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Die Kunst ist das Einzige, was bleibt: Biografischer Roman
Die Kunst ist das Einzige, was bleibt: Biografischer Roman
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eBook417 Seiten5 Stunden

Die Kunst ist das Einzige, was bleibt: Biografischer Roman

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Über dieses E-Book

Wie viel ist von einem bedeutenden Mann zu erzählen, der vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis weit in das 20. Jahrhundert hinein die unterschiedlichsten politischen Systeme und zwei Weltkriege miterlebt hat?
Aus Büchern, Briefen und Notizen entwickelt Sinda Dimroth die Familiengeschichte des Kunstsammlers Hermann Bode und beschreibt seine Sicht auf die Metaphysik und Ästhetik in der Kunst der Moderne.
Der Hannoveraner war mit der Tänzerin Mary Wigmann befreundet und in zweiter Ehe mit Ilse Beindorff, einer Erbin der Pelikan-Fabrik, verheiratet. Das Ehepaar unterstützte die Kestner Gesellschaft, besuchte das Bauhaus und traf sich mit Nolde, Schwitters, Kandinsky, Klee und Lissitzky, deren Bilder Bode gesammelt hat.
Hannover war in den Zwanzigerjahren ein Zentrum der Abstrakten Kunst, die in der Zeit der NS-Diktatur als "entartet" aus den Museen entfernt wurde. Die Beschreibung des Verkaufs von Bodes Kunstsammlung durch die Erben gibt dem Leser einen anschaulichen Einblick in die Unberechenbarkeit des modernen Kunstmarktes. Am Beispiel von zwei Bildern aus der Sammlung Lissitzky-Küppers wird die ganze Tragik der Restitution von Kunstwerken nachvollziehbar und lässt den Schluss zu, dass die Kunst das Einzige ist, was bleibt.
SpracheDeutsch
HerausgeberBuch&media
Erscheinungsdatum21. Apr. 2020
ISBN9783957801944
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    Buchvorschau

    Die Kunst ist das Einzige, was bleibt - Sinda Dimroth

    Stammbaum der Familie Bode

    Das erste Bild von Steinhude

    1956

    Die beiden Mädchen hatten ihre schönsten Kleider in ein Köfferchen gepackt und waren mit den Worten verabschiedet worden: »Haltet Euch gerade, macht ein freundliches Gesicht und benehmt Euch anständig.« Es war ein schwül-heißer Tag Ende Juli, als sich der Zug ruckartig in Bewegung setzte. Selma war neun Jahre alt und durfte erstmals mit ihrer 17-jährigen Schwester Ruthilde in den Sommerferien nach Hannover reisen, um den Großvater Bode am Steinhuder Meer zu besuchen. Die Mutter hatte ihnen Hasenbrote eingepackt, das waren mit Rotwurst bestrichene Graubrotscheiben, dazu gab es kalten Tee aus einer Thermoskanne. Die Kinder waren aufgeregt und verfolgten durch die verschmutzten Fensterscheiben die vorbeiziehende Landschaft. Beide hatten als Reiselektüre ein Buch eingepackt, in das sie keinen einzigen Blick warfen, weil so viele Eindrücke auf sie einstürmten.

    Steinhude war für die Schwestern ein märchenhafter Ort, der in den Erzählungen der Mutter eine wichtige Rolle spielte. Schon bald sollten sie die Möglichkeit bekommen, das Bild, das sie sich in ihrer Vorstellung gemacht hatten, mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Nachdem die Hälfte der Reise hinter ihnen lag, gab es einen längeren Aufenthalt auf offener Strecke. Für die Steigung in der vor ihnen liegenden Rhön wurde am Anfang und am Ende des Zuges eine Lok angekuppelt, trotzdem blieb er in der Mitte eines Tunnels stecken. Die Lokomotiven bliesen ihren Rauch in die Tunnelröhre, die Fenster hatte man geschlossen, dennoch drangen giftige Gase ins Abteil. Als dann auch noch die Lichter ausgingen, saßen die Fahrgäste in undurchdringlicher Dunkelheit, die Luft war heiß und der Rauch machte das Atmen schwer. Ab und zu hörte man den schrillen Pfiff einer Dampflok, das wirkte gespenstisch, deshalb griff Ruthi nach der Hand der kleinen Schwester. Eine tiefe Stimme sagte aufmunternd: »Es wird bestimmt gleich weitergehen.« Die Reisenden sahen außerhalb des Zuges einen Beamten mit seiner Taschenlampe vorüberlaufen, er hielt sich ein Tuch vor Mund und Nase. Mit seinem Licht verschwand die Möglichkeit, etwas zu sehen. Die Mädchen blickten mit weit geöffneten Augen in ein tiefes Schwarz. Selma bekam Angst, sie und ihre Schwester waren in einem Albtraum gefangen. Niemand sagte ein Wort, schicksalsergeben waren alle Fahrgäste darum bemüht, genügend Sauerstoff einzuatmen.

    Nach einer Stunde kam der Schaffner mit einer Laterne in den Wagen und teilte mit, dass man eine neue Lok angefordert habe, um den Zug aus der Röhre zu ziehen. Im Abteil neben den Mädchen saß eine dicke Alte, die auf ihrem Schoß einen Käfig festhielt, in dem noch kurz zuvor ein Kanarienvogel erregt von Stange zu Stange gehüpft war. Nun konnte man im Schein der Lampe sehen, dass er, die Flügel ausgebreitet, mit aufgerissenem Schnabel auf dem Käfigboden lag. »Der machts aber nimmer lang«, sagte der Schaffner, woraufhin die alte Frau zu weinen anfing. Ruthi, die selbst drei Kanarienvögel zu Hause hatte, holte ihn vorsichtig aus dem Käfig und folgte dem Lichtschein bis zur Toilette. Dort ließ sie Wasser ins Becken laufen und setzte das erschöpfte Tier hinein. »Du kommst jetzt sicher allein zurecht«, brummte der Beamte und entfernte sich mit der einzigen Beleuchtung. Nachdem der Vogel Wasser getrunken hatte, war er erfrischt und flatterte orientierungslos in dem engen Raum um Ruthis Kopf. Als er sich in den wilden Locken des Mädchens verfing, konnte sie ihn greifen, um zu ihrem Sitzplatz zurückzukehren. In der einen Hand den Vogel, dessen Herz heftig pochte, suchte sie mit der anderen den Weg zum Abteil, wo das verängstigte Tier gerne in seinen Käfig zurück hüpfte. Ruthi tastete nach der Schwester, die ihr den Rest des kalten Tees überließ. Es kam den Reisenden wie eine Ewigkeit vor, bis wieder ein Pfiff ertönte und sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Als er die Tunnelröhre verließ, waren die Fahrgäste geblendet vom Sonnenlicht und hatten rußige Gesichter. Die Fenster wurden aufgerissen, die Vorhänge blähten sich im Fahrtwind und die Reisenden sprachen erleichtert über ihre Gefühle, die sie vorher für sich behalten hatten. Die Alte mit dem Vogelkäfig murmelte: »Gegrüßet seist du, Maria voll der Gnade, der Herr ist mit Dir.«

    In Hannover entstiegen die Münchner Kinder in ihren verdrückten Sommerkleidern dem Zug und sahen Ilse, die zweite Frau ihres Großvaters, den Bahnsteig entlanglaufen. Sie war ganz in Weiß gekleidet und hatte weiße Stoffschuhe an. »Kommt schnell, ich habe keinen Parkplatz gefunden«, rief sie, griff sich Selmas Pappkoffer und eilte dem Ausgang zu. Vor dem Haupteingang des Bahnhofs, mitten in der stark befahrenen Straße, parkte ein silbernes Mercedes Cabriolet, mit zwei Rädern auf einer Straßenbahninsel. Neben dem Fahrzeug stand ein Polizist und dirigierte den Verkehr um das Hindernis herum. Ilse reichte ihm einen Geldschein, die Kinder sprangen in den offenen Wagen und los ging die Fahrt. Die Großmutter winkte aus dem geöffneten Verdeck und erklärte: »Ich konnte nirgendwo parken, deshalb habe ich mich auf die Verkehrsinsel gestellt und dem Schupo gesagt, dass er auf mein Auto aufpassen soll.« Sie fuhren mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn nach Wunstorf und weiter auf der Landstraße bis ans Steinhuder Meer. An diesem Moorsee hatten einige Hannoveraner ihre Wochenendhäuser und in der sogenannten »Strandhausreihe« war Elsa, die Mutter der Kinder, aufgewachsen. Als der Wagen vor einem Haus mit großen Fenstern anhielt, drückte Ilse auf die Hupe, daraufhin trat eine Haushälterin mit weißer Schürze aus der Haustüre. Mit einem »Hallo ihr zwe Lüdjen« ergriff sie die Koffer, während der weiß gekleidete Großvater vom Balkon winkte. So ein Haus hatte Selma noch nie gesehen, man konnte von der Straße bis zum See hindurchblicken. Ilse ging durch eine rahmenlose Glastüre, und die Gäste folgten ihr staunend. Im ersten Stock zeigte sie ihnen die Schlafzimmer, durch deren Fenster man einen weiten Blick über das Wasser hatte. Auf jedem Kopfkissen lag eine Pralinenschachtel der Firma Sprengel, unter deren Stanniolpapier ein Zehn-Mark-Schein geschoben war.

    »Wenn ihr euch umgezogen habt, könnt ihr runterkommen, Lina hat für euch einen Kuchen gebacken«, schallte es durchs Haus, während die Enkelkinder ihre Koffer auspackten. Ruthi mit ihren schwarzen Locken streifte sich eine weiße Bluse über und schlüpfte in rote Shorts, aus denen das hochgeschossene Mädchen längst herausgewachsen war. Die blonde Selma hatte das Haar zu Zöpfen geflochten und wählte ein Ringelhemd und eine Trainingshose, die vor ihr schon drei Schwestern getragen hatten. Beide Mädchen hatten weiße Söckchen und Sandalen der Firma Salamander an. So erschienen sie im Esszimmer, in dem die Großeltern an einem weiß gedeckten Tisch mit türkisfarbenen Lederstühlen saßen. Bode reichte jedem Kind die Hand zur Begrüßung und zeigte auf den zugedachten Sitzplatz. Das Gedeck bestand aus einem weißen Kuchenteller mit dazu passender Teetasse und einer weißen Stoffserviette im Silberring, auf dem das Sternzeichen des jeweiligen Kindes eingraviert war. Selma hatte bis zu diesem Tag nicht gewusst, dass sie im Tierkreiszeichen des Krebses geboren war.

    Nachdem die Enkelkinder sich gesetzt hatten, bekamen sie Johannisbeerkuchen mit Baiser serviert, dazu gab es Sahne aus einer dünnwandigen Glasschüssel. Ilse füllte duftenden Tee in ihre Tassen und sagte aufmunternd: »Nun greift schon zu.« Die Münchner Kinder waren beeindruckt von der erlesenen Atmosphäre. Mit einer Glasfront, die von der Decke bis zum Boden reichte, war das Esszimmer zum Steinhuder Meer hin geöffnet, die Wellen schlugen in zehn Meter Entfernung gegen die Uferpalisaden und in der Ferne konnte man die Insel Wilhelmstein mit ihrem burgartigen Gemäuer liegen sehen. Auf der einen Seite des zum Anwesen gehörenden Holzstegs stampften zwei Rennjollen auf und nieder und zerrten an den Tauen, auf der anderen Seite lagen ein abgedecktes Motorboot und ein Ruderboot. Am sogenannten Meer war es immer windig, deshalb knallten die Wanten der Segelschiffe gegen die Masten. Das moorige Wasser erzeugte einen leicht säuerlichen Geruch, der sich mit Ilses herbem Parfüm namens »Bandit« vermischte. Diese Duftmischung blieb den Kindern für immer in der Nase. Über dem Esstisch hing ein Frauenkopf von Otto Gleichmann, das Bild hatte den gleichen Grauton wie das Wasser. Das Esszimmer war durch eine Glasvitrine vom Wohnzimmer getrennt, in dem ein brauner Konzertflügel die Hälfte des Raumes einnahm. In der Vitrine befanden sich kleine Figurinen von Mataré, Renée Sintenis und Naum Gabo, daneben standen die Weihnachtsgeschenke der Enkel: ein zartes Tonpferdchen von Reingard, ein plumper Eisbär von Ruthi, ein goldener Weihnachtsengel von Anna-Friederun und, gegen die Rückwand gelehnt, eine Zeichnung von Selma.

    Der Großvater Hermann Bode war ein würdiger Herr mit schlohweißen, kurzgeschnittenen Haaren. Er hatte einen cremefarbenen Leinenanzug an, dazu trug er ein weißes Hemd mit grauer Krawatte, die mit einer goldgefassten Perle festgesteckt war. Der 74-Jährige hatte ein glattrasiertes Gesicht mit Pigmentflecken, der Mund war schmallippig und farblos. Seine blauen Augen sahen durch eine Brille mit Silberrand, die ein quadratisches Lesefenster hatte. Die schmalen Hände waren übersät mit braunen Punkten und am Ringfinger steckte, neben einem eindrucksvollen Brillantring, der weißgoldene Ehering. Mit Reepschnur und Schekel war seine Taschenuhr am Gürtel befestigt. Der Vater der Mutter verkörperte eine Autorität, der sich die ganze Familie unterzuordnen hatte. Niemand wagte es, ihm zu widersprechen, und Ilse war bemüht, seinen Wünschen zuvorzukommen. Er saß kerzengerade bei Tisch und aß mit einem silbernen Besteck, auf dem der Name seines gefallenen Sohnes Sindbert eingraviert war. Sein Serviettenring zeigte das Sternzeichen Löwe.

    Die Stimmung bei Tisch wirkte steif, weil man als Kind nur dann zu sprechen hatte, wenn man dazu aufgefordert wurde. Benutzte eines der Kinder ein Fremdwort wie Pullover oder Serviette, kam sofort die Korrektur, dass man sich der deutschen Sprache zu befleißigen habe, in der es Wollwams oder Mundtuch heiße. Der Großvater sprach zwar fließend Französisch und Englisch, wollte aber keine Vermischung der Sprachen, weil für ihn die deutsche Sprache ein Ausdrucksmittel war, das er rein erhalten wollte. Bodes Worte waren gewählt und akzentfrei. Immer sprungbereit, um das herbeizuschaffen, was dem hohen Herren fehlte, saß am Kopfende des Tisches Ilse, seine 15 Jahre jüngere Frau. Sie war klein und wirkte in ihrem weißen Hosenanzug knabenhaft, die altersgemäßen Falten waren in Narben hinter den Ohren verschwunden. Sie selbst sagte, ihr Gesicht sei glatt wie ein Babypopo. Das lange schwarze Haar war straff nach hinten gekämmt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden. Wenn sich eine Haarsträhne löste, benetzte Ilse die Fingerkuppen mit Spucke und strich sie zurück. Immer braun gebrannt, im Winter vom Skifahren, im Sommer vom Sonnenbaden, machte die Großmutter einen sportlichen Eindruck. Wenn sie eine Treppe hinaufwollte, nahm sie immer zwei Stufen aufeinmal. Wegen ihrer kleinen Statur und der burschikosen Art vermittelte sie den Kindern ein Gefühl von Kameradschaftlichkeit, die sich in seltenen Fällen sogar gegen den Patriarchen richtete. Schon bei der ersten Mahlzeit wurde Selma von diesem ermahnt, sich gerade zu halten, die Gabel zu benutzen und ohne zu kichern den Mund mit dem Mundtuch zu reinigen. So gemaßregelt, ließ das Kind den Kopf sinken und rührte den Kuchen nicht mehr an. Der Großvater bat seine Frau, der Enkelin in der Küche beizubringen, wie man sich an seinem Esstisch zu benehmen habe.

    Für den nächsten Tag war Segelunterricht vorgesehen, deshalb wurden die Mädchen in einen Raum geführt, in dem Segel, Ruder, Tampen und Persenning ordentlich an der Wand aufgehängt waren. In einem Schrank befand sich die weiße Segelkleidung der gefallenen Söhne, von der sich Elsas Töchter das Passende aussuchen sollten. In einem Regal waren Bodes Siegestrophäen aufgereiht, es waren silberne Trinkbecher und Pokale, die er bei Segelregatten gewonnen hatte. Nachdem die Mädchen ganz in Weiß eingekleidet waren, stemmten sie sich gegen eine Glastüre, die sich nicht öffnen ließ, weil der Wind dagegen stand. Deshalb liefen sie um das Gebäude herum und sahen den Großvater im makellos weißen Anzug mit windzerzaustem Haar wartend am Wasser stehen. Er ließ den Deckel seiner goldenen Taschenuhr aufspringen und bemerkte, dass sie ganze drei Minuten zu spät waren. »In Zukunft erwarte ich, dass ihr vor der angegebenen Zeit zur Stelle seid, sodass ich auf keinen Fall auf einen von euch warten muss.« An einer Wandte zog er die Rennjolle zu sich heran und forderte die Kinder auf, das Boot zu betreten, um das Wasser, welches sich unter den Bodenbrettern angesammelt hatte, über Bord zu schöpfen. Nachdem sie damit fertig waren, erklärte er den Landratten, wie man die Segel auspackt und hochzieht. Es war stürmisch, das Boot kippelte und das Segel fetzte den Mädchen um die Ohren. Ilse stand am Fenster und sah dem Treiben zu, exakt im richtigen Augenblick sprang sie herbei und löste das Tau vom Poller, sodass sich der Bootskörper drehen konnte und dem Wind erlaubte, voll ins Segel zu greifen.

    Eine Rennjolle hat einen runden glatten Rumpf aus Holz, der, wie schon der Name sagt, für Rennen konstruiert wurde. Wenn der Wind seine volle Kraft auf das Segel ausübt, legt sich das Schiff stark zur Seite. Selma wurde blass vor Angst, als das riesige Vorsegel um sie herumschlug und das Wasser über die Bootswand hereinschwappte, während sie in rasanter Fahrt durchs Steinhuder Meer pflügten. »Vorschot einholen«, kommandierte Bode und Ruthi erwischte das schlagende Seil. Selma klammerte sich an den Schwertkasten und sah sich schon in den grauen Fluten ertrinken, als das nächste Kommando kam: »Klar zur Wende, Selma, Kopf einziehen.« Das Segelschiff drehte sich und lag sofort wieder hart am Wind. Bei der nächsten Bö legte sich der Schiffskörper so stark zur Seite, dass das Ende des Großsegels ins Wasser tauchte und der Steuermann Leine geben musste. »Fockaffe, Vorschot dichter holen«, kam das Kommando für Ruthi, die sofort reagierte. Die drei segelten durch die sogenannten Deipen um den Wilhelmstein herum und nahmen dann Kurs auf den Ort Steinhude. Bode erklärte den Mädchen die roten Benzel an den Wandten und in welchem Winkel das Großsegel optimal Fahrt erzeugt. Er sprach von der Aerodynamik des Segelns und verglich das Focksegel mit einem Vogelflügel, hinter dem der Wind verwirbelt. Das Fähnchen auf dem Mast nannte er Verklicker und spielte mit dem Großsegel, um zu demonstrieren, wie Segel und Bootskörper aufeinander einwirkten. »Morgen üben wir Mann über Bord und wenn ihr das beherrscht, dürft ihr alleine unter Land segeln.« Selma wollte zurück ans sichere Ufer, Segeln war nichts für sie. Mit einem eleganten Aufschießer stand die Jolle stampfend vor dem Steg und Selma sollte mit dem Tau hinüber auf die Holzbretter springen, um das Schiff festzumachen. Das Kind konnte sich auf dem kippeligen Bootsrand kaum halten und wagte nicht, über den Abgrund zu springen, da kam ihm eine Hand entgegen, die den Angsthasen auf sicheren Grund zog. Ilse war immer im richtigen Moment zur Stelle.

    Die beiden Enkel sollten vorschriftsmäßig die Segel bergen, das hereingeschwappte Wasser ausschöpfen, das Boot klarmachen und anschließend zum Mittagessen erscheinen, »natürlich gekämmt und mit sauberen Händen« setzte Bode hinzu. Pünktlich um ein Uhr standen die Mädchen hinter den Stühlen, bis der Großvater erschien und sich setzte, erst dann durften sie ebenfalls Platz nehmen. Jedes Mittagessen hatte drei Gänge: Suppe, Hauptspeise und Nachtisch, die nacheinander von Lina serviert wurden. Das Dienstmädchen aß in der Küche und bewohnte ein Zimmer neben der Speisekammer. Es konnte hervorragend kochen, sprach Plattdeutsch und wollte die Lieblingsgerichte der Gastkinder wissen, um sie in den nächsten Tagen aufzutischen. Lina war eine stämmige Frau mit Haarknoten, einem runden freundlichen Gesicht und roten kräftigen Händen. Mit dem Rad fuhr sie ins Dorf und besorgte täglich die Nahrungsmittel für den nächsten Tag. Die Großeltern sprach sie mit Herr Doktor und Frau Doktor an und zeigte großen Respekt vor dem Hausherren.

    An einem heißen Sommertag hatte die dickliche Frau geschwitzt und man sah einen dunklen Rand unter dem Arm ihres Sommerkleides. Als sie sich über den Großvater beugte, um die Suppe zu servieren, sagte er: »Lina, ich wünsche keinen Schweißgeruch zur Suppe serviert zu bekommen.« Die gutmütige Frau stellte behutsam die Suppenterrine auf den Tisch, schlug die roten Hände vors Gesicht und fing hemmungslos an zu weinen. Die Enkel sahen betreten auf das glattgebügelte Tischtuch, Ilse wandte sich ab, um die Weinende nicht zu beschämen, und der Patriarch sagte: »Nun beruhigen wir uns mal und sehen nach, ob es eine frische Bluse im Schrank gibt, dann können wir ja wieder kommen.« Lina verschwand und erschien zum zweiten Gang komplett umgezogen in frischen Kleidern, was nicht weiter kommentiert wurde. Bei der Nachspeise wandte sich Bode an sein jüngstes Enkelkind: »Selma, wie gut kannst du schwimmen?« Selma konnte nicht schwimmen und blickte trotzig auf ihre Knie. Ruthi stieß ihr den Ellbogen in die Rippen, aber es kam keine Antwort. »Vielleicht möchtest du mir die Frage beantworten«, wandte sich Bode an die Schwester, die ihn darüber aufklärte, dass Selma nie Schwimmunterricht bekommen hatte. »Dann müssen wir das in die Hand nehmen«, entschied der Großvater und bemerkte zu Ilse: »Es ist nicht in Ordnung, dass Elsa mir eine Nichtschwimmerin schickt, obwohl sie weiß, dass wir am Wasser wohnen.«

    Nach jedem Mittagessen gab es eine Mittagsruhe, während der sich die Großeltern in ihre Gemächer zurückzogen. Im Haus hatte absolute Stille zu herrschen und die Kinder sollten sich aufs Bett legen, um sich lesend zu bilden. Das Mittagsschläfchen der Großeltern fand an heißen Sommertagen auf einer geschützten Terrasse statt, wo sie sich nackt auf Sonnenliegen ausstreckten, um nahtlos braun zu werden. Selma, die noch nie einen nackten Mann gesehen hatte, bekam einen Schock beim Anblick des braungebrannten Großvaters und seines Geschlechtsteils.

    Im Erdgeschoss des Hauses befand sich ein Bücherzimmer, in dem die Regale bis zur Decke reichten. Auf dem Büchertisch lag eine uralte, riesengroße Lutherbibel, die täglich an einer anderen Stelle aufgeschlagen wurde. Im ersten Regal standen die deutschen Klassiker mit goldgeprägten Lederrücken, im zweiten befanden sich die philosophischen Werke von Sophokles bis Heidegger, daneben waren die chinesischen und indischen Dichter und Denker eingeordnet. Die französische Literatur verstaubte nahe der Decke, während die Kinderbücher handlich im unteren Teil der Bibliothek eingeordnet waren. Handgeschriebene Bücher, Erstausgaben und solche, die signiert oder mit einer Widmung versehen waren, durften von der jüngeren Generation nicht angefasst werden und standen mit ihrer repräsentativen Goldprägung neben den Werken, die Bode selbst verfasst hatte. Wegen der alten Folianten verströmte dieser Raum einen leichten Modergeruch, während die restlichen Räume, klinisch weiß gestrichen und geputzt, nach Steinhuder Meerwasser rochen.

    Am Nachmittag wollte der Großvater die Nichtschwimmerin Punkt drei zum Unterricht auf dem Steg treffen. Mit einem ausgeliehenen Badeanzug und einer noppigen Gummihaube, aus der die Zöpfe unten heraushingen, stand Selma fünf vor drei am verabredeten Ort und fror erbärmlich im kalten Wind. Auf die Sekunde genau um drei erschien der Hausherr und sagte: »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.« Dann forderte er das Mädchen auf, in den moorigen See zu springen. Es stand 60 Zentimeter über den Wellen, die braun und unergründlich gegen die Holzpfosten schlugen. Selma schlang die Arme um den dünnen Körper, hatte blaue Lippen und schnatterte, dazu schüttelte sie verneinend den Kopf, als sie durch einen leichten Stoß in die Tiefe befördert wurde. Das Wasser drang ihr in die Nase, in Mund und Augen, sie schluckte die Brühe hinunter und tauchte auf. Der Morast gab den Füßen keinen Halt, die Neunjährige ruderte mit den Armen und sah, dass der Großvater über ihr Schwimmbewegungen machte, die sie nachahmen sollte. Bemüht, seinen Anforderungen gerecht zu werden, strampelte das Kind wie wild im eiskalten Nass und hatte panische Angst zu ertrinken. Bode kniete sich mit seiner schlohweißen Hose auf den Steg und sagte: »Du musst ruhig atmen, deine Arme bewegen und aufhören zu zappeln«, dann legte er ein Geldstück auf den Poller und erklärte: »Dieses Fünfzigpfennigstück ist für dich, wenn du drei Schwimmzüge schaffst.« Nach einer Viertelstunde reichte er Selma die Hand und zog sie zurück auf den Steg. Die Frierende lief ins Haus, wo sie von Lina mit einem im Backofen vorgewärmten Badetuch empfangen wurde. Beim Tee musste sich Bodes jüngste Enkelin anhören, dass sie entweder schwimmen lernte oder nach Hause geschickt würde. Fünfzig Pfennige waren ein starker Anreiz, täglich machte Selma ihre Übungen und konnte am Ende der Ferien schwimmen.

    Hinter einer hohen Hecke verborgen, wohnte im Nebenhaus Bodes Tochter Erkengard mit ihren Kindern Frowis, Eckbert und Luitgard. Das Sommerhaus war aus Holz und hatte eine vorgebaute Veranda. Im Inneren gab es ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und eine Küche. Die Kinder schliefen in Stockbetten übereinander und die Mutter auf einem Sofa im Wohnzimmer. Das Haus war gemütlich, aber primitiv; das Wasser wurde mit einer Hebelpumpe aus dem Untergrund hochgesaugt, bis es nach Jahren eine Wasserleitung gab. Auch dieses Haus hatte einen großen Garten und einen Steg, an dem ein Ruderboot und ein kleines Segelboot vertäut lagen. Erkengard führte einen eigenen Haushalt. Sie und ihre Kinder kamen nur dann in den Neubau, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Frowis, die Älteste, war achtzehn, Eckbert sechzehn und Luitgard vierzehn Jahre alt. Die Cousinen kannten sich nicht. Nachdem die Ortsansässigen genügend Freunde hatten, waren sie nicht daran interessiert, mit den Münchner Verwandten zu spielen, deshalb gab es nur wenige Anknüpfungspunkte.

    Wenn das Wetter gut war, wurde der Tee auf der gegenüberliegenden Seite des Steinhuder Meeres an der Mardorfer Warte eingenommen. Hierfür machte der Hausherr das Motorboot flott, setzte eine dunkelblaue Kapitänskappe auf und steuerte über den See, während die Besatzung vom Spritzwasser der Wellen geduscht wurde. Am anderen Ufer gab es wahlweise Tee oder Kaffee, dazu durfte man sich einen Kuchen aussuchen oder einen Eisbecher mit Sahneberg, in dem ein japanisches Papierschirmchen steckte. Anschließend ging die ganze Gesellschaft ins Moor, um Blaubeeren und Preiselbeeren zu sammeln, die Lina am nächsten Tag mit Schlagsahne servierte. In der Remise neben dem Haus standen zwei silberne Mercedes Benz 190 SL. Einer gehörte Ilse, einer dem Großvater, der seinen Silberpfeil nannte. Beide Cabriolets waren exakt gleich gebaut und hatten zwei Sitzplätze vorne und einen Notsitz hinten. Die dunkelblauen Ledersessel verbreiteten einen wundervollen Duft, das Armaturenbrett und das Lenkrad waren aus Zirbelholz gearbeitet. Das schwarze Stoffdach konnte zurückgeschlagen werden, damit man bei der Fahrt über Land die verschiedenartigen Gerüche und den Wechsel von warm und kalt, hell und dunkel genießen konnte.

    Als ein mehrtägiger Besuch in Hannover geplant war, verlangte der Großvater, dass die Münchner Kinder vorher neu eingekleidet würden, weil er sich mit seinen Enkeln, die er Großkinder nannte, nicht blamieren wollte. Ilse ging mit ihnen ins Steinhuder Dorf, in dem es viele Fischer gab, die ihren geräucherten Aal vor den Geschäften aufgehängt hatten. Der Ort duftete nach einer Mischung aus Räucherfisch und Brackwasser. Die Passanten grüßten »Tach, Frau Doktor«, und Ilse kaufte mal bei Schweers, mal bei Kuckuck oder bei Hodan ihren Fisch, um nur ja niemanden zu benachteiligen. Ein langer Steg ragte von der Ortsmitte in den See hinein, an ihm waren die als Auswanderer bezeichneten Segelschiffe angebunden. Es waren breite Pötte, die auf hölzernen Sitzbänken die Feriengäste auf die Insel Wilhelmstein brachten. Am Ortsrand standen alte Scheunen im Kreis um den Kirmesplatz herum, auf dem jeden Sommer ein Rummel mit Schiffschaukel, Autoscooter und einem altmodischen Karussell abgehalten wurde, dazu gab es eine Schießbude und Stände mit Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Im Textilhaus Behling kaufte Ilse eine blaue Latzhose und ein blau gepunktetes Kleid für die blonde Selma, die dunkle Ruthilde wählte ein klein geblümtes Hemdblusenkleid und bekam ihre erste Blue Jeans. Mit diesen Neuanschaffungen waren die armen Verwandten standesgemäß für die Stadt gekleidet.

    Am nächsten Morgen ging es los, Ruthi stieg in den Mercedes des Großvaters und Selma nahm neben Ilse Platz. Bode mochte den Fahrstil seiner Frau nicht und um eventuell auftretenden Streit zu vermeiden, besaß jeder sein eigenes Auto. Wenn sie beide nach Hannover wollten, fuhren sie in ihren silbernen Flitzern hintereinander her. Ilse verließ Steinhude bewusst später, weil es ihr Ehrgeiz war, ihren Mann auf der Strecke zu überholen. Er hielt sich strikt an die Straßenverkehrsordnung, sie hatte Spaß daran, möglichst viele Verkehrsregeln zu übertreten, ohne dabei erwischt zu werden. In Wunstorf wählte Ilse eine Abkürzung, fuhr bei Rot über die Ampel, mit zwei Rädern über den Fußweg und hatte durch diese Manöver ihren Mann abgehängt. Sie winkte ihm aus dem offenen Verdeck zu und erfreute sich an der Vorstellung, dass es ihm unerklärlich schien, wie sie plötzlich vor ihm auftauchen konnte, obwohl sie doch nach ihm abgefahren war. Mit solchen Späßen zeigte sie den Kindern, wo die Macht des Mannes endet und die kleinen Freiheiten anfangen, die das Leben einer Frau zu bereichern vermögen. Als sie die Landstraße verließen, reichte Ilse der Beifahrerin eine eng anliegende weiße Pilotenmütze, mit genieteten Löchern an den Ohren. Auf der Autobahn raste die alte Dame mit 160 Stundenkilometern über die Teerstraße, sodass der Wind sie beinahe aus den Sitzen gerissen hätte. »Jetzt denkste, die Alte spinnt«, sagte sie zu Selma, der die rasante Fahrt richtig Spaß machte. Das Ziel dieser Reise war die Pelikan-Fabrik in der Podbielskistraße im Herzen von Hannover.

    Ilse fuhr mit ihrem Cabrio an das Fabriktor, der Pförtner grüßte: »Guten Morgen, Frau Doktor«, hob die Schranke hoch und ließ sie in den Hof fahren. Vor dem Hauptgebäude mit einem reich dekorierten Jugendstilportal übergab die Fabrikbesitzerin den Autoschlüssel an einen Livrierten mit der Bitte, den Wagen zu betanken und zu waschen. Dann stiegen Großmutter und Großkind die Stufen hinauf und betraten das Gebäude, in dem links vom Eingang die Räume lagen, die die Bodes bewohnen konnten, wenn sie über Nacht in Hannover blieben. Durch eines der hohen Bogenfenster sah Selma den Großvater mit seinem Silberpfeil vorfahren. Er wurde ehrerbietig gegrüßt und überreichte den Wagenschlüssel. Im geräumigen Wohnzimmer war ein Sofa für die Kinder bezogen, im danebenliegenden Schlafraum gab es ein Doppelbett für die Großeltern. Ilse, die Erbin der Pelikanwerke, streifte anstelle des weißen Segelanzugs einen silbergrauen Hosenanzug mit farblich abgestimmtem Schuhwerk über und tupfte Parfüm hinter die Ohren, bevor sie sich mit den Kindern zu einem Rundgang durch die Fabrik aufmachte.

    Durch hohe Hallen kamen sie in einen Raum mit riesigen Kupferbottichen, in denen die blaue Pelikantinte gekocht und umgerührt wurde. Hier roch es chemisch nach gallussaurem Eisenoxid. Im nächsten Raum wurden die verschiedenen Tinten in Gläschen gefüllt und mit einem Papieretikett versehen, auf das ein stilisierter Pelikan gedruckt war. Daneben lag die Abfüllanlage für vielfarbige Tuschen und Stempelfarben, von denen Lösungsmitteldämpfe aufstiegen, weshalb die Kinder zum Weitergehen gedrängt wurden. Die drei Besucher liefen einen Flur entlang und kamen in ein Zimmer, in dem die Deckfarben in silberne Metallschälchen tropften. Ein Angestellter im Blaumann, drückte sie in die Schienen der Schulmalkästen. Zuletzt kam in jeden Kasten eine Tube Deckweiß. In der nächsten Abteilung floss der wasserlösliche Klebstoff Pelikanol in weiße Kunststoffdöschen. Ein wundervoller Duft nach Marzipan erfüllte die Halle, in dem der aus Kartoffelstärke hergestellte Papierkleber mit einer Wachsschicht vor dem Austrocknen bewahrt wurde. Der Arbeiter klebte anschließend einen kleinen Löffel in den Deckel und schraubte ihn auf die Dose. Die Besucher betraten ein Zimmer, das berauschend nach Lösungsmitteln roch. Hier wurde der Kunstharz-Klebstoff Peligom in Tuben gefüllt. Ein netter Mitarbeiter wollte von Ruthi wissen, was für einen Kleber sie zu Hause benutzten. »UHU«, sagte die 17-Jährige.

    Pelikan-Fabrik Hannover

    »Sehen Sie, Frau Doktor, da müssen wir noch ordentlich Reklame für unser Peligom machen, um UHU vom Markt zu verdrängen.«

    »Im Falle eines Falles klebt UHU wirklich alles«, posaunte Selma, die diesen Satz im Radio gehört hatte. Ilse war sichtlich gekränkt und packte einige Tuben Peligom in eine Pappschachtel, die sie Ruthi reichte. »In Zukunft sollt ihr nur noch unsere Pelikanprodukte verwenden und du, Selma, kannst in deiner Schule dafür Werbung machen.«

    In der nächsten Werkshalle wurden die Füllfederhalter aus Kunststoff gepresst und montiert. Für dieses Markenzeichen von Pelikan gab es Federn, die vergoldet waren, weiche, harte, dünne oder schräge Metallfedern, die jeweils auf die Tintenführung gesetzt und in den Halter geschraubt wurden. Auf die Hülse konnte der Name des Eigentümers geprägt werden. Ruthilde und Selma erhielten jede einen Füller mit goldenem Namenszug als Geschenk. In einem langen Gebäudeteil war die Herstellung von Schulmalblöcken untergebracht, die im Kunstunterricht von nahezu jedem Kind in Deutschland bemalt wurden. Das Papier kam von riesigen Rollen, wurde dann beschnitten und gebündelt. In einer Stanze erhielten die Blöcke ihre DIN-Größe und eine Sollbruchstelle, sodass man die einzelnen Blätter abtrennen konnte. »Wie beim Klopapier«, rief Selma dem Fließbandarbeiter zu, der sie wegen des Lärms in der Halle nicht verstehen konnte. Zuletzt verklebte eine Maschine den Block auf einer Pappe mit farbigem Umschlagblatt. Ilse wollte den Rundgang beenden, aber Selma wollte unbedingt die Pinselwerkstatt sehen, deshalb liefen sie die Treppe hinunter und betraten einen Kellerraum, in dem Tierhaare

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