »spuckzuckrigen« Namen hatte sich Gladys längst verbeten –, die du lieber auch nicht zu lange ansahst – »Glotz nicht, du! Großaufnahmen bitte nur nach vorheriger Ankündigung.« Weil Gladys’ nervöses Lachen sonst schartig klingen konnte – wie wenn man Eisblöcke für Drinks zerstieß. Dieser Tag der Offenbarung sollte Norma Jeane die ganzen sechsunddreißig Jahre und dreiundsechzig Tage ihres Lebens unvergesslich bleiben, eines von der eigenen Mutter überlebten Lebens; so wie kleine Puppen bequem in größeren, zu eben diesem Zweck ausgehöhlten Puppen Platz finden. Sehnte ich mich nach einem anderen Glück? Nein, nur danach, bei ihr zu sein. Mich anzuschmiegen und bei ihr im Bett zu schlafen, wenn sie mich ließ. Ich liebte sie so. Und es gab schließlich Beweise, dass Norma Jeane schon früher Geburtstage mit der Mutter verlebt hatte, jedenfalls ihren ersten, an den sich das Kind allerdings nicht erinnern konnte, oder nur dank der Schnappschüsse – HAPPY 1st BIRTHDAY BABY NORMA JEANE! –, dank der von Hand beschrifteten Papierbanderole, die dem abgelichteten blinzelnden Baby mit dem schimmernden Blick und dem niedlichen Mondgesicht, den Grübchen und den dunkelblonden Locken mit schlappohrigen Satinschleifchen nach Art der Schärpen bei Schönheitswettbewerben umgehängt war; gleich verblassenden Träumen waren diese Schnappschüsse verschwommen, zerknittert, aufgenommen offenbar von einem »Onkel«; sie zeigten eine sehr junge, sehr hübsche, aber übernervös wirkende Gladys mit Pagenkopf, Herrenwinkern und vollen, wie nach einem Wespenstich geschwollenen Lippen à la Clara Bow, die ihr ein Jahr altes Baby »Norma Jeane« unbeholfen auf dem Schoß hielt wie einen kostbaren und zerbrechlichen Gegenstand, mit Ehrfurcht, wenn auch nicht sichtbarem Vergnügen, mit eisernem Stolz, wenn auch nicht Liebe, und auf die Rückseite der paar wenigen Schnappschüsse war das Datum gekritzelt: 1. Juni 1927. Daran erinnerte sich die sechsjährige Norma Jeane ebenso wenig wie an ihre Geburt – zu gern hätte sie Gladys oder Grandma gefragt: Wie macht man das, geboren werden? Macht man das selbst? – auf der den Wohlfahrtsempfängerinnen vorbehaltenen Entbindungsstation des Los Angeles County General Hospital, nach zweiundzwanzig Stunden »ausgewachsener Höllenqualen« (Gladys’ Kommentar zu dieser Prüfung), ebenso wenig wie an die acht Monate und elf Tage in dem

    »Spezial-Tragebeutel« unter Gladys’ Herzen. Sie konnte sich nicht erinnern! Wann immer sie aber gebannt diese Schnappschüsse betrachtete – sofern Gladys Lust hatte, sie ihr auf dem gerade aktuellen Bettüberwurf auf dem gerade aktuellen Bett ihres gerade aktuellen »Domizils« auszubreiten –, zweifelte sie keinen Augenblick daran, dass das Baby im Bild sie selbst war, denn mein Leben lang sollte ich mir selbst nur durch das Zeugnis und die Namen anderer fassbar sein. So wie Jesus im Evangelium nur von anderen gesehen und bezeugt wird. Ich sollte mein Dasein und den Wert dieses Daseins im Blick der anderen lesen, auf den ich eher vertrauen zu können glaubte als auf meinen eigenen.

    Gladys musterte die Tochter, die sie seit – nun ja – Monaten nicht gesehen hatte. In scharfem Ton sagte sie: »Zappel nicht so. Guck nicht so verkniffen, als würde ich jeden Augenblick mit jemand zusammenstoßen, da brauchst du bald eine Brille, und was machst du dann? Und winde dich nicht wie eine kleine Schlange, die Pipi machen muss. Wo hast du nur diese Unarten her, von mir bestimmt nicht. Ich stoße schon mit niemandem zusammen, wenn du dir deswegen Sorgen machst, wie deine alberne alte Grandma. Ich schwör’s.« Gladys’ Augen glitten zu dem Kind hin, streng und zugleich kokett, denn so war Gladys: Sie stieß dich weg, sie lockte dich. Jetzt senkte sie vertraulich die Stimme und sagte in kehligem Ton: »Denk dir nur, Mutter hat eine Geburtstagsüberraschung für dich. Wir sind auf dem Weg dorthin.«

    »Eine Ü-überraschung?«

    Gladys am Steuer spitzte vergnügt den Mund.

    »W-wohin fahren wir denn, M-mutter?«

    Glück so scharf, dass es in Norma Jeanes Mund zu Glasscherben wurde. Trotz des schwülwarmen Wetters trug Gladys wegen ihrer empfindlichen Haut todschicke schwarze Tüllhandschuhe. Übermütig schlug sie mit beiden behandschuhten Händen aufs Lenkrad. »Wo wir hinfahren? Na, hör mal. Du warst doch schon in Mutters Hollywood-Domizil!«

    Norma Jeane lächelte unsicher. Sie dachte angestrengt nach. War sie das? Das hieße dann aber, dass sie, Norma Jeane, etwas Wichtiges vergessen hätte, dass dies eine Art Verrat darstellte, eine Enttäuschung. Allerdings schien Gladys häufiger umzuziehen. Manchmal setzte sie Della davon in Kenntnis, manchmal nicht. Ihr Leben war kompliziert und rätselhaft. Es gab Probleme mit Vermietern und Nachbarn, es gab »Finanzprobleme«, gab »Unterhaltsprobleme«. Im letzten Winter hatte ein kurzes, heftiges Erdbeben in ausgerechnet jenem Teil von Hollywood, in dem Gladys wohnte, sie zwei Wochen lang obdachlos gemacht und gezwungen, bei Freunden unterzuschlüpfen und ohne Verbindung zu Della zu bleiben. Immer aber lag Gladys’ jeweiliges Domizil in Hollywood. Oder West-Hollywood. Ihre Arbeit für die Produktionsgesellschaft verlangte es. Da sie vertraglich an die Produktionsgesellschaft »gebunden« war (die Produktionsgesellschaft war das größte der Hollywood-Studios, also der Welt, und rühmte sich, mehr »Stars unter Vertrag zu haben, als Sterne am Firmament stehen«), gehörte ihre Zeit nicht ihr, »so wie katholische Nonnen eben ›Bräute Christi‹ sind«. Gladys hatte ihre Tochter Norma Jeane bereits als zwölf Tage alten Säugling in Pflege geben müssen, meist bei der Großmutter, gegen fünf Dollar die Woche plus Auslagen; das Leben war verflucht hart, es war die Hölle, es war ein Trauerspiel, aber was sollte sie machen, wo sie doch bis spät abends für die Produktionsgesellschaft zu tun hatte, oft Überstunden schob, manchmal sogar eine Doppelschicht einlegte, gleich sprang, wenn der Chef nur mit dem Finger winkte, wie sollte sie da die Verantwortung für ein kleines Kind tragen können?

    »Den möchte ich sehen, der das Recht hätte, mich zu verurteilen. Es sei denn, er steckte in meinen Schuhen. Oder sie. Jawohl, oder sie!«

    Das sagte Gladys überraschend heftig. Vielleicht haderte sie ja mit der eigenen Mutter, mit Della.

    Wenn sie sich stritten, nannte Della Gladys »flüchtig« – oder »süchtig«? –, und dann empörte sich Gladys, das sei gelogen, sei übelste Verleumdung, in ihrem ganzen Leben habe sie an Marihuana nicht einmal geschnuppert, geschweige denn davon geraucht – »Und das gilt doppelt für Opium! Nie!« Della hätte zu viele wüste und fragwürdige Geschichten über die Leute beim Film gehört. Zugegeben, manchmal war Gladys aufgedreht. Dieses Feuer in mir! Herrlich. Zugegeben, manchmal fiel sie »ins Loch« und war »ganz unten« oder »am Ende«. Als wäre meine Seele aus flüssigem Blei, ausgelaufen und hart geworden. Aber Gladys war jung und sah blendend aus, Gladys hatte unzählige Freunde. Männerbekanntschaften. Die ihr Gefühlsleben durcheinanderbrachten. »Wenn mich die Kerle nur in Ruhe lassen würden, ginge es der guten alten Gladys prächtig.« Aber das taten sie nicht, und deshalb brauchte Gladys ihre Mittel. Verschreibungspflichtige oder auch solche, mit denen ihre Hausfreunde sie versorgten. Sie lebte geradezu von Bayers Aspirin, die Mengen, die sie vertrug, waren erstaunlich; in schwarzem Kaffee aufgelöst wie kleine Zuckerwürfel – »schmeckt man überhaupt nicht«.

    An diesem Tag aber sah Norma Jeane sogleich, dass Gladys »obenauf« war: fahrig, feurig, lustig, unberechenbar wie eine Kerzenflamme im Zugwind. Von ihrer wachsbleichen Haut stieg eine Hitze auf wie im Sommer von den Gehwegen, und ihre Augen! Kokettierend, klimpernd, geweitet. Diese geliebten Augen. Deren Blick mir unerträglich war. Gladys fuhr unkonzentriert, und sie fuhr schnell. Im Auto mit Gladys war es wie im Autoscooter auf dem Rummel: Man musste sich gut festhalten. Sie fuhren ins Hinterland, weg von Venice Beach, weg vom Meer. Zunächst auf dem Venice Boulevard nach Norden Richtung La Cienega, dann auf den Sunset Boulevard, den Norma Jeane von anderen Autofahrten mit ihrer Mutter wiedererkannte. Wie der rundbucklige Nash, von Gladys’ ungeduldigem Fuß auf dem Gaspedal getrieben, klappernd dahinsauste! Sie ratterten über die Trambahnschienen, bremsten in letzter Sekunde bei Rot, Gladys und eine kichrige und zähneklappernde Norma Jeane. Manchmal schlitterte der Wagen hinaus auf die Mitte einer Kreuzung, dann gab es wie im Film ein Hupkonzert, Rufe, drohend erhobene Fäuste, außer es waren Männer, die allein in ihren Wagen saßen, dann fielen die Zeichen freundlicher aus. Mehr als einmal ignorierte Gladys die Trillerpfeife eines Verkehrspolizisten und entkam – »Siehst du! Ich habe gar nichts verbrochen! Ich lasse mich nicht einschüchtern!«

    Auf ihre halb grimmige, halb scherzende Weise ließ Della öfter die Bemerkung fallen, Gladys habe ihren Führerschein »verloren«, was so viel hieß wie – ja, was? Dass sie ihn verloren hatte, wie Leute eben Dinge verloren? Verlegt? Oder hatte ihn ihr einer dieser Polizisten zur Strafe irgendwann abgenommen, als Norma Jeane nicht dabei war?

    Norma Jeane wusste nur eines ganz sicher: Dass sie sich nicht traute, Gladys zu fragen.

    Vom Sunset bogen sie erst in eine, dann noch eine Nebenstraße, und schließlich auf die La Mesa, eine enge, triste Straße mit kleineren Geschäften, Diners, »Cocktailbars« und Apartmenthäusern; Gladys bezeichnete dies als ihr »neu entdecktes, gleich so anheimelndes Viertel«. Gladys erklärte, zur Produktionsgesellschaft habe sie es ganz nah, »mit dem Auto nur sechs Minuten«. Sie wohne aus »persönlichen Gründen« hier, die zu kompliziert seien, als dass sie sie erklären könne. Aber Norma Jeane würde schon sehen – »das gehört mit zur Überraschung«. Gladys parkte den Wagen vor einem schäbigen Gebäude im spanischen Stil mit zerschlissenen grünen Markisen und hässlichen Feuertreppen. THE HACIENDA. MÖBLIERTE ZIMMER & APARTMENTS WOCHEN / MONATSBASIS INFORM.

    BÜRO. Die Hausnummer war 387. Norma Jeane besah sich alles genau und merkte es sich gut: Sie wurde zur Kamera, die knipst und knipst; sie könnte sich ja irgendwann verlaufen und an diesen Ort zurückfinden müssen, den sie bis zu diesem Moment nie gesehen hatte, und mit Gladys hatten solche Momente immer etwas Dringliches, etwas Elektrisierendes und Rätselhaftes, von dem einem der Puls hämmerte wie von Aufputschmitteln. Wie ein Amphetamin war das, wie unter Strom. Mein Leben lange würde ich danach suchen. Mich wie eine Schlafwandlerin aus meinem Leben in die Hacienda auf der La Mesa oder in die Highland Avenue zurückstehlen, wo ich wieder Kind war, in ihrer Obhut, in ihrem Bann, vor dem Albtraum.

    Gladys sah den Ausdruck auf Norma Jeanes Gesicht, den Norma Jeane selbst ja nicht sehen konnte, und lachte. »Geburtstagskind! Man wird nur ein Mal sechs. Und wer weiß, ob du deinen siebten erlebst. Also los

    Norma Jeanes kleine Hand war verschwitzt, Gladys mochte sie nicht nehmen, sie stupste das Kind stattdessen mit einer behandschuhten Faust vor sich her, sanft natürlich, wie im Scherz, schob sie die bröckelnden Stufen der Hacienda hoch und in die Backofenglut drinnen, dann eine mit Linoleum belegte, vor Sand knirschende Treppe hinauf – »Los, los, wir werden erwartet, und bestimmt schon ganz ungeduldig.« Sie liefen. Sie stürmten. Galoppierten hinauf. Gladys auf eleganten Absätzen plötzlich in Panik – oder tat sie nur so? War dies eine ihrer Szenen? Oben waren Mutter und Tochter beide außer Atem. Gladys schloss die Tür zu ihrem »Domizil« auf, das sich nicht merklich vom vorigen Domizil unterschied, an das sich Norma Jeane dunkel erinnerte. Es gab drei enge Zimmer mit verfleckten Tapeten und Decken, schmalen Fenstern, losem Linoleum auf blanken Dielen, ein paar bunten mexikanischen Läufern, einem undichten, stinkigen Kühlschrank, einem Kocher mit zwei Platten, Abwasch im Spülstein und Kakerlaken, schwarz glänzend wie Wassermelonenkerne, die bei ihrem Erscheinen knispernd verschwanden. An den Küchenwänden hingen Plakate der Filme, an denen Gladys mitgewirkt hatte und auf die sie stolz war – Kiki mit Mary Pickford, Im Westen nichts Neues mit Lew Ayres, Lichter der Großstadt mit Charlie Chaplin, dessen seelenvolle Augen Norma Jeane in den Bann zogen, weil sie glaubte, Chaplin sehe sie. In welcher Weise Gladys an diesen berühmten Filmen mitgewirkt hatte, blieb unklar, aber die Gesichter der Schauspieler verzauberten Norma Jeane. Hier bin ich zu Hause! An diesem Ort in meiner Erinnerung. Vertraut war auch die stickige Hitze im Apartment, denn Gladys hielt nichts davon, Fenster aufzulassen, wenn sie fortging, nicht mal einen Spaltbreit, und alles, was sich da an Gerüchen mischte – Essensreste, Kaffeesatz, Zigarettenasche, Brandflecken, Parfum und der rätselhaft beißende Chemiegestank, den Gladys nie ganz loswurde, auch wenn sie noch so schrubbte, mit Arztseife an ihren Händen herumschrubbte, bis sie wund waren und bluteten. Die Gerüche empfand Norma Jeane als tröstlich, denn sie verkörperten ein Zuhause. Wo Mutter war.

    Aber diese neue Wohnung! Sie war noch voller, unordentlicher und fremder als die vorigen. Oder konnte Norma Jeane jetzt, wo sie älter war, einfach besser sehen? Gleich beim Eintreten gab es diese lange Schrecksekunde – wie zwischen dem ersten fast unmerklichen Vorbeben und der nächsten, weit stärkeren Erschütterung, die unverkennbar und unentrinnbar wäre. Man wartet, man wagt kaum zu atmen. Es gab zig aufgeklappte, aber nicht ausgepackte Kartons mit der Aufschrift EIGENTUM DER PRODUKTIONSGESELLSCHAFT. Es gab Kleiderberge auf der Arbeitsfläche in der Küche und Kleider an Drahtbügeln an einer improvisierten, quer durch die Küche gespannten Wäscheleine, sodass es zunächst aussah, als drängten sich viele Menschen in der Küche, Frauen in »Kostümen« – Norma Jeane wusste, dass es einen Unterschied gab zwischen »Kleidern« und »Kostümen«, auch wenn sie nicht hätte sagen können, worin dieser bestand. Manche Kostüme waren glamourös und glitzerten: kurze Hänger mit schmalen Trägern. Manche waren streng mit langen Trompetenärmeln. Es gab Schlüpfer und Büstenhalter und fein säuberlich zum Trocknen auf die Leine gehängte Strümpfe. Gladys beobachtete, wie Norma Jeane mit offenem Mund die Kleider über ihrem Kopf bestaunte, und lachte über die Verwirrung des Kindes. »Was hast du? Passt dir nicht, was du da siehst? Passt es Della nicht? Sollst du etwa für sie spionieren? Na los, los, weiter. Dort hinein. Los.«

    Mit ihrem spitzen Ellbogen schob sie Norma Jeane ins angrenzende Schlafzimmer. Einen kleinen Raum mit schlimmen Wasserflecken an Decke und Wänden, einem einzigen Fenster, das notdürftig von einer zerschlissenen, schmuddeligen Jalousie verhängt war. Und da standen auch das vertraute Bett mit dem angelaufenen gelben Messingkopfteil und den Daunenkissen, die Kommode aus Kiefernholz, der Nachttisch mit den Pillenfläschchen und dem wackligen Stapel von Taschenbüchern und Zeitschriften wie dem Hollywood Tatler, auf dem ein randvoller Aschenbecher balancierte; und auch hier überall Kleider, auch hier auf dem Fußboden aufgeklappte, aber nicht ausgepackte Kartons und an der Wand neben dem Bett ein prunkvolles Standbild aus der Hollywood Revue von 1929: Marie Dressler in einem durchscheinenden weißen Abendkleid. Gladys war aufgedreht, ihr Atem ging schnell, sie beobachtete Norma Jeane scharf, während das Kind sich ängstlich umsah – wo war nur der »Überraschungsmensch«? Versteckt, vielleicht? Unter dem Bett? Im begehbaren Kleiderschrank? (Aber es gab keinen, nur einen wackligen Wandschrank aus Hartfaserplatten.) Eine Fliege brummte. Von dem einen Fenster aus sah man nichts als die nackte schmutzige Wand des Nachbarhauses. Norma Jeane fragte sich: Wo denn? Wer kann es sein?, doch da versetzte ihr Gladys schon einen sanften Stoß zwischen die Schulterblätter und meinte streng: »Also ehrlich, Norma Jeane, manchmal bist du stockblind, und – ein Dummchen obendrein. Hast du denn gar keine Augen im Kopf? Kannst du sie nicht aufmachen? Der Mann dort ist dein Vater.«

    Jetzt erst sah Norma Jeane, wohin Gladys zeigte.

    Es war gar kein Mann. Es war ein Bild von einem Mann und hing an der Wand neben dem Kommodenspiegel.

    2

    Mein sechster Geburtstag – und zum ersten Mal sein Gesicht zu sehen.

    Ohne bis zu diesem Tag geahnt zu haben, dass es einen Vater gab! Dass ich wie alle anderen Kinder einen Vater hatte.

    Immer gedacht zu haben, sein Fehlen habe mit mir zu tun. Dass irgendetwas mit mir nicht stimmte, dass irgendetwas an mir schlecht war.

    Hatte es mir denn vorher niemand gesagt? Meine Mutter nicht, meine Großmutter und der Großvater auch nicht. Gar niemand.

    Und ihn doch nie von Angesicht zu Angesicht sehen zu können, leibhaftig. Und ich würde vor ihm sterben.

    3

    »Sieht er nicht fabelhaft gut aus, Norma Jeane? Dein Vater?«

    Gladys’ Stimme, die auch ganz leblos sein konnte, tonlos, eine Idee spöttisch, klang schwärmerisch erregt wie die eines jungen Mädchens.

    Sprachlos bestaunte Norma Jeane den Mann, der ihr Vater sein sollte. Den Mann auf dem Foto. Den Mann an der Wand neben dem Kommodenspiegel. Vater? Ihr wurde heiß und flau, wie von einem Schnitt im Daumen.

    »Da. Aber fass ihn lieber nicht mit deinen klebrigen Fingern an.«

    Schwungvoll nahm Gladys den Bilderrahmen von der Wand. Es war ein wirkliches Foto, sah Norma Jeane, glänzend, nicht gedruckt wie die Werbefotos oder eine aus einer Zeitschrift gerissene Seite.

    Andächtig präsentierte Gladys das Porträt in ihren elegant behandschuhten Händen, hielt es Norma Jeane etwa auf Augenhöhe, aber außer Reichweite hin. Als hätte Norma Jeane diese Kostbarkeit in einem so wichtigen Moment berühren wollen! Wo sie doch aus Erfahrung wusste, dass man Gladys’ besondere Sachen nicht berührte.

    »Das – das ist mein V-vater?«

    »Und ob. Du hast seine sexy blauen Augen.«

    »Aber –? Wo –?«

    »Pscht. Gucken

    Es war eine Filmszene. Beinahe hörte Norma Jeane die aufgeregt dahinjagende Musik.

    Und wie lange standen Mutter und Tochter da, in diesen Anblick versunken! Ehrfürchtig schweigend betrachteten sie das Bild-von-einem-Mann, diesen Mann-der-Norma-Jeanes-Vater-war, diesen gut aussehenden dunklen Fremden, diesen Mann mit den geölten Schwingen aus glattem Rabenhaar, den Mann mit dem Menjoubärtchen, den Mann mit den bleichen, wissenden, fast schlupfigen Lidern. Den Mann mit den vollen halb lächelnden Lippen, den Mann, dessen Blick so aufreizend dem ihren auswich, den Mann mit einem Kinn, das einer geballten Faust glich, mit einer stolzen Adlernase und einer Kerbe in der linken Wange, die vielleicht nur ein Grübchen war, wie Norma Jeane es auch hatte. Oder eine Narbe.

    Den Mann, der älter war als Gladys, aber nicht viel. Mitte dreißig. Der ein Schauspielergesicht hatte, diese gespielte Nonchalance. Der den Kopf erhoben trug und den Filzhut verwegen schief, und dessen weißes Hemd einen weiten, weich fallenden Kragen hatte wie bei einem Kostüm aus früheren Zeiten. Den Mann, der auf Norma Jeane wirkte, als wollte er gleich sprechen – es aber nicht tat. So angestrengt hinzuhören. Als wäre ich plötzlich taub geworden.

    Norma Jeanes Herz schlug so flattrig wie Kolibrischwirren. Und laut, es dröhnte im Zimmer. Aber Gladys merkte nichts und schimpfte nicht. Vor lauter Überschwang, dem Hunger, mit dem sie das Bild-von-einem-Mann anhimmelte. Und im dramatisch vibrierenden Ton einer Sängerin sagte sie: »Dein Vater. Er trägt einen wunderschönen, einen bedeutenden Namen, aber ich darf ihn nicht preisgeben. Nicht einmal Della kennt ihn. Della mag zwar glauben, dass sie Bescheid weiß – aber das stimmt nicht. Und Della darf auch nichts wissen. Nicht einmal, dass du das hier gesehen hast. Es gibt in unserer beider Leben Komplikationen, verstehst du? Als du geboren wurdest, war dein Vater fort; er ist auch jetzt noch weit weg, und ich mache mir Sorgen. Ihn treibt eine Wanderlust, die ihn in früheren Zeiten zum Krieger prädestiniert hätte. Und tatsächlich hat er sein Leben schon für die Demokratie aufs Spiel gesetzt. Im Herzen sind er und ich vermählt – sind wir Mann und Frau. Doch wir geben nichts auf Konventionen, und ich würde mich ihnen nicht beugen wollen. ›Ich liebe dich und unsere Tochter, und eines Tages werde ich nach Los Angeles zurückkehren und euch heimführen‹ – dein Vater hat es versprochen, Norma Jeane. Uns beiden versprochen.« Gladys schwieg einen Augenblick und befeuchtete sich die Lippen.

    Obwohl sie mit Norma Jeane sprach, war sie sich der Anwesenheit des Kindes offenbar kaum bewusst, sie hatte den Blick starr auf die Fotografie gerichtet, von der, so schien es, das Licht in Splittern abstrahlte. Ihre Haut glühte schweißnass, ihr Mund wirkte wegen des leuchtend roten Lippenstifts wie geschwollen, wie zerbissen, ihre Tüllhandschuhe zitterten etwas. Norma Jeane würde sich später erinnern, dass sie sich alle Mühe gab, auf die Worte ihrer Mutter zu achten, trotz des Brausens in ihren Ohren und einer aufgeregten Übelkeit, ihr war, als müsste sie dringend zur Toilette, aber sie wagte nicht, einen Mucks zu tun, geschweige denn sich zu rühren. »Dein Vater war bei der Produktionsgesellschaft unter Vertrag, als wir uns kennen lernten – am Tag nach Palmsonntag vor acht Jahren, das werde ich nie vergessen! –, und er gehörte zu den vielversprechendsten neuen Filmtalenten. Aber leider – weißt du, trotz seiner Begabung und seiner Präsenz auf der Leinwand – einen ›zweiten Valentino‹ hat ihn Mr. Thalberg genannt – war er zu undiszipliniert, zu ungeduldig und zu draufgängerisch, um einen guten Filmschauspieler abzugeben. Denn es kommt nicht allein aufs Aussehen an, auf Stil und Persönlichkeit, nein, Norma Jeane, man muss auch folgen können. Man muss demütig sein. Man muss sich vor falschem Stolz hüten, man muss sich schinden. Frauen fällt das leichter. Ich war auch unter Vertrag – eine Zeit lang. Als junge Schauspielerin. Aber ich wechselte – freiwillig – in eine andere Abteilung! Denn ich sah ein, dass es nicht sein sollte. Er rebellierte natürlich. Er war eine Zeit lang Double für Chester Morris und Donald Reed. Bis er schließlich einfach alles hinwarf. ›Wenn ich zwischen Seele und Karriere wählen muss‹, hat er gemeint, ›wähle ich die Seele.‹«

    Vor Aufregung musste Gladys husten. Wenn sie hustete, verströmte sie irgendwie noch stärker Parfumduft und den sauer-zitronigen Chemiegeruch, mit dem ihre Haut durchtränkt zu sein schien.

    Norma Jeane fragte, wo ihr Vater jetzt sei.

    Ärgerlich meinte Gladys: »Fort, Dummerchen. Sage ich doch.«

    Gladys’ Stimmung war umgeschlagen. Das ging oft so. Auch die Filmmusik wechselte plötzlich. Jetzt klang sie rau wie die Zähne eines Sägeblatts, wie die wilden Wellen, die sich auf den Strand warfen und einem wehtun konnten, das kannte Norma Jeane von den Malen, wenn sie mit einer vor »Blutdruck« und Schimpfen keuchenden Della »für den Kreislauf« über den festgebackenen Sand stapfte.

    Nie im Leben hätte ich gefragt, warum. Warum mir niemand davon erzählt hatte.

    Warum ich es jetzt erfuhr.

    Gladys hängte das Foto wieder an die Wand. Nur dass der Nagel jetzt tiefer in den Gipskarton sank und nicht mehr so gut hielt. Die Fliege brummte weiter, sie warf sich wieder und wieder hoffnungsvoll gegen die Scheibe.

    »Das ist die verfluchte Fliege, die ›brummte, als ich starb‹«, bemerkte Gladys finster. Es war eine Angewohnheit von Gladys, in Norma Jeanes Anwesenheit düstere Bemerkungen zu machen, obwohl die nicht unbedingt an das Kind gerichtet waren. Vielmehr wurde Norma Jeane Zeuge, war auserwählt, indem sie, einem Kinobesucher gleich, dem Geschehen folgen durfte, während die Protagonisten im Film so taten, als merkten sie es nicht – vielleicht merkten sie es wirklich nicht. Als schließlich der Nagel wieder hielt, bedurfte es einigen Hin-und-her-Rückens, bis der Rahmen auch saß. In solchen Haushaltsdingen war Gladys pingelig; sie schimpfte mit Norma Jeane, wenn das Kind die Handtücher schief hinhängte oder Bücher nicht wieder bündig ins Regal schob. Sobald das Bild-von-einem-Mann wieder an der Wand neben dem Kommodenspiegel in Sicherheit war, trat Gladys zurück und entspannte sich ein wenig. Norma Jeane konnte den Blick immer noch nicht von dem Foto lösen. »Da hast du also deinen Vater. Aber es ist ein Geheimnis, Norma Jeane, das bleibt unter uns. Du weißt, dass er fort ist – derzeit –, das genügt. Und eines Tages nach Los Angeles zurückkehren wird. Er hat es versprochen.«

    4

    Später würde es heißen, ich sei als Kind unglücklich gewesen, ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt, aber eines will ich mal klarstellen, unglücklich war ich nie. Solange meine Mutter da war, war ich nicht unglücklich, und dann gab es eines Tages ja auch noch einen Vater zum Liebhaben.

    Und es gab Grandma Della! Norma Jeanes Mutters Mutter.

    Eine stämmige Frau, vom Typ her dunkel, mit borstigen Augenbrauen und einem verstohlenen Anflug von Damenbart. Della hatte eine unnachahmliche Art, sich, die Hände in die Hüften gestemmt, wie ein Krug mit zwei Henkeln in der Tür oder auf der Veranda vorm Haus aufzupflanzen. Die Ladenbesitzer fürchteten ihren durchdringenden Blick und ihre scharfe Zunge. Sie verehrte William S. Hart, den noblen Westernhelden, sie schwärmte für den Meistermimen Charlie Chaplin, und sie brüstete sich, aus »bestem amerikanischen Pionierholz« geschnitzt zu sein: in Kansas geboren, nach Nevada und schließlich Südkalifornien verzogen, wo sie ihren Mann kennen lernte, Gladys’ Vater, der 1918 in den Ardennen »das Gas abgekriegt« hatte, wie Della vorwurfsvoll sagte, aber er hatte »immerhin überlebt. Da muss man unseren Politikern direkt dankbar sein, oder?«

    Ja, es gab einen Grandpa Monroe, Dellas Mann. Er lebte mit ihnen in derselben Wohnung, und Norma Jeane gab man zu verstehen, er möge sie nicht, aber irgendwie war Grandpa gar nicht richtig da. Auf Nachfrage zuckte Della bloß mit den Achseln und meinte: »Immerhin überlebt.«

    Grandma Della! Ein in der ganzen Nachbarschaft bekanntes »Original«.

    Von Grandma Della hatte Norma Jeane alles, was sie über Gladys wusste oder zu wissen glaubte.

    Das Unumstößliche an Gladys war das Unergründliche an Gladys: Sie konnte Norma Jeane keine richtige Mutter sein. Derzeit nicht.

    Warum nicht?

    »Gebt ja nicht mir die Schuld!«, rief Gladys und zündete sich mit fliegenden Händen eine Zigarette an. »Gott hat mich schon genug gestraft.«

    Gestraft? Inwiefern?

    Wenn Norma Jeane es wagte, solche Fragen zu stellen, blinzelte Gladys sie aus schönen graublauen blutunterlaufenen Augen an, in denen immer ein nassschimmernder Rand stand. »Untersteh dich. Nach dem, was mir Gott angetan hat. Verstanden?«

    Norma Jeane lächelte. Lächeln hieß nicht etwa, dass du verstanden hattest, aber du warst damit zufrieden, nicht zu verstehen.

    Andererseits: Offenbar hatte Gladys vor Norma Jeane schon »andere kleine Mädchen« gehabt – »zwei kleine Mädchen«. Wo waren diese Schwestern geblieben?

    »Gebt ja nicht mir die Schuld, verflucht

    Es stand offenbar auch fest, dass Gladys, die mit einunddreißig noch sehr jung aussah, schon die Frau von zwei Männern gewesen war.

    Es stand eindeutig fest, und Gladys gab wie eine Filmfigur mit einem liebenswerten Spleen auch freimütig zu, dass ihr Nachname sich häufiger änderte.

    Die Geschichte hatte Della erzählt, es war eine ihrer mütterlichen Leidensgeschichten, dass nämlich Gladys 1902 in Hawthorne, Los Angeles County, auf den Namen Gladys Pearl Monroe getauft worden war. Mit siebzehn hatte sie (entgegen Dellas Wunsch) einen Mann namens Baker geheiratet und wurde somit Mrs. Gladys Baker, aber das war (natürlich!) schiefgegangen, nach nicht einmal einem Jahr waren die beiden wieder geschieden, und Gladys hatte den »Gasmann Mortensen« (Vater der zwei verschwundenen Schwestern?) geheiratet, was jedoch (natürlich!) ebenfalls schiefgegangen war, und Mortensen war aus Gladys’ Leben verschwunden und niemand weinte ihm eine Träne nach. Nur: Dummerweise war Gladys’ Name auf einigen Papieren immer noch mit Mortensen angegeben, sie hatte ihn nicht ändern lassen und würde das auch nicht tun, weil ihr alles Angst machte, was mit Registern und Gesetzen zu tun hatte. Mortensen war natürlich nicht Norma Jeanes Vater; Mortensen hatte Gladys zur Zeit von Norma Jeanes Geburt eben geheißen. Und zu allem Überfluss – eine weitere Tatsache, die Della zur Weißglut trieb, weil das Ganze so absurd war – lautete Norma Jeanes Nachname offiziell Baker und nicht Mortensen.

    »Und wieso?«, ereiferte sich Della gegenüber jedem aus der Nachbarschaft, der willens war, sich solche Narrheiten anzuhören. »Weil meine verrückte Tochter Baker als ›das kleinere Übel‹ von beiden betrachtete.« Della geriet zunehmend in Aufruhr. »Und ich liege nachts wach und mache mir Sorgen um das Kind; wie soll die Kleine denn noch wissen, wer sie ist? Ich sollte das Kind adoptieren und dafür sorgen, dass es einen guten, anständigen, sauberen Namen bekommt – ›Monroe‹.«

    »Mein kleines Mädchen adoptiert niemand!«, erklärte Gladys mit Nachdruck. »Jedenfalls nicht, solange ich lebe

    Leben. Norma Jeane wusste, wie wichtig es war zu leben.

    So kam es also, dass Norma Jeane amtlich als Norma Jeane Baker registriert war. Mit sieben Monaten war sie von der bekannten Evangelistin Aimee Semple McPherson (zu deren Glaubensgemeinde Della damals gehörte) im Angelus Temple of the International Church of the Foursquare Gospel getauft worden, und sie würde weiterhin so heißen, und zwar bis zu dem Tag, an dem sie von einem Mann einen neuen Namen bekam, einem Mann, der sich Norma Jeane zur Frau nahm, ebenso wie sich ihr Name eines Tages kraft Männerbeschluss ganz und gar ändern würde. Ich tat, was von mir verlangt wurde. Verlangt wurde, dass ich lebe.

    Eine seltene Anwandlung mütterlicher Vertraulichkeit veranlasste Gladys dazu, Norma Jeane zu verraten, dass ihr Name ein besonderer sei: »›Norma‹ heißt du nach der großen Norma Talmadge, und ›Jeane‹ nach – wem wohl? Der Harlow.« Die Namen bedeuteten dem Kind nichts, aber es sah Gladys schon beim Klang dieser Namen erschauern. »Deine Bestimmung ist es, beide in einem zu verkörpern.«

    5

    »Also, Norma Jeane. Nun weißt du Bescheid.«

    Erkenntnishell wie die Sonne. Prägnant wie ein Schlag mit dem Handrücken. Gladys’ lippenstiftroter Raubtiermund, der so selten lächelte – jetzt lächelte er. Ihr Atem ging schwer, als sei sie gerannt.

    »Du hast sein Gesicht gesehen. Das Gesicht deines wahren Vaters, der nicht Baker heißt. Aber du darfst es niemandem erzählen, hörst du? Auch nicht Della.«

    »J-ja, Mutter.«

    Zwischen Gladys’ sorgfältig nachgezogenen Brauen erschien die steile Falte.

    »Wie bitte, Norma Jeane?«

    »Ja, Mutter.«

    »Na also

    Das Stottern war Norma Jeane nicht ausgetrieben worden. Aber es hatte sich von ihrer Zunge ins Kolibriherz verlagert, wo es nicht auffiel.

    In der Küche streifte Gladys einen ihrer eleganten schwarzen Tüllhandschuhe ab und zog ihn Norma Jeane am Hals entlang, eine kitzelige Liebkosung.

    Was für ein Tag! Ein Nebel aus Glück, wie milder, feuchter Dunst auf einer flachen Stadtlandschaft. Glück mit jedem Atemzug. Gladys murmelte:

    »Happy Birthday, Norma Jeane!« und: »Habe ich dir nicht gesagt, Norma Jeane, dass dies ein besonderer Tag werden würde, dein Tag?«

    Das Telefon klingelte. Aber Gladys lächelte still und hob nicht ab.

    Die Jalousien waren bis auf die Fensterbänke heruntergezogen. Gladys sprach von »neugierigen« Nachbarn.

    Gladys hatte den linken Handschuh abgestreift, nicht aber den rechten. Den rechten schien sie vergessen zu haben. Norma Jeane fiel auf, dass die leicht gerötete Haut ihrer entblößten linken Hand von dem eng anliegenden Handschuh mit kleinen Rauten bedruckt war. Gladys trug ein hochgeschlossenes, in der Taille eng gegürtetes Kleid aus rotbraunem Crêpe mit weitem Rock, der ein atemlos wisperndes Geräusch machte, wenn sie sich bewegte. Es war ein Kleid, das Norma Jeane noch nicht kannte.

    Jeder Augenblick war bedeutungsgeladen. Jeder Augenblick wie ein Herzschlag, eine Warnung.

    Am Tisch in der Essecke der Küche füllte Gladys angeschlagene Kaffeetassen: Traubensaft für Norma Jeane und für sich selbst eine streng riechende »Medizin«. Die Überraschung war eine luftige Biskuittorte für Norma Jeane! Mit einer vanilleweißen Creme überzogen, mit sechs kleinen rosa Kerzen gespickt, mit sirupdünn kleckrigen knallroten Lettern, die verkündeten:

    HAPPY BIRTDAY

    NORMAJEAN

    Der Anblick der Torte und ihr köstlicher Duft ließen Norma Jeane das Wasser im Mund zusammenlaufen. Obwohl Gladys schimpfte. »Dieses besoffene Aasstück von Bäcker! ›Geburtstag‹ falsch schreiben, und deinen Namen obendrein – dabei habe ich ihm den extra buchstabiert!«

    Mit einiger Mühe gelang es Gladys, trotz ihrer zittrigen Hände – oder vielleicht wackelte ja das Zimmer oder die Erde tief innen drin (in Kalifornien wusste man nie recht, was »wirklich« war und was in einem selbst) –, die sechs winzigen Kerzen anzuzünden. An Norma Jeane war es jetzt, die blassen, fickrigen Flämmchen auszupusten. »Und dabei musst du dir etwas wünschen, Norma Jeane«, drängte Gladys sie und beugte sich eifrig vor, bis ihr Gesicht das warme Kindergesicht fast berührte. »Du musst dir wünschen, dass Duweißtschon bald zu uns zurückkehrt. Los!« Also schloss Norma Jeane die Augen ganz fest, wünschte es sich und pustete mit einmal Luftholen alle kleinen Kerzen aus bis auf eine. Die übernahm Gladys. »Na siehst du. Brav.« Es dauerte etwas, bis Gladys ein Messer fand, mit dem sich die Torte gut schneiden ließ, sie kramte in einer Schublade und fand schließlich ein »Schlachtermesser – nicht erschrecken!«, und die Klinge dieses langen scharf blitzenden Messers glitzerte wie die Sonne auf der Brandung in Venice Beach, bis die Augen wehtaten, aber nicht hinsehen ging auch nicht, obwohl ja Gladys nichts weiter machte, als mit angestrengt gerunzelter Stirn die Klinge in die Torte zu versenken, und sie drückte zur besseren Führung die bloße linke Hand auf die behandschuhte rechte und schnitt für sie beide große Stücke heraus; die Torte war in der Mitte etwas feucht und klebrig, und die Stücke ragten weit über die Ränder der Untertassen, die Gladys als Teller benutzte. So gut! Die Torte war so gut. Wirklich, in meinem ganzen Leben hat keine Torte so gut geschmeckt wie die. Mutter und Tochter schlangen gierig; für beide war dies das Frühstück, und es war längst zwölf vorbei.

    »Und nun, Norma Jeane: die Geschenke.«

    Wieder klingelte das Telefon. Und wieder schien es die strahlende Gladys nicht zu hören. Sie erklärte gerade, weshalb sie keine Zeit gehabt hatte, Norma Jeanes Geschenke richtig einzupacken. Das erste war eine hübsche Häkeljacke aus feiner rosafarbener Baumwolle mit winzigen gestickten Rosenknospen als Knöpfen, eine Jacke für ein jüngeres Kind vielleicht, weil sie bei Norma Jeane, die zart war für ihr Alter, etwas eng saß, aber Gladys, die die Jacke wortreich bewunderte, schien es nicht zu bemerken – »Entzückend! Wie eine Prinzessin.« Es folgten kleinere Geschenke, Anziehsachen: weiße Söckchen, Unterwäsche (an denen noch die Preisschilder aus dem Dime store klebten). Gladys hatte ihre Tochter schon sehr lange nicht mehr mit solchen notwendigen Dingen ausstaffiert – Gladys lag auch mit den Zahlungen an Della etliche Wochen im Rückstand –, und Norma Jeane freute, dass es Della freuen würde. Sie bedankte sich bei der Mutter, und Gladys schnippte mit den Fingern und meinte: »Ha! Das ist doch erst der Anfang. Los.« Triumphierend rauschte Gladys mit Norma Jeane nach nebenan ins Schlafzimmer, der Domäne des Bilds-von-einem-Mann, und zog aufreizend langsam die obere Kommodenschublade auf – »Voilà, Norma Jeane! Für dich

    Eine Puppe?

    Norma Jeane stellte sich auf die Zehenspitzen und hob so hastig wie unbeholfen die Puppe, eine Puppe mit Goldhaar, mit blauen Glaskulleraugen, mit rosa Knospenmund heraus, da sagte Gladys: »Weißt du noch, Norma Jeane, wer hier mal geschlafen hat, in dieser Schublade?« Norma Jeane schüttelte den Kopf, nein. »Nicht in dieser Wohnung, aber in dieser Schublade. In genau dieser Schublade. Weißt du nicht mehr, wer hier einmal geschlafen hat?« Wieder schüttelte Norma Jeane den Kopf. Ihr wurde unbehaglich. Gladys starrte so, die Augen geweitet, als äffte sie die Puppe nach, nur waren Gladys’ Augen von einem verwaschenen Graublau und ihre Lippen blutrot. Gladys lachte. »Du. Du, Norma Jeane. Du hast früher in dieser Schublade geschlafen! Ich war damals so arm, dass ich mir kein Bettchen leisten konnte. Also bekamst du die Schublade als Bettchen, als du noch winzig klein warst; und das war uns gut genug, nicht wahr?« Gladys’ Stimme wurde schrill. Wenn zu dieser Szene Musik gehörte, dann ein schnelles Stakkato. Norma Jeane schüttelte den Kopf, nein, ihr Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an, der Blick trübte sich plötzlich vor Nichterinnernkönnen, Nichterinnernwollen: Sie konnte sich auch nicht erinnern, Windeln getragen zu haben, oder wie Della und Gladys darum gerungen hatten, sie sauber zu kriegen. Wäre Zeit gewesen, die obere Schublade der Kommode genauer zu untersuchen, und auch, wie sich die Schublade ganz reinschieben ließ, wäre ihr übel geworden, hätte sie jene Angst-Übelkeit ganz tief im Bauch verspürt, die sie oben auf einer Treppe überkam oder wenn sie aus einem sehr hoch gelegenen Fenster schaute oder wenn sie zu nah am Brandungssaum entlanglief und eine große Welle sich brach, denn wie sollte sie, ein großes Mädchen von sechs Jahren, jemals in so wenig Raum gepasst haben? – und hatte vielleicht jemand die Schublade zugeschoben, damit man ihr Schreien nicht hörte? –, aber es blieb keine Zeit für solche Gedanken, jetzt, da sie doch ihre Geburtstagspuppe in den Armen hielt, die schönste Puppe, die sie je aus der Nähe gesehen hatte, so schön wie Dornröschen im Bilderbuch, mit dem schulterlangen welligen Goldhaar, so seidenweich wie echtes Haar, viel schöner als Norma Jeanes welliges hellbraunes Haar und so ganz anders als das künstliche Haar anderer Puppen. Die Puppe trug ein Spitzenhäubchen und ein geblümtes Flanellnachthemd, und ihre Haut war eine gummiglatte, zarte ebenmäßige Haut, und ihre winzigen Finger waren wunderschön ebenmäßig! Und an den kleinen Füßen trug sie weiße Baumwollschühchen mit rosa Bändern! Norma Jeane quietschte vor Aufregung, und um ein Haar wäre sie ihrer Mutter um den Hals gefallen, doch Gladys versteifte sich fast unmerklich, und so wusste das Kind, dass es sie nicht berühren durfte. Gladys steckte sich eine Zigarette an und stieß genüsslich den Rauch aus; sie rauchte Chesterfields, wie Della auch (nur dass Della das Rauchen als schlimmes Laster betrachtete und fest vorhatte, es zu überwinden), und dann sagte Gladys in scherzhaftem Ton: »Es hat viel Umstand gemacht, dir diese Puppe zu beschaffen, Norma Jeane. Da erwarte ich auch, dass du die volle Verantwortung dafür übernimmst.« Verantwortung für die Puppe – die Worte blieben so seltsam im Raum stehen.

    Wie sehr sollte Norma Jeane die blonde Puppe lieben! Eine der großen Lieben ihrer Kindheit.

    Eines allerdings beunruhigte sie: wie offensichtlich knochenlos Arme und Beine der Puppe waren, wie sie sich hin und her schlenkern ließen. Wenn man die Puppe auf den Rücken legte, klappten die Füße einfach nach außen weg. Norma Jeane stammelte: »W-wie heißt sie denn, Mutter?« Gladys hatte ein Fläschchen Aspirin hervorgesucht, schüttelte sich mehrere Tabletten in die Hand und schluckte sie gleich so. Die gezupften Augenbrauen übertrieben hochgezogen, verkündete sie in kehligem Harlow-Ton: »Das liegt ganz bei dir, Kindchen. Es ist deine Puppe.«

    Was mühte sich Norma Jeane, auf den Namen der Puppe zu kommen. Sie mühte sich wirklich, aber es war wie in Gedanken stottern: ihr fielen überhaupt keine Namen mehr ein. Das machte ihr Kummer, sie begann, am Daumen zu lutschen. Namen waren doch so wichtig! – Die Leute brauchten doch Namen, wie solltest du sonst an sie denken, und sie brauchten auch einen Namen für dich, denn was wurde sonst aus dir?

    Norma Jeane bettelte: »Mutter, wie heißt die P-puppe? Bitte

    Eher belustigt als ärgerlich, so schien es jedenfalls, rief Gladys von nebenan: »Mein Gott, nenn das Ding eben Norma Jeane – ist ja so helle wie du, ehrlich, so wie du dich manchmal anstellst.«

    Die viele Aufregung, das Kind war erschöpft. Zeit für Norma Jeanes Mittagsschlaf.

    Aber: das Telefon klingelte. Als aus Nachmittag langsam Abend wurde. Und das Kind dachte voller Sorge: Warum geht Mutter nicht ans Telefon? Wenn es Vater ist? Oder weiß sie, dass es nicht Vater sein kann, und woher weiß sie das, wenn es das ist, was sie weiß?

    In den Märchen von den Gebrüdern Grimm, die Grandma Della Norma Jeane vorlas, geschahen Dinge, die ebenso gut Träume hätten sein können, so seltsam und beängstigend waren sie, nur waren es keine Träume. Da wäre man lieber wach geworden, aber das ging nicht.

    Wie müde Norma Jeane war! Sie hatte solchen Hunger gehabt und so viel Torte gegessen, der kleine Vielfraß hatte zu viel Geburtstagstorte gegessen, und das zum Frühstück, sodass ihr jetzt übel war und die Zähne wehtaten, und vielleicht gab Gladys ja ein bisschen von ihrem besonderen farblosen Trank in Norma Jeanes Traubensaft – »nur einen Fingerhut, nur zum Spaß« –, jedenfalls konnte sie die Augen nicht mehr offen halten, der Kopf sackte weg, als wäre er aus Holz, und Gladys musste sie ins heiße, stickige Schlafzimmer führen und auf das durchgelegene Bett heben, obwohl Gladys es nicht gern sah, wenn sie da auf der Chenille-Tagesdecke schlief, also zerrte Gladys dem Kind die Schuhe von den Füßen und schob ihr, in diesen Dingen stets pingelig, ein Handtuch unter den Kopf, »damit du mir das Kissen nicht vollsabberst«. Die kürbisgelbe Tagesdecke aus Chenille, die erkannte Norma Jeane von früheren Besuchen in früheren Domizilen ihrer Mutter wieder, auch wenn sie inzwischen verschossen war; sie war voller Brandlöcher, übersät mit rätselhaften Schmierflecken und Stellen, die nach Rost oder getrocknetem Blut aussahen.

    Von der Wand neben der Kommode sah Norma Jeanes Vater auf sie herab. Bei halb geschlossenen Augen behielt sie ihn im Blick. Sie flüsterte:

    »Dad-dy

    Zum ersten Mal! An ihrem sechsten Geburtstag.

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