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Sisis Ball der Mörder
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eBook400 Seiten4 Stunden

Sisis Ball der Mörder

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Über dieses E-Book

Elisabeths Erzfeindin, Fürstin Paula von Mayenberg, hält sich mit Kritik an der Kaiserin nicht zurück. Als sie vor Elisabeths Augen auf einem Ball zusammenbricht und stirbt, quält Sisi die Frage, ob ihre bösen Gedanken daran schuld sein könnten.

Einige Tage später entdeckt Sisis Hofdame Ida eine Karte, die ihr bereits vor dem Ball heimlich zugesteckt wurde. Auf ihr wird der Tod der Fürstin angekündigt. Und sie soll nicht das einzige Opfer bleiben ...
SpracheDeutsch
Herausgeberedition a
Erscheinungsdatum15. Okt. 2022
ISBN9783990016084
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    Buchvorschau

    Sisis Ball der Mörder - Thomas Brezina

    Sonntag,

    09.

    September

    1866

    01

    »Ich möchte sie am liebsten ermorden!« Elisabeth, Kaiserin von Österreich, sprach den Gedanken gerade laut genug aus, dass ihr Tischnachbar ihn hören konnte.

    »Solche Worte aus deinem Mund, verehrte Schwägerin?« Ludwig Viktor, der jüngste Bruder von Kaiser Franz Josef, schüttelte tadelnd den Kopf und widmete sich dann wieder seiner Grießnockerlsuppe.

    Elisabeth hatte Mühe, ihren Zorn zu beherrschen. Sie war nicht nur wütend auf Fürstin von Mayenberg, sondern genauso auf ihren Schwager. Sie wusste mittlerweile, dass er beim sonntäglichen Diner der Familie nicht zufällig neben ihr an der Tafel saß. Er hatte diesen Platz gewählt, weil er seine Neuigkeiten unbedingt loswerden wollte. Und Sisi sollte keines seiner Worte entgehen.

    Franz Josef war mit der Suppe fertig und legte den Löffel geräuschvoll ab. Augenblicklich begannen die Lakaien, die Suppentassen abzuräumen.

    Während der Rest der kaiserlichen Familie sofort nach Franz Josef zu essen aufgehört hatte, löffelte Ludwig Viktor weiter. Ein junger Lakai, dem der Schweiß auf Stirn und Oberlippe stand, versuchte, nach Ludwig Viktors Tasse zu greifen, und bekam dafür einen Schlag mit dem Löffel auf die Hand. Erschrocken zog er sie zurück, ratlos, was er nun tun sollte. Die anderen Lakaien verschwanden mit dem Geschirr bereits durch die Tapetentür.

    Es entging Elisabeth nicht, wie ihr Schwager sich an der Unsicherheit des Dieners weidete, seelenruhig noch einen letzten Löffel von der Suppe nahm und erst dann bereit war, sie abservieren zu lassen.

    Was für ein Scheusal er doch war, dachte Elisabeth. Sein Spitzname »Luziwuzi« hatte sie immer schon an Luzifer, den Höllenfürsten, erinnert. In einem ihrer Gedichte über die kaiserliche Familie war ihr als bester Reim auf »Ludwig Viktor, des Kaisers Bruder« das Wort »Luder« erschienen.

    Sisi verachtete alles an ihm: sein äffisches Grinsen, seine fahle Haut und den schlaffen Körper. Ganz besonders aber verabscheute sie seine Arroganz, die sich jedem Winkel seines Gesichts eingeschrieben hatte.

    Als am anderen Ende des Tisches mit dem Auftragen des nächsten Ganges begonnen wurde, wandte er sich ihr wieder zu.

    »Gräfin Petrovitz hat dich verteidigt und gesagt, es wäre doch keine Schande, Kleider zu tragen, die in der vorvorigen Saison in Paris schon aus der Mode waren.« Ludwig Viktor lächelte herablassend. »Es zeugte nur von deiner Bescheidenheit, nicht jede Modetorheit mitzumachen und auch ältere Stücke deiner Garderobe zu zeigen.«

    Elisabeth umklammerte mit der Hand den Griff des Fleischmessers, das in der Reihenfolge des Bestecks als Nächstes dran war. Ihre Finger schmerzten, so fest drückte sie zu. Sisi konnte die Venen unter ihrer zarten Haut erkennen, die über ihren Knöcheln zu zerreißen drohte.

    Ihr Schwager redete munter weiter, als befänden sie sich in einer vergnüglichen Konversation: »Die Mayenberg meinte, du hättest eben stärkere Verbindungen in deine Heimat Bayern oder zu deinen Schwestern nach Italien als nach Paris. Womit sie nicht ganz unrecht hat.«

    Sisi hatte gute Lust, aufzustehen und das Diner zu verlassen. Weil ihr Schwager das aber womöglich als Sieg empfunden hätte, blieb sie sitzen und begann, mit dem Messergriff auf die Tischplatte zu trommeln.

    »Paula von Mayenberg kennt natürlich auch nach ihrer Rückkehr nach Wien noch immer die besten Adressen in Paris, nicht nur, was Mode betrifft«, plapperte Ludwig Viktor. »In den Jahren, die ihr Gatte dort Militärattaché war, wurden ihre Bälle und Wohltätigkeitsveranstaltungen von Napoleon und Eugénie sehr geschätzt. Richard Wagner hat bei einem solchen Anlass die Ouvertüre seiner neuen Oper vorgespielt. Du magst doch Wagner, nicht wahr?«

    Alles, was er sagte, war Elisabeth gut bekannt. Fürstin von Mayenberg ließ keine Gelegenheit aus, damit zu prahlen.

    Ein junger Lakai servierte ihr einen Teller, auf dem drei kleine Brotscheiben lagen. Sie waren mit einer gelblichen Parmesancreme bestrichen. Der Geruch verursachte Sisi Übelkeit. Sie lehnte Parmesan grundsätzlich ab, da er ihr wie ein Stein im Magen lag und sich außerdem schlecht auf ihr Gewicht auswirkte, über das sie streng wachte. Sisi hatte mit Sorge beim morgendlichen Wiegen verfolgt, wie sie in der letzten Woche fast ein Kilogramm zugenommen hatte.

    »Tut die Teufel, was sie will?«, sagte Sisi halblaut. Sie hatte Theresia Teufel, der Hofköchin, ausdrücklich aufgetragen, die Parmesancreme auf Toast vom sonntäglichen Menu zu streichen. Stattdessen hätte es Austern geben sollen, beträufelt mit etwas Zitronensaft.

    »Hast du vorhin tatsächlich von Mord an der Mayenberg gesprochen?«, fragte Ludwig Viktor in einem Ton, den Sisi kannte. Mit dieser hinterhältigen Frage wollte er sie in eine Falle locken.

    Ich hätte nichts dagegen, wenn sie tot umfiele, dachte Sisi, war aber diesmal beherrscht genug, diesen Wunsch nicht laut auszusprechen.

    »Würdest du sie vergiften wollen? Oder denkst du an einen Messerstich?«, bohrte Luziwuzi weiter.

    »Ach ja, Maula von Payenberg«, sagte Elisabeth bloß. Ihr Blick ruhte auf dem goldenen Tischaufsatz in der Mitte, in dem Früchte kunstvoll arrangiert worden waren.

    Ludwig Viktor vergaß, zu schlucken, öffnete den Mund und ließ beim Ausatmen seinen Parmesanatem in Sisis Richtung wehen.

    »Wie hast du sie genannt?«

    »In ihrem erlesenen Kreis an Künstlern muss es welche geben, die ihr die Farben borgen, mit denen sie ihr Gesicht bemalt«, sagte Sisi, ohne auf die Frage ihres Schwagers einzugehen.

    »Hast du sie Maula genannt?« Ludwig Viktor hatte den halb zerkauten Toast noch immer nicht geschluckt und spuckte ein wenig davon auf das steife, weiße Tischtuch.

    Sisi starrte voll Abscheu auf den Fleck und lenkte den Blick dann vorwurfsvoll zu ihrem Schwager. Er machte einen verlegenen Eindruck, was sehr selten vorkam. Hastig schloss er den Mund und putzte mit der Serviette das gelbe Häufchen weg.

    Vom Tischende hörte Sisi bereits wieder das Klappern von Besteck und Geschirr, das eingesammelt wurde.

    Ludwig Viktor leistete diesmal keinen Widerstand, als der junge Lakai nach seinem Teller griff.

    Elisabeth beschloss, ihn für den Rest des Diners zu ignorieren. Sie nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie Ludwig Viktor mehrmals ansetzte, um das Gespräch fortzusetzen, aber sie widmete sich nur noch ihrem Tischherrn auf der anderen Seite.

    Er war ein Cousin zweiten Grades des Kaisers, der mit seiner Familie in Wien weilte und dessen Schwärmereien über die musikalische Begabung seiner beiden fettleibigen Töchter Sisi entsetzlich langweilten. Sie verstand nicht, wie es Eltern zulassen konnten, dass ihre Töchter dermaßen dick wurden.

    Während Elisabeth von Zeit zu Zeit höflich nickte, um den Eindruck zu erwecken, sie würde zuhören, wanderten ihre Gedanken zu ihrer Erzfeindin, die man angeblich sogar als ihre »Rivalin« bezeichnete. Doch das traf in keinem Fall zu. Eine Fürstin würde sich niemals mit einer Kaiserin messen können.

    Was aber zutraf, war die Tatsache, dass Paula von Mayenberg alles tat, um in Wien zu zeigen, dass Elisabeth ihren Verpflichtungen als Kaiserin mehr schlecht als recht nachkam. Die Fürstin sprang in ihrer großzügigen Art überall dort ein, wo Elisabeth Lücken ließ. Ihr spielte in die Hände, dass Sisi vom steifen Hofzeremoniell wenig hielt und nur ungern auf großen Festen mit wichtigen Persönlichkeiten verkehrte.

    Nein, umbringen wollte Sisi sie nicht. Sie war weder Lady Macbeth noch Lucrezia Borgia. Insgeheim aber gestand sie sich ein, dass ihr die Vorstellung der toten Fürstin eine gewisse Genugtuung bereitete. Zu oft hatte die Maula Sisi schon auf ihre subtile Art gedemütigt.

    Das Diner endete mit einem üppigen Dessert aus dunkler Schokolade, Himbeeren und kandierten Orangen. Sisi pickte die Himbeeren mit der Gabel heraus und ließ den Rest unberührt.

    Als sich der Kaiser erhob, standen sofort alle an der Tafel auf. Einige Mitglieder der kaiserlichen Familie gingen in den angrenzenden Salon des Alexander-Appartements, um dort den Kaffee einzunehmen. Elisabeth hatte keine Lust, an ihrer Unterhaltung teilzunehmen, und wollte in ihr Turnzimmer, um dort Übungen zur körperlichen Ertüchtigung zu machen.

    Am Ausgang des Saales sah sie Franz Josef mit seinem kleinen Bruder stehen.

    »Sisi«, rief sie Franz Josef, als sie sich unauffällig an den beiden vorbeistehlen wollte.

    »Ja, bitte?«

    »Ludwig Viktor gibt nächste Woche einen Ball zum Herbstbeginn, zu dem der König von Griechenland erwartet wird. Wir werden dem Ball unsere Ehre erweisen.« Franz Josef versuchte, seine Stimme überzeugend klingen zu lassen.

    »Ach?« Mehr sagte Elisabeth dazu nicht.

    »Du magst doch Griechenland so sehr«, sagte der Kaiser, diesmal schon sanfter. Ein Versuch, ihr den öffentlichen Auftritt zu versüßen.

    »Der König ist ein dänischer Prinz, nicht wahr?«, fragte Elisabeth.

    »Prinz Wilhelm von Dänemark«, mischte sich Ludwig Viktor ein. »Gekrönt als König Georg I. von Griechenland.«

    Elisabeth wollte endlich in ihr Appartement zurück. Sie blieb dem Kaiser eine Antwort schuldig, nickte zum Gruß und ging weiter.

    »Du kannst mit uns beiden rechnen«, hörte sie Franz Josef eine Zusage machen. Als sie sich umwandte, um zu protestieren, sprach bereits ihr Schwager: »Fürstin Mayenberg hat mir vorgeschlagen, den Ball als Wohltätigkeitsveranstaltung zu betiteln. Das Geld soll der Errichtung eines neuen Waisenhauses zukommen. Ich habe zugestimmt. Es erscheint mir als guter und wichtiger Zweck.«

    Sisi wandte sich ab. Wieder einmal würde Paula von Mayenberg nicht nur alle Aufmerksamkeit bekommen, sondern auch noch für ihre Wohltaten gelobt werden, obwohl alle anderen dafür bezahlten.

    Die Wut, die in Elisabeth aufstieg, erweckte in ihr das Bedürfnis, tief durchzuatmen. Die eng geschnürte Taille ließ es nicht zu. So stürmte sie aus dem Saal, durch die Salons des Alexander-Appartements bis in ihr Toilettezimmer. Dort warf sie sich auf den Sessel vor dem Frisierspiegel.

    »Elisabeth, mein Gott, was ist mit dir?«

    Sisis Hofdame Ida trat neben die Kaiserin und blickte sie im Spiegel besorgt an.

    »Ich werde dieser entsetzlichen Person nicht mehr die Bühne überlassen. Dieser Ball wird meine Revanche werden«, kündigte die Kaiserin an. »Man möge mir ein Reisbad vorbereiten. Morgen und an allen folgenden Tagen, bis zum Ball.«

    Ida nahm die Glocke vom Tisch und schüttelte sie. Sekunden später trat eine junge Kammerdienerin ein, die Augen zu Boden gerichtet.

    »Ihre Majestät wünscht, ein Reisbad zu nehmen.«

    Die Dienerin nickte.

    »Kennen Sie die Zutaten?«, fragte Ida prüfend.

    Die schüchterne Frau murmelte vor sich hin und vermied jeden Blickkontakt mit Ida: »Man lässt Reiskörner für sechs Stunden im Wasser quellen und seiht den Reis danach ab.«

    Weil sie so langsam sprach, setzte Ida selbst ungeduldig fort: »Dazu wird eine Essenz aus Erdbeerblättern gemischt. Das Bad macht die Haut weich und strafft sie zugleich. Orangenblütenessenz darf nicht fehlen, um dem Bad die richtige Duftnote zu verleihen.«

    Die Kammerfrau zog den Kopf tief zwischen die Schultern und nickte.

    »Was stehen Sie noch herum? Machen Sie sich an die Arbeit!«, herrschte Elisabeth sie an.

    Montag,

    10.

    September

    1866

    02

    Heinrich Brettschmidt fühlte sich trotz seiner 44 Jahre wie ein Schuljunge, der im Begriff war, etwas Verbotenes zu tun. Doch der Brief ließ ihm keine andere Wahl.

    Im Schein einer Petroleumlampe nahm er, seines Zeichens Schneidermeister und Inhaber eines der feinsten und auch teuersten Modesalons in Wien, ein Schnürmieder vom Haken. Es war in hellem Bordeauxrot gehalten und hing neben einem Kleid aus Samt und Seide in dunklen Rottönen, für das es angefertigt worden war.

    Die Glocke der Michaelerkirche hatte zur Abendandacht gerufen. Brettschmidt ließ einige Minuten verstreichen, wickelte das Mieder dann in seinen Mantel und verließ die Räumlichkeiten im ersten Stock. Sein Herz hämmerte laut.

    Als er auf den Kohlmarkt trat, blickte er prüfend um sich. Der Anzünder der Gaslaternen war unterwegs, hatte aber das Ende der Straße fast erreicht. Heinrich wartete noch einen Moment im Hausbogen, bevor er losging.

    Es hatte zu nieseln begonnen. Er zog den Kopf ein und schritt, so schnell es mit seinen kurzen Beinen möglich war, Richtung Michaelerkirche. Die nächtliche Dunkelheit senkte sich über die Stadt. Auf dem kurzen Weg kamen ihm keine Leute entgegen.

    Als Heinrich das schwere Tor öffnete, mussten sich seine Augen an das Halbdunkel der Kirche gewöhnen.

    In der Luft lag der Geruch von Weihrauch. Kerzen brannten zu beiden Seiten des Altars, einige weitere in den Haltern an den Seitenwänden. Die singende Stimme des Pfarrers erfüllte das Kirchenschiff. Heinrich sah vereinzelt ein paar Leute in den Bänken sitzen.

    Der Pfarrer der Michaelerkirche war Heinrich zuwider. Er trug ständig ein gütiges Lächeln vor sich her, das Heinrich aufgesetzt und scheinheilig erschien. Der Pfarrer sprach gerne dem Wein zu, wurde erzählt. Seine Vorliebe fürs Essen bewies die Rundung, die sich unter der Soutane abzeichnete.

    Heinrich schloss das Tor, so leise er konnte, und tauchte in den Schatten des Seitenschiffes ein. Da ihn seine Mutter als Kind fast jeden Tag gezwungen hatte, mit ihr die Messe zu besuchen, verabscheute er Kirchen ebenso sehr wie Geistliche.

    Und jetzt? Im Brief war gestanden, er solle das Mieder zum Beichtstuhl der Michaelerkirche bringen. Sollte er es vor den Beichtstuhl legen? Oder in jene Kammer, in der die Gläubigen knieten, wenn sie ihr Gewissen erleichterten? Unentschlossen stand Heinrich da und wartete.

    Der Pfarrer stimmte einen Singsang an, der sich nach einem Gebet anhörte.

    Heinrich ging langsam auf den Beichtstuhl zu. Neben dem schrankartigen Gebilde aus Holz flackerte eine hohe Kerze. Ihr Schein fiel auf den Samtvorhang vor dem schmalen Raum für die Büßer. Der Vorhang war halb geöffnet. Der Beichtstuhl war leer.

    Heinrich bemerkte eine Bewegung neben sich. Jemand erhob sich von der Kniebank vor der Pieta, die in der Seitenkapelle stand. Er kannte das Innere der Michaelerkirche von den zahlreichen Messbesuchen mit seiner Mutter auswendig. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er damals begonnen, sich jedes Detail einzuprägen. Er sah die Skulptur in der Seitenkapelle vor seinem geistigen Auge: Maria, die den Leichnam Jesu auf dem Schoß hielt, umgeben von langen Strahlen aus vergoldetem Metall, das im Schein von Kerzen glänzte.

    Die Betende war eine Nonne mit Flügelhaube. Den Kopf gesenkt, die Hände in den Ärmeln der Kutte gefaltet kam sie auf ihn zu. Neben ihm blieb sie stehen. Wortlos streckte sie eine Hand aus.

    Wollte sie eine Münze?

    Als Heinrich zögerte, fasste die Nonne einen Zipfel des Mieders, der unter dem Mantel vorragte, und zog daran. Heinrich war überrascht, leistete aber keinen Widerstand. Er ließ zu, dass sie das Mieder an sich zog und in den weiten Ärmeln der Kutte verschwinden ließ. Die Nonne deutete ihm, zu warten, und ging mit ruhigen Schritten zum Ausgang der Kirche.

    Heinrich konnte nicht glauben, dass ihm eine Nonne den Brief geschickt hatte. Verunsichert blickte er ihr nach. Wie lange sollte er noch hier stehen? Er zählte bis zehn, dann lief er zum Tor und trat auf den Michaelerplatz hinaus.

    Die hohen Gaslaternen spendeten einen gelblichen Lichtschein. Zu seiner Linken erhob sich die grüne Kuppel des Michaelertors der Hofburg, zu seiner Rechten schritt ein Herr mit Zylinderhut eilig den Kohlmarkt hinunter. Die Nonne aber war nicht mehr zu sehen.

    Als Heinrich in seinen Modesalon zurückkehrte, fühlte er sich erschöpft. Sein Anzug war durchnässt und er fror, obwohl es gar nicht so kalt war.

    Was sollte er tun? Er konnte niemandem berichten, was er gerade getan hatte. Vor allem war es nicht möglich, bis morgen ein neues Mieder anzufertigen, wenn er das Kleid der Fürstin zur Anprobe bringen sollte.

    Vielleicht schaffte er es, sie mit einem Gespräch über die kommende Mode abzulenken, damit sie die Anprobe vergaß oder deren Verschiebung gelassen hinnahm. Doch Heinrich hatte wenig Hoffnung. Er wusste, wie wichtig der Fürstin ihre Garderobe war. Immerhin wollte sie sich mit der schönsten Frau Wiens messen.

    Dienstag,

    11.

    September

    1866

    03

    »Erdtöne. Ich will veredelte Erdtöne sehen. Ein Orange wie frisch gebrannter Lehm. Oder Terracotta wie die Fliesen in einem italienischen Palazzo. Dazu ein tiefes Grün wie das Grün der Blätter nach einem Sommerregen.«

    Während sie ihren kleinen Farbvortrag hielt, schritt Paula in ihrem Boudoir auf und ab. Der Raum konnte mit den kleineren Salons des Palais mithalten.

    Auf der Kante der Récamiere mit ihren geschnitzten, vergoldeten Füßen und dem taubenblauen Überzug saß Heinrich Brettschmidt mit einem in Leder gebundenen Notizbuch auf den Knien, in dem er eifrig notierte, was seine beste Kundin vortrug.

    Brettschmidt wusste, dass Paula von Mayenberg für ihn und seinen Salon das beste Aushängeschild war. Was sie zu öffentlichen Anlässen trug, wollten andere Damen danach auch haben. Auf diese Weise war der Salon immer mehr gewachsen und beschäftigte mittlerweile fast vierzig Näherinnen.

    Die Fürstin holte einige Fotos von ihrem kleinen Damenschreibtisch und zeigte sie ihm. »Solche Kleider werden diesen Herbst in Paris getragen. Meine teure Freundin Charlotte hat mir die Bilder geschickt. Sie können sie als Vorbild verwenden. Außer mir weiß niemand, dass die Ideen zu den Kleidern aus Paris stammen.«

    Brettschmidt drückte sich einen Zwicker auf die Nase, weil seine Sehkraft in letzter Zeit etwas nachgelassen hatte, und studierte ein Bild nach dem anderen durch die kleinen runden Gläser.

    »Die Stoffe sind vor allem schwere Seide«, erklärte Paula. »In Paris tragen Damen nicht mehr nur ein Tageskleid. In Mode sind besonders Nachmittagskleider, in denen man Besuche macht oder Besucher empfängt.«

    Brettschmidt studierte die Form der Krinolinen. Sie waren vorne eher flach, verlagerten Weite und Fülle nach hinten und boten den Schleppen auf diese Weise einen eleganten Fall.

    »Besonders bemerkenswert finde ich die Promenadenkleider.« Die Fürstin deutete auf das Foto, das er in der Hand hielt. »Keine Schleppe und ein kürzerer Rock, der sogar über dem Fuß enden darf. Perfekt für Spaziergänge oder zum Schlendern durch die Einkaufsstraßen.«

    Dem Schneidermeister stachen die breiten Goldborten und Bänder aus geklöppelter Spitze ins Auge. Sie waren in Kontrastfarben gehalten und streckten die Silhouette der Trägerin. Alles Ideen, die in der Wiener Gesellschaft Anklang finden würden.

    Jemand klopfte an die halb offene Tür. Der Fürst betrat das Boudoir, steif und aufrecht wie immer. Das hellgraue Haar war kurz geschnitten, der Scheitel wie mit dem Lineal gezogen. An Pomade hatte Ludwig von Mayenberg sichtlich nicht gespart.

    Brettschmidt verneigte sich. Sein Gruß wurde nicht erwidert.

    »Ich wollte mich verabschieden«, sagte der Fürst.

    »Viel Glück beim Würfeln«, wünschte ihm Paula.

    »Danke, Liebes.«

    »Ich muss doch nicht fürchten, dass du ein Vermögen verspielst wie der bedauernswerte Friedrich«, scherzte seine Frau.

    »Friedrich ist ein Dummkopf. Er dachte, man kann das Glück erzwingen. Er war immer schon viel zu leichtgläubig.«

    »Verstand ist ein Geschenk der Götter, das von Sterblichen nicht um viel Geld erworben werden kann«, entgegnete ihm die Fürstin.

    »So scheint es zu sein. Warte nicht auf mich. Es kann spät werden.« Die Fürstin streckte ihren rechten Arm vor, den Handrücken zu ihm geneigt. Ihr Mann trat näher, ergriff die Hand und beugte sich darüber, ohne sie mit seinen Lippen zu berühren. Nach diesem förmlichen, aber gekonnten Handkuss verließ er den Raum auf dieselbe energische Art, wie er ihn betreten hatte.

    »Frönen Sie auch der Spielleidenschaft?«, wollte Paula von ihrem Schneider wissen.

    Heinrich lächelte bescheiden. »Manchmal dem Würfelspiel. Mit sehr kleinem Einsatz allerdings.«

    »Der wöchentliche Würfelabend ist die Verbindung zu seinen alten Offizierskameraden«, erklärte Paula.

    Der Schneider nickte, als wäre ihm ein solches Verhalten vertraut. Er hatte in Wirklichkeit aber keinerlei Beziehungen zur Welt der kaiserlichen Armee.

    Paula von Mayenberg sah sich suchend um. »Wo ist eigentlich das Kleid für den Ball beim Erzherzog? Ich dachte, Sie bringen es heute zur Anprobe mit.«

    Die Fürstin erschien Heinrich, dessen Beine aufgrund einer Wachstumsstörung zu kurz geblieben waren, noch größer als sonst.

    »Durchlaucht«, begann Heinrich zaghaft, »ich muss mit großem Bedauern mitteilen, dass wir die Raffinessen des Entwurfs noch nicht fertig haben. Es wäre von großer Wichtigkeit, dass die Schneiderinnen, die daran arbeiten, die Anprobe leiten und allfällige Änderungen auf der Stelle vornehmen könnten. Darf ich Sie bitten, dazu in meinen Salon zu kommen?«

    Die Fürstin seufzte, als wäre diese Mitteilung ein schwerer Schicksalsschlag. »Ich würde eine Anprobe hier bevorzugen. Aber Sie lassen mir wohl keine andere Wahl.«

    »Ich bedanke mich und bitte um Verständnis, dass es vor allem im Sinne der Passform des Kleides ist.«

    Wieder wurde geklopft. Diesmal war es Leopold, ein Diener, der Heinrich so alt erschien, dass er Fürst von Mayenbergs Vater hätte sein können. Angeblich hatte er schon für dessen Eltern gedient, die beide bereits lange tot waren.

    »Durchlaucht, Contessa Elisa ist eingetroffen.«

    »Ist es schon fünf Uhr?«

    »Schlag fünf Uhr, Durchlaucht.«

    »Ich habe die Zeit übersehen. Bringen Sie die Contessa in den kleinen Salon. Servieren Sie Tee und den Zwetschenkuchen, den die Köchin gebacken hat.«

    »Sehr wohl.« Mit einer Verbeugung verschwand Leopold und schloss die Tür hinter sich.

    04

    Die Verabschiedung der Fürstin war eilig ausgefallen. Als Termin für die Anprobe hatte sie Freitagnachmittag genannt, ohne sich auf eine bestimmte Zeit festzulegen. Wenn Paula von Mayenberg kam, musste Heinrich zur Verfügung stehen, egal welche Kundinnen sonst warteten.

    Brettschmidt verließ das Palais, das als eine der ersten Adressen der Wiener Gesellschaft galt. Einladungen zu den Cercles und Festen der Fürstin waren begehrt, die Themen ihrer Bälle wurden stets heftig diskutiert.

    »Alles in Weiß« war das Motto im vergangenen Sommer gewesen. Angeblich, so hatte Brettschmidt von Leopold erfahren, plante sie bereits das nächste Fest unter dem Titel »Reise zum Mars«. Inspiriert hatte sie der eben erschienene Roman des französischen Schriftstellers Jules Verne, der eine Reise zum Mond beschrieb.

    Für Brettschmidt waren solche Informationen wichtig, da er sich rechtzeitig Stoffe, Accessoires und Entwürfe für Abendroben überlegen konnte, die jenen Damen gefallen würden, die zu einem dieser Feste geladen waren. Leopold bekam deshalb regelmäßig Trinkgeld von Heinrich, das er mit seinen knochigen Fingern schnell in der Hosentasche verschwinden ließ.

    Ein Fiaker brachte Brettschmidt zurück in die Wiener Innenstadt. Der Bau der Ringstraße schien kein Ende zu nehmen, von der zukünftigen Pracht war außer Dreck und Staub noch nichts zu sehen. Der Kutscher musste aufgrund neuer Absperrungen einen Umweg fahren.

    Der Salon der Schneiderei Brettschmidt nahm den gesamten ersten Stock eines Hauses neben der k.k. Hofzuckerbäckerei Demel ein und war über ein elegantes Treppenhaus mit Marmorwänden und kunstvoll geschmiedeten Geländern zu erreichen.

    Die Räume zum Kohlmarkt hin besaßen hohe Fenster, die selbst im Winter viel Licht hereinließen. Die Salons waren durch Doppelflügeltüren verbunden, mit Stuckdecken und weißgoldenen Wandverzierungen ausgestattet. Für das Umkleiden konnten sich die Damen hinter Paravents zurückziehen, wo ihnen Mädchen der Schneiderei beim Ablegen und Anlegen der Kleidungsstücke behilflich waren.

    Zwischen den Fenstern waren Spiegel bis zur Decke angebracht, damit die Damen im einfallenden Tageslicht ihre neuen Roben betrachten konnten. Brettschmidt hatte die Spiegel mit einer merkbaren Wölbung nach innen versehen lassen, gerade so viel, wie das Glas zuließ. Auf diese Weise wurde das Spiegelbild der Betrachterinnen leicht in die Länge verzerrt, was Damen mit üppigerem Leibesumfang schlanker erscheinen ließ.

    Als Heinrich die Eingangstür des Salons öffnete, eilte ihm seine erste Schneiderin, Nora Schmorr, entgegen.

    »Ihre Frau Mutter möchte Sie sofort sprechen! Sie hat schon viele Male nach Ihnen gefragt.«

    Am leidenden Gesichtsausdruck von Nora konnte Heinrich Brettschmidt erkennen, wie

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