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Lesen um zu leben: Aufsätze zur Literatur
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eBook303 Seiten3 Stunden

Lesen um zu leben: Aufsätze zur Literatur

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Über dieses E-Book

Hauptthema der Aufsätze ist die Geschichtserfahrung im 19. und 20. Jahrhundert, wie sie von einigen Romanciers gestaltet wurde. Besprochen werden Joseph Roths "Hiob", die Tagebücher und "Doktor Faustus" von Thomas Mann, ein Roman von Erwin Wickert über den Taiping-Aufstand in China, die "Deutschstunde" von Siegfried Lenz, "Ein weites Feld" von Günter Grass", "Der Turm" von Uwe Tellkamp und zwei amerikanische Romane von Don DeLillo. Schließlich beschreibt eine kritische Studie männliche und weibliche Sprachformen im Deutschen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum25. Jan. 2021
ISBN9783347242197
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    Buchvorschau

    Lesen um zu leben - Josef Quack

    Vorbemerkung

    Geschichtserfahrung im 19. und 20. Jahrhundert, wie sie von einigen Romanciers beschrieben und gestaltet wurde, ist das Hauptthema der Aufsätze dieses Bandes.

    Joseph Roth schildert im Hiob das Schicksal eines jüdischen Emigranten in New York zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Ich habe den Aufsatz geschrieben, weil Roth immer noch unterschätzt wird. Ich wollte nachweisen, daß Hiob ein unverächtliches Werk der Weltliteratur ist. In der Sekundärliteratur ist es Mode geworden, Roths Prosakunst zu loben und seine Denkschwäche zu tadeln – was aber ein Widerspruch ist. Denn man kann ja nicht gut eine Prosa als Kunst auszeichnen, die Denkfehler enthält. Die Fehlurteile über Roth gehen auf ein mangelndes Sprach- und Geschichtsbewußtsein zurück.

    Nebenbei wird bemerkt, daß der pseudowissenschaftliche Slogan vom Mythos Habsburg, dem angeblich die österreichische Literatur der Zwischenkriegszeit verpflichtet sein soll, nicht einmal für den Radetzkymarsch paßt, einen genuinen Roman über das alte Österreich. Der Slogan erklärt in Roths Werk nichts.

    Der Aufsatz über die Tagebücher Thomas Manns während der Jahre 1933-55 beschreibt seine politischen Erlebnisse und analysiert sein historistisches Geschichtsverständnis, in dessen Rahmen er seine Erfahrungen deutet. Der Wert der Tagebücher ist nicht literarischer, sondern dokumentarischer Art. Sie belegen Tag für Tag, wie ein Schriftsteller die Geschichte seiner Zeit erlebt. Wer diese neun Bände liest, wird, auch dank des Kommentars, mit der Zeit-, Kultur- und Literaturgeschichte jener Jahre in einem Ausmaß vertraut, das einzigartig ist.

    Die kritischen Beiträge über Manns Schrift von 1914 und den Doktor Faustus bilden ein bescheidenes Gegengewicht gegen die Masse der Lobreden, in denen sich die Sekundärliteratur über den Meister ergeht. Deshalb ist die Veröffentlichung dieser unerbittlichen Kritik auch in einer Zeit gerechtfertigt, deren Literaturproduktion fast bedeutungslos geworden ist (cf. mein Buch über Die Rückschritte der Poesie dieser Zeit).

    Bei der Wirkungsgeschichte Thomas Manns sticht ins Auge, daß er die deutsche Nachkriegsliteratur nicht nennenswert geprägt oder befruchtet hat, während die namhaften Kritiker dieser Jahre gerade in ihm ihr literarisches Ideal erblickten. Dieses Phänomen müßte man berücksichtigen, wenn man sich über die Literatur jener Jahre und ihre Tradition eine Meinung bilden möchte.

    Erwin Wickert habe ich besprochen, weil er unseren geschichtlichen Horizont durch seinen Roman über den chinesischen Taiping-Aufstand (1850-64), den blutigsten Bürgerkrieg der Weltgeschichte, sichtlich erweitert hat. Zu beklagen ist nur, daß der Roman kaum beachtet wurde und heute völlig vergessen ist – auch dies ein Symptom für den geistigen Provinzialismus unseres Kulturbetriebs.

    Siegfried Lenz hat in der Deutschstunde das Leben eines expressionistischen Malers während des Dritten Reiches dargestellt. Die Besprechung weist nach, daß die Deutschstunde kein Schlüsselroman über Emil Nolde ist.

    Uwe Tellkamps Turm schildert in einem epischen Format die problematischen Lebensverhältnisse in der untergegangenen DDR. Günter Grass hält in seinem Weiten Feld mit scharfem Blick die Turbulenzen der Wendezeit fest. Beide Romane wurden ihrem Rang gemäß gewürdigt. An das Weite Feld habe ich auch deshalb erinnert, weil es von der Kritik recht schnöde behandelt wurde.

    Kritisch besprochen werden dagegen zwei Romane von Don DeLillo, die ein Kaleidoskop der Nachkriegszeit in den USA wiedergeben. Sie wurden bei uns über die Maßen gelobt. Demgegenüber weise ich auf die offensichtlichen erzählerischen und thematischen Schwächen der Texte hin. Die Rezeption dieser Romane zeigt wieder einmal, daß die amerikanische Literaturproduktion bei uns notorisch überschätzt wird, ein Zeugnis der kulturellen Servilität der Deutschen gegenüber Amerika.

    Den Abschluß des Bandes bildet eine sprachkritische Studie über männliche und weibliche Sprachformen des Deutschen, über die spezifische Differenz zwischen dem grammatischen und dem natürlichen Geschlecht in Sprache und Rede. Schließlich wird der typisch akademische Irrtum widerlegt, daß man mit Sprachregelungen soziale Probleme lösen oder beseitigen könne.

    Was sonst noch zu sagen war, steht in den Bemerkungen.

    Über Joseph Roths Hiob

    Es gibt einige gezählte Meisterwerke der Weltliteratur, die sich dadurch auszeichnen, daß sie die wesentlichsten Fragen des menschlichen Daseins aufwerfen und ihre Aspekte gründlich beleuchten. Es ist ihnen gelungen, typische Gestalten und Ausprägungen des Homo sapiens mustergültig darzustellen, so daß sie zu gerne nachgeahmten Vorbildern für spätere Dichtungen bis in unsere Zeit wurden. Um nur die bekanntesten Menschheitsgestalten zu nennen: Odysseus, Antigone, Hiob, Faust, Don Quijote, Hamlet, Don Juan, Romeo und Julia, Robinson, Lederstrumpf. Bemerkenswert ist nun, daß gerade die exemplarischen Gestalten des Menschseins in der Literatur der Moderne aufgegriffen werden, um in exzellenten Dichtungen eine neue, zeitgemäße Form zu finden. Man braucht nur an Ulysses von James Joyce zu denken, an Antigone von Jean Annouilh, Doktor Faustus von Thomas Mann, Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende von Alfred Döblin, Schwarze Spiegel von Arno Schmidt, eine endzeitliche Robinsonade, und eben Hiob von Joseph Roth.

    Zu den klassischen Menschenbildern sei hier noch angemerkt, daß zwischen dem Buch Hiob und der Antigone des Sophokles ein signifikanter Gegensatz besteht. Die griechische Tragödie handelt nicht nur von dem tödlichen Konflikt zwischen Staatsmacht und Menschlichkeit, sondern in einem berühmten Chorlied auch von der furchtbaren Macht des Menschen: „Vieles Gewaltge lebt, und doch / Nichts gewaltiger denn der Mensch. Das antike Chorlied ist ein hymnisches Lob des Menschen, die biblische Schrift handelt dagegen von dem Elend und der Vergänglichkeit des Menschen: „Der Erdenmensch, vom Weibe geboren, an Tagen arm und unruhvoll, geht gleich einer Blume auf und welkt, flieht wie ein Schatten und besteht nicht lang.

    Bevor ich jedoch die Beziehung zwischen kanonischem Vorbild und moderner Gestalt genauer untersuche, möchte ich Roths Roman allein für sich besprechen, getreu der Empfehlung, die Lessing in den Briefen, die neueste Literatur betreffend (Nr. 105) den Interpreten und Rezensenten gegeben hat: „Ich habe immer geglaubt, es sei die Pflicht des Kriticus, sooft er ein Werk zu beurteilen vornimmt, sich nur auf dieses Werk allein einzuschränken; an keinen Verfasser dabei zu denken; sich unbekümmert zu lassen, ob der Verfasser noch andere Bücher, ob er noch schlechtere oder noch bessere geschrieben habe; uns nur aufrichtig zu sagen, was für einen Begriff man sich aus diesem gegenwärtigen allein mit Grund von ihm machen könne."

    1. Die Geschichte

    Der Roman erzählt die Geschichte Mendel Singers, die Unglücksserie, die ihn trifft, seine Anklage gegen Gott, seine Verzweiflung an Gott und das unerwartete Glück, das er am Ende erfährt und ihm wie ein Wunder erscheint.

    Mendel Singer ist Lehrer, der bei sich zuhause zwölf Knaben die Bibel lesen lehrt. Er lebt in Zuchnow, einem russischen Dorf, das nach dem Ersten Weltkrieg polnisch wird. Er ist mit Deborah verheiratet und hat drei Söhne und eine Tochter: Jonas, Schemarjah und Mirjam. Sein viertes Kind ist Menuchim, ein körperlich und geistig schwer behinderter Junge, epileptisch veranlagt und sprachlich zurückgeblieben, so daß er jahrelang nur „Mama" sagen kann. Als die ältesten Söhne ins wehrpflichtige Alter kommen, entscheidet sich Jonas freiwillig für den Militärdienst, während Schemarjah heimlich nach Amerika auswandert. Mendel entdeckt zufällig, daß Mirjam sich mit einem Kosaken abgibt, deshalb beschließt er, nach Amerika zu gehen und Menuchim bei einem befreundeten jungen Paar zurückzulassen. Schemarjah, der sich nun Sam nennt, schickt ihnen die Schiffskarten und sorgt in New York für die Familie. Im ersten Weltkrieg fällt er als amerikanischer Soldat. Als Deborah die Nachricht von seinem Tod erfährt, erleidet sie einen Tobsuchtsanfall und stirbt. Wenig später erkrankt Mirjam psychisch und wird als unheilbar in eine Anstalt gebracht. Angesichts dieser Unglücksfälle will Mendel seinen religiösen Glauben verzweifelt aufgeben. Während der Familienfeier am Osterabend kommt ein berühmter junger Dirigent zu ihnen und gibt sich als Menuchim zu erkennen. Er war in Petersburg geheilt worden und hat den Krieg als Dirigent überstanden.

    Was die Zeit des Romans angeht, so finden sich nur wenige historische Daten. Einmal heißt es, daß der Krieg gegen Japan (1905) beendet war (S.28). Kurz vorher liest man, daß Menuchim vor zehn Jahren sein erstes und einziges Wort ausgesprochen habe (S.25). Der Beginn des Krieges und sein Ende werden vermerkt (S.124 u. 155) und danach der April, womit wohl das Jahr 1919 gemeint ist (S.157, das Osterfest, an dem Menuchim seinen Vater wiederfindet. Nach diesen Angaben und gewissen Andeutungen kann man annehmen, daß Menuchim 1895 geboren wurde, vor dem Krieg nach Petersburg kam und jetzt 24 Jahre alt ist. Die Familie ist wenige Jahre vor dem Krieg ausgewandert, Mendel war damals mindestens 59 Jahre alt (S. 119).

    Daß der Text so wenige geschichtliche Daten enthält, die gerade für eine grobe Datierung ausreichen, bedeutet offensichtlich, daß die historische Zeit für den Sinn des Romans von untergeordneter Bedeutung ist. Signifikanter ist die Zeit der religiösen Festtage. Ohne Kommentar, als verstehe es sich von selbst, werden zweimal jüdische, alttestamentliche Monatsnamen verwendet. Es ist von der „ersten Woche im Monat Ab", als die Juden den Neumond begrüßen, die Rede (S.61); d.h. es wird, Mitte Juni, der Beginn des Monats kultisch festgestellt. Dann liest man von dem Monat Ellul und den hohen Feiertagen (S.151), womit wohl Anfang oder Mitte September gemeint ist. Auch werden der Sabbat und die Vorbereitungen für diesen Tag häufig erwähnt und ausführlich beschrieben.

    2. Form des Romans

    Roths Hiob ist ein Episodenroman. Er enthält sechzehn Kapitel, die jeweils die bedeutsamen Ereignisse der Familie schildern; gelegentlich wird auch die ereignislose Zeit erwähnt, um die Lücke des Zeitverlaufs zu markieren. Der erste Teil des Romans beschreibt das Leben der Protagonisten in Zuchnow und die Fahrt nach Amerika, der zweite Teil handelt von dem Aufenthalt in New York.

    Was die Folge der Kapitel angeht, so fällt auf, daß Roth nicht nur einfach einen Orts-, Personen- oder Szenenwechsel beschreibt, sondern die Erzählsequenzen oft sprachlich-diskursiv in Form einer filmischen Montage verbindet. Er verwendet etwa eine klanglich-semantische Analogie-Montage, was im Film einer Überblendung entspricht. So endet das erste Kapitel mit den Worten: „…kehrte sie heim, und das nächste Kapitel beginnt: „Als Deborah heimkehrte (S. 18). Das fünfte Kapitel endet: „Also verrannen die Jahre, das sechste Kapitel beginnt: „An einem Nachmittag im Spätsommer … (S.52) – ein Beispiel für eine semantische Kontrast-Montage. Noch radikaler wird der semantische Kontrast im Übergang vom zehnten zum elften Kapitel bezeichnet, wo der Jubel des Herzens und der Tanz des Körpers den Sorgen gegenübergestellt werden (S. 119). Oft aber vollzieht Roth die Verbindung zwischen den Kapiteln durch die Wiederholung des Orts- oder Personennamens. Am markantesten ist die folgende Analogiemontage im Übergang zwischen zwei Erzählsequenzen. Mendel sagt: „Kapturak? Natürlich! Er hat meinen Sohn weggeschickt! Dem folgt in einem harten Schnitt, der einen Perspektiven- und Ortswechsel anzeigt, der Satz: „‘Alte Kundschaft!‘ sagte Kapturak (S. 79).

    Roth verwendet das filmische Montageverfahren, die Methode der Überleitung von Szene zu Szene mittels phonologisch-semantischer Analogie oder des entsprechenden Kontrastes, nicht ganz so obstinat und planmäßig wie Alfred Döblin, der die filmische Montage mittels sprachlich-diskursiver Verbindung bewußt in das epische Werk eingeführt hat (Quack 2004, 22ff.). Daß Roth sie aber überhaupt in einem eher legendenhaften Roman anwendet, zeugt von einem scharfen Formbewußtsein und einer intimen Kenntnis des modernen Romans. Um aber kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, sei betont, daß nur die verbale, klanglich-semantische Überleitung der Erzählsequenzen neueren Datums ist, während die narrative Montage des Szenen- und Perspektivenwechsels zum Wesen des Erzählens an sich gehört und seit Menschengedenken praktiziert wird. So hat der Sprachtheoretiker Karl Bühler die filmischen Szenenschnitte bei Homer wunderbar beschrieben (l.c. 23). Tatsache ist aber auch, daß erst der Film die Literaturtheorie auf das Montagemoment des Erzählens recht eigentlich aufmerksam gemacht hat.

    Für die Erzählweise dieses Romans ist weiterhin bezeichnend, daß meistens die Stimme eines auktorialen Erzählers zu vernehmen ist, gelegentlich aber die personale Erzählweise an seine Stelle tritt, so daß aus der Perspektive einer Person erzählt wird und deren Gedanken in innerem Monolog oder erlebter Rede wiedergegeben werden. Einmal tritt der auktoriale Erzähler sogar als Person hervor, wenn er in der ersten Person Plural spricht: „Von Mendel Singer aber wissen wir, daß er nach einigen Monaten in New York zu Hause war (S. 107). Meist aber beschreibt er objektiv und durchaus neutral die zu schildernden Vorkommnisse. Gelegentlich spricht er auch als Kommentator, so wenn er in Form einer Sentenz vermutet: „Vielleicht brauchen Segen eine längere Zeit zu ihrer Erfüllung als Flüche (S. 25). Einzigartig aber und höchst aufschlußreich ist das folgende Urteil des Erzählers über die seelische Verfassung des sprachlosen Menuchim, ein Urteil, das die Gestalt des Kindes prägnanter und sinnfälliger vergegenwärtigt, als eine äußere Beschreibung es könnte, ein Höhepunkt der Menschenschilderung Roths: „Er war ein Idiot, dieser Menuchim! Ein Idiot! Wie leicht sagt man das! Aber wer kann sagen, was für einen Sturm von Ängsten und Sorgen die Seele Menuchims in diesen Tagen [der Abreise der Familie] auszuhalten hatte, die Seele Menuchims, die Gott verborgen hatte in dem undurchdringlichen Gewande der Blödheit! (S. 91)

    In den folgenden Beispielen wird aus der Perspektive einer Person im stummen Selbstgespräch erzählt. Von Deborah heißt es: „Sie zürnte ihrem Mann"; dann folgt ohne verbum dicendi: „Mendel Singer, was war er? Ein Lehrer, ein dummer Lehrer dummer Kinder. (S. 29) Ebenso übergangslos werden nach den Worten „sie denkt nur an Amerika in einem neuen Absatz die Gedanken Deborahs wiedergegeben: „Ein Dollar ist mehr als zwei Rubel […] (S.68). Und nach der Wendung „[…] dachte Mendel folgen Sätze, die wiedergeben, was Mendel denkt: „Hier war mein Großvater Lehrer; hier war mein Vater Lehrer, hier war ich ein Lehrer. Jetzt fahre ich nach Amerika. Meinen Sohn Jonas haben die Kosaken genommen, Mirjam wollen sie mir auch nehmen. Menuchim – was wird aus Menuchim? (S. 89)

    Zum stummen Monolog wäre zu sagen, daß Roth darin Mendel und Deborah gerne über andere Personen urteilen läßt. Außerdem hat die Form dieser Selbstgespräche nichts mit dem Bewußtseinsstrom, der ungeordneten Folge zufälliger Assoziationen zu tun, einer fragwürdigen Kategorie der Poetik. Roths stumme Monologe sind vielmehr bewußt und genau artikulierte Gedankenberichte. Was den Begriff des Bewußtseinsstromes angeht, so hat Karl Popper kritisch vermerkt, daß er auf eine wissenschaftlich längst überholte Assoziationspsychologie zurückgeht, und Vladimir Nabokov hat diese Redeform verächtlich als „typographischen Brei" bezeichnet (cf. Quack 2004, 15 u. 384). Es versteht sich fast von selbst, daß ein formbewußter Erzähler wie Roth von Natur gleichsam dagegen gefeit ist, eine wirre Wortfolge als Denken auszugeben.

    Was den sprachlichen Stil angeht, so verwendet Roth sowohl Wörter und Ausdrucksformen, die an das Bibeldeutsch erinnern, als auch Wörter und rhetorische Formen des modernen Deutsch. Von den biblischen Redeformen fällt zunächst der Parallelismus, der doppelte Ausdruck eines Gedankens, auf, wie er übrigens gerade auch für das weithin poetisch geformte Buch Hiob charakteristisch ist. Sie „glaubte, daß Gottes Licht in den Dämmernissen aufleuchtete und seine Güte das Schwarze erhelle (S.13). Gelegentlich folgt ein Parallelismus dem anderen: „Nacht war in ihrem Herzen, Kummer in jeder Freude gewesen, seit Menuchims Geburt. Alle Feste waren Qualen gewesen und alle Feiertage Trauertage. (S.83)

    Der Parallelismus ist genau genommen eine Wiederholung oder Variation eines Gedankens in anderen Worten. Daneben finden sich in dem Roman aber auch zahlreiche verbale Wiederholungen. Die rhetorische Wiederholung ist aber ebenfalls eine Redeform der Bibel, zudem eine Weise epischen Erzählens, eine Form der Mündlichkeit dieses Erzählens. Wir lesen: „Jonas, der ältere, war stark wie ein Bär, Schemarjah, der jüngere, war schlau wie ein Fuchs (S.19) und finden später die gleichen Sätze wörtlich wieder (S. 27). Mendel Singer wird mit den Worten eingeführt: „Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude (S. 7). Die wortgleiche Charakteristik findet sich zu Beginn des Amerikateils wieder (S. 119). Thematisch am wichtigsten aber ist die Wiederholung der Weissagung, die ein Rabbi über Menuchims Zukunft ausspricht (S.17f. u. 118). Ich werde darauf zurückkommen.

    In dem oben zitierten Monolog Mendels ist eine weitere rhetorische Figur enthalten, die für die biblische Diktion typisch ist: die Reihung von Ausdrücken, die Aufzählung, die gelegentlich als poetische Variation vorkommt. Sie ist in dem Roman so häufig, daß es genügt, ein einziges Beispiel anzuführen, das aber für den Sinn des Romans aufschlußreich ist, einen Satz, der sich an Menuchims erstes Wort anschließt: „Es war erhaben wie eine Offenbarung, mächtig wie ein Donner, warm wie die Liebe, gnädig wie der Himmel, weit wie die Erde, fruchtbar wie ein Acker, süß wie eine Frucht" (S.25).

    Auch die Wörter mit biblischer, alttestamentlicher Konnotation sind so signifikant und auffallend, daß ich hier bloß die „Frucht des Leibes und die „Plagen der Kinder zu erwähnen brauche. Bei den religiösen Begriffen wie Segen oder Gnade versteht sich die biblische Herkunft von selbst, zu erinnern wäre auch an die genannten Monatsnamen. Nennen will ich aber noch den „Gerechten", einen zentralen Begriff des jüdischen Glaubens, über den noch einiges zu sagen wäre.

    Was den typisch modernen Wortschatz angeht, so spricht der Erzähler wie selbstverständlich ohne jeden Vorbehalt von Symbol, Epilepsie, Honorar, Molekülen. Der Sprachgebrauch läßt keinen Zweifel daran entstehen, daß der Roman eine Geschichte aus der jüngsten Vergangenheit erzählt, eine Geschichte, die sich wenig mehr als zehn Jahre vor der Veröffentlichung des Romans (1930) ereignet hat.

    Diese kurze Beschreibung des Stils wäre aber unvollständig, wenn ich nicht auf eine dramatische Szene von exzessiver Leidenschaft hinweisen würde, wo der Schrecken in einem Schweigen und in einem Schrei gleichsam körperliche Gestalt annimmt. Als Jonas berichtet, daß er und sein Bruder zum Militär müssen, heißt es: „Auf einmal stürzte ein furchtbares Schweigen über die Stube, dann werden die stummen Ereignisse während dieses Augenblicks der kollektiven geistigen Lähmung beschrieben. Dem folgt ein Schrei Deborahs, die sich rasend gegen Mendel wendet und zum Friedhof eilt, wo sie wiederum in einen gewaltigen, weithin hörbaren Schrei ausbricht, der allmählich in ein Wimmern übergeht (S.35f.). Es liegt auf der Hand, daß diese Vergegenständlichung des Schweigens und des Schreies, ein Ausdruck tiefen Schmerzens und ungebremster Emotion, nicht mehr das Geringste mit dem Stil der mehr als fraglichen Neuen Sachlichkeit zu tun hat, der man Roth in seiner Frühzeit zurechnet. Ähnlich hochdramatisch und überschwenglich wird die Ankunft Deborahs beim Rabbi geschildert: „Mit einem einzigen grellen Schrei, hinter dem die grauenhafte Stille einer ganzen gestorbenen Welt einstürzte, fiel Deborah vor der endlich erreichten Tür des Rabbi nieder (S.17).

    Die Szenen erinnern durchaus an Redeformen des Expressionismus. D.h. Roth kümmert sich nicht um literarische Moden, sondern wählt die Ausdrucksform, die dem jeweiligen Phänomen adäquat ist. Diese Passagen hat F. Hackert übersehen, wenn er in der Schilderung des Alltagslebens ein Programmpunkt der Neuen Sachlichkeit verwirklicht sieht; außerdem erinnert der Roman natürlich nicht an den Roman Kipps. The Story of a Simple Soul von H.G.Wells, wie Hackert meint (Roth 1990, Bd. 5,890f.), sondern an Le cœur simple von Gustave Flaubert.

    Alle genannten Erzählformen und rhetorischen Figuren, zu denen noch die übersichtliche, natürlich erscheinende einfache Satzform und die parataktische Ordnung der Sätze zu zählen wären, haben eine sinnliche Vergegenwärtigung und Anschaulichkeit der Ereignisse zur Folge, die man nur bewundern kann. Sie ist das Gütezeichen von Roths Prosakunst. Man hat öfter

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