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Wenn das Nachdenken ausfällt: Baupläne für Vorurteile
Wenn das Nachdenken ausfällt: Baupläne für Vorurteile
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eBook235 Seiten2 Stunden

Wenn das Nachdenken ausfällt: Baupläne für Vorurteile

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Über dieses E-Book

Unser Weltbild besteht zu etwa 10 Prozent aus Fakten, die unsere Sinne wahrnehmen, zu 90 Prozent jedoch aus Bildern, die wir im Kopf entwickeln. Mit dem jüngsten Wissen der Naturwissenschaften erklärt Martin Urban, warum diese ›Bilder im Kopf‹ oft stärker sind als die Wirklichkeit ist, wir also Vorurteile haben. Was einst eine notwendige Voraussetzung für das Entstehen und Überleben des modernen Menschen war, der sich als Homo sapiens sapiens versteht, bildet heute einen Boden für radikale Positionen und stellt eine ernsthafte Gefahr für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Urbans Ziel ist, die Zusammenhänge unter den Gegebenheiten unserer Zeit – in ihren historischen Entwicklungen und Fehlentwicklungen – darzustellen und zu erklären. Mit dem Auftreten von Donald Trump beginnt das Thema besonders aktuell zu werden. Mittlerweile bilden Corona-Verschwörungsgläubige, Impfgegner/innen, Querdenker/innen, religiöse Fundamentalisten, Reichsbürger und immer wieder neue Gruppen Netzwerke, um mittels Vorurteile das Nachdenken zu ersetzen. Der Autor nutzt die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaften wider ihre Verächter von den Fake-News-Fronten. Das Ergebnis ist ein Votum für die Aufklärung, für eine moralische Verpflichtung, nach den Fakten zu fragen, wissen zu wollen.
SpracheDeutsch
HerausgeberBüchner-Verlag
Erscheinungsdatum24. Aug. 2022
ISBN9783963178795
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    Buchvorschau

    Wenn das Nachdenken ausfällt - Martin Urban

    Inhalt

    Einleitung

    Voraussetzungen im Kopf

    Das Vorurteil des Torwarts beim Elfmeter

    Der entscheidende erste Eindruck

    Handeln mit Bauchgefühl

    Wie das Deuten die Sicht verstellt

    Die verkörperte Kognition

    Das Denken vermeiden

    Verschwörungen im Kopf

    Corona und die Verschwörungstheorie

    Freude am Nachdenken

    Selbsthilfe des Gehirns

    Wenn das Gestern heute die Zukunft bestimmt

    Fähigkeiten von Kindheit an

    Wenn Bilder über Bildung siegen

    Bild und Wirklichkeit verwechselt

    Von mathematischen und sprachlichen Nullen

    Die Zahl als Orientierungshilfe

    Die Erfindung der Null

    Ungewollte Worte

    Prognosen – oder: Ich sehe was, was du nicht siehst

    Der Computer macht sich selbständig

    Vorurteile im Computer

    Die Gefahren der Computer-Vorurteile

    Wenn die Macht an Maschinen abgegeben wird

    Wenn der Computer Nein sagt

    Wie die Vernunft sich – zeitweilig – durchsetzt

    Vom Schlaf der Vernunft zum aufgeweckten Denken – und zurück

    Die Vorgeschichte

    Kein Sinn für den Zufall

    Bilder und Bedeutungen

    Chiffren zu Weltbildern

    Nährboden für Polarisierung

    Rückwärts in die Zukunft

    Auf dem Weg zur Entintellektualisierung

    Zweifel säen als Geschäftsidee

    Das Leiden der Konservativen

    Rückgriff auf traditionelle Deutungen

    Kalender-Geschichten

    Die Erfindung der Demagogie

    Automatisch problematisch

    Beständiger Aberglaube

    Fälschungen zu Weltbildern

    Betrug mit der Leichtgläubigkeit

    Verbaler Betrug

    Angst vor der Wahrheit

    Glaubenskampf um die Wahrheit

    Gemeinsame Fiktionen in Kirche und Politik

    Postfaktisch und präreflexiv

    Der Glaube der eigenen sozialen Gruppe

    Von der Parallelgesellschaft zur Parallelwirklichkeit

    Frühe Welt-Deutungen

    Parallele Wissenschaftswelten

    Das neue Generationen-Problem

    Aufklärung heute

    Fazit

    Bibliografie (Auswahl)

    Einleitung

    Jeder Mensch hat Vorurteile; das heißt, er bildet sich bereits ein Urteil, noch bevor er etwas weiß. Das ist für ihn überlebenswichtig, es ist eine fundamentale Fähigkeit seines Gehirns – und es kann doch, wenn das Nachdenken ausfällt, katastrophale Folgen haben. Von beidem soll in diesem Buch die Rede sein. Diese Zusammenhänge zu verstehen, gewissermaßen die Baupläne für die so mögliche Urteilsbildung zu erkennen, ist wichtig, um dem Menschen die Freiheit zu schaffen, selbstbestimmt zu leben. Und es sollte ihn motivieren, den heute spezifischer werdenden Bedrohungen, die – über das Individuum hinausgehend – auch die Demokratie gefährden, aktiv Widerstand zu leisten.

    In homogenen Gesellschaften, wie sie sich hierzulande bis zum Beginn des Internet-Zeitalters insbesondere noch in ländlichen Gegenden fanden, verhinderten gemeinsame Vorurteile innergesellschaftliche Konflikte. Man wusste, was man tut und nicht tut, was »Sitte und Anstand« waren, ohne dies jeweils neu zu bedenken. Arzt, Pfarrer, Apotheker und Lehrer waren »Respektpersonen«. Und insbesondere die allen gemeinsame Religion, wo es sie mono-konfessionell gab, homogenisierte die Gesellschaft. Heute widerspricht zwar immer noch niemand dem Pfarrer auf der Kanzel, aber es geht auch kaum jemand mehr hin, wenn er predigt. Dennoch ist unsere christlich-abendländische Kultur, verbunden mit bis in die Steinzeit zurückreichenden Welt-Bildern für unser heutiges Weltbild immer noch maßgebend. Darüber sollte in einer sich ändernden Welt angesichts jeweils neuer Erfahrungen und Erkenntnisse kritisch nachgedacht und gesprochen beziehungsweise geschrieben werden.

    In den frühen Jahren des Deutschen Fernsehens sorgte dieses für eine allgemeine Veränderung der Gesellschaft, ihres Geschmacks, förderte auch ihre Informiertheit, ohne jedoch die Homogenisierung zu durchbrechen. Die »Tagesschau«, »heute« und die Politmagazine sorgten für allgemeine politische Aufklärung. Aber auch die Unterhaltung egalisierte die Bundesrepublik, indem »das Fernsehen« Beiträge sendete, die, weil von allen gleichzeitig angeschaut, zur Erfindung des Schlagworts »Straßenfeger« führten.

    Bereits das Privatfernsehen änderte dies. Dessen Einführung wurde von politisch-konservativer Seite gemeinsam mit wirtschaftlichen Interessenten gefördert. Hatte doch in Deutschland insbesondere die bayerische CSU Sorge vor einer Beeinflussung der eigenen konservativen Bevölkerung von »links«. 1988 erklärte der Staatsminister und Medienbeauftragte Edmund Stoiber schriftlich gegenüber Ministerpräsident Franz Josef Strauß: »Unsere Politik bezüglich RTL war immer darauf ausgerichtet, eine Anbindung von RTL an das konservative Lager zu sichern bzw. ein Abgleiten von RTL nach links zu verhindern« (Spiegel, 31.10.1988). Der Privatsender RTLplus begann einen Tag nach Sat.1 am 2. Januar 1984 seinen Sendebetrieb.

    Das Internet und seine allgegenwärtige Nutzbarkeit via Smartphone hat nicht nur das Kommunikationsverhalten völlig verändert, die Entstehung der »Sozialen Netzwerke« verändert nun überdies global die Urteils- und Vorurteilsbildung – mit unabsehbaren Konsequenzen. Dieser faszinierenden und zugleich erschreckenden Entwicklung versuche ich in diesem Buch nachzuspüren, indem ich Zusammenhänge aufzeige und mögliche Folgen deute.

    Das ist der Grundgedanke dieses Buches: Weil wir Vorurteile haben müssen, ist die Aufklärung darüber so wichtig, dass dies und warum dies so ist. Das Ziel ist, die Zusammenhänge unter den Gegebenheiten unserer Zeit und mit dem heutigen Wissen zu zeigen und zu erklären.

    Voraussetzungen im Kopf

    Das Vorurteil des Torwarts beim Elfmeter

    Ich begann mit dem Satz: »Jeder Mensch hat Vorurteile. Das ist für ihn überlebenswichtig.« Ein Zauberkünstler, ein Missionar, aber auch ein Trickbetrüger lebt davon, gezielt »glauben machen« zu können. Davon lebt natürlich auch die Werbung, ob für eine Hautcreme oder für eine Partei. Die so provozierten Vor-Urteile sind das Ergebnis von Vorstellungen, von Bildern, die zu festen Überzeugungen werden können. Sind die Bilder bereits im Kopf als Ergebnis von Erfahrungen, können unbewusst auch richtige Handlungen entstehen; und vermutlich hat sich diese letztere Fähigkeit eben deshalb während der Evolution des Homo sapiens durchgesetzt.

    Was es mit dieser besonderen Fähigkeit auf sich hat, will ich zunächst an einem Beispiel aus dem Sport erklären.

    Ein Fußball benötigt vom Elfmeter-Punkt bis zur Torlinie, bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde (wie sie bei der Europameisterschaft 1996 ermittelt wurde), nur eine drittel Sekunde, 330 Millisekunden. Vom Eintreffen des Sinnenreizes vom losgetretenen Ball auf der Augennetzhaut des Torwarts bis zu seiner bewussten Wahrnehmung vergehen bereits 80 bis 100 Millisekunden. Der Torwart hätte also bestenfalls eine viertel Sekunde, 250 Millisekunden Zeit, dem Zielpunkt des Balls entgegen zu springen, wenn er nicht zufällig bereits richtig stünde. Von der Mitte des Tors bis zu einer der oberen Ecken sind es 4,40 Meter. Nehmen wir an, der ausgestreckte Arm reicht bereits in 2,20 Meter Höhe, dann bleiben noch immer 2,20 Meter, die zu springen sind. Dazu muss der Torwart allerdings, was den Weg verlängert, zunächst in die Hocke gehen, und zwar nachdem er sich selbst dazu den Befehl gegeben haben muss, und dieser Befehl in etwa 100 Millisekunden vom Gehirn bis in die Beine gelangt ist. Diese rund 2,50 Meter zu rennen, benötigte ein Weltrekord-Sprinter bereits 250 Millisekunden. Sie zu springen gelingt gewiss nicht rascher. Das heißt: Der Ball ist für den Torwart unerreichbar. Bekanntlich aber wird auch ein Elfmeter immer mal gehalten, und nicht nur, wenn er direkt auf den Torwart geschossen wird. Wie ist das möglich?

    Es liegt am gesunden Vor-Urteilsvermögen des menschlichen Gehirns. Das macht ständig Voraussagen, wobei es auf frühere Erfahrungen zurückgreift. Und so springt ein fähiger Torwart oft instinktiv richtig dem Ball entgegen, bevor er »wissen« kann, wohin dieser fliegen wird.

    Dieses Vor-Urteilsvermögen war für unsere Ahnen überlebenswichtig. Ohne diese Begabung wären sie von den wilden Tieren gefressen worden. Sie waren jedoch zum Beispiel fähig, zwei Lichtreflexe im Gebüsch als die funkelnden Augen eines Raubtieres richtig zu deuten und rechtzeitig zu fliehen.

    Offensichtlich steuert, wenn es keine Zeit zum Nachdenken gibt, das Unbewusste den Körper. Es »wählt dabei aus seiner gigantischen Datenbank jene Spielzüge aus, die sich in der Vergangenheit unter vergleichbaren Umständen bewährt haben« (Ute Eberle, Geo Kompakt, 1.3.2017).

    Die Intuition ist keine angeborene, sondern eine angelernte Fähigkeit. Vor-Urteile nehmen uns das Denken ab. Das Gehirn erspart sich dadurch Arbeit. Das ist insbesondere dort wichtig, wo nicht genügend Zeit zum Nachdenken besteht. Das weiß auch jeder Autofahrer, wenn er in schwieriger Situation – glücklicherweise – spontan richtig reagiert hat. Auf seine Intuition zu achten, ist dann richtig, wenn man bereits Erfahrungen mit der jeweiligen Situation hat, und wenn es objektiv bedeutungsvolle Zusammenhänge gibt, die das Unbewusste erkennt.

    Erfahrung etwa ist auch bei einem Torwart nötig. Nur der routinierte Torhüter kann »aus dem Bauch heraus« richtig entscheiden. Aber eben auch der Torschütze. Wer hier zunächst einmal anfängt, nachzudenken, ist schon verloren. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 spielte am 30.6. in Berlin Deutschland gegen Argentinien. Es kam zum Elfmeterschießen. Der deutsche Torwart, Jens Lehmann, bekam zuvor von seinem Trainer, Andy Köpke, einen Zettel. Auf diesen Zettel schaute er, bevor der entscheidende Schuss von argentinischer Seite fiel. Der Schütze war dadurch so irritiert, dass er keine Chance hatte, Lehmann zu überlisten. Dabei war völlig gleichgültig, was denn, wenn überhaupt etwas, auf dem Zettel stand. Allerdings sind, anders als Einzelereignisse, hochkomplexe Gegebenheiten wie der Verlauf einer Fußball-Weltmeisterschaft, selbst mit noch so großer Erfahrung eben nicht vorhersehbar. Das zeigt auch das von den Experten nicht vorausgesehene abrupte Ende der Fußball-WM 2018 für die deutsche Nationalmannschaft.

    Der entscheidende erste Eindruck

    Im nicht so komplexen Individualfall ist das anders. Psychologische Tests zeigen, dass wir uns beim Anblick eines Unbekannten in Sekundenbruchteilen eine Meinung über ihn bilden. Dieses Vor-Urteil – »vor«, weil bereits in Unkenntnis der Person entstehend – war in der Geschichte der Menschheit notwendig, um einen Fremden möglichst rasch als »Freund« oder »Feind« identifizieren zu können. Diese Fähigkeit ist also ein Ergebnis der menschlichen Evolution. Offenkundig wichtig, um zu überleben in einer Welt, wo man einander gefressen hat. »Wenn wir Menschen begegnen, schätzen wir innerhalb von Sekunden ab, wer da vor uns steht«, so der Sozialpsychologe Klaus Fiedler (Universität Heidelberg). Wir können blitzschnell sagen, ob eine Person warmherzig, aggressiv oder dominant ist – und sortieren unsere Artgenossen in sympathisch oder unsympathisch (Übersichtsbeitrag Psychologie, Spiegel Wissen, 11.2.2020). Dabei ist nicht wichtig, ob wir unser Gegenüber eine Sekunde oder eine Minute lang beobachten. Und das ist auch verständlich, denn es galt, den lebenswichtigen richtigen Eindruck zu gewinnen. Eine zutreffende Prognose über das langfristige Verhalten eines Fremden war da zunächst nicht wichtig. Diese Fähigkeit hat sich bis heute nicht entwickelt. Und deshalb überschätzen wir leicht unsere Menschenkenntnis, denn wir haben dafür kein inneres Instrumentarium. Wir können zwar beobachten und schlussfolgern. Doch das Letztere kann auch daneben gehen.

    Dennoch bleibt das Bedürfnis, den anderen zu verstehen. Bereits der um 1800 lebende schwäbische Arzt Franz Joseph Gall glaubte, man könne aus der Form seines Schädels Aussagen über den Charakter und die Intelligenz eines Menschen machen und entwickelte die »Phrenologie« – eine, wie wir heute wissen, pseudowissenschaftliche Irrlehre. Bis heute glauben Menschen auch, aus der Schrift einer Person Rückschlüsse auf dessen Charakter ziehen zu können, die Graphologen. Deren Methode geht von einem Vorurteil, einem, vorsichtig gesagt, wissenschaftlich nicht bewiesenen Glauben aus.

    Heute kommt es oft darauf an, auf den Unbekannten Eindruck zu machen. »Der erste Eindruck ist mehr als wichtig. Er entscheidet auch im Job über den Erfolg.« So beschreibt die Wirtschaftswoche (27.10.2017) in einem zusammenfassenden Beitrag die heutige Situation. Coachs lehren, wie man einen positiven ersten Eindruck von sich vermitteln kann. Doch augenscheinlich lässt sich das gesunde Vorurteil nicht so einfach aushebeln. Eine der Lehren der Trainer lautet: Lächle! Bereits jeder aufmerksame Fernsehzuschauer kann freilich die Erfahrung machen, dass ein »immer nur Lächeln« relativ leicht als antrainiert identifiziert werden kann.

    In unserer Gesellschaft ist das Vorurteil weit verbreitet, Frauen hätten die bessere Intuition als Männer. Der Psychologe Gerd Gigerenzer zitiert experimentelle Untersuchungen, wonach die Fähigkeit, zu erkennen, ob ein Lächeln echt ist oder vorgetäuscht wird, bei Männern praktisch genauso so gut ist wie bei Frauen. Jedoch: »Interessanterweise konnten Männer das echte Lächeln bei Frauen besser als bei Männern erkennen, während die Frauen schlechter abschätzen konnten, ob es die Vertreter des anderen Geschlechts ehrlich meinten« (Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen, Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, 2007).

    Und warum eigentlich sind Männer, etwa in der Wissenschaft, viel erfolgreicher als Frauen? Eine Untersuchung von gut sechs Millionen Fachartikeln der Jahre 2002 bis 2017 aus den Biowissenschaften und 100.000 aus der klinischen Forschung, über die das British Medical Journal berichtete, zeigte dies: Männer rühmen ihre Arbeiten ungleich häufiger als »exzellent«, »neuartig« oder gar »einzigartig«, als Frauen das tun. Die Beiträge voller Selbstlob werden dann auch häufiger (von Männern) zitiert (Werner Ludwig, Stuttgarter Zeitung, 16.1.2020). Offensichtlich zählen Deutungen mehr als Fakten.

    Handeln mit Bauchgefühl

    Unser natürliches Vorurteil kann man auch »Bauchgefühl« nennen. Der Erforscher des »Bauchgefühls«, der eben genannte Gerd Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin), betont immer wieder die Notwendigkeit von Erfahrung, um in kritischen Situationen sozusagen aus dem Bauch heraus (in Wahrheit natürlich mit Hilfe des Kopfes und den dort gespeicherten großenteils unbewussten Erfahrungen) die richtigen Entscheidungen zu treffen.

    Doch darüber hinaus geht es auch um eine zu erwerbende »Risikokompetenz«. Vielfach ist es nämlich wichtig, sich bewusst zu machen, worin die wahren und nicht etwa die eingebildeten Risiken bestehen. Gigerenzer verwies (in der Vor-Corona-Zeit) gerne darauf, dass das größte Risiko bei einer Flugreise die Fahrt mit dem Auto zum Flughafen ist. Und zur »Risikokompetenz« wiederum gehört, die eigenen Fähigkeiten, etwa des Autofahrens, richtig einschätzen zu können. Gesellschaftlich geht es darum, wahre Risiken zu identifizieren und scheinbare richtig einzuschätzen. Und zwar unabhängig zum Beispiel von politischer Propaganda.

    In den letzten Jahren haben umfangreiche Experimente gezeigt, dass und wie unser Körpergefühl unser individuelles Urteil bestimmt (DIE ZEIT, 25.1.2018). Aufregungen unterschiedlichster Art lassen zum Beispiel unser Herz schneller schlagen. Das Laufen über eine schaukelnde Hängebrücke zum Beispiel lässt das Herz rascher pochen. Üblicherweise schlägt das Herz eines Mannes auch bei der Begegnung mit einer sehr attraktiven Frau schneller. Die Psychologen Donald Dutton und Arthur Aron (University of British Columbia) machten 1974 das folgende Experiment: Sie ließen männliche Versuchspersonen über eine schaukelnde Brücke laufen, andere über einen massiven Flussübergang. Am Ende trafen sie jeweils eine Frau, die sie befragte, angeblich für eine Studie über den Einfluss der Natur auf die Kreativität. Schließlich gab die Interviewerin den Wanderern ihre Telefonnummer mit dem Argument, ihnen das Experiment auch noch genauer erklären zu können. Am Ende riefen erheblich mehr befragte Männer von der schaukelnden Brücke an als jene vom bequemen Weg. Auf Männer reagierten die heterosexuellen Testpersonen neutral. Die Erklärung: Die Versuchspersonen deuteten ihren eigenen rascher werdenden Herzschlag fälschlich als Folge der großen Attraktivität der Interviewerin, auf die sie dann mit Anrufen reagierten, und nicht tatsächlich als Angstreaktion auf der schwindelerregenden Brücke.

    Eine Reihe von anderen Experimenten, in denen Versuchspersonen über Kopfhörer von außen ein schneller oder ein langsamer Herzschlag unterlegt wurde, zeigte eindeutige Unterschiede im Verhalten. Sie beweisen, dass unser Körpergefühl Entscheidungen beeinflusst,

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