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Sex, Erotik, Liebe. Der Umgang der Männer mit Frauen durch die Jahrtausende, ermittelt aus Sprachen und Texten
Sex, Erotik, Liebe. Der Umgang der Männer mit Frauen durch die Jahrtausende, ermittelt aus Sprachen und Texten
Sex, Erotik, Liebe. Der Umgang der Männer mit Frauen durch die Jahrtausende, ermittelt aus Sprachen und Texten
eBook860 Seiten10 Stunden

Sex, Erotik, Liebe. Der Umgang der Männer mit Frauen durch die Jahrtausende, ermittelt aus Sprachen und Texten

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Über dieses E-Book

Dieses dreibändige Werk zeigt auf faszinierende Weise, wie sich in Schriftdokumenten der Umgang der Menschen mit Sexualität niederschlägt. Adalbert Podlechs akribische Recherchen weisen nach, dass es durch die Jahrtausende Männer waren, die bestimmten, wie Sex, Liebe und Erotik ausgelebt wurden. Podlech veranschaulicht anhand detaillierter etymologischer Erklärungen, wie sich der Umgang mit der Lust, die Beziehung der Geschlechter zueinander, vom 1. Jahrtausend v. Chr. bis zum Mittelalter in Indien, in den Ländern um das Mittelmeer und in Mitteleuropa veränderte. Er beschreibt, wie gesellschaftliche, gesetzliche und religiöse Entwicklungen sich auf den Umgang zwischen Mann und Frau auswirkten. In diesem grundlegenden Werk wird eines ganz deutlich - die Lebensformen haben gewechselt, die Gesellschaftsstrukturen haben sich durch die Jahrtausende geändert, aber das eine blieb bis ins vorige Jahrhundert gleich: Der Mann sieht sich als Herr über den Körper der Frau. Doch auch unter diesen Bedingungen konnte immer wieder das aufblühen, was wir heute Liebe nennen.
SpracheDeutsch
HerausgeberAllitera Verlag
Erscheinungsdatum14. Sept. 2012
ISBN9783869064444
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    Buchvorschau

    Sex, Erotik, Liebe. Der Umgang der Männer mit Frauen durch die Jahrtausende, ermittelt aus Sprachen und Texten - Adalbert Podlech

    Sex, Erotik und Liebe im Arabischen

    Die Frau – Objekt der Lust und Partnerin in der Liebe

    Die Männer stehen über den Frauen.

    (Sure 4:34)

    Jeder, der keine Ehe eingeht, vernachlässigt das Feld zu bestellen, seine Frau durchzupflügen, ḥiraṯa, und läßt den Samen brachliegen. Er benützt die Organe nicht, die Gott geschaffen hat, und verletzt die Ordnung der Natur.

    Abū Ḥāmīd Muḥammad al-Ġazālī

    Eure Frauen sind euch ein Saatfeld, al-ḥarṯ.

    Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt.

    (Sure 2:223)

    Das Ziel der Liebe, al-ḥubb, ist beim Menschen gewiß Vereinigung. Vereinigung zweier Seelen und Vereinigung ihrer Körper.

    Muḥyī’d-Dīn Ibn ‘Arabī

    Wenn du in der Liebesumarmung volles Glück finden willst, so mußt du darauf bedacht sein, daß beide Partner beglückt und befriedigt werden.

    ‘Umar Ibn Muḥammad an-Nafzāwī

    Beginn der Lexikoneintragungen

    ¹,²,³

    ’alif

    al-insāna,⁴ die Frau.⁵

    al-’bāḥa, die Erlaubnis, die Freigabe. Davon: ’ibāḥī, zügellos, ausschweifend, frivol. al-’ibāḥīya, die Zügellosigkeit.

    al-ibtiz̧āl, die Nachlässigkeit, besonders die Nachlässigkeit der weiblichen Kleidung, der unmoralische oder anstößige Lebenswandel.

    ’abbana, einen Toten feiern, auf jemanden eine Leichenrede halten. Davon: al-ibān, die Zeit. al-ubna, die Knabenliebe von Seiten des passiven Teils, die passive Penetration. al-ma’bun, der Lustknabe, der Weichling.

    al-’abla, die Frau.

    aṯara, überliefern, wirken, Eindruck machen, vorziehen, lieben, ganz für sich nehmen, sich aneignen. Davon: al-aṯara, die Selbstsucht. al-īṯār, die Bevorzugung, die Liebe. at-ta’aṯṯur, die Erregung, das Ergriffensein.

    al-’iḥṣān, die Unbescholtenheit einer Frau, die Wohlbehütetheit einer Frau.

    ‘aḥmar, rot. Damit: al-’aḥmar laila, die Liebesnacht.

    al-iẖtilāṭ, die Vermengung, die Verwirrung, der Verkehr. Damit: iẖtilāṭ al-ğinsain, das Zusammenleben der Geschlechter, der Aufenthalt von Männern und Frauen im selben Raum oder am selben Ort.

    aẖaḏa, nehmen, hernehmen, ergreifen, fesseln. Davon: al-aẖiḏa, die Beute, die gefangene Frau.

    aduba, wohl erzogen sein, fein gebildet sein. Davon: al-adab, die feine Bildung, die schöne Literatur. al-adabīyāt, die Literatur. al-adīb, der Mann von feiner Bildung. al-adība, die Frau von feiner Bildung, die der Literatur mächtige Frau.at-ta’dīb, die Erziehung, die Zucht, die Bestrafung, die Züchtigung.⁷

    azara, bedecken, umhüllen, sich gegenseitig beistehen. Davon: al-izār, der Lendenschurz, der Überwurf, die Umhüllung, die Decke, die Decke des Liebesverlangens.

    asara, binden, fesseln, gefangen nehmen. Davon: al-asīra, die Sklavin.

    ista‘mal, gebrauchen, benützen. Davon: al-isti‘mal, der Gebrauch, die Benutzung.¹⁰

    al-istirğāl, das männliche Verhalten einer Frau, die Vermännlichung.

    al-’aḍrub, das Schlagen.¹¹

    Erster Exkurs: Frauen schlagen – an-nisā’ ‘aḍrub

    Männer schlagen Frauen. In allen Kulturen haben Männer Frauen geschlagen.¹² Geschlagen wird zur Strafe und zur Lust. Und wer will beides unterscheiden?

    Aus der Beduinen-Zeit, der Ğāhilīya, der vorislamischen Zeit, wird berichtet, daß die Männer ihre Frauen mit der Peitsche schlugen. In der Beduinen-Geschichte »Der Opfergang des Numair« [1] versetzt ein Mann seiner vermeintlichen Frau Ğaidā’ 30 Hiebe mit der Peitsche, weil sie Milch verschüttet hatte. Ğaidā’ aber hatte in der Nacht den Platz im Zelt mit Numair getauscht, um sich mit dessen Freund al-Aštar zu verlustieren. So erhielt der als Frau verkleidete nachts im Zelt liegende Numair die grausame Strafe, 30 Peitschenhiebe auf den Rücken. Die Mutter tröstet ihre vermeintliche Tochter, verlangt aber Gehorsam gegenüber dem Mann und schickt Ğaidā’s Schwester in das Zelt, den gepeitschten Rücken der vermeintlichen Schwester zu salben. Und Numair »durfte seine Lust bis zur Neige bei ihr stillen«, während sich al-Aštar mit Ğaidā vergnügte. Die Moral der alten Beduinen-Geschichte ist klar. Der grausame Ehemann wird bestraft durch die Untreue seiner Frau und der Freund ihres Geliebten wird für die ertragenen Schmerzen belohnt mit der Lust an der Schwester.

    Eine Geschichte aus der Umgebung Mohammeds lautet: al-Aš‘at Ibn Qais, ein Stammesführer des Stammes der Kindā, der mit Mohammed den Vertrag der Unterwerfung der Kindā unter den Islam abschloß, berichtete von einer Unterhaltung mit einem Prophetengefährten, daß dieser während der Unterhaltung plötzlich aufgestanden sei und seine Frau geschlagen habe. Als er beide versöhnen wollte, hätte der Hausherr, nachdem er sich wieder auf die Polster niedergelassen habe, zu ihm gesagt: »O al-Aš‘at! Merke dir gut, was ich selbst aus dem Mund des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil! – gehört habe. Er sagte nämlich: ›Frage niemals einen Mann nach dem Grund, weswegen er seine Frau schlägt!‹« Daß Mohammed dies gesagt habe, ist sicher von den Männern erfunden worden, um ihre Frauen weiter zu schlagen wie bisher. Die Beduinen haben ihre Frauen mit der Peitsche geschlagen und daran sollte sich auch im Islam nicht viel ändern.

    Die grundlegende Wortsippe ist ḍaraba, schlagen, schmerzen, sich bewegen, erregt sein, eine Frau bespringen. Davon abgeleitet ist aḍ-ḍarba, pl. aḍ-ḍarbāt, der Schlag, der Stoß, die Schläge. al-’aḍrub, das Schlagen. an-nisā’ ‘aḍrub, das die Frauen Schlagen. aḍ-ḍirāb, die Begattung.

    Geschlagen wird aus Lust. Schon die Wortsippe aus ḍaraba stellt diese Verbindung von Sexualität und Schmerzzufügung deutlich her. ḍaraba heißt im I. Stamm auch bespringen, eine Kamelin oder eine Frau bespringen, und ḍirāb, im Wörterbuch farblos mit »Begattung« übersetzt, ist diese für den Mann lustvolle Tätigkeit. Ist Schlagen ein Liebesspiel, lahw, dann können es beide Geschlechter gegenseitig spielen – taḍāraba, sich gegenseitig schlagen – und das Spiel setzt Einverständnis voraus.¹³

    Geschlagen wird zur Strafe. In patriarchalischen Sklavenhalterge-sellschaften steht dem Mann, dem Familienoberhaupt, das Recht der Züchtigung über Sklaven, Kinder und die Frauen zu. Der Strafgewalt der Männer waren natürlich die Sklaven und die Sklavinnen am ungeschütztesten ausgeliefert. Es wird das Ḥadiṯ¹⁴ überliefert: »Wenn eine Sklavin – mit einem anderen Mann als ihrem Herrn – Unzucht treibt, straft sie mit Peitschenhieben; tut sie es abermals, straft sie mit Peitschenhieben, und tut sie es erneut, so straft sie mit Peitschenhieben. Dann sollt ihr sie verkaufen, und sei es für ein Stück Seil.«¹⁵

    Wer zur Strafe schlägt, nimmt sich ein Recht über den Anderen heraus. Männer sind körperlich stärker als Frauen und so können sie Frauen schlagen, wie sie wollen, und sie behaupten, dazu auch ein Recht zu haben. Und so heißt es: »Die Männer stehen über den Frauen. … Wenn ihr fürchtet, daß Frauen sich auflehnen, našaza,¹⁶ dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!« (Sure 4:34)¹⁷ ‘Ā’iša, die Lieblingsfrau des Propheten, berichtet von einer Frau, die über ihren Mann klagte: »Alle Mängel und Laster dieser Welt sind in ihm vereinigt. Er schlägt mir ins Gesicht, er fügt mir Verletzungen zu, oder sogar beides zugleich.« Frauen waren den Männern ausgeliefert.

    Der Koran will die Macht der Männer über Frauen einschränken.¹⁸ Offensichtlich hatte Mohammed den Männern verboten, ihre Frauen zu schlagen, wollte er die grausame Praxis der Männer der Ğāhilīya beenden.¹⁹ Aber er wurde von Gott korrigiert. Die Entstehungsgeschichte der Stelle, die den Männer das Recht einräumt, ihre Frauen zu schlagen, lautet: Eines Tages kam eine Frau zu Mohammed, deren Mann sie geschlagen hatte, und forderte von ihm als Richter, Ḥākim, Recht gegen ihren Mann. Mohammed richtete nach Talionsrecht, das heißt, er verurteilte den Mann zu den Schlägen, die er seiner Frau gegeben hatte. Da kam dieser Vers herab: »Die Männer stehen über den Frauen. … Wenn ihr fürchtet, daß Frauen sich auflehnen, našaza, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett ²⁰ und schlagt sie!« (Sure 4:34) Dieser Vers korrigierte das Urteil des Propheten und gab dem Mann gegen seine Frau Recht. Leider wird nicht überliefert, warum der Mann seine Frau geschlagen hatte. Nach aṭ-Ţabarī fügte Mohammed der Bekanntgabe des Verses hinzu: »Ich wollte eine Sache und Gott wollte eine andere Sache.«²¹ Nach anderen Überlieferern hat er zu dem so von Gott verliehenen Recht der Männer, im Falle der Widersetzlichkeit, nušūz, ihre Frauen zu schlagen, gesagt: »Nun gut, schlagt sie, aber nur die Schlechtesten unter euch werden dies tun.« ²² Immerhin, Schlagen war jetzt an einen ganz bestimmten Tatbestand gebunden, und die Juristen, die Fuqahā’, mußten jetzt definieren, was Widersetzlichkeit, nušūz, der Frauen gegen ihre Männer war.²³ Sie haben nicht zu ihren eigenen Ungunsten ausgelegt. Jedenfalls die Weigerung einer Frau, sich der sexuellen Besitzergreifung ihres Körpers durch ihren Mann zu widersetzten, galt als nušūz.

    Und schließlich wird geschlagen zur Strafe aus Lust. Schlagen im Liebesspiel aus Lust und zur Lust setzt Einverständnis voraus. Es ist ein ‘abaṯ, ein frivoles Spiel, das beide zusammen spielen, ‘abiṯa, Unfug treiben, spielen, sich amüsieren.²⁴ Aber der Stärkere braucht kein Einverständnis dafür, sich seine Lust zu nehmen. Und so schlagen Männer strafend zu ihrer Lust. Ein Ḥadīṯ legt die sexuelle Komponente der Züchtigung offen. Es sagt: »Keiner von euch darf seine Frau wie einen Sklaven auspeitschen und sie dann auch noch nach Tagesende beschlafen.« Wenn die Šarī‘a dies verbietet – erst peitschen, dann beschlafen –, dann ist es auch vorgekommen. Der Text ist natürlich – wie so viele Rechtstexte – mehrdeutig. Erste Interpretation: Die geschlagene Ehefrau darf beschlafen werden, erst wenn die Züchtigung die Intensitätsstufe der Auspeitschung eines Sklaven erreicht, was erlaubt ist, ist die Beiwohnung – um die Frau zu schonen? – verboten. Zweite Interpretation: Die Ehefrau, die der Mann ja immer beschlafen darf, wenn er dies will, darf überhaupt nicht wie ein Sklave gepeitscht werden. Dritte Interpretation: Nach der auch ohne Exzeß erfolgenden Züchtigung darf der Mann seine Frau nicht beschlafen. Und wie steht es mit den dem Herrn ausgelieferten Sklavinnen? Stand es dem Herrn frei, sie zu züchtigen und sexuell zu benützen, wie er wollte? Wenn es schon heißt: »Frage niemals einen Mann nach dem Grund, weswegen er seine Ehefrau schlägt!«, dann ist die Sklavin erst recht dem Geheimnis der Frauengemächer anheimgegeben.

    Und es wurden nicht nur die Sklavinnen gepeitscht. Von Ibn Abī Mulaika, einem Koran-Rezitator der Frühzeit, wird berichtet, daß er seine Frau mit Palmzweigen peitschte, weil sie sich mit der Nachbarin unterhalten hatte. Und von ‘Aqīl Ibn ‘Ulafa, einem Dichter aus Medina, wird berichtet, daß er seine Tochter mit der Peitsche schlagen wollte, weil er annahm, daß sie Wein gekostet habe. Ihr Bruder warf sich nach der Überlieferung dazwischen und bekam die Schläge ab.

    al-Ġazālī, der bedeutendste islamische Theologe des Mittelalters (gest. 1111) schrieb im Traktat über die Ehe ²⁵ und behandelt die Züchtigung: »Der Mann soll im Fall der Widersetzlichkeit der Frau sie strafen und mit Gewalt zum Gehorsam zurückbringen. … Er soll aber darauf achten, bei der Bestrafung eine gewisse Abstufung einzuhalten, und zwar in der Weise, daß er sie zunächst ermahnt und ihr eine Strafe androht. Hilft das nichts, so soll er ihr im Bett den Rücken zukehren oder überhaupt alleine schlafen und während er mit ihr zusammen im Hause bleibt, sie gänzlich meiden, einen Tag bis drei Tage lang. Fruchtet auch das nichts, so soll er sie schlagen, ohne sie zu schädigen, das heißt, ihr zwar Schmerzen zufügen, aber nicht so, daß ihr ein Knochen gebrochen wird oder sie blutet. Auch darf er sie nicht ins Gesicht schlagen, das ist verboten.« Diese Schläge werden der Frau nicht im Zorn über ihr Verhalten spontan verabreicht, sondern in der Weise des angekündigten Urteils, so wie früher in der Schule die Schüler zu ihrer Strafe vor die Klasse treten mußten und die Mädchen die Schläge auf die hingehaltenen Hände und die Jungen gebückt auf ihren Hintern erhielten. Wie mögen sich die Frauen fühlen, die so vor ihren schlagenden Mann treten müssen. Und immer leben sie in dem Bewußtsein, daß der Mann, dem sie im Hause und im Bett Gehorsam schuldig sind, sie für eine Widersetzlichkeit schlagen wird. Ein Ḥadīṯ sagt: »Hänge deine Peitsche da auf, wo deine Frau sie sieht!«

    Wird in der wiedergegeben Geschichte aus der Zeit der Ğāhilīya die Ehefrau für die verschüttete Milch mit 30 Peitschenhieben bestraft, so müssen es später wichtigere Anlässe sein. Eine der drei Damen aus der »Geschichte des Lastträgers und die drei Damen« aus »Tausendundeine Nacht« hatte beim Abschluß ihrer Ehe dem Bräutigam, einem Kalifensohn, geschworen, keinen anderen Mann anzusehen oder ihm eine Zuneigung zu schenken. Im Basar wurde sie einmal schwach, hob ihren Schleier bis über den Mund und ließ sich küssen. Ihr Ehemann, der sie zuerst dafür töten wollte, ließ sie von Sklaven nackt ausziehen, niederwerfen, »holte einen Quittenzweig herbei, fiel damit über ihren Leib her und peitschte ihren Rücken und ihre Flanken«, bis sie in Ohnmacht fiel und für immer die Narben an ihrem Körper trug.

    Waren die Mütter geschlagen worden, so billigen sie es, wenn ihre Töchter geschlagen werden. In der Geschichte von der »Ehe des Šuraiḥ Ibn al-Ḥadīṯ und der Zainab« entgegnet die Schwiegermutter des Šuraiḥ, der ihr gegenüber seine Ehe mit Zainab lobt: »Es gibt kein größeres Übel für eine Frau, als wenn sie einen Knaben zur Welt bringt – und dafür Anerkennung bekommt! – oder es gut bei ihrem Mann hat. Wenn dir der geringste Argwohn kommt, so greife zur Peitsche! Denn, bei Gott, die Männer können nichts Schlimmeres zu Hause haben, als eine verwöhnte Frau.« Und in der oben angeführten Geschichte »Der Opfergang des Numair« tröstet die Mutter zwar ihre Tochter wegen der harten und ungerechten Bestrafung durch den Mann, aber sie verlangt ihren Gehorsam gegenüber ihrem Mann. Männer bestimmen die Ordnung der Frauen und die Mütter setzen sie den Töchtern gegenüber durch.

    Brauchte man, der Mann, einen Grund, seine Frau zu schlagen? An der oben zitierten Geschichte von al-Aš‘at Ibn Qais, der sich wunderte, daß sein Gesprächspartner seine Frau einfach schlug, offensichtlich ohne einsehbaren Grund, und auf sein Erstaunen zur Antwort bekam: »Frage niemals einen Mann nach dem Grund, weswegen er seine Frau schlägt!«, ist die gesellschaftliche Bedeutung dieses Ḥadīṯ wichtig: das Schlagen der Frauen ist eine innerfamiliäre Angelegenheit und nicht der Beurteilung der Nachbarn und Freunde unterworfen. Und so schlägt der Mann im Gefühl der Berechtigung wann und wie er will. Und der Schleier, al-ḥiğab, der Frauengemächer, ẖudūr, deckt alles zu.

    Ende des Exkurses

    al-ağā, der Herr, der Haremswächter, der Eunuch.

    al-iġiṣāb, der Raub, die Vergewaltigung einer Frau.

    al-iġrā, die Verlockung, die Verführung, der Anreiz.

    ’aġya, von einem Mädchen gesagt: jung und zart.

    alifa, vertraut sein. Davon: al-ilf, der Vertraute, der Freund, der Liebhaber. al-ulfa, die Vertrautheit, die Freundschaft, die Liebe.²⁶

    al-’alya, der Hintern, der Arsch.

    al-ama, die Magd, die Sklavin.²⁷

    amuna, treu sein, zuverlässig sein, glauben, vertrauen. Davon: al-īmān, der Glaube. al-amāna, die Treue, das Vertrauen.²⁸

    ’anuṯa, weiblich sein. Davon: al-’anāṯā, das Weibchen. al-’unūṯa, die Weiblichkeit, die Fraulichkeit.

    anisa, gesellig sein, freundlich sein. Davon: al-insān, der Mensch, al-ins, die Menschheit, der Mann. al-insāna, die Frau, das weibliche Wesen. al-anisa, die zärtliche Gesellschafterin.²⁹

    ahala, eine Frau nehmen, heiraten, geeignet machen, ermöglichen, zugänglich machen.³⁰ Davon: al-ahl, der Angehörige, die Familie, die Ehefrau, die Leute.

    bā’

    batala, abschneiden, abtrennen, züchtig sein, keusch leben. Davon: al-batūl, die Jungfrau.³¹

    al-baida, die Frau mit dem schönen Gesicht.

    al-badr, der Vollmond.³²

    badana, beleibt sein. Davon: al-badan, der Körper, besonders der Körper einer Frau.³³

    al-badw, die Wüste, die Nomaden, die Beduinen. Davon: al-badawīa, die Beduinin.³⁴

    bāḍa, Eier legen, an einem Ort bleiben. Davon: al-baiḍa, das Ei, die Hode. baiḍa al-ẖidr, die Frau, die von der Außenwelt abgeschnitten ist, die anständige Frau.³⁵

    baḏi‘a, Zoten reißen, obszön sprechen.³⁶ Davon: baḏī‘, zotig, obszön, unzüchtig, (von Worten): unflätig, geschmacklos. al-baḏā‘a, die Unanständigkeit, die Obszönität.

    baḏala, spenden, gewähren, bereitwillig hergeben, sich als Frau preisgeben, sich ordinär benehmen.³⁷

    bāra, brach liegen, (von einem Mädchen gesagt): keinen Mann bekommen.

    barada, kalt sein, erkalten. Davon: al-barida, die kühle Frau, die Frau, die beim Koitus unerregt bleibt.³⁸ al-burūda, die Gefühlskälte. al-burūda ğinsī, die sexuelle Kälte, die Frigidität.³⁹

    al-burqu‘, der Frauenschleier, der nur die Augen freiläßt.

    bazza, Knospen treiben. Davon: al-buzz, die Brustwarze der weiblichen Brust, die weibliche Brust.⁴⁰

    bāsa, küssen. Davon: al-būsa, der Kuß.

    bašara, sich freuen, gute Nachricht bringen, in unmittelbarer Berührung sein, sexuell miteinander verkehren.⁴¹ Davon: al-bašar, der Mensch. ⁴² bašarī, menschlich. al-bašara, die Haut, der Teint.

    baṣbaṣa, wedeln, verliebte Blicke zuwerfen.

    baḍa‘a, aufschneiden, aufschlitzen, öffnen,⁴³ einer Frau beiwohnen. ⁴⁴ Davon: al-buḍ‘, der Schlitz, die Vulva, das weibliche Geschlecht.⁴⁵

    al-baṭn, der Bauch.

    al-baz̧r, der Kitzler, die Klitoris.⁴⁶ Davon: muda‘abāṯ al-baz̧r, das Spielen an der Klitoris, die Klitorismasturbation.⁴⁷

    al-ba‘l, der Gott Ba‘al, der Herr, der Gebieter, der Ehemann.⁴⁸ Davon: al-ba‘la, die Ehefrau.

    baġā, suchen, wünschen, begehren, unterdrücken, vergewaltigen, Unzucht treiben. Davon: al-ibtiġā’, die Begierde.⁴⁹ al-buġya, der Gegenstand des Wunsches, das Begehr. al-baġīy, die Hure. al-biġā, die Prostitution.⁵⁰ al-mabġan, das Bordell.⁵¹

    baqara, spalten.⁵² Davon: al-baqar, die Kuh. baqarī, nach der Art des Stiers, (vom Mann gesagt): eine Frau von hinten nehmen, nach der Art der Kuh, (von der Frau gesagt): sich von hinten nehmen lassen.⁵³

    bakara, früh aufstehen, als erster nehmen, eine Frau deflorieren. Davon: al-bikr, die Jungfrau. al-bakāra, die Jungfräulichkeit.⁵⁴ ġišā al-bakāra, das Jungfernhäutchen, das Hymen. al-bukūriyā, die Erstgeburt, das Erstgeburtsrecht, ḥiğab al bukūriyā, das Jungfernhäutchen, das Hymen.

    balaġa, erreichen, einen Zustand erreichen, reif werden. Davon: mablaġa r-riğāl, (von einem Mann gesagt): die Mannbarkeit erreichen, volljährig werden. balaġa ašuddahū, den Höhepunkt erreichen, zum Orgasmus kommen.⁵⁵

    al-banṭalūn, die Hose.⁵⁶

    al-bāh, der Beischlaf,⁵⁷,⁵⁸ die männliche Potenz, die Sexualität, die Lehre von den Liebesakten, die Liebeslehre.⁵⁹

    bahā, schön sein. Davon: al-bahā’, die Schönheit.⁶⁰

    tā’

    at-tadlīk, die Massage, das Durchkneten des Körpers.⁶¹

    at-tadallul, die Koketterie.⁶²

    taraka, hinterlassen. Davon: at-tarika, die Hinterlassenschaft. at-tarīka, die unverheiratet gebliebene Frau, die alte Jungfer.

    al-tirm, der Po, der Hintern, der Arsch; pl. al-atram, die Arschbacken.⁶³

    at-tasliya, die Abwechslung, die Zerstreung.⁶⁴

    at-tashīb, das Balzverhalten eines Mannes, der eine Frau zu seiner Lust verführen will,⁶⁵ das Werben, die Liebeserklärung.

    at-tall, der Hügel. tilāl ar-raml, die Sandhügel.⁶⁶

    tāma, durch Liebe hörig oder versklavt werden.⁶⁷

    at-tahayyuğ, die leidenschaftliche Verliebtheit, das sexuelle Begehren auf seinem Höhepunkt, die sexuelle Ekstase.

    istahama, jemanden rasend vor Liebe machen. Davon: al-mustaham, der Liebeswahn.⁶⁸

    ṯā’

    aṯ-ṯady, die weibliche Brust, die Brüste.

    aṯ-ṯundu’a, die männliche Brust.

    aṯ-ṯayyib, die unverheiratete, aber deflorierte Frau – also eine geschändete, geschiedene oder verwitwte Frau.⁶⁹

    ğīm

    al-ğaib, die Brust, die Brüste,⁷⁰ die Furche zwischen den Brüsten, der Busen, das Dekolleté.

    al-ğirāb, der Sack, der Hodensack.

    ğarā, fließen, einverstanden sein, geschehen lassen, üblich sein. Davon: al-ğāriya, das Mädchen,⁷¹ die Sklavin, die als Konkubine gehaltene Sklavin, die Lustsklavin.

    Zweiter Exkurs: die Lustsklavin – al-ğāriya

    Die alten Kulturen haben aus der Liebe eine Kunst gemacht, eine Kunst, deren Ziel zwar al-išbā‘, die Sättigung, die Befriedigung der sexuellen Begierde, al-ğaša‘, war, deren eigentlicher Inhalt aber nicht einfach der Geschlechtsakt bildete, al-wiqā‘. Das Lustziel, den Orgasmus, al-inti‘az, hat ein Mann rasch erreicht und danach kommt die Leere: post coitum omne animal triste. Und so wird aus einem biologischen Vorgang eine kulturelle Leistung. Und da sich dieser Vorgang in einer Männerordnung abspielte, waren die Leistenden die Frauen und die Leistungsempfänger die vornehmen und wohlhabenden Männer. Sind die Lust leistenden Frauen freiberuflich tätig, werden sie Hetären, arabisch ‘azrīyāt, genannt, sind sie Sklavinnen, sind es Lustsklavinnen, ğāriyāt. Im alten Vorderen Orient ging es fast immer um solche ğāriyāt.

    In der indischen Kultur heißt es:⁷²

    Die großen Hetären sind Schönheiten

    mit verführerischen jungen Körpern,

    süßen Stimmen und bezaubernden Manieren.

    Sie schätzen die Spiele der Liebe

    und achten den Charakter eines Mannes mehr als sein Geld.

    Körperliche Schönheit und erotische Ausstrahlungskraft – in den arabischen Geschichten heißt es immer »Sie war von großer Schönheit und Anmut« – ist die erste Voraussetzung, wenn Frauen Männern Lust bereiten sollen. Aber die Befriedigung, al-išbā‘, der sinnlichen Begierde, aš-šabaq, ist rasch erreicht. Und so wird aus der einfachen ğimā‘, dem Geschlechtsverkehr, eine Kunst der Unterhaltung, des Vergnügens: lahā, sich unterhalten, spielen, tändeln, verliebt sein, lieben, sich amüsieren. Davon: al-lahw, die Unterhaltung, der Zeitvertreib, das Spiel, das Liebesspiel. Und wird die Kunst dieses Spiels der Liebe vervollkommnet, so wird es dīn al-hawa, der Kult der Liebe, und die Lehre, diese Kunst zu lernen, heißt al-bāh, der Beischlaf, die Lehre von den Liebesakten, die Liebeslehre. Die vollkommene Spielerin dieses Liebesspiels ist die ğāriya, die Lustsklavin. ğarā heißt fließen, einverstanden sein, geschehen lassen, üblich sein. Davon: al-ğāriya, das Mädchen, die Sklavin, die als Konkubine gehaltene Sklavin, die Lustsklavin, pl. al-ğāriyāt. Schon als junges Mädchen wurde sie ausgebildet in allen Künsten, die Männern Lust und Vergnügen bereiten. Oft waren es geraubte oder eingeführte Mädchen.⁷³ In klassischer Zeit waren junge Griechinnen besonders beliebt. Je weißer ihre Haut war, um so wertvoller waren sie.

    In der »Geschichte von der Sklavin Tawaddud« aus »Tausendundeine Nacht« wird eine solche Sklavin vorgeführt. Abū l-Ḥusn, der Vater der Schönheit, hat sie geerbt. Und über ihr Äußeres heißt es: »Sie hatte nichts ihresgleichen an Schönheit und Lieblichkeit, an strahlender Vollkommenheit und an des Wuchses Ebenmäßigkeit.⁷⁴ … Sie hatte Gazellenaugen und schön gewölbte Brauen. Ihre Nase war wie des Schwertes Schneide; und ihre Wangen prangten im Anemonenkleide. Ihr Mund schien das Siegel Salomos zu sein; die Zähne waren wie Perlenreihen. Ihr Nabel konnte eine Unze Behennußöl fassen; ihr Rumpf war schlanker als der Leib dessen, den die Liebe verzehrt und heimliche Sehnsucht hatte dahinsiechen lassen; und ihre Hüften ⁷⁵ waren wie der Sandhügel Massen.«

    Hat eine Mädchen eine solche malāmiḥ, eine solche äußere Erscheinung, dann muß sie als zweites die Kunst der sinnlichen Leidenschaft beherrschen, ‘išq, die Kunst, Männern körperliche Lust in Vollendung zu verschaffen. ‘išq heißt auch Liebe, Liebesleidenschaft, Liebesglut, Liebesbegierde und kommt von ‘ašiqa, leidenschaftlich lieben, fest ineinanderfügen. Denn das Ziel eines jeden Liebesspiels ist at-ta‘šīq, die enge Ineinanderfügung, die körperliche Verschmelzung des Liebhabers, al-‘iššīq, mit der Geliebten, al-‘ašīqa. Die Sklavin wird ausgebildet mata‘a l-‘iššīq,⁷⁶ den Liebhaber in Lust zu befriedigen. Sie muß die Stellungen, auḍa, und Bewegungen, ihtizāz, des Liebesaktes beherrschen und die Worte, al-aqwāl, das Stöhnen, at-tanahhud, und die Schreie, aṣ-ṣarẖat.⁷⁷ Als die höchste Hingabe, al-ikbāb, galt es, wenn sie ihn als kabbazāh verwöhnte, ihn allein durch die Kontraktion ihrer Scheidenmuskeln zur Befriedigung führen konnte: kabba, auf das Gesicht niederwerfen, sich beugen, sich ganz hingeben, sich anschmiegen; davon: al-ikbāb, die Hingabe; al-kabbazāh, die Halterin, die den Penis mit ihrer Scheide melkende Frau. Eine solche Scheide wurde al-hazzāz, die Schüttelnde, genannt.⁷⁸ Das Problem war, daß eine Frau dem Mann diese Lust am besten im Rollentausch, kalib al-mihi, verschaffen kann, diese Lage für den Mann aber oft als beschämend galt.⁷⁹ In klassischer Zeit wurden die als Lustsklavin, ğāriya, vorgesehenen Sklavinnen besonders als Halterin, kabbazāh, ausgebildet. Im Sklavenhandel wurden für sie Höchstpreise gezahlt.

    Aber die Beherrschung der Kunst der körperlichen Liebe reichte nicht, um in der Konkurrenz der Sklavinnen im Harem zu bestehen. Das, was die Herren an einer Sklavin schätzten, waren außer ihrer Schönheit, al-ḥusn, und ihrer Fähigkeit der sexuellen Erregung, al-ihtizāz, was selbstverständlich war, die Beherrschung von Tanz, raqṣ, Gesang, ġinā’, literarischer Bildung, adab und erotischer Konversation, muğūn.

    Also nicht nur die Künste der unmittelbaren sinnlichen Lustbefriedigung mußte eine ğāriya beherrschen. Die nächste Stufe ihrer Ausbildung waren Lautenspiel, Gesang und Tanz. Von dem Namen für eine Gesangssklavin, al-qaina, pl. al-qiyān, die Sängerin, die Sangessklavin, wurde eine ğāriya auch einfach qaina genannt. Die qaina wurde zum Bild der verführerischen Frau überhaupt. Ibn al-Waššā’ (gest. 936) hat ihr in seinem Anstandsbuch ein ganzes Kapitel gewidmet. Außer der Beherrschung der Kunst der sinnlichen Leidenschaft, ‘išq, der Kunst, Männern körperliche Lust in Vollendung zu verschaffen, war die Beherrschung der Kunst des Gesangs, ġinā’, das Wichtigste, ja, diese Kunst schloß alle Künste der Sinnlichkeit ein. al-Ğāḥiz̧ (775-868) schreibt von der Sangessklavin: »Sie hört nicht auf, in ihrem Beruf zu lernen und sich ihm zu widmen, indem sie bei Gesangmeistern Unterricht nimmt, deren Musiklektion ein einziges Liebesspiel und deren Vortrag nur ein Versuch zur Verführung ist.« Und an anderer Stelle heißt es bei ihm: »Wie soll die Sangessklavin, al-qaina, vor der Versuchung sicher sein oder wie soll es ihr möglich sein, keusch zu bleiben, da sie sich doch die Kunst der Leidenschaft, ‘išq, aneignet, wie sie die Sitten und Sprachen ihrer Umgebung lernt.« Und schließlich: »Die Eigenschaft, durch welche die Sangessklavinnen ungewöhnliche Preise erreichen, ist die Leidenschaft, die sinnliche Liebesglut, ‘išq, die sie hervorrufen.« ⁸⁰

    Auch in den Geschichten steht immer die Sangeskunst an erster Stelle. So heißt es in der »Geschichte von dem Manne aus Jemen und seinen sechs Sklavinnen« aus »Tausendundeine Nacht«: »Nun hatte er sechs Sklavinnen zu Nebenfrauen, die waren wie Monde anzuschauen; weiß war die erste, braun die zweite; dick war die dritte, schlank die vierte; gelb war die fünfte und schwarz die sechste. Alle aber waren schön von Angesicht und von vollendeter Bildung und verstanden die Kunst des Gesanges und des Saitenspiels.« Und in den Geschichten werden viele Männer schon liebesverrückt, wenn sie nur den Gesang einer qaina hören.

    Auch die Kunst des Tanzes, raqṣ, mußte eine ğāriya oder qaina beherrschen. In der Geschichte »Ali Baba und den vierzig Räubern« spielt Mardschāna, eine sowohl wunderschöne wie außerordentlich kluge Sklavin eine wichtige Rolle. Und von ihr heißt es: »Während die drei Männer nun so fröhlich beinander saßen, traten plötzlich Mardschāna und ’Abdallāh bei ihnen ein. Mardschāna trug ein Hemd von durchbrochener, alexandrinischer Arbeit, dazu eine Jacke aus königlichem Brokat und andere prächtige Kleider, und sie war mit einem goldenen Gürtel, der mit allerlei Edelsteinen besetzt war, geschmückt. Ihr Leib war schmal, und darunter wölbten sich ihre Hüften.⁸¹ Auf ihrem Haupte lag ein Perlennetz und um ihren Hals eine Kette von Smaragden, Hyazinthen und Korallen; und darunter wölbten sich ihre beiden Brüste wie zwei Granatäpfel. Sie glich einer Blume des Frühlings, wenn er zuerst erwacht, und dem Monde in seiner Vollendung Nacht. Aber auch Abdallāh trug prächtige Gewänder, und er hatte ein Tamburin in der Hand, das er schlug, während sie wie die kunstvollen Tänzerinnen tanzte.⁸² Als Ali Baba sie sah, freute er sich und sprach lächelnd zu ihr: ›Willkommen der freundlichen Maid, der Dienerin voller Lieblichkeit! Du hast trefflich gehandelt, denn wir sehnten uns gerade nach dem Tanze; so vollendet sich unsere Glückseligkeit, so krönt sich unsere heitere Fröhlichkeit.‹« Seinem Gast gegenüber preist er seine Sklavin: » ›Sieh doch, edler Herr, die Lieblichkeit ihres Ansehens, die Schlankheit ihres Wuchses, die Schönheit ihres Tanzes, wie sie sich zierlich biegt und sich anmutig wiegt.‹ … Dann tanzte Mardschāna wieder einen schönen Tanz ganz wie die kunstvollen Tänzerinnen, und sie begann sich rascher zu bewegen, bis sie schließlich einen Dolch aus ihrem Gürtel zog, und tanzte, wie es die Beduinenmädchen tun.«⁸³ Stammt diese Geschichte wohl erst aus osmanischer Zeit, so ist doch sicher, daß der orientalische Tanz, raqṣ aš-šarqī,⁸⁴ aus mindestens zwei Wurzeln stammt, die schon am Kalifenhof in Bagdad kunstvoll vereinigt wurden. Aus ägyptisch-nubisch-afrikanischen Wurzeln stammen die Becken- und Brustbewegungen und aus Indien die Handbewegungen. Die Kunst des raqṣ aš-šarqī besteht darin, den ganzen Körper und alle seinen einzelnen Teile in die harmonische Tanzbewegung einzubeziehen.⁸⁵

    Tanzte oder sang eine qaina während eines Gelages, walīma,⁸⁶ so war es üblich, daß die Männer ihr ein Goldstück auf die Wange drückten, das kurz an der Schminke haften blieb.⁸⁷ Und so heißt es in einem Gedicht aus »Tausendundeine Nacht«:

    Ach, herrlich ist der Rose Schönheit, sie vereinet

    Die trauten Reize all, mit denen Gott sie schmückt,

    Sie gleicht der Wange der Geliebten, wenn beim Nahen

    Ein sehnsuchtsvoller Freund auf sie ein Goldstück drückt.

    Eine ğāriya ist aber erst vollkommen ausgebildet, wenn sie auch die Grundlagen der Wissenschaft beherrscht. Wohl in keiner Kultur wurde auf die literarische und wissenschaftliche Ausbildung von Frauen, deren einzige Aufgabe es war, im Harem dem Herrn oder in geselligen Runden den ja immer männlichen Gästen sinnliche Freuden zu verschaffen, solcher Wert gelegt, wie im klassischen Arabien am Abbasidenhof.⁸⁸ Unter dem Stichwort al-adab, die feine Bildung, wurde in diesen Kreisen ein doppeltes verstanden, die Fähigkeit der lockeren, geistreichen, erotischen Unterhaltung, muğūn, und die Fähigkeit, sich am wissenschaftlichen Gespräch, muḥādaṯa, zu beteiligen. Eine Selbstverständlichkeit jeder Bildung in der klassischen Zeit und somit auch für eine ğāriya war es, sich in Stegreifgedichten oder in auswendig beherrschten Gedichten aus einem Repertoire unterhalten zu können.

    Die erotische Konversation, al-muğūn, diente dem Spaß: mağana, spaßen, scherzen, unverschämte Späße machen Davon: mağğān, (Adj.): zügellos, schamlos, (Subst.): der Spaßmacher; al-muğūn, der Spaß, die Ausgelassenheit, die Zote;⁸⁹ al-muğn, die Erotik. Diese am Abbasidenhof gepflegte erotische Konversation leitete oft Orgien ein. al-Ğāḥiz̧ nennt als die Themen der Lieder der Sangessklavinnen und der Gespräche in Freundesrunde, an denen ja Frauen nur als Sklavinnen teilnahmen: »Ehebruch, Kuppelei, sinnliche Leidenschaft, Sehnsucht und Sinneslust«. Und Ibn al-Waššā’ (um 860-936), der die lasziven Lustbarkeiten am Hof disziplinieren wollte, führt Beispiele dafür an, was eine vornehme Frau, eine z̧urafā, bei Tisch nicht sagen darf:⁹⁰ »Das ist deine Rose!⁹¹ Das ist deine Mandel! Das sind deine Granatäpfel!⁹² Das ist deine Lotusfrucht!⁹³ Ebensowenig würde eine Dame zur anderen sagen: ›Hebe dein Bein hoch!‹ oder ›Hebe den Saum deines Kleides auf!‹ oder ›Setz dich darauf!‹, ›Führe ihn ein!‹, ›Zieh ihn heraus!‹ oder ›Zieh ihn hoch!‹, ›Bausche ihn auf!‹ ›Laß ihn los!‹ oder ›Laß ihn frei!‹ oder ›Nimm ihn weg!‹ oder ›Drehe ihn um!‹ oder ›Mache los!‹ oder ›Du hast ihn losgemacht!‹ »⁹⁴ Führt Ibn al-Waššā’ in seinem Anstandsbuch nur an, was eine Dame nicht sagt, so werden in der Sammlung »Tausendundeine Nacht« Themen und Beispiele solcher Gespräche ausgebreitet. Sie konnten wohl sehr derb sein. In der »Geschichte des Lastträgers und der drei Damen« setzen sich in den ersten Runden die Damen nackt auf den Schoß des Mannes, deuten auf ihre intimsten Körperteile und lassen sich die – wohl von ihnen innerlich vorgestellten – Namen dafür sagen – es gibt im Arabischen unzählige dafür – und wenn der Mann falsch rät, wird er durch Schläge bestraft.⁹⁵ Dann wechselt das Spiel, die Damen müssen raten, aber der Mann schlägt jetzt die falsch Ratenden nicht, sondern erst beißt er sie nur, aber schließlich ist die Strafe die Umarmung: »Dann küßte und biß und umarmte er sie, bis sein Herz sich an ihnen Genüge getan hatte.«

    Ob das unten unter al-faras, das Pferd, die Stute, wiedergegebene frivole Gespräch zwischen ‘Alī Ibn al-Ğahm und der Sklavin eines vornehmen Mannes, das von der Frau als Stute, den Zügeln, der Peitsche für die Frau und dem Mann als Liebhaber handelt, ein Gespräch im Freundeskreis war oder in einem Club, in dem sich die ğāriyāt den zahlenden Liebhabern anboten,⁹⁶ ist aus dem Bericht von Ibn al-Waššā’ nicht zu entnehmen. Ein Beispiel für muğūn ist es jedesmal.

    Waren dies frivole Unterhaltungen, so galt als Vollendung einer ğāriya ihre Kenntnis der Wissenschaften, ihre Fähigkeit, sich am wissenschaftlichen Gespräch, muḥādaṭa, zu beteiligen. Dies war schon im alten Indien so. In einer Geschichte aus dem 8. Jahrhundert, »Der Asket und die Hetäre«, heißt es von der Ausbildung einer Hetäre, einer gaņikā⁹⁷: »Die heranwachsende – zur Hetäre bestimmte – Jungfrau muß in allen Wissenschaften der Liebe und in deren Nebenwissenschaften, in den Künsten des Tanzes, des Gesangs, der Instrumentalmusik, des Schauspiels, der Malerei, der Leckerbissen, Wohlgerüche und Blumen und in der Kenntnis der Schrift, in gewandter Rede und ähnlichen Dingen gehörig unterrichtet werden, desgleichen wenigstens oberflächlich in den Wissenschaften der Grammatik, der Logik und der Astrologie, sie muß sich einweihen lassen in die Kenntnis der verschiedenen Berufe, in die Künste der Scherze und in die Spiele mit Belebtem und Unbelebten.«⁹⁸

    Aber eine Lustsklavin, sie mochte noch so gebildet sein, immer war sie bestimmt für das Bett ihres Herrn oder auch seiner Gäste. Zu Enīs el-Dschelīs, einer Lustsklavin, ğāriya, von der es in »Tausendundeine Nacht« heißt »Sie erlernte die Kunst der schönen Schrift, die Grammatik, die Wortkunde, die Auslegung des Korans, die Grundsätze der Rechtswissenschaft ⁹⁹ und der Theologie,¹⁰⁰ der Heilkunde und der Zeitrechnung, und sie versteht die Musikinstrumente zu spielen«, sagt der Wesir: »Wisse, meine Tochter, ich habe dich als Bettgenossin für den König gekauft.«

    Wurden so die Lustsklavinnen oder Sangessklavinnen ausgebildet, um alle Lüste, Sehnsuchte und Wünsche der reichen Männer zu befriedigen, so verhielten sie sich auch so.¹⁰¹ Und dafür wurden sie von den Frommen gescholten. Wenn al-Ğāḥiyz̧ in dem oben angeführten Zitat rhetorisch fragt: »Wie soll die Sangessklavin, al-qaina, vor der Versuchung sicher sein oder wie soll es ihr möglich sein, keusch zu bleiben, da sie sich doch die Kunst der Leidenschaft, ‘išq, aneignet, wie sie die Sitten und Sprachen ihrer Umgebung lernt«, dann mußte ihm klar sein, daß eine Sklavin, die zur Lustbefriedigung der Männer ausgebildet wird, das koranische Verbot außerehelicher Sexualität nicht einhalten konnte. Und Ibn al-Wašš’ beginnt sein Kapitel über die Sangessklavin mit den Sätzen: »Ihre Liebe ist ganz und gar verlogen, ihre Liebessehnsucht gespielt und falsch! Ihr Liebesverlangen entspringt der Langweile und ist vom Überdruß gekennzeichnet. Es ist weder fest noch ausdauernd. Es dient nur der Befriedigung ihrer Begierden – nein, der fromme Mann wagt nicht zu schreiben: »Es dient nur der Befriedigung der Begierden der Männer«–. Es ist für sie nur ein schöner Zeitvertreib, eine vorübergehende Laune. Sie haben es nur darauf abgesehen, so schnell wie möglich zu ihrem Ziel zu gelangen, wodurch man auf die Niedrigkeit ihrer Handlungen und die Schlechtigkeit ihres Charakters schließen kann.« Immer wieder waren Männer erstaunt, wenn sich Frauen so verhielten, wie es der Rolle entsprach, die ihnen die Männer aufgezwungen hatten.

    In dem, was indische, griechische und arabische ¹⁰² Hetären leisteten, waren sie sich sehr ähnlich – aber in einem war ein grundsätzlicher Unterschied. Die Mädchen und Frauen, die im Harem männlicher Lust dienten, waren Sklavinnen im rechtlichen Sinne des Wortes.¹⁰³ Da außerehelicher oder besser, außerhalb der Intimität des ḥarīm, der Frauengemächer des Hauses, sich vollziehender Geschlechtsverkehr verboten war, ḥarām, konnte sich ein freies Hetärentum nicht oder kaum entwickeln.¹⁰⁴ Aber die indischen und griechischen Hetären waren meist freiberuflich tätig, oft gesellschaftlich hoch geachtet, die ğāriyāt waren Sklavinnen im eigentlichen Sinne des Wortes. Indische und griechische Hetären waren Frauen, von denen sich Männer, wie sich der Komödiendichter Euboulos ausdrückte, Lust kaufen können, a quibus licet voluptatem emere; ğāriyāt und qiyān waren Frauen, die Männer sich zur Lust kaufen können.¹⁰⁵

    Dennoch hat sich zur Zeit der Hochblüte der Abbasiden, als sich die Kultur in Dekadenz wandelte, eine Art halbfreien Hetärentums herausgebildet. Sklavinnen wie die griechischen dikteriadai ¹⁰⁶ waren nicht in der Lage, den verwöhnten und anspruchsvollen Männern der goldenen Zeit die Vergnügungen und die Lust zu verschaffen, die sie gewohnt waren. Die Eigentümer und Herren von Sangessklavinnen ¹⁰⁷ ließen, wie aus Ibn al-Waììā’ deutlich wird, ihre Sklavinnen auf dem Markt der Liebe jagen, junge, reiche Männer zu verführen, für sich selbst Reichtümer zu erwerben, um dann an diesen Reichtümern zu partizipieren.¹⁰⁸ Diese auf Gesellschaften auftretenden Sklavinnen wurden nicht verkauft, sondern schafften an. Bezahlen hieß oft, wertvolle Sachgeschenke machen, und ob Golddinare oder Juwelen geschenkt wurden, war damals auch kein großer Unterschied. Und Ibn al-Waššā’ zitiert ein Gedicht:

    Ja, es ist schon so: Wer solch ein Mädchen liebt,

    der kann auf echte Liebe niemals hoffen!

    Und glücklich wird er nimmer mit ihr werden,

    das Glück kommt niemals von ihr her.

    Denn ihre Zärtlichkeit zu dir währt nur,

    solang Geschenke sie von dir erhoffen kann.

    Und er zählt auf, was reiche Männer ihrer Geliebten schenkten und womit Sklavinnen beschenkt werden konnten: »Mit Ambra parfümierte und gefärbte Hemden, mit Moschus parfümierte und gefärbte Überwürfe, parfümierte Mäntel, Pomaden aus Laẖlaha-Parfümen, wohlgeordnete enge Halsketten aus Kampfer, Halsketten aus fermentierten Gewürznelken, stark riechender Moschus, graue Ambra, indische Aloe, Nadd aus der Schatzkammer des Kalifen, Rosenwasser aus Ğūr, junge Hammel, frischgeborene Zicklein, chinesische Enten, Kücken aus Kaskar, vorzügliche Hühner, gemästete Hähnchen, mit Basilienkraut garnierte Karpfen und Früchte aller Art. Es folgen alle Sorten von Wein, angefangen vom Honigwein, Dattelwein und Gekochtem bis hin zum teuren Sonnenwein, Zuckerwein und Rosinenwein. Dann sind natürlich auch bald, und zwar monatlich, die neuen Dinare an der Reihe und die Kleinigkeiten von Dirhams mit den gekreuzten Schwertern und in Beuteln aus gewebtem Brokat, aus Halbseide und in Tüchern aus mit Sternen besticktem Stoff. Ja, sie läßt nicht nach in ihrem Begehren nach Geschenken und ihrem Sinn nach kleinen Gaben aller Art. Dazu gehören dann noch die wohlgegstimmten Lauten aus kostbarem Holz des Weihrauchwacholders, die lackierten Plektra für die Laute und die chinesischen Saoten.« Diese Sklavinnen waren nicht zu kaufen, sondern nur benutzbar, solange man sie und ihren Herrn bezahlen konnte. Und sie ließen sich benutzen von jedem, der schenkte und zahlte.

    Zahlte der Liebhaber genug, hatte er für einige Zeit das Exklusivrecht an ihrem Körper. Zahlte er nicht genug, mußte er sich ihre Gunst mit anderen teilen. Es gab ein Wort dafür: aḍ-ḍimād, das Verbinden, die Unterhaltung mehrerer Liebschaften durch eine Frau. Und so schreibt ein eifersüchtiger Liebhaber seiner Geliebten:

    Du möchtest, Liebe, mich und Ḥālid zum Geliebten?

    Oh weh dir! Zwei Schwerter soll‘n in eine Scheide?

    Zwischen einer ausgebildeten Sangessklavin, die nicht zur Spitzenklasse gehörte und die ihre Liebhaber hatte, einer qaina, und einer Prostituierten, fāḥišā, mußte kein großer Unterschied bestehen. Aber wenn die ğāriya beschenkt wurde und nicht bezahlt wie eine baġīy, oder eine fāḥišā, eine Hure, dann konnten sich der Mann als Liebhaber, at-ta‘šīq, und die Frau als Geliebte, al-‘iššīq, fühlen. Und – außerehelicher Geschlechtsverkehr war verboten und stand formal unter schweren Strafen. Bei einer fāḥišā, qaḥda oder ‘awāhir, den Prostituierten oder Huren, war klar, daß der Geschlechtsverkehr Ziel ihrer Benützung und Entlohnung war. Wozu suchte man sie sonst auf? Eine qaina hingegen bot Unterhaltung, Lautenspiel und Gesang, auch wenn die Nacht im Bett endete. Und war der Freier vornehm und vermögend, und das war er immer, griff die Obrigkeit nicht ein. Für sie waren die Räume, die für ein walīma, ein Gelage zur Verfügung gestellt wurden, auf dem Sklavinnen, amawāt, als Dienerinnen Wein einschenkten und die ğāriyāt ihre Fähigkeiten anboten, Gesang, Lautenspiel und Konversation, kein Bordell, sondern eine private Veranstaltung. Wir würden es heute einen Club nennen.¹⁰⁹

    Sklavinnen waren in der goldenen Zeit das Lebenselexier der vornehmen und wohlhabenden Männer. Der Flirt, al-ġazal, war ein Gesellschaftsspiel damals in Bagdad. Aber mit wem konnten die jungen Lebemänner, Stutzer oder elganten Männer, die fityān, ğāriyāt und qiyān az̧-z̧arīf, schon flirten? Die Sklavinnen waren das unerschöpfliche Reservoir. Und eine qaina garantierte im Gegensatz zu einer fāḥišā Niveau. Eine qaina auszuhalten bot gesellschaftliche Anerkennung und mit der Sklavin eines fremden Herrn zu flirten und selbst sie zu genießen, verletzte keine Ehre, bot höchstens Schwierigkeiten, keine Gefahr, und wenn er sie ohne Einwilligung des Herrn benutzt hatte, zahlte er al-‘uqr, die Entschädigung für den unberechtigten Geschlechtsverkehr mit der Sklavin eines Anderen. Und so mißbilligt Ibn al-Waššā’: »Was ich in dieser Beziehung beobachtet habe, zeigt deutlich, daß die Mehrzahl derjenigen Gebildeten, die mit Frauen eine Liebelei anzufangen pflegen, das Verlangen nach einem Liebesverhältnis mit einer Sklavin verspüren.« Und er fährt fort: »Sängerinnen verbreiten doch nur trügerische Hoffnung und spielen an der Oberfläche. Man kann sie nur viel schneller und leichter zu Willen haben als Hausfrauen, die wohlbehütet in den Zelten leben!¹¹⁰ Die Sängerinnen sind auf jeden Fall falsch, jene aber, die Hausfrauen, haben keine Gelegenheit zur Liebe!« – das Dilemma der vornehmen Männer der Kalifenzeit!

    Der wohlhabende Mann konnte sich eine Lustsklavin einfach kaufen und wenn er wollte mehrere und als Herrscher oder hoher Beamter bekam er sie auch einfach geschenkt. Während die Eheschließung mit einer freien Frau strengen Regeln unterlag, er sie vor der Hochzeitsnacht unter Umständen nie gesehen hatte, konnte sich der Mann die Fähigkeiten der Sklavin, die er für Lust und Liebe kaufte, prüfen und ihre körperlichen Vorzüge genau betrachten.¹¹¹ ğassa, eine Sklavin befühlen, betasten, erkunden erforschen, war der Ausdruck für diesen Vorgang. al-Ğāḥiyz̧ schreibt: »Manche, die die Ursache zu ergründen suchen, warum sich die meisten Sklavinnen bei den Männern einer größeren Beliebtheit erfreuen als die Mehrzahl der rechtmäßigen Frauen,¹¹² argumentieren damit, daß der Mann, bevor er Eigentümer einer Sklavin wird, sie betrachten und außer ihrer Gunst und dem Alleinsein mit ihr alles an ihr kennenlernen kann.« Erst die gekaufte Sklavin durfte als die dem Mann gehörige Sache nach Sure 4:3 sexuell benutzt werden.

    Eine ğāriya oder qaina hatte im Harem natürlich eine herausragende Stellung und ihrerseits Sklavinnen, die ihr als Dienerinnen dienten. Als in der »Geschichte von ’Alā ed-Dīn Abu esch-Schamāt« aus »Tausendundeine Nacht« der Kalif seine Sklavin Kūt el-Kulūb ’Alā ed-Dīn schenkt, spricht der Kalif: »Bei meinem Leben und bei den Gräbern meiner Ahnen, ich schenke sie dir samt ihren Mägden.« Sklavinnen müssen sich rasch auf ihre Herren einstellen. Als der Kalif zu Kūt el-Kulūb spricht: »Ich habe dich dem ’Alā ed-Dīn zum Geschenk gemacht«, heißt es: »Darüber war sie erfreut, denn sie hatte ihn gesehen und lieb gewonnen.« Und die Sklavin Kūt el-Kulūb wird auf Geheiß des Kalifen in einer Sänfte in das Haus ’Alā ed-Dīns getragen und ihre Mägde begleiten sie.

    Eine ğāriya, eine Lustsklavin, surrīya, eine Konkubine, eine ḥaz̧īya, eine Favoritin, ‘ašīqa, eine Geliebte, sie blieb, wenn sie nicht, was selten vorkam, frei gelassen wurde, eine Sklavin. Und wenn die Gefühle des Herrn erloschen, eine andere ihren Platz verdrängte, dann konnte sie an einen Freund verschenkt oder auf dem Sklavenmarkt verkauft werden. Sprechen die Ausdrücke wirklich von Liebe? Die Wortfelder zeigen anderes.

    Ende des Exkurses

    ğariba, versuchen, erproben. Davon: al-muğarib, der Versucher, der Mann, der Frauen ausprobiert.¹¹³

    ğarada, schälen, entblößen, entkleiden, frei sein. Davon: at-tağrīd, die Entkleidung, die Entblößung. muğarrad, entblößt, nacktbefreit, frei.

    ğassa, befühlen, betasten, erkunden durchforschen (eine Sklavin auf dem Markt durch Abtasten erforschen), einer Frau zwischen die Schenkel, as-sūq, greifen.¹¹⁴ Davon: al-mağass, die betastete Stelle, die Stelle, die man befühlt, der Schenkel, as-sāq, der Damm der Frau zwischen ihren Schenkeln von der Vulva, al-buḑ, bis zum Anus, ad-dubr.¹¹⁵

    ğaši‘a, gierig sein, von heftigem Begehren erfüllt sein. Davon: al-ğaša‘, die Gier, das Begehren, die Begierde.¹¹⁶

    ğaḍaba, anziehen, ansaugen, pumpen. Davon: al-ğaḍb, die Anziehung, das Pumpen.¹¹⁷

    ğalā, reinigen, offenbar machen, sich enthüllen, als Braut entschleiert werden, betrachten.¹¹⁸ Davon: al-ğilwa, die Enthüllung, die Entschleierung der Braut.¹¹⁹

    Dritter Exkurs: die bedeckte und die enthüllte Frau – mastūr und ‘uryān

    Frauen erregen Männer. Die Enthüllung ihres Körpers macht den Mann der Frau gegenüber willenlos. Ibn Qayyim al-Ğauziyya berichtet von dem Theologen Ibrāhīm Ibn Baššāra an-Naz̧ām (gest. um 840) die Ansicht: »Der Mann kann sich nur so lange zurückhalten, solange die Liebesgespräche und Küsse währen. Wenn er aber seine Geliebte mit den Händen streichelt und sie ohne Kleider umarmt, dann muß sich einfach sein Glied erheben und aktiv werden! Wenn sich aber sein Glied einmal erhoben hat und sein Lendenschurz gelöst ist, dann ist sein Wille zusammengebrochen.« Die sich erotisch-sexuell dem Mann darbietende Frau macht ihn sich gefügig – tāma, durch Liebe hörig oder versklavt werden –, sie raubt ihm den Atem, wie es im Gilgamesh-Epos heißt: Enkidu, der Wilde, hat noch nie eine Frau gesehen. Da wird ihm Shamhat, die Hure, zugeführt:

    Und Shamhat löste ihr um die Hüften geschlungenes Tuch,

    sie öffnete ihm ihr Geschlecht, und er sah den Reiz einer Frau;

    sie schreckte vor ihm nicht zurück, sie raubte ihm seinen Atem,

    sie breitete ihr Gewand aus, sie war ein Rücken, ein Hügel,

    und er bestieg sie,

    sie gab ihm, diesem Wilden, was die List einer Frau alles geben kann,

    und vor Lust begann er zu stammeln und er stöhnte;

    sechs Tage lang und sieben längere Nächte

    blieb Enkidu hart und vereinigt mit Shamhat.

    Die sexuelle Begierde ist nach dem Hunger die stärkste Kraft im Menschen. Bleibt sie in einer Gruppe ungeordnet, droht sie als zerreißende Kraft stärker zu werden als die die Gruppe einigende Kraft. Alte Zivilisationen, jedenfalls nach Entstehung der Hochkultur, haben die Last der Ordnung dieser Kraft den Frauen aufgebürdet. Der Mann gilt den Reizen der Frau gegenüber als widerstandslos. Der Jäger weiß, was geschieht, wenn er zu Shamhat spricht, die Enkidu aus der Wildnis in die menschliche Gesellschaft holen soll:

    Das ist er, Shamhat! Nimm den Arm herunter, der dein Gewand hält,

    zeig ihm deinen Brüste, damit er den Reiz einer Frau sieht,

    schreck nicht vor ihm zurück; er muß dich wittern und sehen,

    damit er kommt und du ihm den Atem rauben kannst.

    Und so darf die Frau ihre Reize nur dem zeigen, dem sie die Erlaubte ist, ḥalāli.¹²⁰ Aber Reize Zeigen kann vieles bedeuten und so bedeutet auch Verhüllen, satara, Verschiedenes. Jedenfalls die Beduinen verhüllten nur, was die feindliche Umgebung erzwang, den Körper und bei Sandsturm das Gesicht. So heißt es in einem altarabischen Brief [6]: »Unter den Beduinen gab es keine Verschleierung der Frauen und zugleich billigten sie nicht das verstohlene Blinken und heimliche Äugen.¹²¹ Die Männer trafen sich mit ihren Geliebten zur nächtlichen Unterhaltung, um Vertraulichkeiten und Zeichen gegenseitigen Beistands auszutauschen.«¹²²

    Das Problem der Verhüllung hat zwei Aspekte, das der göttlichen Ordnung und das des Umgangs der Männer mit den Frauen. Nach der göttlichen Ordnung betrifft das Gebot der Verhüllung Männer und Frauen gleichermaßen,¹²³ nach der den Frauen von den Männern auferlegten Ordnung als Hauptproblem das des Schleiers.

    Das Gebot der Vollverschleierung des Gesichts mit dem litām oder dem burqu‘ ist nicht koranisch. Die Verschleierung der Frau kreist um die Wortsippe ğalaba, herbeiziehen, herabziehen. Davon: al-ğallābīya, der Kittel, das hemdartige Gewand; tağalbaba, sich bekleiden; al-ğilbāb, das Frauengewand. Das spätere Gebot der Verschleierung geht zurück auf die Koran-Stelle: »Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen (ğalābībihinna). So ist es am ehesten gewährleistet, daß sie erkannt und daraufhin nicht belästigt werden.« (Sure 33:59) Dieser Vers geht zurück auf eine ganz besondere Situation im sogenannten Grabenkrieg des Jahres 627. Die Mekkaner belagerten Medina mit etwa 10.000 Mann. Mohammed hatte in Medina die Krieger der mit ihm verbündeten Beduinen-Stämme zusammengezogen. Die Beduinen übten die Praxis des ta-’arrud, des sich einer Frau in den Weg-Stellens, um sie dadurch zum Geschlechtsverkehr aufzufordern.¹²⁴ In den überschaubaren Verhältnissen eines nomadischen Zeltlagers führte das zu keinen Problemen, denn jeder Mann wußte, welche Frau zu welcher Gelegenheit für ihn infrage kam.¹²⁵ Anders jetzt in der übervölkerten Stadt, in der die Krieger die ehrbaren Frauen nicht kannten. Und hier erging an die ehrbaren Frauen die Aufforderung, sich die ğallābīya über den Kopf zu ziehen, ğalābībihinna, um die Praxis des ta’arrud auszuschließen. Die Mekkaner zogen unverrichteter Dinge ab, aber der Schleier, al-ḥiğab, blieb.

    Es ist schwer zu sagen, was im Vorderen Orient am Anfang steht, die Angst der Männer vor den Reizen der enthüllten Frau, die für sie nicht ḥalāli ist, mit der sich zu vereinigen, ğama‘a, die Sanktion der Gruppe heraufbeschwört, oder das als göttlich erfahrene Verbot, die Teile des Körpers zu enthüllen, die die sexuelle Erregung bewirken.¹²⁶ Sich Sehen ist für Männer und Frauen ein existentieller Vorgang. Immer wieder erzählen die Geschichten, wie schon ein kurzer Blick auf eine junge, schöne, erregende Frau das Herz eines Mannes in Flammen setzt und dasselbe gilt für die Frauen.¹²⁷ In einer Geschichte im Umkreis von »Tausendundeine Nacht« enthüllt und betrachtet ein Jüngling eine schlafende Prinzessin. Als diese dieses erfährt, verlangt sie in Liebe, ihn, den sie noch nie gesehen hat, zu heiraten: »Ich will keinen anderen zum Mann als jenen, der mein Haus betrat, mich enthüllte und mich ansah.«

    Schon im Hebräischen und noch deutlicher im Arabischen zeigt der Wortschatz der Sprache, welche religiös-soziale Bedeutung Verhüllung und Enthüllung besitzt. Hier nur eine kleine Auswahl.

    satara heißt verstecken, bedecken, verhüllen. Davon wird gebildet as-sitr, der Schleier, der Vorhang, und mastūr, verborgen, unsichtbar, keusch, züchtig. Das Adjektiv zeigt es an: die züchtige Frau ist die verhüllte Frau. as-sattār, der Verhüller, ist einer der Namen Gottes. In den Geschichten heißt es immer wieder: »Der Verhüller wird verhüllen.« Als eine Mutter mit ihren drei Töchtern gezwungen ist, allein zu reisen, heißt es: »Dann gingen wir hinaus, verließen die Stadt und traten die Reise an, und der Verhüller verhüllte uns.« Oder als ein Mädchen tagsüber allein über den Markt gehen muß: »Und nach der Fügung der Vorherbestimmung verhüllte sie der Verhüller, so daß ihr niemand unterwegs begegnete.« Interessant ist, daß von derselben Wurzel der Ausdruck as-sath gebildet wird, der Hintern, der Arsch. Die Frau muß verhüllt sein, aber Frauen finden immer Wege, Männer zu locken. Die verhüllte Frau lockt Männer im Gehen mit ihrem Hinterteil. Dieser schöne und lockende Körperteil hat in europäischen, christlich verarmten Sprachen keine salonfähige Bezeichnung mehr. Das ist in orientalischen Sprachen ganz anders.¹²⁸ Scheik ‘Umar Ibn Muḥammad an-Nafzāwī sagt im 16. Jahrhundert in seinem »Duftenden Garten« in dem Kapitel bei der Beschreibung der idealen Frau: »Geht sie, ahnt man unter den Kleidern die verborgenen Teile ihres Körpers. … Eine solche Frau wird von allen Männern geliebt.« Und Ibn Qayyim al-Ğauziyya (1292-1350) schwärmt: »Es gehört zu den schönsten Eigenschaften, die eine Frau je haben kann, wenn sie sich beim Gehen in den Hüften wiegt.« Und er zitiert einen ungenannten Dichter«

    O diese Schlanke! Wenn sie geht und schreitet,

    gelöst und locker wie ein Zügel,

    werden die beiden Hälften ihres Arschs

    durch die Hüften zum Beben gebracht!

    Eine ganz andere Richtung von Verhüllen nimmt das Verb ġaša, kommen, überwältigen, bewußtlos werden, eine Frau beschlafen, das Weibchen decken, bedecken, verhüllen. Davon wird gebildet al-ġišā, die Decke, die Hülle, das Häutchen und ġišā al-bakāra heißt das Jungfernhäutchen, das Hymen. Das Jungfernhäutchen, ġišā al-bakāra, scheint nur dazu bestimmt gewesen zu sein, von einem Mann gesprengt zu werden, denn bakara heißt früh aufstehen, sich als erster etwas nehmen, eine bikr, eine Jungfrau deflorieren. Diese Wortsippe zeigt einmal das Gewaltsame der Männer im Umgang mit Frauen. Sie kommen, sie überwältigen, sie beschlafen die Frau. Liebe muß nicht im Spiel sein. Und die Jungfrau wurde nicht gefragt, an wen sie ihre Jungfrauenschaft, al-bakāra, verlieren wollte. Aber die Wortsippen sind emotional nicht eindeutig. al-ġišā benennnt nicht nur das Hymen, sondern auch die Decke, unter der sich die Liebenden in der Lustvereinigung, al-ğimā, vereinen, die Decke des Liebesverlangens. Ibn al-Waššā’ berichtet, an der Frontseite des Audienzraumes des Kalifen al-Ma’mūn hätten die Worte gestanden:

    »Allah, der Erbarmer, hat keinen schöneren Anblick geschaffen, als zwei Liebende auf einer Decke, die sich umarmen, über denen die Decken des Liebesverlangens liegen und die sich auf ihr Handgelenk und Arm stützen.«

    Eine ganz wichtige Wortsippe ist ḥağaba, verhüllen, verstecken, und davon gebildet al-ḥiğab, der Schleier, die Scheidewand, ḥiğab al bukūriyā, das Jungfernhäutchen, das Hymen. Sie wird im Ḥiğab-Vers verwendet: »Es ist keine Sünde für sie (ohne Vorhang oder Scheidewand mit Männern zu verkehren), wenn es sich um ihren Vater, ihre Söhne, ihre Brüder, die Söhne ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihre Frauen und ihre Sklavinnen handelt.« (Sure 33:53 ff.)

    In der Abbasiden-Zeit gab es Frauen, die offen gegen den Schleier protestierten und ihre Schönheit zeigen wollten. Die Aufseherin über die Sklavinnen eines Neffen des Kalifen al-Manṣūr hatte auf ihre Kopfbedeckung folgende Zeilen geschrieben:

    Könnte doch der Schleier

    für die Häßlichen verboten sein!

    Für die Hübschen ist er jedoch

    ein unverzeihlicher Fehler.

    Und auf das Band, mit dem sie ihre Haare zusammenhielt, hatte sie die folgenden Verse geschrieben:

    Könnte Allah doch von allen Kleidern

    diese Frauenschleier nur bestrafen!

    Für die Augen sind sie ein Übel

    solange wir am Leben sind.

    Die Hübschen werden durch sie zugedeckt,

    und niemand kann sie sich ansehen.

    Die Häßlichen sind unter ihnen wohl verborgen,

    sonst hätten sie uns abgeschreckt.

    Ein Problem bietet die Wortsippe ğalā. ğalā bedeutet reinigen, offenbar machen, sich enthüllen, als Braut entschleiert werden, betrachten. Davon wird gebildet al-ğilwa, die Enthüllung, die Entschleierung der Braut. Von einer Frau dürfen nur Füße, Hände und Gesicht sichtbar sein mit Ausnahme für die Männer, die im Ḥiğab-Vers (Sure 33:54) genannt sind. Diese Männer dürfen eine Frau wenig bekleidet sehen, was natürlich nicht nackt bedeutet. Die Vollverschleierung des Gesichts mit dem litām oder dem burqu‘ ist nicht koranisch. Jedenfalls zur Zeit Mohammeds und der rechtgeleiteten Kalifen konnte ein Mann das Gesicht einer Frau, die er ehelichen wollte, sehen, ehe sie seine Verlobte wurde.¹²⁹ Ob das aus einigen Aḥadiṯ abgeleitete Recht, eine Frau vor dem Ehevertrag sehen zu dürfen,¹³⁰ mehr einschließt, als ihr Gesicht zu sehen – was zu sehen koranisch ohnehin selbstverständlich ist –, also mindestens ihre Figur, ist umstritten. Die herrschende Lehre lehnte dies schon in klassischer Zeit ab.¹³¹ Jedenfalls in der lailat al-ğilwa, der Brautnacht, sieht der Mann seine Frau nackt. Diese Enthüllung oder Entschleierung der Braut, ihre ğilwa, ist so wichtig, daß die Nacht, in der der Bräutigam sehen darf, die lailat al-ğilwa, sprachlich von der Hochzeitsnacht unterschieden wird, in der er seine Braut entjungfert, lailat ad-duẖla. Dieses Wort kommt von daẖala, eintreten, aufeinanderliegen, mit einer Frau schlafen, die Ehe vollziehen, und das, was in dieser Nacht geschieht, ist ad-duẖūl, der Eintritt, das Eindringen, die erste Beiwohnung nach der Eheschließung. In der 124. Nacht aus »Tausendundeine Nacht« erzählt Scherazād von einer Hochzeitsnacht, zu der die Frau die Initiative ergriffen hatte: »Nun legte die Maid ihre Gewänder ab und kam herbei in einem feinen Hemde, das mit golddurchwirkten Spitzen besetzt war. Weiter legte sie auch ihre Hosen ab, nahm mich bei der Hand und führte mich zu dem Lager, indem sie sprach: ›Im Erlaubten ist keine Sünde!‹ Und sie ließ sich auf dem Lager nieder, legte sich auf den Rücken und zog mich an ihre Brust. Dann seufzte sie tief, wand sich, und zog das Hemd bis über die Brüste hinauf. Doch als ich sie so daliegen sah, konnte ich mich nicht mehr halten, sondern umarmte sie unter heißen Küssen, während sie seufzte und verschämt ihre Augen schloß und weinte, ohne daß eine Träne floß. Und wie sie mir zuflüsterte: ›Geliebter, tu es!‹ erinnerte ich mich sofort an eines Dichters Wort:

    Als ich das Gewand aufhob vom Dache ihres Leibes,¹³²

    Fand ich, sie war so eng, wie mein Sinn und mein Geld bedrängt.

    Das Werk begann ich; sie seufzte. Da fragte ich: ›Warum das?‹

    Sie sprach: ›Ich seufze danach, daß man das Ganze mir schenkt!‹

    Und weiter flüsterte sie: ›Geliebter, tu dein Bestes!‹ Ach, ich bin deine Sklavin.¹³³ Wohlan, tu es ganz! Bei meinem Leben, laß es mich mit der Hand bis in mein Inneres hineintun!‘ So ließ sie mich ohne Unterlaß kosende Worte und Stöhnen und Seufzen hören, indem sie dazwischen mich küßte und in die Arme nahm, bis unter Liebesgetaumel unser Glück zur höchsten Vollendung kam. Dann schliefen wir bis zum Morgen.«

    Im VII. Stamm, der das Reflexivum des I. Stammes ausdrückt oder eine Geneigtheit, bedeutet ğalā »sich enthüllen« und »entschleiert werden«. Enthüllt sich die Braut in der lailat al-ğilwa oder wird sie enthüllt? Die Enthüllung der Braut war ein zeremonieller Vorgang. Am Ende der Hochzeitsfeier, bei der meist Männer und Frauen getrennt waren, wurde die Braut von den Frauen in den Vorraum der Brautkammer geführt und dort auf dem Brautsitz in Gegenwart ihres Bräutigams entkleidet. In der »Geschichte der Wesire Nūr ad-Dīn und Schems ad-Dīn aus

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