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Der Zauber des magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane
Der Zauber des magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane
Der Zauber des magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane
eBook1.020 Seiten13 Stunden

Der Zauber des magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

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Der Zauber des magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

von Jan Gardemann

Dieser Band enthält folgende Romane um Brenda Logan und das Magische Amulett

von Jan Gardemann:

Brenda Logan - Engel oder Mördern

Das zweite Leben der Lady Ashcombe

Einladung zum Hexenclub

Straße des Verderbens

Feinde aus der Ewigkeit

Doch das Grab war leer

Verbannt in eine andere Welt

Die Albträume der Dorothy Gray

Der Frauenmörder

Brenda und der Wolfsmensch

Brenda Logan, die Amulettforscherin, findet in ihrem Büro eine Videokassette vor, von der niemand weiß, wie sie dahin geraten ist. Als sie diese abspielt, muss sie mitansehen, wie zwei Männer in einem Restaurant auf sich schießen und eine Frau schwer verletzen. Auch die beiden Männer ziehen sich Verletzungen zu, die sie jedoch nicht zu stören scheinen. Das erscheint Linda äußerst merkwürdig. Doch dann sieht sie, dass der eine Schütze ein Amulett trägt ...
SpracheDeutsch
HerausgeberAlfredbooks
Erscheinungsdatum27. Okt. 2020
ISBN9783745213577
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    Der Zauber des magischen Amuletts - Jan Gardemann

    Der Zauber des magischen Amuletts: Fantasy Sammelband 10 Romane

    von Jan Gardemann

    Dieser Band enthält folgende Romane um Brenda Logan und das Magische Amulett

    von Jan Gardemann:

    Brenda Logan - Engel oder Mördern

    Das zweite Leben der Lady Ashcombe

    Einladung zum Hexenclub

    Straße des Verderbens

    Feinde aus der Ewigkeit

    Doch das Grab war leer

    Verbannt in eine andere Welt

    Die Albträume der Dorothy Gray

    Der Frauenmörder

    Brenda und der Wolfsmensch

    ––––––––

    Brenda Logan, die Amulettforscherin, findet in ihrem Büro eine Videokassette vor, von der niemand weiß, wie sie dahin geraten ist. Als sie diese abspielt, muss sie mitansehen, wie zwei Männer in einem Restaurant auf sich schießen und eine Frau schwer verletzen. Auch die beiden Männer ziehen sich Verletzungen zu, die sie jedoch nicht zu stören scheinen. Das erscheint Linda äußerst merkwürdig. Doch dann sieht sie, dass der eine Schütze ein Amulett trägt ...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

    © Roman by Author /

    © dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

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    Alles rund um Belletristik!

    Brenda Logan - Engel oder Mörderin?

    Das magische Amulett

    Roman von Jan Gardemann

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

    Brenda Logan, die Amulettforscherin, wird von ihrem Boss an die Seite eines Journalisten gestellt, dem sie behilflich sein soll, eine Biographie für den reichen Marwood Hawks zu verfassen, der vor kurzem ermordet wurde. Wie Brenda gleich richtig ahnt, soll sie verhindern, dass Max bei den Recherchen auf Dinge stößt, die ihn nichts angehen. Es kommt zu einem weiteren Mord und Brenda ist sich sicher, dass dabei Magie im Spiel war. Brenda versucht den Mörder zu finden und dabei Max über die wahren Umstände im Dunklen zu lassen. Doch wird ihr das gelingen?

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

    © by Author

    © Cover by Firuz Askin, 2016

    © dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    © Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2016

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    ––––––––

    Prolog

    Gebannt starrte Avera auf das nachtschwarze Kästchen hinab. Die Goldmünzen darin reflektierten das schummrige Kerzenlicht, so dass es aussah, als wären sie von einer Aura umgeben. Golden tanzten sie wie Irrlichter über die rostigen, ölverschmierten Blechwände ringsum. Avera führte ihre rechte Hand rasch an ihren Hals, um die gelochte Goldmünze an dem derben Lederband unter ihrer Bluse hervorzuziehen. Zärtlich nahm sie die Münze in ihre Hand und bildete eine Faust. Dann schloss sie die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Wie auch schon am frühen Morgen, so bereitete es Avera auch diesmal keine Schwierigkeiten, den Geist von Rockwell Uxdale heraufzubeschwören. Ein leises Knistern in der Luft verriet, dass der Geist im Begriff war, sich vor ihr zu manifestieren ...

    ––––––––

    1

    Voller Verbitterung starrte Avera auf den Toten hinab. Der Griff eines goldenen Brieföffners schaute aus seiner massigen Brust hervor - genau dort, wo sich das Herz befand. Der Morgenmantel des Mannes hatte sich an der Stelle, wo die Klinge des Brieföffners den dunkelblauen Seidenstoff geschlitzt und dann tief in die Brust gedrungen war, dunkel gefärbt. Dieser feucht schimmernde Fleck vergrößerte sich nun zusehends. Bald würde auch der teure, handgeknüpfte Teppich, auf den der Mann niedergesunken war, mit Blut besudelt sein. Aber das kümmerte Avera nicht im Geringsten. Es war ihr egal, dass der Teppich ruiniert wurde. Auch um den Morgenmantel aus Seide war es ihr nicht schade - ganz zu schweigen von dem vergoldeten Brieföffner, den sie dem Mann in die Brust gestoßen hatte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte die ganze erlesene Einrichtung in dieser protzigen Villa zum Teufel gehen können!

    Reichtum und Wohlstand bedeuteten Avera nichts. Was sie bei Marwood Hawks gesucht hatte, war etwas ganz anderes gewesen. Etwas, das sie hier aber nicht hatte finden können!

    Avera schüttelte traurig den Kopf, den Blick noch immer auf den Toten geheftet. Sie fragte sich, warum sie auf diesen Mann hereingefallen war, und warum sie entgegen ihrer Erfahrungen neue Hoffnung geschöpft und sich eingebildet hatte, endlich das zu bekommen, wonach sie sich so heftig sehnte: Wärme, Geborgenheit, Liebe, Verständnis, emotionale Sicherheit ...

    Avera ballte die Fäuste. Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie riss ihren Blick gewaltsam von dem Toten los und betrachtete die Geldscheine, die um die Leiche herum auf dem Boden verstreut lagen. »Hier - das ist für dich, Cherry!« Mit diesen Worten hatte Marwood ihr die Geldscheine hingehalten. Auf seinem rundlichen Gesicht, das Avera vor wenigen Augenblicken noch mit ihren schlanken Händen liebevoll gestreichelt und mit Küssen eingedeckt hatte, lag jetzt ein wohlmeinendes Lächeln.

    »Nimm es«, befahl Marwood mit milder Strenge in der Stimme, als Avera keine Anstalten traf, das Geld in Empfang zu nehmen. Stattdessen starrte sie die Scheine in der kräftigen Hand des Mannes nur fassungslos an.

    »Du kannst das Geld doch brauchen, Darling. Also zier dich nicht und nimm es!« Marwoods Lächeln verwandelte sich plötzlich in ein Grinsen. Ein Grinsen, das in Averas Augen schmierig und gemein aussah. Überhaupt schien Marwood sich plötzlich stark verändert zu haben. Sein rundliches Gesicht wirkte feist und aufgedunsen. Das zerzaust vom Kopf abstehende Haar mutete auf Avera wie eine Vielzahl spitzer Hörner an, die kreuz und quer aus dem Schädel des Mannes empor wuchsen. Entsetzt war sie von dem Mann zurückgewichen, bis sie mit dem Gesäß gegen die Schreibtischkante gestoßen war.

    Marwood folgte ihr, die Hand mit den Geldscheinen fordernd ausgestreckt. »Sei nicht dumm«, sagte er leicht verärgert. »Ich meine es doch nur gut mit dir. Es war toll mit dir heute Nacht. Dafür sollst du auch belohnt werden.«

    In diesem Moment bekam Avera, die mit den Händen Halt suchend über die Schreibtischplatte tastete, den Brieföffner zwischen die Finger. Sie packte den Griff. Er schmiegte sich kühl und geschmeidig in ihre Hand. Das glatte Metall gab ihr das Gefühl, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

    Eben noch war Avera kurz davor gewesen, zusammenzubrechen und hysterisch zu schluchzen. Wie ein Häuflein Elend wäre sie vor dem Schreibtisch zu Boden gesunken und dort jammernd und zitternd liegengeblieben. Doch jetzt, mit dem Brieföffner in der Hand, verschwand das Zittern plötzlich aus ihren Gliedern. Ihre Muskeln spannten sich. Marwood Hawks würde für diesen Frevel bezahlen müssen! Er hatte ihre Sehnsucht ausgenutzt und ihre Träume mit Füßen getreten ...

    Nun war Marwood tot, und die Geldscheine, die er ihr hatte geben wollen, lagen wie ausgerissene Blütenblätter um ihn verstreut auf dem dunklen Teppich.

    Avera wischte sich mit der flachen Hand die Tränen von den Wangen. Nun, da sie sich an Marwood gerächt hatte, bestand für sie kein Anlass zur Trauer mehr. Sie war fertig mit diesem Mann. Die kleine Liaison war beendet. Es wurde Zeit, ihre altes vertrautes Leben wieder aufzunehmen!

    Sie zog das Hemd aus, das Marwood gehörte und ihr viel zu groß war, knüllte es zusammen und schleuderte es in eine Zimmerecke. Nackt wie sie war, ging sie ins Badezimmer, holte ihre Klamotten wieder aus dem Plastiksack für die Altkleidersammlung hervor und zog sich an.

    »Diese Lumpen brauchst du jetzt nicht mehr«, hatte Marwood erklärt, nachdem Avera sich am Abend ausgezogen hatte und unter die Dusche gestiegen war. Er musste rufen, damit sie ihn über das Rauschen des Duschwassers hinweg auch hören konnte. »Bald wirst du dir schöne neue Sachen kaufen können, Darling!«

    Als sie daraufhin den Kopf aus der Duschkabine steckte, sah sie, wie Marwood ihre Klamotten mit gerümpfter Nase in einen Altkleidersack stopfte.

    Avera lachte verächtlich, als sie nun an diese Szene zurückdachte. Warum hatte sie sich nur auf diese Sache eingelassen - das fragte sie sich immer wieder. Warum hatte sie Marwood geglaubt, als er ihr mit warmer, vertrauenerweckender Stimme zugeflüstert hatte, er könne ihr Leben für immer verändern und ihr all das geben, was sie sich tief in ihrem Herzen wünschte? Lag es daran, dass dieses Angebot einfach zu verlockend geklungen hatte?

    Oder war es Marwoods sympathische Ausstrahlung, sein prickelndes Charisma gewesen, der sie all ihre Bedenken hatte vergessen lassen und sie dazu brachte, diesem Mann zu vertrauen?

    Avera machte eine wegwerfende Bewegung. Sie fand es müßig, über diese Fragen nachzudenken. Marwood Hawks war tot. Nach ihm würde es keinen anderen Mann geben, dessen leeren Versprechungen sie sich anhören würde, das nahm sie sich in diesem Moment felsenfest vor.

    Mit einem leeren Gefühl im Kopf und in ihre alten, verschlissenen Klamotten gehüllt, kehrte Avera in Marwoods Arbeitszimmer zurück. Hasserfüllt starrte sie auf den Toten hinab und ließ ihren Blick dann durch das stilvoll eingerichtete Zimmer schweifen, das von der Schreibtischlampe schummerig erhellt wurde. Wie verlockend war es ihr gestern noch erschienen, in dieser Villa an Marwoods Seite leben zu dürfen. All die antiken Möbel, der Luxus und die Annehmlichkeiten wären Bestandteil ihres eigenen Lebens geworden. An Marwoods Seite hätte sie all seine berühmten Freunde und Bekannten kennengelernt. Sie hätten zusammen Wohltätigkeitsbälle geleitet, auf Galaveranstaltungen getanzt und mit Prominenten geplaudert. Sie hätte ihm Tee hierher in sein Arbeitszimmer gebracht, wenn er bis in die späten Abendstunden hinein an seinem Schreibtisch sitzen und seinen Geschäften nachgehen musste. Sie wäre eine vorbildliche, liebende Ehefrau gewesen.

    Doch Marwood hatte nicht im Traum daran gedacht, sie, Avera, zu seiner Frau zu nehmen. Sie war für ihn nicht mehr als eine Gespielin gewesen. Eine Gespielin, der er nach wenigen Nächten gewiss überdrüssig geworden wäre. Er hätte sie mit einer weiteren Geldsumme abgespeist und vor die Tür gesetzt. Die Sache wäre für ihn damit erledigt gewesen, und er hätte sich eine neue Gespielin gesucht, um ihr seine verlogenen Versprechungen ins Ohr zu flüstern. Was aus ihr, Avera, geworden wäre, wäre ihm sicherlich gleichgültig gewesen.

    Unter diesen Gesichtspunkten kam Avera ein Leben, wie sie es an der Seite von Marwood Hawks geführt hätte, plötzlich gar nicht mehr so erstrebenswert vor. Die Möbel in dem Arbeitszimmer erschienen ihr plötzlich schäbig und düster. Wie viele Lügen und schlimme Geheimnisse mochten die Aktenschränke in diesem Zimmer beherbergen? Wie viele zerschundene Kinderhände hatten an dem handgeknüpften Teppich gearbeitet, auf dem Marwoods Leiche nun lag? Die ganze Villa war bloß eine Lüge, und Avera wollte keine Sekunde länger in dieser Lüge verweilen!

    Abrupt wandte sie sich ab und schickte sich an, das Arbeitszimmer zu verlassen. Keinen Moment dachte sie daran, die Spuren zu verwischen, die sie in dieser Villa hinterlassen hatte und die Polizei auf ihre Fährte bringen können, wenn das Anwesen nach der Entdeckung der Leiche gründlich durchsucht wurde. Avera würde die Villa einfach verlassen und London für eine Zeitlang den Rücken kehren. So hatte sie es bisher immer gemacht, wenn ein Mann sie enttäuscht und sie ihn für seine Lügen hatte bezahlen lassen.

    ––––––––

    2

    Als Avera auf den Korridor hinaustrat, vernahm sie hinter ihrem Rücken plötzlich ein Geräusch.

    Wie versteinert blieb sie stehen und drehte sich langsam um. Avera wusste, sie war mit Marwood allein in der Villa gewesen. Es war früh am Morgen - gerade mal drei Uhr. Nicht einmal Marwoods Sekretärin würde es wagen, ihren Chef um diese Zeit zu behelligen.

    Und doch war aus dem Arbeitszimmer dieses mysteriöse Scharren und Poltern zu vernehmen gewesen. Avera kniff die Lider zusammen und spähte angestrengt in das schummrige Arbeitszimmer hinein. Das schummrige Licht, das die Schreibtischlampe absonderte, blendete sie ein wenig, so dass sie erst nicht erkennen könnte, was für das beängstigende Geräusch verantwortlich war. Als sie dann aber sah, was vorgefallen war, setzte ihr Herzschlag für einen kurzen Moment vor Schreck aus. Die Position der Leiche hatte sich verändert!

    Marwood Hawks lag nun nicht länger auf dem Rücken. Er hatte sich auf die Seite gerollt und starrte mit seinen gebrochenen Augen vorwurfsvoll zu Avera herüber.

    Die junge Frau presste die Faust vor den Mund und biss sich vor Grauen in den Zeigefinger der geballten Hand. Ein Schrei wollte sich über ihre Lippen Bahn brechen. Doch da wurde Avera gewahr, dass sich der Leichnam nicht aus eigener Kraft bewegt hatte, wie sie erst angenommen hatte. Etwas Anderes, nicht weniger Seltsames, war dafür verantwortlich, dass der Tote auf die Seite gerollt war.

    Avera ließ die Hand wieder sinken. Der Impuls, laut loszuschreien, war augenblicklich verebbt. Stattdessen starrte sie den handgeknüpften Teppich misstrauisch an. Er wies plötzlich eine Erhebung auf, eine etwa armlange Wölbung, die direkt unter dem Toten entstanden war und ihn hatte zur Seite rollen lassen. Irgendetwas schien sich unter dem Teppich zu befinden!

    Obwohl Avera Furcht empfand und am liebsten Hals über Kopf aus der Villa geflüchtet wäre, setzte sie sich doch zögernd in Bewegung und kehrte, wie an Marionettenfäden gezogen, in das Arbeitszimmer zurück. Dabei galt ihr Augenmerk nicht länger dem Toten. Ihr Blick haftete fest und unverrückbar auf der Wölbung des handgeknüpften Teppichs. Der Teppich war so groß, dass er den Boden um die Wölbung herum noch immer bedeckte. Was immer sich unter dem Teppich in die Höhe geschoben hatte, war so stark gewesen, dass es das Gewicht der handgeknüpften Kostbarkeit spielend empor gewuchtet hatte. Doch was es war, konnte Avera auch dann noch nicht erkennen, als sie den Rand des Teppichs erreicht hatte und stehengeblieben war.

    Seit sie die Wölbung beobachtete, hatte sich nichts darunter geregt. Die Erhebung blieb, wie sie war. Weder wurde sie größer, noch sank sie wieder in sich zusammen.

    Wären Averas Gedanken wegen der zurückliegenden Tat weniger durcheinander und konfus, wäre sie wahrscheinlich darauf gekommen, was die Erhebung des Teppichs hervorgerufen hatte. So aber blieb ihr der ganze Vorgang rätselhaft und unheimlich. Einen Moment lang hielt sie es sogar für möglich, irgendeine mysteriöse Macht schickte sich an, ihr die Rechnung für all die Taten zu präsentieren, die sie aus Rache an den Männern geübt hatte, die sie enttäuscht hatten.

    Doch dann verwarf sie diesen Gedanken wieder. Bisher war sie noch immer ungeschoren davongekommen. Warum sollte sich daran jetzt plötzlich etwas ändern?

    Entschlossen, das Rätsel endlich zu lüften, bückte sie sich und packte den mit Fransen verzierten Rand des Teppichs mit beiden Händen. Sie musste ihre ganze Kraft aufwenden, um den schweren Teppich anzuheben und über das Hindernis zu wuchten, das sich auf mysteriöse Weise darunter erhoben hatte.

    Als sie es endlich geschafft hatte, die eine Hälfte des Teppichs umzuschlagen und über das Hindernis zu ziehen, wurde sie von dem Gewicht des herabgleitenden Teppichs prompt zu Boden gezogen. Avera stürzte und sah, dass die umgeschlagene Teppichhälfte nun den Toten bedeckte. Dafür aber war die Erhebung endlich freigelegt.

    Es handelte sich um eine Bodenklappe, wie Avera nun erkannte. Aus ihr unerfindlichen Gründen hatte die Klappe sich nach oben hin geöffnet, obwohl sowohl das Gewicht des Teppichs, als auch das der Leiche darauf gelastet hatte.

    Auf allen Vieren kroch Avera auf das quadratische Loch im Boden zu. Ein greller Lichtschein flutete aus der Öffnung empor und zeichnete ein weißes Quadrat an die Zimmerdecke. Das Licht rührte von einer Leuchtstoffröhre her, die am oberen Boden des quadratischen Loches befestigt war und die würfelförmige Vertiefung bis in den letzten Winkel ausleuchtete. Die Seitenwände und der Boden schienen aus nacktem grauen Beton zu bestehen.

    Avera beschattete ihre Augen mit der Hand und spähte angestrengt in das hell erleuchtete Geheimfach. Dabei fragte sie sich, was Marwood in diesem aufwendigen Versteck wohl verborgen hatte. Auf dem Grund der Grube erblickte sie aber lediglich eine Schatulle, die etwa so groß wie ein Ziegelstein war und aus pechschwarzem Holz bestand. Die reich verzierten Goldbeschläge ließen die Schatulle trotz des schwarzen unansehnlichen Holzes aber wertvoll und edel erscheinen.

    Nun, da Averas Augen sich an das helle Neonlicht in dem Geheimfach gewöhnt hatten, glaubte sie Runen und magische Symbole zu erkennen, die in das Holz der Schatulle eingeritzt waren. Auch die Goldbeschläge wiesen solche Symbole auf.

    Mit gemischten Gefühlen starrte sie die Schatulle mehrere Sekunden lang unschlüssig an. Avera war fest entschlossen gewesen, nichts aus der Villa zu entwenden. Wozu sollte sie das auch tun? Alles, was sie mitgenommen hätte, hätte sie nur an die Enttäuschung erinnert, die sie in diesem Haus hatte erleiden müssen. Auch das Geld hätte sie niemals an sich genommen. Denn Geld war ihrer Meinung nach nur ein Mittel, der Person gegenüber, der man das Geld überreichte, Geringschätzung und Verachtung auszudrücken.

    Marwoods Ansinnen, sie für die Nacht, die sie mit ihm zusammen verbracht hatte, zu bezahlen, hatte Avera diese üble Eigenschaft des Geldes wieder einmal deutlich vor Augen geführt. Es hätte sie weniger verletzt, wenn Marwood ihr unumwunden mitgeteilt hätte, dass er sie nicht liebte und nichts für sie erübrigen konnte, als ein paar flüchtige, erotische Gefühle, die sich rasch wieder verflüchtigten, wenn sie befriedigt worden waren.

    Stattdessen hatte er ihr Geld geben wollen und ihr dadurch unmissverständlich zu verstehen gegeben, wie sehr er sie verachtete und hasste!

    Wieder begannen Tränen Averas Blick zu verschleiern. Sie war fest entschlossen, die Schatulle dort zu belassen, wo sie war und sie nicht einmal zu dem Zweck an sich zu nehmen, um ihre Neugierde zu befriedigen und nachzusehen, was darin verborgen war. Doch zu ihrem grenzenlosen Erstaunen musste sie mit ansehen, wie sie plötzlich ihre Arme nach der Schatulle ausstreckte. Das schwarze Holz fühlte sich seltsam warm an und schien sogar zu pulsieren. Erschrocken richtete Avera sich auf und ließ die Schatulle vor sich auf den Boden fallen. Entgeistert starrte sie das Kästchen an. Sie fürchtete sich und hätte diese seltsame Kassette am liebsten in das Geheimfach zurückgeschleudert. Doch das vermochte sie nicht. Irgendeine unheimliche Macht schien die Kontrolle über ihren Körper übernommen zu haben und ließ ihn Dinge tun, die gegen Averas Überzeugung waren.

    So hätte sie den Schnappverschluss der Schatulle auch sicherlich niemals freiwillig geöffnet. Doch genau das tat sie jetzt. Averas Finger zitterten, während sie verzweifelt versuchte, wieder die Kontrolle über ihren Körper zu erlangen und zu verhindern, dass sie die Schatulle öffnete.

    Ein leises Klicken ertönte und der goldene Verschluss schnappte auf. Wie durch Geisterhand bewegt schwang nun auch der Schatullendeckel auf und gab den Blick auf einen Haufen alter Goldmünzen frei, mit denen die Schatulle bis zum Rand gefüllt war.

    »Geld!«, presste sie mit rauer Stimme enttäuscht hervor. »Warum immer nur Geld?!«

    Heiß rannen ihr die Tränen über die Wangen, tropften von ihrem Kinn und landeten auf den alten Goldmünzen in der Schatulle. Als wären die Münzen heiß wie eine angeschaltete Herdplatte, verdampften die Tränen augenblicklich. Es zischte und weißer Dampf stieg aus dem Kästchen empor. Erschrocken kroch Avera rückwärts von der Schatulle weg. Der Dampf verflüchtigte sich nämlich nicht. Stattdessen schwebte er wie eine dicke Nebelwolke über dem Kästchen und wurde immer größer, obwohl die Tränen längst verdampft waren.

    Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Avera, wie sich die Nebelwolke zu einer Gestalt verdichtete und die Umrisse eines jungen Mannes in mittelalterlicher Kleidung annahm. Avera schluckte trocken. Ungläubig starrte sie zu dem nebelhaften Jüngling empor, der nun in voller Lebensgröße vor ihr schwebte. Er trug eine Flickenjacke, derbe Hosen und Schnürschuhe.

    »Ein ... ein Geist«, stammelte Avera atemlos.

    In diesem Moment streckte der Jüngling den Arm nach ihr aus. Sein Gesicht wirkte leidend und verzweifelt. »Hilf mir«, vernahm sie eine leise Stimme.

    Avera vermochte nicht zu sagen, woher diese Stimme kam. Es war eine männliche Stimme, und sicherlich gehörte sie dem Geist, der vor ihr schwebte. Fast hatte sie den Eindruck, die Stimme würde direkt in ihrem Kopf entstehen.

    »Hilf mir, Avera«, flehte die Stimme erneut. Die durchscheinende Hand des Geistes schwebte dicht über Averas Haupt, als wollte er sie berühren.

    »Bitte, Avera, hilf mir!«, wisperte es in ihrem Kopf. »Erlöse mich von meinem Fluch - vom Fluch der verwunschenen Gulden. Nur jemand wie du vermag mich zu retten. Du musst mir helfen - bitte. Ohne dich wird meine Qual bis ans Ende der Zeit fortdauern!«

    Averas Furcht war inzwischen fast verflogen. Die geisterhafte Stimme in ihrem Kopf war einschmeichelnd und klang sympathisch und weich. Sie hatte nichts von diesem Geist zu befürchten, das spürte sie instinktiv. Die nebelhafte Erscheinung benötigte anscheinend sogar ihre Hilfe.

    »Wer ... wer bist du?«, fragte Avera zögernd. Noch immer kauerte sie rittlings auf dem Boden und blickte benommen zu der geisterhaften Gestalt empor.

    »Mein Name lautet Rockwell Uxdale«, wisperte die Stimme in ihrem Kopf. »Aber das ist unwichtig. Viel wichtiger ist, dass du schnell von hier verschwindest, bevor deine Tat entdeckt wird!«

    Beklommen sah Avera zu dem umgeschlagenen Teppich hinüber, der die Leiche von Marwood Hawks verdeckte. Prompt fielen ihr all die verlogenen Versprechungen wieder ein, die Marwood ihr zugeflüstert hatte, um sie gefügig zu machen. War sie nun etwa wieder drauf und dran, den Einflüsterungen eines Mannes zu erliegen, eines Mannes, der ihr in Gestalt eines Geistes erschienen war? Argwöhnisch richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Spukerscheinung.

    Doch der Tränendampf, durch den der Geist Gestalt angenommen hatte, hatte bereits begonnen, sich zu verflüchtigen. Die Schwaden waberten auf und nieder, während die Konturen des Geistes immer undeutliche wurden.

    »Hilf mir, Avera«, vernahm sie ein letztes Mal die Flüsterstimme des Geistes, ehe der Dunst sich vollständig auflöste und verschwand. Wie aus dem Nichts fiel plötzlich eine Goldmünze klirrend vor Avera auf den Boden. Die Münze hatte in der Mitte ein Loch und war mit magischen Runen und Symbolen übersät.

    Wie unter einem fremden Zwang nahm Avera die Goldmünze auf und drehte sie verwundert zwischen ihren Fingern. Die Münze war genauso groß, wie die Goldstücke in der Schatulle, nur dass magische Runen in sie hinein geprägt worden waren und sie in der Mitte ein Loch aufwies.

    Verwundert blickte sie sich in dem schummerigen Büro um. Aber es war nirgendwo etwas von dem Geist zu erblicken. Er hatte sich tatsächlich in Luft aufgelöst. Alles, was von ihm geblieben war, war diese geheimnisvolle, gelochte Münze!

    Der Argwohn, den Avera eben noch empfunden hatte, war plötzlich wie weggeblasen. Sie fragte sich, ob sie sich die Erscheinung vielleicht nur eingebildet hatte und dieser Geist bloß eine Ausgeburt ihrer Schuldgefühle war, die seit ihrer ersten Rachetat vor fünf Jahren beständig an ihr nagten. Benommen schüttelte sie den Kopf, Es war gefährlich, sich solchen Gedanken hinzugeben - das wusste sie. Außerdem bewies die Lochmünze in ihrer Hand, dass wirklich etwas Sonderbares vorgefallen war.

    Plötzlich wurde Avera sich bewusst, dass die Geistererscheinung recht hatte: Sie musste machen, dass sie von hier fortkam. Wenn sie noch länger an dem Tatort verweilte, würde sie am Ende vielleicht doch noch entdeckt werden. Ohne recht zu überlegen, was sie tat, steckte sie die gelochte Münze in die Brusttasche ihrer zerschlissenen Jacke, klappte den Schatullendeckel zu und nahm das Kästchen an sich. Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich und eilte auf den Korridor hinaus.

    Als sie die Villa kurz darauf durch den Hintereingang verließ, bemerkte sie erschrocken, das es inzwischen zu Dämmern begonnen hatte. Die kühle Morgenluft war erfüllt von dem anschwellenden Lärm des Berufsverkehrs. Es würde unter diesen Bedingungen nicht leicht werden, sich unbemerkt durch das Villenviertel zu schleichen.

    Rasch verbarg Avera die Schatulle unter ihrer verschlissenen Jacke und rannte dann geduckt zu einer Buschgruppe hinüber. Dahinter begann die Straße. Einen flüchtigen Moment lang schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass es ein schwerwiegender Fehler gewesen war, die Schatulle aus der Villa zu entwenden. Mit dieser Tat hatte sie gegen ihre Prinzipien gehandelt. Sie ahnte, dass ihr noch große Schwierigkeiten daraus erwachsen würden. Doch welcher Art diese Schwierigkeiten sein würden, darüber konnte Avera sich selbst in ihren düstersten Vorahnungen kein Bild machen. Aber selbst, wenn sie dies vermocht hätte, so wäre sie doch nicht in der Lage gewesen, die Schatulle zurückzubringen oder gar von sich zu schleudern. Stattdessen presste sie das nachtschwarze Kästchen wie einen kostbaren Schatz an ihre Brust und hastete im Schutze der Hecken und Alleebäume die Straße entlang.

    ––––––––

    3

    Als ich, Brenda Logan, an diesem Morgen das British Museum betrat, um dort, wie jeden Tag, meine Arbeit als Archäologin und Amulettforscherin nachzugehen, waren die meisten meiner Kollegen schon auf ihren Posten. Entweder führten sie Schulgruppen durch die Ausstellungshallen des Museums, hielten Vorträge in der Aula oder waren in den Labors und Restaurationswerkstätten zugange. Auch ich hätte längst in meinem Büro sein müssen, um dort die Formulare für die Kostenrechnung einer bevorstehenden Expedition auszufüllen. Diese Papiere sollte ich Professor Salomon Sloane, dem Museumsdirektor, am Nachmittag zur Begutachtung vorlegen.

    Ich hatte es daher ziemlich eilig, in mein Büro zu gelangen und grüßte die Kollegen, denen ich auf den Korridoren begegnete, nur mit einem flüchtigen Wink. Schon, als ich die Bürotür aufschloss, vernahm ich das Läuten meines Telefons. Ich warf meine Handtasche auf meinen Arbeitsstuhl und nahm den Telefonhörer auf. Die Anzeige auf dem Display hatte mir verraten, dass es sich um einen internen Anruf handelte - und zwar kam er aus dem Vorzimmer des Büros des Museumsdirektors.

    »Brenda Logan«, meldete ich mich atemlos.

    »Guten Morgen, Mrs. Logan«, war die kühle, höfliche Stimme von Janet, der schwarzhaarigen Vorzimmerdame von Professor Sloane am anderen Ende der Leitung zu vernehmen. »Der Chef wünscht Sie dringend zu sprechen.«

    Ich atmete tief durch. »Die Kostenrechnung für die Expedition wollte er aber doch erst am Nachmittag vorgelegt bekommen«, setzte ich an.

    »Ich glaube, es geht um eine andere Angelegenheit«, erwiderte Janet gönnerhaft. »Der Professor hat Besuch. Er war nicht sonderlich erbaut, dass ich Sie bisher noch nicht in Ihrem Büro erreichen konnte. Er will Sie bei der Besprechung unbedingt dabei haben.«

    Ich seufzte schicksalsergeben. »Warum muss so etwas ausgerechnet dann passieren, wenn ich ausnahmsweise mal zu spät zur Arbeit erscheine?«

    Janet verzichtete auf eine Erwiderung und hustete nur gekünstelt. Ich sagte ihr daraufhin, dass ich mich sofort auf den Weg machen würde und unterbrach die Verbindung.

    Fünf Minuten später stand ich Janet in ihrem Vorzimmer persönlich gegenüber. Sie nickte nur kurz und machte sich nicht einmal die Mühe, von der Illustrierten aufzublicken, in der sie gerade blätterte.

    »Gehen Sie nur rein«, meinte sie lapidar und deutete mit dem Köpf auf die schallisolierte Tür, die ins Büro des Museumsdirektors führt. »Man erwartet Sie bereits sehnsüchtig.«

    Ich zog meine Bluse glatt, trat vor die mit Kunstleder überzogene Tür hin und öffnete sie. Dahinter tat sich mir ein schummrig beleuchteter Raum auf. Warum der Professor stets bei heruntergelassenen Jalousien arbeitete, hatte er mir bisher noch nicht verraten. Vielleicht liebte er das schummrige Licht, das seine Schreibtischlampe, die einzige Lichtquelle in dem Zimmer, absonderte. Dem Büro des Museumsdirektors haftete dadurch stets etwas Geheimnisvolles und Düsteres an. Dieser Eindruck wurde durch den hoffnungslos überladenen Schreibtisch in der Mitte des Zimmers noch unterstrichen. Neben Stapeln von Manuskriptblättern, Briefen und Formularen waren auf dem Schreibtisch auch kleine Artefakte, archäologisches Werkzeug und sogar auch ein Totenschädel zu finden. Nicht anders sah es in den Regalen an den Wänden aus. Alte Folianten, Pergamentrollen und abgegriffene Nachschlagewerke teilten sich die Regalbretter mit Kisten voller antiker Vasenscherben, Götzenfiguren und Gesteinsproben.

    In diesem Ambiente mutete Professor Salomone Sloane hinter seinem Schreibtisch ein wenig wie ein verschrobener Hexenmeister an. Sein schütteres Haar war schlohweiß, und sein gepflegter Vollbart lief am Ende spitz zu. Der Professor, der seine Vorliebe für ausgefallene Klamotten hatte, trug an diesem Morgen einen hellblauen Anzug, darunter ein algengrünes Hemd und eine Krawatte mit chaotischem Wellenmuster, in dem sich Delphine tummelten.

    Auffallend nüchtern wirkte im Gegensatz dazu Professor Sloanes Besuch. Der junge Mann hatte sich bei meinem Eintreten von dem Besuchersessel erhoben und sah mich neugierig an. Er trug einen einfachen, leger sitzenden Anzug, hatte dunkles kurzes Haar und ein hageres, freundlich dreinblickendes Gesicht.

    Besonders kräftig schien der Mann nicht zu sein. Dafür aber wirkten seine Augen äußerst wachsam und aufmerksam. Es fiel mir auf, dass er mir offen ins Gesicht blickte - und nicht erst meine Kurven abcheckte, wie es die meisten Männer zu tun pflegten.

    »Da sind Sie ja endlich, Brenda«, sagte der Museumsdirektor in einem strengen geschäftsmäßigen Tonfall und deutete über seinen Schreibtisch hinweg auf den jungen Mann. »Das ist Max Layton, freiberuflicher Journalist und Verfasser einiger aufsehenerregender Biographien von bedeutenden Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben von London.«

    Ich trat auf Max .Layton zu, und er reichte mir die Hand.

    »Max, das ist Brenda Logan«, hörte ich den Professor sagen, während ich das Gesicht des Reporters aufmerksam betrachtete. Es war ein überraschend offenes Gesicht. Max Layton hatte es offenbar nicht nötig, sein wahres Wesen hinter einer Maske zu verbergen.

    »Ich kenne Sie bereits«, eröffnete er mir in aufgeräumter Stimmung und lächelte gewinnend. »Ich habe Ihr Buch über magische Amulette gelesen. Der Text hat mich sehr beeindruckt. Sie verfügen über ein enormes Fachwissen, verstehen es aber trotzdem, es dem Leser allgemeinverständlich zu vermitteln. Das ist eine seltene Gabe unter Wissenschaftlern.« Während er dies sagte, schüttelte er sanft meine Hand. Sein Griff war fest, aber nicht drängend oder fordernd.

    Ich zog verwundert eine Augenbraue in die Stirn. »Sie glauben mich zu kennen, nur weil Sie ein Buch von mir gelesen haben?«

    Layton ließ meine Hand los und grinste. »Ein Text verrät über seinen Verfasser oft mehr, als er beabsichtigt«, erklärte er geheimnisvoll. »Man muss allerdings aufmerksam lesen, um dies zu erkennen.«

    Ich zuckte bedauernd die Achseln. »Ich wünschte, ich hätte auch etwas von Ihnen gelesen, Mr. Layton. Dann könnte ich jetzt vielleicht auch behaupten, Sie zu kennen. Aber das ist leider nicht der Fall.«

    Layton winkte ab. »Sie werden noch Gelegenheit bekommen, mich näher kennenzulernen«, meinte er lapidar. »Sie dürfen mich also ruhig bei meinem Vornamen nennen.«

    Verwundert richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Professor, der auf der anderen Seite des Schreibtisches saß und uns zufrieden musterte. Nachdem ich ihm einen fragenden Blick zugeworfen hatte, deutete er einladend auf die beiden Besuchersessel.

    »Mr. Layton hat den Auftrag, eine Biographie über Marwood Hawks zu verfassen«, ließ er sich dann endlich herab, zu erläutern. »Der Text soll bei den Trauerfeierlichkeiten vorgelesen werden, die in einer Woche stattfinden werden. Eine ausführliche Version wird später in Buchform erscheinen und auch in die Museumsbibliothek aufgenommen werden.« Erwartungsvoll sah der Professor mich über das Chaos auf seinem Schreibtisch hinweg an. »Sie, Brenda Logan, werden bei dem Vorhaben als Co-Autorin fungieren!«

    Ich räusperte mich verlegen und blickte dann verunsichert zwischen den beiden Männern hin und her. »Entschuldigen Sie meine Unwissenheit«, setzte ich an. »Aber wer ist dieser Marwood Hawks überhaupt?«

    Professor Sloane machte ein düsteres Gesicht und lehnte sich auf seinem Sessel vorwurfsvoll nach vorn.

    »Marwood Hawks war einer der bedeutendsten Mäzene dieser Stadt«, erklärte er. »Ohne seine finanzielle Unterstützung müsste so mancher Künstler am Hungertuch nagen. Außerdem bedachte Marwood Hawks zahlreiche öffentliche Einrichtungen mit großzügigen Spenden.«

    Langsam dämmerte mir, woher der Wind wehte. »Zu diesen Einrichtungen zählte wohl auch das British Museum«, sprach ich meine Vermutung aus. Professor Sloane nickte bedächtig und sah mich dann über den Rand seiner Nickelbrille hinweg eindringlich an. »Auch Sie haben von den finanziellen Zuwendungen dieses Mannes profitiert, Brenda«, sagte er in einem übertrieben sachlichen Tonfall. Ich schluckte und lehnte mich in meinem Sessel zurück, die Arme auf die Armlehnen gelegt. Es bestand für mich kein Zweifel, was der Professor mir mit seiner eindringlichen Art hatte mitteilen wollen. Anscheinend hatte Marwood Hawks auch dem Kreis anonymer Geldgeber angehört, die sich der geheime Zusammenschluss nannten und es sich zur Aufgabe gemacht hatten, mich in meiner Jagd nach den magischen Amuletten zu unterstützen. In meiner Eigenschaft als Amulettforscherin kam ich nämlich immer wieder mit übersinnlichen Phänomenen und Magie in Berührung. In vielen Amuletten wohnten böse magische Kräfte, die von Verbrechern und anderen dubiosen Gestalten für die Erreichung ihrer Ziele benutzt wurden. Ziele, die es zumeist mit sich brachten, dass unschuldige Menschen für ihre Erlangung ins Verderben gestürzt wurden oder sogar ihr Leben verloren. Aus diesem Grund hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, diese magischen Amulette aufzuspüren und zu zerstören.

    Eine wertvolle Hilfe war mir bei der Arbeit unter anderem der geheime Zusammenschluss. Diese Vereinigung aus wohlhabenden und einflussreichen Leuten ließ mir regelmäßig finanzielle Mittel zukommen, die ich für die Amulettjagd dringend benötigte. Oft erhielt ich aber auch wichtige Hinweise auf Aktivitäten von magischen Amuletten. Trotz dieser großzügigen Unterstützung hegte ich in Bezug auf den geheimen Zusammenschluss zwiespältige Gefühle. Es störte mich nämlich ungemein, dass ihre Mitglieder unbedingt anonym bleiben wollten. Nicht einmal Professor Sloane, der als Mittelsmann zwischen dieser Gruppe und mir fungierte, kannte alle ihre Namen. Sicherlich geschah dies hauptsächlich zum Schutz dieser Leute. Sie fürchteten nämlich um ihren guten Ruf, den sie unweigerlich verlieren würden, wenn in der Öffentlichkeit bekannt wurde, dass sie an Zauberei und Magie glaubten und für deren angebliche Bekämpfung eine Menge Geld ausgaben. Außerdem waren sie auf diese Weise auch vor eventuellen Racheaktionen sicher, die bei den Schurken, die ich bekämpfte, nie auszuschließen waren. Auf der anderen Seite konnte ich mir jedoch nie ganz sicher sein, was es mit den Informationen, die aus diesem Kreis zu mir durchdrangen, wirklich auf sich hatte.

    So hatte sich zum Beispiel herausgestellt, dass meine anonymen Helfer mit ihren Informationen hin und wieder auch eigene Ziele verfolgten und mich sogar benutzten, um ihre schmutzige Wäsche zu waschen. Darum war ich immer sehr vorsichtig und misstrauisch, wenn der geheime Zusammenschluss ins Spiel kam.

    So, wie jetzt auch ...

    ––––––––

    4

    Max Layton war nicht entgangen, dass zwischen mir und dein Museumsdirektor eine stumme Kommunikation stattgefunden hatte. Neugierig sah er mich von der Seite an. Doch er verzichtete darauf, mir Fragen zu stellen, denn er spürte wohl, dass er von mir momentan keine Antworten erwarten konnte.

    Der Journalist und Biographieschreiber tat mir jetzt fast sogar ein wenig leid. Er ahnte nicht, dass ich ihm nur deshalb zur Seite gestellt wurde, um zu verhindern, dass er während seiner Recherche allzu viel über den geheimen Zusammenschluss erfuhr, dessen Mitglied Marwood Hawks gewesen war. Ich hätte mir eine offene und unbeschwerte Arbeit an der Seite dieses sympathischen Mannes gewünscht. Doch wie es aussah, machte mir meine Bestimmung mal wieder einen Strich durch die Rechnung.

    Also atmete ich durch und bedeutete dem Museumsdirektor mit einem kaum merkbaren Nicken, dass ich begriffen hatte, worauf es ihm bei diesem Job ankam. Professor Sloane konnte dem geheimen Zusammenschluss mitteilen, dass ihnen durch Max Layton keine Gefahr drohte.

    »Woran ist Marwood Hawks denn gestorben?«, fragte ich, um die angespannte Atmosphäre in dem Büro wieder aufzulockern und weil ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie das Leben dieses Marwood Hawks zu Ende gegangen war.

    Professor Sloane sah mich bestürzt an. »Lesen Sie denn überhaupt keine Zeitung?«, fragte er entgeistert. »Die Nachricht stand auf den Titelseiten der Morgenausgabe sämtlicher Tageszeitungen in London!«

    Ich lächelte verlegen und zuckte wie beiläufig die Achseln. »Ich hatte heute Morgen keine Zeit, einen Blick in die Zeitung zu werfen«, erklärte ich ausweichend. Schließlich konnte ich dem Museumsdirektor ja schlecht erzählen, dass Daniel und ich den Wecker heute Morgen nicht gehört hatten, weil wir ihn versehentlich vom Nachttisch gestoßen hatten, als wir uns in den frühen Morgenstunden leidenschaftlich geliebt haben.

    Eine Drossel, die im ersten Morgengrauen auf der Dachterrasse unserer Atelierwohnung gelandet war, hatte Daniel und mich mit ihrem durchdringenden Tschilpen geweckt. Schlaftrunken wie wir waren, hatten wir uns in unserem Ehebett einander zugewandt. Unsere Gesichter waren sich dabei sehr nahe gekommen. Es bedurfte nur eines müden Streckens des Halses - und unsere Lippen fanden einander. Ich spürte Daniels warme Hand auf meiner Haut und schob mich näher zu ihm heran, wobei mir ein wohliger, sehnsuchtsvoller Laut entschlüpfte ...

    Als wir dann eine halbe Stunde später erschöpft und befriedigt eng umschlungen in den Schlaf zurücksanken, wachten wir erst wieder auf, als die Sirene eines Polizeifahrzeuges von der Straße her zu uns ins Schlafzimmer drang. Daniel machte sich von mir los, um nach dem Wecker zu sehen. Doch der war, zusammen mit der Leselampe, zu Boden gefallen. Ein Kissen war dem Wecker später gefolgt und hatte ihn zugedeckt, so dass wir sein ersticktes Schrillen nicht gehört hatten.

    Der Rest des Morgens war dann ziemlich hektisch verlaufen. Daniel musste so schnell wie möglich ins St. Thomas Hospital, wo er als Arzt und Neurologe arbeitete. Seine Schicht hatte bereits begonnen. Anscheinend war in der Klinik jedoch nichts los, sonst hätte man dort längst versucht, ihn über sein Handy zu erreichen, das immer in der Schublade seines Nachtschranks lag. Und auch ich musste mich rasch auf den Weg ins British Museum machen. Die Finanzkalkulation für die Expedition wartete dort auf mich. Daniel und ich fanden kaum Zeit, uns beim Abschied zu küssen. Ganz zu schweigen davon, dass einer von uns einen Blick in die Morgenzeitung hatte werfen können, die auf der Fußmatte vor unserer Wohnungstür lag.

    »Marwood Hawks ist in der vergangenen Nacht anscheinend in seiner Villa ermordet worden«, war es nun Max, der sich anschickte, meine Wissenslücke zu füllen und den Sturzbach berauschender Erinnerungen zu stoppen, der brausend und prickelnd durch mein Gehirn spülte.

    »Ermordet?«, hakte ich erschrocken nach. Der Nachhall der süßen Erinnerungen an die frühen Morgenstunden verstummte augenblicklich. Ein unbehagliches Gefühl machte sich stattdessen in mir breit. Ein Gefühl, das mich ahnen ließ, dass Professor Sloane mir diese undankbare Aufgabe doch nicht nur allein deshalb zugeteilt hatte, um darauf aufzupassen, dass Max nicht allzu viel über den geheimen Zusammenschluss herausfand.

    »Ja, ermordet«, bekräftigte Max und sah mich dabei seltsam an. Meine heftige Reaktion musste ihm mehr als sonderbar vorgekommen sein.

    »Wie genau ist es denn passiert?«, erkundigte ich mich ein wenig unbeholfen.

    »Ein Brieföffner wurde ihm in das Herz gerammt«, erklärte Max unverblümt. »Die Leiche wurde in den frühen Morgenstunden von Marwood Hawks Sekretärin entdeckt. Weil ihr Chef nicht in seinem Büro erschien, und er auch telefonisch nicht zu erreichen war, fuhr sie schließlich zu seiner Villa, um dort nach dem Rechten zu sehen. Als dort auch niemand auf ihr Klingeln und Klopfen reagierte, bediente sie sich ihres Zweitschlüssels und verschaffte sich Zutritt. Sie fand Marwood Hawks’ Leiche kurz darauf in seinem Arbeitszimmer. Der Tote war in einen Teppich gewickelt. Von dem Täter fehlte jede Spur.« An Max offenem Gesichtsausdruck veränderte sich nichts, während er all diese schrecklichen Details von sich gab. Für ihn schien diese Mordgeschichte nicht spektakulärer als etwa der Winterschlaf von Eichhörnchen zu sein.

    »Sie sind ja recht gut informiert«, stellte ich zögernd fest. »Ich nehme mal an, dass nur die Hälfte von dem, was Sie mir da eben erzählten, in den Zeitungen stand.«

    Max lachte und nickte anerkennend. »Ich habe tatsächlich meine eigenen Nachforschungen angestellt, Brenda. Zur Polizei unterhalte ich recht gute Beziehungen.«

    »Was hat ihre Quelle denn noch ausgespuckt«, wollte ich wissen. »Hat die Polizei vielleicht schon einen Verdächtigen?«

    »Die Ermittlungen stecken noch in der Anfangsphase«, erwiderte Max. »Bisher gibt es noch nicht allzu viele Erkenntnisse in diesem Mordfall. Und ganz so heiß ist mein Draht zur Mordkommission auch nicht, als dass man mir dort so sensible Informationen anvertrauen würde.«

    »Wie heißen denn die in diesem Fall ermittelnden Scotland Yard Beamten?«, hakte ich nach.

    Das erste Mal während dieser Unterhaltung umwölkte sich die Stirn meines Gesprächspartners leicht. »Es sind Inspektor Tatjana Barbican und ihr Partner Tom Blunker«, erwiderte er. Er sah mich überrascht an. »Ihrer Miene nach zu urteilen, kennen sie diese beiden«, vermutete er.

    Ich nickte. »Ich hatte in der Vergangenheit tatsächlich schon mehrmals das Vergnügen, mit diesen beiden Scotland Yard Beamten zusammen zu treffen«, erwiderte ich ausweichend.

    Max vollführte eine verblüffende Geste mit dem Arm. Dann blickte er zu Professor Sloane hinüber. »Wer ist diese Brenda Logan wirklich?«, fragte er halb im Spaß und halb im Ernst. »Sie ist doch mehr, als bloß eine Archäologin. Oder ist es für die Mitarbeiter des British Museum normal, regelmäßig mit der Mordkommission zu tun zu haben?« Max gab dem Professor keine Gelegenheit, auf seine nicht ganz ernst gemeinte Bemerkung einzugehen. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. »Warum interessieren Sie sich so sehr für die Umstände, die zum Tod von Marwood Hawks geführt haben?«, wollte er wissen. »Diese Informationen sind für die Biographie dieses Mannes nicht unbedingt notwendig. Schließlich sollen wir ja über sein Leben berichten und nicht das Verbrechen aufklären, dem er zum Opfer fiel.«

    »Warum interessieren Sie sich dafür?«, konterte ich spitzfindig.

    Max machte wieder eine hilflose Geste und schnaufte. Es war ihm anzusehen, dass er nicht oft von einem Gesprächspartner aus der Fassung gebracht wurde. »Es geschah aus rein beruflichen Erwägungen«, meinte er schließlich vage. »Vergessen Sie nicht, ich bin Journalist. Ich verdiene meine Brötchen nicht nur mit dem Verfassen von Biographien. Ich bin auch darauf angewiesen, hin und wieder einen Artikel an eine Tageszeitung zu verkaufen.«

    Ich lächelte innerlich. Fürs erste hatte ich Max` Fragen abgeschmettert. Damit er nicht nachhaken konnte, wechselte ich rasch das Thema. »Wie gut kannten Sie Marwood Hawks eigentlich?«

    Mein Gegenüber zuckte mit den Schultern. »Ich bin ihm mehrmals auf Pressebällen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen begegnet. Doch diese Zusammentreffen liefen sehr oberflächlich ab. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Marwood sich an mich erinnern würde, wenn er noch lebte.«

    »Was haben Sie über Marwood Hawks’ Leben denn bisher zusammentragen können - mal abgesehen von ihren Nachforschungen bei Scotland Yard?«

    »Nicht viel«, entgegnete Max. »Mir stehen aber sämtliche Zeitungsarchive offen. Allein anhand der zahlreichen Zeitungsmeldungen lässt sich bestimmt ein ziemlich genaues Bild über Marwood Hawks’ Wirken in der Öffentlichkeit nachzeichnen.« Er warf dem Museumsdirektor einen flüchtigen Blick zu. »Außerdem war Professor Sloane so nett, mir eine Mappe mit biographischem Material zur Verfügung zu stellen. Mit diesen Unterlagen müsste sich einiges anfangen lassen.«

    Ich sah den Professor über seinen Schreibtisch hinweg verblüfft an, woraufhin dieser mir ein entwaffnendes Lächeln schenkte. »Das Material stammt von Marwoods Freunden und Bekannten«, kam er meiner Frage zuvor. »Sie waren es auch, die diese Biographie bei Max Layton in Auftrag gaben - mit der Auflage allerdings, dass das British Museum ihm einen Berater zur Seite stellt.«

    Wer mit diesen Freunden und Bekannten gemeint war, konnte ich mir denken. Natürlich sprach der Professor von dem geheimen Zusammenschluss. Dass ausgerechnet ich die Rolle des Beraters übernehmen sollte, war selbstverständlich auch kein Zufall. Wie es aussah, gingen die Mitglieder des geheimen Zusammenschlusses anscheinend davon aus, dass bei Marwood Hawks Ermordung mysteriöse Kräfte am Wirken gewesen waren. Kräfte, die nur von einem magischen Amulett hervorgerufen sein können. Offenbar trauten diese Leute der Polizei nicht zu, den Mord an dem Mitglied ihres Geheimbundes rückhaltlos aufzuklären. Diesen Job sollte ich nun übernehmen. Max Layton sollte dabei lediglich als Aushängeschild fungieren und meinen Nachforschungen einen offiziellen Anstrich verleihen.

    Unwillkürlich sah ich zu Max hinüber und hoffte, dass das Bedauern, das ich in diesem Moment für diesen charmanten Journalisten empfand, nicht allzu deutlich in mein Gesicht geschrieben stand. Ich war mir sicher, Max würde Professor Sloane die biographischen Unterlagen, die er von ihm erhalten hatte, wutentbrannt auf den Schreibtisch schmettern und das Büro türknallend verlassen, hätte er in diesem Moment geahnt, was hier wirklich gespielt wurde.

    »Lassen Sie uns gehen, Max«, schlug ich vor, da ich die bedrückende Atmosphäre in dem Büro des Museumsdirektors plötzlich nicht mehr ertrug. »Gehen wir irgendwo hin, wo wir unser Vorgehen in Ruhe besprechen können.«

    »Gern«, erwiderte Max unternehmungslustig und nahm den Aktenkoffer auf, der an seinem Sessel lehnte. »Ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit.«

    Wir erhoben uns und verabschiedeten uns von dem Professor.

    »Auf den Finanzplan für die Expedition werden Sie nun wohl noch etwas länger warten müssen«, meinte ich.

    »Das ist nicht weiter schlimm«, winkte der Professor ab. »Diese Sache hier hat Vorrang!«

    »Viel Glück!«, rief er uns dann noch zu, als wir sein Büro schon fast verlassen hatten. »Sie werden es sicherlich brauchen können!«

    ––––––––

    5

    „Monty Ibsleys An- und Verkauf", stand in billigen Klebebuchstaben auf dem Leuchtreklameschild geschrieben, das sich über die gesamte Schaufensterbreite einer schäbigen Ladenwohnung erstreckte. Avera blieb vor dem Laden stehen und blickte sich auf der Straße verstohlen um. Es waren in dieser abgelegenen Seitenstraße im Stadtteil Hamstead um diese Zeit kaum Passanten oder Fahrzeuge unterwegs. Avera musste also nicht befürchten, dass sie von jemand bemerkt wurde. Denn wer achtete schon auf eine abgerissen aussehende Frau, die in ihren verschlissenen Klamotten einen mehr als schäbigen Eindruck machte - und von der man befürchten musste, um Kleingeld angebettelt zu werden, wenn man ihr zu nahe kam.

    Avera ließ ihren Blick über die Schaufensterauslage schweifen. Das Glas hätte dringend geputzt werden müssen. Die Vitrine, in der bunt zusammengewürfelte Schmuckstücke und Orden ausgestellt wurden, war erst zu erkennen, als Avera dicht vor das Schaufenster hintrat und ihre Augen mit der Hand beschattete. Nun sah sie auch die antiken Schusswaffen, Schwerter und Degen, die hinter der Schaufensterscheibe vor sich hin staubten. Irgendwo in dem mit wackeligen Regalen voll gestellten Verkaufsraum brannte ein Licht. Die schummerige Beleuchtung reichte gerade aus, um Avera erkennen zu lassen, dass sich in den legalen antike Bücher, alte Videofilme und DVDs stapelten. In dem Verkaufsraum war aber nirgendwo eine Menschenseele zu erblicken.

    Avera vermutete, dass Monty Ibsley, der Besitzer dieses Ladens, sich irgendwo in der Wohnung aufhielt, die sich hinter dem Verkaufsraum anschloss.

    Sie wandte sich von dem Schaufenster ab und schlenderte zur Tür hinüber. Es handelte sich um eine Glastür mit Aluminiumrahmen. Das Glas war voll geklebt mit bunten Plakaten, die Rockkonzerte oder Varieté-Veranstaltungen ankündigten. Auf einem kleinen Klebeetikett standen die Ladenöffnungszeiten.

    „Monty Ibsleys An- und Verkauf" würde erst in einer Stunde öffnen. Avera würde mit dem Ladenbesitzer also ganz allein sein. Nun musste sie diesen Burschen nur noch dazu bringen, sie einzulassen.

    Nach einer Klingel hielt Avera jedoch vergeblich Ausschau. Also ballte sie eine Faust und schlug vehement gegen die Glastür, dass es nur so schepperte. Abwartend ließ Avera ihren Arm wieder sinken. Doch hinter der Glastür blieb es still. Also schlug Avera erneut auf die Tür ein, heftiger und nachdrücklicher diesmal. Sie stellte sich dabei dicht vor die Plakate, um zu verhindern, dass ein Passant oder Anwohner, der durch den Lärm auf sie aufmerksam wurde, ihr Gesicht sehen konnte.

    »Verflucht - ich komm ja schon!«, war da aus der Tiefe des Ladens plötzlich eine dumpfe Männerstimme zu vernehmen. »Kein Grund, gleich die Scheibe einzuschlagen!«

    Avera lächelte zufrieden und legte ihre Hand auf die kleine Umhängetasche, die sie vor ein paar Tagen in dem Müllcontainer einer Einkaufspassage gefunden hatte. Unwillkürlich tastete sie die Umrisse der Schatulle ab, wie um sich zu vergewissern, dass sie das Kästchen nicht verloren hatte.

    Dann tätschelte sie die Umhängetasche begütigend und murmelte: »Gleich wirst du einen Teil deiner Goldmünzen zurückbekommen, Rockwell.«

    Schritte näherten sich der Tür. Wegen der vielen Plakate, die auf dem Glas klebten, konnte Avera den Mann, der in diesem Moment auf der anderen Seite der Tür erschien, nicht sehen. Umgekehrt traf aber das Gleiche zu, und das war auch gut so, Monty Ibsley hätte Avera sicherlich davongejagt, ohne sie anzuhören, wenn er gewahr geworden wäre, wie abgerissen und zerlumpt die Frau aussah, die da an seine Ladentür geklopft hatte.

    »Wer ist da?«, rief der Ladenbesitzer misstrauisch.

    »Mein Name ist Avera. Ich ... ich möchte Ihnen ein Geschäft vorschlagen.«

    »Können Sie nicht lesen?«, blaffte der Mann. »Der Laden öffnet erst in zwei Stunden.«

    »So lange kann ich nicht warten«, behauptete sie. »Außerdem ist es kein gewöhnliches Geschäft, das ich Ihnen unterbreiten möchte.«

    Plötzlich hatte sie eine Eingebung. »Ich komme im Auftrag von Marwood Hawk!«, fügte sie dann rasch hinzu. »Es war sein letzter Wille, dass ich zu Ihnen gehe!«

    Inzwischen musste jedem Londoner Bürger der Name Marwood Hawk ein Begriff sein, denn es wurde auf den Titelseiten der meisten Boulevardzeitungen über seinen mysteriösen Tod berichtet. Davon hatte Avera sich überzeugen können, als sie vorhin die Schlagzeilen der Zeitungen in der Auslage eines Kiosks überflogen hatte. Außerdem wusste Avera, dass Monty Ibsley Marwood persönlich gekannt hatte. Er hatte oft Geschäfte mit ihm gemacht. Jedenfalls hatte dies Rockwells Geist behauptet, als er Avera in ihrem Unterschlupf erneut erschienen war.

    Das Geräusch, das nun entstand, als auf der anderen Seite der Ladentür ein Schlüssel herumgedreht wurde, schreckte Avera aus ihren Gedanken auf. Erwartungsvoll starrte sie die bunt beklebte Tür an, die sich nun knarrend öffnete. Vor ihr erschien ein drahtiger, nicht sehr groß wirkender Mann. Er trug eine altmodische Jogginghose mit weißen Streifen an den Seiten. Sein Oberkörper war nackt. Es schien den Mann nicht im Geringsten zu stören, dass die junge, zerlumpte Frau, die da vor ihm stand, seine behaarte, schmächtige Brust sehen konnte. Avera hatte diesen Mann offensichtlich aus dem Bett geholt. Er war noch unrasiert, und sein dichtes dunkles Haar war zerzaust.

    Argwöhnisch ließ Monty Ibsley seinen Blick an Averas abgerissenen Gestalt auf und nieder gleiten. Was er sah, schien ihm nicht zu gefallen, denn er verzog verächtlich den Mund und begann sich das Brusthaar zu kratzen.

    »Du musst dich wohl in der Adresse geirrt haben, mein Engelchen«, meinte er abfällig. »Dies hier ist kein Obdachlosenheim. Ich habe auch kein Kleingeld für dich übrig.« Er wollte die Tür wieder schließen, doch in diesem Moment zog Avera ihre Hand aus der Tasche ihrer fadenscheinigen Jacke und hielt dem Mann die offene Handfläche hin. Eine Goldmünze ruhte auf Averas Handteller. Sie funkelte im Licht der Morgensonne geheimnisvoll auf.

    Montys Blick heftete sich wie hypnotisiert auf diese Münze fest. Dann richtete er sein Augenmerk wieder auf das schmale, eingefallene Gesicht der jungen Frau.

    »Woher haben Sie diese Münze?«, fragte er perplex.

    »Marwood Hawks hat sie mir gegeben«, behauptete Avera.

    Monty mache ein düsteres Gesicht, so dass Avera nicht zu sagen vermochte, ob er ihr glaubte oder nicht.

    »Komm rein!«, sagte er schließlich und trat beiseite.

    Nachdem Avera seiner Aufforderung nachgekommen war, sah Monty sich auf der Straße flüchtig um. Dann erst drückte er die Tür wieder ins Schloss und verriegelte sie. Den Schlüssel ließ er im Schloss stecken, wie Avera bemerkte.

    »Viel kann ich dir für diese Münze aber nicht geben, mein Herzchen«, begann der Ladenbesitzer augenblicklich mit den Verhandlungen. »Solche Sachen sind momentan schwer abzusetzen.« Er wartete gar nicht erst eine Erwiderung ab, sondern setzte sich in Bewegung. Zielstrebig steuerte er an den überfüllten Regalen vorbei auf eine dunkle Holztheke am gegenüberliegenden Ende des Raumes zu. Eine Lampe hing über dem Tresen. Ihr trübes Licht spiegelte sich auf der Glasplatte, unter der Uhren und Schmuck ausgestellt waren. Am Ende des Tresens stand eine alte, verrostete Registrierkasse, die aber noch funktionstüchtig zu sein schien.

    Während Avera dem Ladenbesitzer folgte, lauschte sie aufmerksam auf verdächtige Geräusche, die auf die Anwesenheit weiterer Personen hingedeutet hätten. Doch in dem Laden war es still. Auch aus dem Wohnbereich hinter der Ladentheke drang kein Laut hervor. Ein Vorhang aus Perlenschnüren verhüllte den Durchgang zu Monty Ibsleys Privatgemächern jedoch. So konnte Avera nicht erkennen, ob sich vielleicht doch noch eine weitere Person in der Ladenwohnung aufhielt. Avera hoffte inständig, dass Monty allein war. Ansonsten würde sie ihr Vorhaben kaum durchführen können.

    Der Ladenbesitzer war inzwischen hinter den Tresen getreten. Es klingelte scheppernd, als er die Lade der alten Registrierkasse öffnete. Er holte eine Handvoll Kleingeld aus dem Schubfach hervor und knallte die Geldstücke vor Avera auf den Tisch.

    »Mehr kann ich dir für deine lausige Münze nicht geben«, elf klärte er unumwunden. »Du kannst froh sein, dass ich sie dir abnehme, ohne Fragen zu stellen.«

    Avera blickte den Mann über den Tresen hinweg ungerührt an. Das Kleingeld ignorierte sie einfach.

    »Wer sagt denn, dass ich die Goldmünze verkaufen will«, sagte sie kühl.

    Montys Miene verdüsterte sich. »Wie soll ich denn das verstehen, Lady?«

    »Ich weiß, dass Marwood Hawks Sie regelmäßig mit Goldmünzen belieferte«, erklärte sie. »Es sind äußerst seltene und wertvolle Münzen, für die Sie auf dem Schwarzmarkt vermutlich hohe Preise erzielt haben.« Avera blickte sich demonstrativ in dem schäbigen Laden um.

    »Besonders hoch wird Ihre Gewinnbeteiligung an diesem Deal aber nicht gewesen sein«, meinte sie dann abfällig. »Vermutlich hat Marwood den Löwenanteil der Gewinne für sich eingestrichen.« Avera lächelte übertrieben liebenswürdig, als sie sich nun wieder dem Mann hinter dem Tresen zuwandte. »Das Problem ist nur, dass diese Münzen Marwood gar nicht gehörten. Es sind Rockwell Uxdales Münzen. Und er möchte sie jetzt zurückhaben!«

    »Bist du irre?«, schnappte Monty zornig. »Ich sollte dich hochkant aus meinem Laden hinauswerfen!« Lauernd starrte er Avera an. »Ein Bulle bist du ganz bestimmt nicht«, sagte er dann hart. »Ich frage mich nur, woher du von den Goldmünzen weißt - und wie du in den Besitz einer solchen Münze gekommen bist.«

    »Der Geist von Rockwell Uxdale hat mich hierher geführt«, erklärte Avera ernst. »Als er mir in meinem Versteck erschien, erzählte er mir, welche Rolle Sie in dieser Geschichte spielen.«

    Monty schien gar nicht zugehört zu haben. Stattdessen riss er nun blitzschnell eine Pistole aus der Schublade hervor, die er unbemerkt geöffnet hatte. Mit einem kalten Lächeln auf den Lippen richtete er den Lauf der Pistole auf Averas Gesicht.

    »Ich habe von Anfang an gespürt, dass etwas mit dir nicht stimmt, Püppchen«, presste er rau hervor. »Es ist nämlich nicht Marwoods Art, seine Goldmünzen an fremde Leute zu verteilen. Er hat diese Münzen gehütet wie einen Augapfel, denn sie waren die Grundlage für seinen Reichtum. Nur ich wusste von ihrer Existenz.« Monty packte mit seiner freien Hand das Telefon und zog es zu sich heran. »Ich könnte jetzt bei Scotland Yard anrufen und den Beamten dort erklären, dass ich die mutmaßliche Mörderin von Marwood Hawks am Wickel habe«, erklärte er und hob den Telefonhörer auf. Er grinste entwaffnend und knallte den Telefonhörer dann wieder auf die Gabel. »Ich könnte es aber auch lassen, Darling - für den Fall, dass wir uns einigen.«

    »Und wie soll eine solche Einigung Ihrer Meinung nach aussehen?«, erkundigte Avera sich, die es nicht weiter beunruhigte, dass Monty die Wahrheit herausgefunden hatte. Inzwischen war sie sich sicher, dass sie mit dem Mann allein in der Ladenwohnung war. Hinter dem Perlenvorhang hatte sich noch immer nichts gerührt. Doch bevor sie ihr Vorhaben fortsetzte, wollte sie sich Gewissheit verschaffen. Sie griff sich an den Ausschnitt ihrer verschlossenen Bluse und begann sie aufzuknöpfen. Monty sah sie mit großen Augen. Die Waffe hatte er noch immer auf Averas Gesicht gerichtet. Doch eine Hand begann nun leicht zu schwanken, als er seinen Blick auf Averas offene Bluse richtete. Avera bot auf den ersten Blick zwar einen heruntergekommenen Eindruck. Doch ihr Körper, den sie unter ihrer schmuddeligen, unansehnlichen Verkleidung versteckte, war makellos und wohlgeformt.

    Avera wusste aus leidlicher Erfahrung, welche Reaktion der Anblick ihres Körpers bei Männern hervorrief. Bei Monty war es nicht anders. Er leckte sich mit der Zunge nervös über die Lippen, als wären sie plötzlich ausgetrocknet. Dabei starrte er die Brustansätze begierig an, die Avera durch das Aufknöpfen ihrer Bluse freigelegt hatte. Die goldene Lochmünze, die an einem derben Lederband um den schlanken Hals der Frau hing, bedachte er dabei nicht einmal mit einem flüchtigen Blick.

    »Bist du allein?«, fragte Avera und ließ ihre Stimme dabei sanft und erwartungsvoll klingen.

    Monty nickte. Der Anblick der fast weißen Brüste und des flachen Bauches schien ihm die Sprache verschlagen zu haben. Avera umfasste die Träger ihrer Tragetasche daraufhin noch etwas fester. Mit einer blitzschnellen Bewegung riss sie die Tasche herum und schleuderte sie gegen Montys Waffenhand. Die Schatulle traf die Pistole und prellte sie dem völlig verdutzten Ganoven aus der Hand. Mit einem dumpfen Laut schlug die Waffe auf den Boden, schlitterte ein Stück über den Linoleumbelag und verschwand dann hinter dem Perlenvorhang.

    Gehetzt wirbelte Monty herum, um der Waffe zu folgen. Doch da traf ihn Averas Tragetasche ein zweites Mal. Diesmal krachte die Schatulle mit voller Wucht gegen seinen Hinterkopf. Es gab einen hässlichen, dumpfen Schlag. Monty brach wie ein nasser Sack hinter seiner Ladentheke zusammen und blieb reglos liegen. Rasch hängte Avera sich die Tasche wieder über die Schulter und kletterte dann behende über den Verkaufstresen. Ohne lange zu zögern, packte sie Monty bei den Füßen und zerrte ihn auf den Durchgang zum Wohnbereich zu. Nachdem sie den Perlenvorhang passiert hatte, bückte sie sich rasch, hob die Pistole auf und steckte sie in ihre Tragetasche.

    Nachdem sie sich in der engen Wohnung kurz orientiert und sich davon überzeugt hatte, dass sie mit dem Ladenbesitzer tatsächlich allein war, zerrte sie den bewusstlosen Mann ins Badezimmer. Eine dunkle Blutspur auf dem Boden zeichnete ihren Weg nach.

    Wie immer in solchen Situationen, hatte sich in Averas Kopf rasch ein Plan herausgebildet. Sie beugte sich über die Badewanne, packte die Schmutzwäsche, die Monty dort deponiert hatte und schleuderte sie in eine Ecke. Dabei sortierte sie besonders lange Wäschestücke aus.

    Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, fing sie an, Monty mit den aussortierten Wäschestücken zu fesseln. Sie verschnürte ihn so fest wie ein Paket, so dass er nicht in der Lage war, Arme oder Beine zu bewegen, wenn er wieder zu sich kam. Dann wuchtete sie Monty in die Badewanne und band seine Füße zusätzlich an dem Wasserhahn fest, so dass seine Beine nun zwar am Ende der Wanne über den Rand hinausragten, sein Kopf aber auf dem emaillierten Grund ruhte. Avera war schweißgebadet und ihr Atem ging pumpend. Aber noch gönnte sie sich keine Pause. Stattdessen kehrte sie in den Laden zurück, knöpfte sich dort mit fliegenden Fingern die Bluse wieder zu und wuchtete dann die alte Registrierkasse vom Tresen. Ächzend und mit wankendem Gang schleppte sie die schwere Kasse ins Badezimmer und stellte sie dann auf Montys Brust ab.

    Der Ladenbesitzer stöhnte benommen. Doch seine Augen blieben noch geschlossen, Aber das würde sich schnell ändern. Avera packte den Kaltwasserhahn und drehte ihn voll auf. Rauschend und plätschernd strömte das eiskalte Wasser zwischen Montys Beinen hindurch in die Wanne. Da Avera den Abfluss zuvor verschlossen hatte, flutete das Wasser um Montys Körper herum und stieg langsam an.

    Plötzlich begann der Ladenbesitzer unruhig zu werden. Das kalte Wasser, das seinen Kopf umspülte, brachte ihn schlagartig wieder zu sich. Gehetzt riss er die Augen auf und blickte sich um. Verständnislos beäugte er die schmuddeligen Wände der Badewanne, die ihn umgaben. Dann hob er voller Panik den Kopf, ließ ihn sogleich aber wieder mit schmerzverzerrten Gesicht in das kalte Wasser zurücksinken.

    »Verdammt - was hast du vor?«, rief er beunruhigt, als er Avera ansichtig wurde, die mit dem Rücken an der gekachelten Wand lehnte und gleichgültig auf Monty hinabblickte.

    Monty versuchte sich in der Badewanne, zu bewegen. Doch dazu war er nicht in der Lage. Außerdem drückte ihn das Gewicht der Registrierkasse nieder.

    »Lass mich hier sofort wieder raus!« Er hatte seine Stimme befehlend klingen lassen wollen. Doch herausgekommen war nur ein klägliches Jammern.

    »Erst wenn du mir sagst, wo die Goldmünzen geblieben sind«, erwiderte Avera ungerührt und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich will den Namen von allen Personen, die von dir eine solche Goldmünze erworben haben!«

    Monty stieß ein freudloses Lachen aus. »Wie stellst du dir das vor?«, jammerte er und hob verzweifelt seinen Kopf, weil der Wasserspiegel inzwischen so sehr angestiegen war, dass sein Gesicht untertauchte, wenn er mit dem Hinterkopf den Wannenboden berührte.

    »Marwood und ich machen seit vielen Jahren Geschäfte«, erklärte er hastig. »Was glaubst du, wie viele Gulden in dieser Zeit bei mir über den Ladentisch gegangen sind. Es ist unmöglich, sie alle wiederzubeschaffen!«

    »Das lass nur meine Sorge sein«, erwiderte Avera kühl. »Alles, was ich von dir will, sind die Namen und die restlichen Goldmünzen, die sich noch in deinem Besitz befinden.«

    »Du bist doch verrückt!«, kreischte Monty mit überschnappender Stimme. »Hilf mir endlich aus diese verdammten Wanne herauszukommen.«

    »Nur, wenn ich bekomme, was ich von dir verlange«, zeigte Avera sich ungerührt.

    Monty zerrte verzweifelt an seinen Fesseln und versuchte die Registrierkasse von seiner Brust zu stoßen. Aber Avera hatte ganze Arbeit geleistet. Monty saß in der Badewanne fest. Langsam schien der Ganove zu begreifen, dass es diese zerlumpt aussehende junge Frau wirklich ernst meinte.

    »Du ... du würdest mich tatsächlich in dieser verdammten Wanne krepieren lassen - habe ich recht?«, rief er verzweifelt und reckte dabei seinen Hals so sehr er konnte. Trotzdem reichte ihm das Wasser nun schon bis an das Kinn.

    »Was hat Marwood dir nur angetan, dass du ihn so sehr hasst?«

    »Das geht dich nichts an«, erwiderte Avera kühl.

    »Du hast ihn umgebracht – stimmt`s?«, schrie Monty, als würde sein Leben davon abhängen.

    Avera lächelte kalt.

    »Wenn du mich auch tötest, wirst du die Namen der Leute, die eine Goldmünze von mir kauften, nie erfahren«, unternahm Monty einen letzten Versuch, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen. Er prustete, weil ihm beim Sprechen Wasser in den Mund gedrungen war.

    »Ich werde diese Leute auch ohne deine Hilfe aufspüren«, entgegnete Avera ungerührt und hob kurz ihre Umhängetasche an, in der sich die schwarze Schatulle befand.

    »Rockwell Uxdales Geist vermag die Goldmünzen aufzuspüren, denn er ist durch magische Bande mit ihnen verknüpft«, erklärte Avera. »Es wird nur etwas länger dauern.«

    Monty schien nun restlos

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